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Full text of "Zeitschrift Für Psychotherapie Und Medizinische Psychologie 4.1912"

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UNIVERSUM OF MICHIGAN 





























































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UNIVERSITY OF MICHIGAN 






ZEITSCHRIFT 


FÜR 


UND MEDIZINISCHE 


MIT EINSCHLUSS 

DES HYPNOTISMUS, DER SUGGESTION 
UND DER PSYCHOANALYSE 


HERAUSGEGEBEN 

" ' ' ' 

.VON • v - ; 

Dr. ALBERT MOLL 

BERLIN 


IV. BAND 


MIT 19 TEXTABBILDUNGEN 

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STUTTGART 

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VERLAG VON FERDINAND ENKE 


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Hoffmannsche Buchdruckerei Felix Krais, Stuttgart 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Inhalt. 


Original-Abhandlungen. 

Seite 

Chijs, A. van der: Ueber die Heilung der Zwangsvorstellungen 


(Phobien, Obsessionen), insbesondere über den sog. „Trac* (Furcht 

beim Auftreten) der Künstler.206 

Dubois, Paul: Die Dialektik im Dienste der Psychotherapie . . . 278 
Guttmann, L.: Experimentell-psychologische Untersuchungen über die 
Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit bei Manisch-Depres¬ 
siven. Mit 15 Abbildungen. 1 

Hennig, R.: Ueber visuelle Musikempfindung.22 

Levy-Suhl, Max: Die Prüfung der sittlichen Reife jugendlicher An¬ 
geklagter und die Reformvorschläge zum § 56 des deutschen Straf- 


Lotz, Kati: Suggestion als Ueberzeugungsübertragung und ihre An¬ 
wendung in der Erziehung.160 

Marx, Hugo: Ueber den Strafvollzug in den Vereinigten Staaten von 

Amerika.356 

Moll, Albert: Physiologisches und Psychologisches über Liebe und 

Freundschaft.257 

Renterghem, A. W. van: Die Herstelluug der Autorität des Arztes 

durch eine Reform des medizinischen Unterrichts.65 

Ribbing, Seved: Der Einfluss des sexuellen Verkehrs auf die mensch¬ 
liche Psyche . ..193 

Schenk, Paul: Psychologie und Alkoholproblem.129 

Schneickert, Hans: Zur Psychologie der Erpresserbriefe. Mit 1 Ab¬ 
bildung .35 

Sm im off, Donat: Zur Frage der durch hypnotische Suggestion hervor¬ 
gerufenen vasomotorischen Störungen.171 

Soukhanoff, Serge: Ueber die Psycho-nävrose raisonnante (Logo- 

pathia) als nosologische Einheit.321 

Stekel, Wilhelm: Der Zweifel.332 

Sternberg, Wilhelm: Das Sättigungsgefühl. Mit 1 Abbildung 288. 363 

Wexberg, L. Erwin: Zwei psychoanalytische Theorien.96 


Referate. 


Diepgen: Traum und Traumdeutung.127 

Dornblüth, Otto: Die Psychoneurosen, Neurasthenie, Hysterie und 

Psychasthenie.62 

Ergebnisse der Neurologie und Psychiatrie .383 

Hoepfner, Th.: Vom gegenwärtigen Stande der Stottemforschung 55 

Kau ff mann: Die Psychologie des Verbrechens.192 

Moll, Albert: Handbuch der Sexualwissenschaften.254 

Siefert, Ernst: Psychiatrische Untersuchungen über Fürsorgezöglinge 384 
Wiest, Anna: Beschäftigungsbuch für Kranke.319 


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UNIVERSfTY OF MICHIGAN 
























Sitzungsberichte. 


Seite 


Psychologische Gesellschaft zu Berlin: Sitzungen vom 16. März, 

4. u. 18. Mai, 1., 15. u. 29. Juni, 19. Oktober, 2., 16. u. 30. Nov., 

14. Dez. 1911, 18. Jan., 1. u. 15. Febr., 7. u. 14. März 1912. — 
Ordentl. Generalversammlung. — Aronsohn: Das psychologische 
Problem im Baumeister Solness. — MOller-Freienfels: Die psycho¬ 
logischen Faktoren des ästhetischen Geniessens. — Hirschlaff: 

Zur Psychologie und Hygiene des Denkens. — Gramzow: Die 
Furcht als Grundgefühl. — Schneickert: Zur Psychologie der Er¬ 
presserbriefe. — Utitz: Neue Wege der Aesthetik. — Lotz: Sug¬ 
gestion als Ueberzeugungsübertragung und ihre Anwendung in der 
Erziehung. — Hennig: Musikphantome. — Hohenemser: Komik 
und Humor in der Musik. — Löwen stein: Sittlichkeitsverbrechen 
nach geltendem und künftigem Recht. — Rückle: Psychologisches 
über die aussergewöhnlichen Leistungen der Rechenkunst. — Marx: 

Ueber den Strafvollzug in den Ver. Staaten von Amerika (mit Licht¬ 
bildern), ein Beitrag zur Psychologie des Amerikanismus. — Vier- 
kandt: Zusammenhang des Bewusstseins und seine soziologische 
Bedeutung. — Levy-Suhl: Die Prüfung der sittlichen Reife jugend¬ 
licher Angeklagter vom psychologischen und gerichtsärztlichen Stand¬ 
punkt. — Ordentl. Generalversammlung. — Dessoir: Versuche 
zur Aussagepsychologie..109 

Sitzungen vom 25. April, 9. u. 23. Mai, 6. u. 20. Juni 1912. — 
Arpad Kal los: Vorstellung eines Sängers mit besonderen Er¬ 
scheinungen einer willkürlichen Diplophonie (Doppelstimme). — 
Baerwald: Psychische Unterschiede der germanischen und roma¬ 
nischen Völker.— Adler: Zur Psychologie der mangelhaften Ge¬ 
schlechtsempfindung des Weibes (J. J. Rousseaus „Femme de glace" 

— Frau von Warens). — Moll: Zur Psychologie der Agitation. — 
Hellwig: Zur Psychologie der richterlichen Urteilsfindung. — 

A. Leppmann: Tötung auf ausdrückliches und ernstliches Verlangen 311 

Psychologische Gesellschaft zu München: Sitzungen vom 2., 

16. u. 23. Nov., 7. Dez. 1911, 11. u. 25. Jan., 1. u. 15. Febr., 

14. März, 23. Mai 1912. — Hirth: Zur Theorie der Trugwahr¬ 
nehmungen. — Klages: Zur Psychologie des Verbrechers. — 
Offner: Das Wiedererkennen. — v. Gebsattel: Zur Phänome¬ 
nologie des Geltungsstrebens. — Sc hei er: Zur Psychologie des 
Ressentiments. — Kemmerich: Zeitliches Fernsehen. — Eisler: 

Der Willen zum Schmerz. — Kafka: Ueber Tierpsychologie. — 
Geiger: Das Bewusstsein von Gefühlen. — v. Gebsattel: Der 
Einzelne und sein Zuschauer. (Zur Psychologie des Begehrens.) 176 

Verschiedenes. 

Aigner: Ein Lourdeswunder vor Gericht.64 

Vortragsplan der Psychologischen Gesellschaft zu Berlin 256 


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Experimentell-psychologische Untersuchungen über 
die Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit 
bei Manisch-Depressiven 

Von Dr. med. L. Outtmann, Saratow. 

Mit 16 Abbildungen. 

Die Umgrenzung der Krankheitsformen nach rein symptoma- 
tologischen und spekulativ-psychologischen Gesichtspunkten erwies 
sich als unhaltbar. Das Vorkommen ein und derselben Symptome 
bei verschiedenen Krankheitsformen einerseits und die Mannigfaltig¬ 
keit und Verschiedenheit der Symptome und psychopathologischen 
Zustände bei ein und derselben Krankheitsform andererseits setzten 
in bedeutendem Grade den Wert der oben genannten Gesichtspunkte 
zur Erkennung der Krankheiten herab. Am energischsten trat 
Kraepelin gegen die symptomatische Betrachtungsweise auf und 
verwarf sie schliesslich vollständig zugunsten der klinischen oder 
nosologischen Auffassung, die er vorläufig allein als massgebend für 
die Umgrenzung der Krankheitsformen betrachtet. Entstehungsart, 
Verlauf und Ausgang der Krankheit sind von Kraepelin in den 
Vordergrund gestellt worden und als die leitenden Anhaltspunkte 
zur Erkennung der Krankheiten anerkannt worden. Diese klinische 
Betrachtungsweise ermöglicht solche Zustandsbilder zu vereinigen, 
die psychopathologisch ganz verschieden, ja entgegengesetzt sind. 
So werden die Manie und Melancholie, die vom Standpunkte der 
symptomatischen Lehre als verschiedene Krankheiten betrachtet 
wurden, von den Verfechtern der modernen Richtung nur als ver¬ 
schiedene Zustandsbilder ein und derselben Krankheit aufgefasst. 
Die moderne Auffassung legt den Gedanken nahe, dass den einzelnen 
Krankheitsformen ein bestimmtes Wesen zugrunde liegen müsse. 
Und um diese Krankheitsformen auseinanderhalten zu können, sollten 
unsere Bestrebungen darauf gerichtet sein, das Wesentliche der 
Krankheit zu erforschen. Auf den anderen Gebieten der Medizin 
sind es die Aetiologie und die pathologische Anatomie, die das 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 1 


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L. Guttmann 


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Wesentliche der Krankheit ausmachen und so eine Grundlage zur 
Einteilung der Krankheiten liefern. Leider sind unsere Fortschritte 
in dieser Beziehung auf dem Gebiete der Psychiatrie noch zu gering, 
als dass wir solche Prinzipien schon jetzt zur Klassifikation der Geistes¬ 
krankheiten verwerten könnten. 

In der letzten Zeit wurde eine neue Forschungsrichtung ein¬ 
geschlagen, um dem Wesen der Geisteskrankheiten näher zu kommen. 
Die Aufmerksamkeit der Forscher richtete sich auf die psychopatho- 
logischen Krankheitsäusserungen, die feineren objektiven psycho¬ 
logischen Experimenten unterzogen wurden. Es sollte nämlich fest¬ 
gestellt werden, ob die Untersuchungsergebnisse irgendwelche ein¬ 
heitliche für jede Krankheitsform charakteristische Eigentümlich¬ 
keiten berausfinden lassen oder nicht. Namentlich verlockend für 
Experimente solcher Art ist das manisch-depressive Irresein, das aus 
zwei psychopathologisch scheinbar ganz entgegengesetzten Phasen 
besteht und doch vom modernen klinischen Standpunkte aus be¬ 
trachtet eine Einheit darstellt. Obschon mehrere experimentell-psy¬ 
chologische Arbeiten über das manisch-depressive Irresein vorliegen, 
haben sie doch noch nicht zu eindeutigen Resultaten geführt, und 
daher findet jede neue Arbeit über dieses Thema schon im voraus 
ihre Berechtigung. Hier sollen nur die Ergebnisse mitgeteilt werden, 
die bei der Untersuchung der Aufmerksamkeit und geistigen Leistungs¬ 
fähigkeit Manisch-Depressiver gewonnen worden sind. Zur Beurteilung 
der Versuchsergebnisse sollen, diejenigen Vergleichs versuche mass¬ 
gebend sein, die an normalen Personen angestellt worden sind. 

Alle Patienten bis auf einen haben schon mehrmals verschie¬ 
dene Phasen des manisch-depressiven Irreseins durchgemacht. Einige 
der Patienten haben eine akademische Bildung genossen, die übrigen 
waren von mittlerer Intelligenz. Sechs Patienten befanden sich 
während der Untersuchung in manischer Phase und sechs in depres¬ 
siver. Ein Patient wurde in beiden Phasen untersucht. 

I. Aufmerksamkeit. 

Bei der Untersuchung der Aufmerksamkeit und ihrer Besonder¬ 
heiten bediente ich mich der modifizierten Bourdonschen Kor¬ 
rekturmethode, die in folgendem bestand. Auf einem Blatt Papier 
waren 40 Reihen abgedruckt zu je 40 Buchstaben des russischen 
Alphabets in jeder Reihe. Im ganzen waren nur acht verschiedene 
Buchstaben, die der Länge und Breite nach alle gleich waren. Jeder 
Buchstabe wiederholte sich in senkrechter Richtung fünfmal, auf der 
ganzen Tabelle kam also jeder Buchstabe 200 Mal vor. Die Ver¬ 
suchsperson wurde nun aufgefordert, im Verlaufe von 10 Minuten 


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Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit bei Manisch-Depressiven. 3 


einen bestimmten Buchstaben in horizontaler Richtung durchzu¬ 
streichen. Ich sass seitwärts von der Versuchsperson, und nach Ver¬ 
lauf einer jeden Minute brachte ich auf der Tabelle ein Zeichen an, 
um die Möglichkeit zu haben, die betreffende Leistung der Versuchs¬ 
person minutenweise zu berechnen. Im ganzen arbeiteten die Pa¬ 
tienten 12 Tage, natürlich zu gleicher Tageszeit. Die letzten 10 Tage 
arbeiteten die Patienten nach Spechts Verfahren: den einen Tag 
ohne Unterbrechung, den nächsten mit Zwischenpause von 5 Minuten. 
Ausser dieser gewöhnlichen Arbeit Hess ich die Patienten im Ver¬ 
laufe der ersten und letzten zwei Tage eine kompliziertere Leistung 
verrichten, indem ich sie aufforderte, zwei verschiedene Buchstaben 
durchzustreichen. Dadurch wollte ich der Frage nähertreten, inwie¬ 
fern die Manisch-Depressiven imstande sind, ihre Aufmerksamkeit 
an eine bedeutend schwierigere Arbeit anzupassen, die eine inten¬ 
sivere Aufmerksamkeitskonzentration erfordert. 

Ich gehe nun zur Mitteilung der Versuchsergebnisse über. 

Jede Arbeit erfordert einen gewissen Grad von Aufmerksam¬ 
keitsintensität. Es ist klar, dass je grösser die Aufmerksamkeit ist, 
die wir auf die Arbeit richten, desto besser die letztere in quantita¬ 
tiver und qualitativer Beziehung ausfallen wird. Wenn unsere Auf¬ 
merksamkeit abgelenkt wird, so wird auch unsere Arbeit an Quan¬ 
tität und Qualität einbüssen. Um also ein Urteil über die Aufmerk¬ 
samkeitsintensität zu gewinnen, müssen wir die geleistete Arbeit von 
quantitativer und qualitativer Seite betrachten. Hier soll übrigens 
gleich bemerkt werden, dass die quantitative und qualitative Seite 
der Arbeit nicht immer parallel verlaufen. Es gibt Fälle, wo das 
Nachlassen der Aufmerksamkeit vorwiegend die Qualität bzw. die 
Quantität der Arbeit beeinträchtigt. 

Die quantitative Leistung wurde bestimmt durch die durch¬ 
schnittliche Gesamtzahl der täglich im Verlaufe von 10 Minuten 
durchgesehenen Buchstaben. Die Qualität der Arbeit wird ausge¬ 
drückt durch den Prozentsatz der Fehler, d. h. der ausgelassenen 
betreffenden Buchstaben oder Reihen im Verhältnis zur Gesamtzahl 
der durchgesehenen Buchstaben. Die tägliche Durchschnittszahl der 
von vier normalen Versuchspersonen durchgesehenen Buchstaben be¬ 
trifft 3276 mit l,5°/ 0 o Fehlem, d. h. auf 1000 Buchstaben kamen 
1,5 Fehler vor. Die durchschnittliche Leistung der Manischen betrifft 
2511 Buchstaben mit 10 °/ 00 Fehlern, die der Depressiven 2044 Buch¬ 
staben mit 2,l°/oo Fehlem. Die Leistung einzelner Patienten ist 
allerdings nicht gleich. Obgleich die Durchschnittsleistung der Ma¬ 
nischen niedriger als die der Normalen ausfiel, so übertraf doch ein 
Manischer alle Normalen an Quantität der Leistung, was wohl durch 


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L. Gattmann 


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dessen motorische Erregung zu erklären sein wird. Die Depressiven 
arbeiteten alle langsamer als die Normalen. Interessant ist es zu 
bemerken, dass am produktivsten ein Patient arbeitete, der sich fast 
in stuporösem Zustande befand. Er sprach spontan kein Wort, be¬ 
antwortete Fragen mit leiser, kaum vernehmbarer Stimme, bewegte 
sich nicht, war öusserst stark psychomotorisch gehemmt. In diesem 
Falle konnte nur die objektive Untersuchung feststellen, dass die 
psychische Hemmung nur eine partielle war. 

Die Durchschnittszahl der von depressiven Kranken durch¬ 
gesehenen Buchstaben bleibt nicht nur hinter derjenigen der Nor¬ 
malen, sondern auch der Manischen zurück. In qualitativer Be¬ 
ziehung arbeiteten die Depressiven besser als die Manischen, aber 
schlechter als die Normalen. 

Bei einem Patienten, der später in die manische Phase verfiel, 
hatte ich Gelegenheit, nochmals zu untersuchen, wobei es sich heraus¬ 
stellte, dass er jetzt fast doppelt so schnell arbeitete (depress. 1307, 
man. 2478), ohne jedoch die Qualität der Leistung herabzusetzen. 

Wenn wir also über die Aufmerksamkeitsintensität nach der 
Quantität und Qualität der geleisteten Arbeit urteilen wollen, so er¬ 
weist es sich, dass diese bei Manisch-Depressiven im Verhältnis zu 
Normalen herabgesetzt ist. Betrachten wir die qualitative Leistung 
allein als Gradmesser für die Aufmerksamkeitsintensität, so erscheint 
letztere bei den Depressiven höher als bei den Manischen. 

Ich gehe nun zur Frage über die Anpassungsfähigkeit der Auf¬ 
merksamkeit über. Je schwieriger irgend eine Aufgabe wird, desto 
grössere Anforderungen stellt sie an unsere psychische Energie, desto 
mehr muss unsere Aufmerksamkeit sich spannen, um die entspre¬ 
chende Arbeit befriedigend zu verrichten. Die Aufgabe wurde da¬ 
durch erschwert, dass die Patienten aufgefordert wurden, zwei ver¬ 
schiedene Buchstaben zu durchstreichen. Natürlich büsst dabei die 
Leistung nicht nur an Quantität, sondern auch an Qualität ein. Um 
den Leistungsverlust zu bestimmen, den die Erschwerung der Auf¬ 
gabe herbeiführt, stelle ich nebeneinander die quantitative und qua¬ 
litative Leistung bei Durchstreichung von 1 und 2 Buchstaben. 

Für Normale erhalten wir folgende Zahlen: 



L.G. 

BB. 

M.G. 

M.F. 

Durch¬ 

schnitt 


Durchgesehen bei 1 Buchet. 

3066 

3463 

8592 

2965 

3276 ] 

1 

i» ß ^ „ 

2113 

2121 

2396 

2086 

2166 1 

5'S 

Verlust in °/ 0 . 

31,5 

88,8 

83,3 

81,8 

33,9 J 

r* ö; 

1 r 

Fehler bei 1 Buchst. °/ 00 

0,7 

2,0 

0,9 

2,6 

1,6 ] 

Qaalit 

Leist. 

» n ^ n °/oo 

2,5 

8.5 

«,9 

6,7 

6,1 

Unterschied. 

1,8 

6,6 

6,0 

4,0 

4,6 J 


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Anfmerfeü&nvkeit mid 


Jpt&' l^ni&fesh. erhalten wir folgende eritsprechende ^dhlen 

* et. n. w. s« j, ää 

jWcbjffiii bei -1 Buchst. 4104 2632 2486 li>83 1884. 172«. 2611 j _«C 

' » 3 ' * . v '2810 (870 >118 Jfm 1227 Kwl 1064 l £§ 

VerlttsUö "/„ ... . , , ^1,5. m,$ : 41,6 10,4 34.9 . 38,6 öL\1 j ^ & 

Fehler l>«i 1 Bachst, 10.0 *> 8,3 '21,2 13,8 6,2 30,0 | Ä 


Unterschied 


* * *• ä 
£250 löfri 1483 1241 2044 
1832 1012 1028 m 1817 


Dnrchjree. bei l Buchst 


Verlust iö 7„ : - . • 
Fehler bei 1 Badast. % 


Untetecliieil 


Zur Veranschaulichung dieser Tabelle rüge ich. «wer Oiagrätn»}« 
bei. Diagramm Nr. ! stellt die. quantitative Saite der Arbeit aller 
Versuchspersonen dar. Der erste Stab bezeichnet die Zahl der durch 
gesehenen Buchstaben Jj«i Dnrehstreichung von 1 Buchstaben, der 
zweite Stab nebenan recht«. - bei Durchstreiehung von 2 Buchstaben. 
Die Ziffer unten bedeutet den quantitativen Unterschied in %. 


thagTaiiun Nr. i 


J/4KWCl. 


m W.» ÜI 31t 3fi» 33# jSi fe XiM-ty*-)i\ -SV* Jt» Ui 

- - ““ -----^ T 


jI«. 


Diagramm Nr. 2 stellt die qualitative Seite der Arbeit dar, wo¬ 
bei der erst« Stab die Fehler in # / 00 bei Durchstreiclnmg von 1 Buch- 
staben d&rstellt, der zweite Stab bei Durchstreiehung von 2 Buch¬ 
staben, Die Ziffer unten bedeutet den Unterschied di VW 


Zieftta'HK 

Jl4c.K-jitks 

l_ :< t.:; 






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L. Guttmann 


Diagramm Nr. 2. 


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JfovnaL 'iefoxsscr. 


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H 4r 4.» Vi «U U 3j fli 8| 3» is 3» Mt Ts Ti Wo 31 


J1 


1 


* 8 o 19 s 


Aus den Tabellen und Diagrammen ersehen wir, dass die Kom¬ 
plikation der Aufgabe die Leistung der Normalen quantitativ durch¬ 
schnittlich um 7« (33)9 °/o) herabsetzt, qualitativ um 4,6 °/ 00 , d. h. auf 
1000 durchgesehene Buchstaben kommen noch 4 Fehler hinzu. Was 
die Anpassungsfähigkeit der Manischen an eine schwierigere Aufgabe 
betrifft, so ist der quantitative Verlust ebenso gross wie bei Normalen, 
während in qualitativer Beziehung die Leistung durchschnittlich viel 
schlechter ist als diejenige Normaler. Dr. Iljin, der ähnliche Ver¬ 
suche an verschiedenen schwachsinnigen Geisteskranken anstellte, konnte 
feststellen, dass während bei normalen Personen die Leistungsqualität 
bei der oben beschriebenen Erschwerung der Arbeit um 4°/ 00 herab¬ 
gesetzt wird, dieselbe bei Paranoikern um9°/ 0# , bei Katatonikem um 
16 %o un d bei Altersschwachsinnigen um 29 % 0 herabgesetzt wird. 
Die Manischen übertreffen also, nach diesen Zahlen zu urteilen, nur 
die Altersschwachsinnigen an Anpassungsfähigkeit ihrer Aufmerksam¬ 
keit, während sie hinter den Paranoikern und Katatonikem Zurück¬ 
bleiben. Dieser Umstand spricht nur dafür, dass die Herabsetzung 
der Aufmerksamkeit und der Anpassungsfähigkeit derselben durchaus 
nicht massgebend ist für die Beurteilung des Intelligenzdefekts. Die 
Tabelle der Depressiven lehrt uns, dass grössere Anforderungen 
an deren Aufmerksamkeit vorwiegend die Quantität der Leistung 
und in viel geringerem Grade die Qualität herabsetzen. Depressive 
Kranke verlieren bei der Erschwerung der Arbeit an Quantität mehr 
als Gesunde und Manische, an Qualität dagegen etwas mehr als Nor¬ 
male und bedeutend weniger als Manische. Im allgemeinen 
zeigt sich die Anpassungsfähigkeit der Aufmerksam¬ 
keit bei Manisch-Depressiven niedriger als bei Nor¬ 
malen. Bei Manischen leidet vorwiegend die qualitative 
Seite der Leistung, bei Depressiven die quantitative im 
Verhältnis zu Normalen. 

Durch mehrfache Beobachtungen und Experimente wurde schon 


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Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit bei Manisch-Depressiven. 7 


längst die Erfahrung gemacht, dass die Aufmerksamkeit, sowie die 
anderen psychischen Funktionen, nicht auf einer und derselben Stufe 
erhalten bleibt, sondern mehr oder minder grösseren Schwankungen 
während ihrer Tätigkeit ausgesetzt ist. Zur Messung dieser Schwan¬ 
kungen hat sich am besten die sogenannte mittlere Variation bewährt. 
Diese kann also gewissermaßen einen Massstab für die Tenazität der 
Aufmerksamkeit abgeben. Um letztere bei Manisch-Depressiven fest¬ 
zustellen, habe ich die mittlere Variation besonders für die quanti¬ 
tative und qualitative Seite der Arbeit berechnet und erhielt dabei 
folgende Zahlen: 

Für Normale: mittlere Variation quantitativ 2,96%. qualitativ 

0 7°/ 

Für Manische: mittlere Variation quantitativ 3,67%. qualitativ 
2,4 %„. 

Für Depressive: mittlere Variation quantitativ 4,41 %» qualitativ 

11 °/ 

A , A /oo - 

Aus diesen Zahlen kann man leicht ersehen, dass die Tenazität 
der Aufmerksamkeit bei Manisch-Depressiven im Verhältnis zu Nor¬ 
malen herabgesetzt ist: bei den Manischen mehr in bezug auf die 
qualitative Seite der Leistung, bei den Depressiven auf die quan¬ 
titative. 

Bisher betrachtete ich einige Besonderheiten des Aufmerksam¬ 
keitsvorganges, die einen ziemlich deutlichen Unterschied zwischen 
Normalen einerseits lind Manisch-Depressiven andererseits erkennen 
Hessen. Die geistige Leistung, die mir zum Studium der Aufmerk¬ 
samkeitsvorgänge diente, bietet trotz der geringen Zahl der darin 
beteiligten Geistesfunktionen auch Interesse zur Erforschung der per¬ 
sönlichen „Grundeigenschaften“, die in jeder geistigen Arbeit hervor¬ 
treten und die ich später noch speziell nach der Kraepelinschen 
Methode untersuchen werde. Wie aus vielfachen Untersuchungen 
der Kraepelinschen Schule bekannt ist, sind es hauptsächlich vier 
Faktoren, die jede geistige Leistung beeinflußen und zwar Uebung, 
Anregung und Antrieb in positiver Richtung, während die Ermüdung 
die Leistung negativ beeinflusst. Der Einfluss der einzelnen Faktoren 
ist während der Arbeit grossen Schwankungen unterworfen, und die 
Wirkung derselben streng auseinander zu halten, stellt eine schwie¬ 
rige, oft eine unüberwindliche Aufgabe dar. 

Ich gehe nun zur Betrachtung der Uebungsfähigkeit über. 
Diße beruht auf der Tatsache, dasB jede Arbeit in uns eine gewiße 
Spur hinterlässt und eine bestimmte Disposition zur Verrichtung 
der Arbeit schafft. Die Uebungsfähigkeit ist individuell verschieden 
und hängt in erster Linie vom Uebungsgrade ab, mit dem die 


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8 


L. Guttm&nn 


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Versuchsperson an die Arbeit herantritt Zur Beurteilung der Uebungs- 
fähigkeit werde ich dieselben Arbeitsabschnitte an den einzelnen 
Versuchstagen vergleichen. Allerdings muss dabei berücksichtigt 
werden, dass bei diesem Verfahren ein Teil der Uebung, die über¬ 
haupt mit dem Gedächtnis eng verknüpft ist, im Verlaufe des Tages 
verloren geht. 

Hier stelle ich zuerst in Ziffern und dann in Kurven die Quan¬ 
tität und Qualität der Arbeit nach zehn einzelnen Versuchstagen dar, 
wobei die Durchschnittsleistung der Minute aus der täglichen ersten 
fünfminutenlangen Arbeit berechnet wurde. 

Für Normale erhalten wir folgende Ziffern: 

Tage I II III IV V VI VII VIII IX X 

Buchstaben 257 302 294 321 333 357 352 361 322 337 

Fehler °/ 00 1,2 1,1 0,5 0,5 0,6 1,5 2,4 2,5 2,6 1,6 

Für Manische sind die entsprechenden Ziffern folgende: 

201 237 235 253 230 271 243 263 264 269 

12,8 14,2 9,8 7,6 7,8 9,0 13,8 9,6 11,8 6,2 

Für Depressive sind die Ziffer folgende: 

183 227 229 234 251 229 235 231 261 254 

7,9 3,3 1,1 3,8 2,2 2,4 1,5 3,7 3,6 1,2 

Zur Veranschaulichung dieser Ziffern sei hier die entsprechende 
Kurve wiedergegeben. 


Diagramm Nr. 3. 



Die Kurve bedeutet die Quantität, die Stäbchen die Qualität 
der Leistung. Um die Uebungsfähigkeit in Ziffern auszudrücken, 
werde ich die Durchschnittsleistung der ersten 5 Versuchstage mit 
derjenigen der letzten 5 Versuchstage vergleichen und den Zuwachs 


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Aufmerksamkeit and geistige Leistungsfähigkeit bei Manisch-Depressiven. 9 


der letzteren im Prozentsatz zur ersteren ausdrücken. Wir erhalten 
dann für Normale einen Zuwachs von 16,3%, für Manische 13,4% 
und für Depressive 7,6%. Bei den Depressiven ist die Uebungs- 
fähigkeit gering. Wie es scheint, verschwindet bald die Erregung, 
die die vorhergehende Arbeit hinterlassen hat, oder sie wird unter¬ 
drückt durch die allgemeine psychische Hemmung. 

Früher habe ich schon erwähnt, dass die Faktoren, die die 
Produktivität der Arbeit beeinflussen, gleichzeitig wirken, und daher 
ist es unmöglich, ihre Wirkungen streng auseinanderzuhalten. Einer 
dieser Faktoren, nämlich die Ermüdbarkeit, hat schon längst die 
Aufmerksamkeit der Psychologen und Pädagogen auf sich gezogen, 
dank ihrer grossen praktischen Bedeutung. Aber trotz vielfacher 
Methoden, die zur Bestimmung der Ermüdbarkeit vorgeschlagen 
worden sind, verfehlten alle ihren Zweck hauptsächlich dadurch, dass 
sie nicht die Möglichkeit boten, von der Ermüdung die Wirkung der 
anderen Faktoren abzutrennen, die gleichzeitig mit der Ermüdung 
ein wirken und diese oft vollständig maskieren. Nur dieKraepelin- 
sehe Methode mit der Einführung von Pausen während der Arbeit 
erlaubte uns, der Lösung dieser Frage etwas näher zu treten. Die 
Einführung der Pausen ermöglicht uns, die Wirkung der Ermüdung 
zu eliminieren. Um uns ein Urteil über letztere zu bilden, ist es er¬ 
forderlich, die zweite Hälfte der Arbeit nach vorhergehender Pause 
und ohne solche zu vergleichen: der Unterschied der Leistung wird 
augenscheinlich durch die Ermüdung bedingt. Hier soll übrigens 
nicht verhehlt werden, dass diese Methode nicht ganz fehlerfrei ist, 
denn es gelingt uns nicht, durch die Pause bloss die Ermüdung zu 
beseitigen. Zu gleicher Zeit gehen mit der Ermüdung auch andere 
Faktoren verloren, wie z. B. die Uebung, Anregung. Aber doch liefert 
diese Methode interessante Ergebnisse. 

Zur Erforschung der Pausenwirkung vergleiche ich die durch¬ 
schnittliche 10 Minuten lange Leistung ohne Pause und mit Pause. 
Bei Normalen findet die pausenlose Arbeit ihren Ausdruck in folgen¬ 
den Ziffern (minutenweise): 

Buchstaben 330 302 303 305 317 310 303 302 311 311 

Fehler % 0 2,3 1,7 1,2 0,7 1,7 1,6 2,0 0,3 1,8 1,8. 

Zur Veranschaulichung dieser Ziffern sei hier die entsprechende 
Kurve beigegeben. Rechts von dieser Kurve ist eine andere bei¬ 
gefügt, die der Arbeit mit Pause entspricht. Der obere Teil der 
Kurve weist auf die Quantität der Leistung hin, der untere auf die 
Qualität. 


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10 


L. Gattmann 


Diagramm Nr. 4. 



Aus der linksseitigen Kurve ersehen wir, dass die grösste Leistung 
sich im Verlaufe der ersten Minute vollzieht, daraufhin sinkt sie be¬ 
deutend, um allmählich bis zur 5. Minute wieder anzusteigen. Nach 
der 5. Minute sinkt die Leistung allmählich mit Ausnahme der letzten 
2 Minuten. Die Kurve beweist uns, dass in der ersten Hälfte der 
Arbeit die Uebung die Oberhand nimmt, in der zweiten Hälfte die 
Ermüdung. Der Beginn und Schluss der Arbeit stehen unter dem 
Einfluss des Antriebs. 

Die Leistung der Normalen mit 5 Minuten langer Pause drückt 
sich in folgenden Ziffern aus (rechtsseitige Kurve oben): 


Buchstaben 362 328 331 336 341 
Fehler % 0 1,2 1,8 1,8 1,5 1,3 


369 336 338 353 357 
0,7 1,5 2,5 1,7 1,7. 


Die Pausenwirkung soll in doppelter Richtung untersucht werden: 
vom Gesichtspunkt der unmittelbaren und allgemeinen Wirkung. 
Zur Erforschung der unmittelbaren Pausenwirkung werde ich einen 
Vergleich anstellen zwischen der Leistung der 5. Minute (vor der 
Pause) und der 6. Minute (nach der Pause). Die allgemeine Pausen¬ 
wirkung wird bestimmt durch einen Vergleich der ganzen Leistung 
vor und nach der Pause. Der Zuwachs der Leistung nach der Pause 
wird durch die Anregung und Uebung bedingt, oder wie ich diese 
beiden Faktoren zusammen nennen werde, durch die Arbeitsbereit¬ 
schaft, d. h. die Anpassung an die Arbeit. Der Zuwachs der Leistung 
der 6. Minute, d. h. unmittelbar nach der Pause, im Vergleiche zur 
5. Minute macht 8,2 % aus. Die allgemeine Pausenwirkung ergibt 
einen Zuwachs der Leistung von 3,6%. An den Tagen ohne Pause 
bemerken wir in der zweiten Hälfte der Arbeit einen Verlust der 
Leistung von 1,3 °/c, folglich betrifft die günstige Wirkung der Pause 
im allgemeinen 3,6% + 1.3% = 4,9%. 

Ich gehe nun zum Vergleiche der Leistung Manischer an den 
Tagen mit Pause und ohne Pause über. 


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Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit bei Manisch-Depressiven. 11 


An den Tagen ohne Pause gestaltet sich die Leistung der Mani¬ 
schen folgenderma 8 sen nach einzelnen Minuten: 

Buchstaben 247 240 244 248 255 260 256 257 260 255 
Fehler % 0 8,2 11,0 13,4 11,3 10,7 10,4 12,1 9,2 12,7 8 , 1 . 
Einer besseren Uebersicht halber seien hier gleich die Kurven 
beigegeben, die die Leistung der Manischen an den pausenlosen 
Tagen (links) und an den Tagen mit Pause (rechts) veranschaulichen. 



An der pausenlosen Arbeit bemerken wir im Beginn einen 
leichten Antrieb, dann nach einer kleinen Senkung beginnt die 
Leistung allmählich zu steigen, ebenso wie bei Normalen, mit dem 
Unterschiede jedoch, dass das allmähliche Ansteigen der Leistung 
hei den Manischen bis zum Ende fortdauert. Dieser Umstand spricht 
dafür, dass die Ermüdung bei den Manischen von anderen Faktoren 
verdeckt wird, nämlich von der Anregung und Uebung. Die An¬ 
passung an die Arbeit oder die Arbeitsbereitschaft ist bei den Mani¬ 
schen zuerst gering und entwickelt sich nur allmählich. Diese Er¬ 
gebnisse stehen im Einklang mit den klinischen Beobachtungen, dass 
die Manischen im Laufe des Gesprächs oder einer Tätigkeit sich immer 
mehr erregen. Bemerkenswert ist, dass ein derartiges Anwachsen 
der Leistung auch bei Hebephrenen und Altersschwachsinnigen fest¬ 
gestellt worden ist (Wladyczko, II 3 in). Nach dem Arbeitstypus 
allein können wir folglich nicht die Krankeitsform erkennen. Die 
allmähliche Anpassung an die Arbeit, das sich „Hineinarbeiten“, 
bedeutet nur, dass der psychophysische Mechanismus dieser Kranken 
nicht sofort auf das bestimmte Niveau eingestellt werden kann, sondern 
erst manche Hindernisse überwinden muss. 

Die Arbeit an den Tagen mit Pause drückt sich in folgenden 
Ziffern aus: 

Buchstaben 277 266 270 275 266 II 276 276 273 274 280 
Fehler % 0 9,0 8,6 8,4 9,0 10,1 | 6,2 6,4 7,8 7,9 8,7. 


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12 


L. Guttmann 


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Der Zuwachs der 6. Minute im Verhältnis zur 5. Minute ist 
gleich 3,8 %• Diese Ziffer gibt uns keine klare Vorstellung von der 
Ermüdung der Manischen, denn während der Pause geht bei Manischen 
entschieden auch ein Teil der Anregung verloren. Das können wir 
daraus schliessen, dass bei manchen einzelnen Patienten die Pause 
sogar einen negativen Einfluss ausübt, indem sie die Produktivität 
herabsetzt. In qualitativer Beziehung lässt sich bei den Manischen 
eine Verbesserung der Leistung nach der Pause feststellen. 

Wenn wir jetzt die ganze erste Hälfte der Arbeit vor der Pause 
mit der zweiten Hälfte nach der Pause vergleichen, so finden wir 
einen Zuwachs nach der Pause von 1,6%. Vergleichen wir nun die 
erste Hälfte der Arbeit mit der zweiten Hälfte an den Tagen ohne 
Pause, so finden wir in der zweiten Hälfte einen Zuwachs von 4,5%. 
Dieser Zuwachs lässt sich ohne Ausnahme bei allen unseren Mani¬ 
schen feststellen, was einen schroffen Gegensatz im Verhältnis zu den 
Normalen bildet. Der Zuwachs der Leistung in der zweiten Hälfte 
der Arbeit ist bei den Manischen an den Tagen ohne Pause grösser, 
als an den Tagen mit Pause, folglich übt eine Unterbrechung 
der Arbeit bei den Manischen im Gegensatz zuNormalen 
eine ungünstige Wirkung aus. 

Die Leistung der Depressiven nach einzelnen Minuten gestaltet 
sich in folgenden Ziffern: 

Buchstaben 209 191 195 199 202 205 200 208 203 207 
Fehler % 0 2,2 2,1 2,4 3,5 1,6 1,9 3,8 2,7 2,3 2,4. 

Hierbei ist die entsprechende Kurve beigegeben, wie auch für 
die Leistung mit Pause (rechts). 



Die linksseitige Kurve ist sehr ähnlich der Kurve der Manischen. 
Auch hier steigt allmählich die Leistung bis zum Schluss der Arbeit 
an. Die Ermüdung wird auch bei den Depressiven von der An- 


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Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit bei Manisch-Depressiven. 13 


passung an die Arbeit (Anregung und Uebung) überstiegen. Folglich 
entwickelt der psycho-physische Mechanismus der Depressiven seine 
Tätigkeit erst allmählich, wie auch bei den Manischen. Die Hinder¬ 
nisse, die die neuro-psychische Energie der Depressiven zu über¬ 
wältigen hat, werden wohl in der allgemeinen Hemmung der De¬ 
pressiven liegen. 

Die Leistung der Depressiven an den Tagen mit Pause drückt 
sich in folgenden Ziffern aus (entsprechende Kurve oben): 
Buchstaben 233 218 222 219 224 II 239 223 227 233 230 
Fehler # / 00 1,4 2,2 1,1 2,2 2,0 || 1,3 0,9 1,6 1,0 1,4. 

Der Zuwachs der Leistung unmittelbar nach der Pause bildet 
6,7 °/ 0 . In qualitativer Beziehung lässt sich eine Verbesserung nach 
der Pause feststellen. 

Wenn wir die ganze erste Hälfte der Arbeit vor der Pause mit 
der zweiten Hälfte nach der Pause vergleichen, so finden wir, dass 
der Zuwachs nach der Pause 3,9 % ausmacht, der Zuwachs der zweiten 
Hälfte ohne Pause beträgt 3,l°/<>- Bemerkenswert ist, dass die zweite 
Hälfte der Arbeit (an den Tagen ohne Pause) ausnahmslos bei allen 
Depressiven, wie bei allen Manischen, produktiver ist als die erste. 
Die Pausenwirkung ist mithin äusserst gering, was also dafür spricht, 
dass bei den Depressiven ein grosser Teil der Anregung während der 
Pause verloren geht. 


Diagramm Nr. 7. 



Diagramm Nr. 8. 



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L. Guttmann 


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Die zwei beigefügten Diagramme sollen den Zuwachs der zweiten 
Hälfte der Arbeit aller Versuchspersonen im einzelnen im Verhältnis 
zur ersten veranschaulichen. Der Stab nach oben gerichtet bedeutet 
einen positiven Zuwachs, nach unten einen negativen. Das erste 
Diagramm bezieht sich auf die Tage ohne Pause, das zweite auf die 
Tage mit Pause. 

Wenn ich nun die Ergebnisse meiner Untersuchungen der Auf¬ 
merksamkeit mit einer ganz leichten geistigen Arbeit an Manisch- 
Depressiven resümieren wollte, so könnte ich sie in folgenden Sätzen 
zusammenfassen: 

1. Die Aufmerksamkeitsintensität ist bei den Manischen, wie 
auch bei den Depressiven, herabgesetzt im Verhältnis zu Normalen. 

2. Die Anpassungsfähigkeit der Aufmerksamkeit an eine schwie¬ 
rigere Arbeit ist bei Manisch-Depressiven herabgesetzt im Verhältnis 
zu Normalen. 

3. Die Beständigkeit (Tenazität) der Aufmerksamkeit ist bei Manisch- 
Depressiven herabgesetzt im Verhältnis zu Normalen. Bei Manischen 
äussert sich die Herabsetzung der Tenazität vorwiegend in betreff der 
qualitativen Seite der Arbeit, bei Depressiven in betreff der quantitativen. 

4. Die Uebungsfähigkeit ist bei Manisch-Depressiven geringer 
ausgeprägt, als bei Normalen. 

5. Im Gegensatz zu Normalen lässt sich bei den Manischen, wie 
auch bei den Depressiven eine allmähliche Anpassung an die Arbeit 
beobachten, es findet ein sich „Hineinarbeiten“ statt. 

6 . Im Gegensatz zu Normalen wird die zweite Hälfte der Arbeit 
ohne Unterbrechung bei den Manisch-Depressiven schneller ausgeführt 
als die erste Hälfte. Das weist darauf hin, dass ihr psycho-physischer 
Mechanismus nicht sofort auf ein bestimmtes Niveau eingestellt 
werden kann, sondern erst gewisse Hindernisse überwinden muss. 
Der Unterschied der Pausenwirkung bei Normalen und Manisch- 
Depressiven äussert sich auch darin, dass bei letzteren während der 
Pause ein Teil ihrer Anregung verloren geht. 

H. Geistige Leistungsfähigkeit. 

Die Methode, der ich mich zur Bestimmung geistiger Leistungs¬ 
fähigkeit bediente, stellt eine Modifikation der Kraepel in sehen 
insofern dar, dass anstatt lauter Additionen einstelliger Zahlen auch 
Subtraktionen solcher Zahlen benutzt wurden. Das Verfahren 
war dasselbe wie bei der Untersuchung der Aufmerksamkeit: die 
ersten 2 Tage wurde ohne Pause gearbeitet, die letzten 10 Tage ab¬ 
wechselnd — den einen Tag mit 5 Minuten Pause, den anderen Tag 
ununterbrochen 10 Minuten lang. 


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Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit bei Manisch-Depressiven. 15 


Ich gehe direkt zur Mitteilung der Ergebnisse über. 

Die Normalen rechneten durchschnittlich täglich 669 Aufgaben, 
wobei sie 0,33% Fehler machten, die Manischen rechneten 390 Auf¬ 
gaben mit 3,64 °/ 0 Fehler, und die Depressiven 223 Aufgaben mit 
1,17% Fehler. 

Das beigefügte Diagramm veranschaulicht die durchschnittliche 
tägliche Leistung der einzelnen Versuchspersonen: der obere Teil des 
Diagramms bedeutet die Quantität der Arbeit, der untere Teil die 
Qualität derselben. 


Diagramm Nr. 9. 



Mit einem Patienten 0—ow, der später in das manische Stadium 
überging, hatte ich Gelegenheit, die Experimente zu wiederholen, wo¬ 
bei es sich herausstellte, dass er jetzt mehr als das Doppelte an Auf¬ 
gaben machte, als im depressiven Zustande, obgleich er noch jetzt nicht 
die Norm erreichte (im depressiven Zustande 169 Aufgaben mit 0,71 % 
Fehler, im manischen 378 Aufgaben mit 0,26% Fehler). Im all¬ 
gemeinen ist die geistige Leistungsfähigkeit bei den Manisch-Depres¬ 
siven herabgesetzt. 

Die Uebungsfähigkeit der Normalen an einzelnen Versuchstagen 
findet ihren Ausdruck in folgenden Ziffern, die die durchschnittliche 
Minutenleistung bedeuten: 

Aufgaben 48 54 61 62 66 69 73 76 78 79 

Fehler % 1,36 0,83 0,25 0,81 0,45 0,22 0,21 0,20 0,06 0. 

Diese Ziffern legen ein Zeugnis dafür ab, dass die Leistung der 
Normalen eine deutliche Tendenz zum Ansteigen zeigt, dass folglich 
eine jede Uebung feste Spuren hinterlässt und dadurch die Disposition 
zur Arbeit vergrössert. 

Bei den Manischen drückt sich die tägliche Leistungsfähigkeit 
(durchschnittliche Minutenarbeit) in folgenden Ziffern aus: 


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16 


L. Guttmann 


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Aufgaben 30 32 36 37 38 40 39 45 44 43 

Fehler % 3,3 4,4 3,9 3,5 3,6 3,5 3,7 2,5 2,8 3,8. 

Bei den Depressiven erhalten wir folgende Ziffern: 

Aufgaben 18 22 23 22 24 23 24 24 25 25 

Fehler % 0,7 1,3 0,5 0,2 0,3 2,2 2,6 0,8 2,1 0,8. 

Zur Veranschaulichung dieser Ziffern seien hier die entsprechen¬ 
den Kurven beigegeben. 

Diagramm Nr. 10. 



Der Zuwachs der Leistung in der zweiten Hälfte der Arbeit im 
Verhältnis zur ersten betrifft bei Normalen 28,4 %, bei Manischen 
20,7%, bei Depressiven 12,1 %. 

Zur Untersuchung der persönlichen Eigenschaften, die bei diesen 
komplizierten Aufgaben zum Vorschein kommen, werde ich die pausen¬ 
lose Arbeit und diejenige ohne Pause näher betrachten. Bei den 
Normalen gestaltet sich die pausenlose Arbeit nach einzelnen Minuten 
folgendermassen: 

Aufgaben 66,5 64,6 65,6 64,9 64,2 63,4 64,4 63,5 63,6 62,6 
Fehler % 0,23 0,54 0,38 0,15 0,70 0,24 0,31 0,31 0,47 0,16. 

An den Tagen mit Pause gestaltet sich die Arbeit in folgenden 
Ziffern: 

Aufgaben 70 68,1 67,4 67,3 67,7 II 72,2 70,6 70,6 69,5 69,8 
Fehler % 0,07 0,37 0,74 0,37 0,30 || 0,35 0 0,28 0,36 0,29. 

Zur Veranschaulichung der Ziffern seien die entsprechenden 
Kurven beigefügt (links die Kurve für die pausenlose Arbeit, rechts 
mit Pause). 

Diagramm Nr. 11. 



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Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit bei Manisch-Depressiven. 17 


Unter den persönlichen Eigenschaften bieten das grösste Interesse 
die Ermüdung und Uebung, die sich im fortwährenden Antagonismus 
befinden und in letzter Linie die Produktivität der Arbeit bedingen. 
Die Wirkung dieser Faktoren ist nicht gleich. Während die Er¬ 
müdung eigentlich schon von Anfang an ihre Wirkung ausübt, um 
immer mehr zu steigen, erreicht die Uebung bald ihre Grenze und 
bleibt auf derselben Stufe. Ausserdem hängt die Uebung in be¬ 
deutendem Masse von dem Grade derselben ab, welchen die Versuchs¬ 
person bei Beginn der Arbeit schon besitzt. Wenn der Uebungsgrad 
schon vom Anfang an hoch war, wie es mit meinen normalen Ver¬ 
suchspersonen der Fall war, so ist es klar, dass die Uebung keine 
grossen Fortschritte mehr machen und bald der Ermüdung unter¬ 
liegen wird. In der Tat zeigt uns die Kurve der pausenlosen Arbeit 
einen Anstieg im Beginn (Antriebswirkung) und dann ein allmähliches 
Sinken mit kleinen Schwankungen. In qualitativer Beziehung arbei¬ 
teten die Normalen ziemlich gleich mässig. 

Wenn wir die Arbeit mit einer Pause betrachten, so bemerken 
wir, dass in der 6. Minute (unmittelbar nach der Pause) bei allen 
Normalen ein Leistungszuwachs zu konstatieren ist im Verhältnis zur 
5. Minute (vor der Pause). Durchschnittlich betrifft dieser Zuwachs 
6,6 °/o. Der Leistungszuwachs unmittelbar nach der Pause bildet eine 
allgemeine Regel und wurde auch von Specht, Plaut und Re hm 
in ihren Experimenten konstatiert. An den Tagen ohne Pause ist 
der Zuwachs der 6. Minute im Verhältnis zur 5. ein negativer und 
= 1,2 %, folglich ist die unmittelbare günstige Wirkung der Pause 
für Normale gleich 6,6 °/ 0 + 1,2 °/ 0 = 7,8 %• 

Vergleichen wir die ganze erste Hälfte der Arbeit (vor der Pause) 
mit der zweiten Hälfte (nach der Pause), so finden wir nach der 
Pause einen Zuwachs von 3,5 °/ 0 . An den Tagen ohne Pause finden 
wir bei den Normalen in der zweiten Hälfte der Arbeit einen Verlust 
von 2,4 # /o- Dieser Verlust in der zweiten Hälfte gilt als allgemeine Regel. 

Wenn wir schliesslich die Wirkung der Pause auf die Bestän¬ 
digkeit (Tenazität) der Aufmerksamkeit untersuchen und zu diesem 
Zwecke die mittlere Variation der qualitativen Seite der Arbeit vor 
und nach der Pause berechnen, so erhalten wir für die mittlere 
Variation vor der Pause 0,30 °/ 0 , nach der Pause 0,17 °/ 0 ; die Tena¬ 
zität der Aufmerksamkeit ist also nach der Pause grösser. 

Betrachten wir nun die Arbeit der Manischen an den Tagen 
ohne Pause und mit Pause. 

Für die Tage ohne Pause erhalten wir folgende Ziffern: 
Aufgaben 36,8 36,3 37,2 38,2 38,8 39,4 37,9 38,4 38,7 39,6 
Fehler % 4,78 3,20 3;23 3,98 3,60 2,94 4,65 3,12 3,83 3,83 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 2 


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L. Guttmann 


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18 


Für die Tage mit Pause sind die Ziffern folgende: 

Aufgaben 37,4 37,8 41,0 39,6 43,2140,2 38,6 41,0 41,8 41,8 
Fehler % 4,07 3,39 3,42 3,43 1,99 | 5,27 3,84 4,39 3,64 3,64 
Die entsprechenden Kurven gestalten sich folgendermassen: 


Diagramm Nr. 12. 

3 ' if 5 1 -|* % 9 »o*_ * 1' 3 ’t 5 t 1 % 3 10 


in ck nt nk 

H\. 

, . 31 

^ \ 

V.avV" 

- \ r- 


Die Kurve für die pausenlose Arbeit der Manischen bildet einen 
schroffen Gegensatz zu derjenigen der Normalen. Während sie 
bei den letzteren hoch beginnt, um allmählich zu sinken, beginnt 
sie bei den Manischen niedrig und steigt allmählich nach oben. Die 
Ermüdung wird folglich hier von anderen Faktoren verdeckt, die 
erst allmählich ihre Wirkung entwickeln. Die Manischen sind nicht 
imstande, ihren psychophysischen Mechanismus in vollen Gang zu 
setzen, sondern sie müssen sich erst an die Arbeit anpassen. 

Wenn wir nun zur Erforschung der Pausenwirkung übergehen, 
so finden wir, dass diese eine negative ist, indem sie die Produk¬ 
tivität der Arbeit bei den Manischen um 4,7 °/o herabsetzt. Daraus 
müssen wir den Schluss ziehen, dass während der Pause die Mani¬ 
schen ihre Anpassungsfähigkeit an die Arbeit verlieren, ihre Arbeits¬ 
bereitschaft schwindet. Vergleichen wir die Produktivität der Arbeit 
in der 6. Minute und der 5. Minute an den Tagen ohne Pause, so 
finden wir, dass in der 6. Minute ein Zuwachs von 1,6% stattge¬ 
funden hat. Im allgemeinen hat also die Pause ungünstig gewirkt 
um 4,7%+ 1,5% = 6,2%. 

Vergleichen wir die ganze erste Hälfte der Arbeit (vor der 
Pause) mit der zweiten Hälfte (nach der Pause), so finden wir in 
der zweiten Hälfte einen Leistungszuwachs von 2,8%. an den Tagen 
ohne Pause betrifft der Leistungszuwachs in der zweiten Hälfte 3,6%. 
folglich ist die Erholung von der Ermüdung bei den Manischen nicht 
imstande, den Verlust der Arbeitsbereitschaft zu kompensieren. Wie 
man aus der, Kurve ersehen kann, wirkte die Pause auch ungünstig 
auf die Qualität der Arbeit. Was schliesslich die Wirkung der Pause 


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Aufmerksamkeit and geistige Leistungsfähigkeit bei Manisch-Depressiven. 19 


auf die Beständigkeit der Aufmerksamkeit betrifft (mittlere Varia¬ 
tion), so ist diese ebenfalls ungünstig. Vor der Pause war die 
mittlere Variation 0,95°/ 0 , nach der Pause 1,28 °/ 0 - Eine Unter¬ 
brechung der Arbeit der Manischen wirkt also auf den 
nächsten Arbeitsabschnitt ungünstig im Gegensatz zur 
Pausenwirkung bei Normalen. 

Bei den Depressiven gestaltet sich die pausenlose Arbeit fol¬ 
genderweise : 

Aufgaben 26,8 26,7 26,2 27,5 26,2 26,8 26,9 26,2 26,1 26,7 

Fehler % 1,05 0,75 1,07 1,89 0,61 0,60 1,0 0,31 0,31 0,90 

An den Tagen mit Pausen sind die Ziffern folgende: 

Aufgaben 27,2 28,4 27,7 27,7 26,9 II 37,1 27,9 27,2 29,2 29,2 

Fehler % 1,03 0,70 0,43 1,16 0,741|0,59 0,75 0,44 2,19 1,23 

Hierbei die entsprechenden Kurven: 


Diagramm Nr. 13. 

> J 3 H’ 5 4 7 » 9 10 i i J‘ V 5* *»* 1 V • !° 


Wc/»I tt* t * 


«—'■-_ X - 1 



Die Kurve der pausenlosen Arbeit (links) zeigt eine unbedeu¬ 
tende Senkung nach unten. Wie es scheint, nimmt bei den Depres¬ 
siven die Ermüdung die Oberhand über die sich allmählich ent¬ 
wickelnde Uebung im Laufe einer schwierigeren Arbeit. In quali¬ 
tativer Beziehung bemerken wir eine kleine Besserung der Leistung. 
Der Vergleich zwischen der 6. u. 5. Minute (direkte Pausenwirkung) 
gibt einen Zuwachs von 0,7 %. An den Tagen ohne Pause ist der 
Zuwachs gleich 2,3 °/ 0 - Folglich wird auch bei den Depressiven, wie 
bei den Manischen, der Verlust der Arbeitsbereitschaft während der 
Pause nicht ausgeglichen durch die Erholung. 

Beim Vergleich der unmittelbaren Pausenwirkung bei Normalen, 
Manischen und Depressiven erhalten wir für die erste Kategorie einen 
Zuwachs von 7,8%> für die zweite Kategorie einen Verlust von 
6,2°/ 0 und für die dritte einen Verlust von 1,6°/ 0 . 

In qualitativer Beziehung wird die Leistung der Depressiven, 
ebenso wie bei Manischen, nach der Pause schlechter. Dasselbe 
finden wir auch bei der Untersuchung der Aufmerksamkeitsbestän- 


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L. Guttmann 


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digkeit: vor der Pause war die mittlere Variation 0,69 °/ 0 , nach der 
Pause 1,17 °/ # . 

Der Vergleich zwischen den beiden Hälften der Arbeit ist durch 
die nachstehenden Diagramme ausgedrückt. Der Stab bedeutet den 
prozentischen Zuwachs der zweiten Hälfte der Arbeit im Verhältnis 
zur ersten. Im positiven Falle geht der Stab nach oben, im nega¬ 
tiven nach unten. Die fettgedruckten Stäbe bedeuten den Durch¬ 
schnittszuwachs für ganze Kategorien von Versuchspersonen. 


Diagramm Nr. 14 (Arbeit ohne Pause). 



Diagramm Nr. 15 (Arbeit mit Pause). 



Zusammenfassung. 

Ich möchte in aller Kürze die Ergebnisse zusammenfassen, zu 
denen mich meine Untersuchungen an Manisch-Depressiven geführt 
haben. Von vorneherein muss ich aber bemerken, dass ich meine 
Ziffern durchaus nicht als den Ausdruck eines streng formulierten 
Gesetzes betrachte, welches auf alle Fälle Anwendung finden kann. 
Es müssen noch viele Arbeiten an einem grossen Material unter¬ 
nommen werden, damit mit Genauigkeit festgestellt werden kann, 
welche Erscheinungen in den psychopatbologischen Aeusserungen 
Manisch-Depressiver als eigenartig und welche als zufällig zu be¬ 
trachten sind. 

Den Einfluss aller einzelnen Faktoren, die auf die geistige 
Leistungsfähigkeit einwirken, genau festzustellen, ist noch eine Sache 
der Unmöglichkeit. Sogar beim Normalen vermögen wir nicht die 
einzelnen psychischen Besonderheiten zu zergliedern und sie aus- 


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Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit bei Manisch-Depressiven. 21 


einander zu halten, um so weniger sind wir dazu bei Geisteskranken 
imstande, bei denen die psychischen Faktoren unlösbar miteinander 
verknüpft sind. Schwankungen im Zustande der Manisch-Depres¬ 
siven, ihre Stimmung und Arbeitsdisposition sind so mannigfaltig, 
dass ich mir die Schwierigkeit nicht verhehlen kann, bestimmte 
gesetzmftssige psychopathologische Aeusserungen im Verhalten der 
Manisch-Depressiven herauszufinden. Ich betrachte daher meine 
Untersuchungen nicht als Zweck zur zahlenmässigen Bestimmung 
der psychopathologischen Aeusserungen bei Manisch-Depressiven, 
sondern als einen Versuch, der Klärung einiger Besonderheiten 
in der Psychopathologie der Manisch-Depressiven näher zu treten. 
Meine Zahlen machen natürlich nicht Anspruch auf absolute Geltung, 
sondern decken nur den allgemeinen Charakter der psychopatho¬ 
logischen Aeusserungen Manisch-Depressiver auf. Es kam mir nur 
darauf an, einen Vergleich zwischen den Aeusserungen Normaler und 
Manisch-Depressiver anzustellen, um etwaige Abweichungen bei den 
letzteren herauszufinden. Ich glaube, dass meine Untersuchungen 
mich zur Feststellung einiger Besonderheiten in den psychologischen 
Aeusserungen Manisch-Depressiver berechtigen, die im allgemeinen 
sich in folgenden Sätzen ausdrücken lassen: 

1. Die geistige Leistungsfähigkeit ist bei den Manisch-Depres¬ 
siven herabgesetzt. In quantitativer Beziehung arbeiten die Mani¬ 
schen besser als die Depressiven, in qualitativer schlechter. 

2. Die Uebungsfähigkeit ist bei den Manisch-Depressiven ge¬ 
ringer als bei Normalen, trotzdem letztere die Arbeit mit einem 
höheren Uebungsgrade beginnen als erstere. 

3. Die Ausführung einer Arbeit wird von den Manisch-Depres¬ 
siven in anderer Weise vollzogen, als von Normalen. Letztere sind 
imstande ihre neuropsychische Energie sofort in vollen Gang zu 
setzen, bei ersteren entwickelt sie sich nur allmählich: die Kranken 
müssen sich „hineinarbeiten“. Bei Normalen erwies sich daher die 
zweite Hälfte der Arbeit weniger produktiv als die erste. Bei den 
Patienten dagegen erwies sich die zweite Hälfte der Arbeit in allen 
Fällen produktiver als die erste bei der Ausführung einer ganz leichten 
geistigen Arbeit (Durchstreichen eines Buchstabens). Bei einer schwie¬ 
rigeren geistigen Arbeit (Kraepelinsche Methode), wo die Ermüdungs¬ 
wirkung deutlicher zutage tritt, erwies sich die zweite Hälfte der 
Arbeit produktiver als die erste in 3 Fällen des manischen Stadiums 
und in 2 Fällen des depressiven. Nach Hutts ähnlichen Versuchen 
erwies sich die zweite Hälfte produktiver in 14 Fällen unter 25. 

4. Eine 5 Minuten lange Pause nach einer Arbeit von einer 
ebensolchen Dauer wirkt auf Manisch - Depressive anders als auf 


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22 


R. Hennig 


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Normale. Bei letzteren erweist sich nicht nur nach meinen Unter¬ 
suchungen, sondern auch nach vielen anderen, die erste Minute un¬ 
mittelbar nach der Pause stets produktiver als die letzte Minute vor 
der Pause. Bei den Manisch-Depressiven kommt diese günstige un¬ 
mittelbare Pausenwirkung nicht immer zum Vorschein. In 7 Fällen 
(unter 12) war diese Wirkung eine negative: in 3 Fällen des mani¬ 
schen Stadiums und in 4 des depressiven. Eine Unterbrechung der 
Arbeit wirkt im allgemeinen bei den Manisch-Depressiven ungünstig 
auf die Produktivität der nachfolgenden Arbeit, da während der Pause 
die Patienten einen Teil ihrer Arbeitsbereitschaft verlieren. Nach 
der Pause wird bei den Manisch-Depressiven die Arbeit auch schlechter 
in qualitativer Beziehung; ausserdem sinkt auch die Beständigkeit 
(Tenazität) der Aufmerksamkeit nach der Pause. 

5. Die Ermüdbarkeit der Depressiven ist grösser als die der 
Manischen. In einzelnen Fällen ist sie auch bei letzteren ziemlich 
bedeutend. 


Ueber visuelle Musikempfindung 1 ). 

Von Dr. R. Hennig, Berlin-Friedenau. 

Es ist bisher von der psychologischen Wissenschaft vielleicht 
noch nicht hinreichend genau darauf geachtet worden, dass bei einer 
nicht ganz kleinen Anzahl von Menschen des sog. „visuellenTypus“ 
die Neigung besteht, auch musikalische Gehörseindrücke in Ge¬ 
sichtsbilder zu übersetzen, um sie voll zu geniessen und auszukosten. 
Ebenso wie bei der visuellen Erfassung anderer abstrakter Begriffe, 
der Zahlen, Wochentage, Daten, Buchstaben, Tagesstunden, ja, selbst 
von Namen, Krankheiten, seelischen Eigenschaften usw. gibt es auch 
bei der optischen Deutung musikalischer Wahrnehmungen zwei ver¬ 
schiedene Kategorien der visuellen Auffassung, die allerdings nicht 
immer ganz scharf voneinander getrennt sind, sondern zuweilen 
ineinander fliessen und vermischt auftreten können, obwohl dieser 
Fall verhältnismässig nicht oft vorkommt. Die eine Gattung von 
Menschen übersetzt sich nämlich die Musik in farbige Bilder; sie 
entspricht den „Farbenhörenden“, wie sie durch Nussbaum, Galton, 
Bleuler u. Lehmann, Flournoy u. v. a. bekannt geworden sind. 
Bei der anderen Gattung hingegen ist nach Art der „Diagramm- 

*) Nach einem am 16. November 1911 in der Berliner Psychologischen Ge¬ 
sellschaft gehaltenen Vortrag. 


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lieber visuelle Musikempfindung. 


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Synopsien“ Galtons und Flournoys die Neigung vorhanden, die 
Tongebilde in Formen, Gestalten, Landschaften, drama¬ 
tische Szenen usw. aufzulösen, und das koloristische Moment tritt 
mehr in den Hintergrund oder wird doch nur als begleitende, 
erläuternde, hervorhebende Wirkung in den vor dem geistigen Auge 
schwebenden Traumvisionen empfunden. 

Die Verknüpfung rein farbiger Vorstellungen mit musikalischen 
Wirkungen ist schon früher öfters, u. a. von Flournoy, von Wal la¬ 
sch ek, von mir selbst u. a., wissenschaftlich untersucht worden. Ob¬ 
wohl Fälle dieser Art ziemlich häufig sind, obwohl die Verknüpfung 
von Farbe und Begriff absolut zwangsmässig und unentbehrlich ist, 
werden sich die jeweiligen Individuen ihrer Eigentümlichkeit meist so 
wenig bewusst, dass sie diese erst wirklich bemerken, wenn sie von 
anderer Seite ausdrücklich darauf hingewiesen werden. Manchmal 
ist ihnen auch die Sache so selbstverständlich, dass sie irrigerweise 
den Schluss ziehen, jedermann müsse dieselben Farbenempfindungen 
haben wie sie selber. So pflegte z. B. Franz Liszt, nach einem Be¬ 
richt der „Allgemeinen Musikzeitung“ vom 29. August 1895, die 
Farben, in denen er die Orchesterklänge empfand, ohne weiteres auch 
bei seinen Musikern vorauszusetzen, und er sagte beim Dirigieren zu 
seinen Künstlern unter anderem: „Bitte, meine Herren, ein bisschen 
blauer, wenn es gefälltI Diese Tonart erfordert es“, oder: „Das ist 
ein tiefes Violett, — ich bitte, sich danach zu richten. Nicht so rosal“ 
Aehnlich wollte zum Beispiel vor einigen Jahren die bekannte 
„Serpentintänzerin“ Loie Füller die Klänge der Musik, welche ihre 
Tänze begleitete, durch das jeweilige Faxbenspiel ihrer Gewandung 
illustrieren, doch scheint sie damit beim Publikum begreiflicherweise 
auf ein nur recht mangelhaftes Verständnis gestossen zu sein. 

In sehr vielen, vielleicht sogar in den meisten Fällen wissen 
bekanntlich die mit Farbenhören begabten Personen für die Ursache 
ihrer Empfindungen keine bestimmte Erklärung zu geben, und es 
wird dann in der Regel eine „privilegierte Assoziation“ vorliegen, an 
welche aber jede Erinnerung seit langer Zeit geschwunden ist, da fast 
alle derartigen Farbenverknüpfungen etwa auf die ersten zehn Lebens¬ 
jahre zurückgehen. Nur ganz vereinzelt bilden sich solche Assoziationen 
noch in späteren Lebensaltern heraus und können dann sogar die 
Folge eines längeren Gedankenprozesses sein. Als Beispiel sei ein 
Fall zitiert, in dem ein Freund von mir angab, er empfinde Schuberts 
unvollendete H-Moll-Sinfonie als blau, weil er beim ersten Anhören 
durch die im Beginn hoch über allen anderen Instrumenten schwebende 
Klarinette an den blauen Himmel erinnert wurde, der sich über die 
weite Erde ausspannt. 


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Es ist ja auch bekannt, dass viele Farbenhörende ihre farbigen 
Assoziationen mit solcher Bestimmtheit als einzig natürliche und 
selbstverständliche empfinden, dass ihnen jede abweichende Farben¬ 
empfindung bei anderen Menschen fast wie eine Unbegreiflichkeit 
erscheint: Jemand, für den ein Ton, ein Akkord, eine Tonart grün 
ist, hat kein Verständnis dafür, wie ein anderer sie als schwarz 
bezeichnen kann usw. Besonders kräftige Gefühlsempfindungen können 
sogar, wenn sie in Farben übersetzt werden, vereinzelt so deutlich 
sein, dass sie nicht nur vorgestellt, sondern geradezu wahr¬ 
genommen werden. Herr Professor Cart aus Lausanne, der C-Dur 
als weise empfand, gab mir an, dass er beim Anhören von Tonstücken 
in C-Dur, die ihm musikalisch besonders viel zu sagen hätten, z. B. 
während des letzten Satzes der Beethovenschen „Fünften“ oder 
während der Freischütz-Ouvertüre, ein so intensives Weiss tatsächlich 
wahmehme, dass er unwillkürlich geblendet die Augen schliessen 
müsse. Diese Farben treten vereinzelt mit solcher Bestimmtheit auf, 
dass sie geradezu einen Fingerzeig zur Deutung sonst nicht erkenn¬ 
barer Eindrücke abgeben können. So vermochte ein Frankfurter 
Herr, von dem eine Giessener Dissertation von Moritz Katz kürzlich 
berichtete, aus seinen Farbenvorstellungen zu erkennen, in welcher 
Tonart ein jeweilig gehörtes Musikstück stand, obwohl er kein absolutes 
Gehör besass. Zuweilen komplizieren sich die Empfindungen bei 
gewissen Tonarten noch sehr viel mehr. Ein Student, der u. a. E-Dur 
als rot, F-Dur als blau empfand, schrieb mir zum Beispiel, er liebe 
es, sich die Tonarten männlich oder weiblich vorzustellen (auch bei 
Zahlen findet man öfters eine Unterscheidung nach dem Geschlecht), 
und bemerkte dazu: „F-Dur ist meine Lieblingstonart von je gewesen, 
so sehr, dass ich bei unbekannten Werken mit fast ängstlicher 
Spannung nach einem Stück F-Dur ausschaue. Das führt manchmal 
zur Ueberschätzung solcher Stellen. E-Dur ist aber eine starke Kon¬ 
kurrentin; ich bekomme, wenn ich diese Tonart höre, eine unbestimmte 
Angst, ich erliege einfach ihrer Schönheit, sie ist mir wie ein geliebtes 
schönes Weib, während F-Dur ich selbst sein könnte .. . Bei gewissen 
Tonarten habeich die Vorstellung des Dunklen, wie Es-Moll, H-Dur, 
As-Dur (daher mir das Adagio der Path6tique-Sonate als Kind immer 
unheimlich war), hingegen als sehr hell empfinde ich Fis-Dur (auch 
als eigentliche Loge-Tonart im ,Ring‘). .. Schneidend hell und eis¬ 
kalt ist Fis-Moll für mich.“ 

Die mit musikalischen Eindrücken verbundenen Farbenempfin¬ 
dungen verdienen ein ganz besonders lebhaftes Interesse, weil sie 
geradezu auch zur Beurteilung mancher musikgeschichtlich bedeut¬ 
samen Produkte Fingerzeige geben. Eine ganze Reihe von berühmten 


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Ueber visuelle Musikempfindung. 


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Komponisten neigte nachweislich sehr stark zum Farbenhören, so 
insbesondere, neben dem schon genannten Franz Liszt, Robert Schu¬ 
mann, Meyerbeer, Joachim Raff, Hans von Bülow, wahrscheinlich 
übrigens auch Beethoven und Richard Wagner. Das Gleiche gilt für 
einige unserer grössten und „empfindsamsten“ Dichter, so für E. T. A. 
Hoffmann, Heine, Tieck, Mörike, Ganghofer und andere. Bei Robert 
Schumann waren Farbenempfindungen so lebhaft, dass er sie sogar in 
seine musikalischen Kritiken mit übernahm; so äusserte er sich z. B. 
in einem Brief über eine Sammlung von Licklschen Musikstücken: 
„Die hervorstechende Farbe der ganzen Sammlung ist überhaupt ein 
gemütliches Blau; nur selten nimmt er grellere grauere zu seinen 
Schilderungen“, und in einer Besprechung von Szymanowskaschen 
Etüden schrieb er: „Zarte blaue Schwingen sinds, die die Wagschale 
weder drücken noch heben.“ Ebenso lebhaft und oft identifiziert 
Tieck in seinen Schriften musikalische Eindrücke mit Farben. Einmal 
heisst es z. B. bei ihm: „Der Geist der Flöte ist himmelblau und 
führt dich in die blaue Ferne, die Violine zeigt funkelnde Lichter 
und durchschimmernde Farben, die in Regenbogen durch die Luft 
ziehen. Die roten Scheine zucken und spielen hinauf und hinab.“ 
Ja, es ist wohl kaum zu viel behauptet, wenn man sagt, dass auch 
die musikalische Literatur gelegentlich Werke aufweist, die nur vom 
Standpunkt des Farbenhörens sich ganz in ihrer vom Komponisten 
gewollten Bedeutung erkennen lassen. Ist es doch fast eine Selbst¬ 
verständlichkeit, dass etwa ein Mann, der so lebhaft wie Robert Schu¬ 
mann Instrumente, Töne und Tonarten farbig empfindet, auch bei 
seinen Tondichtungen bei Textillustrationen darauf achten wird, die 
etwa darin vorkommenden Farben durch seine subjektiven kolorierten 
Tonempfindungen angemessen zu erläutern. Sollte nicht z. B. unter 
diesem Gesichtspunkt die sonst geradezu unverständliche, eintönige 
Sechszehntelbegleitung zu verstehen sein, die Schubert für sein Lied 
„Die liebe Farbe“ in den „Müllerliedem“ gewählt hat? Die in dem 
Lied besungene „Liebe Farbe“ ist das Grün. Schubert hat nun dazu 
eine Begleitung geschrieben, in der unaufhörlich in gleichmässig 
hämmernden Sechszehnteln die Dominante Fis der Originaltonart 
H-Moll zweihundertmal während jedes Verses erklingt. Wir wissen 
zwar nichts von Synopsien Schuberts; dennoch ist es m. E. nach dem 
Gesagten, im Hinblick auf die Häufigkeit des Farbenhörens bei 
Musikern, gar nicht unwahrscheinlich, dass Schubert den Ton Fis 
als grün empfunden hat — andernfalls wäre die seltsame in der 
gesamten musikalischen Literatur meines Wissens einzig dastehende 
Begleitung geradezu unbegreiflich. Die Vermutung gewinnt an Boden, 
wenn man bedenkt, dass auch im nachfolgenden Liede „Die böse 


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R. Hennig 


Farbe“, womit wieder das Grün gemeint ist, acht Takte abermals 
das Fis, als Dominante der Tonart H-Dur, erklingt, während die 
Worte „mich armen, armen weissen Mann“ zwei Takte lang von 
Sechszehnteln auf Cis begleitet werden. Immerhin soll auf diese 
Vermutung kein grosses Gewicht gelegt werden. 

Schon bevor die psychologische Wissenschaft zum ersten Male 
auf solche und ähnliche seltsame Erscheinungen aufmerksam wurde 
(1873, Nussbaum), hatte die schöne Literatur sich dieser Eigentümlich¬ 
keiten bemächtigt. So erzählt Friedrich Gerstftcker in seinem Roman 
„Der Kunstreiter“ von einem alten Mann, der den Gesang der Vögel 
farbig empfindet. Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, dass 
die nachstehend wiedergegebene Beschreibung Gerstäckers der Wirk¬ 
lichkeit entnommen ist. Er lässt jenen Mann unter anderem sprechen: 

„Die Grasmücke singt rot, aber kein brennend schmerzendes 
Rot, wie der Kanarienvogel, sondern sanft und doch leuchtend, wie 
ich nur einmal in meinem Leben am nördlichen gestirnten Himmel 
habe Strahlen aufschiessen sehen. Die Nachtigall singt dunkelblau 
— dunkelblau wie der Nachthimmel selber, dass man die beiden 
kaum voneinander unterscheiden kann. Die Lerche singt jenes 
wundervolle Komgelb der reifen Aehren, das Rotschwänzchen ein 
allerliebstes bläuliches Grau, die Schwalbe weiss, der Nusshäher, der 
spöttische Gesell, ein tiefes Schwarz, ich mag den geschwätzigen 
hirnlosen Burschen auch deshalb nicht besonders leiden; die Drossel 
singt dunkelgrün, und fast alle Farben finden sich unter den Sängern 
des Waldes, alle, mit ihren leisesten Schattierungen, nur nicht hell¬ 
blau. Kein Vogel, und das ist etwas, worüber ich schon oft und 
lange nachgedacht, singt hellblau, und nur ein einziges Mal, und 
zwar eine einzige Nacht, habe ich eine Nachtigall gehört, die hell¬ 
blau sang, und das war das schönste Himmelblau, das man sich nur 
denken kann.“ 

Nicht ganz selten greifen die lebhaften Farbenempfindungen 
bald fördernd, bald hemmend, in die Alltagsbeschäftigung und die 
Berufspflichten der Menschen ein. Dass manche Maler sich mit Hilfe 
von Tönen die jeweilig benötigten Farbenstimmungen für ihre Ge¬ 
mälde schaffen, wurde schon früher beobachtet. Grub er erzählt von 
einem Sänger, der auf Grund seiner Synopsien die Reinheit seiner 
Intonation beurteilen und nötigenfalls verbessern konnte. Ebenso 
wird von einem Musiker gesprochen, der beim Stimmen seiner Geige 
kein anderes Hilfsmittel an wandte, als die in ihm auftauchenden 
Farbenempfindungen. Gal ton und Colman erzählen sogar von 
Personen, die ihre Orthographie mit Hilfe von Farbenvorstellungen 
kontrollieren und berichtigen, und der Aegyptologe Lepsius verband 


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Ueber visuelle Musikempfindung. 


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philologische Begriffe mit Farben und bediente sich dieser mit Vor¬ 
teil, da beim Konjugieren zwar die Wortendungen ihre Farbe wech¬ 
selten, während der Stamm des Verbums seine Grundfarben bei- 
behielt. Ein anderer Kenner des Aegyptischen gab an, das Studium 
der Sprache sei ihm durch die schönen Farben bedeutend erleichtert 
worden, die griechische Sprache hingegen rufe so hässliche Farben 
in ihm hervor, dass er für sie wenig Neigung habe. 

Hiernach wird man die in der Literatur hie und da berichteten 
Fälle begreiflich finden, wonach Maler die Farbenkombinationen, die 
sie gerade für irgend ein Gemälde brauchten, sich mit Hilfe musi¬ 
kalischer Eindrücke klar zu machen bemüht waren. Etwas Derartiges 
muss auch wohl Gottfried Keller einst gehört haben, der in seinen 
„Züricher Novellen“ (im Kapitel „Grasmücke“ des „Landvogt von 
Greifensee“) einen solchen Fall folgendermassen in psychologisch 
vollkommen richtiger Weise schildert und ausschlaggebend in den 
Mittelpunkt der Handlung rückt: 

„Vor einem Flussbilde, auf welchem der Kampf des ersten Früh¬ 
rots mit dem Scheine des untergehenden Mondes vor sich ging, 
erzählte Landolt, wie früh er eines Tages habe aufstehen müssen, 
um diesen Effekt zu belauschen, wie er denselben aber doch ohne 
Hilfe der Maultrommel nicht herausgebracht hätte. Lachend erklärte 
er die Wirkung solcher Musik, wenn es sich um die Mischung deli¬ 
kater Farbentöne handelt, und er ergriff das kleine Instrumentchen, 
das auf einem mit tausend Sachen beladenen Tische lag, setzte es 
an den Mund und entlockte ihm einige zitternde, kaum gehauchte 
Tongebilde, die bald zu verklingen drohten, bald zart anschwellend 
ineinander flössen. 

„Sehen Sie,“ rief er, „das ist jenes Hechtgrau, das in das matte 
Kupferrot übergeht auf dem Wasser, während der Morgenstern noch 
ungewöhnlich gross funkelt 1 Es wird heut in dieser Landschaft 
regnen, denk ich!“ 

In der Novelle wird dann weiter erzählt, wie die junge Dame, 
zu der der Maler Landolt diese Aeusserungen tut und mit der er 
verlobt ist, über die ihr krankhaft erscheinenden Eigenheiten ihres 
Bräutigams derartig erschrickt, dass sie sogleich die Verlobung auf¬ 
hebt. Wie sie über diese denkt, so urteilen viele, und es kann daher 
nicht nachdrücklich genug betont werden, dass sowohl das Farben¬ 
hören wie die nachstehend behandelten Musikphantome völlig harm¬ 
lose Eigentümlichkeiten ohne jede Spur einer pathologischen Er¬ 
scheinung sind. 

Die Entwickelung der durch Musik bedingten visuellen Empfin¬ 
dungen auf die Beschäftigung und Gedankenwelt des Menschen kann 


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aber, zumal bei Poeten, noch sehr viel bedeutender werden, wenn 
statt der blossen Farben andere optische Gebilde durch die Töne im 
träumenden Gehirn zum Leben erweckt werden, wobei es die Regel 
ist, dass diese Visionen, genau ebenso wie echte Halluzinationen, an 
die Gedanken und Gedankenembryonen anknüpfen, die den Menschen 
jeweilig lebhaft beschäftigen. 

Ein besonders deutliches Beispiel für den gelegentlich erkenn¬ 
baren Uebergang aus dem rein farbigen Element zu skizzenhaften 
Szenenbildern, eigentlichen „Musikphantomen“, liefert uns eine 
Schilderung Ludwig Ganghofers in seinen autobiographischen 
Mitteilungen, die 1909 in den „Süddeutschen Monatsheften“ erschien: 

„Wenn er die Messe dirigierte, die Orgel spielte und von seinem 
unsichtbaren Chorsitz diese herrlichen Klänge auf uns kniende Jungen 
niederrauschen liess, da überkamen mich traumhafte, seltsam wogende 
Stimmungen, die ich nicht schildern kann. Und wenn Herr Kerler 
mit wechselnden Tonarten phantasierte, bekam oft plötzlich die 
ganze Kirche vor meinen Augen eine intensive, einheitliche Farbe; 
alles erschien mir rot oder ährengelb, oder in prachtvollem Blau. 
Das dauerte immer nur wenige Sekunden und verschwamm dann 
wieder. Meistens sah ich nur eine einzige Farbe, und wenn sie zer¬ 
flossen war, blieb alles so, wie es in Wirklichkeit war. Doch manch¬ 
mal — wenn die Tonart, während ich eine Farbe sah, mit raschem 
Uebergang wechselte — verwandelte sich diese Farbe ebenso rasch 
in eine andere, die noch stärker leuchtete. Das war immer so namen¬ 
los schön, dass mir ein süsser Schauer durch Herz und Sinne rieselte. — 
Dieses Farbenschauen meiner Augen, bei tiefer Wirkung guter Musik, 
verstärkte sich noch in späteren Jahren. Irgendwelche Gesetzmässig¬ 
keit in dieser Erscheinung habe ich nicht konstatieren können. Aber 
es gibt ein paar musikalische Werke, bei denen ich stets die gleiche 
Farbe sehe. Wenn ich Wagners Rheingold höre, kommt immer ein 
Augenblick, in dem das ganze Bild der Bühne für mehrere Sekunden 
von einem brennenden Goldgelb Überflossen wird. Und spiele ich 
mit meinen Kindern das erste Trio von Haydn, so erscheint mir das 
Notenblatt gegen Ende des ersten Satzes in einem matten Rotviolett, 
das sich, wenn wir ohne Unterbrechung gleich das Adagio cantabile 
beginnen, in ein tiefes Stahlblau verwandelt. Im Allegro non troppo 
der C-Moll-Sinfonie von Brahms, die ich bis jetzt drei- bis viermal 
hörte, sah ich jedesmal das gleiche Scharlachrot — und einmal sah 
ich in dieser Farbe eine weite Himmelsferne mit langgestreckten, in 
Scharlach brennenden Wolkenzügen, über die eine hohe, in ein tiefes 
Rot gekleidete Frauengestalt wie schwebend dahinglitt. Alle leiden¬ 
schaftlich empfundene Musik verwandelte sich für mich in Bilder, 


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Ueber visuelle Musikempfindung 


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die ich sehe, während ich die Musik für Sekunden und Minuten nicht 
mehr zu hören glaube. Am häufigsten und stärksten kommen für 
mich solche Bilder und Farben bei Schumann und Beethoven. Früher 
war’s auch bei Wagner so.“ 

Es gibt sehr zahlreiche Menschen, die bald mehr bald minder 
lebhaft zu solchen musikalischen Visionen neigen; darunter befinden 
sich hoch berühmte Namen. So sah z. B. Heinrich Heine unter 
den Klängen von Musik ganze lange musikalisch-dramatische Szenen 
sich abspielen, je nach dem Inhalt der Musik liebliche oder tragische 
Vorgänge. Als Beleg dafür diene seine umfangreiche Schilderung 
der Gesichte, die ihm Paganinis wunderbares Geigenspiel vorgaukelte 
(vgl. seine „ Florentinischen Nächte“). Die Beschreibung dieser selt¬ 
samen Phantome leitet er ein mit folgenden interessanten Worten: 

„Was mich betrifft, so kennen Sie ja mein musikalisches zweites 
Gesicht, meine Begabnis, bei jedem Tone, den ich erklingen höre, 
auch die adäquate Klangfigur zu sehen; und so kam es, dass mir 
Paganini mit jedem Striche seines Bogens auch sichtbare Gestalten 
und Situationen vor die Augen brachte, dass er mir in tönender 
Bilderschrift allerlei grelle Geschichten erzählte, dass er vor mir 
gleichsam ein farbiges Schattenspiel hingaukeln liess, worin er selber 
immer mit seinem Violinspiel als die Hauptperson agierte. Schon 
bei seinem ersten Bogenstrich hatten sich die Kulissen um ihn her 
verändert; er stand mit seinem Musikpult plötzlich in einem heitern 
Zimmer, welches lustig unordentlich dekoriert, mit verschnörkelten 
Möbeln im Pompadourgeschmack: überall kleine Spiegel, vergoldete 
Amoretten, chinesisches Porzellan, ein allerliebstes Chaos von Bändern, 
Blumengirlanden, weissen Handschuhen, zerrissenen Blonden, falschen 
Perlen, Diademen und sonstigem Götterflitterkram, wie man dergleichen 
im Studierzimmer einer Primadonna zu finden pflegt. Paganini hatte 
sich ebenfalls und zwar aufs allervorteilhafteste verändert: er trug 
kurze Beinkleider von lilafarbigem Atlas, eine silbergestickte weisse 
Weste, einen Rock von hellblauem Samt mit goldumsponnenen 
Knöpfen usw.“ 

Die (noch sehr viel längere) Schilderung Heines über die 
Visionen, die ihm durch Paganinis Zaubergeige erweckt wurden, ist 
keineswegs als eine poetische nachträgliche Erdichtung von tatsächlich 
nicht gehabten Eindrücken aufzufassen, sondern wir dürfen sie ohne 
weiteres wörtlich nehmen, denn ähnliche Musikphantome empfindet 
eben eine grosse Anzahl von Menschen beim Hören guter Musik, ja, 
für manche scheint der musikalische Hauptreiz sogar in eben diesen 
Traumbildern zu liegen. Vor einigen Jahren hat Chr. Ruths ein 
eigenes umfangreiches Werk über derartige Musikphantome geschrieben 


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(„Experimentaluntersuchungen über Musikphantome“, Darmstadt 1898), 
in dem zahlreiche Selbstbekenntnisse von Personen über ihre beim 
Anhören von Musik empfundenen Bildervisionen zu finden sind. Das 
von Ruths gesammelte Material ist zweifellos wertvoll und interessant; 
doch ist die Arbeit mit Vorsicht zu gemessen, da sie, insbesondere 
in den Schlusskapiteln üppig phantastische Schlussfolgerungen aus 
dem Vorkommen solcher Musikphantome zieht. Betrachten wir zwei 
Beispiele aus diesem Buch. Eine Versuchsperson, mit der Ruths 
arbeitete, schilderte die Phantome, die ihr in einem Konzert der 
zweite (As-Dur) Satz der Beethovenschen fünften Sinfonie erweckte, 
in folgender Weise, wobei ausdrücklich erwähnt werden muss, dass 
unter vielen hundert Phantombildern, die gesehen wurden, nur einige 
ganz besonders charakteristische herausgegriffen wurden: 

„Durch den ganzen Satz hält ein Landschaftsbild an, stets von 
demselben Charakter und in den Hauptmomenten ziemlich feststehend. 
Insbesondere Blumen, Wasser und Himmel, aber stets im wechsel¬ 
vollen Detail. Da sehe ich ein Stück Wasser, eine Welle geht auf, 
sie kräuselt sich immer mehr, sie bekommt einen Stoss, als wäre sie 
zurückgeworfen. Andere Bilder tauchen auf, bald stehe ich am Wasser, 
bald im Wald, bald liege ich am Boden. Hier tauchen rote Tulpen 
auf, dort rote Rosen, dort ein Farnkraut. Das Farnkraut wird immer 
höher, aber keineswegs ins Unendliche. Dahinter sehe ich jetzt einen 
hellgrünen Baum, der sich vom blauen Himmel abhebt usw.“ 

Eine andere Person schildert ihre Phantome beim Anhören von 
Beethovens zweiter Sinfonie folgendermassen (stark gekürzt): 

„Erster Satz. Während der ersten Takte kein Phantom, das 
Gefühl ist zu stark in Anspruch genommen. Dann plötzlich springt 
ein Phantom ein und bleibt während des ganzen Satzes bestehen. 
Ich bin auf einem Schiff, ringsum Wasser mit blaugrünen Wellen. 
Manchmal schwellen die Wellen an, es ist ein Rauschen darin wie 
bei Beginn eines Gewitters, ich höre das Rauschen im Phantom, 
nicht in der Musik des Orchesters. Ich habe ferner den Ge¬ 

danken, dass ich auf diesem Schiffe nach Amerika fahre, dass es 
immer weiter gehe, dass keine Möglichkeit des Zurück sei. 

Es sind ausser mir noch andere Menschen auf dem Schiff, sie 
sitzen stille und unbewegt, nur die Wellen draussen sind in steter 

Bewegung. Bei alledem ist meine eigene Person hell als 

Phantom auf dem Schiff. Ich bin gekleidet, wie ich es vor ein 

paar Monaten war und anders als ich jetzt im Konzert sitze. 

Auf einem Schiff bin ich Übrigens nie gefahren, habe auch grössere 
Wasser nie gesehen, nur Abbildungen von Dampfschiffen. 

Zweiter Satz. Sofort ist Abend, beginnende Dämmerung. Ich 


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sitze auf einer Bank, vor mir eine Wiese und ein Weg, hinter mir 
Gebüsch ..... Ich singe das Volkslied: Ein niedliches Mädchen, 
ein junges Blut usw. Ich singe es im Takt des Orchesters, aber alles 
nur im Phantom. Plötzlich sprengt auf dem Weg ein Reiter vorüber, 
ich höre das Ross schnauben. Der Reiter scheint von einer Trom¬ 
pete, das Schnauben von Trommeln gekommen zu sein. 

Vierter Satz. Ich bin in einer Schlacht. Viele Soldaten, 
Reiterei und Infanterie, hessische Uniformen. Sie laufen durch¬ 
einander, ich höre sie schreien und schiessen. Am Schluss 

taucht wieder ein Garten auf, ich gehe mit der Person X darin 
spazieren, ich habe eine zärtliche Stimmung usw.“ 

Auch in derartigen Phantomen sind die detaillierten Farben¬ 
angaben ungemein häufig. Wo die Musik Erinnerungen bestimmter 
Art weckt, z. B. an Bühnenbilder, oder wo der Titel des Musikstücks 
die Phantasie in einer ganz bestimmten Richtung einstellt, also z. B. 
bei einer Konzertaufführung des Feuerzaubers aus der „Walküre“ 
oder bei einer Vorführung der Pastoralsinfonie u. a., pflegen sich die 
Symptome natürlich ziemlich streng an die von vornherein vor¬ 
handenen Vorstellungen anzupassen. 

Es ist ja von vornherein eigentlich selbstverständlich, dass der 
Inhalt der Musikphantome bei jedem Individuum ein anderer ist 
oder wenigstens sein kann, wenn auch ein durch den Titel des 
Musikstücks oder durch die Beziehung zu Theatereindrücken ge¬ 
gebener Anhalt dessen, was der Komponist auszudrücken wünschte, 
die Visionen mehrerer Menschen untereinander gelegentlich sehr 
ähnlich zu machen vermag. Die Musik wirkt in solchen Fällen 
ähnlich, wie gewisse narkotische Mittel, Morphium, Opium, gelegent¬ 
lich auch Nikotin und Alkohol: die Phantasietätigkeit wird mächtig 
angeregt und gestaltet noch halb unbewusste Gefühle und Gedanken 
zu lebhaften Träumen. Selbstverständlich vermag unter solchen 
Umständen Musik zuweilen einen rätselhaft machtvollen Einfluss auf 
die Schaffenstätigkeit von genügend musikalischen Dichtern auszu¬ 
üben. Unter den zahlreichen Selbstbekenntnissen berühmter Dichter 
über die Einwirkung, die eine gute Musik auf die Tätigkeit ihrer 
dichterischen Phantasie ausübte, stammt wohl das bedeutsamste von 
dem Dramatiker Otto Ludwig, dem Dichter des „Erbförsters“. 
Er erzählt an einer Stelle (im Kapitel: „Das Farben- und Formen¬ 
spektrum“ seines Buches „Shakespeare-Studien“, Leipzig 1874, S. 303), 
wie sich unter der Einwirkung von musikalischen Klängen die Fabel 
seiner bekanntesten Dichtungen „von selbst erfand“. Hören wir 
ihn selbst: 

„Erst blosse Stimmung, zu der sich eine Farbe gesellte, entweder 


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ein tiefes, mildes Goldgelb oder ein glühendes Karmoisin — in dieser 
Beleuchtung wurde allmählich eine Gestalt sichtbar, wenn ich nicht 
sagen soll, eine Stellung, das heisst, die Fabel erfand sich, und ihre 
Erfindung war nichts anderes als das Entstehen und Fertigwerden 
der Gestalt und Stellung. Aber diese war so sehr Hauptsache, das 
heisst eine genau begrenzte lebendigste Anschauung eines Menschen 
in einer gewissen Stellung, dass, sowie das mindeste daran unbestimmt 
wurde, meine Fabel und mein Interesse daran sich verwirrten, und 
ich selber nicht mehr wusste, trotz möglichst detailliert aufgeschrie¬ 
benen Planes, was ich wollte, wo dann, wenn ich mich zum Arbeiten 
dennoch zwang, die Einzelheiten für sich selbst sich in das einzelste 
zerfaserten, und eine Menge Detail hereinscholl in üppiger Anarchie. 
Jenes Farben- und Formenspektrum, weiches mich, solange es in 
klarster Sinnlichkeit bestand, in jedem Augenblick, und in den 
heikelsten Umgebungen und Beschäftigungen wie eine Mauer um¬ 
schwebte und mein ganzes Wesen in Aufregung setzte, in einen 
Zustand, ähnlich dem einer Schwängern der Geburt nahe und in 
der Geburtsarbeit, ein liebend Festhalten und doch Hinausdrängen 
des, was vom eigenen Wesen sich losgelegt hat, Ding für sich ge¬ 
worden ist. Der Erbförster, die Judith und die Lea, auch selbst 

die Heiterethei schwebten mir in solchen Anschauungen vor. 

Beim Anhören einer Beethovenschen Sinfonie stand das Bild plötzlich 
vor mir, in glühend karmoisinem Lichte, wie in bengalischer Be¬ 
leuchtung, eine Gestalt, die mit ihrer Gebärde im Widerspruch, ohne 
dass ich noch wusste, wer die Gestalt, noch was ihr Tun sei. Das 
wurde mir erst allmählich klar, wie die Fabel entstand, wobei mein 
Wille und alle bewusste Tätigkeit sich passiv verhielten.“ 

Nach den vorliegenden Berichten zu urteilen scheint es, als ob 
bei einer und derselben Person die gleiche Musik auch stets die 
gleichen oder doch ungefähr gleichen Farben und Phantome auslöst. 
Ein klassisches Beispiel für die Präzision, mit der dies geschieht, 
liefert uns Grillparzer. Als er sich mit dem Plan seiner grossen 
Medea-Triologie trug und mehr als die Hälfte bereits ausgearbeitet 
hatte, starb seine Mutter. Die damit verbundene schwere seelische 
Erschütterung, eine nachfolgende Reise nach Italien, eine Krankheit, 
häusliche Widerwärtigkeiten hinderten ihn dann jahrelang, die Arbeit 
fortzusetzen, und als er endlich daran ging, hatte er, aus Mangel 
an Aufzeichnungen, den gefassten Plan gänzlich vergessen. Er 
erzählt nun: 

„Während ich in meiner Erinnerung fruchtlos suche, stellte 
sich etwas Wunderbares ein. Ich hatte in der letzten Zeit mit 
meiner Mutter häufig Kompositionen grosser Meister, für das Klavier 


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lieber visuelle Musikempfindung. 


33 


eingerichtet, vierhändig gespielt. Bei all diesen Sinfonien Haydns, 
Mozarts, Beethovens dachte ich fortwährend auf mein Goldenes Vlies, 
und die Gedankenembryonen verschwammen mit den Tönen in ein 
ununterscheidbares Ganzes. Auch diesen Umstand hatte ich vergessen 
und war wenigstens weit entfernt, darin ein Hilfsmittel zu suchen .... 
Da ereignete es sich nun, dass, wie wir (er und Karoline Pichler) 
auf jene Sinfonien geraten, die ich mit meiner Mutter gespielt hatte, 
nun alle Gedanken daraus wieder zurückkamen, die ich bei jenem 
ersten Spiel halb unbewusst hineingelegt hatte. Ich wusste auf 
einmal wieder, was ich wollte, und wenn ich auch den eigentlich 
prägnanten Standpunkt der Anschauung nicht mehr rein gewinnen 
konnte, so hellte sich doch die Absicht und der Gang des Ganzen 
auf. Ich ging an die Arbeit, vollendete die Argonauten und schritt 
zur Medea.“ 

Wenn es auch im vorliegenden Fall nicht zu ausgeprägten 
Phantomen, d. h. zu rein visionären Gebilden gekommen zu sein 
scheint, so ist doch das Emportauchen dramatischer Szenen aus 
musikalischen Klängen im Grunde genommen genau dasselbe, und 
der Unterschied ist höchstens gradueller Art. Der Einfluss der Musik 
auf das dichterische Schaffen bleibt jedenfalls eigenartig genug. — 
Aehnliche Bekenntnisse von grossen Dichtem finden sich auffallend 
häufig. So sagt Alfieri einmal: 

„Ich finde immer, dass mein Geist, mein Herz und mein Ver¬ 
stand durch nichts so heftig und unermesslich angeregt werden als 
durch Töne; überhaupt und insbesondere durch die Stimmen der 
Altisten und Sängerinnen. Nichts weckt in mir mehr und mannig¬ 
faltigere und schrecklichere Leidenschaften; fast alle meine Trauer¬ 
spiele sind entweder unter dem Anhören der Musik oder wenige 
Stunden nachher von mir aufgefasst worden.“ 

Eine ähnlich weitgehende Einwirkung der Musik auf das dich¬ 
terische, insbesondere das dramatische Schaffen, ist von vielen unserer 
grössten Dichter bekannt, so von Schiller, der selbst erklärte, 
seinem dichterischen Schaffen gehe stets eine „musikalische Gemüts¬ 
stimmung“ voraus, so von Hebbel, von dem sein Freund Kuh 
erzählt: „Das entstehende Gedicht kam ihm immer mit einer Melodie“, 
so von Heinrich von Kleist, der selbst bekanntlich hochmusi¬ 
kalisch war und der einst den Ausspruch tat: „Ich habe von meiner 
frühesten Jugend an alles allgemein, was ich über die Dichtkunst 
gedacht habe, auf Töne bezogen. Ich glaube, dass im Generalbass die 
wichtigsten Aufschlüsse über die Dichtkunst enthalten sind“, so von 
noch gar manchen anderen. Näheres hierüber bringt die kleine 
Studie: „Aus der Werkstatt des dramatischen Genies“ von S. Eahmer 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 8 


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R. Hennig: Ueber visuelle Mnsikempfindung 


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(Berlin G. Reimer), der daraufhin sogar einen gesetzmässigen Zu¬ 
sammenhang zwischen musikalischem Eindruck und poetischem 
Schaffen konstruieren will. 

Jedenfalls scheint soviel festzustehen, dass gute Musik im musi¬ 
kalischen Menschen die Phantasietötigkeit und das Traumleben 
mächtig beeinflusst. Die Musikphantome, denen bisher noch nicht 
genügend viel Aufmerksamkeit geschenkt ist, sind ein vortrefflicher 
Beweis dafür, und sie können für den Dichter geradezu zur Inspi¬ 
ration werden. 

Welche Vorbedingungen Zusammentreffen müssen, um das Vor¬ 
kommen des musikalischen Farbenhörens und der Musikphantome 
zu ermöglichen, lässt sich bisher nicht sicher entscheiden. Die nahe¬ 
liegende Vermutung, dass es unmusikalische oder halbmusikalische 
Personen sind, die sich, natürlich unbewusst, ohne jede Mitwirkung 
des Willens, auf solche Weise eine nicht ganz oder gar nicht ver¬ 
standene Musik reizvoller gestalten, kann unmöglich zutreffen, da ja 
einige der allerersten Musiker, wie Schumann und Liszt, vielleicht 
auch Beethoven, Schubert und Wagner, in z. T. ausserordentlich 
lebhafter Weise zum Farbenbören neigten. Andererseits kann die 
Stärke des visuellen Triebes gleichfalls nicht eine Erklärung dafür 
abgeben, ob der betreffende Mensch Gesichtsvorstellungen beim 
Hören musikalischer Wahrnehmungen hat oder nicht. Als Beispiel 
darf ich mich selbst anführen: ich stelle einen visuellen Typ dar, 
wie er nach Aussagen von Sachkundigen (Dr. Baerwald) sich nur 
selten in dieser Reinheit findet, neige auch ungewöhnlich stark zu 
„Diagramm-Synopsien“ bei gewissen abstrakten Begriffen (nicht hin¬ 
gegen zu irgend welchen farbigen Wahrnehmungen), während ich 
mit musikalischen Einwirkungen — ich bin leidlich musikalisch — 
nicht die geringsten optischen Qualitäten zu verbinden vermag, 
ausser im Halbschlaf, wo ich ganz vereinzelt einmal hier und da 
eine Tonfolge als eine Gestalt oder Handlung in meine Träume 
hineinkomponiert habe. Schliesslich sei noch bemerkt, dass das Be¬ 
dürfnis, irgend welche Erlebnisse des Alltags sich ins Musikalische 
zu übersetzen, also der umgekehrte geistige Prozess, eine gewisse 
bescheidene Verwandtschaft mit den Musikphantomen auf weist. Bei 
Musikern ist der Trieb, starke Natureindrücke musikalisch wieder¬ 
zugeben, natürlich weit verbreitet — als Beispiel sei etwa an Mendel¬ 
sohns „Fingalshöhlen“- und „Hebriden“-Ouvertüren erinnert! Doch 
auch bei anderen Personen, musikalischen Laien, zeigt sich Aehn- 
liches hier und da. Ich erinnere mich, dass ein besonders schöner 
Sonnenaufgang auf Arkona am 26. Mai 1896 in mir die Empfindung 
des C-moll wachrief. Und als klassischer Kronzeuge hierfür sei Fürst 


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Hans Schneickert: Zur Psychologie der Erpresserbriefe. 


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Bismarck zitiert, der 1847 nach seiner Verlobung der fernen Braut 
schrieb: „Oh, wenn ich Keudell wäre, ich spielte jetzt den ganzen 
Tag, und Töne trügen mich über Oder, Rega, Persante, Wipper. Ich 
dachte mir, Du spieltest C-dur, wenn der hohle Tauwind durch die 
dürren Zweige der Linden heult und D-moll, wenn die Schneeflocken 
in phantastischem Wirbel um die Ecken flogen.“ 

Das gesamte Gebiet der visuellen Musikempfindungen und ihres 
Gegenspiels, der musikalischen Deutung von Gesichtswahmehmungen 
und Gemütsbewegungen, bedarf jedenfalls noch sehr viel gründlicherer 
Untersuchungen, als sie bisher vorgenommen worden sind. Es wird 
erst ein erheblich umfangreicheres Material vorliegen müssen, bevor 
man auch diese reizvollen psychologischen Tatsachen in feste Formeln 
und Gesetze zu kleiden vermag. 


Zur Psychologie der Erpresserbriefe 1 ). 

Von Dr. jur. Hans Schneickert, Berlin. 

Mit 1 Abbildung. 

Kaum eine zweite Kategorie von Verbrechern bietet so viel 
Kriminalpsychologisch-Interessantes als die Erpresser, die uns in der 
ganzen Welt auf Schritt und Tritt begegnen: vom Fremdenführer 
und Droschkenkutscher, der seinen Gast im geeigneten Moment „hoch¬ 
nimmt“, bis zu den wohlorganisierten Erpresser- und Räuberbanden, 
die Kinder reicher Leute und Touristen gegen hohes Lösegeld ge¬ 
fangen nehmen, die aber glücklicherweise bei uns in Deutschland 
noch keine Filialen haben. 

Wenn eine Verbrecherspezies psychologisch recht ausgiebig sein 
soll, so muss sie uns Belege bieten für Verbrecherschlauheit und 
-dummheit, sowie für Verbrecherfrechheit und -pech. Das kann der 
Kriminalpsychologe gerade bei den Erpressern in schönster Auswahl 
finden. Da der Erpresser in den meisten Fällen auf den schrift¬ 
lichen Verkehr angewiesen ist, hat man wie nur bei wenig anderen 
Verbrecherarten einen oft wertvollen Wegweiser zu dem Versteck des 
Verbrechers zur Verfügung. Von den heimlich begangenen Ver¬ 
brechen haben die anonym angedrohten den kriminalistischen Vor- 
'teil, dass man über das Motiv nicht im Unklaren zu sein braucht. 
Von solchen Verbrechen könnte man sagen: „Wenn lange Schreiben 
sie begleiten, springt der Beweggrund rasch hervor“. 

') Vortrag, gehalten am 29. Juni 1911 in der Psychologischen Gesellschaft 
zu Berlin. 


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Ilane Schneickert 


Der italienische Staatsanwalt Ferriani hat vor etwa zehn 
Jahren ein Werk über „Schreibende Verbrecher“ herausgegeben, aber 
merkwürdigerweise die Erpresser nur so nebenbei behandelt, obwohl 
man gerade von ihm aus dem Lande der Camorra, Maffia, Mano sera 
und wie die Erpresser-Grossisten jenes Landes alle noch heissen 
mögen, recht viel Authentisches hätte erfahren mögen. Aber auch 
sonst findet man wenig über den schreibenden Erpresser, mit Aus¬ 
nahme vielleicht der päderastischen Erpresser, deren Briefe zum Teil 
schon in der einschlägigen Literatur zu finden sind, die aber psycho¬ 
logisch lange nicht so interessant und abwechslungsreich sind, wie 
die Drohbriefe anderer Erpresser, da jene gewöhnlich denselben An¬ 
fang und dasselbe Ende aufweisen, während die anderen Erpresser 
immer wieder auf neue „Erwerbsmöglichkeiten“ sinnen. 

Die Erpressertat stellt ein sonderbares Gemisch dar von Bettel, 
Wucher, Diebstahl und Raub, von Mitleidserregung, Scheinheiligkeit, 
Verstellungskunst und Unverfrorenheit, von Rachsucht, Spekulations¬ 
gelüsten, Schadenfreude und Prahlerei. 

Die juristischen und psychologischen Beziehungen der Erpressung 
zu anderen verwandten Straftaten ergeben sich aus folgender Dar¬ 
stellung : 


L Eigtnhan£v?Ti>rerjur_ JT.SUtluhkdlsvoiiTifitr 



Dieser letzten (4.) Klasse der Erpresser müssen noch einige Aus¬ 
führungen gewidmet werden. Suggestion und Nachahmung als Ver¬ 
brechensmotive sind ja auch bei anderen Verbrechensarten nichts 


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Zar Psychologie der Erpresserbriefe. 


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Ungewöhnliches. Selbstverständlich kann man nur etwas nachahmen, 
was man selbst gesehen oder gehört hat. Das ist meistens nur auf 
dem nicht mehr ungewöhnlichen "Weg durch die Presse möglich. So 
gute Dienste die Presse unbestreitbar sonst in der Bekämpfung des 
Verbrechens zu leisten vermag, insbesondere durch rechtzeitige War¬ 
nungen vor gewerbsmässigen Schwindlern, so verhängnisvoll wird 
auf der anderen Seite die Befriedigung des Sensationsbedürfnisses 
ihrer heben Leser: Die Schilderung und Verbreitung ausführlicher 
Verbrechenstatbestände wirkt auf disponible Verbrechernaturen äusserst 
suggestiv und verderbenbringend, wie die Erfahrung lehrt. Ein Glück 
ist es nur, dass solche Verbrechensnachahmungen, wenn auch nicht 
gerade harmlose, so doch meistens für das auserwählte Opfer un¬ 
schädlich verlaufende Bubenstreiche, als groben Unfug sich heraus- 
stellen; sie werden aber mit Recht juristisch als versuchte Erpres¬ 
sungen angesehen und schwer bestraft. Von den Erpresserbriefen, die 
da täglich geschrieben werden, sind die wenigsten mit dem ihnen 
vom Schreiber selbst zugedachten „bitteren Ernst“ aufzufassen, da 
die Erpresserbriefschreiber selten bis zu den äussersten Konsequenzen 
gehen, die sie in ihren Machwerken in Aussicht stellen. Soweit mit 
allen Mitteln und Schikanen auf die Erlangung einer Geldsumme 
hingezielt wird und wirkliche Not das treibende Motiv ist, stellt sich 
die Erpressung gewissermassen als „Diebstahl oder Raub in Brief¬ 
form“ dar. In solchen Fällen ist die diebische oder räuberische Be¬ 
reicherung der wirkliche Endzweck, das im Vordergrund stehende 
Motiv der Tat, während in sehr vielen anderen Fällen die Forde¬ 
rungen einer Geldsumme mehr die begleitenden Umstände der Er¬ 
pressung sind, den Hauptzweck aber Rache, Furchterregung, grober 
Unfug, Schikane oder die der böswilligen heimlichen Alarmierung 
der Feuerwehr analoge, mit sadistischen Gefühlen gepaarte Zerstö¬ 
rungslust und Schadenfreude bildet. Die Anhänger dieser „Schreckens¬ 
herrschaft“ glauben selbst nicht recht an den Erfolg ihrer Drohungen; 
fällt dabei aber das eingeschüchterte Opfer herein und wendet die 
drohende Gefahr durch Geldmittel von sich und seinen Angehörigen 
ab, so ist dies immerhin der erhoffte „leichte Verdienst“. Also auch 
hier das allbekannte und weitverbreitete Motiv: Spekulation auf die 
Dummheit des lieben Nächsten. 

Wir kommen nunmehr zur „Erpressertechnik“, wenn man 
so sagen darf. Welcher Mittel sich die Erpresser bedienen, um den 
Opfern den „Emst der Situation“ klar zu machen, um ihnen den 
zur Hörigkeit notwendigen Schreck einzuflössen, grenzt oft an reine 
Tragikomödie. Sie stellen sich, um das Hydrasystem ihrer Ver¬ 
brecherzünfte recht zu veranschaulichen, als Vorsitzende oder Mit- 


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Hane Schneickert 


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glieder eines geheimen Bundes vor, mit den schönen Beinamen: 
Schwarze Maske, Schwarze Hand, Bund der Schwarzköpfe, der Ge¬ 
heimnisvollen, der Anarchisten, der Apachen u. dgl., und erinnern 
zuweilen an ihre rachsüchtige Nachhut im Falle der Verhaftung ihres 
Boten oder „Vertrauensmannes“. Manchmal erscheinen ihre Schreiben 
auch in Form eines Beschlusses oder „Urteils“, unterzeichnet mit 
mehreren unleserlichen Unterschriften und unter Verwendung eines 
Gummistempels mit der Firma: „Das Komitee der Schwarzen Hand“, 
sie fügen auch nach Beizebubmanier wunderliche Arabesken bei, die 
sich bei näherer Betrachtung als Totenköpfe, Dolche, Waffen und 
Giftbehälter enträtseln lassen. Einige glauben die Furcht des Opfers 
zu erhöhen, wenn sie ihre Briefe mit Blut schreiben oder unter¬ 
zeichnen, oder wenn sie eine kleine Explosion in der Nähe des 
Opfers inszenieren oder sich an den Kindern des Opfers zu rächen 
suchen. 

Als Hinterlegungsort wird meistens — der Bequemlichkeit halber 
— ein Postamt bezeichnet; romantisch veranlagte Erpresserhelden 
operieren natürlich entsprechend geheimnisvoller, wählen als Hinter¬ 
legungszeit die Mitternachtsstunde, als Hinterlegungsort irgend ein 
näher bezeichnetes Versteck mit genauen Verhaltungsmassregeln, 
ohne zu bedenken, dass sie bei wirklicher Zahlungsbereitwilligkeit 
ihrem Opfer recht unangenehme und unannehmbare Zahlungsbedin¬ 
gungen stellen, die schliesslich als ausschlaggebende Hemmung^Vor¬ 
stellungen wirken und das Opfer eher ermutigen, den viel beque¬ 
meren Weg zur Polizei zu machen, vor dem zwar in den meisten 
Erpresserbriefen gewarnt wird. 

Nun kommen wir zum wichtigsten Punkt, zum Inhalt der 
Erpresserbriefe. Dass der Kriminalpsychologe manches Wert¬ 
volle zwischen den Zeilen solcher Briefe zu lesen vermag und aus 
diesem und jenem „Pferdefuss“ wichtige Aufschlüsse über die Person 
des Urhebers gewinnen kann, braucht nur nebenbei erwähnt zu 
werden. Der richtige, also ernst zu nehmende gewalttätige Er¬ 
presser macht nicht viele Worte; „Geld oder Leben“ ist seine Devise, 
die keine Diskussion zulässt, die aber ein ungeschickter Anfänger 
vielleicht in 20 Sätze kleidet. Ist es schon gefährlich, dem Opfer 
etwas Schriftliches in die Hand zu geben, wie viel gefährlicher muss 
es für den Erpresser sein, dem Opfer seitenlange Briefe zu schreiben, 
um ihm klar zu machen, dass es jetzt etwas von seinen Ersparnissen 
„ausleihen“ müsse, sonst passiere ihm etwas „Menschliches“. Man 
kann daher im allgemeinen die Meinung von Ferriani teilen, der 
sagt, der jugendliche Verbrecher verstecke sich hinter kühnen, grau¬ 
samen Sätzen, damit der Briefempfänger glaube, der Schreiber sei 


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Zur Psychologie der Erpresserbriefe. 


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bereits ein ausgefeimter und deshalb um so mehr zu fürchtender 
Verbrecher; er gebrauche schwülstige Redensarten, ergötze sich an 
hochtönenden Drohungen und suche sozusagen eine „theatralische 
Wirkung“ hervorzubringen. Der erfahrene Verbrecher sei dagegen 
selten ein Rhetoriker, er sei bündig und schneidend; jeder Satz, der 
nicht eine Drohung sei und Furcht, Angst und Schrecken einflösse, 
werde logischerweise von ihm als ein müssiges Unternehmen be¬ 
trachtet, er steuere ohne weitere Umschweife auf sein Ziel los. Die 
psychologischen Gründe dafür, dass der gewalttätige Verbrecher, 
wenn er seine Forderung brieflich stellt, kurz und bündig ist, führt 
Ferriani in folgender Weise aus: „Wenn der gewalttätige Ver¬ 
brecher schreibt, konzentriert er seine ganze Willenskraft in wenige 
Worte. Er bildet sich ein, das Opfer steht vor ihm; es ist also keine 
Zeit zu verlieren, es könnten Leute herbeikommen, ein Schrei kann 
vielleicht sein ganzes Werk zerstören, das Opfer selbst sich auf lehnen 
und den Angreifer töten oder verwunden. Nur so viele Einschüch¬ 
terungen also, als gerade notwendig sind, um das Verlangte zu er¬ 
halten, und dann schleunige Flucht. Kraft dieser Sinnestäuschung, 
die der Wahrheit durchaus entspricht, besitzen der Mörder, der 
Brandstifter, der Räuber und Erpresser eine gedrängte Briefform, die 
übrigens oftmals eine weniger erschreckende Wirkung ausübt, als 
die schwülstige des frühreifen blutdürstigen Verbrechers.“ 

Ich gehe jetzt über auf die kurze Wiedergabe einiger aus un¬ 
serer kriminalistischen Praxis stammenden Erpresserbriefe. 

1. Walter M., 19 Jahre alt, Privatdetektiv, verlangt von einem Arzt 
postlagernd 6000 M. in Banknoten als „Geldstrafe“ unter Androhung einer 
Strafanzeige wegen Abtreibung. 

2. Otto V., 37 Jahre alt, Kaufmann, fordert von einer Dame postlagernd 
4000 M. in Papiergeld für vier Freunde, die nach Brasilien answandern möchten, 
unter Androhung der Zerstörung des Grabes der Schwester. 

3. Unbekannter fordert von einer Fran 1000 M. postlagernd, wenn sie 
einen Einbruch bei ihr verhindern wolle. 

4. Unbekannter verlangt von einem wohlhabenden Herrn die „Kleinig¬ 
keit“ von 15000 M. unter Todesdrohung. Unterzeichnet: „Das Komitee der 
Geheimnisvollen“, deren Mitglieder in Berlin allein 40 zählen; der Befehl gehe 
von ihrem Vorsitzenden in London ans. 

5. Unbekannter fordert von einem Herrn 1000 M. „leihweise“, die er in 
einem Frühstücksbentel an bestimmtem Ort, zu bestimmter Zeit hinterlegen 
soll; andernfalls Vernichtung der ganzen Familie. Unterzeichnet: „D. K. d. 
Sch. H.“ (Das Komitee der Schwarzen Hand), mit unleserlicher Unterschrift 
in roter Tinte, wahrscheinlich um eine Blutunterschrift vorzutäuschen. 

6. Otto K., 21 Jahre alt, verlangt von einer reichen Frau in Russland 
100 Rnbel in Papiergeld unter Todesdrohung. Unterzeichnet: Rassisches 


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Hans Schneickert 


Expropriatorenkomitee" nebst drei unleserlichen Unterschriften. In dem Brief 
wird auf den Tod des Ehemannes hingewiesen, der zwei Jahre vorher mit 
Browningkngeln niedergestreckt worden sei. 

7. Max G., 20 Jahre alt, Mechaniker, Sohn achtbarer Eltern, verlangt 
von alleinstehender reicher Dame unter Todesdrohung eine grössere Geldsumme, 
die unter einem Zeitungsblatt an einem bestimmten Kilometerstein hinterlegt 
werden soll. Der Erpresserbrief schliesst mit den Worten: „Befolgen Sie die 
Worte Jesu, dass man nicht siebenmal, sondern siebenzigmal sieben vergeben 
solle. u Unterzeichnet mittelst Gummistempels: „Die Schwarze Hand u . 

8. Unbekannter verlangt von einem hochgestellten Beamten postlagernd 
500 M., sonst „eigenhändige Erdrosselung". 

9. Richard L., 18 Jahre alt, Hausdiener, verlangt von einem Herrn unter 
Drohungen 1000 M., die „gegen Quittung" in einer Karbidblechbüchse an einem 
bestimmten Ort zu hinterlegen seien. Unterzeichnet: „Das Komitee". 

10. Unbekannter verlangt von einem Herrn 80 M. als Darlehn auf un¬ 
bestimmte Zeit, unter Androhung eines Vitriolattentat es. Unterzeichnet: * Hoch¬ 
achtungsvoll der Dreibund". Der Brief enthält folgende interessante Stelle: 

. Sie werden wohl beim Durchlesen dieses Briefes einen kleinen Schreck 
bekommen! Handelt es sich doch nur um eine kleine Erpressung, oder wenn 
Sie uns nichts im Wege legen, um eine Geldleihung . . . Nun werden Sie 
womöglich die Polizei benachrichtigen wollen, wie das immer dann so üblich 
ist. Diese Mühe können Sie sich natürlich sparen, denn erwischen tut man 
uns doch nicht. Nur Ihnen erwischen wir dann später, wenn Sie uns nicht 
gefügig sind. Weshalb wir ausser Gefahr sind, möchte ich kurz mitteilen: 
Einer von uns überreicht dem Boten den Brief, dieser weiss natürlich, wie der 
Vermittler aussieht. Die anderen beiden aber beobachten den Menschen ganz 
unbemerkt und folgen ihm nach; sie wissen nun ganz genau, ob man uns eine 
Falle legt oder nicht. Dies mag genügen ..." „. . . So gerecht wie wir sein 
können, so gefährlich und gemein sind wir auch wieder ..." 

11. Unbekannter verlangt von einem Herrn die Uebergabe von 5000 M. 
an bestimmtem Ort, andernfalls werde sein Geschäft „zu Asche" werden. 

12. Unbekannter fordert von einer wohlhabenden Frau unter Todes- 
drohung 500 M., die an einem bestimmten Tag um Mitternacht in eine bereit¬ 
stehende Blechbüchse in bar zu legen seien. Unterzeichnet: „D. K. d. Sch. H." 

13. Unbekannter verlangt von einem Herrn unter Todesdrohung 10000 M., 
die an einem bestimmten Ort einem mit Kennzeichen versehenen Mann zu über¬ 
geben seien. Aus dem Briefe: „Sollten Sie nicht Folge leisten, werden wir 
Sie besuchen, und dann wehe Ihnen. Sollten Sie soviel Geld nicht haben, 
schicken Sie die Hälfte!" Unterzeichnet: „Die Deutsch-Französischen Apachen 
zu Berlin", nebst drei kleinen Zeichnungen, einen Revolver, einen Dolch und 
einen Giftbecher darstellend. 

14. Unbekannter fordert von einer Frau 1000 M. postlagernd, andernfalls 
„gewaltige Geschäftsschädigung". 

15. Anna R., Kontoristin, verlangt von einer Frau unter Androhung 
einer Kuppeleianzeige 3000 M. in Papiergeld, postlagernd, die in zwei Raten zu 
zahlen seien und nach sechs Monaten nebst Zinsen rückerstattet werden sollen. 


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Zur Psychologie der Erpresserbriefe. 


16. Unbekannter verlangt von einem Herrn 50—75 M., die an einem be¬ 
stimmten Ort anf das Fensterbrett zu legen seien, andernfalls würden seine 
Kinder entführt oder der Dachstuhl in Brand gesetzt werden. Der Brief schliesst 
mit den Worten: „Da ich in grosser Not bin, werde ich es Ihnen gelegentlich 
wieder geben. Mitglied der Schwarzen Hand. u 

17. Unbekannter verlangt als Detektiv von einer Frau postlagernd 50 M. 
für die Vereitelung eines an ihr geplanten Mordes. 

18. Erich K., 23 Jahre alt, verlangt von einer Gräfin 5500 M. in deutschen 
Reichsbanknoten postlagernd nach Italien, unter Todesdrohungen. Zur Bekräfti¬ 
gung dieses Verlangens wird ein Auszug der „Statuten“ des Geheimbundes in 
folgender originellen Form beigefügt: 

㤠3. Die erste Forderung hat sich in bescheidenen Grenzen zu bewegen 
und wird brieflich übermittelt. 

§ 5. Bei nicht erfolgter Zahlung verfällt ein Mitglied der betr. Familie, 
und zwar wenn Kinder vorhanden, eines derselben dem Tode. Die dann zu 
zahlende Summe beträgt den fünften Teil des Vermögens. 

§ 8. Wenn betr. die Hilfe der Polizei in Anspruch nimmt, wird jede 
weitere Forderung eingestellt und verfallen drei Mitglieder der Familie 
dem Tode. 

§ 9. Fällt ein Mitglied unseres Bundes durch Schuld einer Person in 
die Hände der Polizei, so wird betr. Familie ausgerottet. 

§ 14. Die Bestrafung erfolgt innerhalb eines Jahres, jedoch ist betr. 
Person resp. Personen nach Möglichkeit sofort durch Mitglieder unseres 
Bundes zu überwachen. 

§ 19. Nach erfolgter Zahlung erhält betr. Person unsere Schutzmarke 
zugesandt, welche vor weiterer Erpressung schützt und unsere Hilfe in 
wichtigen Fällen zusichert. Betr. Person ist kundzugeben, dass durch Ver¬ 
öffentlichung der Schutzmarkennummer in drei Hauptzeitungen sofortige Ver¬ 
bindung mit uns hergestellt wird.“ 

Der junge Kamorraphantast schliesst seinen mehr naiven als schrecken¬ 
erregenden Brief mit den Worten: „Sollte Dir dies nicht genügen, so tut es 
mir leid, denn wir sind Bestien, und vor unserer Rache bist Du nur an einem 
Orte sicher, und zwar am — Nordpol.“ 

19. Unbekannter, Schrift und Stil nach ein Russe, verlangt von einem 
Herrn in Russland 100 Rubel gegen Quittung. Unterzeichnet ist der „Hoch¬ 
achtungsvoll“ schliessende Brief mit mehreren unleserlichen Unterschriften und 
enthält folgende Stellen: „Wir sind keine Vagabunden . . . sondern Leute, die 
im Interesse des ganzen russischen Volkes handeln • . . Wir drohen Ihnen 
mit keinem Tod, denn wir wollen nicht als gemeine Erpresser betrachtet werden. 
Sollten wir uns dennoch in Ihrer Grossmut getäuscht sehen . . ., so würde es 
uns sehr leid tun, Ihnen einen zweiten Brief zu übersenden, aus dem Sie dann 
die unabsehbaren Folgen Ihres Geizes ersehen sollen. Es ist uns ein Leichtes, 
eine Masse zu imitieren, die mit Dynamit vermischt ist und in die Kohlen 
Ihres Kesselhauses zu dirigieren . . . Sollten Sie aber uns dennoch als gemeine 
Erpresser betrachten und dieses Schreiben der Polizei übergeben ... so laden 
Sie nur damit eine zehnfache Schuld auf sich. Allerdings wird mit menschen- 


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Hans Schneickert 


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möglicher Gewandtheit gehandelt, um unseren Genossen vor einem misslichen 
Schicksal za bewahren. Sollte ihn aber dennoch, was nicht ausgeschlossen ist, 
etwas Menschliches erreichen, und er in die Hände der Polizei geraten, so 
wird er eben seine 2 oder 3 Jahre zudiktierte Zuchthausstrafe abbössen müssen. 
Aber seien Sie versichert, dass, wenn auch an ihm die alte spanische Inquisition 
angewandt werden sollte, er nicht zu bewegen sein wird, einen seiner Genossen 
zu verraten. Und dann machen Sie sich gefasst, nicht 100 Bubel uns zu über¬ 
senden, sondern das Zehnfache, und wir werden dann wissen, mit welchen 
Mitteln Ihren Starrsinn zu brechen . . . Bis jetzt haben wir uns noch nicht 
veranlasst gefunden, diese hier angegebenen Mittel in Anwendung zu bringen, 
da unsere Bitten stets prompt erledigt wurden, und glauben auch in diesem 
Falle an Ihre Grossmut . . , a 

In dem Brief, den der Absender übrigens nach kaufmännischer Art kopiert 
hatte, war die Uebersendung der verlangten 100 Bubel in Banknoten, zwischen 
undurchsichtiges Papier gelegt, an ein Berliner Postamt erbeten. 

20. Gustav B., 50 Jahre alt, Zuschneider, im Hauptberuf aber gewerbs¬ 
mässiger Erpresser, verlangt von hochstehenden Personen unter angedeuteten 
Drohungen, wie sie auch für Feinfühlende seiner Interessensphäre genügen, 
grössere Geldsummen. B. ist zudem ein bibelfester Mann, der unter An¬ 
wendung heuchlerischer Barmherzigkeitsappelle seine grosse (durch Arbeits¬ 
scheu verursachte) Lebensnot zu schildern weise und, obwohl wiederholt jahre¬ 
lang hinter Gefängnismauern zugebracht, seine grosse Furcht vor dem Gefängnis 
stets zum Ausdruck bringt. Er ist ein merkwürdiger Vielschreiber und patho¬ 
logischer Lügner, von dem man sich erst einen richtigen Begriff machen kann, 
wenn man eines seiner documents humains näher studiert. 

Kaum aus dem Gefängnis entlassen, wendet er sich wieder an sein früheres 
Opfer mit folgendem Schreiben: 

„Herr Baron. Jetzt ist es 5 Uhr morgens, der Hunger quält mich ent¬ 
setzlich, ich habe noch kein Auge geschlossen. Stundenlang liege ich auf den 
Knieen und bitte Gott, dass er Euer Herz lenken möge zu meinem Besten . . . 
Ich hebe meine Hände auf und bitte von ganzem Herzen, von ganzer Seele, 
wie nur ein Mensch zu bitten vermag: Erbarmung! Erbarmung! Seien Sie ein 
Christ, seien Sie menschlich um Gottes willen . . ., ich vergehe in Jammer und 
Elend ... Es ist doch viel besser, dass ich Ihnen um eine Unterstützung 
bitte, als dass ich ein Verbrechen begehe. Sie haben jetzt täglich grosse 
Freudenfeste, Sie sehen so viel Glanz und Pracht, die Millionen kosten, und 
hier ringt ein Geschöpf Gottes auf den Knieen im Gebet um ein Almosen, um 
seinen quälenden Hunger zu stillen. ... O, mein Gott und Vater! Bloss 
nicht wieder ins Gefängnis, mir schaudert die Haut, ich habe ja kaum die Luft 
der Freiheit in mir bis jetzt aufnehmen können, denn Not und Elend fesseln 
mich im Zimmer. Ich habe ertragen, ertragen die langen Jahre hindurch, was 
nur ein Mensch ertragen kann. Manchmal übermannte mich die Sehnsucht, 
dass ich aufschrie vor Schmerz und mir die Lippen wund biss .... Die 
Freiheit! Die Freiheit! Ihr, die Ihr da draussen noch nie hinter Eisen¬ 
stäben gesessen, noch nie gehört habt, wie es klingt, wenn die Biegel hinter 
einem zugeschoben werden, wisst gar nicht, was es ist, ein freier Mensch 


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Zur Psychologie der Erpresserbriefe. 


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za sein • . . Herr Baron, ich lasse nicht nach mit Bitten, bis meine Lippen 
stamm sind, bis ich bei Ihnen Erbarmang gefunden habe, dann ist alles gut, 
ich gelobe es Ihnen in Glottes Namen, dass ich Ihnen weiter nicht belästigen 
werde. Amen!“ 

In einem zweiten Brief an denselben Herrn verlegt der Schreiber die 
Jammerszene auf die Strasse in dunkler Nacht: 

„O Gott! Was haben Sie mit mir vor, ich bin verwirrt und bestürzt. 
Ich, der ich täglich Gott um Kraft gebeten, jeden Groll und Zorn gegen 
Euch aus meinem Herzen zu nehmen. Ich habe für Sie beten können, so 
treu und aufrichtig, wie nur ein Christ beten kann . . . Wie oft habe ich 
heute auf der Post nachgefragt, bis zum späten Abend. Ich war beinahe 
der Verzweiflung anheimgefallen. Zuerst habe ich mich am Bismarckdenkmal 
auf den unteren Stufen aasgeweint. Ich war doch so müde und muss wohl 
eingeschlafen sein, denn ich wurde von jemand weggejagt. Dann habe ich 
mich auf den Platz vor Ihrer Wohnung gestellt, es waren nur zwei Fenster in 
der ganzen Etage erleuchtet. Ich habe so bei mir gedacht, wie wohl es 
Ihnen sein muss in einem so schönen Zimmer, denn den Kronleuchter und 
auch einige Flammen an der Wand konnte ich wahrnehmen .... Den 
Schmerz, der in meiner Brust wühlte, den kann ich nicht beschreiben, ich 
war nahe daran in die Spree zu springen, ich stand lange und hatte mich in 
der Mitte der Brücke übers Geländer gelehnt. Die Nacht kam fast niemand 
da entlang. Die Versuchung war an mich herangetreten, meiner Qual ein 
baldiges Ende zu machen; an dem natürlichen Mut fehlte es mir nicht. 
Aber zu tief wurzeln die Grundsätze der Beligion in meinem Herzen. Ich 
dachte lange nach, wenn mir von Gott der Tod bestimmt wäre, so würde er 
mich auch so von hier wegnehmen. Mir kam auch der Gedanke, man würde 
mich vielleicht rausfischen, und dann müsste ich alles sagen, was mich zum 
Selbstmord getrieben hat. Ich bin dann wieder zurückgegangen auf den 
Platz, da war auch Ihre Wohnung dunkel. Sie waren gewiss schlafen ge¬ 
gangen? So ganz unwillkürlich kam mir der Gedanke, ob Sie auch gebetet 
haben, als Sie sich in Ihr weiches Bett legten und gedacht, der Mensch läuft 
die Nacht herum ohne Obdach . . . Ich schwöre Ihnen — nicht bei meiner 
Ehre, denn ich habe keine mehr — doch bei dem Geiste meiner ach so lange 
heimgegangenen Mutter, was auch in dem Verworfensten von heiligen Jugend- 
ermnerungen lebt, dass ich niemals etwas Nachteiliges über Ihnen zu dritten 
Personen sprechen werde, so Sie mir dazu verhelfen, damit ich von hier 
fortkomme, ich will ja doch weiter nichts. Sie werden nachher wieder in 
Buhe weiterleben. Ich will Ihnen ja nichts erpressen, nur um eine freiwillige 
Gabe bitte ich Euch . . . Oder wollen Sie mich wieder hinter Schloss und 
Siegel bringen lassen? 0 Gott! Das halte ich nimmer aus . . . Ich bin 
ja nur ein schlichter Handwerker und vermag nicht so die Worte zu fassen, 
was gestern Morgen als erster Gedanke durch meine Seele zog. Die Welt lag 
wie verklärt vor mir. So ist es wohl dem Schläfer zumute, der unter 
schwerem Alpdrücke lange seufzte, wenn er erwachend das Licht des grauenden 
Tages erblickt, so dem Sklaven, wenn, nach einem Leben in stetem Druck 
und unter unaufhörlicher Plage, ihm endlich eine Stunde der Erlösung 


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schlägt. Ja, wohl dem Menschen, dessen Auge sich laben kann an dem 
Himmelsblan und der Erde Pracht! ... 0 Gott, zeig mir den Weg, den 

ich gehen soll. Es ist ja so dunkel um mich, kein Weg! Kein Steg! Mach 
du es, Gott! Erbarme dich über dein unglückliches Kind, das verirrt war. 
Herr Baron, ich bitte Sie nochmals um unseres Heilandes Jesu Christi willen, 
der ja auch die 8chmach des Gefangennehmens durchgekostet hat, mich nicht 
wieder dahin zu bringen, es ist mein Letztes, es ist mein Tod! Solche 
Einsamkeit hat schon manche beladene Seele zum Wahnsinn geführt. Aber 
das göttliche Erbarmen, das keine Kerkermauern oder Gefängnisriegel aus* 
schliessen können, bewahrte mich vor solchem Schicksal. Bitte helfen Sie 
mir, dann ist ja alles gut, ich werde nicht wieder an Ihnen schreiben, und 
es wird Buhe einkehren in unser beider Herz . . . u 

G. R. ist jetzt in der Irrenanstalt gelandet. 

Nun zu den bombenlegenden Erpressern. 

21. Die Lichtenrader Drohbriefe. (Juli 1910.) 

Ein interessantes und zugleich lehrreiches Kapitel zur Psycho¬ 
logie des schreibenden Verbrechers bieten uns die Lichtenrader Droh¬ 
briefe, deren Gesamttext seinerzeit in den hiesigen Blättern veröffent¬ 
licht worden ist. Versetzen wir uns einmal in die Denkweise des 
anonymen Brief Verfassers, so können wir uns durch die Kontrolle 
seiner Logik und seines geistigen Horizontes einige wichtige Auf¬ 
schlüsse über die Persönlichkeit des Täters verschaffen. Folgen wir 
zunächst den Ausführungen des anonymen Erpressers, dessen erster 
Brief ein ganz eigenartiges Darlehnsgesuch darstellt. 

Zur Einleitung ein Appell an das „menschliche Gefühl u und Ermahnung, 
sich nicht durch den „Geiz des Vaters u abhalten zu lassen, auch von einer 
Mitteilung an die Eltern Abstand zu nehmen, da sie ja doch die „Leidtragen¬ 
den 11 wären. Dann folgt die Bitte des „wahrheitliebenden 11 Schreibers, ihm 
„3000 Mark anonym“ zu borgen, und zwar auf ein Jahr gegen Rückvergütung 
von 3500 M. und 6% Zinsen, die schon im Voraus in Abzug gebracht werden 
könnten. Sollte der Briefempfänger das Geld gerade nicht zu Hause haben, 
wie man das ja auch von sparsamen Leuten nicht anders erwarten kann, so 
möchte er es gleich am nächsten Tage aus Berlin holen und an den näher be- 
zeichneten Ort zur Abholung bereit legen. Im Besitz des Geldes, werde er 
nicht verfehlen, alsbald für einen „gerichtlich abgestempelten Schuldschein“ über 
3500 M. zu sorgen und bei dieser Gelegenheit auch seinen wahren Namen an¬ 
geben. Die nähere Bezeichnung des gewählten Hinterlegungsortes verrät eine 
auffallende Vertrautheit mit den örtlichen landwirtschaftlichen Verhältnissen. Die 
Abmessung geschieht nicht etwa nach Massangaben, wie z. B. soviel Meter, soviel 
Schritte von da und da, oder nach besonderen Aufzeichnungen, sondern in der 
sozusagen etwas umständlich beschreibenden Bauemsprache und zwar so: Wenn 
Sie den Weg nach Kleinbeeren 1 ) gehen, so ist auf der rechten Seite ein Stück 

*) Der Anonymus sagt merkwürdigerweise „klein Beerent“. 



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Zur Psychologie der Erpresserbriefe. 


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mit Hafer, dann kommt ein Stück mit Luzerne, dann kommt eine Parzelle mit 
einer Laube, dann eine Parzelle ohne Laube, zwischen dieser, der zweiten und 
d-r dritten (Parzelle), wo der dichtbewachsene Zaun anfangt, also am ersten 
Pfahl der dritten Parzelle, hinter dem neuen Kirchhof, das Land über dem 
Weg an dem genannten Pfahl in einer zwei Finger tief eingegrabenen Blech¬ 
büchse, dort soll das Geld hineingelegt werden und zwar am 30. 6. 10., abends 
nach 10 Uhr. Um seinem Darlehensgesuch den nötigen Ernst zu verleihen, 
lässt er unter Hinweis auf eine „wegen ihrer Gaunerei dem Siechtum ver¬ 
schworene“ Lichtenrader Familie einige Drohungen durchblicken, verweist 
andrerseits aber auch auf einen früheren Darlehnsgeber, der „ein Herz im 
Leibe“ hatte und „seinen Worten Glauben schenkte“, dafür aber auch seit jenem 
Tage Glück und Gesundheit geerntet habe; auch habe dieser sein Geld wieder 
auf Heller und Pfennig zurückerhalten“. Der nun zum Darlehnsgeber ausge¬ 
wählte Briefempfänger möge daher auch kein „Geizhals“ sein, zumal da es sich 
ja nur um ein Darlehn handle und er durch dessen Hingabe seine „Gesundheit 
und sein Leben“ erhalten könne, das doch „mehr wert“ sei. Es heisse ja auch: 
„Zu spät kommt oft die Reue, und oftmals ist es daun zu spät.“ Dann folgt 
das Schweigegebot, besonders Verwandten und Bekannten gegenüber, vor allem 
solle er aber die Polizei aus dem Spiele lassen. 

Für die Beobachtung des weiteren Verhaltens des Briefempfängers seien 
Vorkehrungen getroffen, er könne ihn beobachten, auch ohne die Hinterlegungs¬ 
stelle selbst betreten zu müssen, er habe nämlich einen „elektrischen Xylo- 
graphen“ 1 ) heimlich dort aufgestellt, durch den der Briefschreiber erfahren 
könne, ob er (der Briefempfänger) ihm helfe oder gegen ihn arbeite. Für den 
ersteren Fall werde ihm versichert, nach Ablauf von drei vollen Monden seine 
„frühere Gesundheit“ wieder zu erlangen, was er als den „ersten Beweis seiner 
Dankbarkeit“ hinnehmen möge; doch im zweiten Falle, wenn er nämlich der 
Darlehnshingabe sich widersetze, werde er innerhalb 8 Monden sein Leben ver¬ 
lieren. Er (der Briefschreiber) habe „ergründet“, dass der Adressat eine „un¬ 
heilbare Krankheit“ *) habe, die ihm nach Ablauf dieser Zeit gefährlich werde. 
„Denn wenn das Herz dem Körper gegenüber zu schwach ist, so ist es gerade, 
als wenn eine Uhr eine zu schwache Feder hat; denn sie läuft nicht für die 
Dauer und muss aussetzen.“ Bei Erfüllung der Bitte werde er aber „an seinem 
eigenen Leibe ein Wunder erleben.“ Unterzeichnet: „Der Unbekannte unter 
Hochachtung und tiefstem Dankgefühl J. V. G. T.“ 

Nachdem, wie bekannt, der heimlich aufgestellte „elektrische 
Xylograph“ versagt und das in Aussicht gestellte, auf die Gesund¬ 
heit günstig wirkende „Besprechen“ auf den Briefempfänger nicht 
den erwarteten Eindruck gemacht hatte, wandte der sonderbare Dar¬ 
lehnssucher den nicht mehr ungewöhnlichen Trick des „Komitees 
der schwarzen Hand“ an, von dessen Geist der zweite, an den un¬ 
folgsamen Gutsbesitzer gerichtete Brief vom 6. Juli durchweht ist. 

*) Der anonyme Held meint vielleicht einen „Psychographen“, den Schreib¬ 
apparat, durch den die Geister der Spiritisten sich äussern. 

*) Der Briefempfänger soll herzleidend sein. 


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Hans Schneickert 


Da auch dieser Trick nicht den gewünschten Erfolg hatte, wurde 
der ungeduldige Darlehnssucher endlich etwas energisch und ver¬ 
suchte es mit der sog. „Höllenmaschine 11 , die aber bei weitem nicht 
leisten sollte oder konnte, was man von einer richtig gehenden 
„Bombe“ erwartet. 

Wenn man sich die ganze etwas tragikomisch anmutende Situa¬ 
tion vergegenwärtigt, muss man doch daran zweifeln, dass es sich 
um gewerbsmässige Erpresser handelt, und muss zu der Ansicht 
kommen, dass die ganze Erpresseraffäre lediglich einen lokalen 
Charakter hat. Ein geübter Erpresser schreibt schon gar nicht so 
viel 1 ), dann auch nicht so umständlich über den Hinterlegxmgsort. 
Und wie viele Grossstadtverbrecher wissen denn z. B., dass eine ge¬ 
wisse Kleeart „Luzerne“ heisst? Die ganze Ausdrucksweise, vor 
allem aber die Kenntnisse von den Verhältnissen des Opfers und an¬ 
derer Einwohner des Ortes lassen darauf schliessen, dass derUebel- 
täter nicht weit vom Schüsse sitzen kann. Dann kommt aber 
noch der weitere ebenso wichtige Umstand hinzu, dass der Brief¬ 
schreiber etwas abergläubig veranlagt ist, oder wenigstens zu 
sein scheint, ein Umstand, der auch bei Kleinbauern nicht aus¬ 
geschlossen ist. Im Gegenteil finden wir gerade bei Bauern den Ver¬ 
such, Wohlstand und Gesundheit durch abergläubige Betätigungen 
zu fördern oder zu stören, als eine immer wiederkehrende und oft 
tief wurzelnde Gepflogenheit, oder sagen wir richtiger: Unsitte. 

Selbstverständlich kann man den „Aberglauben“ des Brief¬ 
schreibers für einen blossen Trick halten, sobald bekannt ist, dass 
der Briefempfänger mit einem „echten Aberglauben“ behaftet ist 1 ). 

22. Ein Erpresserbrief nach dem Muster des Lichtenrader 
„Bombenattentäters“. 

Der Hauswirtsanerbe Heinrich H., 32 Jahre alt, hatte am 18. 7. 10. acht 
Erpreaaerdrohbriefe an verschiedene Personen geschrieben und, als sie ohne 
Erfolg waren, am 26. Juli vor seinem Hause eine Dynamitexplosion inszeniert. 
Der Wortlaut eines dieser Briefe ist: 

„Werter Herr K.! 

Sie werden Hiermit auf gefordert bis zum 1. August d. J. 5000 Mark, 
also Fünftausend Mark, in Gold in 10 und 20 M. zu hinter legen. Die Stelle 
ist beim Kuhlrader Handweiser, im Wege von Stove nach Kl. Maltzan. Unter 

') Der erste Brief des Erpressers umfasst 98, der zweite 92 Schreibzeilen I 
Andere Erpresser wissen von ihren auserwählten Opfern oft kaum mehr als Name, 
Stand, und dass sie als reich gelten; das Beiwerk sind Phrasen. 

*) Inzwischen wurde der Lichtenrader Erpresser durch Schriftvergleichungen 
des Verf. in der Person des in unmittelbarer Nähe des Tatorts wohnenden Schuh¬ 
machers K. ermittelt, der auch am 24. November 1911 wegen versuchter Erpressung 
zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden ist; dass er auch die „Höllenmaschine“ 
angefertigt und an der Hinterlegungsstelle vergraben hat, konnte ihm nicht nach¬ 
gewiesen werden. 


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Zur Psychologie der Erpresserbriefe. 


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dem Handweiser liegt eine Glasdose die Glasdose ist mit einer Grassode, 
einem Stein zugedeckt. So wie Sie ein Wort hiervon sagen, kriegen Sie mit 
uns zu tun. Diamit und Gift sindt unser Waffen. Wir Spasen nicht wir 
kommen von Lichtendorf *) bei Berlin. Die Sache ist eine Ersten 1 ). Wir 
kennen Ihre Verhältnisse und wissen das Sie die 5000 M. missen können. 

Lübeck d. 17. 7. 10 Achtungsvoll 

Verband d. Arnachisten.“ 

Der Erpresserfeldzug dieses Heinrich H., der wenige Tage nach 
dem Lichtenrader Bombenattentat, auf das in den Briefen auch Be¬ 
zug genommen wird, ins Werk gesetzt worden ist, zeigt zur Genüge, 
was ausführliche Presseberichte über Sensationsaffären dieses Genres 
an Suggestion zu leisten vermögen! 8 ) 

Das Lichtenrader Manöver ist aber auch noch in anderen Ge¬ 
genden nachgeahmt worden, wie der vorige und auch andere, mir 
nur aus den Tageszeitungen bekannt gewordene Fälle beweisen. 
Aber auch in der Reichshauptstadt spukte es zu jener Zeit, wie die 
zahlreichen in dieser Lichtenrader Affäre eingelaufenen anonymen 
Briefe zeigten. Nur zwei Fälle seien davon als besonders bezeichnend 
herausgegriffen. 

23. Unbekannter fordert (unter Hinweis auf das Lichtenrader Verbrechen) 
von einem Herrn 2000 M. als Darlehn, das er zu einer bestimmten Zeit, an 
einem bestimmten Ort nach Massgabe einer beigefügten Zeichnung in einer 
Blechbüchse vergraben soll, andernfalls werde seine Wohnung in die Luft ge¬ 
sprengt. Unterzeichnet: „M. d. Sch. H. te 

24. Unbekannter verlangt von einer Frau unter Todesdrohung 150 M. 
in Papiergeld in einem starken undurchsichtigen Kuvert, postlagernd, unter¬ 
zeichnet: „I. A. d. Sch. H. u Interessant ist folgende Briefstelle: „. . . . Sie 
werden bei ruhiger Ueberlegung selbst beurteilen, dass es für Sie das beste 
ist, wenn Sie in den sauren Apfel beissen und den Verlust verschmerzen; denn 
im Weigerungsfälle wären die Folgen für Sie nebst Tochter furchtbar. Also 
wählen Sie das Bessere, die 150 M. sind bald verschmerzt. Die Folgen . . .? 
Denken Sie an Lichtenrade und an die Blumentalstrasse 4 ). . . . Wir arbeiten 
langsam, aber sehr sicher, und unsere Verbindungen sind so weitgehend, dass 
es nie möglich sein wird, einen Schuldigen zu ermitteln . . . Verschmerzen 
Sie die kleine einmalige Ausgabe, und wir werden Sie nie wieder belästigen. 
Aber unter allen Umständen Schweigen zu Jedermann, wer es auch sei, zu 
Ihrem Heil!! ! tt 

25. Nachstehender Erpresserbrief an einen Kommerzienrat scheint 
auch auf das Konto des Lichtenrader Falles gesetzt werden zu müssen, 

*) Soll „Lichtenrade“ heissen. 

*) statt „eraste u . 

8 ) Dass es sich in diesen beiden Fällen um denselben Täter handeln könnte, 
ist nach meinen Untersuchungen vollständig ausgeschlossen. H. wurde zu 18 Monaten 
Gefängnis verurteilt. 

4 ) Betrifft den Mord an der Witwe Hoffmann in Berlin. 


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da er aus derselben Zeit stammt und Aehnlichkeiten in den gegebenen 
Ablieferungsbedingungen aufweist, wahrscheinlich aber von einem 
Geisteskranken herrührt: 

„Wenn Sie die Strasse, welche nach der „weiten Bleiche u führt, entlang 
gehen, d. h. die Fortsetzung der „Bleichen Strasse“, so werden Sie nach 
kurzer Zeit auf einen mit weisser Oelfarbe geschütteten Streifen stossen, Sie 
gehen demselben auf das Ufer der Spree zu nach und kommen nach einigen 
Schritten auf einen zweiten derartigen Streifen. Auf diesen Streifen haben 
Sie die Summe von 360000 M. (in Worten dreihandertsechzig Tausend Mark) 
in Gold und teils in Banknoten zu 100—1000 M. niederzulegen. Und zwar 
soll das am Abend des 31. 8. 10 Vs 10 Uhr erfolgen. Nach erfolgter Nieder- 
legnng haben Sie dreimal kurz hintereinander zu feuern und zwar aus einem 
Revolver von 9 mm Kaliber Grösse. Sie haben sich hierauf eiligst zu ent¬ 
fernen, wenn Sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollen, niedergeschossen 
zu werden. Bei der Möbelfabrik wird eine Dame auf Sie warten, welche 
einen ziemlich umfangreichen Reisekoffer in der Hand hat, Sie sagen zu der 
Dame — „Durch Wolken geht des Adlers Flug.“ 

Die Dame wird Ihnen hierauf den Koffer überreichen. Was Sie in dem¬ 
selben finden, haben Sie sorgfältig aufzubewahren und uns am 1. 1. 1917 
znrückzugeben, da Sie an dem Tage die Summe von 360000 M. nebst 4% 
Zinsen bar und unverkürzt zurückerhalten werden. Unser Unterzeichneter 
Name wird Ihnen zur Warnung dienen, dass Sie keinen Verrat begehen 
können; übrigens haben wir auch alles aufgeboten, einen solchen zu verhindern. 
Sollten Sie aber trotzdem einen solchen begehen, so seien Sie versichert, 
dass wir furchtbare Rache nehmen würden. — Das Geld ist in einem Sack 
verpackt niederzulegen. 

Die Schwarzhand und die Schwarzköpfe.“ 

26. G. B., Metallarbeiter, 4. Juni 1888 in Berlin geboren, ist als Er¬ 
pressertyp ein ausgesuchtes Schulbeispiel, das für den Kriminalisten wie den 
Psychiater von gleich hohem Interesse ist. 

B. ist 14 mal vorbestraft, zuletzt 1910 in Nürnberg wegen Erpressung 
mit 14 Monaten Gefängnis; ausserdem 6mal wegen Diebstahls, einmal wegen 
Widerstandes und Körperverletzung, einmal wegen Unterschlagung und Ur¬ 
kundenfälschung, 5 mal wegen Bettels und Arbeitsscheu. Als Jugendlicher 
schon vergreift er sich an seiner eigenen kleinen Schwester, kommt in die 
Irrenanstalt, wird beim letzten gerichtlichen Verfahren vom Amtsarzt als imbezill, 
aber doch zurechnungsfähig erklärt, Sohn schwer belasteter Eltern. 

B. hat, ehe er sich auf das Gebiet der Erpressungen wagte, eine gewisse 
Schulung sich angedeihen lassen. Er gibt bei seiner Vernehmung an, dass er 
schon von seinem 14. Lebensjahre an mit Vorliebe sensationelle Kinematographen- 
vorstellungen besuchte und Romane las, in deren Mittelpunkt Verbrecherhelden, 
wie Texas Jack, Buffalo Bill und Nick Carter standen, und in denen er auf¬ 
regende Erpressergeschichten geschildert fand. Die dort wiedergegebenen Er¬ 
presserbriefe benützte er selbst als seine Entwürfe, entnahm ihnen sogar die 
Namen seiner Detektivs und Spione. Die Entwürfe seiner Briefe und Eides- 


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Zur Psychologie der Erpresserbriefe. 


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formein, sowie die aas Zeitungsannoncen und Adressbüchern entnommenen 
Namen geeignet erscheinender Opfer, namentlich adeliger Frauen, fand man bei 
seiner Festnahme fein säuberlich in Geheimschrift aufgezeichnet. 

Merkwürdig ist Beine folgende Protokollerklärung: „. . . Indem ich den 

Brief an die Frau von.schrieb, verfolgte ich die Absicht, bis über den 

Sommer hinaus eingesperrt zu werden. Das kam so: Während ich den Brief 
an die Frau.schrieb, wurde ich klar darüber, dass ich für die mensch¬ 

liche Gesellschaft nicht mehr tauge und aus ihr ausgestossen bin . . .“ 

Die Lektüre der Erpressergeschichten habe ihn so aufgeregt, dass er 
wiederholt in der Nacht aufgestanden sei, Erpresserbriefe entworfen, sie aber 
wieder vernichtet habe. Tatsächlich soll B. auch solche Erpresserbriefe abge¬ 
sandt haben, über deren Erfolge er sich weiter gar nicht mehr gekümmert 
habe. Hiermit erwies sich B. nicht etwa unlogisch, sondern ausgesprochen 
pathologisch. 

B. betrieb mit Vorliebe die Spezialität der „ Augenblendung“, jedoch 
glücklicherweise nur „brieflich“. Ein von ihm verfasster und abgesandter 
„Anarchisten-Aktionserlass“, auf Briefbogen mit Trauerrand, hat folgenden 
Wortlaut: 

„Auf Veranlassung unseres Bundes erdolchen wir sie im Laufe dieses 
Sommers oder völlige Blendung beider Augen, wenn eine einmalige Ab¬ 
findungskontribution von 100 M. ausbleibt. Völlige Schweigsamkeit ist an¬ 
zuraten für das Wohl ihrer Person. 

Ablösende Wachmannschaften unter Detektivmasken zu Fuss und Bad 
übersehen die Aufsicht unserer Sicherheit. Ergeben sie sich willig in dieser 
Resignation, denn wir sind Männer kaltblütiger Revolutier und operieren mit 
sicheren und weltmännischen Kunstkenntnissen. 

Diese Trauernachricht möge der Vorbote Ihres Todes sein, bei Nicht¬ 
befolgung dieser verschworenen Zwangsordre. 

Jedes geheimnisvolle Eingreifen Ihrerseits, die zu Ermittlerungen unseres 
Anarchisten Casino dienen sollen, durch Beihilfe Polizei- resp. Kriminal¬ 
personen, werden furchtbar nach korsischen Vorschriften gerächt. Ist und 
wird Verdacht, Verrat, Aufruhr festgestellt, so findet „Dynamitattentat“ statt, 
welches das Leben anwesender Personen zur Nachtzeit vernichtet. 

Wir setzen den Stolz in unserer Brust, wenn sich ein gutes Können 
ihres Charakters echt gekennzeichnet hat, und stehen zum Dank vor jedes 
Verbrechen zurück. Schlüssel, die uns den Zugang ihrer Wohnung gewähren, 
sind zum 14. Oktober 1909 in C . . . nach technischen Zeichnungen verfertigt 
und werden auf Anordnung des Protektor ausgegeben, nur bei Rapport, wenn 
die Forderung ausbleibt. 

Solohes möchten wir Sie teuer an Herzen legen mit der Versicherung 
das uns kein Mensch entgeht der den Gehorsam in der Strenge ver¬ 
weigert hat. 

Nach eidlicher Bekräftigung 

Gez. von Deuz 
Anarchist-Sergant. 

Müller „ Spion“ 

Zeitschrift fflr Psychotherapie. IV. 4 


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Das Geld muss ein Hundertmarkschein sein und derselbe ist im Brief- 
kouvert zu verschliessen. Einzusenden ohne Wertangabe. Ihr Haus wird 
mit Ferngläser bewacht. 

Abs. 0. Deuz 

Nürnberg. 

Nadlergas se 10. 

Bis Montag Abend 6 Uhr hat der Brief einzutreffen, sonst Absagung.“ 

Aus einem anderen Briefentwurf: 

„Versuchen Sie durch heroisches Eingreifen mit Hilfe der Polizei die 
Sicherheit zu verletzen, so werden Sie in nächster Gelegenheit, wie sie sich 
in privat auch sichern mögen, total geblendet. Sie haben darüber kein Wort 
zu verlieren und Sie werden wissen, dass Anachisten kein Spass verstehen. 
Die Verschwörung ist für Ihre Person geheim zu halten, damit sich die 
Verbrecherwelt kein Monopol zu machen weise. u 

„Nach eidlicher Bekräftigung unterzeichnet: 

Th. M. W. B. 

Anachist-Sergant Anachist-Detektiv 

früher Feldwebel. Augenblender. u 

Schliesslich noch die Eidesformel aus B.s Anarchistenbureau: 

„Ich schwöre nach bestem Gewissen im Namen der Anachie mit allen 
„Kräften mein Gelübtnis völliger Schweigsamkeit im Schriftlichen meines Namens 
„als Unterpfand für mein teuer erkauftes Kind für die Gegenwart und Zukunft 
„zu unterbreiten, so wahr ich lebe und sterbe/ 

Die Prüfung ergab, dass B. über die von ihm verwendeten 
Fremdwörter in den wenigsten Fällen Aufschluss geben konnte. 

Aus der Gruppe der päderastisch en Erpresser will ich fünf 
typische Briefe auszugsweise mitteilen: 

27. Max 0., Kaufmann, 30 Jahre alt, richtet an einen Herrn die „herz¬ 
liche Bitte“, allerdings unter Hinweis auf eine Strafanzeige wegen Vergehens 
gegen § 175, ihm 300 M. in Papiergeld postlagernd zuzusenden, als Darlehen. 
Der erste Brief schliesst: „Sollte ich das Geld nicht erhalten, so werde ich 
mich an Ihre Frau wenden und werde Sie somit entlarven, mir ist alles egal. 
Im Voraus besten Dank . . .“ Nach erhaltener Abschlagszahlung verlangt er 
den Bestbetrag mit der Begründung, er hungere schon seit mehreren Tagen, 
verlangt auch den ersten Brief zurück, da er erledigt sei und keinen Zweck 
mehr für ihn habe. Auch verspricht er, ihn nicht mehr belästigen zu wollen, 
da er niedergeschlagen genug sei. 

28. Karl Sch., Hausdiener, 20 Jahre alt, stellt sich nach Verbüssung 
einer Strafe wegen Erpressung seinem Belastungszeugen, den er durch seine 
günstige Aussage geschont habe, mit einer neuen Bitte um Unterstützung vor, 
mit folgendem Schreiben: 

„Da es mir nun schlecht geht und meine Kleidung die denkbar schlechteste 
ist, bitte ich Sie, mir gütigst 20 Mark zu leihen, damit ich mich wieder als 
Mensch sehen lassen kann. Ich wäre gern selbst zu Ihnen gekommen, aber 


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Zur Psychologie der Erpresserbriefe. 


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meine Kleidung ist zu reduziert, so dass Sie sich blamieren müssten, mit mir 
Verkehr gehabt zu haben. u 

29. Johann K., Arbeiter, 22 Jahre alt, verlangt in mehreren Briefen von 
einem Herrn nach wiederholter Unterstützung 4—5000 M., um nach Amerika 
auswandem zu können, mit der Drohung, dass er sonst eine offene Karte an 
sein Bureau schreiben oder dort persönlich erscheinen werde. Im ersten Brief 
schrieb dieser Wolf in Schafskleidern: „. . . Ich werde für Sie jeden Tag beten, 
dass der liebe 3ott Ihnen die Wohltaten, die Sie an mir getan haben, vergelten 
werde. . . . Ich bin ein ganz anderer geworden und hasse das vergangene 
Leben . . .“ 

30. Franz H., Steinsetzer, 20 Jahre alt, verlangt von einem Herrn 100 M. 
postlagernd und schreibt dazu: „. . . Ich komme noch einmal mit einer Bitte, 
was nicht anständig ist von mir, da ich Ihnen mein Ehrenwort gegeben habe, 
Sie nicht mehr zu belästigen . . . Sollten Sie das Geld nicht schicken, dann 
werden wir uns wieder persönlich mal sprechen.“ 

31. Franz L., Gürtler, 18 Jahre alt, verlangt von einem Herrn unter 
Drohung 82 M. für entstandene Doktorkosten für körperliche Beschädigungen, 
die auf dessen Konto zu setzen seien. Der Briefschliesst: „Machen Siekeine 
Dummheiten; ich habe meine Massregeln getroffen; denn mit Geld ist es nach¬ 
her zu spät, und Zuchthaus ist auch kein Palast“. 

32. Schliesslich wäre noch eine letzte Erpresserspezialität zu er¬ 
wähnen : Die „Erpresserschriftsteller“, wie wir an Raubmörder Hennig 
und den Raubmördern Karl und Friedrich Koppius zwei unübertreff¬ 
liche Schulbeispiele aus der letzten Zeit haben. Zuerst begehen sie 
Raub und Mord und nachher wollen sie authentische Berichte in 
den Tageszeitungen oder in Buchform veröffentlichen. Lediglich 
weil diese beiden Fälle anderweitig schon veröffentlicht sind *), kann 
ich mich mit dem blossen Hinweis auf diesen gefährlichen Typus 
des schreibenden Verbrechers begnügen, aber schliesslich eine kleine 
Stilprobe aus dem ersten der 15 Erpresserbriefe des Karl Koppius 
anfügen. 

„. . . Ich beabsichtige, alle meine Taten niederzuschreiben, dazu fehlen 
mir aber die dazu gehörigen Mittel jetzt. Auch leide ich so sehr an der 
Lunge, dass ich nach Italien machen will , • . Ich schlage Ihnen nun als 
Verlagsbuchhändler den Verlag meines Buches vor und verlange 5000 M. in 
Gold Vorschuss. Sobald dieses Buch fertig ist, noch 5000 M. in Gold, 
weiter nichts. Auf Ehrenwort!! Sie lachen mit Unrecht. Mein Wort halte 
ich jedenfalls besser als jeder andere Mensch! . . .“ 

Hennig, nach dessen Vorbild Koppius gearbeitet zu haben 
scheint, verlangte für eine ähnliche schriftstellerische Arbeit, die er 
einer Berliner Tageszeitung angeboten hatte und die den von ihm 

*) Der Fall Hennig ist von mir im „Archiv für gerichtliche Schriftenunter¬ 
suchungen“, Bd. I, S. 249 ff., der Fall Koppius in einer von G. Chr. Stephany 
herausgegebenen Broschüre „Argus R . . .“ eingehend dargestellt worden. 


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Hans Schneickert 


begangenen Raubmord an dem Kellner Giemoth behandeln sollte, nur 
1200 Mark. 

Ganz merkwürdig ist die Tatsache, dass gewiegte Verbrecher 
das Geld in bar oder in Gold verlangen, weil sie durch die Veraus. 
gabung genügend gekennzeichneten Papiergeldes zu leicht in eine 
Falle geraten könnten. 

Zum Schluss noch ein paar Worte zur Bekämpfung des 
Erpressertums. Der Erpresser geniesst keineswegs so viel Scho¬ 
nung wie mancher andere durch Not zum Verbrecher gewordene 
Mensch. Denn richtet sich die Erpressung gegen Bekannte oder gar 
frühere Freunde, so stellt sie in aller Augen den stärksten Grad von 
Undank und Gemeinheit dar, richtet sie 3ich gegen fremde Personen, 
so liegt der stärkste Grad von Gemeingefährlichkeit vor. Also: Pardon 
wird nicht gegeben! Und doch wandeln so manche Erpresser un¬ 
gestraft unter den Linden! Warum? Ferriani gibt in seinem 
Werke: „Schlaue und glückliche Verbrecher“ 1 ) in dem Kapitel: ,Die 
mitwirkenden Umstände der Unbestraftheit* die richtige Antwort, in¬ 
dem er von einer gewissen „Mitschuld der Gesellschaft“ spricht. Ich 
kann an diesem Kapitel nicht Vorbeigehen, ohne seine trefflichen 
Bemerkungen über diesen Punkt zu zitieren: „. . . Wir haben Men¬ 
schen, die für ihr eigenes Konto auch nicht der geringsten ehrlosen 
Handlung fähig sind, die aber trotzdem durch psychische Indolenz, 
um Verdriesslichkeiten und Zeitverlust zu vermeiden, das Verbrecher¬ 
tum bestärken und zu einer Verheimlichung beisteuern. Alles in 
allem gehören sie zur Klasse jener, welche die Regeln der Ehre be¬ 
obachten, wie man die Sterne beschaut, nämlich aus weiter Feme. 
Sie sagen, lieber die Diebe als das Gericht im Hause haben. Die 
Diebe stehlen und verschwinden, und alles ist vorüber. Die Gerech¬ 
tigkeit jedoch? Wie viele Verdriesslichkeiten! Man muss zur Polizei 
laufen und den Diebstahl anmelden, Zeugen anführen und sich Feinde 
machen . . . Dann ruft uns der Untersuchungsrichter; der Prozess 
beginnt und der Verbrecher behauptet noch dazu, der ganze Dieb¬ 
stahl sei nur eine Phantasie, ein Missverständnis. Mit einem Worte, 
ein Gehäufe von Langweiligkeiten, verlorenen Stunden und der 
schönen Aussicht, von dem Gestohlenen trotzdem nichts zurückzuer¬ 
halten . . . Und dieses ist dazu noch ein Schaden, der sie (die An¬ 
zeigenden) direkt berührt. Nun stelle man sich erst vor, dass sie 
sich gar der Schädigung eines anderen halber aus ihrer Ruhe bringen 
lassen sollen! Das fehlte noch gerade! Den Zeugen spielen und in 
der öffentlichen Verhandlung durch allerlei Fragen auf das Kom 


l ) Deutsch von Alfred Ruhe mann, Verlag Cronbach, Berlin, 1899. 


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Zur Psychologie der Erpresserbriefe. 


53 


genommen werden zu sollen I Das ist nun erst die wahre Daumen¬ 
schraube. Der Verteidiger darf euch ohne weiteres als blind, taub, 
gedankenlos, als wirren Kopf, schlimmer noch, als einen Lügner, 
Freund des Geschädigten und Feind des Diebes hinstellen. Kann es 
noch etwas Schlimmeres geben? Nein, nein, lieber sich hübsch still 
verhalten, ruhig berauben lassen, dem an dem Nachbar begangenen 
Diebstahle teilnahmlos zuschauen und den Mund nicht auftun. Ein 
Dieb mehr oder weniger macht die Welt nicht besser oder schlechter. 
Auch geschieht es einem mit dem Diebe wie mit denen, welchen 
man zehn Mark leiht. Nach dem Diebstahl, nach dem Darlehen 
hört und sieht man nichts mehr von ihnen. Diese Apathischen, 
diese Feinde aller Unbequemlichkeiten sind dieselben, welche dem 
entlassenen Dienstboten noch ein gutes Zeugnis ausstellen, trotzdem 
er ungetreu gewesen, nur um in Frieden gelassen zu werden. Aber 
der Dienstbote wird nun eine andere Herrschaft bestehlen? Mag er! 
Sie begreifen nicht, dass sie damit das Verbrechertum speisen, dass 
sie Mitschuldige desselben sind, nicht mehr und nicht weniger als 
jene, die von der befreundeten Nacht beschützt, an der Strassenecke 
lauern, während der Genosse die Ladentür erbricht . . .“ 

Soweit die Ansicht eines berühmten erfahrenen Staatsanwaltes. 
Noch ein wunder Punkt in der Schwierigkeit der Bekämpfung des 
Erpressertums muss hier berührt werden. Wie sehr viele Menschen 
erst dann zum Arzt laufen, wenn ihnen etwas unerträglich weh tut, 
so wendet sich der von Erpressern Bedrängte erst, wenn er keinen 
Ausweg mehr findet, an Gericht oder Polizei. Auf alle Fälle aber 
höchst ungern! Und damit rechnen ja auch die meisten Gauner. 
Zwei Klassen von Belastungszeugen sind hier zu unterscheiden, je 
nachdem die Erpressung unter Ausnützung einer an sich strafbaren 
oder doch unehrenhaften Tat des Opfers ins Werk gesetzt, oder 
lediglich das kapitalistische Interesse ins Auge gefasst wird. Jene 
Gruppe ist um deswillen weniger geneigt, den Anstoss zu einem ge¬ 
richtlichen Verfahren zu geben, weil sie seelische Torturqualen zu 
befürchten haben; denn jeder Angeklagte und Verteidiger wird, die 
Erpressung selbst zugegeben, doch die Zubilligung „mildernder Um¬ 
stände“ anstreben, indem der Belastungszeuge vor die Alternative 
gestellt wird, die von dem Angeklagten behauptete Beschuldigung 
irgendwelcher Verfehlung unter Eid zuzugeben, abzustreiten oder unter 
Hinweis auf das Zeugnisverweigerungsrecht des § 54 der Strafprozess¬ 
ordnung zu verschweigen. Wesentlich ist bei dieser Gruppe von 
Belastungszeugen der Umstand, ob die der ausbeuterischen Erpres¬ 
sung zugrunde liegende strafbare Handlung des Opfers ein Mitgeheim¬ 
nis des Angeklagten ist oder nicht, d. h. ob dieser persönlich oder 


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54 


Haas Schneickert: Zur Psychologie der Erpresserbriefe. 


durch dritte, zunächst unbeteiligte Personen Kenntnis von jener 
Verfehlung erhalten hat. Sobald sich nämlich der Angeklagte auf 
dritte oder gar unbekannte Personen berufen müsste, wäre die Sache 
für ihn schon viel misslicher, für den Belastungszeugen hingegen 
bedeutend günstiger, während im Falle der Mitschuld des Opfers tat¬ 
sächlich die Gefahr der Preisgabe eines unter Umständen strafbaren 
Geheimnisses droht, sei es auch nur durch die Verweigerung des 
Zeugnisses nach § 54 St.P.O» Bei Erpressungen gibt es keine kon¬ 
kurrierende Mitschuld analog den Fällen des Bürgerlichen Gesetz¬ 
buches, die eine gewisse Mitbelastung des Geschädigten begründet, 
sondern nur eine vom Erpresser allein zu verantwortende strafbare 
Handlung. 

Die polizeiliche Praxis berücksichtigt in solchen Fällen grund¬ 
sätzlich nur die Tatsache der Erpressung, schon aus der Erwägung, 
dass diese Straftat, z. B. durch die vorgelegten Erpresserbriefe, er¬ 
wiesen ist, jene behauptete Straftat des Opfers aber immerhin zweifel¬ 
haft und vielfach nur durch die einseitige Erklärung des jetzt be¬ 
schuldigten Erpressers gestützt ist. Und selbst bei einer gewissen 
Wahrscheinlichkeit des behaupteten Deliktes des Opfers wird auf alle 
Fälle die Erpressung das grössere soziale Uebel sein und daher auch 
das strafwürdigste. 

Beim gerichtlichen Verfahren ist nun diese Auffassung nicht 
immer massgebend und zwar aus folgendem Grunde: Nach einem Ur¬ 
teil des Reichsgerichts vom 17. Januar 1884 (R.E. IX, S. 426) hat 
das Gericht keine Befugnis, die im § 54 St.P.O. gedachten Fragen 
schon wegen der Möglichkeit, dass der Zeuge die Auskunft verwei- 
weigem könnte, von vornherein abzuschneiden, und darf deshalb 
z. B. eine solche seitens des Verteidigers an den Zeugen gerichtete 
Frage durch Gerichtsbeschluss nicht zurückweisen, ohne den Zeugen 
darüber zu hören, ob er die Frage beantworten will. Man bedenke 
aber, dieses Urteil ist bereits vor 27 Jahren gefällt worden und kann 
ohne Einschränkung auf die heutigen Verhältnisse nicht mehr an¬ 
gewendet werden. Im Gegenteil, der immer lauter werdende Ruf: 
„Schutz den Zeugen I“ muss gerade auch in Fällen vorliegender Art 
erhoben werden, wenn der Kampf gegen die anerkanntermassen 
immer frecher auftretenden Erpresser nicht zum grosen Teil illuso¬ 
risch werden und eine zu theoretische Auffassung dieses Deliktes 
den Erpressern Hintertüren öffnen soll. 


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Th. Hoepfner: Vom gegenwärtigen Stande der Stotternforschung. 


55 


Referate. 

Vom gegenwärtigen Stande der Stotternforschung. 

Kritisches Sammelreferat von Dr. Th. Hoepfner, Eisenach. 


Es darf in einer rein wissenschaftliche Zwecke verfolgenden Kritik nicht 
verdriessen, von gegnerischer Seite darauf hingewiesen za werden, dass zwei 
wesentliche Anschauungen, die beide grosse Forschungszweige hinter sich haben, 
eine sehr lange Zeit ungenähert nebeneinander herlaufen, ohne sich in wesent¬ 
lichen Punkten auch nur irgendwie zu vereinigen. Liest man, dass Gutz- 
mann in seinem neuesten Werke in Kapitel 3, d, a, „das Stottern 4 auf seiner, 
der Kus s maul- Gutz mann sehen Spasmentheorie beharrt, so wird man zu 
der Ueberzeugung kommen, dass diese Anschauung nunmehr abschliessende 
Gültigkeit gewonnen haben soll. In folgendem Satze spricht sich das klar aus: 
„aus diesen von jedermann, der die experimentell-phonetische Methodik be¬ 
herrscht, leicht nachzuprüfenden Tatsachen ergibt sich zur Evidenz, dass beim 
Stotterer das TJebel nicht nur gelegentlich auftaucht, nicht nur dann vorhanden 
ist, wenn er anstösst, Laute wiederholt oder auf Konsonanten mehr oder weniger 
stark drückt, sondern dass das TJebel immer besteht und das Anstossen nur 
seinen schärfsten Grad darstellt.“ Seine diesbezügliche Anschauung vertritt 
Gutzmann wesentlich seit 1898, und aus ihr ist eine experimentelle Phonetik 
hervorgegangen, die an TJntersuchungsmethoden und wissenschaftlichen Ergeb¬ 
nissen eine klassische und internationale Menge von Wissen darstellt, aus ihr 
ist eine Befruchtung sämtlicher Zweige der Sprachphysiologie und Sprach- 
pathologie hergeleitet, die in Theorie und Praxis ein hervorragendes Gesamt¬ 
werk menschlichen Könnens darstellt. Aber die biologische und experimentell- 
psychophysiologische Wissenschaft und die Psychopathologie, speziell die des 
Kindesalters, sind in Gutzmanns Anschauung vom Wesen des Stotterns noch 
wesentlich unberücksichtigt geblieben, und wohl die meisten der Leser der 
neuesten Wiederholung seiner Anschauung werden wieder, wie schon so oft, 
vermissen, dass eine Berücksichtigung der „inneren Sprache“, der zentralen 
sprachlichen, vorstellenden und affektiven Vorgänge den letzten Beweis für die 
Richtigkeit der Spasmentheorie erbracht hätte. Bei Kussmaul finden wir 
eine so umfassende Darstellung dieser Verhältnisse, unter relativ glücklicher 
Vermeidung wesentlicher biologischer Streitpunkte, dass es an diesem Hinweise 
nicht gefehlt haben kann, an einer nicht ausschliesslich pathologisch-physio¬ 
logischen Demonstration der Sprechstörungen beim Stottern länger als 
nötig festzuhalten. Es ist nun nicht nur schwer, sondern überhaupt misslich, 
nach 14 Jahren noch einmal zu einer Revision der Kussmaul-Gutzmann- 
schen Spasmentheorie nachdrücklichst aufzufordern, wie ich es in meiner ersten 
grösseren Arbeit „Stottern als assoziative Aphasie 41 ) vor kurzem getan habe. 
Tatsächlich wäre es zu bedauern, wenn eine Ermüdung der Aufmerksamkeit 
der Interessenten schon eingetreten wäre; denn dann würde der Protest, der 
stets laut geworden ist, übersehen werden. 

*) Zeitschrift für Pathopeychologie, Bd. I, Heft 2/3. 


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Th. Hoepfner 


Diese Warnungen und die Anregungen, das Stottern auch auf seine seelischen 
Ursprünge hin zn betrachten, mussten beachtet werden. Es ist aus der Un¬ 
genauigkeit in diesem Funkte die m. E. verhängnisvolle Meinung entstanden, 
symptomatisches und ausgebildetes Stottern seien relativ unvereinbare Gegen¬ 
sätze. Ich verweise in diesem Punkte auf das zweite und dritte Kapitel meiner 
Arbeit. Es soll im Folgenden nun eine Uebersicht über eine Anzahl von Ar¬ 
beiten gegeben werden, aus denen man die Anregung hätte schöpfen müssen, 
in der von mir vorgenommenen Weise das Stottern zuerst biologisch-psycho¬ 
logisch, und dann erst physiologisch zu untersuchen. 

Ich habe daraufhin kürzlich in der Bibliothek der Landesheil- und 
Irrenanstalt Marburg (Herrn Geheimrat Prof. Dr. Tuczek spreche ich an 
dieser Stelle meinen Dank für die Erlaubnis dazu aus) die Literatur tunlichst 
durchgesehen. 

Im Jahre 1897 begegnen wir der in obiger Beziehung wichtigen Disser¬ 
tation von G. Geisler „Ueber einen Fall von hysterischem Stottern“. 
Es handelt sich um einen 87jährigen Mann (Buchbinder) aus der v. Strümpei 1- 
schen Klinik. Eine gröbere nervöse Belastung war nicht nachweisbar. Als Kind 
schwächlich; der Schulbesuch war verspätet. Vor Beginn des beschriebenen 
Leidens war nur eine leichte nervöse Erregbarkeit nachweisbar; es setzte 
ein mit Uebelkeit, Abasie und einer Art von Koma. Im Verlaufe eines Tages 
trat eine eigentümliche Sprachstörung auf: der Kranke bringt die Worte nur 
mit sichtlicher Anstrengung, unter „krampfhafter 14 Verzerrung von Gesichts- 
und Halsmuskeln hervor; es sieht aus wie die Sprache eines Stotterers. Die 
ersten Worte verursachen mehr Schwierigkeiten, als die nachfolgenden. Ein 
durchaus ähnliches Verhalten zeigen die Extremitätenbewegungen; dabei besteht 
kein eigentlicher Ausfall von Bewegungen. Die Sensibilität zeigt typisches 
Verhalten (Hypästhesien). Nach 4 Tagen sind die sprachlichen Symptome teil¬ 
weise, nach 7 Tagen ganz geschwunden. „Die hysterischen Symptomata, der 
plötzliche Eintritt wie die schnelle Heilung der Krankheit, sprechen für 
hysterisches Stottern. 44 Wenn man in Rücksicht auf Arbeiten von Haupt, 
Morian, Grashey, Sommer, Wolff, Hendriks, Hellpach, die alle 
eine Art von Vorstellungsdissoziation zu kennen scheinen, über diesen Fall 
auch anderer Meinung sein kann, besonders in Anbetracht dessen, was 
v. Monackow in den letzten Jahren über Diaschisis gesagt hat, so be¬ 
schreibt Cr am er in seiner Dissertation „Ueber hysterisches Stottern“ (1898) 
einen unzweifelhaft echten Fall von Stottern. Auch hier kann man übrigens 
die in meiner zitierten Arbeit vertretene Anschauung bestätigt finden, dass 
Stottern ein selbständiger Zustand ist; die Hysterie ist^im Anschluss an Schädel¬ 
trauma entstanden. Es ist nicht bewiesen, dass die Hysterie das Stottern 
produziert, erfindet; es handelt sich nur um Hysterie und Stottern, um eine 
„Symbiose“ möglicherweise. Man kann nicht recht entscheiden, ob es sich um 
das ausgebildete Stottern oder etwa um ein Persistieren des posttraumatischen 
dissoziativen Stotterns ohne Komplexbildung (vgl. Laubi, Steckei, sowie 
meine Arbeit) handelt. Jakobi („Ein Fall von hysterischer Aphonie“, New 
Yorker med. Monatsschrift, 8, S. 41) beschreibt eine affektive „hysterische“ 
Aphonie bei einem 8jährigen Knaben und spricht die Aphonie als einziges 


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Vom gegenwärtigen Stande der Stotternforschnng. 


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„hysterisches tf Symptom an. Es ist augenfällig, dass dies einer von den Fällen 
ist, wo eine psychologisch und physiologisch indeklinable Erscheinung dem 
Neutrum der Hysterie zugeschoben wird. Es ist nun in jeder Beziehung 
wichtig, hierüber Klarheit zu gewinnen« — Auch die Arbeit von Win slow 
(„Hysterical Aphonia“, med. Record, LIII, S. 313) ist ein Appell, nicht nach 
einer materialistischen Erklärung für jedes Stottern zu suchen. Die Frage des 
psychogenen Stotterns ist in der Frage des hysterischen Stotterns auch be¬ 
handelt von M. Opp („Hysterische Aphonie“, Münch* med. Wochenschr. 1900, 
Nr. 21); etwas Aehnliches bei Ernst Kalmus („Ein Fall von Trompeten- 
stottem“, 1900, Neurol. Zentralblatt, Nr. 10); E. Bloch („Ein Fall von 
hysterischer Stummheit“, Münch, med. Wochenschr. 1900, Nr. 28); Walter 
(„Ein Fall von hysterischer Sprachstörung“, deutsche militär-ärztl. Zeitschr., 
XIII, S. 655); A. Liebmann („Die psychischen Erscheinungen des Stotterns“, 
Monat8schr. f. Psych., IX, S. 1777); ähnlich M. Heinemann („Ueber 
Psychosen und Sprachstörungen nach akut fieberhaften Erkrankungen im Kindes¬ 
alter“, Arch. f. Kinderheilk., Bd. 36), sowie K. Heilbronner („Sprach¬ 
störungen bei funktionellen Psychosen mit Ausschluss der aphasischen Störungen“, 
Zentralblatt f. Nervenheilk., N. F., Bd. XVII, S. 465). Im Jahre 1906 inter¬ 
essierten sich für dieses Thema Debove („Dysarthrie hystörique“, Arch. gen. 
de m6d. II., Nr. 28, p. 1746); Vi t e k („Hysterische Aphasie, Agraphie und Alexie 
im Anschluss an die erste Menstruation“, Revue neurol., p. 393), und Josef 
Loewenthal („Ueber einen Fall von hysterischem Mutismus“, Wiener med. 
Wochenschr., Nr. 18, S. 864); ferner Haase („Ueber eine Epidemie von 
hysterischem Laryngismus“, Wien. med. Presse, Nr. 22). O. Laubi machte 
1907 in Gutzmanns Monatsschrift seine Bedenken geltend („Die psychischen 
Einflüsse bei der Aetiologie und der Behandlung des Stotterns“, November— 
Dezemberheft). Die Frage des hysterischen Stotterns ist noch nicht einge¬ 
schlafen; das beweisen Arbeiten von Wladimorow („Ein Fall plötzlicher 
Aphasie bei einem Kinde“, Praktischeski Wratsch., 1909, Nr. 24); Seifert 
„Beitrag zur Behandlung der hysterischen Aphonie“, Zeitschr. f. Laryng., Bd. I, 
Heft 6, S. 759). 

Konnte aus diesen wesentlich klinischen und kasuistischen Beiträgen 
genügend Anregung zur Fortführung einer psychologischen Betrachtungsweise 
des Stotterns sehr wohl hergeleitet werden (Gutzmann erwähnt als Vertreter 
der „einseitigen“ psychologischen Auffassung in seinem Buche [„Die dysar¬ 
thrischen Sprachstörungen“, .911] nur Schranck (?), Freud, Steckei, 
Franck und Laubi und deutet an, dass diese wohl keine grössere Erfahrung 
hätten), so weist eine Reihe von Werken auf dem Gebiete der Sprachentwick- 
lungsforschung, der Sprachstörungsforschung sowie besonders der Aphasielehre 
noch deutlicher darauf hin, die Grundprobleme nicht zu vernachlässigen. Man 
wird finden, dass das Interesse an diesen Dingen in den letzten Jahren zu 
einer geradezu grossartigen Bewegung angewachsen ist. Das zeigt neben der 
riesenhaften Aphasieliteratur nicht nur Gutzmanns letztes Werk selber, 
sondern vor allem das Eindringen der psychophysiologischen und 
biologischen Grundgedanken in das ganze Gebiet, so besonders bei 
▼. Monackow („Ueber Lokalisation der Gehirnfunktionen“ und „Aufbau und 


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Th. Hoepfner 


Lokalisation der Bewegungen beim Menschen“, 1910). Man kann nicht verkennen, 
dass diese letzteren Werke eine grossartige Konzession der Physiologie an die 
Psychologie darstellen; sie stellen dar, wie diejenigen Anschauungen über die 
Hirnzentren heute einem ausgedehnteren theoretischen Material angepasst 
werden, die sich bis heute auf seiten der Sprachstörungsforscher wesentlich 
unverändert gehalten haben, so bei öutzmann , Liebmann, Oltuszewski 
und den ihnen Nahestehenden, von denen wir im Folgenden noch die meisten kennen 
lernen werden. Wenn auch bei einigen Arbeiten eine geradezu bedauerliche Ober¬ 
flächlichkeit der Betrachtungsweise in die Augen fällt, so wird doch im grossen 
und ganzen ein Weg gewiesen, den Outzmann in seinem in Bede stehenden 
Aufsatz nicht betreten hat. Es ist nicht Sache dieser Zusammenstellung, den 
Nutzen oder Schaden dieses Weges umständlich zu erörtern; aber es darf be¬ 
hauptet werden, dass dem Stottern in einer umfassenden Arbeit über die 
dysarthrischen Sprachstörungen, gerade wegen seiner aus der Literatur erweis¬ 
lichen Zugehörigkeit zu grösseren Interessegebieten, ein etwas grösserer Baum 
als 32 Seiten, und eine etwas ausführlichere Darstellung der Problematik hätte 
zuteil werden müssen. Damit ist das Verdienst der Arbeit nicht geschmälert. 
Die Aufforderung, der in Bede stehenden Frage näher zu treten, als es ge¬ 
schehen ist, lag übrigens auch in einem Thema vor, das geeignet war, den Ver¬ 
tretern der Annahme einer organischen Erkrankung die strafrechtliche 
Ausdehnbarkeit ihrer Anschauung vorzuhalten; ich meine die Arbeit von 
Eider („A discussion on aphasie, in relation to testamentary capacity“, Brit. 
med. Journ., 1898, 3. Sept.), ein Thema, das ich („Das 8tottern und der § 51 
des D. St.-G.-B.“, Therapie der Gegenwart, 1908) auch behandelt habe. (Vgl. 
auch Hegar „Der Stotterer vor dem Strafrichter“, 1904.) 

Das Jahr 1898 brachte Arbeiten über Stottern von Alb recht, H. Gutz- 
mann, Hascovecz, Liebmann, Mygind und Oltuszewski. Diese 
Autoren vertreten wohl sämtlich noch die „klassische“, Wernicke-Flech- 
sigsche Lokalisationstheorie. 1899 erschienen über dasselbe Gebiet Arbeiten 
von H. Gutzmann, M. Levy, Scheppegrell, Oltuszewski und 
A. Pick. Es verdient hervorgehoben zu werden, dass die Arbeit von A. Pi ck 
(„Ueber das sogenannte aphatische Stottern als Symptom verschiedenörtlich 
lokalisierter zerebraler Herdaffektionen“, Arch. f. Psychiatrie, Bd. 32, S. 447) 
und die von Sieletzki („Versuch systematischer und klinischer Erforschung 
der Sprachstörung bei Paralysis progressiva“, Journ. d. Nerven- und psych. 
Medizin, Bd. 5, Heft 1) das Interesse der Psychiatrie anzeigten; es waren dies 
spezifische Arbeitsgebiete, zu denen sich das der Erforschung der epileptischen 
Sprachstörung zugesellt (s. u.). 

Ueber Stottern und Sprachstörung wiederum schrieben im Jahre 1900 
A. Liebmann, Dogs (mehr allgemein), Koeckelenbergh und Lind¬ 
berg; über Sprache und Sprachstörung im Jahre 1901: Liebmann (s. o.), 
Coen, Michelsohn, Oltuszewski und Weil. Das Jahr brachte auch 
eine Arbeit von Z. Janke („Sur les mouvements musculaires conrecents et 
inconrecents dans le bägaiement“, III. Congrös des mädicins et des naturalistes 
tschdques ä Prague), in welcher noch viel naive Beobachtung erkennbar ist. 
1903 war die Schule Gutzmanns stark am Wort; es kamen Arbeiten von 


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Vom gegenwärtigen Stande der Stotternforschung. 


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Liebmann, 0. Maas, H. Apt und Oltuszewski, meist theoretische und 
ausführlichere Arbeiten. 

Es scheint, als ob vom Jahre 1906 an ein Umschwung in den An¬ 
schauungen sich vorbereiten wollte, der von dem Versuch herstammte, den 
früheren Anschauungen eine breitere Grundlage zu geben. Es ist anzuerkennen, 
dass Gutzmann selbst den Anfang machte mit seinen zwei Arbeiten „Das 
Verhältnis der Affekte zu den Sprachstörungen“ (Zeitschr. f. klin. Medizin, 
Bd. 57, Heft 5 u. 6) und „Untersuchung über die Grenzen sprachlicher Per¬ 
zeption“ (ibid. Bd. 60, Heft 3—4). Arbeiten von Bischofswerder („Be¬ 
richt über die Abteilung für Sprachstörung“, Arch. f. Kinderheilk., Bd. XLII, 
Heft 1—2) und W. S. Colmann („A Lecture of Stuttering“, The Lancet, H, 
p. 70) im selben Jahre brachten nichts Neues; desgleichen F. Kobrack in 
Gutzmanns Monatsschrift. 

Im Jahre 1907 zeigen einige Fälle der (seit diesen Jahren stets sehr 
zahlreichen) Aphasieliteratur eine Art von Verwandtschaft mit den Interessen 
der Sprachheilkunde. Ueber Stottern schrieben nur E. W. Scripture („The 
Treatement of Stuttering“, Med. Record, Vol. 71, Nr. 19, p. 77) und 0. Laubi 
(s. o.). Während Anton („Aerzthches über Sprechen und Denken“) seiner 
Schule getreu sich äusserte, zeigte eine Polemik von Pierre Marie („8ur la 
fonction du langage“ usw., Revue de philosophie, fävr.-mars) gegen J. Grasset 
(„La fonction du langage et la localisation des centres psychiques dans le 
cerveau“, ibid. Nr. 1), dass in Frankreich eine andere Luft zu wehen begann. 
Von der deutschen Literatur verdient eine Arbeit von Nadoleczny über „Die 
Sprachstörungen der Epileptiker“ (Gutzmanns Monatsschrift Nov.—Dez.) 
Erwähnung. Aus allen diesen Werken dringt der Ruf nach ein¬ 
heitlicher psychologischer und biologischer Grundlegung von 
Sprache und Sprachstörungen. Aehnliches tritt hervor aus Themen 
der Aphasieliteratur, so z. B.: H. Breukink: „Ueber Patienten mit Perse¬ 
veration und asymbolischen und apbatischen Erscheinungen“ (Journ. f. Psycho¬ 
logie und Neurologie, Bd. IX, Heft 3—4, S. 113, 165), Haase (s. o.), H. K # 
Loewenhaupt: „Ueber postepileptische Sprachstörungen“ (Dissert., Frei¬ 
burg), K. Pfersdorff: „Die senilen Veränderungen der Sprache (mit Aus¬ 
schluss der Aphasie)“ (Dissert. Strassbarg), A. Pick: „Ueber Asymbolie und 
Aphasie“ (Arb. aus d. deutschen psychiatr. Univ.-Klinik in Prag, 1908, Karger), 
Rouma: „La parole et les troubles de la parole“ (Paris, Paulin & Co.), 
B. Weidemann: „Drei Fälle von Sprachstörungen“ (Dissert. Göttingen). 
Natürlich sind dies nicht alle erschienenen Arbeiten, aber solche, denen man 
das „aktuelle“ Interesse an der Ausbreitung der Psychophysiologie und feineren 
Biophysiologie (Kassowitz 1905, 1906) auf die klinische Erfahrung anmerkt. 
In diesem Sinne musB man wünschen, dass Gutzmann damals auf seinem 
Gebiete das gleiche getan und seine Themen des Jahres 1907 („Die Atem¬ 
bewegungen in ihrer Beziehung zu den Sprachstörungen“, „Behandlung der 
Aphasie“, „Ueber die Bedeutung der Erblichkeit für die Entstehung von Sprach¬ 
störungen“, „Stimmbildung und Stimmpflege“) bis auf das zweitgenannte, seinen 
Mitarbeitern und Schülern überlassen hätte. 

Das gleiche wird man von nun ab für alle Erscheinungen der Gutz- 


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60 


Tb. Hoepfner 


mann sehen Schule wünschen. Hören wir weiter; die Verschiedenheit des 
klinischen und des spezialistischen Interesses nimmt zu. Wenn auch noch 1904 
von He gar (s. o.), Gutzmann selbst („Die soziale Bedeutung der Sprach¬ 
störungen“, Klin, Jahrb., Bd. XII, S. 295, Fischer-Jena), Troemner („lieber 
Wesen und Behandlung des Stotterns“, Neurol. Zentralbl., S. 587, Sitzungsber.), 
Coen („lieber das suggestive und das disziplinierende Moment bei der Therapie 
des Stotterns“, Wiener med. Wochenschr., Nr. 8, S. 340) Momente von schwer¬ 
wiegender und grosszügiger Bedeutung aufgebracht wurden (die Arbeit von 
Gell6: „De la rapiditö des mouvements articulatoirs comme cause des döfauts 
de prononciation“ [Compt. rend. Soc. de BioL, LVI, p. 513], der die Entstehung 
von Stottern, Stammeln usw. auf die grosse Schnelligkeit der Sprechbewegungen 
zurückführt, verdient Zurückweisung), so hörte dies nunmehr auf, obwohl 1905 
Paul Maas, Th. Zahn, M. Mehnert und Troemner nochmals in inter¬ 
essanter Weise über Stottern, Leroy („Le langage intörieur [Annales mödico- 
psychol., Nr. 3, p. 353]) und Hch. Sachs („Gehirn und Sprache“ [Grenzfragen 
des Nerven- und Seelenlebens, Bd. XXXVII, Bergmann-Wiesbaden]), in der 
neuartigen Weise über die Sprache geschrieben hatten. Auch E. Storch 
(„Versuch einer psychophysiologischen Darstellung des Bewusstseins u , Karger 
1902) verdient als Typus der neueren Denkweise hier genannt zu werden. 

Von nun an bleibt das Bild etwa das gleiche: die Sprachspezialisten, 
sämtlich wenigstens ursprünglich zur erfolgreichen G utz mann sehen Schule ge¬ 
hörig, bilden mit ihrem Führer eine klassische Sprachphysiologie aus, besonders 
deren phonetische Seite, und die Sprachstörungen werden pathologisch-physio¬ 
logisch demonstriert — und auch definiert. Dabei rechne ich den gewagten 
und übrigens auch vorsichtig unternommenen Versuch von H. E. Knopf ab, 
eine Verwandtschaft zwischen Stottern und Asthma zu zeigen (Münch, med. 
Wochenschr. 1908, Nr. 51, S. 2669). G utz man ns Festschrift für seinen Vater 
gibt eine gute Uebersicht über die wesentlichen Mitarbeiter seiner Anschauungen; 
von akademischen Mitarbeitern sind vertreten Zwaardemaker, Bresgen, 
Hudson-Makuen, E. Winckler, Brühl, v. Sarbö, E. Bloch, Karl L. 
Schäfer, O. Laubi, Bouma, H. Stern, H. Knopf, Panconcelli-Calcia, 
Oltuszewski mit Arbeiten bzw. Aufsätzen über Sprache und Sprachstörung; 
nur die Beiträge von Hudson-Makuen, Laubi, Stern, Knopf und 
Nadoleczny verraten noch einen als oberflächlich und zufällig imponierenden 
Zusammenhang mit den offenen Prinzipienfragen, die namentlich durch Wilh. 
Wundts „Psychologie der Sprache“ (1904) auch hätten einige Anregung 
empfangen haben können. 

Im Jahre 1909 und 1910, sowie nunmehr auch 1911 sagt Gutzmann 
nichts Neues mehr; im Gegenteil erscheinen seine Anschauungen in der Kom¬ 
mentierung von Kussmauls grandiosem Werk „Die Störungen der Sprache“ 
(1910) und in seinem eingangs zur vergleichenden Besprechung gezogenen 
Werk „Die dysarthrischen Sprachstörungen“ endgültig festgelegt. Die Arbeiten 
von D. Feldmann („Die Behandlung des Stotterns“, New Yorker med. Monats¬ 
schrift, Sept. 1909), der Denhardts Erfolge erwähnt, von Hudson-Makuen 
(„A brief History of Treatement of Stammering with some Suggestions as to 
Modern Methods“, Medic. Record, Vol. 76, Nr. 25 und Pennsylv. Med. Journ., 


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Vom gegenwärtigen Stande der Stotteraforschung. 


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Dezember), Ernest Jones („The differences between the sexes in the develope- 
ment of Speech“, the brit. Journ. of Childrens diseases, Sept.), Paul Kull- 
mann („Statistische Untersuchungen zur Sprachphysiologie“, Zeitschrift für 
Physiol. d. Sinnesorgane, Abt. I f. Psychol., Bd. 54, Heft 4—5) enthielten 
dringende und fast unüberhörbare Mahnungen an die Spezialisten, sich der 
neueren Errungenschaften auch in diagnostisch-theoretischer Hinsicht zu be¬ 
dienen. Aber der Einfluss Gutzmanns war so gross, dass H. Stern die 
Diagnostik der Sprachstörungen phonetisch zu behandeln versuchte (Wiener 
klin. Bundschau, Nr. 47, S. 785) — ein gewiss beachtenswerter Versuch, aber 
weit abführend von den Interessen der Klinik, die doch noch unbefriedigt 
waren. Wollten die Sprachspezialisten nicht Arbeiten berücksichtigen, wie 
v. Monackow, „Allgemeine Betrachtungen über die Lokalisation der motorischen 
Aphasie a (Deutsche med. Wochenschr., Nr. 37—38, 8. 1600, 1647), „Lokali- 
sationsprinzipien in der Aphasiefrage u (Intern, med. Kongress, S. 58), Pfers- 
dorff: „Zur Pathologie der Sprache“ (Neurol. ZentralbL, S. 1292, Sitzungsber.), 
endlich A. Pick: „Ueber das Sprachverständnis“ (Leipzig, Barth) und K. 
Heilbronner: „Zur [Rückbildung der sensorischen Aphasie“ (Arch. f. Psych¬ 
iatrie, Bd. 46, Heft 2) ? Alles Arbeiten, bei denen sofort die klaffende Lücke 
zwischen dem klinischen und dem spezialistischen Weg sich offenbart. Nach 
den beiden letztzitierten Arbeiten sieht es so aus, als ob dieser Riss ein end¬ 
gültiger sei. Mc. Cready („The Relation of Stuttering to amusia“, the 
Journ. of Amerik. Med. Ass., Vol. LV, Nr. 3, p. 8) gleicht in seinen Aus¬ 
führungen etwa Oltuszewski; Kenyon, Fröschels, Steinhardt, Pasch 
bringen nichts Neues. Bei Bayerthal („Ueber Gehirn-und Sprachstörungen 
bei Schulkindern“, Zeitschr. f. Kindesforschung, Oktober 1910) fällt auf, dass 
die schulärztlichen Gesichtspunkte stark durch die Gutzmannsche Anschauung 
beeinflusst sind. 

Wo will das hinaus? Es sollen hier keine Vorschläge gemacht werden. 
Es sei nur an der Hand der Literatur festgestellt, dass aus ihr ein anderes 
Bild abgelesen werden kann, als aus der neuesten Arbeit von Gutzmann. 
Die wesentlichen Punkte hoffe ich in meiner zitierten Arbeit behandelt zu 
haben. In Rücksicht auf die Klinik, die Rechtspflege und die soziale Ge¬ 
setzgebung wird sich hoffentlich durch den Hinweis auf frühere Anregungen 
eine Wiederaufnahme der rein psychologischen Deutung des Stotterns erreichen 
lassen. Die ersten Schritte unternahm in dieser Hinsicht Rudolf Denhardt, 
von dessen in medizinischen Zeitschriften sowie verlegt erschienenen Werken 
besonders genannt seien: „Zur Pathogenese des Stotterns“ (Deutsche Medizinal¬ 
zeitung, 1891, Nr. 49), „Zur Entstehungsgeschichte des Stotterns“ (ibid., 1895, 
Nr. 34), „Die neueste Therapie des Stotterns“ (ibid., 1896, Nr. 55), sowie 
„Das Stottern eine Psychose“ (E. Keils Verlag, Leipzig, 1890), „Wie wirkt 
man beginnendem Stottern entgegen“ (Preussische Lehrerzeitung, 1898, Nr. 12). 
Diese Arbeiten zeigen zum Teil eine historische Darstellung, enthalten aber 
alle eine für die Zwecke der Klinik und des kranken heilen den Arztes 
wichtige Betrachtung des Stotterns von der Seite der Normalpsychologie her 
mit stets objektiver, wenn auch nach unseren heutigen Begriffen unvollkommener 
Darstellung. Ueber die Behandlungsweise des Stotterns hat sich Denhardt 


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Th. Hoepfner: Vom gegenwärtigen Stande der Stotternforschung. 


stets nur allgemein geäussert, weil seiner Ueberzeugung nach sich die indi¬ 
viduelle „Seelenführung“ nicht darstellen liess. Es ist nun eine Literatur er¬ 
schienen, derzufolge wir in absehbarer Zeit einen solchen Versuch zu machen 
wagen könnten. Die Klinik wird stets in einer gemessenen, wesentlich zum Zweck 
der Beobachtung gross genommenen Entfernung von ihrem Untersuchungs- 
material bleiben müssen. Etwas anders wird der Standpunkt schon sein müssen, 
wenn es zu heilen gilt. Hier verdient eine mehr pädagogische Richtung in 
der Heilkunde Erwähnung. Von bezüglichen Werken seien besonders genannt 
die „Pädagogische Pathologie“ von Ludwig Strümpell (1. Aufl. 1890), sowie 
„Die krankhafte Willensschwäche“ von F. C. R. Eschle (1904). Auch ver¬ 
dient eine grosse Summe der in H. Gross’ Archiv und vielen Spezialzeit- 
schriften niedergelegten Kasuistik die Beachtung der Sprachspezialisten. Meines 
Erachtens liegt der Schwerpunkt der Sprachstörungsforschung und Sprachheil¬ 
kunde auf dem eben erwähnten Gebiete, dessen Untersuchungsmethoden zum 
Teil von einer äusserst vorsichtigen Benutzung der von Freud vorgeschlagenen 
Psychoanalyse (mehr als eine Untersuchungsmethode hat Freud m. E. nicht 
gegeben), zum grössten Teil von der klinischen Exploration und einigen experi¬ 
mentell-psychologischen Methoden geliefert werden. Es handelt sich also um 
ein ureigenes Gebiet der medizinischen Psychologie und Psychotherapie. 

Der vorgeschlagene Weg dürfte einem tatsächlich noch vorhandenen Be¬ 
dürfnis, sowie den tatsächlich aus der Literatur nachgewiesenen Anregungen 
entsprechen. 


Otto Dornblfith, Die Psychoneurosen, Neurasthenie, Hysterie 
und Psychasthenie. Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte. 
Leipzig, Verlag von Veit u. Comp., 1911, 700 S. 

Die grobe Einteilung des Buches ergibt sich aus dem Untertitel. Nach 
sehr eingehender Darstellung der Ursachen, des Wesens, der Diagnose und der 
Verhütung der Psychoneurosen bespricht D. im letzten Abschnitt die Behand¬ 
lung. Verhältnismässig kurz ist die Besprechung der Psychoanalyse, die er 
als Behandlungsmethode zwar sehr skeptisch beurteilt, aber nach anderer Rich¬ 
tung doch sehr objektiv und zum Teil anerkennend bespricht. Eine Gefahr 
der Behandlung sieht er in der Missdeutung der Symbole. Er hält nicht alle 
Psychoanalytiker für vorsichtig genug, immer nur das sicher Festgestellte her¬ 
auszugeben. Jedenfalls hält er die psychoanalytische Behandlung für eingreifend 
genug, dass seiner Ansicht nach der Arzt, der diese Behandlung empfiehlt, 
verpflichtet ist, den Kranken oder seine bestimmenden Angehörigen vorher zu 
unterrichten, was alles bei dieser geistigen Operation berührt und freigelegt 
werden kann. Die Entscheidung musB dann dem Einzelnen überlassen bleiben, 
wie bei jeder Operation am Körper. Vieles, was die Psychoanalytiker als Er¬ 
folge der Psychoanalyse angeben, ist nach seiner Ansicht anders zu beurteilen. 
Es gibt eine ganze Reihe Dinge, die durchaus nicht nur im Unterbewusstsein 
stecken, sondern die der Kranke bei gutem Vertrauen ohne weiteres dem Arzte 
erzählt haben würde. In ähnlichem Sinne hat sich schon Hellpach ausge- 


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Otto Domblüth: Psychoneurosen, Neurasthenie, Hysterie u. Psychasthenie 63 


sprachen, indem er die Psychoanalyse mit der Beichte verglich. Manche Heil¬ 
erfolge der Psychoanalyse seien in Wirklichkeit auf die Spontanheilungen zu¬ 
rückzuführen. Jedenfalls glaubt er, dass eine planmässige Anwendung der 
sonstigen Psychotherapie auch ohne Aufklärung der eigentlichen Ursachen des 
Leidens im Sinne der Psychoanalytiker Heilung bringe. Die Regelung der 
ganzen Lebensweise, namentlich die Gesundung der Affektivität wirke dem 
üblen Einfluss verdrängter Komplexe entgegen. D. erblickt überhaupt in den 
zahllosen Erscheinungen der Psychoneurosen den geistigen und körperlichen 
Ausdruck eines krankhaften Affektlebens. Vernünftige Lebenseinteilung, sach¬ 
verständige Aufklärung und geregelte psychische Selbsterziehung lassen gegen 
die meisten Erscheinungen der einfachen Nervosität ausserordentlich viel er¬ 
reichen, ja, alles was erforderlich ist. Für die schwereren Psychoneurosen würde 
dadurch wenigstens die beste Grundlage für die Behandlung gegeben. Die 
Kranken auf das Wesen der Affektivität und ihrer krankhaften Steigerungen 
zu unterrichten, sei ein Hauptpunkt. Da man den Kranken Aufregungen und 
andere Gemütsbewegungen so wenig wie andern Menschen fernhalten könne, 
hätten sie die besondere Pflicht, sich dagegen stark zu machen. Mit Recht 
weist D. darauf hin, dass die so häufigen Angaben von Kranken, ihre Psycho- 
neurose sei auf irgend ein schweres Erlebnis zurückzuführen, meistens kritisch 
nachgeprüft werden müssen. Eine Mutter, die ihr einziges Kind verloren hat, 
erklärt, sie könne darüber nicht hinweg. D. nimmt an, dass eine derartige 
Gemütserschütterung zwar eine Krankheit hervorrufen könne, die meistens sich 
als leichtere Form der Melancholie äussere, dass aber die Entstehung von 
Neurasthenie und Hysterie einem Dauertrauma die Ursache verdanke, einer 
Gemütsbewegung, die nicht ausgeglichen wird. Mit einem Todesfall stehe ge¬ 
wöhnlich irgend eine eheliche Trübung in einem gewissen Zusammenhang. 
Ueberhaupt sieht er einen häufigen Ursprung der Psychoneurosen in einer un¬ 
befriedigten Ehe. Für die Frau sei diese Folge viel häufiger als für den 
Mann, da dieser in seinen Berufsgeschäften Ablenkung finde, während die Frau 
an das Haus gebunden sei und mit ihren Gemütsbewegungen sehr oft allein 
fertig werden müsse. Grossen Wert legt D. auf die psychische Einwirkung 
des Hausarztes, aber die Universitäten vermittelten den 8chiilern heute noch 
zu wenig von den wichtigen Psychoneurosen. Gerade deshalb wendeten sich 
sehr viele an den Spezialarzt. 

Selbstverständlich will D. die Psychoneurosen nicht nur psychotherapeu¬ 
tisch behandeln. Doch sieht er in vielen Behandlungsmethoden zum grossen 
Teil psychische Wirkungen. Bei vegetarischer Kost und Diätänderungen sei 
die Wirkung auf das Gemüt sehr wesentlich, ebenso die Wirkung des Neuen, 
Umstürzlerischen, Ueberraschenden bei den anderen Methoden, z. B. bei der 
Unterernährung. Die NervenmasBage nach Cornelius wird von ihm überaus 
scharf zurückgewiesen. Dr. Albert Moll. 


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Verschiedenes. 


Verschiedenes. 

Von Herrn Dr. Aigner geht der Redaktion folgende Zuschrift zu: Ein 
Lour des wunder vor Gericht. In diesen Tagen wurde das vom Schwur¬ 
gericht in Linz (Oesterreich) gefällte Urteil gegen Pfarrer van der Bom 
rechtskräftig, das den Streit um eine Wunderheilung zum Gegenstand hatte. 

Pfarrer van der Bom hatte in einer Broschüre mit dem Titel „Ein 
wirkliches Wunder aus neuester Zeit“ die plötzliche Heilung des 
8 Jahre lang an einem Beinbruch erkrankten, von den Aerzten als unheilbar 
erklärten Arbeiters DeRudder beschrieben und öffentlich erklärt, 1000 Kronen 
demjenigen zu bezahlen, „der dieses Wunder auf natürliche Weise erklären 
oder dessen geschichtliche Wahrheit aus triftigen Gründen leugnen kann.“ 
Der pr. Arzt Dr. Aigner in München bewarb sich um den ausgesetzten 
Preis. Es wurden Vorschläge zu einem Schiedsgericht gemacht, ohne dass 
eine Einigung erzielt werden konnte. Die Erwiderungsschrift Dr. Aigners er¬ 
klärt die Beweise für die geschichtliche Wahrheit des angeblichen Wunders 
fiir haltlos. Beide Parteien vertraten in einer Reihe von Zeitungsartikeln ihren 
Standpunkt. Als ein Einverständnis über die Wahl des Obmanns für das ein¬ 
zusetzende Schiedsgericht nicht erzielt werden konnte, erklärte sich Dr. Aigner 
bereit, dem Schiedsspruch eines deutschen Bischofs oder des 
Vatikans in dieser fiir die katholische Kirche so bedeutsamen Angelegen¬ 
heit das Urteil zu überlassen. Auch dieser Vorschlag wurde von Pfarrer 
van der Bom abgelehnt. Eine öffentliche Aufforderung, nunmehr ein deut¬ 
sches Gericht zum Austrage der Angelegenheit als zuständig zu erklären, blieb 
gleichfalls von dem Vertreter des Wunders unbeantwortet. Statt dessen ver¬ 
öffentlichte Pfarrer van der Bom in einer Broschüre die ganze Korrespondenz 
der Beteiligten, und wiederholte neuerdings das Preisausschreiben. Diese 
öffentliche Auslobung ist nach den österreichischen Gesetzen nicht klagbar. 
Dr. Aigner stellte nun wegen der beleidigenden Form der Broschüre Straf¬ 
antrag. Die Geschworenen erklärten Pfarrer van der Bom schuldig, den 
Eiläger dem öffentlichen Spotte ausgesetzt zu haben, der Gerichtshof erkannte 
unter Anwendung des ausserordentlichen Milderungsrechtes auf 150 Kronen 
Geldstrafe, event. im Nichteinbringlichkeitsfalle auf 3 Tage Arrest und 
zum Ersätze der Gerichtskosten. Die damals eingelegte Nichtigkeitsbeschwerde 
wurde nunmehr zurückgezogen, so dass das Urteil Rechtsgültigkeit erlangt hat. 



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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine 
Reform des medizinischen Unterrichts 1 ). 

Von Dr. A. W. van Renterghem in Amsterdam*). 

Herr Präsident 1 Meine Damen und Herren! Der Ausschuss 
der Psycho-Medical Society hat mir die Ehre erwiesen, mich für den 
heutigen Abend um einen Vortrag zu ersuchen und hat mir das 
Thema freigestellt. Ich habe es für richtig gehalten, die Aufmerk¬ 
samkeit auf einen Gegenstand hinzulenken, der von sehr erheblichem 
Interesse für uns Aerzte ebenso wie für die Gesellschaft im allge¬ 
meinen ist. Ich will mit Ihnen die Ursachen prüfen, die dazu ge¬ 
führt haben, dass der ärztliche Beruf heute von dem Publikum 
weniger geschätzt wird, und will das Heilmittel für ein Uebel suchen, 
das ganz besonders den allgemeinen Praktiker berührt. Wie ich 
glaube, hat in Ihrem Lande, ebenso wie in anderen Ländern Europas, 
der allgemeine Praktiker dauernd für seine Existenz gegen die Ein¬ 
engung durch ein Heer von Spezialisten und eine stets wachsende 
Menge von Kurpfuschern und Scharlatanen zu kämpfen. 

Sowohl der Aerztestand wie das Publikum dürfte jeden Versuch 
willkommen heissen, der diesem demütigenden und beschämenden 
Kampfe ein Ende macht, jener, weil eine erfolgreiche Lösung des 
Problems dem ärztlichen Praktiker seine frühere geachtete Stellung 
beim Publikum wieder geben würde, dieses, weil es das Vertrauen 
in die Geschicklichkeit des Arztes wiedergewinnen würde. Mein 
Vortrag beabsichtigt, Sie davon zu überzeugen, dass eine Reform 
des ärztlichen Unterrichts zu dem gewünschten Resultat 
führen würde. 

I. 

Im Beginn und selbst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts 
war die hohe Stellung des allgemeinen Praktikers unbestritten. Er 
war der alltäglich gesuchte Arzt, der in Dörfern und Landstädten, 
oft sogar in den Grossstädten die drei Zweige der Heilkunst ausübte: 
innere Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe. Er war der Hausarzt, 


’) Wir bringen die vorstehende Arbeit an dieser Stelle, weil es die Berflck- 
sichtignng der Psychotherapie in Praxis and ärztlichem Unter¬ 
richt ist, die nach Renterghem die Wiedergewinnung der früheren autorita¬ 
tiven Stellung des Arztes in der Oeffentlichkeit gewährleistet (Redaktion). 

*) Nach einem Vortrag in der Psycho-Medical Society in London. 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 5 


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A. W. van Renterghem 


der recht gut die Konstitution seiner Patienten kannte, der Freund 
des Hauses, das Orakel, das alle Schwierigkeiten lösen konnte, der 
vertrauenswerte und taktvolle Mann, der seine Patienten durch seinen 
moralischen Einfluss mehr als durch seine Verordnungen heilte. 

Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts begann die Achtung 
vor dem allgemeinen Praktiker zu sinken. Es war dies die unver¬ 
meidliche Folge der Entwicklung der medizinischen Wissenschaft; 
denn mit der fortschreitenden Entwicklung der Naturwissenschaften 
wurden der Praxis neue Wege gewiesen, neue Methoden für Diagnose 
und Behandlung wurden entdeckt, und schliesslich wurden so viel 
neue Lehren und Gesichtspunkte gewonnen, dass sich der gewöhn¬ 
liche Praktiker nicht mehr auf der Höhe der Zeit halten konnte. 
Natürlich trat infolgedessen eine Arbeitsteilung ein, die ihrerseits zur 
Bildung einer Spezialistenklasse führte. Neben dem allgemeinen 
Praktiker entstand der Chirurg, der Geburtshelfer, der Kinderarzt, 
der Gynäkologe, der Ophthalmologe, der Zahnarzt, der Laryngo-Rhino- 
und Otologe, der Urologe, der Dermatologe, der Syphilidologe, der 
Spezialarzt für Lungen- und äussere Tuberkulose, ferner der Spezial¬ 
arzt für Krankheiten der Verdauung und Ernährung, der Psychiater, 
der Neurologe, der Spezialarzt für Orthopädie, für Narkologie, der 
für die bakteriologische und mikroskopische Diagnose. Die gewöhn¬ 
liche Behandlung durch Arzneimittel wurde angewendet neben der 
Opotherapie, Serotherapie und Physiotherapie in ihren verschiedenen 
Formen (z. B. Behandlung durch Luft, Klima, Wasser, Mechano- 
therapie, Elektrotherapie, Lichttherapie, Radiotherapie und endlich 
Psychotherapie), und wer kann Voraussagen ob das Ende der 
Spezialisierung schon gekommen ist. 

Dieser Verlauf der Dinge war, wie man anerkennen muss, nicht 
zu vermeiden, und hatte auch seine guten Seiten. Indem der Spe¬ 
zialist fähig ist, gründlicher auf seinem eigenen Gebiet zu forschen, 
hat er den Fortschritt der Wissenschaft gefördert, die Diagnose ver¬ 
feinert, die Technik vervollkommnet und die Therapie bereichert. 
Nichtsdestoweniger hat die Spezialisierung auch ihre Nachteile inso¬ 
fern, als sie den Arzt, der sich nur auf ein Gebiet der Praxis be¬ 
schränkt, der Gefahr aussetzt, seine Patienten nur von dessen Ge¬ 
sichtspunkt aus zu betrachten. Indem er seine Aufmerksamkeit auf 
sein beschränktes Gebiet richtet, läuft er Gefahr, die Berührung mit 
der medizinischen Wissenschaft im allgemeinen zu verlieren, seine 
Patienten von seinem Spezialstandpunkt aus zu betrachten und in¬ 
folgedessen auch diagnostische Irrtümer zu begehen. 

Die Gefahren des Spezialistentums sind besonders in Gross¬ 
städten bemerkenswert, wo ein Patient oft unmittelbar zu einem 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Reform des mediz. Unterrichts. 67 


Spezialisten geht, ohne vorher seinen eigenen Arzt zu befragen. Die 
unglückliche Folge eines solchen Zustandes ist, dass der Spezialist 
verhindert ist, sich mit dem sonst gewöhnlich den Patienten beglei¬ 
tenden Arzt zu beraten und gewisse Punkte nicht erfährt, die im¬ 
stande gewesen wären, seine Diagnose zu korrigieren oder doch zu 
modifizieren. Eine Behandlung, die auf einer mangelhaften Diagnose 
ruht, kann jedoch dem Patienten nicht viel Gutes bringen, sie wird 
ihn und damit auch des Arztes Ruf eher schädigen. 

Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, dass ein Patient, der wenig 
Vertrauen zu seinem Arzt und eine hohe Meinung von seinem eigenen 
Scharfsinn hat, einen Spezialisten auf eigene Verantwortung hin 
konsultiert. Wenn ihm der eine nicht genügt, geht er zu einem 
anderen. Nachdem er die verschiedenen Behandlungen durchgemacht 
hat, ohne einen Erfolg zu spüren, verliert er allmählich alles Ver¬ 
trauen in die offizielle Medizin und wird dann sehr leicht ein Opfer 
des Scharlatans und des Glaubensheilers. Zuweilen kann der Weg 
der umgekehrte sein. Es kann Vorkommen, dass der Arzt zu lange 
zögert, bevor er den Spezialisten ruft, oder er rät aus Pedanterie 
oder Engherzigkeit seinem Patienten ab, einen anderen Arzt zu kon¬ 
sultieren. Es ist klar, dass ein solches Verhalten das Prestige des 
Arztes schädigen muss und den Patienten dazu führt, das Vertrauen 
in den Beruf des Arztes zu verlieren. 

Bei weitem in der Mehrzahl der Fälle fühlen sich die Patienten, 
wenn sie sich Nicht-Aerzten zur Behandlung anvertrauen, enttäuscht. 
Indessen bleibt doch eine beträchtliche Minderzahl von Patienten 
übrig, die vollständig geheilt werden, mag dies durch den Rat eines 
Somnambulisten oder durch die Striche eines Magnetiseurs geschehen, 
mag es die Folge ihres Glaubens an irgendwelche religiöse Zeremonien 
sein, wie beim Pilgern nach Lourdes oder zu irgendeinem anderen 
Altar, beim Handauflegen oder bei der Heilkraft der Christian Science. 
Es hat keinen Zweck, hochnäsig diese Tatsachen zu leugnen. Es 
würde sachgemässer sein, wenn der Arzt mit diesen Tatsachen rech¬ 
nete und sie benützte. Er muss in Wirklichkeit mehr auf der Hut 
sein und erkennen, dass seine Wissenschaft unvollständig ist und 
muss sich bemühen, den Grund zu finden, weshalb der Kurpfuscher 
Erfolg gehabt hat, wo seine Kunst versagt hat. Dann wird ihm 
die Ueberzeugung kommen, dass seine Behandlung mangelhaft war, 
dass er übersehen oder nur unvollständig erkannt hat, dass bei jeder 
Affektion die Störung des Körpers gleichzeitig ein psychisches Aequi- 
valent hat, und dass solange er das seelische Element der Krankheit 
übersieht, seine Behandlung fruchtlos bleiben muss. Beim Glaubens¬ 
heilen wird auf die psychische Seite der Krankheit gewirkt, bewusst 


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A. W. van Renterghem 


oder unbewusst, die direkte oder indirekte Suggestion bildet das 
heilende Agens. Bis zur Gegenwart ist der Einfluss dieses über¬ 
wiegenden Faktors in der Behandlung des Kranken nicht hinreichend 
anerkannt worden. Selbst die Aerzte glauben noch zu sehr an das 
Sprichwort: Post hoc, ergo propter hoc! 

Wenn einer leichten chirurgischen Operation, z. B. der Kaute¬ 
risation des Uterusmundes die Heilung eines habituellen Kopf¬ 
schmerzes folgt, oder wenn Urininkontinenz nach der Tonsillotomie 
schwindet, so muss sich der Arzt hüten, in diesen Heilungen eine 
unmittelbare Beziehung von Ursache und Wirkung zu finden. Er 
muss vielmehr wissen, dass die Folgen dem psychischen Ein¬ 
druck zuzuschreiben sind, den die Operation auf den Patienten 
ausübt. Zu oft wird der Arzt irregeführt, wenn er diese Tatsachen 
übersieht. Der Spezialist wird zuweilen durch fehlerhafte Diagnose 
verleitet, zwecklose ernste Operationen auszuführen, z. B. Ovariotomie, 
Appendektomie, Tenotomie, Neurektomie usw. Vor einigen Jahren 
sendete ein Kollege eine Dame zur Konsultation zu mir, die an 
beiderseitiger funktioneller Lähmung litt. Es waren ihr beide Brüste 
und ein Ovarium abgenommen worden, um intensive Neuralgien zu 
heilen, an denen sie gelitten hatte. Es ist klar, dass diese Patientin 
hysterisch war und man sie unnötig so verstümmelt hatte. 

Wie oft ist die Ovariotomie ausgeübt worden, um örtliche 
Schmerzen zu erleichtern, während man bei der Untersuchung des 
Organs fand, dass dieses vollständig gesund war, während die 
Schmerzen fortdauerten oder kurz nach der Operation wiederkehrten. 
Es verrät Mangel an Vorsicht und Sorgfalt, wenn man zu einer 
schweren verstümmelnden Operation schreitet — z. B. zu Kochers 
Operation wegen spastischen Schiefhalses — ohne dass man vorher 
alle anderen Massregeln zur Sicherung der Diagnose und zur Heilung 
des Patienten erschöpft hat. Wenn wir in einem Falle nicht 
mit absoluter Sicherheit die Diagnose eines psychischen 
Tiks ausschalten können, sollten wir, bevor wir zum 
Messer greifen, den Patienten einem psychotherapeu¬ 
tischen Verfahren unterwerfen, und wir sollten nicht 
den Chirurgen rufen, bevor sich die Psychotherapie als 
nutzlos erwiesen hat. 

Dies erinnert mich an einen ernsten Fall von spastischem Schief¬ 
hals bei einem fünfzigjährigen Manne, der, nachdem er verschiedene 
Behandlungsarten ohne Erfolg versucht hatte, sich der ebenerwähnten 
Operation unterziehen wollte. Der Chirurg hatte jedoch, bevor er 
zu einer so ernsten Massregel schritt, den glücklichen Gedanken, 
den Patienten an mich mit der Bitte zu senden, ich sollte erst die 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Reform des mediz. Unterrichts. 69 


Wirkung der hypnotischen Suggestion versuchen. Zur grossen Ueber- 
raschung meines Kollegen, des Patienten und von mir gelang es mir, 
in drei Monaten eine vollständige Heilung des Zustandes zu bewirken. 
Zwölf Jahre sind es jetzt her, und da kein Rückfall eingetreten ist, 
können wir die Heilung als eine dauernde betrachten. 

Ich hatte ähnliche Erfolge in einigen Fällen von Trigeminus¬ 
neuralgie (Tic douloureux), die durch die hypnotische Suggestion 
geheilt wurden, nachdem die Neuralgie nach einer Neurektomie 
zurückgekehrt war. Die Psychiater und Neurologen wissen nur 
zu gut, dass funktionelle Störungen organische Störungen Vor¬ 
täuschen und dass sie, nachdem man sie als solche behandelt hat, 
sich schliesslich als psychogene Krankheiten erweisen. Und doch 
ist vielen Spezialisten und auch dem gewöhnlichen Praktiker bei der 
Behandlung solcher Fälle oft gar nicht der Gedanke an eine rationelle 
Psychotherapie gekommen; statt dessen vertrauen sie der indirekten 
Suggestion physikalischer und chemischer Heilmittel. 

H. 

Noch vor nicht langer Zeit befand sich die Psychotherapie in 
einem rudimentären und unvollständigen Zustand und wurde grössten¬ 
teils unbewusst oder nur empirisch angewendet. Ich will Sie kurz 
daran erinnern, was die Geschichte der Medizin uns darüber lehrt, 
und wie sich dank den Werken Braids und Li6beaults eine ge¬ 
wisse Ordnung aus dem Chaos früherer Tage entwickelt hat. 

Es ist bekannt, dass in alten Zeiten die Priester auch Aerzte 
waren. Sie gaben den Scharen von Kranken, von denen sie um 
Hilfe angegangen wurden, Arzneien, und legten Wert darauf, die 
Verordnung mit vielen Zeremonien zu verbinden, die nur die Phan¬ 
tasie der Patienten wecken sollten. Dank dem Glauben des Volkes 
an die Macht der Priester, in denen sie das Instrument Gottes sahen, 
wirkten ihre Mittel oft Wunder. Im Verlauf von Jahrhunderten 
wurde der Zusammenhang der ärztlichen Praxis mit dem Priestertum 
allmählich zerstört, gleichzeitig aber die psychische Behandlung ver¬ 
nachlässigt. Die Aerzte verstanden sie nicht, schliesslich wurde sie 
übersehen und aufgegeben. Nur wenige setzten ihre Anwendung 
noch fort, und indem sie auf die Seele ihrer Patienten wirkten, hatten 
sie Heilerfolg. So finden wir in den Schriften von Sylvius, der 
im siebzehnten Jahrhundert lebte und in seinen Ideen seiner Zeit 
weit vorausgeeilt war, folgende bemerkenswerte Zeilen: „Wer nicht 
weiss, wie Krankheiten der Seele zu heilen sind, hat kein Recht, sich 
Arzt zu nennen. Ich habe eine grosse Reihe psychischer Störungen 
behandelt und hatte das grosse Glück, viele von ihnen zu heilen, 


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A. W. van Renterghem 


weit mehr jedoch durch moralischen Einfluss als durch physischen.“ 
Einige höhere Geister unter den römisch-katholischen Priestern haben 
sich als feine Beobachter der menschlichen Natur erwiesen. In ihrer 
Tätigkeit als Beichtväter lernten sie die psychischen Störungen ihrer 
Schützlinge kennen, und durch ihren weisen Rat gelang es ihnen, 
sie zu erleichtern und sie vor unangenehmen Folgen zu bewahren. 
So verdankten Ignatius Loyola, F6n6lon und Bossuet der 
ungewöhnlichen Geschicklichkeit, mit der sie in dem menschlichen 
Herzen lasen und die Tiefen der Seele ergründeten, ihre Erfolge in 
der Heilung der Abulie, des Lebensüberdrusses, der Grübeleien und 
der Zwangsvorstellungen. 

Der Empirismus, der die ärztliche Praxis in jenen Zeiten 
charakterisierte, nährte den Aberglauben. Priester und Könige 
kurierten durch Auflegen der Hände; das Volk glaubte an Besessen¬ 
heit durch Teufel, und die Priester übten den Exorzismus aus. Aerzte 
waren Astrologen und stellten Horoskope. Im sechzehnten Jahr¬ 
hundert proklamierte Paracelsus nach der Entdeckung des Mag¬ 
neten das Bestehen des Tierischen Magnetismus. Seine theosophische 
Lehre wurde durch den Orden der Rosenkreuzer entwickelt, der alle 
Krankheiten durch Glauben und Magnetismus heilte. Van Helmont 
und William Maxwell erhoben den Tierischen Magnetismus zu einer 
Panazee. Sie waren die Vorläufer von Anton Mesmer, der 1776 
seine Aphorismen über den Weltmagnetismus veröffentlichte und in 
Paris und der ganzen Welt Staunen über die wunderbaren Kuren 
hervorrief, die er mit dem Tierischen Magnetismus bewirkte. 

Obwohl Mesmers Lehre durch eine Kommission verurteilt wurde, 
die von der Königlichen Medizinischen Akademie von Paris ernannt 
war und welche die Existenz seines magnetischen Fluidums leugnete 
und seine Heilungen als die Produkte der Einbildung erklärte, so 
behielt seine Lehre doch viele Anhänger, unter denen am meisten 
der Marquis de Puysögur hervorragte. Durch die Ereignisse der 
französischen Revolution wurde der Tierische Magnetismus in den 
Hintergrund gedrängt, erschien aber wieder zur Zeit der Restauration, 
wo seine Hauptvertreter Deleuze, Dupotet, Faria, Bertrand, 
Noizet und andere waren. 1831 legte eine neue Kommission einen 
günstigeren Bericht über den Tierischen Magnetismus der Königlichen 
Akademie der Wissenschaften vor, einen Bericht, über den diese ge¬ 
lehrte Körperschaft zu diskutieren ablehnte. 1841 machte James 
Braid die bemerkenswerte Entdeckung des Hypnotismus. 

Er erkannte die Realität der Phänomene an, die durch die 
Manipulationen der Magnetiseure bewirkt wurden, aber gleichzeitig 
leugnete er, dass irgendein magnetisches Fluidum dabei mitwirkte. 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Re form des mediz. Unterrichte. 71 


Der sog. magnetische Zustand, für den er die neue Benennung 
Hypnotismus schuf, könnte ohne Mitwirkung des Magnetiseurs erreicht 
werden, wenn die Versuchsperson den Blick einige Zeit auf irgend¬ 
einen glänzenden Gegenstand fixierte. 1843 veröffentlichte er seine 
Neurypnologie, die durch Brown-S6quard in Frankreich einge¬ 
führt wurde. In Amerika setzte Grimes alle Welt durch seine 
Elektro-Biologie in Erstaunen, wobei er die Verbalsuggestion benutzte. 
Grimes’ Lehren wurden in der Alten Welt durch Durand de Gros 
verbreitet, der öffentliche Vorlesungen über den Gegenstand in den 
Hauptstädten Europas hielt und 1860 sein Buch „Cours thöorique et 
pratique de Braidisme“ veröffentlichte. In England verursachten 
einiges Interesse Elliotson und Esdaile in Kalkutta, der dadurch 
bekannt wurde, dass er ernste chirurgische Operationen während der 
Anästhesie ausführte, die durch magnetische Striche erreicht wurde. 
1859 betonte Broca, 1860 Velpeau in Mitteilungen an die Aka¬ 
demie in Paris den Wert des hypnotischen Schlafs, durch dessen 
Benutzung sie eingreifende chirurgische Operationen schmerzlos aus¬ 
führten. 1866 erschien ein Buch mit dem Titel: „Du sommeil et des 
6tats analogues, consid6r6s surtout au point de vue de l’action du 
moral sur le physique“, in dem ein bescheidener Arzt A. A. Li6beault 
seine Experimente über den Tierischen Magnetismus oder Braidismus aus¬ 
einandersetzte, die ihn zu dem Schluss führten, dass der passive Zustand, 
in den er seine Versuchspersonen versetzen konnte, ein Suggestionsvor- 
gang sei. Er wendete die verbale Suggestion zum erstenmal systematisch 
an, um Schlaf zu erzeugen und Krankheitssymptome zu heilen. 

Dies Buch blieb fünfzehn Jahre ganz unbemerkt. Unterdessen 
erschien 1878 C har cot, der berühmte Pariser Neurologe, und die 
Schule der Salpetri&re auf der Bildfläche. C har cot zwang die Männer 
der Wissenschaft, die Existenz des Hypnotismus und die Realität 
seiner Phänomene anzuerkennen, aber da er seine Beobachtungen 
darüber auf hysterische Patienten beschränkte, kam er zu falschen 
Schlüssen und wurde veranlasst, den Wert der Hypnose als thera¬ 
peutisches Mittel zu leugnen; er verursachte gleichzeitig eine Ver¬ 
wirrung bei den Aerzten bezüglich der Wertung dieses Zweiges der 
Psychotherapie. Dank den Arbeiten von Bernheim und den An¬ 
hängern der Nanziger Schule ist diese Verwirrung seit 1881 allmählich 
verschwunden, d. h. seitdem LiSbeaults Werk allgemein bekannt 
wurde. Die Wahrheit der in seinem Buche gezeigten Lehre ist endlich 
anerkannt, und aus seiner Suggestionslehre, aus deren systematischer 
und therapeutischer Verwertung, die Bernheim und viele andere 
Autoren bearbeiteten und vervollständigten, hat sich die moderne 
Psychotherapie entwickelt. 


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A. W. van Benterghem 


So sehen wir, dass von den frühesten Zeiten an die Suggestion 
bewusst oder unbewusst, direkt oder indirekt, eine Rolle in der ärzt¬ 
lichen Praxis spielte. Sie ist die Grundlage der in den Tempeln 
ausgeführten Heilungen, der Voraussagungen von Sterndeutern und 
Wahrsagern, des Handauflegens der Könige und der Priester, der 
Heilungen, wie sie Magnetiseure und Scharlatane bewirkt haben und 
der verschiedenen Formen von Glaubensheilung. Und wenn wir die 
häufigen Fehlschläge der offiziellen Medizin beobachten, die dadurch 
verursacht sind, dass sie den hervorragenden Teil des psychischen 
Faktors in der Entwicklung und Behandlung der Krankheiten nicht 
anerkannte, wenn wir die Erklärung dafür suchen, dass die Schar¬ 
latane die Macht haben, viele verzweifelte Fälle zu heilen, die von 
der medizinischen Wissenschaft vernachlässigt oder als unheilbar 
aufgegeben sind, dann müssen wir anerkennen, dass die Fehlschläge 
dem Mangel eines hinreichenden Einblicks in die Natur der Krankheit 
und einem Mangel des Rüstzeugs zuzuschreiben sind. Diese Fähig¬ 
keit zu heilen, die die ungebildeten Scharlatane oder die Glaubens¬ 
heiler benutzten, sollte in Zukunft Besitz jedes Arztes werden; nicht 
in dem Sinne, dass er auf das Niveau der nichtqualifizierten Prak¬ 
tiker herabsteigen oder die prahlerischen Methoden der Kurpfuscher 
an wenden soll. Nötig ist nur, dass er den Seelenzustand seiner 
Patienten zu erforschen und zu verstehen lernt, die Physiologie und 
Pathologie des Geistes studiert und sich mit den Methoden und Grund¬ 
sätzen der Psychotherapie vertraut macht. 

HL 

Meine eigene Erfahrung hat mir gezeigt, dass der ärztliche 
Praktiker, der über psychologische Kenntnisse verfügt, den Patienten 
und seine Krankheit besser versteht, seinen Einfluss im Kampf mit 
Krankheit und Elend von dem Augenblick an vermehrt, wo er den Wert 
der Suggestion erkannt und ihre Anwendung gelernt hat. Ich will 
Ihnen einiges aus dieser Erfahrung mitteilen und Ihnen zeigen, wie 
ich als gewöhnlicher ärztlicher Praktiker dazu kam, mich der Psycho¬ 
therapie zu widmen und Spezialist für Neurologie und Psychiatrie 
zu werden. Zum richtigen Verständnis muss ich Ihnen erst kurz 
meinen Lebensgang berichten. 

Mein Vater, Arzt in einer kleinen Stadt, gestattete mir, von meiner 
frühesten Jagend an ihn auf seinen täglichen Fahrten za begleiten. Dank seiner 
angewöhnlichen Geschicklichkeit, seiner grossen Genialität and seinem Takt 
gegenüber den Kranken erfreute er sich der Achtung und Liebe seiner Lands¬ 
leute. So ist es nicht verwunderlich, dass sein Beispiel mich begeisterte und 
mir den Wunsch eingab, Arzt zu werden. Ich trat am 1. September 1862 als 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch einelleform des mediz. Unterrichts. 7 3 


Student in die Militärmedizinschule in Utrecht ein und Verliese sie am 15. August 
1866 mit dem Hang eines Doktors in der Königlichen Flotte. 

Der Unterricht sollte vor allem praktische Männer heranbilden. Vom ersten 
Tage an wurde der Student zu Hilfeleistungen in die Krankensäle zugelassen. 
Von Jahr zu Jahr wurde seine Arbeit wichtiger. Die Ansprüche an seine Kunst 
und Intelligenz nahmen allmählich zu, bis er im letzten Jahr die Dienste eines 
Assistenten versah. So brachte dar Student während seiner ganzen Studienzeit 
täglich zwei Stunden in den Krankensälen zu. Für alle Zweige der Medizin 
war gesorgt. Der Student wurde mit ungefähr 21 Jahren Doktor, und wenn 
diese jungen Doktoren, frisch von der Militärmedizinschule gekommen, auch nicht 
grosse Gelehrte waren, so hatten sie doch einen genügenden theoretischen Unter¬ 
richt erhalten, und die meisten von ihnen bildeten sich später zu sehr guten 
Praktikern aus« Die Armee und die Flotte erwiesen sich als ausgezeichneter 
Boden für die Erziehung. Ich diente elf Jahre in der Flotte, verliess dann den 
Dienst, heiratete und wurde Landarzt in einem Dorf. Hier blieb ich fünf Jahre 
und ging dann in meine Geburtsstadt, wo ich meines Vaters Praxis übernahm. 
Später verliess ich diese Stadt, gab die allgemeine Praxis auf und*erö£Enete in 
Amsterdam eine Klinik für Psychotherapie. 

Wo immer ich praktizierte, ob an Bord oder im Krankenhaus, in den 
Kolonien oder in der Heimat, in der Stadt oder auf dem Lande, ich war stets 
glücklich und zufrieden. Ich lebte meinem Beruf und konnte mich Menschen 
und Umständen anpassen. Während der ersten Hälfte meiner ärztlichen Lauf¬ 
bahn erwarb ich mir einen grossen Erfahrungsschatz und lernte das menschliche 
Herz kennen. Dass ich diese Kenntnis gewann, wurde mir von unschätzbarem 
Wert, als ich mich als Spezialist niederliess. Ich hatte einen ausgezeichneten 
Unterricht in der Selbstbeherrschung und im Selbstvertrauen schon im Beginn 
meiner Laufbahn erhalten. Ich machte meine erste Reise auf einer hübschen 
Kriegsschaluppe, die mit 300 Mann besetzt war und nach Java ging. Zwei 
Aerzte waren an Bord. Kurz nachdem wir abgereist waren, wurde mein Chef¬ 
arzt krank, und er blieb während der ganzen übrigen Reise dienstunfähig. So 
fiel mir, der ich eben erst die Militärmedizinschule verlassen hatte, die Aufgabe 
zu, ohne irgendwelche Assistenz auf Kranke und Verwundete zu achten. Das 
Bewusstsein, dass ich selbst zu entscheiden und zu handeln hatte, ohne den Rat 
und die Hilfe eines erfahrenen Kollegen, zwang mich dazu, meiner eigenen Kraft 
zu vertrauen und mit allen Arten von Fällen, guten und schlechten, fertig 
zu werden. 

Nachdem ich mich vom Dienst in der Flotte zurückgezogen hatte, setzte 
mich bei meiner Praxis auf dem Lande und in der kleinen Stadt der Unter¬ 
schied zwischen Militär- und Zivilarzt in Erstaunen. Im Dienst hatte ich meine 
Kollegen nur als meine Vorgesetzten oder Kameraden betrachtet, in meinen 
Patienten sah ich nur Leute mit mehr oder weniger ernster Krankheit. In der 
Zivilpraxis entdeckte ioh einerseits das Wesen des Wettbewerbs, der Eifersucht 
im Beruf und des Neides unter Aerzten. Auf der anderen Seite lernte ich den 
zahlenden Patienten mit allen seinen Schattierungen der Intelligenz, der Er¬ 
ziehung, der sozialen Stellung und des religiösen Glaubens kennen. Die Praxis 
auf dem Land und in der kleinen Stadt gab mir reichen Gewinn. Ich lernte 


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A. W. van Renterghem 


mit den geringsten Mitteln Auskommen. Oft ohne irgendeine Assistenz war ioh 
bei Wochenbetten, bei chirurgischen Operationen in den ärmlichsten Verhält¬ 
nissen, mit wenig Komfort unter den ungünstigsten hygienischen Bedingungen, 
tätig. Aber ich lernte dabei auch die menschliche Natur kennen. Es gelang 
mir, erhabene Seelen und edle Charaktere auch in den tiefsten sozialen Schichten 
neben anderen zu finden, die egoistisch, feige und hartherzig waren. 

Während ich in der kleinen Stadt praktizierte, beschäftigte ich mich in 
meinen Mussestunden mit pharmakodynamischen Experimenten und schrieb auch 
ein Buch über Materia medica. Bei diesen Studien kam ich auch zur Beschäfti¬ 
gung mit dem therapeutischen Wert der Alkaloide. Durch mein Interesse für 
die Dosimetrie wurde ich dazu geführt. Auf die Dosimetrie wurde die Auf¬ 
merksamkeit durch den verstorbenen A. Burggraeve, Professor an der Univer¬ 
sität Gent, gelenkt. Die Grundprinzipien dieser Lehre besagen: 1. dass jede 
akute Krankheit zuerst in einer funktionellen Störung besteht, die man berück¬ 
sichtigen muss, um die Entstehung der organischen Krankheit zu verhüten; 
2. dass jedes Symptom, z. B. Spasmus, Schmerz, Fieber durch ein spezielles 
Heilmittel bekämpft werden sollte; 3. dass jedes Arzneimittel in der einfachsten 
und wirksamsten Form verordnet werden sollte; statt Chinarinde sollte man 
Chinin geben, statt Digitalisblätter Digitalin, statt der Wurzeln und Blätter 
von Akonit Akonitin, statt Opium Morphium. Anhänger der Dosimetrie wurde 
ich in jener Zeit meines Lebens, wo ich infolge des plötzlichen Todes eines sehr 
lieben Kindes und einer schweren Erkrankung meiner Frau das Vertrauen in 
die ärztliche Kunst verloren hatte. Meine Studien über das wirksame Prinzip 
der Pflanzen, meine Experimente mit Alkaloiden, die ich an mir selbst machte, 
und ihre Anwendung in meiner Praxis trugen viel dazu bei, mein Vertrauen 
wieder herzustellen. Ich verschrieb die Alkaloide nach den Grundsätzen meines 
Lehrmeisters mit solcher Ueberzeugung, dass mein Enthusiasmus für die neue 
Methode meine Patienten anzustecken schien, und es war kein Unglück, 
dass ich schliesslich dazu kam, meine grossen Erfolge dem Ver¬ 
trauen zuzuschreiben, das meine Patienten mehr zum Arzt als 
zu den Arzneien hatten. 

Diese Ueberzeugung verstärkte sich und wurde zur Gewissheit, 
als ich, nachdem ich auf Grund vierjähriger Arbeit mein Buch ver¬ 
öffentlicht hatte, das Studium des Hypnotismus aufnahm. Zu diesem 
wurde ich durch die Lektüre von M. Beaunis* Werk „Le Somnam- 
bulisme Provoquö“ geführt. Dieses Buch war für mich eine wahre 
Offenbarung. Es öffnete mir den Blick und zeigte mir die wunder¬ 
bare Kraft der Suggestion. Erst damals verstand ich, wie ich in 
meiner Liebe zu meinem Beruf, in meiner Ueberzeugung, in der 
Dosimetrie eine neue Behandlungsmethode gefunden zu haben, in 
meinem Eifer, meine Patienten zu erleichtern, auf ihre Seele gewirkt 
und imbewusst in weitem Masse von der Suggestion Gebrauch ge¬ 
macht hatte. Mit wachsendem Interesse studierte ich die Werke von 
Li6beault, Bernheim und Liögeois, las die Schriften von 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Reform des mediz. Unterrichts. 75 


Braid, Hack Tuke, Mesmer und den Anhängern der Fluidum¬ 
schule, die Werke von Charcot und seinen Schülern. Dann und 
wann wagte ich verstohlen, den einen oder anderen Patienten zu 
hypnotisieren, und mein Interesse für den Hypnotismus wurde so 
gross, dass ich mich entschloss, nach Nanzig zu gehen, um Li6- 
beault kennen zu lernen. In meiner Arbeit „Liöbeault und seine 
Schule“, die in der „Zeitschrift für Hypnotismus“, herausgegeben von 
Dr. Oscar Vogt (Jahrgänge 1895, 1897) veröffentlicht wurde, gab 
ich u. a. eine Beschreibung der Klinik und die Biographie des Be¬ 
gründers der modernen systematischen Psychotherapie. 

Nachdem ich einige Wochen in Nanzig zugebracht hatte, wo 
ich den Vorteil hatte, täglich Liöbeault und jene anderen Pioniere 
Bernheim, Beaunis und Liögeois zu sehen, deren Arbeit ich 
mit Bewunderung verfolgte, kehrte ich wie ein reicher Mann in 
meine kleine Stadt zurück. Die Erkenntnis war mir gekommen, dass 
der Patient psychisch ebenso verwundbar ist wie physisch, aber auch 
dass die Krankheit ebenso durch Beeinflussung der psychischen Seite 
angegriffen und behandelt werden kann wie durch Beeinflussung der 
physischen. Während ich früher nur die physische Seite untersucht 
und behandelt hatte und meine Einwirkung auf die psychische Seite 
ganz unbewusst gewesen war, wurde von diesem Tage an mein Ein¬ 
fluss erheblich verstärkt. Wiederholte Experimente an hypnotisierten 
Personen hatten mir bewiesen, dass, indem man direkt auf die 
Psyche durch Suggestion wirkte, krankhafte Störungen, die einer Be¬ 
handlung durch physische Mittel widerstanden hatten, geheilt werden 
konnten, und andererseits, dass eine bedeutende Zahl der Heilungen, 
die durch physische und chemische Behandlung erlangt waren, nicht 
so sehr dem Heilwert dieser Methoden zuzuschreiben waren, als viel¬ 
mehr dem Vertrauen, das der Patient zu ihnen hatte, d. h. der in¬ 
direkten Suggestion. 

Während ich vor meinem Besuch in Nanzig die therapeutische 
Suggestion nur heimlich angewendet hatte, konnte mich nach meiner 
Rückkehr nichts mehr daran hindern, sie offen zu verwerten, und 
ich öffnete meine Tür allen, die durch Hypnose behandelt zu werden 
wünschten. Die Neugier des Publikums war wie gewöhnlich durch 
diese Neuerung erregt, und von allen Seiten strömten Patienten 
herein. Sehr bald genügte mein Wartezimmer und mein Konsul¬ 
tationszimmer nicht mehr, um die wachsende Zahl der Patienten auf¬ 
zunehmen, und mein Haus wurde belagert und geradezu im Sturm ge¬ 
nommen von 11 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags. Ich ahmte Li6 be- 
ault nach, dessen Anordnungen und Technik ich gläubig kopierte, und 
behandelte meine Patienten in Gegenwart von anderen Patienten und 


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A. W. van Renterghem 


ihren Freunden. Diese Arbeitsmethode schuf eine Atmosphäre, die 
sehr günstig für die Einleitung der Hypnose war, und ich fand es 
niemals so leicht, den Schlaf einzuleiten, als während der ersten 
Monate meiner Laufbahn als Hypnotist. Aehnlich meinem Lehrer 
wendete ich die Suggestion in jedem Falle an, gleichgültig, woran 
der Patient litt, und der Erfolg, den ich in den heterogensten Fällen 
erlangte, war in Wirklichkeit staunenerregend. 

Dr. vanEeden, der bisher nur eine theoretische Kenntnis des 
Hypnotismus gehabt hatte, besuchte mich, und er war durch die 
Erfolge, die er bei mir sah, so überrascht, dass er in seiner eigenen 
Praxis mit Suggestionsversuchen begann. Sofort hatte er Erfolg, und 
dadurch wurde er veranlasst, mir den Vorschlag zu machen, dass 
wir zusammen eine Klinik für Psychotherapie in Amsterdam eröffnen 
sollten. So waren wir zwei, neben Dr. AriedeJong, die ersten 
Aerzte, die die hypnotische Suggestion in Holland als eine spezielle 
therapeutische Methode ausübten. 

Vom 15. August 1887 bis zum 1. Juni 1893 leiteten wir unsere 
Klinik zusammen. In diesem Jahre zog sich Dr. van Eeden von 
der Praxis zurück, und ich setzte das Werk allein fort. Ursprüng¬ 
lich waren wir beide gewöhnliche medizinische Praktiker gewesen, 
die die neue Methode nur vorsichtig anwendeten, aber sehr bald 
dehnten wir ihre Anwendung so aus, dass die hypnotische Suggestion 
eine überwiegende Stellung in unserer Behandlung einnahm. In 
unserer Tätigkeit als Hausärzte und gestützt durch unsere Kenntnis 
des Privatlebens unserer Patienten, genügten uns kurze Suggestions¬ 
sitzungen, und sie dienten uns als eine Ergänzung für unsere sonstige 
Behandlung. Aber als wir uns in der Hauptstadt als Spezialisten 
niederliessen, waren unsere Beziehungen mit unseren Patienten ganz 
verschieden. Die Patienten, die uns hier konsultierten, waren uns 
vollständig fremd. Die grösste Zahl kam zu uns, ohne ihrem eigenen 
Arzt etwas zu sagen, andere kamen aus Neugier, oder sie wurden 
durch die geheimnisvolle Atmosphäre angezogen, die die hypnotische 
Behandlung umgab. Während wir die hypnotische Suggestion zuerst 
fast in allen Fällen anwendeten, die sich uns darboten, kamen wir 
bald dazu, eine beträchtliche Anzahl von Krankheitsfällen als unge¬ 
eignet für Psychotherapie abzusondem, und wir beschränkten uns 
auf die Behandlung von Neurosen, leichteren Psychosen, Zwangsvor¬ 
stellungen, sexuellen Perversionen, krankhaften Trieben, Charakter¬ 
fehlem, gewissen Formen von Anämie, Morphinismus, Dipsomanie, 
chronischem Alkoholismus, leichten Formen von Diabetes, Menstruations¬ 
anomalien (soweit sie keiner organischen Störung zuzuschreiben waren) 
und auf die Anwendung der Suggestion, um Anästhesie für chirur- 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Reform des mediz. Unterrichts. 77 


gische und geburtshilfliche Zwecke zu erzielen, und endlich, um 
natürlichen Schlaf zu schaffen und aufrecht zu erhalten. 

Die eigentliche sogenannte Suggestionsbehandlung genügte uns 
auf die Dauer nicht und wir fanden bald, dass, anstatt uns auf die 
hypnotische Suggestion ganz und gar zu beschränken, wir andere 
Arten der Psychotherapie ebensowohl benutzen mussten, erzieherische 
Massnahmen, methodische Uebungen, Isolierung und verlängerten 
Schlaf. Die nichtambulante Behandlung gab in vielen Fällen Ge¬ 
legenheit zur Behandlung im Bett, und anstatt stets dem Patienten 
die Suggestion in Gegenwart der anderen zu geben, wurde jetzt diese 
Methode nur noch ausnahmsweise angewendet. Später behandelten 
wir jeden Patienten für sich, nur ein Freund oder Verwandter war 
zugegen, und diese Aenderung unserer Methode vermehrte unseren 
Erfolg. 

Gestatten Sie mir nach dieser Abschweifung, Ihnen eine Mit¬ 
teilung über die Erfolge zu geben, die ich durch die Suggestion in 
meiner Praxis im Sommer 1887 erlangte, der Periode, die meiner 
Niederlassung als Spezialist in Amsterdam vorausging. 

Einen starken Eindruck hatten auf mich die auffallenden Hei¬ 
lungen gemacht, die ich in Li6beaults Klinik.gesehen hatte. Ich 
sah dort wie durch Zauberei nicht nur einfache nervöse Störungen 
schwinden, sondern krankhafte Zustände, wie Chlorose, Gelbsucht, 
Rheumatismus, Diarrhöe und Menstruationsstörungen. Man wird sich 
leicht denken können, dass ich nun dazu geführt wurde, einen sehr 
ausgedehnten Gebrauch von der neuen Methode zu machen. Obwohl 
ich noch gelegentlich Arzneimittel oder andere physische Mittel 
brauchte, behielt ich doch die psychische Behandlung nicht mehr 
bloss für seltene Ausnahmefälle vor. Wo ich früher sedative Mittel 
oder Narkotika brauchte, wendete ich jetzt Suggestion an. 

Eine alte Frau mit Nierensteinen, die ich früher oft durch subkutane 
Morphiuminjektion von ihren Kolikanfällen befreit hatte, konnte ich jetzt, nach¬ 
dem ich durch verbale Suggestion Schlaf herbeigeführt hatte, von intensiven 
Blasenkrämpfen befreien. Als ioh sie nach einer Viertelstunde tiefen Schlafes 
weckte, liess sie ganz leicht Urin und hatte keine Schmerzen mehr. 

Während ioh mit der Hypnotisier ung dieser Patientin beschäftigt war, lag 
ihr Gatte, ein Taglöhner, ebenfalls krank zu Bett. Ioh hatte geglaubt, allein 
mit der Frau zu sein, während der Gatte die ganze Zeit mit Interesse all mein 
Tun und Handeln verfolgt hatte. Als er die von mir herbeigeführte wunder¬ 
bare Wirkung sah, konnte er sich nicht länger zurückhalten, und durch leichtes 
Husten zeigte er seine Gegenwart an. Sofort wendete ioh mich zu ihm und er¬ 
klärte ihm, was ioh getan hatte. Der gute Mann war ganz erstaunt und bat 
mioh sofort dringend, ihm seine Schmerzen ebenfalls, wenn ich es könnte, fort¬ 
zunehmen. Ich untersuchte ihn und fand, dass er an einer Ischias im linken 


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Bein litt Sogleich erklärte ich ihm, dass ich seine Schmerzen nehmen könnte, 
ebenso wie ich die seiner Frau genommen hätte, wenn er nur Vertrauen zu mir 
haben wollte. Er unterwarf sich meinen Manipulationen und wurde bald 
schläfrig. Er lag unangekleidet zu Bett. Als ich nach einigen Minuten den 
Patienten fragte, versicherte er mir, dass er vollkommen frei von Schmerzen sei 
und das kranke Bein ganz leicht bewegen konnte. Während er noch schlief, 
liess ich ihn aufstehen, sich ankleiden, und indem ich ihn bei der Hand nahm, 
liess ich ihn im Zimmer herumgehen. Der Schmerz war in der Tat vollkommen 
versohwunden. Ich veranlasst^ ihn dann, sich in einen Lehnstuhl nahe am 
Feuer niederzusetzen und weckte ihn einen Augenblick später auf. Er hatte 
geschlafen, aber gleichseitig erinnerte er sich an alles, was vorgegangen war. 
Er hatte, so sagte er, das Schwinden des Schmerzes gefühlt, als ich Striche längs 
seines Beines machte, und er war nicht fähig gewesen, meinen Suggestionen, 
aufzustehen, sich anzuziehen und zu gehen, Widerstand zu leisten. Während der 
folgenden drei Wochen setzte ich die Behandlung fort. Anfangs kehrten die 
neuralgischen Schmerzen, naohdem sie durch die Suggestion entfernt waren, 
ziemlich schnell nach der täglichen Behandlung wieder, aber allmählich wurden 
die freien Intervalle grösser. 

Der Anblick dieses alten Mannes, der, um mein Konsultationszimmer zu 
erreichen, über eine Treppe von zwanzig Stufen gehen musste, der vor der Be¬ 
handlung nur schwierig ging und Schmerzen bei jeder Stufe, die er nahm, litt, 
und der sich vollständig frei von Schmerz fühlte und nach einer Behandlung von 
wenigen Minuten behende aufbrach, erschien den Zuschauern stets überraschend 
und wunderbar. 

Ein anderer Fall war der eines jungen hysterischen Mädchens, das ich 
einige Monate vorher wegen einer TJrinretention behandelt hatte. Diese 
widerstand so allen Massnahmen, dass sie nur bei forcierter Katheterisierung 
wich. Diese war schon mehrere Wochen ausgefuhrt worden. Als ich bei der 
Wiederkehr dieses Zustandes gerufen wurde, redete ich dem Mädchen zu, mich 
meine neue Behandlungsmethode versuchen zu lassen und hatte das Resultat, 
dass auch in diesem Fall die Suggestion während der tiefen Hypnose die 
Störungen beseitigte. 

In Fällen von Lumbago und steifem Hals war die Be¬ 
freiung von Schmerz und die Wiederherstellung der freien Bewegung 
nur ein Kinderspiel, wenn man es mit Patienten zu tun hatte, die 
für Hypnose empfänglich waren. Das plötzliche Schwinden des 
Schmerzes und die vollständige und unmittelbare Wiederherstellung 
der Bewegungsfähigkeit, die ich bei suggestiblen Personen bewirkte, 
die an solchen Krankheiten litten, machten stets einen starken Ein¬ 
druck auf den Patienten, den Zuschauer und sogar auf mich selbst. 
In der Mehrzahl der Fälle kehrte zwar der Schmerz bald zurück; 
nichtsdestoweniger aber gelang es mir, wenn ich die Behandlung in 
kurzen Zwischenräumen wiederholte, im allgemeinen diese Fälle in 
wenigen Sitzungen zu heilen. 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eineReform des mediz. Unterrichts. 79 


Eine alte Dame, die Frau eines Geistlichen, die Anfälle von nervösem 
Asthma hatte, zu deren Abkürzung ich oft subkutane Morphium- und Atropin¬ 
injektionen angewendet hatte, wurde zu meinem grossen Erstaunen von einem 
Anfall in wenigen Minuten durch die Suggestion während der Hypnose befreit. 

Eine andere Kur machte mir wirkliches Vergnügen, nämlich die einer 
Intermittens quartana, wo Chinin und Arsenik unwirksam geblieben 
waren. Es muss zugegeben werden, dass die Krankheit selbst durch die spezi¬ 
fische Behandlung überwunden war, aber der charakteristische Symptomen- 
komplex des Status febrilis wiederholte sich bei diesem hysterischen Patienten 
noch in den gewöhnlichen Zwischenräumen. Es ist eine bemerkenswerte Tat¬ 
sache, dass bei vielen Psychopathen gewisse Symptome lange Zeit fortbestehen, 
nachdem die ursprüngliche Ursache ihre Wirksamkeit beendet hat. 

Ein chronisches Ulcus callosum des Beins, das meiner chirurgischen 
Behandlung (Bayntonsverband) widerstanden hatte, schwand in wenigen Tagen, 
als diese Behandlung mit der Suggestionstherapie kombiniert wurde. 

Wie man leicht verstehen wird, wurden meine hypnotischen Kuren in dem 
Gerede des Publikums in absurder Weise übertrieben und in den glänzendsten 
Farben ausgemalt. So kam eine 40 Jahre alte Frau zu mir, die an chroni¬ 
scher Nephritis litt. Sie konnte infolge eines Oedems der Beine und eines 
enormen Hydrops kaum gehen. Obwohl ich mein Bestes tat, ihr zu erklären, 
dass ihr Fall für Suggestionsbehandlung nicht geeignet sei, verlangte sie sie doch, 
und nichts konnte ihre Meinung ändern. Sie bat mich, die neue Methode an 
ihr zu versuchen, da sie ganz überzeugt war, dass ich ihr helfen würde. Was 
sollte ich tun? Ich entschloss mich, der armen Frau den Gefallen zu tun und 
bat sie, zu warten, bis an ihr die Beihe sei. Sie hatte l 1 /* Stunden zu warten, 
ehe sie herankam. Kaum hatte sie sioh niedergesetzt, da begann sie zu schlafen, 
bevor ich Zeit hatte, auch nur den geringsten Versuch zu ihrer Hypnotisierung 
zu machen. Ich übertreibe jetzt nicht, wenn ich sage, dass meine Suggestionen 
dieser Frau so Gutes taten, dass sie und ihre ganze Familie bereits eine schnelle 
Heilung voraussahen. Es gelang mir, die Urinmenge zu vermehren, die Ver¬ 
dauung zu regeln, die Herzbeklemmungen zu beseitigen, des Nachts ihr Schlaf 
zu verschaffen, desgleichen Appetit und Zunahme der Kräfte, d. h. ich hatte die 
Krankheitssymptome unterdrückt oder wenigstens auf ein Minimum zurückgeführt, 
ohne dass ich fähig war, die kranken Organe zu heilen. Die pathologischen 
Elemente, Eiweiss und Harnsediment, erschienen weiter im Urin. Meine kurz 
darauf erfolgende Abreise nach Amsterdam war für diese Frau das Todesurteil. 
Als ich sie verlies«, gab sie jede Hoffnung auf Genesung auf, sie verlor allen 
Mut, und eine Woche nach meiner Abreise erhielt ich die Nachricht von 
ihrem Tode. 

In einem Fall von Magenkrebs, der zwei Jahre bestanden hatte, ge¬ 
lang es mir, die Patientin, eine arme 49jährige Witwe, während der sechs 
Wochen, die ihrem Tode vorausgingen, so zu erleichtern, dass sie auch an eine 
nahe Heilung glaubte. Anämisch, ausserordentlich schwach infolge des wieder¬ 
holten Bluterbrechens, unfähig etwas zu arbeiten, ohne Verwandte, unterstützt 
von der Kirchengemeinde, suchte sie meine Hilfe auf. Als sich diese Patientin 
zum erstenmal in meiner Konsultationsstunde einfand, gelang es mir auch so- 


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fort, tiefe Hypnose herbeizofübren and ihre 8chmerzen einstweilen za erleichtern. 
8ie konnte weder die Nahrang bei sich behalten, noch schlafen, sie litt fürchter¬ 
liche Schmerzen, kurz, ihr Zustand war verzweifelt. Zwei oder drei Sitzungen 
fanden mit dieser Frau täglich statt, eine in meiner Wohnung, wenn sie fähig 
war, zu mir za kommen. Dank dieser Behandlung wurde sie bald fähig, einige 
Eier bei sich zu behalten und zu verdauen, desgleichen einige Biskuits und einen 
halben Liter Milch täglich. Sie litt weniger, sohlief vier oder fünf Stunden jede 
Nacht und war subjektiv erheblich besser. Nichtsdestoweniger nahmen ihre 
Kräfte weiter ab, und am Ende von sechs Wochen machte der Tod ihren Leiden 
ein Ende. Ich hatte das arme Geschöpf an dem Morgen des Tages, wo sie 
starb, um 8 Uhr besucht. Ich fand sie im Bett liegend mit Schmerzen im 
Magen. Ich veranlasste sie zu schlafen; naoh sehn Minuten langem Schlaf war 
sie, nachdem der Schmerz geschwunden war, fähig, ihr Bett zu verlassen, ein 
Ei und ein Biskuit zu verzehren. Als ich wegging, versprach sie mir, im Laufe 
des Tages zu mir zu kommen. Zwei Stunden später jedoch erlag sie ihren Leiden. 

Wir müssen den ausserordentlichen therapeutischen Einfluss der Suggestion 
in diesem Fall anerkennen, obwohl sie natürlich lediglich als ein starkes Linderungs¬ 
mittel wirkte. Zweifellos leistete sie ebensoviel, wie irgend eine andere Be¬ 
handlungsmethode hätte leisten können. Ich erinnere mich keines anderen 
Falles, wo ich soviel Befriedigung über meine Bemühungen, Schmerzen und 
Elend zu lindern, gefühlt hätte, wie in diesem. 

Ein 30jähriger Uhrmacher, der an Trichinose litt, war einige Tage von 
den Muskelschmerzen so gequält worden, dass sein Zustand beunruhigend war. 
Er konnte nicht Stillstehen und benahm sich wie ein Toller. Er hatte einige 
Tage nicht geschlafen. Weder Morphium noch Chloralhydrat waren imstande, 
Schlaf zu erzeugen. Durch meine Massnahmen konnte ich tiefe Hypnose herbei¬ 
führen. Nach der ersten Sitzung schlief er vier Stunden. loh wiederholte diese 
Behandlung jeden Abend an den folgenden Tagen, bis die akute Periode der 
rheumatoiden Schmerzen vorübergegangen war und der Patient von selbst 
schlafen konnte. Es war sehr interessant zu beobachten, wie die Rückkehr des 
Schlafes die anderen Symptome günstig beeinflusste und den allgemeinen Zustand 
besserte. Der Patient, der viele Tage unfähig gewesen war, seinem Beruf nach¬ 
zugehen, kehrte nach der dritten Sitzung zu seiner Arbeit zurück. 

Bei einer anderen Gelegenheit wurde ich in einem Fall von Osteomye¬ 
litis gerufen, die vernachlässigt worden war. Der Patient, ein zehnjähriger 
Knabe, der Sohn eines Farmers, war sechs Monate ans Bett gefesselt worden. 
Ich fand ihn hochgradig abgemagert, duroh Fieber verfallen, auf dem Rücken 
liegend, der durch Kissen gestützt wurde, das linke Bein im ankylosierten 
Kniegelenk gebeugt. Der obere Teil des Beines war hypertrophiert, die Haut 
geschwollen und mit Fistelöffnungen durchlöchert, aus denen sioh eitrige Massen 
absonderten. Der kleine Patient war ausserordentlich schwach, sehr reizbar und 
in hohem Grade empfindlich; er sohlief schlecht und nahm wenig oder gar keine 
Nahrung zu sich. Nach meiner Untersuchung liess ich die Eltern wissen, dass 
nur eine chirurgische Operation ihren Sohn retten könnte, und dass die Psycho¬ 
therapie in diesem Fall nur als Hilfsmittel in Betracht käme. Nichtsdestoweniger 
bestanden sie darauf, dass ich den Knaben behandelte und das Bestmögliche 


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für ihn täte. Es gelang mir leicht, das Zutrauen des kleinen Patienten zu gewinnen 
und die Hypnose herbeizuführen, und durch geeignete Suggestion half ich ihn 
auf den Weg der Besserung zu führen. loh belebte seinen Mut, regte seinen 
Appetit an, milderte den Schmerz, verschaffte ihm einen guten nächtlichen Schlaf 
und brachte sein Bein durch stufenweise kräftige Extensionen während der 
hypnotischen Anästhesie wieder in die normale Lage. Den Patienten interessierte 
seine fortschreitende Besserung sehr, und er bat mich, die yorgeschlagene Ope¬ 
ration nicht länger aufzuschieben, als nötig wäre. Ich führte deshalb eine 
Nekrotomie am zwölften Tage der Behandlung aus. Da ich den Knaben in der 
Hypnose, deren Anästhesie ich zur Operation benutzen wollte, wieder zu be¬ 
ruhigen wünschte, liess ich ihn nur wenige Tropfen Chloroform einatmen. Alles 
ging sehr gut, und schon am 16. Tage nach der Operation brachte sein Vater 
den Patienten auf einem Pferd nach meinem, von seiner Wohnung fünf Kilo¬ 
meter entfernten Hause. 

In einem Fall von sehr schwerer Sohulterverletzung mit Schwellung 
der Weichteile und ausserordentlich starker Verfärbung der Haut gelang es mir, 
in wenigen Minuten tiefe Hypnose mit voller Anästhesie herbeizuführen, und 
dadurch konnte ich feststellen, dass der Fall weder durch eine Fraktur noch 
eine Dislokation kompliziert war. Die Beweglichkeit des Gliedes, die während 
des hypnotischen Schlafes zurückkehrte, blieb noch einige Stunden nach dieser 
ersten Sitzung bestehen und gestattete dem Patienten, seinen verletzten Arm zu 
gebrauchen. Während der dem Unfall folgenden Woche wiederholte ich die 
Suggestionsbehandlung dreimal und hatte die Genugtuung, meinen Patienten in 
dieser kurzen Zeit vollständig hergestellt zu sehen. Der Schmerz, die Schwellung, 
jedes Symptom des schweren Unfalls waren verschwunden, und nur die Ver¬ 
färbung der Haut blieb als unverkennbarer Beweis für die Schwere der Ver¬ 
letzung zurück. 

Ich berichte noch einen letzten Fall, der zeigt, wie nützlich für den 
Chirurgen die durch Suggestion erzeugte Anästhesie sein kann. Ein 38jähriger 
Maurer erlitt eine Luxation der rechten Schulter. Es gelang mir nicht 
ohne Mühe, die Dislokation zu beseitigen, ein Eingriff, der sehr schmerzhaft war. 
Ich legte dann einen Verband an, um die Teile absolut ruhig zu stellen und 
sagte dem Patienten, er solle in 14 Tagen wieder zu mir kommen; er kam aber 
erst einen Monat nach dem Unfall. Nach Entfernung des Verbandes sah ich, 
dass alle Teile in ihrer normalen Lage waren und jede Spur des Unfalls ver¬ 
schwunden war. Ich forderte dann den Pätienten auf, einige Bewegungen mit 
dem verletzten Arm zu machen. Er zwang sich, zu tun was ich verlangte, aber 
seine ersten vorsichtigen Versuche verursachten ihm so viel Schmerz, dass er 
plötzlich innehielt. Passive Bewegungen waren ebenso schmerzhaft, und ich 
konnte den Patienten nicht bewegen, seine Furcht zu überwinden. Er wollte 
gerade Weggehen, als ich ihm die Hypnose vorschlug, um den Schmerz während 
des Schlafes zu beseitigen. Ich hypnotisierte in seiner Gegenwart zwei Patienten, 
und nachdem er das gesehen hatte, erklärte er sich bereit, in Schlaf versetzt zu 
werden. Ich erlangte einen Schlaf, dessen Tiefe meinen Zwecken genügte. Der 
Patient achtete gar nicht auf die Handgriffe, die für die Wiederherstellung der 
Beweglichkeit notwendig waren. Bei der ersten Sitzung begnügte ich mich, die 

Zeitschrift für Psychothertple. IV. 6 


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Finger- and Handgelenke frei za machen. Ich wiederholte die Behandlung am 
Abend desselben Tages und täglich an den folgenden sehn Tagen. Nach Ab¬ 
lauf dieser Zeit konnte jede Bewegung ohne Schmerz ausgeftthrt werden. So 
zeigen die erwähnten Fälle, dass die Suggestion, wenn sie durch die gewöhnliche 
Behandlungsmethode unterstfitzt wird, ausgezeichnete Dienste in der täglichen 
Praxis jedes Arztes, der sie zu benutzen versteht, leistet. 

IV. 

Wie ich schon gesagt habe, machte die von mir bei Beginn 
meiner psychotherapeutischen Praxis angewandte Me¬ 
thode im Laufe der Jahre erhebliche Aenderungen durch. 
Anfangs bemühte ich mich besonders, meine Patienten möglichst tief 
zu hypnotisieren. Sehr bald fand ich aber, dass der therapeutische 
Erfolg keineswegs von der Tiefe des Schlafes abhing. Im Gegenteil, 
ich hatte sehr oft Erfolge bei Patienten, die für die Hypnose ganz 
refraktär waren oder bei denen nur Schläfrigkeit hervorgerufen 
werden konnte, während sich tiefe Schläfer oft gegen die therapeu¬ 
tische Suggestion refraktär erwiesen. So litten viele Patienten, die 
mich nach meiner Niederlassung in Amsterdam konsultierten, an 
Störungen des Nervensystems, z. B. Hysterie, Neurasthenie oder 
anderen Neurosen, leichteren Psychosen und Zwangsvorstellungen. 
Hier genügte die Suggestion allein nicht, um eine Heilung herbei¬ 
zuführen. Es war vielmehr nötig, eine moralische Behandlung, er¬ 
zieherische Massnahmen und die unter dem Namen der Psycho¬ 
analyse bekannte kathartische Behandlung anzuwenden. Jeder dieser 
verschiedenen Zweige der Psychotherapie hat seine eigenen Indi¬ 
kationen, und sie ergänzen sich gegenseitig. Gestatten Sie mir, sie 
kurz zu beschreiben. 

1. Die moralische Behandlung. Der Patient muss des 
Arztes Sympathie erkennen, dieser des Kranken gebrochenen Mut 
wieder herstellen, bei ihm Vertrauen und Hoffnung auf Genesung 
erwecken, die auf seiner Seele lastende Angst bekämpfen, ihn mög¬ 
lichst erleichtern und trösten, wenn die Heilung ausgeschlossen ist. 
Nötigenfalls gehören hierher Belohnungen und Ermahnungen und 
die nochmalige Zurückführung auf den richtigen Weg. Jeder Arzt, 
der neben seinen wissenschaftlichen Kenntnissen ein gutes Herz und 
genügenden Takt besitzt, übt diese Behandlungsart aus. 

2. Die erzieherische Behandlung appelliert an die Intelli¬ 
genz des Patienten. Sie sucht sein psychisches Verhalten gegenüber 
seinen Beschwerden zu beeinflussen, indem man ihm eine möglichst 
genaue Vorstellung von seinem Zustand gibt, ihm die Natur seiner 
Krankh eit erklärt, ihm beweist, dass seine krankhaften Störungen 
durch falsche Gedanken verursacht sind, durch das Fortbestehen 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Reform des mediz. Unterrichts. gB 


oder das Wiederauftreten eines krankhaften Automatismus, durch 
eingewurzelte schlechte Gewohnheiten, durch eine Funktionsschwäche 
gewisser Muskeln oder Muskelgruppen als Folge eines Mangels an 
Uebung, durch den Verlust des Vertrauens in die eigene Kraft. Die 
bei dieser Methode angewendeten Mittel sind Vemunftgründe, Er¬ 
ziehung und Uebung. Diese Behandlung beansprucht vom Patienten 
einen hinreichenden Grad von Intelligenz und die Fähigkeit, seine 
Aufmerksamkeit auf das zu konzentrieren, was der Arzt ihm sagt, 
dessen Erörterungen zu folgen und dessen Schlüsse zu verstehen. 
Der Arzt muss seinerseits die Gabe besitzen, sich dem geistigen 
Niveau des Patienten anzupassen. Er muss die notwendige Begrün¬ 
dung in leicht verständlicher Form Vorbringen und stets fähig sein, 
eine neue zu finden. 

3. Die Suggestionsbehandlung wendet sich an die Ein¬ 
bildungskraft des Patienten. Bei ihr lässt man eine normale Eigen¬ 
schaft jedes menschlichen Gehirns in Tätigkeit treten, nämlich die 
Suggestibilität. Die Behandlung greift die Symptome unmittelbar 
an. Bei der direkten Suggestion (Behauptung, Begründung, Ueber- 
redung) oder bei der indirekten Suggestion (Hervorrufung einer 
Emotion, Verordnung einer indifferenten Arznei oder Anwendung 
einer physikalischen oder mechanischen Behandlung) wird die Heilungs¬ 
idee in die Seele des Patienten eingepflanzt, um ihn von den be¬ 
stehenden Funktionsstörungen zu befreien. Wenn man ein Glied in 
der Kette zerstört, wird der ganze Kreis vernichtet, der Circulus 
vitiosus ist gebrochen. Die Suggestionsbehandlung kann im Wach¬ 
zustand oder im Schlaf angewendet werden. Der Schlaf kann der 
natürliche, er kann aber auch durch Suggestion oder Narkotika, z. B. 
Chloroform, Chloräthyl usw., herbeigeführt sein. Es kann ein patho¬ 
logischer Schlaf sein, z. B. die hypnoiden Zustände der Hysterie, die 
deliriösen Zustände bei Fieber usw. Es ist möglich, suggestiv einen 
Schlaf herbeizuführen, der solange wie man es wünscht, aufrecht er¬ 
halten und beliebig in den normalen Schlaf übergeführt werden kann. 
Endlich lässt die Suggestion eine Anästhesie erzeugen, unter deren 
Wirkung ernste Operationen ausgeführt werden und Geburten 
schmerzlos verlaufen können. 

4. Die psychoanalytische oder kathartische Methode 
wurde von Breuer gefunden und von ihm in der Hypnose verwertet. 
Freud hat sie vervollkommnet und wendet sie hauptsächlich im 
Wachzustand an. Die Versuchspersonen werden von ihm in einen 
Zustand psychischer Konzentration versetzt, in welchem sie fähig wer¬ 
den, sich solcher Dinge zu erinnern, die sie bereits vergessen hatten. 
Wir können diese Methode besonders bei hysterischen Patienten be- 


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nutzen, um möglichst die verborgene Ursache der Stönmg zu ent¬ 
decken. Dieses Verfahren heisst Psychoanalyse. Durch solche Unter¬ 
suchung kann es uns gelingen, irgendwelche alten Erlebnisse aufzu¬ 
frischen, lange nachdem sie in das Unterbewusstsein des Patienten 
untergetaucht sind. Das Erlebnis, dessen Affekt sich im Augenblick, 
wo es stattfand, nicht frei entladen konnte, wirkt ähnlich wie ein 
unter der Schwelle des Bewusstseins eingepflanztes psychisches 
Trauma. Es reizt den psychischen Organismus, verursacht dabei 
hysterische Symptome und gibt zu krankhaften Entladungen Ver¬ 
anlassung. Wenn es uns gelingt, den ursächlichen Faktor in allen 
seinen Einzelheiten in das gewöhnliche Bewusstsein des Patienten 
zurückzubringen und dabei die assoziative Emotion, die solange 
unterdrückt worden war, zu wecken (Katharsis), schwinden die krank¬ 
haften Symptome sofort und für immer, sobald Apanesie für das Er¬ 
lebnis suggeriert wird. 

Die von mir in meiner Klinik während der letzten Jahre ange¬ 
wendete Behandlungsmethode ist- in folgender Weise in einer Arbeit 
zusammengefasst worden, die ich auf dem Internationalen Kongress 
für Neurologie und Psychologie in Ams terdam im September 1907 
verlas *). 

Der Patient wird bei seiner Ankunft einer gewissenhaften Unter¬ 
suchung unterzogen, und die Behandlung wird erst unternommen, 
wenn sein Zustand die Hoffnung einer grossen Besserung oder Hei¬ 
lung rechtfertigt. Während der Untersuchung lege ich Wert darauf, 
dass er es sich bequem macht und ich ein genaues Urteil über den 
Zustand seiner Organe gewinne. 

Ich studiere den Charakter des Patienten und sein seelisches 
Verhalten gegenüber seinen Beschwerden, desgleichen die Umgebung, 
in der er lebt. Der nervöse Patient empfindet jede freundliche Auf¬ 
merksamkeit, die ihm vom Arzt erwiesen wird, in sehr feiner Weise. 
Seine feinen Fühler befähigen ihn, sofort den wahren Freund zu er¬ 
kennen, der gewillt und fähig ist, ihn zu heilen, und ihn von dem 
Manne der Wissenschaft zu unterscheiden, der nur dieser lebt. 

Wenn die nervösen Störungen von einer organischen Affektion 
begleitet oder verursacht sind, deren Vorhandensein der Patient 
kennt, so versuche ich nicht, ihn glauben zu lassen, dass er keine 
solche Krankheit hat, sondern ich sage ihm, dass die Psychotherapie 
nur die funktionellen Störungen heilen kann und dass die organische 
Läsion einer besonderen Behandlungsart bedarf. Wenn die Krank¬ 
heit unheilbar ist, tue ich, was ich kann, um den Patienten zu er- 

') „La Psychotherapie dans ses differents modea.“ Ed. F. ran Rossen, Amster¬ 
dam 1907. 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Reform des mediz. Unterrichts. 85 


leichtem, und ich bemühe mich mehr, ihm Stoizismus zu predigen 
und ihn zu lehren, wie er sein Schicksal mit Ergebung tragen kann. 

Die psychische und moralische Untersuchung erfordert viel 
Takt. Der Patient wird selten zögern, Ihnen zu sagen, dass er einen 
Schreck, grosse Familiensorgen, einen Schicksalsschlag, Verlust von 
Geld oder sozialer Stellung erlitten hat, aber er ist nicht so leicht 
geneigt, seine Schwächen und Fehler zu beichten, z. B. Tranksucht, 
sexuelle Perversionen oder irgendwelche Vergehen, und er zeigt oft 
Skrupel, wenn er seine Phobien oder Zwangsvorstellungen aufdecken 
soll. Wenn er sich während oder nach der Untersuchung zu einer 
Beichte aufschwingen kann, ist er auf dem rechten Wege, Ihnen sein 
volles Vertrauen zu geben. Um den Patienten vollständig zu stu¬ 
dieren, muss man auch seine Verwandten und Bekannten studieren. 
Es ist mir wertvoll zu wissen, was seine Familie und seine Freunde 
in seinem Verhalten beobachtet haben, so dass ich ihre Eindrücke 
über ihn mit meinen eigenen vergleichen kann. 

Die Meinung, die ich mir am Schluss der Untersuchung bilde, 
äussere ich nur sehr vorsichtig, so dass ich dem Patienten niemals 
wehe tue oder ihm gar die Hoffnung auf Genesung raube. Wenn 
ich glaube, dass die Störung geheilt werden kann, die Heilung aber 
lange Zeit in Anspruch nimmt, lege ich den Hauptnachdruck auf 
die günstige Prognose; ich erkläre dem Patienten, dass die Schnellig¬ 
keit der Heilung zum grossen Teil von ihm selbst abhängt, und ich 
rate ihm, alle meine Ratschläge buchstäblich auszuführen. Wenn 
ich voraussehe, dass Perioden von Besserung und Verschlimmerung 
abwechseln werden — Aenderungen seines Zustandes, die er nicht 
erwartet —, dann lasse ich ihn dies beim Beginn der Behandlung 
wissen, so dass er, wenn ein Rückschlag eintritt, gegen Kleinmut 
und Entmutigung gerüstet ist. So bemühe ich mich, in ihm einen 
gewissen Optimismus zu entwickeln, seine Energie und Widerstands¬ 
kraft zu vermehren. 

Grosse Sorgfalt muss darauf verwendet werden, für den Patienten 
eine günstige Umgebung zu schaffen. Wenn seine gegenwärtige Um¬ 
gebung ungeeignet ist, rate ich ihm zu einer anderen, wo die Be¬ 
dingungen günstiger sind. In gewissen Fällen ist vorübergehende 
Isolierung in einem Sanatorium notwendig. Hier kann die Behand¬ 
lung leichter verfolgt und überwacht werden, und infolgedessen hat 
sie einen besseren Erfolg. So schnell als möglich veranlasse ich 
den Patienten, eine Beschäftigung aufzunehmen. Ich teile seine Tage 
für ihn ein, seine Arbeits-, Ruhe- und Erholungsstunden bestimme 
ich, ebenso die Zeit, wann er sich zu Bett legen und aufstehen soll, 
and seine Mahlzeiten. Ich reguliere den Umfang der geistigen Arbeit 


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und der Muskelübungen, denen er sich unterziehen soll. Wenn ich 
annehme, dass der Verkehr mit anderen Patienten wegen der Gefahr 
der Ansteckung durch Nachahmung dem Nervösen schädlich sein 
kann, veranlasse ich, dass er seinen Schicksalsgenossen so fern als 
möglich bleibt. 

Die eigentliche Behandlung führe ich in einem kleinen Zimmer 
aus, wo ich allein mit dem Patienten bin. Es kann auch ein Ver¬ 
wandter anwesend sein, wenn er Bedenken hat, mit mir allein zu 
sein. Seine Furcht schwindet im allgemeinen nach der zweiten 
Sitzung, und er zieht es vor, mit mir allein zu sein. Er kann sich 
dann leichter anvertrauen und sein Herz ausschütten. Nachdem ich 
ihn veranlasst habe, sich auf einem Ruhebett niederzulegen, setze 
ich mich neben ihn und beginne die Unterhaltung, indem ich die 
Hauptzüge seiner Krankheit zusammenfasse, die ich mit ihm analy¬ 
siere, wenn sein Seelenzustand geeignet ist, meinen Erörterungen zu 
folgen. Ich setze ihm die Grundlagen auseinander, auf die sich 
meine Diagnose und Prognose stütze und führe einige auffallende 
Heilungen analoger Fälle an. Ich bespreche seine Symptome mit 
ihm und gebe ihm zum Schluss einen Rat, wie ihn sein Zustand mit 
Beziehung auf Diät, Hygiene usw. erfordert. Wenn unsere Unter¬ 
haltung beendet ist, bitte ich den Patienten, noch einige Zeit ruhig 
zu bleiben und über das nachzudenken, was ich gesagt habe. Wenn 
es mir gelungen ist, den Patienten zu beruhigen und ihn seine Sorgen 
vergessen zu lassen, wird er sehr oft müde und verfällt in Schlaf. 
Andere Male schläft er nicht, aber er bleibt ruhig mit offenen oder 
geschlossenen Augen liegen. Ich benutze dann diesen Zustand, meine 
Suggestionen einzupflanzen. In der Form der Persuasions-Suggestion 
wiederhole ich, was ich schon in der früheren Unterhaltung gesagt 
habe. Nicht selten ist der Zustand des Patienten ein solcher, dass 
es nutzlos ist, mit ihm in Erörterungen einzutreten, denn er ist un¬ 
fähig, den Gründen des Arztes zu folgen. Aber er horcht willig auf 
tröstende und ermutigende Worte, die ihn erleichtern, und er fühlt 
auch gern die freundliche Hand des Arztes auf seinem Kopf, wäh¬ 
rend die Suggestionen gegeben werden. 

In solchen Fällen verschiebe ich den Versuch, mit dem Patienten 
zu diskutieren, auf einen späteren Tag, und ich widme mich nur 
der Behandlung der Symptome. Ich versuche, Schlaf herbeizuführen, 
die Reizbarkeit und Aengstlichkeit zu mildem, den Schmerz zu ent¬ 
fernen. Ich tue dies in der einfachsten Weise. Ich lege meine Hand 
auf seine Stirn, schliesse sanft seine Augenlider, und mit weicher 
und überzeugender Stimme murmele ich meine Schlaf- und Heil¬ 
suggestionen. Mit meiner freien Hand verstärke ich die verbale 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Reform des mediz. Unterrichts. 87 


Suggestion, indem ich leichte Striche längs der Glieder oder des ihn 
schmerzenden Teils mache. Nach längerer oder kürzerer Zeit, d. h. 
nach einer halben bis zwei Stunden höchstens, entsprechend der 
Natur des Falles, wecke ich den Patienten, wenn er geschlafen hat, 
oder ich bitte ihn, sich zu erheben, wenn er wach gewesen ist. 

Diese Behandlung durch Ermutigung oder Suggestion wird täg¬ 
lich oder in längeren Intervallen wiederholt, und auf solche Weise 
gelingt es mir im allgemeinen, den Patienten zu beruhigen und sein 
seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen. Nachdem die Suggestion 
den Weg für die Persuasion oder erzieherische Massnahmen vor¬ 
bereitet hat, treten diese an die Stelle der ersteren, oder ich vereine 
die beiden Methoden, wenn es notwendig ist. Wenn die Zeit zur 
Erörterung von Vemunftgründen gekommen ist, bemühe ich mich, 
meine Erklärungen in solcher Form zu geben, dass sie des Patienten 
Intelligenz und Wissen entsprechen, und ich versuche, mich seinem 
geistigen Niveau anzupassen und dementsprechend meine Argumente 
einzurichten. In einigen Fällen bildet die auf Stunden, Tage oder 
Wochen ausgedehnte Hypnose den einzigen oder hauptsächlichen 
Teil der Behandlung. 

Nachdem ich den Patienten geheilt habe, verliere ich ihn nicht 
aus den Augen. Ich lasse mir versprechen, dass er mir von Zeit 
zu Zeit schreiben und mir den weiteren Verlauf mitteilen und mich, 
wenn er irgend einen Rückfall haben sollte, entweder davon brieflich 
unterrichten oder zu mir kommen wird. Ich stelle ihm meinen 
weiteren moralischen Beistand zur Verfügung, der für die Mehrzahl 
der Patienten notwendig ist, und führe auf diese Weise eine wirkliche 
und dauernde Heilung herbei. Zur Erreichung einer solchen müssen 
diese psychasthenischen, hysterischen und neurasthenischen Patienten 
fühlen, dass ich ferner noch ihr Freund bin, stets bereit, ihnen, 
wenn es notwendig ist, zu helfen, ihnen bei der Aufrechterhaltung 
des seelischen und moralischen Gleichgewichts, das meine psychische 
Behandlung geschaffen hat, zur Seite zu sein und wenn nötig, sie 
noch einmal auf den rechten Weg zu bringen. 

Jeder Patient hat seine bestimmte Stunde für die Behandlung, 
und er kommt möglichst stets in dasselbe Zimmer, eine Praxis, die 
der Suggestion günstig ist. Diese Anordnung verhindert auch die 
Anhäufung von Patienten in den Wartezimmern und gibt ihnen 
keine Gelegenheit, sich zu unterhalten, ein Punkt, der bei neurasthe¬ 
nischen Patienten Bedeutung hat. 

Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass ich, wenn die direkte 
Suggestion nicht angezeigt oder erfolglos ist, die Suggestion durch 
Arzneien oder andere Hilfsmittel verschleiere, und dass ich, wenn die 


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Psychotherapie nicht alle Indikationen im gegebenen Fall erfüllt, zu 
anderen therapeutischen Massnahmen schreite. 

Aber ich will Sie nicht länger mit der Auseinandersetzung 
meiner persönlichen Methode und Anwendung der Psychotherapie 
aufhalten, denn ich bin sicher, ich habe Ihre Geduld schon zu lange 
in Anspruch genommen. Ich will Sie auch nicht mit einem Bericht 
weiterer klinischer Beobachtungen aus meiner Erfahrung der letzten 
Jahre langweilen. Es möge genügen, wenn ich Ihnen sage, dass ich 
mit der Unterstützung meines Kollegen Dr. A. van der Chys durch¬ 
schnittlich 60 Patienten von 9 Uhr morgens bis 5 Uhr nachmittags 
behandle; einige dieser Fälle fordern oft von uns Kenntnisse und 
Eigenschaften, die weit mehr zum Gebiet des Juristen oder des Geist¬ 
lichen als zu dem des Arztes gehören. 

So sind viele nervöse Zustände eine Folge ehelicher Differenzen, 
oder sie geben zu Familienzwistigkeiten Veranlassung. Diese sind 
die Folgen von schlechtem Betragen, fehlerhaften Gewohnheiten, 
Missverständnissen, mangelhafter Erziehung, Ueberarbeitung, geschäft¬ 
lichen Fehlschlägen usw., und solche Fälle schaffen uns eine Schar 
von Patienten, die die heterogensten Krankheitssymptome zeigen. 
Wir haben Neuropathen, die eine Ehescheidung wünschen, Trunken¬ 
bolde, Morphinomanen, sexuell Perversierte, Fälle von Moral insanity, 
Folie du doute, Zwangsvorstellungen und Phobien aller Arten; ab¬ 
wechselnd mit Patienten, die die verschiedenen Formen und Grade 
der Hysterie und Neurasthenie zeigen, solche, die an späten Folgen 
ihrer durch Schlaflosigkeit bedingten Qualen leiden, und solche, bei 
denen Lebensmüdigkeit vorherrscht. Zu gewissen Zeiten hat der 
Arzt die Arbeit des Juristen und des Geistlichen zu verrichten, vor 
allem des letzteren. Die Frage der Religion quält in der Tat oft die 
Seele des Patienten und führt zu ernsten Unterhaltungen mit dem Arzt. 
Ich will deshalb noch für einen Augenblick Ihre Aufmerksamkeit auf 
diesen Gegenstand hinlenken. 

V. 

Wir leben in einem Zeitalter des Uebergangs, ähnlich dem von 
Roms Niedergang, wo das erstehende Christentum begann, die Welt 
zu erleuchten. Der religiöse Glaube, die Stütze und Zuflucht leiden¬ 
der und verzweifelter Seelen wird untergraben, seine Grundlage ist 
durch die vielen wissenschaftlichen Entdeckungen des letzten Jahr¬ 
hunderts erschüttert, dessen Wunder die Wunder der Bibel in den 
Schatten stellen und Zweifel darüber aufkommen lassen. Der Materia¬ 
lismus und Agnostizismus triumphieren. Aber ebenso wie überall in 
der Welt folgt der Ebbezeit die Flut, auch in religiösen Fragen. 


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DieHeretellnng der Autorität dea Arztes durch eine Reform deemediz. Unterrichts. 89 


Dem Zeitalter der Naturwissenschaften folgt eng das der modernen 
Psychologie. 

„Die Naturwissenschaften schhessen nicht die gesamte Wissen¬ 
schaft ein. Die Wissenschaft muss die Tatsachen des Bewusstseins in 
Rechnung ziehen, die den Hauptgegenstand der modernen Psycho¬ 
logie bilden. Da in den letzten Jahren die Psychologie begonnen 
hat, die strengen experimentellen Methoden zu benutzen, die sie von 
ihren Schwesterwissenschaften, den Naturwissenschaften, entliehen 
hat, so hat sie sich ausserordentlich entwickelt, und sie bietet die 
Hoffnung, dass sie eines Tages das Geheimnis der menschlichen 
Persönlichkeit wird lösen können. Der Tag wird kommen, wenn die 
Psychologie ebenso Herr im Reiche der Seele sein wird, wie die 
Naturwissenschaften in dem der Materie, und wo sie die Fähigkeit 
haben wird, die Menschheit auf eine höhere und höhere Stufe der 
Moralität zu erheben. Zu diesem Zwecke müssen wir uns selbst 
und unsere Mitmenschen kennen lernen. Wir müssen bis zur 
Wurzel der Dinge einzudringen suchen. Die Wurzel und den Zweck 
der Dinge kennen wir nicht. Trotz vorübergehender Wiederbelebung 
verliert der religiöse Glaube langsam aber sicher seine Macht,, und 
bis zur Gegenwart hat nichts vermocht, die Funktionen zu über¬ 
nehmen, die die Religion Jahrhunderte hindurch erfüllt hat. Diese 
Funktionen liegen vor allem darin, dass dem Leben ein Hintergrund 
gegeben wird. Einen solchen besitzt der religiöse Mensch in dem 
Glauben an einen die Welt regierenden Gott. Der Agnostiker und 
der Materialist, die diesen Hintergrund nicht haben, sind unfähig, 
etwas Schönes oder Gutes im Leben zu sehen, und sie besitzen nichts 
Dementsprechendes. Man kann nicht leugnen, dass die Abnahme 
des religiösen Glaubens sehr schwere Folgen nach sich zieht.“ „Wie 
können wir uns vor diesen Folgen schützen?“ fragt mein gelehrter 
Landsmann Dr. G. Heymans, Professor der Philosophie an der 
Universität Groningen, in seiner feinsinnigen Rede ,De toekomstige 
Eeuw der Psychologie* (1909), aus der ich die vorhergehenden Er¬ 
wägungen entlehne. Hier ist seine Antwort: „Es ist nutzlos, einen 
alten Glauben wieder zu beleben.“ 

Eine Kultur muss durch eine andere beseitigt 
werden. 

Die volle Lösung findet man in der langsamen aber beständigen 
Entwicklung der Psychologie. Sie hat uns bereits eine bessere Auf¬ 
fassung über das Kind gegeben, über den Verbrecher und über den 
Geisteskranken. Die Pädagogik, die Kriminalistik und die Psychiatrie 
haben bereits davon Nutzen gehabt Sie hat der Reihe nach das 
Studium verschiedener Charaktertypen und ihrer Korrelationen er- 


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A. W. van Renterghem 


schlossen. Sobald unsere Kenntnis dieser Dinge vollendet sein wird, 
werden wir sie als Richtschnur für unser Leben und bei Urteilen 
über unsere Mitmenschen anwenden können. Diese Kenntnis wird 
uns den Weg zu einer Kenntnis von uns selbst weisen, sie wird uns 
vor Dünkel und vor krankhafter Herabsetzung der eigenen Person 
schützen, und sie wird uns bei der Einrichtung unseres Lebens so¬ 
wohl unsere Kräfte wie deren Grenzen erwägen lassen. Wir werden 
lernen, was wir in uns selbst zu überwinden und entwickeln haben, 
und wir werden den Weg finden, der mit Sicherheit zu fruchtbarer 
und befriedigender Tätigkeit leitet 

«Eltern und Lehrer werden diese Kenntnis erweitern und ver¬ 
tiefen, sodass sie ihre Kinder und ihre Schüler besser verstehen 
lernen. Und da jede Wissenschaft, die einer praktischen Anwendung 
fähig ist, ihre eigene Technik und ihre eigenen Techniker schafft, 
so werden die Psychotherapeuten wirksam sein, die zur Bildung ihres 
eigenen Urteils alle notwendigen Grundlagen benutzen, die die Wissen¬ 
schaft ihrer Zeit erschlossen hat. Eine soziale psychische Hygiene 
wird sich neben der individuellen Psychohygiene entwickeln. Auf 
diese Weise wird die Entwicklung der Psychologie das gesellschaft¬ 
liche Leben ebenso wie das des Individuums regulieren. Die Psycho¬ 
logie wird uns auch untereinander besser kennen und verstehen 
lernen. Sie wird der Erziehung Nutzen bringen und sie wird ein 
vertrauenswürdiger Führer für uns in allen grossen Wahlakten des 
Lebens sein, bei der von Gatten, von Freunden und von Mitarbeitern. 
Sie wird uns lehren, unsere Mitmenschen besser zu kennen und besser 
gegen sie zu handeln. Endlich wird sie helfen, die Kenntnis unserer 
Beziehungen zur Wurzel der Dinge zu einer Macht des Guten im 
Leben zu machen. 

„Die Ausdehnung unserer Kenntnis des psychischen Gesetzes 
muss notwendigerweise zur Lehre vom psychischen Monismus leiten, 
einer Lehre, die uns zeigt, dass der Geist allein wirklich ist und dass 
der Stoff nur eine Manifestierung der darunter liegenden Realität ist. 
Als Folge dieser Lehre ergibt sich, dass die psychischen Individua¬ 
litäten nicht als unabhängige nebeneinandergestellte Wesen unver- 
einigt und für alle Zeit getrennt voneinander zu betrachten sind, 
sondern eher als der zeitweise dissoziierte Inhalt eines höheren Be¬ 
wusstseins und in der letzten Instanz eines höchsten Bewusstseins, 
das sie alle umschliesst. Eine solche Auffassung hat ihre Analogie 
in dieser anderen: dass unsere Feststellungen und unsere Gedanken 
den Inhalt eines Bewusstseins bilden, das sie alle umschliesst und 
das wir unser Bewusstsein nennen. 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Reform des mediz. Unterrichts. 91 


„Unsere Auffassung der Welt vertieft sich in wundervoller Weise, 
wenn wir in der Menschheit und im Universum selbst die Entwick¬ 
lung eines grossen psychischen Organismus sehen. Wir fühlen uns 
dann nicht länger als Individuen, sondern eher als Organe. Wir 
lernen, dass unsere Endzwecke nicht in uns, sondern darüber hinaus 
zu finden sind. Die Grenzlinie, die das Individuum vom Ganzen 
trennt, das Endliche vom Unendlichen, wird schwächer, und während 
wir für die Verwirklichung unserer Ideale kämpfen, jeder in seiner 
eigenen engen Sphäre, indem er seine eigenen begrenzten Fähigkeiten 
nach besten Kräften benutzt, erkennen wir, dass in der letzten In¬ 
stanz unsere Tätigkeiten auf universelle Zwecke gerichtet sind und 
gestützt werden durch die Strebungen der Welt. Est Deus in nobis, 
agitante calescimus ille.“ 

Indem ich nun zum Schlüsse meines Vortrags komme, wage ich 
Ihrem Urteil eine Lösung auf die Frage zu unterbreiten, die ich am 
Anfang gestellt habe, auf die Frage: Wie soll man dem Arzt, speziell 
dem allgemeinen Praktiker, wiederum die Achtung und das Vertrauen 
des Publikums, das er früher genoss, verschaffen? 

Ich wies darauf hin, dass das schnelle Wachstum der Medizin 
eine Folge der staunenerregenden Entwicklung der Naturwissenschaften 
während des letzten Jahrhunderts durch eine Arbeitsteilung verur¬ 
sacht wurde und zur Spezialisierung führte, ein Vorgang, der in ge¬ 
wissen Grenzen das Prestige des Hausarztes minderte. Ich betrachtete 
die Vorteile und die Nachteile dieses Zustandes, und ich betonte die 
davon herrührende Verwirrung. Ich wies darauf hin, wie Patienten, 
weil ihnen das Vertrauen zu ihrem eigenen Arzt fehlte, in der Wahl 
eines Spezialisten irrten und schliesslich, da sie nicht wussten, an 
wen sie sich wegen eines Rates wenden sollten, in die Hände von 
Einocheneinrichtern und Schwindlern fielen oder eine Heilung durch 
Wunder suchten. Ich leugnete nicht, dass der Kurpfuscher zuweilen 
eine Heilung erreicht in Fällen, die von der offiziellen Medizin auf- 
gegeben wurden. Ich verurteilte es als kindisch, wenn man diese 
Heilungen nicht anerkennen wollte, und riet dazu, dass wir eher 
suchen sollten, zu entdecken, worin unsere eigene Schwäche liegt. 
Ich zeigte, dass diese Schwäche an dem Arzt liegt, dem die für das 
Studium der Aetiologie der Krankheit notwendigen psychologischen 
Kenntnisse fehlen, der den wichtigen Anteil der Suggestion beim 
Heilungsprozess übersieht, und der infolgedessen auf den falschen 
Weg gerät und seine Patienten nicht heilt. Der Psychiater und der 
Neurologe wissen, dass sehr viele Krankheiten, die man zuerst für 
organische hält, sich später als psychisch bedingt erweisen. Nichts- 


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destoweniger fahrt eine grosse Reihe Aerzte fort, die Patienten mit 
Arzneien und mit physischen Mitteln zu behandeln, anstatt die Psycho¬ 
therapie anzuwenden. 

Ich erinnere an die Rolle, die die bewusste oder unbewusste 
Suggestion in der Krankheitsbehandlung von den frühesten Zeiten an 
gespielt hat, und wie sich die moderne Psychotherapie aus den 
Wunderkuren früherer Tage entwickelte. Ich empfahl dem Arzt, die 
Psychotherapie so zu studieren, dass er fähig ist, die Wunder der 
Quacksalberei durch gute und gediegene Heilungen zu ersetzen, die 
durch die bewusste Suggestion erzeugt werden. Um dies zu erläutern, 
berief ich mich auf mein eigenes Beispiel und ich fand einige Argu¬ 
mente zur Stütze meiner Meinung in meiner eigenen Laufbahn als 
Arzt. Ich erwähnte, wie ich die Wirksamkeit von Arzneimitteln als 
ein Wahngebilde erkannte, die Vorteile der Suggestion kennen lernte, 
mich nach Nanzig wandte, um bei Liöbeault den Hypnotismus zu 
studieren. Indem ich meine Meinung auf meine eigene Erfahrung 
gründete, hatte ich den Vorteil einer mehrjährigen Tätigkeit als all¬ 
gemeiner Praktiker, bevor ich mich als Spezialist niederliess. Ich 
erinnerte Sie daran, dass die Kenntnis der menschlichen Natur und 
die für den Spezialisten notwendige Erfahrung am Kranken nur dann 
gewonnen werden können, wenn man die drei Zweige der Medizin 
längere Zeit praktisch ausgeübt hat. Ich gab Ihnen einen Abriss 
meiner ersten Bestrebungen als Hypnotist, ich beschrieb die Ent¬ 
wicklung der Psychotherapie bis zur gegenwärtigen Zeit und erklärte 
Ihnen meine eigenen Methoden. Ich rekapitulierte die verschiedenen 
Arten von Nervenkrankheiten, die unter die Behandlung der Psycho¬ 
therapeuten kommen; ich lenkte Ihre Aufmerksamkeit auf die Tat¬ 
sache, dass das Fehlen des religiösen Glaubens in unseren Tagen viele 
aus dem seelischen Gleichgewicht Gekommene einer wertvollen Stütze 
beraubt, und ich empfahl einen Ersatz dafür in dem Studium der 
modernen Psychologie zu suchen. 

Und jetzt lege ich mir die Frage vor: Sollen wir den Zustand 
des Praktikers verbessern, indem wir dem Spezialismus Einhalt ge¬ 
bieten? Frei herausgesagt, ich bin nicht dieser Meinung. Wie können 
wir eine natürliche Entwicklung aufhalten? Das Spezialistentum ist 
eine Notwendigkeit, die sich selbst Schranken errichten wird. Der 
gewöhnliche Arzt wird von dem Spezialisten weder verdrängt noch 
in den Schatten gestellt werden. Er wird vielmehr seine alte Stellung 
wieder gewinnen, denn beide werden einander besser verstehen und 
freier miteinander arbeiten lernen. Wer Spezialist werden will, muss 
zeigen, dass er neben einer speziellen Kenntnis seines eigenen Gebiets 
eine gediegene Grundlage des allgemeinen Wissens und der prak- 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Reform des mediz. Unterrichts. 93 


tischen Erfahrungen in der Medizin, der Chirurgie und Geburtshilfe 
besitzt. Man sollte ihm nicht gestatten, sich als Spezialist nieder* 
zulassen, wenn er nicht vorher einige Jahre allgemeine Praxis geübt 
hat, und er sollte die Berührung mit ihr festhalten, um der Gefahr, 
seine Patienten nur von einem einzigen Gesichtspunkt aus zu be¬ 
trachten, zu entgehen. 

Der Nichtspezialist, sozusagen das Mädchen für alles, der Haus¬ 
arzt, soll eine gute theoretische Grundlage haben, aber er soll gleich¬ 
zeitig ein durchaus praktischer Mann und ein tüchtiger Diagnostiker 
sein. Er muss die Grundlagen der verschiedenen speziellen Behand¬ 
lungsmethoden kennen, ohne dass er notwendigerweise ihre prak¬ 
tischen Einzelheiten zu beherrschen braucht. Er muss die einfachen 
und am häufigsten in der Spezialistenpraxis vorkommenden Fälle 
diagnostizieren und behandeln können. Er sollte den Bat des Spe¬ 
zialisten nur dann einholen, wenn der Fall schwierig und kompliziert 
liegt. Gelegentlich wird er dann seinen Patienten dem Spezialisten 
überweisen, wenn es die Schwere des Falles erfordert. 

Eine beträchtliche Zahl nervöser Patienten, deren Störungen 
nur funktionell sind und deren Symptome einen subjektiven Charakter 
tragen, erfordert eine spezielle Behandlung und mühevolle Aufmerk¬ 
samkeit. Der eigene Arzt ist ihnen jedoch nicht sympathisch. Es 
gelingt ihm auch nicht, sie zu heilen, und zwar aus dem einfachen 
Grunde nicht, weil er ihre Klagen nicht hinreichend studiert hat, 
infolgedessen sie auch nicht versteht, und er wünscht nichts mehr, 
als solche Patienten gänzlich loszuwerden. Die Psychotherapie ist 
aber für diese Klasse von Störungen die Behandlung par excellence. 
Sie ist in Wirklichkeit die einzig angezeigte Behandlung, die einen 
Nutzen bringen kann; ihre Erfolge sind am meisten befriedigend. 

Diese Leidenden sind wie Schiffe ohne Steuerruder. Viele von 
ihnen bedürfen einige Zeit, andere während ihres ganzen Lebens 
einer moralischen Unterstützung, einer festen Hand, die sie leitet. 
Wer kennt nicht diese Schiffbrüchigen auf der See des Lebens, die 
Zweifler, die Furchtsamen, die Kleinmütigen, die Willensschwächen, 
die Zaghaften, die übertrieben Gewissenhaften, die von Zwangsvor¬ 
stellungen Beherrschten? Wir treffen sie täglich und schätzen sie 
nach ihren Exzentrizitäten ein. Alle diese Leidenden bedürfen einer 
helfenden Hand. Wenn sie eine solche finden, sind sie oft fähig, 
der Welt wieder die Stirn zu bieten, und viele von ihnen werden 
nützliche Mitglieder der Gesellschaft. 

Die notwendige Stütze kann ihnen durch die Eltern, durch den 
Gatten oder die Gattin, einen Freund, den Geistlichen oder den Arzt 
gewährt werden. Aber oft finden sie das nicht, und sie werden 


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A. W. van Renterghem 


dauernd missverstanden. Dann muss der Hausarzt zu dieser Hilfe 
fähig sein. Ihm sollte mit Recht die Ehre zufallen, dieses Werk der 
Menschenliebe zu leisten, und zweifellos wird, wenn er dieser Auf¬ 
gabe gewachsen ist, der allgemeine Praktiker seine frühere von der 
öffentlichen Meinung geachtete Stellung wiedergewinnen. Gerade 
heute, wo es in Dörfern und Kleinstädten noch keine Spezialisten 
gibt, hilft der allgemeine Praktiker in gewisser Ausdehnung diesem 
Bedürfnis ab. Ich sage „in gewisser Ausdehnung“, weil ihm gewöhn¬ 
lich der Nervus rerum fehlt, d. h. er hat keine genügende Kenntnis 
der Psychologie, der Psychiatrie und Neurologie und keine praktische 
Erfahrung in der Psychotherapie. 

Man sollte aber diesen Zustand nicht fortbestehen lassen. Die 
Psychotherapie sollte in der Zukunft an den Universitäten in Zu¬ 
sammenhang mit der Neurologie und Psychiatrie gelehrt werden. 
Ein praktischer Kurs der Suggestionstherapie, dem ein theoretischer 
der Psychophysiologie folgt, ist auch ein dringendes Bedürfnis. Der 
junge Arzt wird, wenn er die Universität mit der medizinischen 
Psychologie wohl vertraut verlässt, dadurch besser gegen die Schwierig¬ 
keiten seines Berufes gerüstet sein. Die Therapie wird dann nicht 
länger eine quantitS nögligeable in der Erziehung des Arztes sein, 
sondern sie wird in der Zukunft wieder ihren Ehrenplatz einnehmen. 
Es genügt nicht, dass man fähig ist, eine korrekte Diagnose zu stellen, 
es ist vor allem notwendig, das wollen wir doch offen sagen, dass 
man heilen kann. 

Der Arzt soll ein gutes Herz haben und auch weise sein. Seine 
Gegenwart allein sollte genügen, den Patienten zu beruhigen. Beim 
heutigen medizinischen Unterricht streben wir weit mehr danach, 
den zukünftigen Arzt zu einem Gelehrten, als zu einem geschickten 
Praktiker zu erziehen. Nach meiner Meinung würden wir besser 
tun, dem Studenten vieles Theoretische als überflüssig zu ersparen, 
ihn nur in grossen Umrissen mit den verschiedenen Hauptlehren 
bekannt zu machen, und es ihm selbst zu überlassen, seine Studien 
nach eigenem Geschmack in seiner Mussezeit zu vervollkommnen. 
Ich würde es gern sehen, dass man ihn, sobald er an die Universität 
gekommen ist, in die Krankensäle zulässt und ihn dort zu Arbeiten 
verwendet, zu denen er fähig ist, und ihn so von Anfang an an die 
Natur seiner zukünftigen Tätigkeit gewöhnt. Er würde dann Schritt 
für Schritt weitergehen, indem er den Krankenwärtern, den Aerzten 
und den Chirurgen hilft, indem er wie ein junger Assistent tätig ist 
und die Instrumente kontrolliert, bis er am Ende seiner Studien die 
ganze Behandlung der Fälle übernimmt. 

Jeder Student der Medizin sollte Unterricht in Psychiatrie und 


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Die Herstellung der Autorität des Arztes durch eine Reform desmediz. Unterrichts. 95 


Neurologie erhalten. Wer diese Zweige der Medizin nicht kennen 
lernt, ist nur ein halber Arzt. Jede Krankheit hat ihre psychische 
Seite. Der Mensch ist verwundbar auf zwei Seiten; der Psyche bleibt 
ihr Anteil nicht erspart. Es genügt nicht, eine korrekte physische 
Diagnose zu stellen, der Arzt muss auch fähig sein, die Tiefen der 
Seele zu sondieren. Für die Behandlung ist es wesentlich, dass der 
Arzt neben seiner Kenntnis der physikalischen und chemischen 
Therapie die verschiedenen Formen der Psychotherapie praktisch 
kennt. Er muss die Anwendung der einfachsten Massregeln zum 
Wohle seiner Patienten beherrschen. 

Als Arzt möchte ich nicht des Gebrauchs einer gewissen Zahl 
wohlausprobierter chemischer Heilmittel beraubt werden. Ich bin 
auch von dem Wert der physikalischen Behandlungsmethoden über¬ 
zeugt. Unentbehrlich sind alle chirurgischen Instrumente und die¬ 
jenigen, die man zur Diagnose empfiehlt; aber der Arzt kann diese 
Hilfsmittel nicht zum bestmöglichen Vorteil benutzen, wenn er nicht 
einige Kenntnis der medizinischen Psychologie, der theoretischen 
und praktischen Psychotherapie hat. Nur dann kann er mit Bias 
sagen: Omnia mecum porto. 

Ich glaube, dass des Arztes Autorität und Einfluss den Diensten 
entsprechen, die er der Gesellschaft leisten kann. Man denke nur 
an seinen Bat während der Schwangerschaft, an seine Hilfe im 
Wochenbett, an seine Sorge für das neugeborene Kind, an seine 
Ratschläge bei dessen Erziehung in späteren Jahren. Wenn sich 
Charakterfehler entwickeln oder fehlerhafte Angewohnheiten erworben 
werden, sucht man den Bat des Arztes. Er ist es, der Ueberan- 
strengung während der Jugendzeit zu verhüten sucht, der darauf 
sieht, dass die notwendige Erholungszeit gewahrt wird, der für die 
richtige Verteilung von Muskel- und Geistesarbeit, von Schlaf und 
Wachen sorgt. Sein Rat wird bei der Wahl eines Berufes, einer 
bestimmten Laufbahn erbeten, seine Hilfe, wenn der Kandidat zur 
Prüfung geht. Er wird konsultiert, wenn eine Verlobung zustande 
kommen soll, und nach der Verheiratung wird seine Hilfe noch bei 
einer Menge von Leiden, ebenso bei Schwierigkeiten gesucht, die der 
Kampf ums Leben mit sich bringt. Der Arzt sollte ebenso ein her¬ 
vorragend praktischer Mann sein, wie ein Gelehrter, ein eifriger Ver¬ 
teidiger der Seelen- und Körperhygiene, ein Wohltäter der Basse und 
gleichzeitig ein Philosoph. Es ist nicht genug, dass er seinen Pa¬ 
tienten einen guten Bat erteilen kann; er muss auch durch sein Ver¬ 
halten ein gutes Beispiel geben. 

Deshalb sollte sich niemand dem Arztberuf widmen, der sich 
nicht dazu berufen fühlt. Des Arztes Leben ist ein Leben der Er- 


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L. Erwin Wexberg 


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gebung, eine Schule bis zum Ende, in der er niemals aufhört, seinen 
Patienten ein Lehrer zu sein und selbst von ihnen zu lernen. Er 
muss sich mit einem unerschütterlichen Optimismus rüsten. Er muss 
anspruchsvoll gegen sich selbst, nachsichtig gegen die Schwächen 
anderer sein. Wenigen wird es gelingen, diesen Forderungen zu ge¬ 
nügen, aber alle von uns sollen es versuchen. Nur wer diesem Ideal 
näherkommt, dem wir mit aller Anstrengung zustreben müssen, ver¬ 
wirklicht des Hippokrates Maxime: Iiitqos ytlöawpog Ksö&tog. 


Zwei psychoanalytische Theorien. 

Von L. Erwin Wexberg, Wien. 

Denen, die der psychoanalytischen Bewegung nahestehen, ist be¬ 
kannt, dass diese dem Schicksal aller wachsenden, lebensfähigen wis¬ 
senschaftlichen Schulen nicht entgangen ist: schon sind Spaltungen, 
Differenzierungen eingetreten und Freuds Ideen und Arbeiten sind 
lange nicht mehr die einzigen, die zur Kenntnis der Psychoanalyse 
in Betracht kommen. Mit wachsender Selbständigkeit ist vor allem 
Alfred Adler neben Freud aufgetreten, und die neuen Ge¬ 
sichtspunkte, die dieser Autor in zahlreichen kleineren Arbeiten*) 
eingeführt hat, liessen sich um so schwerer mit den Voraussetzungen 
der Freud sehen Lehre vereinbaren, je entschiedener sie vertreten 
wurden. Für den Unbefangenen zeigte sich, dass Adler, wenn auch 
nicht die Methode, so doch die Theorie Freuds in seinen Analysen 
vollkommen entbehren konnte, wobei sich psychische Mechanismen im 
Aufbau einer Neurose ergaben, die an logischer Geschlossenheit der 
Freud sehen Auffassung wohl gleichkamen. Gegner der Psycho¬ 
analyse könnten aus dieser Tatsache den Schluss auf die Entwertung 
einer Methode ziehen, die als untrügliches Werkzeug zur Seelenfor¬ 
schung ausgegeben wurde und die nun in verschiedenen Händen ver- 

‘) Vgl. insbesondere: Adler, Ueber neurotische Disposition (Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychopathoL Forschung, 1908). Der Agressionstrieb 
im Leben und in der Neurose (Fortschritte der Medizin, Leipzig 1908, Heft 19). 
Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose (Fortschritte 
der Medizin, 1910, Heft 10). Die psychische Behandlung der Trigeminusneuralgie 
(Zentralblatt f. Psychoanalyse I. Jahrg. 1910/11, S. 10). Ein erlogener Traum 
(Zentr. f. Psychoanal. I. 1910/11, S. 103). Heber männliche Einstellung bei 
weiblichen Neurotikern (Z. f. Ps. I. S. 174). Beitrag zur Lehre vom Wider¬ 
stand (Z. f. Ps. I. S. 214). Syphilidophobie (Z. f. Ps. I. S. 400). Ferner: 
Alfred Adler, Studie über die Minderwertigkeit von Organen (Wien 1907, 
Urban u. Schwarzenberg). Ueber den nervösen Charakter (Wiesbaden 1912). 


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Zwei psychoanalytische Theorien. 


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schiedene Resultate liefert. Dagegen wird jeder, der durch eigene Er¬ 
fahrung einmal zur analytischen Methode Vertrauen gefasst hat, den 
Versuch machen wollen, ob der scheinbar unlösliche Widerspruch 
nicht doch auf dem Wege logisch - theoretischer Erwägungen über¬ 
wunden werden könnte. 

Versuchen wir uns wenigstens die Problemstellung klar zu ma¬ 
chen, indem wir von den ersten, grundlegenden Voraussetzungen aus¬ 
gehen. 

Die physiologische Grundlage der Freud sehen Theorie ist die 
Annahme der erogenen Zone. Das ist nach Freud (Drei Ab¬ 
handlungen zur Sexualtheorie, Wien und Leipzig 1910, 2. Aufl., S. 43) 
„eine Haut- oder Schleimhautstelle, an der Reizungen von gewisser 
Art eine Lustempfindung von gewisser Qualität hervorrufen.“ Freud 
empfiehlt selbst (1. c.) Vorsicht bei dem Versuch, die Lustempfindung 
erogener Zonen ohne weiteres als „sexuell“ zu bezeichnen. Wir wollen 
festhalten, dass das Wort „sexuell“ oder „erogen“ hier, wo es sich um 
ganz primitive, ausgesprochen infantile Erlebnisse handelt, nicht mehr 
als ein Wort sein kann. Auf die Reizung der Mund-, After- oder 
Genitalschleimhaut oder sonstiger, zum Teil individuell gewählter, 
Körperstellen antwortet der Organismus mit der Empfindungsqualität 
„Lust“. Aber eben die Prädilektion in der Auswahl der erogenen 
Zonen kommt in der späteren Entwicklung zu Bedeutung. Für die 
Frage dieser Auswahl scheint aus der Fussnote auf S. 44 der „Drei 
Abhandlungen“ hervorzugehen, dass Freud hier die biologische 
Hypothese Adlers akzeptiert. In diesem Sinne dürfte dem Freud- 
schen Standpunkt die Aufstellung entsprechen, dass es in der Regel 
funktionell minderwertige Organe sind, die zur Bil¬ 
dung erogener Zonen den Boden geben. 

lieber die funktionelle Minderwertigkeit von Organen liegt uns die 
interessante „Studie“ von Alfred Adler vor 1 ), die dem Begriff 
jene prägnante Fassung zu geben sucht, in der er als Grundlage einer 
pathologischen Vererbungs- und Dispositionstheorie zu dienen geeignet 
wäre. Funktionell minderwertig sind nach Adler jene Organe, die 
infolge hereditärer Schädlichkeiten oder durch nutritive, traumatische 
und sonstige Entwicklungshemmungen während des intrauterinen Le¬ 
bens ihrer Funktion nicht vollkommen gerecht werden können. 

Die nahe Beziehung zwischen der funktionellen Minderwertigkeit 
und dem erogenen Charakter eines Organs kann als der gemein¬ 
schaftliche physiologische Ausgangspunkt der Freud sehen und der 
Adler sehen Theorie angesehen werden. 

’) Siehe das Literaturverzeichnis am Anfang. 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 7 


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L. Erwin Wexberg 


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Die Lustempfindung erscheint, allgemein gesprochen, als eine 
Bereicherung der Sensibilität, eine Bereicherung in bestimmter Rich¬ 
tung: Alle anderen Sinnesqualitäten: die optischen, akustischen, tak¬ 
tilen Empfindungen, unter diesen der Schmerz, die Kälte und Wärme, 
sind funktioneller Natur, d. h. sie dienen der Perzeption der 
Aussenwelt und dadurch mittelbar der Erhaltung, Verstärkung des 
Individuums, sie sind in diesem Sinne aktiv. Die Lustempfindung 
dagegen ist Selbstzweck, das erogene Organ empfängt bloss Reize 
und verwertet sie, nicht als Mittel, nicht zweckdienlich, sondern als 
„Lust“ *). — Ein Sinnesorgan kann also erstens funktionell 
tätig sein, kann der Erhaltung dienen; es kann zweitens Lust emp¬ 
fangen , als Selbstzweck. Die Funktion eines Sinnesorgans ist 
gleichzusetzen mit der Funktion anderer Organe, der Muskeln, Drüsen 
usw. Diese funktionelle Form der Organbetätigung steht in 
schroffem Gegensatz zu der auf blossen Lustgewinn abzielenden, die ich 
für den Zweck dieser Untersuchung als die affektive Form der 
Organbetätigung bezeichnen will; sie kommt nicht nur den Sinnes¬ 
organen, sondern de virtute allen peripheren Organen zu. Als funk¬ 
tionell ist demnach anzusehen: die Perzeption von Farben- und Form¬ 
qualitäten durch das Auge, die Funktion der Nahrungsaufnahme durch 
den Mund u. dgl. — „Affektiv“ ist dagegen: die Farbenlust des Auges, 
der erogene Charakter des Mundes u. a. 

Man wird mich danach auch verstehen, wenn ich von der funk¬ 
tionellen und der affektiven Wertigkeit eines Organs rede. Erstere 
bezeichnet den Grad seiner funktionellen Leistungsfähigkeit, letztere den 
Grad seiner Ansprechbarkeit auf Lustreize. 

Kehren wir zurück. Wenn wir den physiologischen Ausgangs¬ 
punkt der Psychoanalyse, die Beziehung zwischen funktioneller Minder¬ 
wertigkeit und erogenem Charakter eines Organs in unsere Termino¬ 
logie übertragen, müssen wir von einer Beziehung zwischen funktio- 


*) Die biologische Auffassung der Lust als Prämie für die instinktive 
Ausübung vitaler Funktionen reicht offenbar nicht aus. Sie gilt vielleicht 
für die Geschmackslust im Dienste des Nahrungstriebes, wobei noch zweifel¬ 
haft bleibt, ob dieses Verhältnis primärer Natur ist, ob nicht die Mundzone erst 
lustempfänglich sein musste, um dann sekundär vom Nahrungstrieb verwertet 
zu werden. Unzureichend ist aber diese Auffassung sicher im Bereiche der 
Sexualität. Die Fähigkeit des Menschen, aus zahllosen Betätigungen soma¬ 
tische Lust zu schöpfen, die mit der Fortpflanzung nichts zu tun haben, lässt 
deutlich erkennen, dass hier sicher nur von einer sekundären Verwendung die 
Bede sein kann; der Lustmechanismus liegt beim Kinde bereit, ehe es zur Fort¬ 
pflanzung fähig ist; er tritt bei unzähligen Erwachsenen in Aktion, ohne der 
Fortpflanzung zu dienen. Er ist zweifellos in erster Linie Selbstzweck, emp¬ 
fängt, ohne zu leisten, ist rein passiver Natur. 


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Zwei psychoanalytische Theorien. 


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neller Minderwertigkeit und affektiver Ueb er Wertigkeit 
von Organen reden. Mit schematischer Verallgemeinerung könnten wir 
sagen: Funktionell minderwertige Organe sind affektiv überwertige Or¬ 
gane. Wir haben dann sozusagen eine Gleichung vor uns; die eine 
Seite derselben ist für Fr e u d, die andere für Adler der Ausgangs¬ 
punkt. 

Wir haben bisher den Boden des rein Physiologischen nicht ver¬ 
lassen. Hier lässt sich noch alles in einfachen Worten ausdrücken, 
man bedarf kaum der Schematisierung, um Gesetze zu statuieren. 
Wenn wir uns nun dem Psychischen zuwenden, so ist von vornherein 
klar, dass damit eine prinzipielle Veränderung des Standpunktes ge¬ 
geben ist, die keine Vermittlung, keine Brücke zulässt. Man kann die¬ 
selbe mathematische Operation mit Hilfe des Einmaleins und mit den 
Mitteln der höheren Mathematik betrachten. So arbeiten wir in der 
Physiologie mit fixen Grössen, in der Psychologie mit Variabein und 
unendlichen Reihen. Was dort ganz einfach „Reaktion“ war, ist hier 
die Resultante unmessbarer und unzähliger Reaktionen, einer Schwin¬ 
gungswelle vergleichbar, die gar nicht als solche gegeben ist, nur als 
die abgekürzte Darstellung unmessbarer Vorgänge. Als Schema, als 
Abstraktion wird alles zu verstehen sein, was in der Psychologie be¬ 
hauptet wird. 

Versuchen wir den Uebertritt ins Psychologische etwa bei der 
„affektiven Ueberwertigkeit“, bei der erogenen Zone Freuds. Das 
psychische Korrelat dieses physiologischen Faktums könnte bezeichnet 
werden als das „Gefühl“ der affektiven Ueberwertigkeit. Das aber ist 
identisch mit dem Wunsch nach affektiver Befrie¬ 
digung, nach Lust. Man denke z. B. an die Empfindungen der 
Bereitschaft zum Sexualakt, die die Erektion begleiten. Wir sind ge¬ 
wohnt, hier von sexueller „Spannung“ zu sprechen, dürfen aber dabei 
nicht vergessen, dass wir damit schon auf rein begrifflichem Boden 
sind. „Spannung“ verlangt nach „Lösung“ und beide Begriffe sind aus 
der energetischen Anschauungsweise in der Naturwissenschaft herge¬ 
nommen. Sie setzen eine „Energie“ voraus, die wir in diesem Fall 
„Trieb“ nennen, im Bereiche des Sexuellen „Libido“. Aber das ist Ab¬ 
straktion. Wir erleben nur Empfindungen und realiter darf nicht 
von sexueller Spannung, sondern nur von sexueller Bereit¬ 
schaftsempfindung gesprochen werden. Dieses Gefühl nen¬ 
nen wir auch Wunsch. Und was darauf folgt, wenn die Wunsch¬ 
erfüllung eintritt — die „Lösung“ — nennen wir Befriedigung 
oder Lust. 

Diese Ueberlegungen geben uns das Recht, ganz allgemein das 
„Gefühl“ der affektiven Ueberwertigkeit mit dem „Wunsch“ nach affek- 


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tiver Befriedigung der lustempfänglichen Organe zu identifizieren. 
Damit sind wir aber zum Freud sehen Begriff des Autoero¬ 
tismus gelangt 1 ). 

Der Autoerotismus oder das Gefühl der affektiven Ueberwertigkeit 
ist die psychische Reaktion erster Ordnung auf dem 
Wege der Freud sehen Theorie. Wir werden nicht verkennen, dass 
es sich hier nicht um eine Reaktion im physikalischen Sinn handelt, 
sondern um einen Reaktions t y p u s, der sich als eine Abstraktion 
aus einer Fülle von Einzelerlebnissen darstellt, die, ursprünglich in¬ 
fantiler Natur, in mannigfacher Form, bald als „Prämie“, bald als 
Selbstzweck, im Leben des Erwachsenen ihre Rolle spielen. Diesem 
Wege folgt Freud. 

Dagegen geht Adler von der funktionellen Minderwertigkeit 
aus. Hier lautet die Reaktion des Psychischen nach dem Ausdruck 
Adlers: das Gefühl der Minderwertigkeit — der funk¬ 
tionellen Minderwertigkeit, nach unserem Ausdruck. Die Analogie zu 
dem „Gefühl der affektiven Ueberwertigkeit“, dem Autoerotismus 
Freuds, ist augenfällig. Nur vermeidet Adler jede Abstraktion; 
während Freud mit dem energetischen Libidobegriff arbeitet, bleibt 
Adler bei dem Konkreten, Tatsächlichen stehen. Das Gefühl der 
Minderwertigkeit stützt auf die Wahrnehmung der funktionellen In¬ 
suffizienz gewisser Organe den gefühlsmässigen Schluss: ich bin nicht 
fähig, meinen Funktionen voll nachzukommen 8 ). Auf dieser Linie ist 
das die Reaktion erster Ordnung. 

Der nächste Schritt führt uns tief in das komplizierte, fast un¬ 
entwirrbare Triebwerk der Seele. Mit dem Mechanismus, der nun in 


*) Danach ist „Autoerotismus“ das Abstraktum, der „Trieb“, dem als 
konkretes Erlebnis das Gefühl der Lustbereitschaft oder — nach dem früheren 
Ausdruck — der affektiven Ueberwertigkeit entspricht. In dieser allgemeinen 
Fassung deckt sich der Autoerotismus mit dem Libidobegriff, und dies ganz 
mit Hecht. Denn der Autoerotismus verhält sich zum Allerotismus wie das All¬ 
gemeine zum Besonderen, der Autoerotismus ist d i e Libido und der Allerotismus 
ist nichts als eine Modifikation, eine Einschränkung desselben. Die 
Definition des Autoerotismus im bisherigen Sinne sagt ja nur rein negativ, dass 
noch kein Objekt da ist. Ist die Objektfindung eingetreten, dann hat sich eben 
aus der Libido oder dem Autoerotismus der Allerotismus herausdifferenziert. 
[Ich betone, dass das alles noch immer nicht bloss sexuell gemeint ist.] — Als 
ganz allgemeine Bezeichnung für das, was wir bisher Libido und Autoerotismus 
nannten, hat Freud neuerdings den Ausdruck „Lustprinzip“ vorgeschlagen. 

*) Eine Untersuchung, wie aus dem Minderwertigkeitsgefühl, bezogen auf 
einzelne Organe, ein allgemeines Gefühl der Minderwertigkeit entsteht, das 
doch ein Leben lang die gelegentliche Reflexion auf gewisse Organe beibehält, 
müsste zu dem Problem der Einheit der Psyche — dieser gewiss nur relativen 
Einheit — führen. 


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Zwei psychoanalytische Theorien. 


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Kraft tritt, ergibt sich all die feine und grobe Dialektik des Seelenlebens, 
deren Auflösung die Aufgabe der Psychoanalyse ist. 

Auf das Gefühl der (funktionellen) Minderwertigkeit antwortet 
das Individuum mit einer Kompensation. — Die biologischen 
Voraussetzungen dieses Mechanismus entziehen sich bisher unserer 
Kenntnis. Hier sei nur darauf hingewiesen, dass der Vorgang der 
Kompensation schon im Physiologischen vorgebildet ist 1 ). Minder¬ 
wertige Organe zeigen die Tendenz zu hypertrophischem Wachstum. 
Unter den vielen Beispielen dafür erinnere ich etwa an die Herz¬ 
hypertrophie bei gewissen Affektionen des Herzmuskels. 

Die psychische Kompensation ist eine intellektuelle Leistung. Ihr 
Wesen besteht darin, dass sich das Individuum nicht damit begnügt, 
seine funktionelle Vollwertigkeit zu behaupten, sondern sie nach allen 
Seiten sichert und Beweise für seine Ueberwertigkeit zu sammeln be¬ 
ginnt. Adler nennt dies die Sicherungstendenz. Sie liegt 
offenbar auf der Linie der Erhaltung des Individuums und gewinnt 
bald einen deutlichen sozialen Einschlag. Die Angst, vor der sozia¬ 
len Forderung, im „Kampf ums Dasein“, nicht zu bestehen, führt zu 
Schutzmassregeln von zweierlei Art. Die eine ist eine Verteidi¬ 
gung: die Sicherungen Adlers im engeren Sinne stehen alle 
unter dem Zeichen der Vorsicht: Alle schwachen Punkte werden 
geschützt und gegen den Feind gerüstet, es werden Warnungen, Me¬ 
mentos, errichtet, die auf Schwächen und Gefahren hinweisen, sie 
immer wieder in Erinnerung bringen. Die andere Art der Massregeln 
aber ist der Gegenangriff. Das Individuum bekennt sich offen 
zur feindlichen Einstellung gegen die Mitwelt und sucht sich zur Gel¬ 
tung zu bringen: Adler nennt das den männlichen Protest. 
Die besondere Bedeutung des Attributes „männlich“ als Anzeichen der 
Geschlechtsdifferenzierung und -Wertung gehört in das spezielle Ge¬ 
biet der Neurosenpsychologie. Der männliche Protest will zunächst 
nichts anderes, als sich zur Geltung bringen, mächtig sein, „oben“ sein. 
Und der Widerstreit zwischen dieser stärksten Ueberkompensation und 
der immer wieder hervorbrechenden Unsicherheit führt zu all den 
Sicherungen und „Arrangements“, die in der Neurose und im Leben 
ihre Bolle spielen. Denn mit der einmal eingetretenen Kompensation 
ist das Minderwertigkeitsgefühl nicht geschwunden. Wie die Zähne 
zweier Uhrenrädchen greifen die beiden ineinander, jedes scheint das 
andere zu treiben, und als das Primäre gilt nur das, welches die Kraft 
der Uhrfeder direkt empfängt. Das ist hier das Gefühl der Minder¬ 
wertigkeit. Aber aus den zahllos wiederholten Aktionen und Reak- 

*) Vgl. Adler, Studie über die Minderwertigkeit von Organen. 


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L. Erwin Wexberg 


tionen entsteht, wieder als Sicherung, eine funktionelle Verfeinerung 
des psychischen Apparates, der „Ueberbau“, die Intellek¬ 
tualisierung des psychischen Lebens, die probeweise mit Vor¬ 
stellungen operiert, ehe sie mit Handlungen in das reale Leben eingreift. 
Auch das hat seine Vorstufen. Schon die Vorstellung, die grössere 
Kraft zu besitzen, die man wünscht, ist eine versuchsweise Abkehr vom 
Realen, eine Fiktion. Und in schrittweiser Entwicklung, die vom Traum 
über die wache Phantasie zum begrifflichen Denken führt, gelingt es 
der Vorsicht, wirkliche Werte zu schaffen, die dem Protest nachträgliche 
Berechtigung geben: Die Kompensation ist gelungen. — Oder aber die 
stärkere Unsicherheit begnügt sich nicht mit den Versuchen einer bloss 
geistigen Sicherung und zwingt zu Notkompensationen, die 
uns als neurotische Symptome, als Träume, als Fehlhandlungen be¬ 
kannt sind. Bei der bestehenden sozialen und kulturellen Wertung ist 
die neurotische Form der Kompensation als misslungen zu be¬ 
trachten: das vor allem macht im Sinne dieser Betrachtungsweise den 
empirischen Begriff des Krankhaften aus *). 

Ich wül versuchen, an einer kleinen Traumanalyse die theore¬ 
tische Darstellung zu illustrieren. 

Der Träumer ist Student der Medizin, ohne ausgesprochene neurotische 
Symptome. Aus der umfangreichen Traumanalyse sei nur ein Auszug des 
Traumes und der Deutung mitgeteilt: 

„. . . . Wir sind dann auf der Mariahilferatrasse, ich in einer Wohnung 
im Mezzanin am Fenster, mein Cousin R. auf der Strasse. Ich untersuche 
ihn auf Tumor cerebri . . ich lasse ihn mit geschlossenen Augen gehen, 
und er taumelt dabei bin und her . . . Ein Hörsaal. Ein Professor erörtert 
den Fall, stellt ebenfalls die Diagnose Tumor cerebri . . . tt 


*) Damit ist allerdings über das Wesen der Neurose noch wenig gesagt. 
Ich möchte dazu kurz noch folgendes anführen: Ein wichtiges Ingrediens ist 
zweifellos ein gewisser Grad der Abkehr von der Realität, und ihr Ersatz durch 
jene Form der psychischen Fiktion, die gemeinhin als Phantasie bezeichnet 
wird und einen primitiven, halluzinatorischen Charakter trägt. Das führt zu 
einem Leben aus zweiter Hand, das immer wieder von der Vorstellung statt 
von der Realität ausgeht, vor allem von der Meinung über sich selbst, 
jener unausgesetzten Selbstwertung, die sich in extremen Zügen der Eitelkeit 
äussert, aber ebenso und notwendig auch in schweren Depressionen und Selbst¬ 
verachtung. Die Korrelate Anmassung und Selbstverachtung dürften bei keinem 
Neurotiker fehlen. — Ein anderes Charakteristikum der Neurose scheint sich in 
einer Sexualisierung der Konflikte zu äussern. Die trauma¬ 
tische Wirksamkeit des infantilen psychischen Hermaphroditismus im Sinne 
Adlers, die subjektive Wertung der Männlichkeit und Weiblichkeit spielt alles 
auf das Gebiet des Sexuellen hinüber. Es wird als Prototyp des Erfolges und 
der Niederlage aufgestellt und gelangt so zu der überwiegenden Bedeutung in 
der Neurose, die von Freud zuerst auf gedeckt wurde. 


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Zwei psychoanalytische Theorien. 


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Die ganze Situation: die Untersuchung eines Nervenkranken, die Stellung 
einer Diagnose, die dann von einem Professor bestätigt wird, scheint eine Er¬ 
füllung ehrgeiziger Pläne des Mediziners. Die merkwürdige Situation während 
der Untersuchung: der Träumer oben, der Cousin unten, wird von ihm 
selbst auf ein Gefühl der Ueberlegenheit dem Vetter gegenüber zurtickgeführt. 
Er erkennt die Wohnung, in der er sich befindet, als seine künftige ärztliche 
Wohnung: er ist schon fertiger Arzt, er ist sogar Professor — denn die Szene 
verwandelt sich in einen Hörsaal und der Professor, der dort dieselbe Diagnose 
stellt wie er, ist er selbst. — „Tumor“ übersetzt der Träumer mit „Schwellung“, 
denkt an „geschwelltes Selbstbewusstsein“, Arroganz, Grössenwahn. Der Cousin 
R. im Traume wurde von dem Vater des Träumers wiederholt als „grössen- 
wahnsinnig“ erklärt, der Träumer selbst aber auch. Hier ist die Brücke zur 
Identifizierung mit dem Cousin, der nun zum Träger aller Selbstkritik und des 
Minderwertigkeitsgefühls im Träumer wird. Das Hin- und Herschwanken wird 
zum Zeichen der Schwäche, der mangelnden Sicherheit, er sei nichts Besonderes 
bilde sich nur soviel ein, er sei grossen wahnsinnig, sein Vater habe recht ge¬ 
habt. Daran schliesst sich eine Erinnerung an die Militärzeit: an jener Stelle 
der Mariahilferstrasse, wo der Traum spielt, steht eine Kaserne, gegenüber sind 
Uniformierungsanstalten. In Uniform ist tags vorher ein Bekannter des Träumers, 
der Reserveleutnant ist, zu ihm gekommen: für ihn selbst aber war die Zeit 
beim Militär eine Zeit der Demütigung. Er war ein schlechter Soldat und hat 
auch die Offiziersprüfung nicht bestanden, er hat nur lustig gelebt, mit Frauen 
verkehrt (Mariahilferstrasse) und viel getrunken (das Hin- und Her- 
schwanken im Traum deutet auch auf Trunkenheit, der Cousin R. ist überdies 
Weinreisender). Die organische Nervenkrankheit, an der sein Cousin leidet, 
scheint ihm nun progressive Paralyse zu bedeuten, umsomehr, als dieser Cou¬ 
sin tatsächlich vor einiger Zeit eine venerische Infektion akquiriert hat. 
Dieses Memento wird ihm zur Warnung, und wir verstehen seinen 
äusserst moralischen Lebenswandel im Wachleben als die Angst, am Weibe 
und an anderen Genüssen zugrunde zu gehen. Dieser Teil des Traumes 
benützt also sein Minderwertigkeitsgefühl als Sicherung. Darauf aber 
antwortet der männliche Protest mit Zukunftsplänen und -phantasien: 
trotz allem wird er Professor werden, wird „oben“ sein usw. — Die chrono¬ 
logische Folge der Traumelemente stimmt mit dieser Deutung gut überein. 

Kehren wir zu F r e u d zurück. Wir haben als die Reaktion 
zweiter Ordnung bei Adler die Kompensation als Sicherung 
und als männlichen Protest kennen gelernt. Untersuchen wir, ob 
Analoges auch bei Fr e u d zu finden ist. Die Reaktion auf den Auto¬ 
erotismus oder das Gefühl der affektiven Ueberwertigkeit müsste auch 
hier in irgend ein er Form des Ausgleichs, der Kompensation gegeben sein. 

Auch diese Kompensation ist uns bekannt. Es ist der Mechanis¬ 
mus der Triebverdrängung 1 ). 

*) Der Freud sehe Begriff der Verdrängung ist zu vielgestaltig, als dass 
ich ihn ohne weitere Auseinandersetzung hier verwerten dürfte. Wenn wir 


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L. Erwin Wexberg 


Liesse sich das Gefühl der affektiven Ueberwertigkeit — der Auto¬ 
erotismus — auf Worte reduzieren, so müsste es lauten: Ich emp- 
findezuviel. Die Verdrängung aber führt zu der Antwort: Nein, 
ich empfinde nichts. Dahin geht jedenfalls, schematisch ge¬ 
nommen, die Tendenz. Denn die „Triebfeindlichkeit“ der Verdrängung 
kann nichts anderes sein als Wunsch- und Lustfeindlichkeit im weite¬ 
sten Sinne, weil bloss Wunsch und Lust die realen Erlebnisse sind, die 
zu dem abstrakten Begriff des Triebes, der Libido führten. Schranken¬ 
loses Begehren und seine Befriedigung sind die Erlebnisse der ersten 
Kindheit. Erst wenn die kulturellen Forderungen, zunächst in der 
Form der Erziehung, zu der Erkenntnis führen, dass die Forderungen 
zu hoch gegriffen sind, setzt der psychische Repräsentant der Kultur, 
die Verdrängung, ein, mit der Tendenz, jene Forderungen auf ein 
Minimum zu reduzieren. Darin aber und in der notwendigen Ueber- 
treibung dieser Tendenz liegt schon die Ueberkompensation. 
Und wiederum ist dieser Vorgang von einer mächtigen Intellektuali¬ 
sierung , einer „Erhöhung des psychischen Niveaus“ (Freud), be¬ 
gleitet. Die energetische Hypothese, die Freud seiner Theorie zu¬ 
grunde legt, führt zu dem Begriff der Sublimierung, die die 
Fähigkeit und den Trieb zu intellektuellen Leistungen als Verfeinerung 
und nützlichen Abfluss der überschüssigen Triebenergie darstellt, die 
durch die Einschränkung des Lustprinzips frei geworden ist. Zur 
Sicherung der erreichten Adaptierung werden aus denselben Quellen 
Bollwerke errichtet, Hemmungen des Triebes, wie Scham, Ekel, 
Gewissen usw. — Reicht auch dies nicht aus, so wird der Rest der 
kulturfeindlichen Triebenergie in Ersatzbildungen umgesetzt, 
die zwar nicht nützlich, aber doch unschädlich sind, was die kulturelle 

die Zensur als ein ausübendes Organ, den Widerstand als eine dyna- 
mische Aeusserung, die Hemmung als ein dauerhaftes Produkt einer ver¬ 
neinenden psychischen Macht verstehen, dann ist die Verdrängung als 
die souveräne Waffe dieser Macht zu bezeichnen, der alle obengenannten Hilfs¬ 
organe und Vorkehrungen ihre psychische Wertigkeit verdanken. Die weitere 
Frage nach dem Subjekt und dem Objekt der Verdrängung glaube ich im Sinne 
Freuds so beantworten zu müssen: Was verdrängt, ist die kulturelle Moral 
als psychischer Faktor, was verdrängt wird, sind die primitiven, antisozialen 
Triebe, also gewisse Komponenten der Libido, vor allem der infantile Autoerotismus. 
Da dieser begrifflich von der Libido als Ganzen nicht zu scheiden ist (s. o.), er¬ 
gibt sich eine allgemein triebfeindliche Tendenz als das Wesen der 
Verdrängung. Die sonstigen Objekte derselben, vor allem der Inzestkomplex, 
sind wohl sekundärer Natur; sie verfallen der Verdrängung erst durch die 
innige Verlötung mit der schrankenlosen infantilen Libido, werden also bloss 
deshalb verdrängt, weil sie dem infantilen Sexualleben angehören. — Der 
ausgesprochen sexuelle Charakter der infantilen Libido erscheint mir fraglich, 
ist aber von geringer Bedeutung: es liefe auf einen Wortstreit hinaus. 


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Zwei psychoanalytische Theorien. 


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Arbeit anbelangt: Gewohnheiten, Stereotypien, vielleicht auch Träume 
und Tagträume. Sie alle stehen im Dienst der nun herrschenden 
Verdrängung. Die Ursache dieser Umwälzung aber liegt in dem Ein¬ 
greifen des kulturellen, allgemeiner gesagt, des sozialen Moments. 
Die soziale Forderung richtet eine Moral als Schranke auf, 
die es verbietet, nur in der Lust und für die Lust zu leben: diese wird 
verdrängt, d. h. kompensiert und überkompensiert. Alte Lustquellen 
werden zu Quellen der Unlust. Intellektuelle Interessen und Befriedi¬ 
gungen treten an die Stelle der körperlichen, im Bereich des Sexuellen 
wird der Lustapparat sozial „adaptiert“, indem die Objektliebe ganz an 
die Stelle des Autoerotismus tritt 1 ). Beichen aber all diese Vorkeh¬ 
rungen nicht aus, um einen Gleichgewichtszustand zwischen Libido und 
Verdrängung zu schaffen, dann tritt die Konversion in neuro¬ 
tische Symptome ein: Die überstarke Libido setzt sich im Kom¬ 
promiss mit der Verdrängung durch. Die Verdrängung ist miss¬ 
lungen. 

Aus alledem aber ergibt sich : Was auf dem Wege der 
Adlerschen Mechanismen die Sicherungstendenz 
und der männliche Protest, das ist auf der Linie 
der Freudschen Theorie die Verdrängung. 

Beide Darstellungen laufen parallel und behandeln dasselbe Pro¬ 
blem von zwei verschiedenen Seiten. Aus der eigenartigen Stellung der 
beiden Ausgangspunkte zueinander — affektive Ueberwertigkeit 
auf der einen, funktionelle Minderwertigkeit auf der andern 
Seite — ergeben sich notwendige Antagonismen, die niemals ausge¬ 
glichen werden können. Aber ein Parallelismus beider Theorien 
ist geradezu logische Forderung und scheint mir erwiesen *)• 

*) Zur Lu8tgewinnung ist zweifellos ein Objekt, ein anderes Geschlecht, 
ursprünglich nicht erforderlich. Die Heterosexualität wird als moralische For¬ 
derung aufgestellt und bedient sich des sexuellen Genusses gleichsam als einer 
Prämie für den sozialen Anschluss. 

*) Die Diskussion über das Verhältnis der beiden psychoanalytischen Theo¬ 
rien zueinander ist von Seite der engeren Schule Freuds durch einen Aufsatz 
Dr. Rudolf Reitlers („Kritische Bemerkungen zu Dr. Adlers Lehre vom 
männlichen Protest“, Zentralblatt für Psychoanalyse, I. Jahrg., 12. Heft) er¬ 
öffnet worden. Herr Dr. R e i 11 e r begeht den Fehler, die Adler sehe Theorie 
mit Freudschen Begriffen verstehen zu wollen. Niemals hat Adler den 
männlichen Protest als das Verdrängende, die „Weiblichkeit“ als das Ver¬ 
drängte angesehen. Der Begriff der Verdrängung hat überhaupt, wie aus den 
obigen Ausführungen wohl hervorgeht, in der Lehre vom männlichen Protest 
keinen Platz, wenn auch durch den oben dargestellten latenten Parallelismus 
der Irrtum begreiflich erscheint. So einfach ist also die Antinomie der beiden 
Auffassungen sicher nicht zu lösen, noch weniger durch die wenig wissen¬ 
schaftliche Supposition einer „oppositionellen Komplexüberwältigung“ auf seiten 


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Wenn dies richtig ist, so muss sich von dem oben analysierten 
Traum auch mit Freud sehen Voraussetzungen eine lückenlose Deu¬ 
tung geben lassen. Versuchen wir es: 

Adlers — ein recht bequemes Mittel, jeden Widerspruch a priori abzutun. — 
Wenn Dr. Reitler von einem „Kampf der Geschlechtscharaktere“ im Indivi¬ 
duum spricht, so darf er das nicht für die Adler sehe Auffassung halten. Die 
subjektive Einschätzung des Individuums, das, was es für „männlich“ 
und „weiblich“ hält, die Fiktion der Geschlechtscharaktere und ihre falsche 
Wertung bilden den Grundton des neurotischen Charakters. — WennDr. Reit ler 
darauf vertraut, dass es der Psychoanalyse stets gelinge, hinter dem männlichen 
Protest immer noch „tiefere“ Schichten aufzudecken, so wäre zunächst zu er¬ 
örtern, was unter dem Attribut „tief“ zu verstehen ist Ist es gleichbedeutend 
mit „unbewusst“, dann ist dieser Einwurf ebenso unhaltbar, als wollte man gegen 
Freud einwenden, die Neurosen könnten nicht auf verdrängter Sexualität 
beruhen, weil ja die Sexualität bewusstseinsfähig sei und nur eine Minderzahl 
von Neurotikern sich für asexuell halte. Jeder Psychoanalytiker würde darauf 
erwidern, dass eben nur die Komponenten der Libido pathogen wirken, die 
nicht bewusst sind. Nun ist aber auch der männliche Protest ein so kom¬ 
plexes Gebilde, dass sich dasselbe von ihm sagen lässt: jene Formen desselben, 
die „auf dem Präsentierteller entgegengetragen“ werden, sind es sicher nicht, 
die zur Symptombildung führten. Das Symptom ist ja eben eine Notkompen¬ 
sation jener vermeintlichen Minderwertigkeiten, die im normalen Leben, also 
durch offene Sicherung und offenen Protest, nicht kompensiert werden konnten. 
Aber der grundverschiedene Weg der Protesttheorie bringt es mit sich, dass der 
Gegensatz zwischen bewusst und unbewusst nebensächlich ist: er steht und fällt 
mit dem Begriff der Verdrängung. Seine unangebrachte Verwendung im Be¬ 
reich der Adlerschen Mechanismen führt auch zu dem seltsamen Widerspruch 
in Herrn Dr. Reitlers Arbeit, die zuerst den männlichen Protest mit der 
verdrängenden Instanz identifiziert und ihm später entgegenhält, dass er nicht 
unbewusst, d. h. nicht — verdrängt sei. Wenn also der männliche Protest 
auch bewusst zur Geltung kommt, so sagt das nichts gegen seine fundamentale 
Wirksamkeit in der Neurose. Er ist eben immer da. — Indem schliesslich 
Herr Dr. Rei11 er überall dort, wo Adler den männlichen Protest beim 
Kinde sieht, nur einen Wunsch des Kindes, gross zu sein, anerkennen will, 
bahnt er selbst die Verständigung an. Gewiss ist der Wunsch des kleinen Mäd¬ 
chens, an die Stelle der Mutter zu treten, nicht als die Sehnsucht, ein Mann 
zu sein, wohl aber als Protest aufzufassen; denn nicht das „Männliche“ ist das 
Wesentlichste, sondern die Macht, das Zur-Geltung-kommen, und ein Mädchen, 
das den unbesiegbaren Tatsachen gegenüber an seinem Geschlecht nicht mehr 
zweifeln kann, wird eben resignieren, um als Weib doppelt zu protestieren. 
Ursprünglich aber sieht und wünscht jedes Kind die überlegene Macht des 
Mannes: gerade ein Psychoanalytiker sollte nicht behaupten, dass die Kinder 
so etwas „noch nicht verstehen“. Und der Wunsch, ein Mann zu sein, ergibt 
sich ganz natürlich als das Maximum an Ehrgeiz, dessen ein Kind, ob Knabe 
oder Mädchen, fähig ist. Vom Normalen wird die Weiblichkeit als relativ 
minderwertig empfunden. Die absolute Minderwertigkeit des Weibes ist 
eine subjektive Wertung des Neurotikers und nur des Neurotikers. Daraus 
ergibt sich der männliche Protest mit allen Folgen und Symptomen. Nie¬ 
manden wird überraschen, dass masslose Ueberschätzung der Weiblich- 


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Zwei psychoanalytische Theorien. 


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Der Knotenpunkt der Traumgedanken ist „Mariahilferstrasse“. Unter 
starken Widerständen produziert der Träumer Einfälle, die nach drei Richtungen 
gehen: 1. Mariahilferstrasse als beliebter Schauplatz Wiens für erotische Aben¬ 
teuer, ferner als grosse Geschäftsstrasse. „Geschäft“ und „Liebe“ addieren 
sich schliesslich zu „Prostitution“. Hier liegen verdrängte Wünsche verborgen, 
die der Träumer im Wachleben aus moralischen Gründen von sich weist. 

2. In nächster Nähe jenes Teils der Mariahilferstrasse, wo der Traum 
spielt, wohnt eine dem Träumer bekannte Dame von stark sinnlicher Schön¬ 
heit, deren Namen einerseits wieder an den Prostitutionskomplex, anderseits an 
den Namen Freud erinnert. Der Gedanke an Freuds sexuelle Aetiologie 
der Neurosen versucht die erotischen Versuchungen in wissenschaftliches Ge¬ 
wand zu kleiden. Daher auch vorher die Untersuchung eines Nervenkranken 
(Tumor cerebri). 

3. Die Kaserne und die Erinnerung an das lustige Leben der Militärzeit. 
Die Angst vor Infektion [progressive Paralyse] ist sexuelle „Hemmungsangst“, 
d. h. verdrängte Libido, die im realen Leben des Träumers als Syphilidophobie 
erscheint. Eine weitere Assoziation führt in das infantile Triebleben. Der 
Reserveleutnant, der ihn tags zuvor besuchte (s. o.), hiess Eckstein, und 
hinter diesem Namen birgt sich die ganze infantile Erotik der Harn Werk¬ 
zeuge. Auch eine rezente Erinnerung berührt dieses Thema: er hatte am 
Traumtag starken Harndrang in Damengesellschaft. Und die Erinnerung an 
das Symptom der Blasenlähmung bei einer metasyphilitischen Nervenkrank¬ 
heit, der Tabes dorsalis, lässt unter diesem Symbol wieder den Gedanken 
an venerische Infektion und Impotenz (d. i. „Blasenlähmung“) durchblicken. 

Wir haben hier den typischen Freud sehen Mechanismus. Der 
Wunsch nach sexueller Betätigung sucht sich im Traum, verstärkt 
durch infantile Reminiszenzen, durchzusetzen. Doch er unterliegt aus 
ethischen Gründen der Verdrängung. Die Folge ist die starke Traum¬ 
entstellung, die als Repräsentanten der sexuellen Wünsche nur das eine 
Wort „Mariahilferstrasse“ bestehen liess. Unter starker Verdichtung 
nimmt dieses Wort fast alles in sich auf, was zu dem verbotenen 
Thema gehört. Alle anderen Elemente des Traumstückes dienen der 
Darstellung der Befürchtungen und Einwürfe, die, wie das ganze 
Thema, ebenfalls dem Wachbewusstsein entzogen sind. 

Ich glaube damit erwiesen zu haben, wie sich Freud sehe und 
Adlersche Mechanismen parallel zueinander in einem Traum zur 
Geltung bringen können. Ich zweifle nicht, dass alle wesentlichen Ele¬ 
mente beiderlei Art bei jeder gründlichen Analyse, gleichgültig unter 

keit bei Neurotikern ebensooft gefunden wird. Sie dient dann offenbar als Me¬ 
mento und Sicherung, macht auf die eigene Schwäche aufmerksam. — Adler 
entsexualisiert nichts, auch nicht den Sexualakt, wie Hr. Dr. R e i 11 e r be¬ 
hauptet. Er akzeptiert bloss den von Freud unendlich erweiterten Begriff 
der Libido nicht und damit ist für ihn die Bedeutung der Sexualität auf das 
vor der Psychoanalyse anerkannte Mass reduziert. 


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L. Erwin Wexberg: Zwei psychoanalytische Theorien. 


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welchen theoretischen Voraussetzungen sie vorgenommen wird, zutage 
gefördert würden; nur die einseitige Betonung des einen oder des an¬ 
deren würde in Wirklichkeit den letzten Sinn des Traumes eindeutig 
bestimmen wollen. Durch die sorgfältige Differenzierung der beiden 
theoretischen Linien der Analyse wird auch nur theoretisch etwas ge¬ 
wonnen, für die Praxis der Psychoanalyse ist einzig der therapeutische 
Erfolg entscheiden *). 

Fassen wir unser Ergebnis kurz zusammen: 

An der Spitze der Freud sehen und der Adler sehen Theo¬ 
rien steht der Satz: Minderwertige Organe sind (in der 
Regel, oder häufig) erogene Organe. Oder: Funktionell minder¬ 
wertige Organe sind affektiv überwertige Organe. 

Freud geht von der affektiven Ueberwertigkeit aus (erogene 
Zonen), Adler von der funktionellen Minderwertigkeit (minderwertige 
Organe). 

Als Reaktion erster Ordnung ergibt sich bei Freud das Gefühl 
der affektiven Ueberwertigkeit (Wunsch nach affektiver Befriedigung, 
Autoerotismus, Lustprinzip), bei Adler das Gefühl der funktionellen 
Minderwertigkeit. 

Reaktion zweiter Ordnung ist bei Freud und Adler eine 
Kompensation. 

Freud, der von einem „Plus“ ausging (Ueberwertigkeit), 
lässt die Kompensation durch ein „Minus“ eintreten: Dem Gefühl der 
affektiven Ueberwertigkeit antwortet die Verdrängung. 

Adler ging von einem „Minus“ aus (Minder Wertigkeit) und 
lässt die Kompensation durch ein „Plus“ eintreten: Dem Gefühl der 
funktionellen Minderwertigkeit antwortet die Sicherungsten¬ 
denz und der männliche Protest. 

Das treibende Moment für Verdrängung und Sicherungstendenz 
ist das soziale. 

Die Verdrängung bedient sich der Sublimierung, die Siche¬ 
rungstendenz der intellektuellen Ueberleistung; beide 
sind dasselbe. 

‘) Ein wesentlicher Gegensatz der beiden Auffassungen, der nicht auf 
den Parallelismus zu reduzieren ist, besteht darin, dass Adler vieles in der 
Entwicklung des Individuums schon als neurotisch betrachtet, was für Freud 
noch in das Bereich des Normalen fällt. So spricht Freud von Partial¬ 
trieben der Libido (Sadismus, Masochismus usw.), die beim Kind unge¬ 
hemmt hervortreten und durch eine Entwicklungshemmung, ohne neurotischen 
Mechanismus, beim Erwachsenen als Perversionen persistieren können. 
Adler fasst alle diese Aenderungen der Libido, sofern sie psychische Wertig¬ 
keit haben, schon als neurotische „Arrangements“ auf, die der Sicherung dienen 
sollen. 


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Sitzungsberichte. 


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Missglückte Verdrängung führt zur Notkompensation, zum 
neurotischen Symptom. 

Die missglückte Sicherungstendenz führt ebenfalls zum neu¬ 
rotischen Symptom. 

Mit einem Wort: 

Freud erklärt die psychischen Vorgänge von der affektiven, 
Adler von der funktionellen Seite. Jeder seelische Vorgang 
kann als affektiv und als funktionell aufgefasst werden. Daher sind 
die Theorien Freuds und Adlers notwendige Korrelate zueinander. 
Ueber den praktischen Wert derselben als Voraussetzungen der thera¬ 
peutischen Psychoanalyse, über die bessere Verwendbarkeit der einen 
oder der andern Theorie, kann nur lange Erfahrung entscheiden. 


Sitzungsberichte. 

Psychologische Gesellschaft zu Berlin. 

Donnerstagi den 16. März 1911. 

Ordentliche Generalversammlung. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht des 1. Schriftführers. 2. Provisorischer 
Kassenbericht des Kassenwarts. Zu Kassenrevisoren wurden zwei Mitglieder 
der Gesellschaft ernannt. Der Vorstand erhielt Entlastung. 3. Verschiedenes. 
4. Vorstandsneuwabl. Es wurden gewählt zum 1. Vorsitzenden: Sanitätsrat 
Dr. Moll; 2. Vorsitzenden: Dr. Baerwald; 1. Schriftführer: Reohtsanwalt 
Westmann; 2. Schriftführer: Dr. Neumann; 1. Bibliothekar: Dr. Feigs; 
2. Bibliothekar: Dr. Levy-Suhl; Kassenwart: Dr. Hennig. 

Sommersemester 1911. 

Donnerstag, den 4. Mai 1911. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Aronsohn spricht über: „Das psychologische Problem im 
Baumeister Solness*. 

Der Vortrag gibt in gedrängter Form den wesentlichen Inhalt der bei 
Carl Marhold in Halle a. S. erschienenen Ibsen-Erläuterung des Vortragenden 
„Das Problem im Baumeister Solness* wieder. 

Ibsens Dramen sind nicht symbolisch aufzufassen und behandeln häufig 
Probleme des Tages. Auch im „Baumeister Solness“ wird ein solches Problem 
gegeben, das man aufs leichteste verstehen kann, wenn man die äussere Hand¬ 
lung des Dramas — den durch die jugendliche Hilde Wangel veranlassten Auf¬ 
stieg des Baumeister Solness auf den Turm seines eigenen neuen Wohnhauses 


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Sitzungsberichte. 


zum Zwecke der Kranzbefestigung und seinen durch Hilde Wangels tolles Be¬ 
nehmen herbeigeführten Todessturz von der Höhe des Turmes — mit der im 
Drama immer wieder und wieder aufgeworfenen und erörterten Frage nach 
Solness 1 geistiger Gesundheit vergleicht. 

Nach dem von aller Welt geteilten Standpunkte der psychiatrischen Wissen¬ 
schaft müsste Solness, der ein Auserkorener, Auserwählter Gottes zu sein glaubt, 
ausgestattet mit der besonderen Fähigkeit, auch das „Unmögliche“ vollenden zu 
können, der die Vergeltung deB Mächtigen durch die Jugend fürchtet, weil er 
entgegen dem vermeintlichen Willen des Mächtigen diese Fähigkeit dazu ge¬ 
braucht habe, anstatt Kirchen zu Ehren Gottes, Heimstätten für Menschen zu 
bauen, der seine geheimnisvolle Fähigkeit auszuüben wähnt mittels eines Trolls 
in seinem Innern und zahlreicher Teufel und dabei keinerlei Einsicht in die 
Krankhaftigkeit dieser Vorstellungen zeigt — unzweifelhaft für geisteskrank ge¬ 
halten und die Krankheit, an der er leidet, als chronischer, religiöser Grössen- 
und Verfolgungswahn, als Paranoia religiöse simplex chronica gedeutet werden. 

Durch die Handlung des Dramas aber wird diese wissenschaftlich gut 
gestützte Ansicht in ihrem Grundgefüge erschüttert Solness geht in der Tat 
durch die Jugend zugrunde, wie er immer gefürchtet hatte. Wenn es auch 
nicht die gefürchtete männliche Jugend, der Nachwuchs der Architekten war, 
die ihn vernichtete, sondern die im Grunde des Herzens herbeigesehnte weibliche 
Jugend, so könnte doch Hilde Wangel mit Fug und Recht als das Werkzeug 
einer göttlichen Vergeltung angesehen werden, weil ihr wildes, rücksichtsloses 
Begehren, den Baumeister Solness endlich einmal wieder auf der freien Höhe 
eines Turmes, also in einer mit der Gefahr deB Abstürzens verbundenen Lage, 
zu sehen, wie zehn Jahre zuvor bei der Kranzbefestigung auf dem neuerbauten 
Kirchturm zu LyBanger, nichts anderes als die Sehnsucht nach endlicher Be¬ 
friedigung einer sadistischen Leidenschaft darstellt. Diese Leidenschaft in 
ihr wurde durch Solness selbst zum ersten Male in demselben Augenblicke ent¬ 
fesselt, als er, auf der Spitze des Kirchturms zu Lysanger stehend, dem Mäch¬ 
tigen die Gefolgschaft aufkündigte, und sie klammerte sioh auch später infolge des 
Klein-Hilde unter Scherzen und Küssen damals gegebenen Versprechens, er werde 
nach zehn Jahren wiederkommen, sie zu einer Prinzessin machen und ihr ein 
Königreich schenken, ganz und ausschliesslich an Solness Person. Hildes Er¬ 
scheinen im Hause des Baumeister Solness gerade 10 Jahre nach der Kirchturm¬ 
weihe zu Lysanger erscheint also durchaus nicht als Zufall, sondern wird durch 
Solness 1 scherzhaftes Versprechen einerseits wie durch Hildes sadistisches Begehren 
andererseits, das endlich einmal ohne Rücksicht und Schonung Befriedigung er¬ 
heischt, aufs beste begründet. Und Solness unterliegt einer schweren Selbst¬ 
täuschung, wenn er glaubt, Hildes Verlangen nach einem Königreich stelle das 
Verlangen nach ihm selber dar im Sinne einer wirklichen Liebe, oder wenn er 
in ihrem Begehren, ihn endlich einmal wieder auf der freien Höhe eines Turmes 
zu sehen, wie in Lysanger, nichts anderes als Verständnis und Bewunderung für 
seine übernatürliche Fähigkeit erblickt. — Indes nicht nur Solness’ Beeinträch¬ 
tigungsvorstellung, auoh seine GrössenvorsteUung besteht nach der Handlung des 
Dramas scheinbar zu Recht. Denn es gelingt ihm trotz der Schwindelanf&lle, 
an denen er litt, unversehrt bis zur Spitze des Turmes zu gelangen, und Hildes 


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Sitzungsberichte. 


111 


Sadismus reisst ihn erst in die Tiefe, als er sich nach glücklich gelungener 
Kranzbefestigung eben ansohickt, die Gerüste des Turmes herabzusteigen. 

Die Handlung des Dramas straft also die Wissenschaft Lügen. Das psycho¬ 
logische Problem, um das es sich einzig und allein in dem „Baumeister Solness“ 
handelt, ist das viel erörterte Problem der unbedingten Zuverlässigkeit psycho¬ 
logischer Wissenschaft, und es wird durch die Handlung des Dramas nur die 
Frage aufgerollt, ob die von aller Welt geteilte wissenschaftliche Ansicht, der- 
zufolge Solness als geisteskrank betrachtet werden muss, Hecht hat, oder Solness, 
wenn er glaubt ein Auserwählter, Auserkorener Gottes zu sein. Der Dichter 
deutet mit keinem Worte an, welcher Standpunkt der richtige sei, sondern be¬ 
gnügt sich damit, eine Wirkung auszulösen, die uns zum Nachdenken über 
diese Frage zwingt Bei offener Szene geben wir uns zwar willig der Anschauung 
hin, in Solness einen Geisteskranken zu sehen, der nur darum, weil er ein 
grosser Künstler war, von niemand als solcher erkannt und betrachtet wurde. 
Kaum aber, dass der Vorhang über die Ereignisse des Dramas gefallen ist, regt 
sich in allen Köpfen der Zweifel, und selbst der Skeptischste muss sich schliess¬ 
lich fragen, ob Solness nicht trotz aller Wissenschaft ein Auserwählter, Auser¬ 
korener Gottes gewesen ist, wie er fest und unerschütterlich immer geglaubt hatte, 
und ob er nicht wirklich bloss darum durch die jugendliche Hilde Wangel zugrunde 
ging, weil ihn die Vergeltung für den Missbrauch einer ihm verliehenen ganz 
besonderen Fähigkeit, für den Ungehorsam gegen den Mächtigen, ereilte. 

(Autoreferat.) 

An der Dikuasion nahm Herr Martens teil. Der Vortragende hatte das 
Schlusswort 

Donnerstag, den 18. Mai 1911. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Müller-Freienfels spricht über: „Die psychologischen 
Faktoren des ästhetischen Gemessene.“ 

Das künstlerische Gemessen ist nicht etwa auf die äusseren Sinne be¬ 
schrankt, die d\e Eindrücke aufnehmen, sondern ergreift den ganzen Menschen 
mit allen seinen Funktionen, wobei nur die nach aussen gerichteten Zweckhand¬ 
lungen auszuscheiden sind. Fechners ursprünglich sehr wertvolle Trennung der 
Komponenten des Kunstgenusses in direkte und assoziative Faktoren muss daher 
erweitert werden, und es müssen vier Faktorengruppen unterschieden werden. 
Erstens: die vermittelnden Sinnesempfindungen, zweitens die motorischen 
oder kinästhetischen Phänomene, drittens die assoziativen oder imaginativen 
Faktoren und viertens die rein intellektuellen Funktionen des Urteilens, 
Schliessens usw. Alle diese greifen in der mannigfaltigsten Weise ineinander 
und bilden zusammen das überaus komplizierte ästhetische Erleben, dessen 
tieferer Zusammenhalt durch die dunkle Masse der Gefühle geschaffen wird. — 
Besonderer Beachtung bedürfen dabei die motorischen Faktoren, die teils 
wie die Beeinflussung von Herz und Atemtätigkeit, rein reflektorisch, teils Nach¬ 
ahmungsbewegungen, teils auch zur Auffassung der äusseren Wahrnehmungen 
notwendig sind, alle jedoch sehr stark die Gefühlswirkung beeinflussen, wenn 
sie als besondere Erlebnisse auoh nicht hervortreten. — Eine Analyse der 


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assoziativen Faktoren muss die Subjektivität des ästhetischen Gemessene 
über allen Zweifel feststellen« Besonders wichtig ist die Frage, wieweit in der 
Poesie neben WortVorstellungen auoh Saohvorstellungen in Betracht kommen« 
— An intellektuellen Faktoren sind es vor allem Urteile, die wichtig sind 
für das künstlerische Gemessen, und zwar kommen sowohl Ezistential- als 
Werturteile vor. Entere sind oft eine Vorbedingung des ästhetischen Gemessene, 
letztere haben oft suggestive Wirkungen. — Die Einheit aller dieser Funktionen 
wird durch den gemeinsamen Gefühlsgrund geschaffen, der uns das ausserordent¬ 
lich komplizierte ästhetische Erleben als einheitliches Phänomen erscheinen lässt. 

An der Diskussion beteiligten sich: die Herren Bärwald, Feigs, 
Dessoir, und Frl. Martus. Der Vortragende hatte das Schlusswort. 

Donnerstag, den 1. Juni 1911. 

Vorsitzender: Herr Westmann; Schriftführer: Herr Neumann. 

Herr Dr. Hirschlaff spricht: „Zur Psychologie und Hygiene des 
Denkens.“ 

Der Vortragende geht von der Frage nach der WiUkürlichkeit des Denkens 
aus und tritt Dubois entgegen, der die gesamte Denktätigkeit als unwillkürlich 
erklärt. Er bespricht zunächst die Elemente des seelisohen Geschehens, wie sie die 
induktive Analyse der in unserem Bewusstsein gegebenen Komplexe liefert. Als 
solche gelten ihm die Vorstellungen, Urteile, Gefühle und Willenshandlungen, deren 
psychologische Charakteristik er io grossen Umrissen gibt. Daneben unter¬ 
scheidet er mit Meinong einige Zwischenstufen, die als Annahmen, Phantasie¬ 
gefühle und Phantasiehandlungen genauer beschrieben werden. Sodann erörtert 
Verf. die Beziehungen dieser Elemente zum Bewusstsein und weist nach, dass 
die angeblich unbewussten Seelenerscheinungen in Wirklichkeit nur unbenannte, 
unvollständige, unbemerkte oder unanschauliche Bewusstseinsvorgänge sind. Im 
weiteren Verlaufe der Untersuchung werden die verschiedenen Arten der Zu¬ 
sammensetzung der Elemente besprochen, aus denen die komplexen Seelener- 
scheinuDgen hervorgehen; und zwar der Wahrnehmungs- und ErinnerungBakt, 
die Assoziation und Apperzeption, die Fundierung und Verschmelzung. Als 
psychologische Regulative des Denkens, die die Vorstellungsbewegung beein¬ 
flussen und dirigieren, werden die Konzentration, die innere Kritik, die Stimmung 
und die innere Disziplin aufgeführt und näher erläutert. Im zweiten Teile 
seiner Ausführungen geht Verf. auf die praktische Hygiene des Denkens ein. 
Er schildert die Hygiene der Ruhezustände im Anschluss an die von ihm a. a. O. 
beschriebenen Ruheübungen und Apparate und schliesst mit der Uebertragung 
der dafür massgebenden Prinzipien der Konzentration und inneren Disziplin auf 
die Tätigkeitszustände, für die eine direkte geistige Hygiene in Frage kommt. 

(Autoreferat.) 

In der Diskussion sprach Herr Edel. 

Donnerstag, den 15. Juni 1911. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Gramzow spricht über: „Die Furcht als Grund¬ 
gefühl“. 


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Kein Mensch ist ohne Furcht. Man muss die instinktive Furcht von der 
erfahrungsmässigen unterscheiden. Im Gegensatz zur letzteren entwickelt sich 
die Hoffnung. Furcht und Hoffnung schaukeln das Gemüt zwischen Unlust und 
Lust, Schmerz und Freude und rufen den wohltätigen Wechsel unserer Gemüts¬ 
zustände hervor. Die instinktive Furcht ist als Instinkt zu klassifizieren, d. h. 
angeboren, vererbt. Modifikationen des Nervenapparats sind die körperliche 
Grundlage der Instinkte. Hohe intellektuelle Tätigkeiten und komplizierte 
Instinkte schliessen sich nicht aus. So sicher durch viele Beispiele das Ange¬ 
borensein des Furohtgefühls nachgewiesen ist, so sicher steht aber auch fest, 
dass keine bestimmte Furcht angeboren ist. Die instinktive Furcht zeigt 
sich besonders deutlich als Scheu vor dem Neuen (Neophobie), die bei Kindern 
und Erwachsenen auftritt. Au ihr wird auch ohne weiteres klar, dass die 
Furcht überhaupt wurzelhaft mit dem Selbsterhaltungstrieb verwachsen, ja eigent¬ 
lich nur eine besondere Erscheinungsweise dieses Triebes ist. Verwandt mit der 
Neophobie ist die Furcht vor dem Schwarzen und der Dunkelheit. 

Zwischen der instinktiven Furcht und der erfahrungsmässigen lässt sich 
eine genaue Grenzbestimmung nicht treffen, da wir den Zeitpunkt der ersten 
Schmerzerfahrung nicht kennen. Wahrscheinlich tritt das erste Schmerzgefühl 
sehr früh auf. Gäbe es keinen Schmerz, so wäre der Mensch der Gier nach 
Befriedigung seiner Triebe ganz hingegeben. Aus der Schmerzerfahrung entkeimt 
die Selbstbeherrschung. 

Mit der Herausbildung einer Vorstellungswelt beginnen Phantasie- und 
Verstandestätigkeit des Kindes. Damit setzt die Furcht vor eingebildeten Ge¬ 
fahren ein. Die Art, wie Kinder sich Gefahren einbilden, eröffnet einen tieferen 
Einblick in das Wesen der Furcht. Immer zeigt sich, dass die Entwicklung 
des Furchtgefühls nur eintritt, wenn die Kinder mit dem Gefürchteten allein 
sind oder allein zu sein glauben. Daraus ergibt sich, dass in der Furcht das 
Gefühl der Schwäche als ein wesentlicher Bestandteil wirkt. Neben den Banden 
des Blutes hat die Furcht zur Herausbildung und Kräftigung der sozialen 
Instinkte, des Triebes nach Vergesellschaftung besonders beigetragen. Auch 
heute noch ist sie von grösster Bedeutung für Staat, Recht, Erziehung und 
soziales Leben. 

Es gibt viele Arten und Grade des Furohtgefühls. Sie sind subjektiv und 
objektiv, durch die individuelle Veranlagung und durch die errregenden Gegen¬ 
stände oder Ereignisse bedingt. Besondere Aufmerksamkeit fordern die patho¬ 
logischen Furchtzustände der Platz-, Brücken- und Türfurcht heraus. Die 
höchsten Grade der Furcht kommen vor als Angst und Schrecken. Angst be¬ 
fällt Gesunde nur bei Anlässen, die von grosser Wichtigkeit für ihre Wohlfahrt 
sind. Die pathologischen Angstattacken und -Zustände, denen Cramer ein 
gründliches Studium gewidmet hat, beweisen, dass die Furcht rein physiologisch 
nicht erklärt werden kann. Der endogene Symptomenkomplex, auf den Cramer 
sich gestützt hat, wird uns nur verständlich aus der Verbindung der Furcht 
mit dem Selbsterhaltungsstreben. Den Schreck hat Lipps treffend als innere 
Situations8törung gekennzeichnet. 

Das Furchtgefühl ist den Lebewesen ein Warner, der sie drohende Ge¬ 
fahren möglichst schnell erkennen lässt. Aus dem Gesichtspunkt der Furcht 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 8 


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Sitzungsberichte. 


ergibt sich die menschliehe Kultur als eine fortschreitende Summe von Schutz- 
wehren. Die Natur selbst hat ihren Geschöpfen eine Reihe von Schutsmitteln 
gegeben. Dazu gehört die Fähigkeit, sich ein Aussehen zu geben, das anderen 
Furcht einflösst. Der Mensch sucht oftmals mit deutlichem Bewusstsein seinen 
Gegner in Furcht zu setzen. Der Mut, den uns die Geschiohte 
und das tägliche Leben bewundern lehren, ist kein Grund¬ 
gefühl, sondern eine Folge der Furcht. 

Zwei Hinderungsmittel wirken der Furcht entgegen: Neugierde und 
Interesse. Die Furcht bestimmt Wesen und Charakter des Menschen und gibt 
damit seinem Tun das Gepräge. Der Vortragende, der seine Ausführungen 
durch viele Beispiele belegt, führt aus, wie Ehrfurcht, Geistesgegenwart, Grau¬ 
samkeit und Eifersucht aus der Furcht hervorgehen. Er kommt zu dem Schluss, 
dass zwischen Selbsterhaltungstrieb, Furcht und allen anderen Gefühlen das Ge¬ 
triebe der Ursächlichkeit waltet. 

An der Diskussion beteiligten sich die Herren Moll, Levy-Suhl, 
Prüssmann, Heinsius und Martens. Der Vortragende hatte das 
Schlusswort. 

Donnerstag, den 29. Juni 1911. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Der Vorsitzende verlas das Referat des Herrn Kriminalkommissars Dr. 
Schneickert: „Zur Psychologie der Erpresserbriefe a . (Aus¬ 
führlich erschienen in Heft 1 des IV. Bandes dieser Zeitschrift.) 

Die Erpressung stellt in juristisch-psychologischer Beleuchtung ein Ana¬ 
logon des Diebstahls und Raubes dar, je nachdem der widerrechtliche Vorteil 
auf gewalttätige oder nicht gewalttätige, also heimliche Weise gesucht wird. 
Da der Erpresser in den meisten Fällen auf den schriftlichen Verkehr angewiesen 
ist, hat man, wie bei den wenigsten anderen Verbrechensarten einen oft wert¬ 
vollen Wegweiser zu dem Versteck des Täters. Die Erpressertat stellt ein 
eigenartiges Gemisch dar von Bettelei, Wucher, Diebstahl und Raub, von 
Mitleidserregung, Scheinheiligkeit, Verstellungskunst und Unverfrorenheit, von 
Rachsucht, Spekulationsgelüsten, Schadenfreude und Prahlerei. Nur ausnahms¬ 
weise wird versucht die in den Erpresserbriefen angedrohten Verbrechen aus¬ 
zuführen, weil nämlich die Furohterregung in den meisten Fällen lediglich einen 
Trick des Verbrechers darstellt, der wie der gewerbsmässige Betrüger eben auch 
auf die Dummheit seines Nächsten spekuliert. Ein neuer Gaunertriok ist bei 
jungen Anfängern der Verbrecherzunft ein gesuchter Modeartikel und wird wie 
jede Mode gar zu gern nachgeahmt. Die Möglichkeit der Nachahmung besorgt 
am besten und bequemsten immer noch die Presse, die auf ausführliche Berichte 
sensationeller Mordtaten und Verbrechertricks Wert legt. Aber auch die Rach¬ 
sucht, Schadenfreude und ein selbstsuggeriertes Machtgefühl wählen mit Vorliebe 
den ErpreBserfeldzug, wobei das Hauptziel jedooh nur die Unannehmlichkeiten 
und Seelenqualen des geänstigten Opfers sind. Mit oft lächerlichen Hilfsmitteln 
suchen namentlich jugendliche Erpresser ihren Opfern den „Ernst der Situation“ 
klarzumachen. Es wurden etwa 30 Erpresserbriefe aus der kriminalpolizeilichen 
Praxis auszugsweise zur Verlesung gebracht, durch welche die einzelnen Erpresser- 


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Spezialitäten näher beleuchtet werden. Zum Schluss wurde als wirksames Mittel 
zur energischen Bekämpfung des Erpressertums ein grösserer Sohutz 
der Zeugen empfohlen, die durch die Bache des angeklagten Erpressers 
mehr oder weniger kompromittiert zu werden pflegen und daher nur zu oft von 
der Auslieferung bekannter Erpresser Abstand nehmen. (Autoreferat.) 


Wintersemester 1911/12. 

Donnerstag, den 19. Oktober 1911. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Privatdozent Dr. Utitz spricht über: „NeueWege der Aesthetik“. 

Wenn der Versuch einer empirischen, streng wissenschaftlichen Aesthetik 
immer wieder dem Vorwurf begegnet, es sei unmöglich, die Gebiete einer nüch¬ 
ternen, exakten Forschung unterwerfen zu wollen, die nur dem geniessenden 
Schwelgen des andächtig hingegebenen Betrachters sich erschlossen oder der 
blitzartigen Intuition des schaffenden Meisters, so muss mit aller Entschiedenheit 
darauf hingewiesen werden, dass wir in der Aesthetik vor einem gegebenen em¬ 
pirischen Material stehen, das in unserem eigenen Erleben beschlossen liegt und 
im Erleben unzähliger anderer Individuen. Es liegen demnach Tatsachen vor, die 
eine deutliche und beredte Sprache reden. Von einer a priori bestehenden Unmög¬ 
lichkeit kann also gar nicht die Bede sein; die Unmöglichkeit könnte nur aus 
Schwierigkeiten abgeleitet werden, die sich der Bewältigung des Materials derart 
entgegenstellten, dass sie für uns unüberwindbar und unbesiegbar blieben. 
Darüber lässt sich aber im vorhinein gar nicht entscheiden. Die gewonnenen 
Ergebnisse sind hier die Bichter. Um nun zu diesen Ergebnissen vorzudringen, 
bedarf es verschiedener Methoden. 

Das grosse Verdienst, als erster in umfassender und folgerichtiger Weise 
empirische Methoden verwendet zu haben, gebührt ohne Zweifel G. Th. Fechner. 
Die Aesthetik konnte sich nun all der methodischen Hilfsmittel bedienen, welche 
die Psychologie in ihren modernen Betrieb aufgenommen hatte. So knüpft denn 
anFechner die rein psychologische Aesthetik an; und eine lange Beihe sehr exakter 
und genauer Einzeluntersuchungen beweist deutlich den heuristischen Wert dieser 
Methoden. Aber je mehr man den Charakter der Psychologie als reiner Tat- 
sachenwissenschaft erkannte, desto mehr lernte man einsehen, dass der Charakter 
der Aesthetik ein wesentlich anderer sei. Denn wenn wir lediglich auf den 
Bahnen der Psychologie uns bewegen, dann dürfen wir nie und nimmer den 
Massstab eines richtigen und unrichtigen Verhaltens anlegen, denn dieser Mass¬ 
stab ist natürlich einer Tatsachenwissenschaft völlig fremd. Die Aesthetik je¬ 
doch bedarf auf Schritt und Tritt einer Werteinstellung, mit der sie an die 
psychologischen Begebenheiten herantritt und unter ihrer Zugrundlegung die 
psychologischen Data in ästhetische und nicht ästhetische scheidet. Die Gefahr 
ist nun allerdings die, ob wir nicht bei Aufgabe des rein psychologischen Stand¬ 
punktes wieder in die mit so schweren Opfern glücklich überwundene spekula¬ 
tive Methode verfallen? Auf der einen Seite steht das Gespenst der UnWissen¬ 
schaftlichkeit, falls wir über die Psychologie hinausgehen, auf der anderen Seite 
die völlige Unmöglichkeit einer rein psychologischen Aesthetik. Hier gilt es 


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nun von verschiedenen, von einander unabhängigen Standpunkten vorzudringen 
zu trachten und dann die Ergebnisse zusammenzuhalten und auf ihre Ueberein- 
stimmungen und Unstimmigkeiten zu achten. Diese Art des methodischen Vor¬ 
gehens erfährt hierauf eine eingehende Charakteristik. Vor allem muss auch der 
Begriff des Wertes seines mystischen Charakters entkleidet werden, indem er sich 
uns als in der Erfahrung beschlossen liegend — als ein eigentümliches Wert¬ 
verhalten — offenbart, als ein unmittelbarer Erlebenstatbestand. 

Aber auch damit sind noch lange nicht alle Schwierigkeiten überwunden; 
so werden denn von seiten der Kunstwissenschaft und Ethnologie eine Reihe 
Bedecken gegen die moderne Aesthetik erhoben. Die Aesthetik sei fast ganz 
vom Kunstwerk abgerückt; sie schwelge meist in allgemein psychologischen Be¬ 
trachtungen, die keine Anwendung auf den Einzelfall zulassen oder so unbe¬ 
stimmt gehalten sind, dass eine ästhetisch orientierte Stilanalyse unter ihrer Zu¬ 
grundelegung nicht vollzogen werden kann. Und die experimentelle Aesthetik 
arbeite mit so einfachen Objekten, dass eine unmittelbare Uebertragung der hier 
gewonnenen Ergebnisse auf komplexere Gebilde häufig unstatthaft erscheint. 
Daher empfiehlt die Kunstwissenschaft die objektive Methode, die nicht das sub¬ 
jektive Erleben, sondern das objektive Kunstwesen zum Ausgangspunkt nimmt; 
denn es gilt die Eigenart der ästhetischen Gebilde zu erforschen und nicht die 
Weise, wie sie sioh in den einzelnen Individuen widerspiegeln, mögen diese 
Individuen noch so feinsinnig und verständnisvoll sein. Die Ethnologie hält es für 
unmöglich, mit dem Begriff eines rein ästhetischen Erlebens zu arbeiten, weil die 
sog. Kunsterzeugnisse primitiver Volksstämme durchaus keine rein ästhetischen 
Leistungen darstellen, sondern ganz verschiedenen menschlichen Bedürfnissen ihren 
Ursprung verdanken. Sie empfiehlt, mit den allerersten und einfachsten Erzeugnissen 
zu beginnen und erst allmählich zu reineren und verwickelteren Formen aufzusteigen, 
also die genetische Methode, die unmittelbar an das ethnologische Material an¬ 
knüpfen soll. Aber bei näherer Betrachtung — und eine Untersuchung wird 
eingehend geführt — erweist es sich als unmöglich, mit diesen Methoden zu 
arbeiten; trotzdem sind die von Kunstwissenschaft und Ethnologie vorge¬ 
brachten Bedenken keineswegs wertlos, in gewissem Sinne gilt hier der Satz 
Poincarös „Das Wachstum einer Wissenschaft vollzieht sich in ihren Grenzge¬ 
bieten tf . Es liegt hier eben einer der typischen Fälle vor, wo Nachbarwissen¬ 
schaften auf Probleme von Wichtigkeit und Bedeutung geführt werden, welche 
die Wissenschaft, welche sie eigentlich zu behandeln hat, recht stiefmütterlich 
vernachlässigte oder auch ganz übersah. 

Die Methode, die lediglich auf die Erforschung rein ästhetischen Erlebens 
ausgeht, fusst auf der unbewiesenen Voraussetzung, dass ein rein ästhetisches 
Erleben in Wirklichkeit vorkommt. Aber vielleicht handelt es sich dabei ledig¬ 
lich um eine theoretische Konstruktion? Jedenfalls liegt hier ein Problem vor. 
Als Forschungsmaterial ergeben sich die wirklichen Gesamtkomplexe ästhe¬ 
tischer Verhaltungsweisen, das wirklich ästhetische Gesamtleben; inwieweit 
dies nun einen rein ästhetischen Charakter trägt, und ob und welche andere 
Faktoren da mitspielen, das bedarf erst gründlicher Analyse und Durcharbeitung. 
Welche Methoden sind nun aber hier anzuwenden? Jedenfalls vermag nur psy¬ 
chologische Forschung unter ästhetischer Einstellung die Wege zu ebnen, denn 


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immer handelt es sich ja um Erlebenstatbestände, deren eigentümliche und typische 
Strukturverhältnisse hier untersucht werden sollen. Der Vortragende suchte 
nun die Eigenart dieser Methodik durch einen Einzelfall zu beleuchten, nämlich 
durch die Art, wie er selbst in seiner Arbeit über „Die Funktionsgefühle im 
ästhetischen Verhalten“ (Verlag von Max Niemayer zu Halle a. S. 1911) vor¬ 
ging. Mit der ausführlichen Besprechung dieser methodischen Hilfsmittel schloss 
der Vortrag. (Autoreferat.) 

An der Diskussion nahmen teil die Herren Dessoir und Müller- 
Freienfels. Der Vortragende hatte das Schlusswort. 

Donnerstag, den 2. November 1911. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Fräulein Kati Lotz spricht über „Suggestion als Ueberzeugungs- 
übertragung und ihre Anwendung in der Erziehung. 14 (Erscheint 
unter den Originalien dieser Zeitschrift.) 

Die Suggestion ist von der Erziehung nicht zu trennen. Die Suggestions¬ 
möglichkeit hängt von der Ueberzeugung des Suggerierenden ab, aber auch da¬ 
von, wie weit die halb ausgebildeten Vorstellungen und Triebe des zweiten in 
der Richtung der Suggerierung liegen. Die Wirkung des Tons spielt besonders 
bei Anerziehung sittlicher Werturteile eine Rolle. Auch die Satzbildung ist 
von Bedeutung. Oft ist es gut, das zu Erreichende gar nicht anzuordnen, son¬ 
dern als geschehen anzusehen, z. B. „Wenn ihr aufgeräumt habt, kommt 
ihr zum Frühstück 14 . Hier wird das Aufräumen nicht besonders empfohlen. 
Auch die Ablenkung kann die Suggestion unterstützen. Es wirkt ungünstig auf 
das Kind und führt es zu einer übermässigen Einschätzung des Wertes seiner 
Person, wenn man sich zu sehr um seine Pflege bemüht. Dadurch wird der 
Gedanke, dass das Blind im Mittelpunkt der Welt steht, bei ihm süggestiv er¬ 
zeugt. Jedenfalls ist aber die eigene Ueberzeugung des Erziehers von der aller- 
grössten Bedeutung. 

An der Diskussion nahmen teil die Herren Bärwald und Möller. Die 
Vortragende hatte das Schlusswort. 

Donnerstag, den 16. November 1911. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Hennig spricht über „Musikphantome“. (Ausführlich er¬ 
schienen in Heft 1 des IV. Bandes dieser Zeitschrift.) 

Der Vortrag ist durch die Baerwaldsche Umfrage über den motori¬ 
schen Menschen (vgl. Heft 2 d. II. Bandes dieser Zeitschrift) angeregt worden. 
Es scheint nämlich bisher nicht genügend beachtet zu sein, dass ein Bruchteil 
der zum „visuellen Typ 14 gehörenden Menschen dazu neigt, auch musikalische 
Eindrücke, um sie recht zu verstehen und zu gemessen, in Gesichtsbilder zu 
übersetzen. Dies Bedürfnis ist psychologisch ziemlich genau ebenso zu bewerten, 
wie die weitverbreitete Neigung, abstrakte Begriffe aller Art, wie Zahlen, 
Wochentage, Daten usw. entweder in Farben oder in räumlichen Gebilden zu 
veranschaulichen. (Audition coloree, number forme, „Synopsien 14 aller Art, über 
die der Vortragende am 4. II. 04 an gleicher Stelle sprach). Auch bei denen, 


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die Musik in visuelle Formen übersetzen, lassen sich zwei Kategorien unter¬ 
scheiden. Die einen empfinden die Musik, bald Akkorde, bald einzelne Tone, 
Harmonien, Tonarten, ganze Musikstücke, farbig, wobei sowohl physiologische 
wie psychologische Faktoren (vor allem Flournoys „habituelle“ und „privile¬ 
gierte“ Assoziation) mitspielen können, die anderen hingegen sehen nicht Farben 
allein, sondern in erster Linie Formen, Gestalten in Bewegung, bei denen das 
koloristische Moment keineswegs fehlt, aber doch von sekundärer Bedeutung ist. 
Eine Reihe von Beispielen aus der Praxis veranschaulichte sowohl das rein 
farbige Empfinden musikalischer Eindrücke, das sich nicht selten auch bei grossen 
Musikern findet, z. B. bei Bob. Schumann, Liszt, Raff, wahrscheinlich auch bei 
Beethoven, Schubert u. a., wie die Kombination von Farben mit unbestimmten 
Gestalten und schliesslich die eigentlichen „Musikphantome“, in denen das far¬ 
bige Element zurücktritt und die Musik bewegte Bilder von Gestalten und 
Szenen, oft von sehr kompliziertem Charakter, auslöst. Auch hierfür wurden 
einige typische Beispiele mitgeteilt, so aus Heines „Florentinischen Nächten“, 
worin der Dichter seine durch Paganinis Geigenspiel hervorgerufenen Musik¬ 
phantome schildert, aus Otto Ludwigs „Shakespeare-Studien“, aus Grillparzers 
und Ganghofers Selbstbiographien und insbesondere aus Chr. Ruths’ Buch: „Ex¬ 
perimental-Untersuchungen über Musikphantome“ (Darmstadt 1898), das neben 
sehr wertvollen Beobachtungen freilich auch viel Phantastisches enthält. Manche 
Selbstbekenntnisse grosser Dichter, so vor allem die Mitteilungen Otto Ludwigs 
und Grillparzers, auch Alflens, Heinrich v. Kleists usw. zeigen uns, dass auch 
das inspiratorische Schaffen des Dichters durch Musik bzw. durch die damit 
verbundenen Musikphantome in erstaunlich mächtiger Weise angeregt werden 
kann. In der nächsten Publikation der Psych. Gesellschaft wird meine Arbeit 
über „Das Wesen der Inspiration“ diesen Zusammenhang näher erläutern. 

An der Diskussion nahmen teil die Herren: Baerwald und Moser. 
Der Vortragende hatte das Schlusswort. 

Donnerstag, den 30. November 1911. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Hohenemser spricht über „Komik und Humor in der 
Musik“ (mit Demonstrationen). 

Haben Komik und Humor, wie in den übrigen Künsten, so auch in der 
Musik eine Stelle, und wenn dies der Fall ist, wie kommen sie hier zustande? 
Diese Fragen sind bisher noch nicht befriedigend beantwortet; die erste der¬ 
selben wurde gelegentlich sogar geradezu verneint. Will man zu gesicherten 
Resultaten gelangen, so muss man zunächst die psychologischen Grundlagen der 
Komik und des Humors im allgemeinen kennen lernen und dann untersuchen, 
ob und unter welchen Umständen in der Musik analoge Bedingungen und daher 
analoge Wirkungen gegeben sein können. 

Hinsichtlich der allgemeinen Theorie der Komik und des Humors schliesst 
sich der Vortragende an Th. Lipps’ „Komik und Humor“, Leipzig und Ham¬ 
burg 1903, an: Da der Humor ein Spezialfall der Komik ist, muss diese zu¬ 
nächst für sich betrachtet werden. Sie ist immer da vorhanden, wo an Stelle 
eines Erwarteten etwas anderes tritt, das irgendwie kleiner ist, weniger Ge- 


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wioht hat als jenes. Da während der Erwartung mehr psychische Kraft bereit¬ 
gestellt, auf einen Punkt konzentriert ist als zur Erfassung des eintretenden 
Kleineren erforderlich wäre, so kommt diesem ein Ueberschuss an psychischer 
Kraft zugute, den es sich unter anderen Umständen nicht aneignen könnte, 
d. h. es wird mit besonderer Leichtigkeit erfasst und in den Zusammenhang 
des Seelenlebens eingeordnet, daher das Lustgefühl, das mit aller Komik ver¬ 
bunden ist. Da aber nicht das Erwartete, sondern etwas anderes eintritt, muss 
dieses auoh auf seelischen Widerstand stossen, daher das Unlustgefühl, die Ent¬ 
täuschung, das Hineinfallen, ohne welche es keine Komik gibt. Je nach der 
Stärke des Lust- und des Unlustgefühls hat die Komik verschiedene Färbungen, 
vom harmlos Komischen bis zur bittersten Selbstverspottung. 

Es ist nun der Musik sehr wohl möglich, an Stelle eines Erwarteten etwas 
Kleineres treten zu lassen, also komisch zu wirken. Gepresste Klänge, wie die 
des Fagotts, wirken komisch, weil sie den Anspruch erheben, volle Töne zu sein 
und es doch nicht sind. Will man das musikalische Kunstwerk selbst unter¬ 
suchen, so muss man von der Instrumentalmusik ausgehen, weil sich, sobald die 
Musik mit anderen Künsten in Verbindung tritt, nicht ohne weiteres entscheiden 
lässt, ob die etwa vorhandene Komik von diesen oder von der Musik oder von 
beidem ausgeht. Es wurde an Beispielen gezeigt, wie die Musik einerseits wirk¬ 
liche Erwartung erregen, spannen und diese Spannung dann in ein relatives 
Nichts auflösen kann, und wie sie andererseits mit Hilfe verschiedener Kunst¬ 
mittel vermag, einzelne Elemente des Werkes vorübergehend wichtiger erscheinen 
zu lassen, als sie dem ganzen Zusammenhang nach tatsächlich sind. Dabei ist 
aber daran festzuhalten, dass im Kunstwerk auch das Kleinere, das an Stelle 
des Erwarteten tritt, wertvoll sein muss, weil sonst blosse Enttäuschung und 
damit ein Herausfallen aus der ästhetischen Betrachtung eintreten würde, wäh¬ 
rend in der ausserkünstlerischen Komik das Kleinere an sich wertlos sein kann. 

Humor ist vorhanden, wenn wir veranlasst werden, uns von dem einge¬ 
tretenen Kleineren innerlich ab- und dem, was unsere Erwartung des Grösseren 
erregte, wieder zuzuwenden, und wenn uns dieses nun, da es zuvor in gewisser 
Weise vernichtet worden war, um so wertvoller erscheint. Die Musik erreicht 
humoristische Wirkungen in der Hegel dadurch, dass auf einen schwerwiegen¬ 
den Teil oder Satz ein leicht gehaltener folgt, den wir nicht erwartet hatten, 
und der uns gerade deshalb zur Rückschau auf jenen und damit zur Erfassung 
von dessen voller Bedeutung veranlasst. 

Tritt die Musik mit aussermusikalischen Faktoren in Verbindung, so hat 
sie in der Nachahmung ein weites Feld zur Erzeugung komischer Wirkungen; 
denn ganz allgemein wirkt sowohl der Nachahmende als auch das Nachgeahmte 
komisch, da wir von beiden erwarten, sie in ihrem eigentlichen Wesen wahrzu¬ 
nehmen, während sie doch etwas von diesem verlieren. Aber gerade soweit die 
Musik bei der Nachahmung aufhört, Musik zu sein, fällt sie damit aus der 
Sphäre der Kunst heraus; ihre Komik ist dann nicht mehr objektiv, sondern 
subjektiv, d. h. wir empfinden sie als einen Witz des Komponisten, nicht mehr 
als Lebensäusserung des Tonwerks. 

Speziell der Gesang hat verschiedene Möglichkeiten zur Erzeugung des 
Komischen und Humoristischen: 1. Die Musik gibt nur eine allgemeine Grund- 


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Stimmung, die Komik oder der Humor selbst liegt in Text und Handlung, so 
in den meisten komischen Opern. 2. Die Musik schliesst sich der einen Seite 
des im Text gegebenen Komischen oder Humoristischen an, entweder dem 
Grösseren, das die Erwartung erregt, oder dem Kleineren, welches tatsächlich 
eintritt. 3. Verunstaltungen und damit Verkleinerungen von Text, beziehungs¬ 
weise Geberden, oder Musik oder von beidem. 4. Nachahmung, sowohl im Ge¬ 
sang als auch in der Begleitung. 6. Der rein musikalische Weg, wie er oben 
gezeigt wurde. Auch die Wirkung dieser Möglichkeiten wurde zum Teil an 
Beispielen vorgeführt. 

In der Diskussion sprach Herr Baerwald. Der Vortragende hatte das 
Schlusswort. 

Donnerstag, den 14. Dezember 1911. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

a) Herr Hechtsanwalt Dr. Löwenstein spricht über „Sittlichkeitsver- 
breohen naoh geltendem und künftigem Becht. u 

Der Vorentwurf zu einem neuen deutschen Strafgesetzbuch, den die vom 
Heichsjustizamt einberufene Kommission im Jahre 1909 vollendet hat, wird die 
Grundlage des künftigen deutschen Strafrechts bilden. Es weht wie frische 
Morgenluft durch zahlreiche Bestimmungen dieses Entwurfes, aber leider nicht 
in dem Kapitel, das von den Verbrechen und Vergehen gegen die Sittlichkeit 
handelt. Die Fülle unseliger Erfahrungen, die aus der Anwendung des gelten¬ 
den Hechts sich ergab, die Lehren der medizinischen und juristischen Wissen¬ 
schaft sind bo gut wie unbeachtet geblieben. Es wird nicht einmal versucht, 
dem Begriff des Unzüchtigen, dessen kautschukartige Natur fortgesetzt zu wider¬ 
sprechenden und teilweise kulturfeindlichen Urteilen geführt hat, einen fest be¬ 
grenzten Inhalt zu geben. „Die Verletzung des im Volke herrschenden nor¬ 
malen Empfindens für Scham und Sittlichkeit auf geschlechtlichem Gebiete“, wie 
das Heichsgericht den Begriff des Unzüchtigen definiert, ist ein zu unsicherer 
und schwankender Boden, als dass sich auf ihm eine gesunde und zuverlässige 
Hechtsanwendung entwickeln könnte. Hedner geht sodann auf die einzelnen 
Sittlichkeitsverbrechen über, die er psychologisch in zwei grosse Kate¬ 
gorien einteilt. Zu der ersten Klasse gehören diejenigen Verbrechen, bei denen 
der Täter Befriedigung eigener Sinnenlust erstrebt, u. a. der Ehebruch, die Not¬ 
zucht, die Schändung und die Verführung, sowie das Vergehen des § 175 des 
8t.-G.-B., während bei der zweiten Klasse der Sittlichkeitsverbrechen der Täter 
in rechtswidriger Weise fremde Unsittliohkeit fördert oder fremdes Schamgefühl 
verletzt. Hierher gehören u. a. die Kuppelei, die Zuhälterei, die Verbreitung 
unzüchtiger Schriften und Darstellungen sowie die Anpreisung unzüchtiger 
Gegenstände. 

An der Spitze der ersten Verbrecherklasse behandelt das geltende Hecht 
den Ehebruch. Während in der Wissenschaft von namhaften Schriftstellern, 
u. a. vom Professor Mittermeyer und Staatsanwalt Wulffen, mit über¬ 
zeugenden Gründen die Beseitigung dieses Delikts gefordert worden ist, will 
das künftige Hecht den Tatbestand nicht nur beibehalten, sondern die Straf¬ 
barkeit noch wesentlich erhöhen. Die Bestrafung des Ehebruchs ist abhängig 


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Sitzungsberichte. 


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von einem Strafantrage des anderen Ehegatten, und dieser kann erst nach rechts¬ 
kräftiger Scheidung der Ehe wegen des Ehebruchs gestellt werden. Eine Straf¬ 
androhung, die nur unter so schwierigen und seltenen Voraussetzungen zur An¬ 
wendung gelangen darf, muss ihren Hauptzweck, der Straftat vorzubeugen, 
verfehlen. Dass in Abweichung vom geltenden Hecht das künftige Hecht es dem 
beleidigten Ehegatten gestatten will, den bereits gestellten Strafantrag wieder 
zurückzuziehen, hält Vortragender für einen Fehler. Es würde dazu führen, 
dass künftig in den meisten Fällen der Strafantrag gestellt werde, um durch 
spatere Zurücknahme Konzessionen bei Hegelung der anderen vermögensrecht¬ 
lichen und familiären Streitigkeiten zu erreichen. Hedner bemängelt ferner, dass 
bei der Strafandrohung wegen Doppelehe der Vorentwurf den praktischen 
Erfahrungen nicht Hechnung getragen hat, wonach dieses Verbrechen fast immer 
von harmlosen Leuten der unteren Volksschichten begangen wird, die ohne 
sonstige verbrecherische Neigung zur Doppelehe schreiten, weil ihnen über den 
Verbleib des ersten Gatten, der sie verlassen, oder von dem sie sich trennten, 
nichts Näheres bekannt geworden ist. Es besteht kein Grund, als Normalstrafe 
wegen dieser Tat Zuchthaus bis zu 5 Jahren anzudrohen. 

Bezüglich des Tatbestandes und der Bestrafung der Notzucht stehen 
das geltende und künftige Hecht im wesentlichen auf dem gleichen Standpunkt. 
Vortragender halt eine grundlegende Heform des die Unzucht mit Kindern 
behandelnden Strafgesetzes für dringend erforderlich. Es erscheint sinnlos, den 
Strafschutz auf Kinder auszudehnen, die bereits sittlich vollkommen entartet 
sind und, wie dies in Grossstädten nicht selten vorkommt, als Sittendirnen 
Männer zur Vornahme unzüchtiger Handlungen verleiten. Vortragender er¬ 
läuterte dies an der Hand von Beispielen. Solchen Fällen glaubt Hedner da¬ 
durch Vorbeugen zu können, dass nur die unzüchtigen Handlungen mit Kindern 
künftig als Sittlichkeitsverbrechen bestraft werden, die geeignet Bind, das Kind 
in körperlicher oder sittlicher Beziehung zu gefährden. — Die Blutschande 
hält Hedner mit anderen Schriftstellern für ein Verbrechen, dessen Bestrafung 
lediglich auf religiöse Vorstellungen zurückzuführen ist, ohne dass hier ein straf¬ 
rechtliches Einschreiten geboten ist. Dies gilt ganz besonders von dem Ver¬ 
kehr zwischen Personen, deren nahe Beziehungen lediglich auf dem Verwand- 
schaft8verhältnis des einen Teils zu dem Ehegatten des anderen beruhen, wäh¬ 
rend sie untereinander überhaupt nicht blutsverwandt sind. 

Auch die Bestimmungen über Unzuchtsverbrechen, die gegenüber 
Untergebenen begangen werden, erscheinen sehr reformbedürftig, Der Ent¬ 
wurf hat die vielfach aufgestellte Forderung der Bestrafung der Unzucht unter 
Missbrauch jeglichen AutoritätsVerhältnisses abgelehnt und lediglich in Ueber- 
einstimmung mit dem geltenden Hecht verschiedene Personenklassen aufgeführt, 
zwischen denen die Vornahme unzüchtiger Handlungen mit Hücksicht auf ein 
bestehendes Abhängigkeitsverhältnis schlechthin als Sittlichkeitsverbrechen sich 
kennzeichnet. Das führt zu grossen Unzuträglichkeiten und Ungerechtigkeiten. 
Es ist auch zu berücksichtigen, dass in allen vom Gesetz erwähnten Fällen sehr 
oft die Anregung zur Vornahme der unzüchtigen Handlung nicht von der Autori¬ 
tätsperson sondern von dem anderen Teil ausgeht. Es muss daher gefordert 


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Sitzungsberichte. 


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werden, dass im künftigen Recht die Strafbarkeit nur dann eintritt, wenn die 
Handlung „unter Missbrauch des Autoritätsverhältnisses“ begangen wird« 

Zum Schluss erörtert Redner dann nooh den Tatbestand der Verführung 
eines unbescholtenen Mädchens« Das geltende und künftige Recht halten 
an der Altersgrenze von 16 Jahren fest, beschränken den Tatbestand auf die 
Verführung von Personen weiblichen Geschlechts und halten als Voraussetzung 
der Strafbarkeit an dem Begriff der „Unbescholtenheit“ fest. Redner möchte 
hier den Strafschutz auch auf Knaben unter 16 Jahren ausdehnen, die sehr 
oft der Verführung sittlich verdorbener erwachsener Hausgenossinnen unterliegen« 
An Stelle der „Unbescholtenheit“ als Voraussetzung der Strafbarkeit verlangt 
er dagegen, dass nur die Verführung zum ersten intimen Verkehr bestraft 
wird; denn gerade dieser erste Verkehr ist es, vor dem das Strafgesetz die 
Jugend schützen muss. 

b) Herr Dr. Rfickle spricht über „Psychologisches über die ausser- 
gewöhnlichen Leistungen der Rechenkunst“ (mit Demonstrationen). 

Unter Rechenkunst soll in der folgenden Betrachtung verstanden werden 
„die Fähigkeit eines Rechners, mit mehrstelligen Zahlen schnell und sicher 
mathematisch zu operieren, insbesondere die Ausführung der elementaren Ope¬ 
rationen ohne Niederschreiben der Zahlen.“ Grosse Fähigkeiten im Kopfrechnen 
sind ständig von ungewöhnlicher Leistungsfähigkeit des Zahlengedächtnisses be¬ 
gleitet gewesen« 

Man ist deswegen geneigt, in allen Fällen, wo sich ein Rechenkünstler 
produziert, aus gedächtnismässig von ihm vorgetragenen Aufgaben auf eine 
wirkliche Rechenfähigkeit zu schliessen. 

In den Fällen, wo es sich um die Reproduktion von angelernten Zahlen¬ 
werten handelt, ist natürlich von Rechenkunst keine Rede« An einer Reihe 
von instruktiven Beispielen wird erklärt, in welcher Weise eine mnemotechnische 
Beherrschung des Zahlenmaterials erreicht werden kann, die das Wurzelziehen 
an mehrstelligen Zahlen ohne wesentliche Gedächtnisleistung gestattet. 

Beim Potenzieren mehrstelliger Zahlen herrscht dagegen eine Mannig¬ 
faltigkeit im Zahlbereioh, die mit Mnemotechnik nicht bewältigt werden kann; 
hier fängt die eigentliche Reohentätigkeit an, der ein ungleich weiteres Feld ge¬ 
boten wird im Moment, wo wir zur Multiplikation mit beliebigen Zahlen tiber¬ 
gehen. Dabei zeigen die ersten Versuche, dass die unerlässliche Vorbedingung 
zur Lösung solcher Aufgaben im Kopfe ein leistungsfähiges Zahlengedächtnis ist 

Zur Frage: Wie entwickelt man das Zahlengedächtnis? berichtet der Vor¬ 
tragende über seine eigenen Erfahrungen. Zahlen hatten für ihn von Jugend 
auf Interesse, das sich intensiv entwickelte, als ein für Zahlenrechnen begei¬ 
sterter Mathematiklehrer die 11—12jährigen Schüler die Zahlen 1 bis 500 in 
Primfaktoren zerlegen liess« Die Primzahlen gewannen für ihn besonderes In¬ 
teresse, er wusste sie bald bis zur Grenze 1000, aber auch die Zerlegungen der 
anderen (zerlegbaren) Zahlen wurden ihm bekannt. Auf diese Weise hat für 
das Zahlenlernen damals der Dreierkomplex seine feste Bedeutung gewonnen. 

Man wird aus diesen Angaben erkennen, welche grundlegende Tatsache 
die Komplexbildung gerade beim Zahlenlernen bildet, dass sie hier weit aus¬ 
geprägter sein muss, als beim Lernen sinnloser Silben. Aus mehreren Ziffern 


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entsteht nach einer mathematischen Definition eine mehrstellige Zahl, die ihrer 
besonderen Eigenschaften wegen (Primfaktoren nsw.) weit individueller wirkt 
als die einzelne Ziffer, die ihrer gesetzlosen häufigen Wiederholung wegen in 
einer längeren Reihe keine prägnante Rolle spielt. 

Mit der Komplexbildung wird für den Lerner demnach zweierlei erzielt: 
1. Die Anzahl der gedanklich nicht verknüpften Einzelelemente wird durch die 
Komplexzahl dividiert, sagen wir, 72 Ziffern geben 24 Dreierkomplexe. 2. Das 
so entstehende Oberelement, der Komplex, ist durch bestimmte Eigenschaften 
ausgezeichnet, die ihn einerseits individualisieren, die andererseits die Möglich¬ 
keit von Kombinationen mit Nachbarkomplexen zulassen. 

Dass die Kenntnis der mathematischen Eigenschaften der Zahlen, die dar¬ 
auf fassende Arbeit mit Komplexen weittragender sein muss als mnemotech¬ 
nisches Lernen, das mit fremden Hilfsmitteln operiert, ohne in das Wesen der 
Zahl einzudringen, ist wohl allgemein begreiflich. 

Zwischen Rechenkunst und Gedächtniskunst im Gebiete der Zahl besteht 


ein gegenseitiges Förderungsverhältnis: In dem Masse, in dem wir unser Ge¬ 
dächtnis ausbilden, steigt unsere Fähigkeit zum Rechnen; umgekehrt: in dem 
Masse wie das auf Kenntnis der Zahleneigenschaften beruhende Rechnen uns 
diese näherbringt, entwickelt sioh unsere Auffassung für die charakteristischen 
Komplexe, durch die jede Ausnahmeleistung bedingt ist. Es gibt kaum eine 
Beschäftigung mit Zahlen, die uns diese so nahe bringt als die Zerlegung in 
Primfaktoren. An der Spitze aller Zahlenwissenschaft steht der Satz von der 
Eindeutigkeit ihrer Zerlegung in Primfaktoren. Vortragender gibt hierzu 
ein Verfahren an, das eine Anweisung bietet, wie Zahlen auf ihre Teilbar¬ 
keit durch gewisse Primzahlen zu untersuchen sind und weist an einigen 
Beispielen nach, wie man Produkte grösserer Zahlen durch die Kenntnis 
ihrer Faktorengleichungen wesentlich vereinfachen kann. Wichtig ist vor 
allem die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses, in zweiter Linie, in den Fällen, 
wo es auf schnelle Arbeit ankommt, das Erkennen des besten Weges. 

Unter den Gedächtnisversuchen kommt den von den Psychologen seit 
langem verwendeten Karröversuchen eine besondere Bedeutung bei, indem sie 
wichtige Aufschlüsse über die Mechanik der Auffassung geben, daneben, was 
für viele Arten von Berechnungen wichtig ist, das Arbeiten mit räumlich ver¬ 
änderter Anordnung der Ziffern ausbilden. 

Zum Schluss wird noch die Abhängigkeit der Lernzeit bei langen 
Ziffernreihen von der Anzahl der Ziffern besprochen. Es hat sich bei einer 
Reihe von Versuchen, bei Reihen von 100 und 200 Ziffern herausgestellt, dass 
die Lernzeit fast genau mit dem Quadrat der Zifferanzahl proportional wird. 
Denken wir uns N Ziffern oder n Komplexe, dann ist der Lernvorgang folgen¬ 
der: Man lernt den Komplex I, man geht zum Komplex II über, überblickt 
den Ki dann aber noeh einmal usw. Zum Schluss hat man gelernt: Ki 4 

(Kn + Ki) 4 (Km -f Kn 4’ Ki) 4".= 1K 4“ 2 R 4* 3 K 

n 4 1 n fn 4 1) 

4- • • • 4* n • K: = n • —-— • K == ---- • t, wo t die durchschnitt- 

*d 2 

liehe Lernzeit für einen Komplex ist. Wie man sieht, ist das quadratische Ge¬ 
setz bestätigt. 


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Mit wachsender Ziffernzahl, von einer individuellen Grenze ab, nimmt 
die Lernzeit weit rascher zu, was durch das Auftreten von Interferenzen in der 
Auffassung der einzelnen Komplexe zu erklären ist. Es sind dann, selbst 
wenn mit dem Sechserkomplex gelernt wird, zuviel Einzeldinge aufzufassen, die 
Lokalisation wird schwierig, die verwendeten Kombinationen stören sich durch 
Aehnlichkeit, die Charakterisierung der Komplexe verliert an Schärfe. 

Der Vortragende ist der Ansicht, dass die Bechenfahigkeit durch ge¬ 
wolltes Auswendiglernen von Zahlenwerten auf einem dem Wesen der Zahl 
fremden Wege herabgemindert wird, während der durch die TTebung von selbst 
sich bildende Fonds von Kenntnissen wertvoll ist. 

Donnerstag, den 18. Januar 1912. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Marx spricht: „Ueber den Strafvollzug in den 
Vereinigten Staaten von Amerika (mit Lichtbildern), ein Bei¬ 
trag zur Psychologie des Amerikanismus.“ 

Durch die Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika erklärt sich 
vieles, was man dort beobachtet. Nicht nur die Art, sondern auch das Tempo 
der Fortentwicklung muss dort ein anderes sein als in der alten Welt. Die 
Einrichtung des amerikanischen Strafvollzuges ist in jeder Hinsicht ein treuer 
Spiegel der amerikanischen Kultur. In dieser Beziehung ist der Amerikaner ein 
grosses Kind. Mit übertriebenem Eifer wendet er sich schnell dem Neuen zu 
und wirft das Alte fort. Der Schwerpunkt des Strafvollzuges ist in Amerika 
einzig und allein das Bestreben, den Bechtsbrecher zu bessern, während wir uns 
in Europa noch mit allerlei Theorien herumstreiten. Daher zeigen amerikanische 
Strafanstalten besonders viel von pädagogischen Einrichtungen. Dabei ist man 
aber nicht sentimental. So gern man auch milde ist, der rückfällige Verbrecher 
fühlt die ganze Härte des Strafgesetzes. 

Donnerstag, den 1. Februar 1912. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Prof. Dr. Vierkandt spricht über den „Zusammenhang des 
Bewusstseins und seine soziologische Bedeutung. 1 * 

Der Vortrag wendet sich gegen die populäre Vorstellung von der Allmacht 
des Zufalls im Seelenleben und in der geschichtlichen Welt. Dieser liegt eine 
isolierte und atomistische Auffassung der psychologischen Vorgänge zugrunde. Sie 
muss mindestens in vielen Fällen ersetzt werden durch die Theorie vom Zu¬ 
sammenhang des Seelenlebens. Von diesem Zusammenhang wurden drei 
Typen kurz beleuohtet: 1. Die Summationswirkungen. Sie zeigen sich zunächst 
bei allen Vorgängen der Uebung. Sie liegen auch der bekannten Macht der 
Wiederholung bei der Aufstellung von Behauptungen zugrunde; entscheidend ist 
bei ihr die allmähliche Verschiebung des Gefühlstons von dem des Fremdartigen 
zu dem des völlig Vertrauten. 2. Der Zusammenhang der Systeme. Ueber- 
zeugungen, die sich auf in sich zusammenhängende Erscheinungen beziehen, 
schliessen sich im Bewusstsein zu Systemen zusammen, die wenigstens zum Teil 
einen induktiven Ursprung haben. Alle weiteren einzelnen Urteile über dieselben 


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Sitzungsberichte. 


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Gegenstände werden dann von diesem System ans orientiert. Je nach der Art 
dieser in jedem Individuum in der mannigfaltigsten Weise entwickelten Systeme, 
muss die Beurteilung desselben Objektes ganz verschieden ausfallen. Erläutert 
wurde diese Verschiedenheit an den bekannten Erscheinungen des Hexenglaubens 
des Mittelalters: die vielfache, populäre Auffassung dieser Vorgänge als mehr 
oder weniger pathologischer Erscheinungen beruht auf einer Verkennung der 
herrschenden, die Weltanschauung bestimmenden TJeberzeugungssysteme, in deren 
Zusammenhang sie auftreten. 3. Die sog. Fehlleistungen, wie das Ver¬ 
lesen, Versprechen, das Vergessen, Verlegen usw. Für ihren vielfachen Zu¬ 
sammenhang mit der ganzen Persönlichkeit wurden einige Beispiele angeführt. 
Die soziologische Bedeutung dieses Typus von Vorgängen kann darin bestehen, 
dass sie die Anpassung an veränderte Verhältnisse erleichtern. Wo z. B. für 
eine Sitte infolge der Veränderungen der anderweitigen Verhältnisse Wandlungen 
erforderlich sind, da wird durch ein unbewusstes Vergessen oder Modifizieren 
der Widerstand vermieden, auf den eine bewusste Verletzung der TJeberliefe- 
rungen in der Hegel stöest. Mit Sicherheit ist eine derartige innere Anpassung, 
eine korrelative Aenderung z. B. bei dem gegenwärtigen Eindringen der städti¬ 
schen Kultur in das Bauerntum anzunehmen: direkt von aussen werden vorzüg¬ 
lich die wirtschaftlichen Verhältnisse und gewisse äussere Lebensformen beeinflusst; 
der ganze Wandel der inneren Denkweise und Lebensauffassung aber lässt sich zum 
grossen Teil nur durch die Annahme erklären, dass der Wandel eines Teiles 
der Kultur vermöge des allgemeinen Zusammenhanges des Bewusstseins andere 
Veränderungen zur Folge hat. Ebenso ist die Uebereinstimmung der Kultur 
in den grossen Zügen in relativ isolierten Gebieten, wie z. B. den verschiedenen 
Dörfern im Bereich einer alten Bauernkultur, zu erklären: in den grossen Zügen 
ist hier durch die Einflüsse des Staates und der Kirche die Kultur festgelegt; 
die lokalen Variationen, die im einzelnen überall auftreten, finden an ihnen ver¬ 
möge desselben Zusammenhanges des Bewusstseins ihre Schranken. 

Ebenso wichtig wie der Zusammenhang der Persönlichkeit ist in soziolo¬ 
gischer Hinsicht der Zusammenhang des Seelenlebens mit der 
äusseren Umgebung. Er wurde erläutert an der Tatsache, dass Volks¬ 
erzählungen vielfach nicht freie Erfindungen sind, sondern auf reale Anlässe 
zurückgehen. 

Endlich kommt für die Soziologie auch der „Zusammenhang der Ver¬ 
wandten* 1 zur Geltung in Gestalt der Tatsache, dass zur Annahme von Neuerungen 
im allgemeinen eine gewisse Vertrautheit, die Existenz einer gewissen Besonanz 
erforderlich ist. Dieser Punkt wurde besonders an einigen sprachgeschichtlichen 
Problemen erörtert. Gerade in der Sprachgeschichte ist die Neigung noch 
stark entwickelt, das Aufkommen von Neuerungen, ebenso wie das Schwinden 
von Wörtern auf den blossen Zufall zurückzuführen, während sich in einer Beihe 
von Fällen feststellen lässt, dass sowohl das Auftauchen eines neuen Wortes bei 
dem Einzelnen wie seine Rezeption durch die Gruppe an eine lange Vorgeschichte 
und eine hinreichend entwickelte Resonanz gebunden ist. 

In der Diskussion sprach Herr Baerwald. Der Vortragende hatte das 
Schlusswort. 


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Sitzungsberichte. 


Donnerstag, den 15. Februar 1912. 

Vorsitsender: Herr Baerwald; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Levy-Suhl spricht über: „Die Prüfung der sittlichen 
Reife jugendlicher Angeklagter ?om psychologischen and ge¬ 
richtsärztlichen Standpunkt.“ 

Ausgehend von den allgemeinen Beziehungen zwischen Strafrecht, Psycho¬ 
logie und Psychiatrie, legt der Vortragende zunächst die Stellung dieser Wissen¬ 
schaften zu dem viel diskutierten Jugendparagraphen des St. O. B., dem § 56, 
dar. In ihm soll bekanntlich nach geltendem Gesetz lediglich das Fehlen der 
intellektuellen Reife als Freisprechungsgrund in Frage gezogen werden. 
Die Berücksichtigung der sittlichen Reife jugendlicher Verbrecher wurde 
dagegen von dem damaligen Gesetzgeber als unnötig und in der Auslegung einer 
späteren Reichsgerichtsentscheidung als unzulässig erachtet. Im Gegensatz hierzu 
sind die Führer der Jugendgerichtsbewegung in Ueberemstimmung mit ärztlichen 
und pädagogischen Faohleuten heute fast allgemein dafür eingetreten, dass bei 
der Verantwortlichkeit der Jugendlichen auch die ethische Entwicklung in Rück¬ 
sicht zu ziehen sei. Die tieferen Gründe und Gegengründe dieser verschiedenen 
Standpunkte versuchte der Vortragende aufzuzeigen; er erörterte im Anschluss 
daran die Stellungnahme des Vorentwurfs zum künftigen Strafgesetzbuch in dieser 
Frage sowie die abweichenden neuesten Beschlüsse der jetzt tagenden Straf- 
rechtskommission. Es ergibt sich dabei die Notwendigkeit vom psychologischen 
wie gerichtsärztlichen Gesichtspunkt für das bisher zu wenig beachtete Gebiet 
der systematischen Untersuchung von sittlichen Fähigkeiten und sittlicher Bildung 
neues Beobachtungsmaterial und neue Methoden herbeizuschaffen. Einen Beitrag 
hierzu wollte der Vortragende mit dem zweiten Teile seiner Arbeit geben. Zu¬ 
nächst erörtert er in diesem zweiten Teil die prinzipiellen Schwierigkeiten, 
die einer jeden ethisch-psychologischen Untersuchung anhaften müssen und ihre 
Ergebnisse stets auf eine relative Gültigkeit beschränken. Nach einem kurzen 
Ueberblick über bisherige Prüfungsversuche im Ethischen erläutert er an zwei 
Beispielen sein eigenes Verfahren, das freilich speziell auf jugendliche Angeklagte 
zugeschnitten ist. Das Examen, welches an 120 meist des Diebstahls Beschul¬ 
digten vorgenommen war, zielte letzthin darauf ab, festzustellen, welche Gründe, 
Erwägungen, Vorstellungen die Jugendlichen bei intensivster Befragung gegen 
einen ihnen zugemuteten Diebstahl geltend zu machen vermöchten. 

In erster Linie mussten zu dem Resultate mit Rücksicht auf die Frage 
der strafrechtlichen Verantwortlichkeit die sozialethischen Gründe interes¬ 
sieren. Ihre Häufigkeit und relative Verteilung nach Altersklassen wurde 
kurvenmässig zur Darstellung gebracht; ebenso die Fälle eines „reinen Egoismus u . 
Eine besondere Betrachtung wurde dem Vorkommen religiöser Motive gewidmet, 
und dieser Teil der Untersuchung ergänzt durch die Frage nach dem Urheber 
des Diebetahlsverbots. Auch hierbei wurde durch eine statistische Zeichnung 
der Einfluss des Alters allgemein und besonders der der Konfirmationszeit zur 
Anschauung gebracht. Praktische Schlussfolgerungen aus diesen Studien zu 
ziehen enthielt sich der Vortragende absichtlich, da er zunächst einen ergänzenden 


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Sitzungsberichte. — Referat 


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Ausbau seiner Versuche durch weitere ähnliche Forschungen — sowohl an 
kriminellen wie an nicht kriminellen Jugendlichen — wünschte. 

(Autoreferat.) 

Die Herren Hammer und Fritz Leppmann beteiligten sich an der 
Diskussion. 

Donnerstag, den 7. März 1912. 

Ordentliche Generalversammlung. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Wöstmann. 

Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht des 1. Schriftführers. 2. Provi¬ 
sorischer Kassenbericht. Zu Kassenrevisoren wurden zwei Mitglieder der Ge¬ 
sellschaft ernannt. 3. Verschiedenes. 4. Vorstandsneuwahl. Es wurden gewählt 
zum 1. Vorsitzenden: Sanitätsrat Dr. Moll; 2. Vorsitzenden: Dr. Baerwald; 
1. Schriftführer: Rechtsanwalt Westmann; 2. Schriftführer: Dr. Neumann; 
1. Bibliothekar: Dr. Levy-Suhl; 2. Bibliothekar: Dr. Müller-Freienfels; 
Kassenwart: Dr. Hennig. 

Donnerstag, den 14. März 1912. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer Herr Wöstmann. 

Herr Professor Max Dessoir spricht über: „Versuche zur Aussage¬ 
psychologie“. Er zeigt, wie unzuverlässig viele unserer Wahrnehmungen 
und Erinnerungen sind und wie wenig genau wir auch bei alltäglichen Dingen 
beobachten. Er wies dies durch Versuche, die er an diesem Abend machte, 
nach. Als Versuchspersonen dienten die Zuhörer. Die Versuche waren doppelter 
Art. Die einen bezogen sich auf etwas, worauf die Anwesenden nicht vor¬ 
bereitet waren, die anderen, auf einen Vorgang, auf den sie vorbereitet wurden. 
Was den ersten Versuch betrifft, so bat der Vortragende die Anwesenden, ge¬ 
wisse Fragen zu beantworten, die sich auf den Vorraum zum Sitzungszimmer 
bezogen: Form der Decke, Zahl der Bilder, der Bänke, der Türen, der Büsten 
ubw. Aus den kurzen Mitteilungen ergab sich schon, dass selbst Leute, die 
überaus häufig durch diesen Vorraum gegangen waren, selbst über die Gestalt 
der Decke, ob bogenförmig oder eben, nicht im klaren waren, ebensowenig 
über Türen usw. Auf den zweiten Versuch wurden die Anwesenden vor¬ 
bereitet, indem der Pförtner des Hauses dem Vortragenden ein Tablett mit 
Flasche und Glas hereinbrachte, Wasser eingoss usw. Auch hier zeigte sich 
die grosse Unzuverlässigkeit bei der Beschreibung dieses Vorganges. Selbst 
Einzelheiten, wie die, ob der Vortragende das Wasser selbst in die Hand ge¬ 
nommen hat, um einzugiessen oder nicht, wurden von einer überaus grossen 
Zahl falsch beantwortet. Einen ausführlichen Bericht über die Ergebnisse be¬ 
absichtigt der Vortragende später zu geben. 


Referat. 

Paul Diepgen. Traum und Traumdeutung als medizinisch-naturwissen¬ 
schaftliches Problem im Mittelalter. Berlin. J. Springer, 1912. 43 S. 
ln einer Zeitepoche, in der die Analyse der Träume und ihre diagnostisch- 
therapeutische Verwendung sich in der medizinischen Wissenschaft wieder Bürger¬ 
recht zu erkämpfen versucht und den Gegenstand ernsthafter Diskussionen bildet, 


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Referat. 


dürfte auch die kleine, auf sorgsamem Quellenstudium aufgebaute Schrift des 
medizinischen Geschichtsforschers ein höheres Interesse erwecken, als es sonst 
historisch-medizinischen Abhandlungen beschieden ist. Es bedarf kaum der 
Hervorhebung, dass die vom Verf. geschilderten, noch ganz unter der Autorität 
von Aristoteles stehenden, von den mystischen und theologischen Vorstellungen 
des Mittelalters durchsetzten Theorien in keinerlei innerer Beziehung zu den 
modernen, sei es auch noch so extremen wissenschaftlichen Auffassungen über 
das Traumleben stehen; diese Lehren zeigen vielmehr eine durchaus naive, der 
wissenschaftlichen Kritik ganz entbehrende dogmatische Form, wie sie für den 
spekulativen kirchlichen Geist des Mittelalters allgemein charakteristisch ist. 
Gleichwohl finden sich darin doch manche richtige Einzelbeobachtungen, 
besonders in den Werken von Albertus Magnus, der überhaupt noch am 
meisten das Bedürfnis empfindet, seine Angaben wissenschaftlich zu begründen. 
So gibt er für die bisweilen beobachtete Erfüllung mancher Krankheitsträume 
eine noch heute anzuerkennende natürliche Erklärung, indem er die Träume 
verursacht ansieht durch wirkliche Empfindungen der schon beginnenden Krank¬ 
heit, deren Symptome jedoch im Schlaf früher als im Wachzustand zur Wahr¬ 
nehmung kamen. „Viele Erregungen und Beize, die im Wachen auf uns ein- 
wirken, bleiben unbeachtet, weil die stärkeren Eindrücke im Getriebe des Tages 
sie verdrängen. Im Schlaf fallen diese Hemmungen fort, und es kommen auch 
die schwächeren Impressionen voll zur Geltung“ (S. 20). Ebenso weist er auf 
die Möglichkeit zufälliger Koinzidenz von Traum und wirklichem Ereignis hin, 
den „incursus accidentalis“. 

Bei den diagnostischen Ausdeutungen der Träume war natürlich der 
Phantasie des Arztes oder Traumdeuters der grösste Spielraum gelassen, und 
er wurde auch in diesem Masse beansprucht. Genau wie heute beruft man 
sich auch dort Bchon bisweilen zur Rechtfertigung auf die symbolische Form, 
in welcher die Traumbilder auftreten können, sub metaphora, wie Arnald 
von Villanova sagt. Während die moderne Traumanalyse aber ihren festen 
und einzigen Angelpunkt in den Beziehungen zum Sexualleben besitzt, finden 
wir gerade hiervon, dem Geist jener Zeit entsprechend, sehr wenig; dagegen 
werden die Traumerscheinungen in weitestem Masse mit dem Zustand und dem 
Mischungsverhältnis der Körper- oder Gehirnsäfte des betreffenden Menschen, 
dem Temperament und entsprechenden Säfteerkrankungen in Verbindung ge¬ 
bracht. Während heute der Traum von einer Schlange oder von engen Pas¬ 
sagen unweigerlich einer Deutung in sexueller Symbolik verfallen ist, sieht 
Arnald in der Schlange das Symbol eines heimtückischen Feindes und Bhazes 
in der engen Passage Anzeichen der Erkrankung der Atemwege, die die Re¬ 
spiration beeinträchtigen, Auslegungen, die als mindestens ebenso überzeugend 
angesehen werden können. Im übrigen hat nach D. der Traum für die medi¬ 
zinische Diagnose im Mittelalter nie eine allgemeine Bedeutung gefunden, und 
es waren vorwiegend arabische Einflüsse, die, abgesehen von den aristotelischen, 
darin zum Ausdruck kamen. Für damals aber galt genau wie heute noch das 
Wort des weisen Albertus Magnus, dass es bei der Traumdeutung „auf die 
Tüchtigkeit in Analogieschlüssen ankomme“ (S. 39). 

Levy-Suhl, Berlin-Wilmersdorf. 


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Psychologie und Alkoholproblem. 

Von Dr. Paul Schenk, Berlin. 

Bei der Behandlung des Alkoholproblems in der Gegenwart 
beansprucht die Psychologie und im besonderen die sogenannte ex¬ 
perimentelle Psychologie, ein gewichtiges und, wie es oft genug 
scheint, sogar das entscheidende Wort zu sprechen. Kraepelin, 
einer der ersten Teilnehmer an den Studien des von Wundt be¬ 
gründeten Instituts für experimentelle Psychologie in Leipzig, hat 
einen bedeutenden Teil seiner experimentell psychologischen Ar¬ 
beiten dem Alkoholismus gewidmet. Liest man die Schriften der 
für die allgemeine totale Alkoholabstinenz eintretenden Professoren 
und Dozenten, so erhalt man vielfach den Eindruck, als gäbe es, 
hauptsächlich dank den Forschungen Professor Kraepelins und 
seiner Schüler, überhaupt kein Alkoholproblem mehr, sondern nur 
eine auf naturwissenschaftlichen Grundsätzen fest und unangreifbar 
ruhende Wissenschaft vom Alkohol (Alkohologie). Das praktische 
Endergebnis dieser Wissenschaft vom Alkohol ist: Da der Alkohol 
ein namentlich für die Gehirnzellen äusserst verderbliches Gift ist, 
so muss er dem freien "Verkehr überhaupt in jeglicher Form ent¬ 
zogen und in die Apotheken verwiesen werden. 

Der Eingeweihte wird hier fragen, ob denn die aus den zahl¬ 
reichen psychologischen Experimenten gewonnenen Resultate so 
übereinstimmen, ob die aus ihnen gezogenen Schlüsse auf so sicheren 
Füssen stehen, dass man von hier aus sich an eine Lösung des 
Alkoholproblems in der Praxis heranwagen darf. Der Altmeister 
Wundt stellt die eigentliche und reine Psychologie in direkten Ge¬ 
gensatz zur Naturwissenschaft. Die Psychologie gewinnt nach 
Wundt immittelbare und anschauliche Erfahrungen, die Erkennt¬ 
nisweise der Naturwissenschaft ist nur eine mittelbare und abstrakt 
begriffliche 1 ). Psychophysik oder wie es jetzt lieber, weil übertrei¬ 
bender, genannt wird, Experimentalpsychologie, arbeitet nach der 
physikalischen, physiologischen, kurz naturwissenschaftlichen Ver¬ 
suchsmethode. Ihre Ergebnisse, weit entfernt, unmittelbare Gültig¬ 
keit zu beanspruchen, haben nur den Wert von Abstraktionen, 
welche durch Reflexion gewonnen wurden. Unter keinen Umstän¬ 
den dürfen die auf einem stets nur sehr begrenzten Versuchsfelde 


Bd. 



W. Wundt: Ueber die Definition der Psychologie. 
S. 11 f. 


Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 


Philosophische Stadien« 
9 


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Paal Schenk 


gewonnenen Resultate auf das gesamte Gebiet der menschlichen 
Psyche übertragen werden. W. Wundt sah sich bereits genötigt, 
diesem, wie es scheinen will, in der Experimentalpsychologie über* 
hand nehmenden Unfuge unzulässiger Verallgemeinerungen gegen¬ 
über Stellung zu nehmen. Im V. Bande der von ihm herausge¬ 
gebenen „Psychologischen Studien“ ruft er einen seiner eifrigsten 
Schüler gleichsam zur Ordnung. Professor Meumann in Halle hat 
1908 ein Buch „Intelligenz und Wille“ veröffentlicht. Dieses Buch 
kritisierend, macht Wundt auf zwei recht schwerwiegende Ver¬ 
fehlungen gegen psychologische Wahrheiten aufmerksam. Meu¬ 
mann hält sich für berechtigt, eine einfachste Gedächtnisübung, 
die ein anderer sich schämen würde, überhaupt als geistige Arbeit 
zu bezeichnen, nämlich das Einprägen sinnloser Silben, als mass¬ 
gebend hinzustellen für eine jegliche, auch für die unter den ver- 
wickeltsten Bedingungen sich vollziehende Geistesarbeit. Ferner 
zweitens ist Prof. Meumann der Ansicht, man brauche die „psycho¬ 
logische“ Tätigkeit, wie sie das Memorieren sinnloser Silben dar¬ 
stellt, vergleichsweise auch auf anderen Gebieten des psychischen 
Lebens nur bis in die Ewigkeit fortzusetzen, um einen entsprechen¬ 
den Zuwachs an geistiger Leistungsfähigkeit zu erzielen. 

Auf dem unter Kraepelins Ägide so fleissig experimentell 
bearbeiteten Felde der Alkoholpsychologie scheinen ähnliche Fehler, 
wie sie der Altmeister Wundt an Prof. Meumann tadelt, recht 
häufig begangen zu werden. Wie weit halten die hier ans Licht 
gebrachten Ergebnisse bei einer Prüfung auf ihre Folgerichtigkeit 
stand? 

Da steht zunächst gleich am Anfang der Alkoholpsychologie 
der Satz: „Mit dem ersten Schluck fängt der Rausch an“. Krae- 
pelin in seiner „Psychologie des Alkohols“ definiert 1 ): „Als Rausch 
ist nicht nur die nach aussen sichtbare, sondern jede überhaupt 
wirksame Beeinflussung des Seelenlebens durch den Alkohol anzu¬ 
sehen.“ 

Eng an diesen ersten Leitsatz schliesst sich ein zweiter: „Jeder 
Trinker ist psychologisch als ein Berauschter anzusehen.“ Als Trinker 
wird von Kraepelin jeder angesprochen, bei dem die Wirkung 
einer ersten Alkoholdosis sich noch nicht ganz verloren hat. Beide 
Leitsätze sind, wie im weiteren auszuführen bleibt, geboren aus einer 
unzulässigen Verallgemeinerung. In der Praxis der Vertreter der 
Forderung der allgemeinen Alkoholabstinenz des deutschen Volkes 
wird aus diesen beiden Sätzen der naheliegende Schluss gezogen: 


') Internat. Monatsschrift zur Erforsch, des Alkoh. 1911, Heft 9, S. 199. 


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Psychologie and Alkoholproblera. 


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Wer sich des Alkohols gänzlich enthält, ist unter allen Umständen 
leistungsfähiger und geistig kräftiger als der Alkohol Geniessende. 

„Der Alkohol ist genau wie Morphium oder seine Alkaloide oder 
gar wie Blausäure ein für die Nerven sehr gefährliches Gift.“ Wer 
als junger Streiter sich einreiht in die Scharen der Kämpfer wider 
den Alkohol, der lässt sich unbedenklich vereidigen auf dieses, wie 
es wohl scheinen mag, unanfechtbare und sieghafte Zeichen 1 ). In¬ 
dessen im Wandel der Zeiten ward aus dem unter allen Umständen 
höchst gefährlichen Nerven- und Protoplasma-Gift Alkohol ein „gif¬ 
tiges Nahrungsmittel.“ Kein geringerer als Professor Forel ist es, 
der jetzt diese Definition für den Alkohol vorschlägt*). Kraepelin“) 
dagegen meint, dass ein Opiumrausch in seinen Folgen nicht im ent¬ 
ferntesten die abschreckenden Züge trägt wie die Alkoholvergiftung. 
Opium bringt farbenreiche, bunte Träume, Alkohol steigert die 
psychomotorische Aktivität und zwar, so lehrt Kraepelin, nur die 
unüberlegte, unlogische, psychomotorische Aktivität. Die frühere, 
namentlich von von Bunge mit viel Energie und mit noch grös¬ 
serer Schärfe vertretene Lehre, dass der Alkohol alle Lebenserschei¬ 
nungen, namentlich aber die Ueberlegung und die Selbstbeherrschung 
und das Gefühl der Ermüdung und der langen Weile „lähmt“, findet, 
wie mir scheint, nur noch wenige Verteidiger. In bezug auf die 
narkotische Wirkung, welche dem Alkohol ausser seiner ernährenden 
unzweifelhaft zukommt, stehen ihm Aether und Chloroform nahe. 
Beide, Aether und Chloroform, werden zum Zweck der Narkose in 
reiner, imverdünnter Form eingeatmet. Der Alkohol wird dagegen 
und zwar meist in verdünnter Form durch den Mund dem Magen 
zugeführt. Die Absicht, eine reine narkotische Alkoholwirkung durch 
direkte Einführung des Alkohols ins Blut oder ins Gehirn zu er¬ 
reichen, liegt bei dem Genuss auch konzentrierter alkoholischer Ge¬ 
tränke, wenn überhaupt, höchst selten vor. Auch müssten ver¬ 
gleichsweise nach Overtons Untersuchungen ungefähr 300 ccm ab¬ 
soluten Alkohols genossen werden, um eine Narkotisieruug zu er¬ 
reichen 4 ). Selbst von den heftigsten Giften lassen sich bedeutende 
Mengen ohne Schaden einnehmen, wenn nur die auf einmal genos¬ 
sene Menge unter einer gewissen Grösse bleibt, und zwischen den 
einzelnen Dosen ein genügend langes Zeitintervall liegt. (Overton). 

Bei den experimentell-psychologischen Untersuchungen wird 

*) Vgl. u. a. meine eigenen Ausführungen in der Schrift: „Gebranch and Miss¬ 
brauch des Alkohols in der Medizin“. Berlin, Mässigkeitsrerlag, 1904. 

*) Internat. Monatsschrift zur Erforsch, des Alkoholismus. 1912, Heft 8, S. 111. 

*) Kraepelin, Die Psychologie des Alkohols. Internat. Monatsschrift zur 
Erforsch, des Alkoholismus. Heft 7, 1911, S. 265. 

4 ) Persönliche Mitteilung Dr. Overtons an den Verfasser. 26. Oktober 1906. 


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dieser Umstand ziemlich allgemein ignoriert. Die sonst angenommenen 
drei Grade der Wirkung des Alkohols auf die Psyche: Anheiterung, 
Betrunkenheit, volle Berauschtheit werden vielmehr von unseren 
Psychologen gern zu einem Zustande der „Alkoholnarkose des Gehirns“ 
verschmolzen. Dabei ist Narkose, wie wir es z. B. aus Overtons 1 ) 
schönen Studien zur Narkose und aus Fühners*) beziehungsreichen 
Tierversuchen über die narkotische Wirkung des Aethyl- und des 
Methylalkohols wissen, ein feststehender Begriff, ein genau bestimmter 
und wohl definierter Zustand. Eine Lokomotion und noch mehr 
natürlich eine gesteigerte motorische Regsamkeit ist in der Narkose 
immöglich. In ihrem Bedürfnis, die tatsächlich vorhandenen psychi¬ 
schen Alkoholwirkungen ins Masslose ad malam partem zu steigern, 
sind abstinente Professoren, ich nenne namentlich Professor Gaule 8 ), 
bis zu der Behauptung vorgeschritten, dass es gerade die feinsten, 
kompliziertest gebauten Gehirnzellen sind, welche der Alkohol zuerst 
„lähmt“. Es sollen die entwicklungsgeschichtlich jüngsten, die erst 
im Zentralnervensystem der höchsten Tiere vorhandenen Ganglien¬ 
zellen vom Alkohol am leichtesten geschädigt werden. Ich muss 
mich hier begnügen, zu konstatieren, dass gerade der Aethylalkohol, 
der in unseren alkoholischen Getränken enthalten ist, nach Fühners 
Versuchen auf die Zentralnervensysteme, welche in der Reihe der 
Entwicklung hoch oder tief stehen, mit gleicher Stärke einwirkt. 
Auch für Aether und Chloroform ist der Mensch trotz der viel höheren 
Entwicklung seines Gehirns nicht wesentlich empfindlicher als z. B. 
der Hund oder der Frosch. Ferner ist es erlaubt, darauf hinzuweisen, 
dass die Konstruktion einer Analogie zwischen der Klugheit oder 
Moralität einer Ganglienzelle und deren entsprechend komplizierterem 
Bau — absurd ist. 

Die Angabe, dass die erste Dosis Alkohol in jedem Falle das 
Verlangen nach mehr hervorrufe, entspricht den Tatsachen nicht. 
Im Gegenteil zeigt sich nach stärkeren Dosen ein intensiver Wider¬ 
wille gegen das Mittel, sagt Professor Sommer 4 ) in seiner Vor¬ 
lesung über die psychophysischen Wirkungen des Alkohols. Auch 
Professor von Bunge 6 ) gibt imbedingt zu, dass es sehr zahlreiche 
Menschen gibt, welche die Selbstbeherrschung besitzen, niemals un- 
mässig zu sein. Es geht also nicht recht an, schon mit dem ersten 


') E. Overton, Stadien über die Narkose. Jena. Fischer. 1901. 

*) Fühner, Der Wirkungsgrad der einwertigen 'Alkohole. Zeitschrift für 
Biologie, 1912, S. 465 ff. 

*) Gaule, Ueber den Alkoholgenuss vom Standpunkte der Physiologie. 

*) Der Alkoholismus. Neue Folge. 7. Teil, S. 10. Berlin. Verlag für Volks¬ 
wohlfahrt. 1910. 

*) Der Vegetarianismus. 2. Aufl. Berlin, Hirschwald, 1901, S. 86. 


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Schlack die Rausch Wirkung beginnen zu lassen oder dem Alkohol 
die Erzeugung einer „Sucht“ zu trinken zur Last zu legen. Die 
„Süchtigen“ sind ein psychologisches Kapitel für sich. Sie dürften 
ganz allgemein den Psychopathen zuzuweisen sein. Reiner Aethyl- 
alkohol soll nach Kraepelin 1 ) abscheulich schmecken. Das ist 
m. E. nicht der Fall. Gar eine lOproz. wässerige Lösung reinen 
Aethylalkohols erzeugt offenbar für den Geschmacksapparat nur das 
deutliche Gefühl der Süsse ohne jeden brennenden oder schlechten 
Beigeschmack *). Der Geruchsinn wird, wenn nicht zu starke Alkohol¬ 
dämpfe eingeatmet werden, wie von einem feinen parfümartigen Dufte 
höchst angenehm erregt. Ein anderes Resultat dürften bei un¬ 
befangener Prüfung auch eine Menge psychologischer Experimente 
nicht ergeben. Reiner Aethylalkohol ist in seiner psychologischen 
Wirkung von den Fuselölen, d. h. den höheren Alkoholen, sehr ver¬ 
schieden. Die Qualität der genossenen alkoholischen Getränke, das 
Zeitmass, in dem sie getrunken wurden, der Füllungszustand des 
Magens, die Umgebung und die sonstigen Umstände, Affekte, welche 
beim Trinken eine Rolle spielten, variieren die Wirkung ungemein. 
Ausserdem ist die Rauschwirkung je nach dem Individuum unend¬ 
lich verschieden. Will Kraepelin auf dem Wege des Experiments 
erweisen, welche Wirkung zwei Mass Münchener Bier, täglich abends 
getrunken, auf die Psyche haben, so begnügt er sich zur Beweis¬ 
führung mit einer Versuchsperson 8 ). Auch gibt er dieser Versuchs¬ 
person abends vor dem Schlafengehen nicht etwa Münchener Bier. 
Das tut er aus dem Grunde, weil er nicht die wirklichen Verhältnisse, 
sondern den reinen Aethylalkohol, dessen Wirkung nicht durch die 
in den von uns genossenen alkoholischen Getränken enthaltenen 
Nebenbestandteile verdeckt wird, studieren will. Er gibt also seiner 
Versuchsperson abends vor dem Schlafengehen 80 Gramm absoluten 
Alkohol, in etwas (wieviel, wird nicht einmal gesagt) Wasser gelöst, 
und zwar, wie ich annehme, mit der ausdrücklichen Weisung: dieses 
verhältnismässig sehr grosse Quantum reinen Aethylalkohols möglichst 
rasch mit einem oder höchstens vier Schluck sich einzuverleiben. 
Ich bemesse die Grösse eines Bierschlucks auf ca. 60, die Grösse 
eines Weinschlucks auf ca. 25 ccm. Die Grösse eines Schnapsschlucks 
(was Kraepelin seinem Versuchsobjekt verabreichte, gehört in die 
Kategorie: Schnaps) wage ich nicht allgemein zu formulieren. Denn 
der gewohnheitsmässige Kognaktrinker pflegt seinen Schluck nach 

*) Kraepelin, Die Psychologie des Trinkers, S. 298. 

*) Vgl. Dr. med. A. J. Starke, Die Berechtigung des Alkoholgenusses. Stutt¬ 
gart, 1906, S. 164. 

*) Max Gruber und Emil Kraepelin, Wandtafeln rur Alkoholfrage 
2. Aufl., S. 22 ff. 


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der Grösse des Kognakgläschens, d. h. auch nahezu 25 ccm einzu- 
richten, der Sprit* oder Kümmeltrinker trinkt, wenn er kann, mehr 
auf einen Schluck. Das im normalen Leben zwischen einem Schluck 
und dem darauf folgenden liegende Intervall lohnte wohl die Fest¬ 
stellung durch zahlreiche Beobachtungsserien (vielleicht kinemato- 
graphisch). Ich vermute, dass die Streuung der ermittelten Werte 
eine recht grosse sein wird. Das Eine dürfte feststehen, dass über¬ 
mässiger Bier* und übermässiger Schnapsgenuss die Psyche weder in 
gleichem Tempo noch überhaupt in gleicher Weise beeinflussen. Ein 
in diesem Punkte so Erfahrener, wie Bismarck sagt: „Das Bier 
macht dumm, faul und impotent; ein tüchtiger Kombranntwein wäre 
vorzuziehen.“ Von Bismarck stammt übrigens auch der Ausspruch: 
„Wein muss das Nationalgetränk der deutschen Nation werden.“ Dem 
einen Versuchsobjekt Kraepelins, das täglich abends seine 80 ccm 
Aethylalkohol mit etwas Wasser verdünnt erhielt, wird ein anderer 
Mann gegenüber gestellt, der „zufällig“ ohne Alkohol am Anfänge 
des Versuches ungefähr dieselbe Menge einstelliger Zahlen wie der 
Alkoholmann, nämlich ca. 2200 in zwei Stunden zusammenaddierte. 
Am Schlüsse des Versuches addierte der Mann, welcher keinen Alko¬ 
hol erhielt, 2885 einstellige Zahlen in zwei Stunden, der Alkohol¬ 
mann 2494 einstellige Zahlen. Der zweite Mann ist nach Kraepe¬ 
lins Definition als Trinker anzusehen, und seine Leistungen sind als 
„Trinker“leistungen psychologisch zu bewerten. Denn seine Leistungen 
im Addieren schreiten nicht ständig fort, wie es sonst gewöhnlich 
der Fall zu sein pflegt. Bei dem einen, dem „Trinker“ als Beispiel 
an die Seite gesetzten Mann sind in der Tat die Leistungen im 
Addieren einstelliger Zahlen von 1342 in zwei Stunden bis zu 2885 
in zwei Stunden gewachsen. Im übrigen erfahren wir über die psycho¬ 
logische Konstitution der beiden Männer, ihre psychischen Differenzen 
und Aehnlichkeiten nichts. Wir erfahren auch nichts darüber, wie 
die beiden es mit dem Kaffeegenuss gehalten haben. Kaffee wirkt 
auf die Psyche einigermassen entgegengesetzt wie der Alkohol. Es 
wird nur konstatiert: Bei dem einen Mann ist der Zuwachs im 
Addieren durch Uebung langsamer und kleiner gewesen, bei dem 
andern schneller und grösser. Da der erste Mann aber jedesmal am 
Abend vor dem Versuchsmorgen 80 ccm Alkohol erhielt, deren 
Wirkung auf die Psyche nach anderen Versuchen die Nacht über¬ 
dauert, so ist dieser Mindererfolg der Uebung nach Kraepelin ein 
Beweis für die Wirkung täglichen Alkoholgenusses auf Rechen- 
leistungen. Ich bedaure, nicht zustimmen zu können. Ich halte 
es z. B. für recht wohl möglich, dass die Resultate bei dem betreffen¬ 
den Manne ungefähr dieselben gewesen wären, wenn man ihm statt 


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80 g reinen Aethylalkohols ein anderes „giftiges Nahrungsmittel“ 
(Chesterkäse) regelmässig abends vor dem Schlafengehen verabfolgt 
hätte. Kraepelin meint, dass es sich im täglichen Leben niemals wie 
bei dem von seiner Versuchsperson täglich morgens zwei Stunden vor¬ 
genommenen Addieren einstelliger Zahlen um „die Forderung von 
Höchstleistungen“ handelte. 

Nun ist meines Erachten das zweistündige Addieren einstelliger 
Zahlen, mag es auch noch so rasch und fehlerfrei geschehen, keine 
geistige Höchstleistung. Ebensowenig sagt mir die Aneinanderreihung 
von Assoziationen, mögen diese Assoziationen nun Klangassoziationen 
oder solche höherer und höchster Ordnung, Urteilsassoziationen in 
feinster Zusammenfügung sein, als Testobjekt geistiger Leistungs¬ 
fähigkeit zu. Ich muss mir immer E. Th. A. Hoffmann oder 
Schiller oder auch Goethe und Napoleon vor dem mit 
seinem Pendeltachistoskop die „geistigen Höchstleistungen“ prüfen¬ 
den Geh. Hofrat Prof. Kraepelin vorstellen. Die Reihe der 
Dichter, welche trotz täglichen Alkoholgenusses Höchstleistungen zu 
Tage förderten, ist doch eigentlich ziemlich gross. Ich nenne: 
Schiller, E. Th. A. Hoffmann, Byron, Poö, Müsset, 
Maupassant, Horaz, Anakreon, Scheffel, Lilien- 
cron, Hartleben und von Lebenden Trojan und Presber. 
Die Begeisterungsfähigkeit für alles Edle und Schöne wird unserem 
Schiller niemand abstreiten, wenn er auch für seinen Haushalt 
jährlich über 400 Liter Wein brauchte. Goethe, als er über 
Schillers Likörgenuss die bekannte, ich kann mir nicht helfen, 
hämische Bemerkung machte, hat leider vergessen, uns anzugeben, 
welche Stellen in Schillers Werken eigentlich alkoholischer Natur 
und aus diesem Grunde minderwertig sind. Für die Schaffenskraft 
von E. Th. A. Hoffmann war der regelmässige Alkoholgenuss nach 
dem sachverständigen Urteil des Irrenarztes Klinke 1 ) nur von 
Nutzen. Wer vermöchte sich einen Bismarck, der doch dem 
Wein- und Spirituosengenuss nicht abhold war, ohne Alkohol geistig 
noch leistungsfähiger vorzustellen? Auch der grosse Goethe war 
keineswegs, wozu ihn die Abstinenzbewegung bereits zu machen ver¬ 
sucht hat, ein Verächter des Alkohols. Sonst hätte er wohl kaum 
sein ganzes Leben mit einem Rausch verglichen. „Andere verschlafen 
ihren Rausch, meiner steht auf dem Papiere“ heisst es in den „Zahmen 
Xenien“. Der von Goethe so hochgeschätzte und gleich ihm den 
Alkohol nicht verachtende Byron bekannte sich zu einer ähnlichen 


*) Klinke, E. Th. A. Hoffmanns Leben nnd Werke vom Standpunkte 
eines Iirenarztes. 


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Gesinnung: „The best o! life is but intoxication“. Das Kapitel über 
die Zusammenhänge, welche bestehen zwischen dem Alkohol einer¬ 
seits und künstlerischer Schaffenskraft und dichterischer Begeisterung 
andererseits, ist trotz mancher Anfänge noch nicht zu Ende ge¬ 
schrieben. Die Bemerkung, dass man bei Dichtem wie Schiller 
und E. Th. A. Hoffmann, die unter dem Einfluss des Alkohols 
entstandenen Stellen an einem hohlen und leeren Pathos erkennt, 
dürfte das Thema nicht erschöpfen. 

Beimen und Dichten ist zweierlei. Reimen ist schliesslich wie 
das Zusammenzählen einstelliger Zahlen, eine einfache mechanische 
geistige Leistung und schon von einem kleinen Schulkinde zu lernen. 
Der Vorgang, der hier zugrunde liegt, ist die Verknüpfung von 
Vorstellungen, zwischen denen eingelernte Beziehungen bestehen. 
Kraepelin nimmt nun an, dass „gerade wegen der Einfachheit“ 
derartiger geistiger „Leistungen“ die durch den Alkohol hervorgerufene 
Störung bei schwierigeren geistigen Leistungen „derselben Art“ eine 
noch stärkere sein wird 1 ). „Diese Vermutung findet genügende 
Stützen in bestimmten Versuchsergebnissen.“ Ich persönlich würde, 
wenn zwei Menschen sich in der Schnelligkeit des Addierens ein¬ 
stelliger Zahlen ausserordentlich von einander unterschieden, mir 
nicht gestatten, daraus ohne weiteres den Schluss zu ziehen, dass die 
Verknüpfungsart einfacher Vorstellungen bei diesen beiden Menschen 
überhaupt in entsprechend gleicher Weise voneinander abweicht wie 
das Addieren einstelliger Zahlen. Dr. Starke 1 ) zitiert das charak¬ 
teristische Beispiel eines Mathematikers, bei dem Alkoholgenuss die 
mathematische Begabung deutlich anregte. Daraufhin war er sehr 
aufgelegt und auch fähig, mathematische Probleme zu lösen, aber 
fast unfähig, beim Skat das Notieren der Gewinne zu übernehmen, 
ja überhaupt einigermassen befriedigend mitzuspielen. 

Kraepelin behauptet, dass durch seine Versuche bewiesen ist, 
dass die Verknüpfung von Vorstellungen überhaupt durch den Alkohol 
verlangsamt wird. Nun sagt aber noch in jüngster Zeit einer der 
zahlreichen Schüler Kraepelins in dem zweiten Heft des sechsten 
1911 erschienenen Bandes der von Kraepelin herausgegebenen 
„Psychologischen Arbeiten“, dass der Einfluss des Alkoh'ols auf den 
Ablauf der Vorstellungen durch die Experimente noch nicht genügend 
geklärt ist. „Die bisher vorliegenden Resultate sind weder eindeutig 
genug, noch ist das Problem nach allen Seiten hin genügend durch¬ 
gearbeitet worden“ 8 ). 


*) Die Berechtigung des Alkoholgenusses, S. 186. 

*) Wandtafeln zur Alkoholfrage. 2. Aufl., S. 22. 

*) Psychol. Arbeiten, herausgegeben von Emil Kraepelin, Bd. VI, Heft 2, S. 300. 


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Psychologie und Alkoholproblem. 


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Dass hier durch den Mund des Schülers der Meister spricht, ist 
nicht recht anzunehmen. 

Denn Kraepelin halt bekanntlich die psychologische Seite 
des Alkoholproblems durch seine diesbezüglichen experimentell- 
psychologischen Forschungen nach allen Seiten hin für völlig 
geklärt. 

Dabei betrafen die Forschungen Kraepelins, wie ausdrück¬ 
lich immer wieder betont werden muss, nur sehr einfache psychische 
Vorgänge, welche zugleich durch lange Uebung fast reflektorisch 
geworden sind: das Lesen, das Addieren einstelliger Zahlen, das 
Auswendiglernen zwölfstelliger Zahlenreihen und bei der intermittieren¬ 
den Methode die Reaktion auf die Wahrnehmung eines Reizes oder 
die Bildung einfacher Wahl- oder Unterscheidungsurteile oder äusser- 
licher oder innerlicher psychischer Assoziationen. 

Die Bildung von Assoziationen steht, wenn wir dem Gedanken¬ 
gange Kraepelins folgen, höher als Lesen und Addieren einstelliger 
Zahlen. Aber bei den Assoziationen erlaubt die Versuchsmethode 
dem Experimentator in der Regel nur die Schnelligkeit, nicht die 
Güte zu messen. Naturgemäss kann aber gerade bei verwickelten 
Assoziationsvorgängen die Zeitdauer nur als ein sehr ungenügendes 
Kriterium für die psychische Leistungsfähigkeit angesehen werden. Mit 
den vielen Einschränkungen, welche Kraepelin selbst bei Erläuterung 
seiner Versuchsresultate vomimmt, ist die von ihm vorgenommene 
weitgehende Verallgemeinerung der Versuchsergebnisse schlecht oder 
gar nicht in Einklang zu bringen. 

Ich stelle Versuchsergebnisse und Schlussfolgerungen einander 
gegenüber. 

Als das gesicherte Ergebnis aller seiner Versuche bezeichnet 
Kraepelin: Der Alkohol in grösseren Gaben, von etwa 30—45 g 
an erschwert alle untersuchten einfachen psychischen Vorgänge in 
mehr oder weniger erheblichem Grade. Die einzige beachtenswerte 
Ausnahme würden allenfalls die Reime sein, welche in einem Ver 
suche fortschreitend durch den Alkohol erleichtert wurden. Die 
Dauer der Erschwerung der psychischen Vorgänge steigt anscheinend 
mit der Alkoholgabe, hängt auch von der augenblicklichen Disposition 
und von der Individualität ab. Die Erschwerung der psychischen 
Leistungen kann sich nach 40—50 Minuten bereits verlieren, bisweilen 
ziemlich rasch und dann sehr vollständig. Da auch die Schwankungen 
der Arbeitsleistung während dieses Zustandes zuzunehmen pflegen, 
so ähnelt derselbe symptomatisch in hohem Grade demjenigen der 
physiologischen Ermüdung, die gleichfalls durch Abnahme und Un- 


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regelmässigkeit der psychischen Arbeit gekennzeichnet wird 1 ). Diese 
Aehnlichkeit wird noch vergrössert durch den Umstand, dass gewisse 
qualitative Veränderungen im Inhalte der Assoziationen beiden Zu* 
ständen gemeinsam sind. Dahin gehört in erster Linie die Zunahme 
der äusseren Assoziationen, dann aber das häufigere Auftreten der¬ 
selben Vorstellungen. 

Der Erschwerung der untersuchten einfachen psychischen Vor¬ 
gänge durch den Alkohol pflegt eine Erleichterung voranzugehen. 
Dieses Stadium der Alkoholwirkung beginnt bereits wenige Minuten 
nach dem Genuss des Mittels und dauert im allgemeinen höchstens 
20—30 Minuten, um dann der soeben besprochenen Erschwerung der 
psychischen Leistungen Platz zu machen. 

Je grösser unter sonst gleichen Umständen die Gabe des Alkohols, 
desto geringer und flüchtiger dieses erste die einfachen psychischen 
Leistungen erleichternde Stadium der Alkoholwirkung. In einem 
gewissen Gegensatz zu dieser flüchtigen Erleichterung der sensorischen 
und assoziativen einfachen psychischen Vorgänge steht nach Kraepelin 
die etwas länger dauernde Erleichterung der psychomotorischen Vor¬ 
gänge : erleichterte Auslösung von Impulsen, beschleunigte Umsetzung 
zentraler Erregungen in zentrifugale. Auch diese Erleichterung der 
psychomotorischen Funktion geht nach Kraepelin später in eine 
Erschwerung über und addiert sich dann zu der sensorischen und 
intellektuellen Ermüdung hinzu. 

Klar und unzweideutig bringt also der Experimentator die Quint¬ 
essenz der Alkoholpsychologie bei der Zusammenstellung der Ver¬ 
suchsergebnisse dahin zum Ausdruck, dass der Zustand in hohem 
Masse demjenigen der physiologischen Ermüdung ähn¬ 
lich und seiner Natur nach vorübergehend ist. Nun aber 
macht sich genau wie bei dem im Eingang dieser Arbeit zitierten 
Autor Prof. Meumann auch bei Kraepelin der Drang geltend, 
durch unzulässige Verallgemeinerung seinen Versuchsergebnissen eine 
erweiterte, erhöhte Bedeutung zu geben. Dieser Drang erscheint mir, 
der ich nicht experimentell psychologisch geschult bin, übrigens als 
ein Urphänomen der menschlichen Psyche und dürfte nahe verwandt 
sein mit dem Trieb, die mit der ersten Schlussfolgerung beginnende 
Kette ins Unendliche zu verlängern. „Folgerichtig ist oft Närrischstes 
entsprungen,“ d. h. hier liegt eine der Wurzeln der originären (logi¬ 
schen) Paranoia. 

Bei Kraepelin nun wird mit einem Mal aus dem der physio- 


') Kraepelin: Ueber die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch 
einige Arzneimittel. Jena 1892, S. 173. 


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logischen Ermüdung ungemein ähnlichen Zustand der psychischen 
Alkoholwirkung eine „psychische Umwälzung, welche der Alkohol 
herbeiführt 1 )“. Weil er das Addieren einstelliger Zahlen, die Ein¬ 
prägung zwölfstelliger Zahlen, das sinnlose Lesen, die Herstellung 
von Klang- oder Sinn-Assoziationen, die Abschätzung von Zeitabschnitten 
vorübergehend erschwert und die Impulsivität steigert, deswegen 
ist der Alkohol nach Kraepelin wohlgeeignet, dem Menschen die 
Uebersicht über die Folgen seiner Handlungen und die Herrschaft 
über seinen Willen dauernd zu rauben. In den soeben noch als 
Ermüdungserscheinungen angesprochenen Versuchsergebnissen ent¬ 
deckt der Experimentator jetzt alle, aber auch alle wohlbekannten 
Züge des „Rausches“ nicht nur, sondern auch der Trinkerpsyche. 
Dass dabei die leichte Verknüpfung klang- oder sinnverwandter Vor¬ 
stellungen mit geordnetem und überlegtem Handeln ohne weiteres 
gleichbedeutend gesetzt wird, verdient Erwähnung. Im Titel der 
Arbeit heisst es einschränkend nur: die Beeinflussung einfacher 
psychischer Vorgänge. Mit demselben Recht wie Kraepelin die 
einfachen psychischen Vorgänge gleichbedeutend setzt mit geord¬ 
netem und überlegtem Handeln, könnte ein anderer behaupten: die 
im Abiturientenexamen die beste Note erhalten, handeln auch im 
Leben am besten. Der „normale“ Rausch ist überhaupt nicht so 
wohlbekannt, dass es nur einer Uebertragung der Versuchsergebnisse 
bei der Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch den 
Alkohol auf das gesamte Seelenleben bedürfte, um ihn völb'g zu er¬ 
klären. Es gibt doch wohl, wie ich meine, so unendlich verschiedene 
normale und abnorme Räusche, wie es normale und abnorme 
Menschen gibt. Unsere Seelentätigkeiten sind in erster Linie nicht, 
wie Kraepelin uns glauben machen möchte, Werkzeuge in der 
Hand von aussen wirkender Agentien wie etwa der Gehimgifte oder 
pädagogischer Einflüsse, sondern vielmehr Werkzeuge in der Hand 
unserer Triebe. Unser Handeln richtet sich im allgemeinen nicht 
unbedingt nach unserem vernünftigen Denken. Umgekehrt: unsere 
Affekte, Gefühle, Triebe sind es, die meistens beherrschend über 
unserem Handeln thronen. Die Philosophie schlägt um, wenn unsere 
Pulse anders schlagen. „Handelnde Vorstellungen“ sind nach P. J. 
Möbius 2 ) ein jämmerlicher Begriff. Dass auch Kraepelin den 
psychomotorischen Reaktionen im Gehirn einen bestimmenden Einfluss 
auf das menschliche Handeln einräumt, muss schon so hingehen. 
Denn das wird sich in absehbarer Zeit kaum ändern. Schlimmer ist 

*) Kraepelin, Ueber die Beeinflunung einfacher psychischer Vorgänge durch 
einige Arzneimittel. Jena 1892. S. 298. 

*) Die Hoffnungslosigkeit aller Psychologie. 2. Aufl. Halle 1907. S. 28. 


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etwas anderes, was dem menschlichen Handeln durch Kraepelins 
psychologische Feder widerfährt. Nach Kraepelin wird die Um¬ 
setzung der inneren Spannung in Erregung durch den Alkohol sehr 
erleichtert, mit anderen Worten: die sensorische Reaktionsweise wird 
durch den Alkohol leicht in eine motorische oder, wie Rraepelin 
sich übertreibend ausdrückt: extrem muskuläre ‘) umgewandelt. Aus 
den Versuchsresultaten ist zu entnehmen, dass „extrem muskulär“ 
gleichbedeutend mit „Sprechbewegungen“ ist. Bei dem Wort „extrem 
muskulär“ würde man ohne weiteres nicht gerade an die Artikula¬ 
tionsmuskulatur denken. Dieses aus den Reaktionsversuchen, dem 
vorzeitigen und dabei oft falschen Reagieren auf einen Reiz durch 
Reflexion erschlossene Ergebnis erhält durch imzulässige Verallgemei¬ 
nerung die folgende Gestalt: die Erleichterung der motorischen Re¬ 
aktionen ist die Quelle des erhöhten Kraftgefühls und der unüber¬ 
legten, impulsiven und gewalttätigen Handlungen unter Einfluss des 
Alkohols. Ich persönlich würde es, dem sonst üblichen Sprach¬ 
gebrauch folgend, eine „erleichterte motorische Reaktion“ nennen, 
wenn jemand z. B. den vorgesprochenen Satz: „Der Kottbuser Post¬ 
kutscher putzt den Kottbuser Postkutschkasten“ schnell und ohne 
Konsonantenstolpem nachspricht, oder wenn jemand schnell und 
sicher auf Befehl auf einem schmalen Brett oder Band ohne ab¬ 
zuweichen und zu straucheln entlang läuft. Dass jemand, wenn er 
diese motorischen Leistungen auf Kommando schnell und leicht zu 
vollführen imstande ist, ohne weiteres ein erhöhtes Gefühl seiner 
Kraft bekommt, will mir wieder nicht einleuchten. Dass die „moto¬ 
rischen Reaktionen“ des Betrunkenen in diesem Sinne: schnelles und 
richtiges Funktionieren der Sprach- und der anderen Muskulatur auf 
Kommando erleichtert sind, entspricht gar nicht der Wirklichkeit. 
Ausserdem sind, wie bereits gesagt, „Reaktion“ und „Handeln“ zwei 
grundverschiedene Dinge. Ferner entspringt nicht jedem Kraftgefühl 
eine entsprechend kraftvolle Handlung. „Der Wein, er erhöht uns, 
er macht uns zum Herrn und löset die sklavischen Zungen“ (Goethe). 
Aber in einem muskelschwachen, ängstlichen Schneider oder in einer 
Schreiberseele wird der Alkohol kamn jemals den Trieb zu Boxer¬ 
kunststücken oder zu studentischen Raufhändeln mobil machen. Bei 
der grossen Mehrzahl der Berauschten bleibt es bei kraftvollen, mehr 
oder minder rücksichtslosen Worten. „Alle Alkoholisten sind 
Krakehler*).“ Diese Verallgemeinerung scheint mir diejenige zu sein, 
zu der allein Kraepelins experimentell-psychologische Versuchs- 


>) L c. 8. 282. 

*) Bleuler, Die Psychologie de« Trinker«, 
«chung de« Alkoholismus. 1910. Heft 11 u. 12. 


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resultate einen Schein von Berechtigung geben. Ein „Kraftgefühl“, 
weil die „motorische Reaktion“ erleichtert ist, kann der Alkohol, 
wenn überhaupt, nur insofern geben, als die betreffende „motorische 
Aktion“ von der Versuchsperson schon vorher öfter vollzogen oder 
wenigstens eine Anlage dazu sohon vorher vorhanden war. 

Hier ist in Kraepelins „Psychologie des Alkohols 1 )“ eine sehr 
angreifbare Stelle. Kraepelin spricht ganz allgemein von der 
durch den Alkohol bewirkten Willenserregung, von dem „alkoholi¬ 
schen Tatendrang“. Auf das Ende der offiziellen Kneipe folgt zu¬ 
nächst überlautes Reden, dann Neigung „zu allerlei Unfug und zu 
rücksichtslosen Gewalttaten“. So wird der Rausch für Kraepelin 
zur gefährlichsten aller Geistesstörungen. Das ist immer wieder das 
gleiche summarische Vorgehen, die unberechtigte Steigerung erhöhter 
Affektabilität zur Brutalität, die, wenn man so will, hexenmeisterische 
Verwandlung des verhältnismässig harmlosen Poltron in einen 
schrecklichen Assommoir. Doch ich will statt meiner eine Alkohol¬ 
autorität wie Prof. Bleuler*) in seiner bereits zitierten „Psychologie 
des Trinkers“ reden lassen. „Es ist psychologisch nicht richtig, dass 
der Alkohol einen feinen Menschen zu einem durchgehende rohen 
macht.“ Durch Alkoholgenuss werden die Gefühle und Affekte leb¬ 
hafter, schlagen leichter an, gehen rascher in die Höhe, verfliegen 
aber auch schneller wieder. „Der Trinker wird leichter begeistert, 
leichter zornig, leichter missmutig und lässt sich durch diese Stim¬ 
mungen leichter zum entsprechenden Handeln bestimmen als in 
früheren Jahren.“ Einschränkend möchte ich meinerseits noch hinzu¬ 
setzen, wer nicht begeisterungsfähig ist, den begeistert auch der 
Alkohol nicht. Bei Kraepelin dagegen hängt mit dem Gefühl der 
Willenserregung eng zusammen die alkoholische Begeisterung*). Wer 
nicht fähig ist, im Zorn einen Menschen totzuschlagen, den bringt 
m. E. auch der Alkohol nicht dazu. Die Wurzel jener Tat, zu der 
der Verbrecher sich „Mut antrinkt“, haftet im Mutterboden der ur¬ 
sprünglichen, soll heissen: nüchternen, Geistesanlage. Denn dass ein 
jeglicher Verbrecher schon im Keime durch den Alkohol verderbt 
ist, zu dieser Behauptung haben sich auch die eifrigsten Vertreter 
der Abstinenz meines Wissens noch nicht verstiegen. Dagegen wird 
der Satz, dass der Berauschte Handlungen begeht, deren er in nüch¬ 
ternem Zustand niemals fähig wäre, von den Alkoholpsychologen 
gern so verstanden, dass der Alkohol regelmässig aus einem Lamm 
eine blutgierige Bestie macht. 

*) Intern. Monatsschrift zur Erforschung des Alkohoiismus. 1911. Heft 7—9. 

*) Intern. Monatsschrift zur Erforschung des Alkohoiismus. 1910. Heft 11 u. 12. 

*) Psychologie des Alkohols. S. 298. 


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Paal Schenk 


Ich bin umgekehrt davon überzeugt, dass ein Bismarck durch 
totale Alkoholabstinenz oder durch Opiummissbrauch nicht zu des 
„Deutschen Reiches Schlafmütze“ geworden wäre. Diesen Titel hat 
bekanntlich der abstinenzfreundliche Kaiser Friedrich HL im 15. Jahr¬ 
hundert getragen, eine traurige Gestalt von unerschütterlichem Phlegma. 
Kraepelin freilich meint, dass „die alkoholgegnerischen Bestrebungen 
im edelsten Sinne lebensbejahend, befreiend, Glück und Gesundheit 
spendend sind“ ’). 

Will man ausser der Impulsivität und dem lebhafteren und 
gleichzeitig flüchtigeren Spiel der Gefühle die Trinkerpsyche noch 
durch ein drittes Beiwort charakterisieren, so tut man das, wie mir 
scheinen will, am besten, indem man sie „geistig ataktisch“ nennt. 
Der motorischen Ataxie des Berauschten, dem Stolpern der Beine 
und der Zunge, tritt die geistige Ataxie: die Störung oder der Verlust des 
Abschätzungsgefühls für geistige Distanzen an die Seite. Die Grenzen 
der eigenen und der fremden Ideenkreise werden nicht beachtet, sind 
vergessen. Der geistige Zusammenhalt ist ungeordnet, gelockert oder 
gelöst. Geistige Brücken werden geschlagen über imermessene Di¬ 
stanzen. Der Trinker konfabuliert Beziehungen auf die eigene Person 
oder auf Nahestehende, Verknüpfungen von jetzt und ehemals, von 
Ursache und Folge werden mit erstaunlicher Leichtigkeit und Ge¬ 
schwindigkeit und deswegen oft genug (nicht immer) erstaunlich 
fehlerhaft und falsch hergestellt. Geistige Scheidewände und Siche¬ 
rungen übersieht der Trinker gern oder erkennt sie nicht an oder 
vernichtet sie gar. Mit einem gewissen Wohlbehagen fühlt er sich 
des Zwanges der Sitte und der Vorsicht ledig und gibt hüllenlos, 
ohne den Mantel schützender Worte und diplomatischer Gesten, seine 
Gefühle und Triebe der Neugier der anderen preis. 

Professor Bleuler sieht in einem Teil der Erscheinungen, 
welche ich unter den Begriff „geistige Ataxie“ subsumiert habe, 
ein ganz merkwürdiges Bedürfnis nach kausaler Abrundung der Ge¬ 
danken beim Trinker. 

Ich möchte darauf hinweisen, dass der Trieb: alles nach Grand 
und Folge, Ursache, Zweck und Erfolg zu ordnen, an sich ein Teil 
unserer Vernunft ist. Ohne Zwang kann man ein gesteigertes Be¬ 
dürfnis nach kausaler Abrundung der Gedanken z. B. in Kraepe¬ 
lins Aufsatz über die Psychologie des Alkohols nachweisen. Wer 
sonst würde z. B. in folgender Zusammenstellung eine zutreffende 
und ausreichende Motivierung sehen: „Willenserregung wird von 

’) Psychologie des Alkohols, S. 266. 

*) Vgl. meine Ausführungen über die Psychologie des Trinkers in „Aerztl. Sach¬ 
verständigenzeitung“, 1911, Nr. 24. 


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Psychologie and Alkoholproblem. 


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freudiger Gehobenheit und erhöhter Unternehmungslust begleitet. Das 
ist beim Alkohol ebenso der Fall wie z. B. auch bei rhythmischen 
Bewegungen (Tanzen, Marschieren, Radfahren)?“ 

Es ist interessant, hier das oft zitierte Beispiel von Helmholtz 
anzuführen. Bei Helmholtz schienen schon die kleinsten Mengen 
Alkohol die günstigen Einfälle zu verscheuchen, welche zur letzten 
Lösung eines komplizierten wissenschaftlichen Problems erforderlich 
sind. Am Schreibtisch allerdings kamen Helmholtz diese Einfälle 
auch nicht. Am liebsten stellten sie sich bei einer besonderen Art 
gleichzeitiger motorischer Betätigung, dem Bergsteigen, ein. Was 
würde Helmholtz wohl zu der von Kraepelin vorgenommenen 
Rubrizierung der rhythmischen Beinbewegungen unter den Begriff 
Willenserregung gesagt haben? 

Motorische Erregung mit Wohlbehagen, wie sie im besonderen 
auch die Bewegungsspiele mit sich bringen, ist übrigens, wie Prof. 
Sommer 1 ) richtig bemerkt, auf die Dauer eines der besten Mittel 
gegen den Alkoholismus. Denn man kann den Alkoholismus sehr 
wohl als die natürliche Kehrseite einer einseitig auf die Hemmung 
von Trieben zugeschnittenen Zivilisation auffassen. Der Mensch 
braucht Zeiten, wo er gleichsam die Last der Errungenschaften der 
Kultur von sich abschüttelt, um als Kind der Natur seine Muskeln 
spielend zu betätigen. 

Prof. Bleuler bringt mit dem besonderen Bedürfnis der Trinker 
nach kausaler Abrundung ihrer Gedanken in Zusammenhang eine 
ins Krankhafte gesteigerte Fähigkeit zu Ausreden und ein instinktives 
Bedürfnis sie anzuwenden. Mir ist recht zweifelhaft, ob sich die 
Trinkerausreden in irgend einer Beziehung von den Ausreden an¬ 
derer Leute, denen man auf Schleichwegen begegnet und mit dem 
Ersuchen um Aufklärung zu nahe tritt, unterscheiden. Wer auf 
einer Lüge ertappt wird, macht je nach dem Grade seiner inneren 
Unwahrhaftigkeit mehr oder minder haltlose Ausreden. Vergessen 
wir nicht, dass wir im Grunde alle (selbst die Abstinenten dürften 
keine Ausnahme machen) innerlich nicht ganz wahr sind. Aus dem 
einfachen Grunde: Inwendig lernt kein Mensch sein Innerstes er¬ 
kennen. Unsere Logik ist und bleibt z. T. Gefühlssache, hängt in 
etwas immer ab von dem Grade der Wertschätzung, die wir unserem 
lieben, in unserer Vorstellung meist gar „hochgeborenen“ Ich ent¬ 
gegenbringen. In Wahrheit dürfte die Logik nicht die beste sein, 
welche bei menschlichem Tim, zumal wenn es sich um das eigenste 
Denken, Schreiben, Handeln dreht, das Wort „edel“ häufiger an- 


*) Psychophysische Wirkungen des Alkohols, S. 17. 


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wendet. In dem unebenen Spiegel unseres menschlichen Verstandes 
erscheinen uns unsere seelischen Regungen in zufriedenen noch häu¬ 
figer als in unzufriedenen Tagen ausnahmslos als edel. 

Ein sehr wichtiger Punkt der Alkoholpsychologie wird von 
Kraepelin nur leicht gestreift und auch dann schematisch behan¬ 
delt. Ich meine die Frage nach der Resistenz des einzelnen Gehirns 
gegen das Gehimgift Alkohol. Für Kraepelin existiert eine Resi¬ 
stenz überhaupt nicht, sondern nur eine ständig zunehmende In¬ 
toleranz. Einen dauernd „massigen“ Genuss macht nach Kraepe¬ 
lin die Eigenschaft des Alkohols, die Trunksucht hervorzurufen, un¬ 
möglich. Professor Bleuler sagt ausdrücklich, was übrigens auch 
sonst kaum bestritten werden dürfte: die Zeichen des psychischen 
Alkoholismus treten beim einen früher, beim anderen später oder 
gar nicht auf. Noch weiter geht Professor T. S. Clouston 1 ). Er 
setzt voraus, dass, Kinder und Naturvölker ausgenommen, die all¬ 
mähliche Gewöhnung an den Alkohblgenuss im allgemeinen schliess¬ 
lich einen hohen Grad von Widerstandskraft des Gehirns erzeugt. 
Bei Kraepelin dagegen steht auf S. 296 „Psychologie des Alko¬ 
hols“: „da sich indessen bei dem Trinker allmählich eine wachsende 
Empfindlichkeit gegen geistige Getränke herausstellt, so genügen 
immer geringere Mengen, um ihn in masslose Erregung zu versetzen 
und Wutausbrüche bei ihm auszulösen. Seine erhöhte Erregbarkeit 
zeigt sich ferner darin, dass nunmehr auch Aether und Choroform 
bei Betäubungsversuchen heftige Aufregungszustände hervorrufen.“ 
Bisher pflegte man toxikologisch im allgemeinen beim Opium, Mor¬ 
phium und den anderen narkotischen Giften bei dauerndem Ge¬ 
brauche immer stärkere Dosen für erforderlich zu halten, um die 
gleiche Wirkung bei der Wiederholung zu erzielen. Aber nach 
Kraepelins Psychologie ist eben der Alkohol ein gefährlicheres 
Gift als das Opium. Folgen wir Kraepelin, so bedeutet der erste 
Schluck schon den Beginn der Trunksucht und auch den Beginn 
der Intoleranz. Kraepelin meint, dass seine psychologischen Ver¬ 
suche den Schlüssel lieferten, welcher das Verständnis des Rausches 
erschliesst*). Schon kleine Alkoholdosen liefern nach Kraepelin 
ein Miniaturbild des Rausches. Ich kann Kraepelins Ausfüh¬ 
rungen nicht als beweiskräftig anerkennen und halte die Alkohol¬ 
frage durch seine Forschungen nicht für geklärt. Die Behauptung, 
der Alkohol ist schon in den kleinsten Mengen ein gefährliches Gift, 
löst die Alkoholfrage ebensowenig wie die kategorische Forderung 


*) Bericht über den 12. internationalen Antialkoholkongress in London. S. 314. 
f ) Vgl. „Die Psychologie des Alkohols“. S. 253. 


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Psychologie and Alkoholproblem. 


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es tut: »Weg mit dem Alkohol als Genussmittel 1“ Trotz Forel 
und Kraepelin und von Bunge bleibt die Alkoholfrage für mich 
so kompliziert wie die sexuelle Frage. Der Verbrecher aus, wenn 
ich so sagen darf, „sexueller Hypertrophie“, ist für mich eine ebenso 
„fragwürdige“ Erscheinung wie der Alkoholverbrecher 1 ). Was vom 
Alkoholelend fraglos gilt, gilt für mich auch vom geschlechtlichen 
Elend: 

„Ich seh’, wie tausend meiner Brüder bluten, 

Seh' ihre Qualen, fühle ihren Schmerz. 

Nur Kampf kann Frieden bringen.“ 

Kampf für sexuelle Massigkeit. Verbot des homosexuellen und 
des nicht auf Nachfolge abzielenden geschlechtlichen Verkehrs. Pro¬ 
fessor Forel will die mann-männliche Ehe sanktionieren, den Ge¬ 
nuss eines Schnäpschens verbieten. Das Verbot des Schnapsgenusses 
ist aber m. E. eine genau so utopische Forderung wie das Verbot 
des nicht auf Nachfolge abzielenden geschlechtlichen Verkehrs. Aus 
interessanten Aufsätzen des Pfarrers Rudolf im Jahrgang 1911 der 
„Internationalen Monatsschrift zur Erforschung des Alkoholismus“ 
ist zu ersehen, dass auch im prohibitionfreundlichen Amerika die 
Hochflut der Abstinenzgesinnung seit einiger Zeit vorüber ist. Wie 
ich einer freundlichen Mitteilung des bekannten Nervenarztes Dr. 
Marcinowski entnehme, ist er aus dem Verein abstinenter Aerzte 
ausgetreten, weil er den Zwang, keinen Alkohol trinken zu dürfen, 
als lästig für einen freien Mann z. B. in der Freimaurerloge emp¬ 
findet. Der Nordpolfahrer Nansen hat seinerzeit eine ähnliche 
Gesinnung kundgetan. Dabei sehen sich beide Männer als Absti¬ 
nente an. Ich möchte in der Frage der allgemeinen totalen Ab¬ 
stinenz mich Professor Clouston anschliessen. Das Bedürfnis nach 
sauren Wochen frohe Feste zu feiern, ist ein wohl schon dem Ur¬ 
menschen eigentümliches. Der Alkohol ist ein zweckmässiges Mittel, 
die ersehnte frohe Festesstimmung herbeizuführen. Aber es ist von 
hoher sozialer und wissenschaftlicher Bedeutung, um die durch den 
Alkohol zu erzeugende Festesstimmung in gewissen Grenzen zu 
halten, den Punkt festzustellen, wo beim einzelnen und bei den 
Völkern die Intoleranz des Gehirns gegen den Alkohol beginnt*). 

Es mehren sich in letzter Zeit auch in Abstinentenkreisen die 
Stimmen, welche eine Revision der in bezug auf ihre Festigkeit so 


') Vgl. meine Ausführungen im „Archiv für Strafrecht and Strafprozess.“ 1907. 
64. Jahirg., 6. Heft, S. 411. 

*) Clouston: Die Widerstandskraft des menschlichen Gehirns gegen den 
Alkohol und ihre Grenzen. Bericht über den 19. internationalen Hongress gegen den 
Alkoholismus. S. 314. 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 10 


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Max Levy-Suhl 


hoch und so viel gerühmten sogenannten „ wissenschaftlichen“ Fun¬ 
damente der Lehre von der sozialhygienischen Notwendigkeit der 
allgemeinen Alkoholabstinenz verlangen. In der Tat haben viele 
unkritische Federn die Behauptungen der Autoritäten der Alkohol¬ 
abstinenz streng gläubig so oft nachgeschrieben, bis fehlerhafte Ver¬ 
allgemeinerungen und unrichtige Schlussfolgerungen für sich die 
Würde heiliger, unbestreitbarer Dogmen beanspruchen durften. Die 
vorstehenden Zeilen sind geschrieben in der Absicht, diese „Heili¬ 
gen“ aus dem Himmel der Abstinenten wieder herabzuziehen auf 
den Globus, den dem Irrtum unterworfene Menschen bewohnen. 


Die Prüfung der sittlichen Reife jugendlicher An¬ 
geklagter und die Reformvorschläge zum § 56 des 
deutschen Strafgesetzbuches*). 

Kriminalpsychologische Studie auf Grund von 120 Ausfrage¬ 
versuchen. 

Von JDr. med. Max Levy-Suhl, Berlin-Wilmersdorf. 

Mit 2 Abbildungen. 

I. Teil. 

Inhaltsangabe: 1. Die gegenwärtige Rechtslage und Praxis. — 2. Rechtsphilosophische 
und psychologische Begründung der „relativen Strafmündigkeit“, «) Ein rechts¬ 
philosophischer Einwand gegen die moderne Auffassung. Widerlegung, fl) Ein 
psychologischer Einwand vom Standpunkt der forensischen Methodik. Wider¬ 
legung. Anm.: Moral und Intelligenz. — 3. Die den § 66 betreffenden letzten 
Reformvorschläge. 

1. Die gegenwärtige Rechtslage und Praxis. 

Die gemeinsamen Interessen, welche in immer steigendem Masse 
Strafrecht und Psychiatrie miteinander verknüpfen, hatten ihren natür¬ 
lichen Mittelpunkt von jeher in der Frage, inwieweit die strafrecht¬ 
liche Verantwortlichkeit des Täters durch geistige Störungen auf¬ 
gehoben oder beeinträchtigt wird. Gegenüber diesem allgemeinen, 
in Theorie und Praxis viel umstrittenen Problem, das bekanntlich im 
§ 51 des deutschen Strafgesetzbuches seinen geltenden gesetzlichen 
Ausdruck besitzt, spielte ein anderer, freilich nur für das Jugendalter 
zwischen 12—18 Jahren bestimmter Strafausschliessungsgrund, die 
sog. relative Strafunmündigkeit des § 56 St.G.B., für die theore¬ 
tischen und besonders für die praktischen Beziehungen zwischen Straf- 

*) Anmerkung: Nach einem am 15. Februar 1912 in der Psycholog. Gesell¬ 
schaft zu Berlin gehaltenen Vortrage. 


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Prüfung der sittlichen Reife jugendl. Angeklagter a. Reform Vorschläge znm § 66. 147 


recht und Psychopathologie vordem eine sehr geringe oder überhaupt 
keine Rolle. Ungeachtet der relativ und absolut grossen, seit Jahrzehnten 
anwachsenden Zahl jugendlicher Angeklagter und obgleich bei diesem 
Jugendparagraphen im Gegensatz zum § 51 der erkennende Richter 
in jedem Einzelfall die Anwendungsmöglichkeit positiv feststellen 
muss'), nämlich, ob der Jugendliche bei seiner Tat „die zur Erkennt¬ 
nis ihrer Strafbarkeit erforderliche Einsicht“ besass oder nicht, un¬ 
geachtet dieser besonderen Momente gehörte die Zuziehung medizini¬ 
scher Sachverständiger in dieser Frage geradezu zu einer Seltenheit*). 
Offenbar lag den juristischen Kreisen der Gedanke ganz fern, dass 
auch für die Feststellung dieser „Einsicht“, der sog. Unterschei¬ 
dungsfähigkeit des Jugendlichen, spezielle psychopathologischeMomente 
in Betracht zu ziehen seien, und es herrschte stillschweigend die An¬ 
nahme, dass es sich hier stets um eine Frage normalpsychologischer 
Empirie handele, wie sie der Richter auch sonst tagtäglich auf Grund 
seiner — neuerdings freilich oft genug angezweifelten — Weltkennt¬ 
nis und Lebenserfahrung zu entscheiden befugt und befähigt ist. 

Eine solche Auffassung konnte um so näher liegen, als nach 
der herrschenden, durch die Motive zum Strafgesetzbuch und durch 
Reichsgenchtserkenntnisse gestützten Auslegung der Richter bei seiner 
Entscheidung über vorhandene oder mangelnde Einsicht nicht die 
unmittelbare Beziehung zur konkreten Straftat und nur eine gewisse 
Seite der psychischen Entwicklung des Jugendlichen in Frage zu 
ziehen hat. Es bedarf nämlich gar nicht der Feststellung, ob der 
Jugendliche die Strafbarkeit seiner Tat wirklich erkannt hatte, sondern 
allgemeiner nur, dass er „die zur Erlangung dieser Erkenntnis er¬ 
forderliche geistige Reife“ besass®); und zweitens soll für diese 
geistige Reife lediglich der Stand der intellektuellen, verstandes- 
mässigen Entwicklung massgebend sein, dagegen soll ausdrücklich der 
Grad der sittlichen Reife und Widerstandsfähigkeit (Frank), der 
Willensreife (Radbruch) grundsätzlich nicht berücksichtigt werden 4 ). 

*) Nach § 298 der Strafprozessordnung. 

*) So erklärt die 6. Aufl. von Schlockow, Roth-Leppmann „Der Kreisarzt“ 
vom Jahre 1900, dass die Zuziehung ärztlicher Sachverständiger beim § 66 „weder 
erforderlich noch üblich“ sei. Bd. 2, S. 270. Vgl. auch hierzu und weiterhin die 
Kritik £. Schultzes in seiner Schrift: Die jugendlichen Verbrecher im gegenwärtigen 
und zukünftigen Strafrecht. Wiesbaden, Bergmann, 1910, S. 5 ff, 

Ä ) Vgl. von Liszt, Strafgesetzbuch 16. u. 17. Aufl., 1908, S. 166. Frank, 
Strafgesetzbuch 5.—7. Aufl., 1908, S. 123. Aschaffenburg in Hoches Handbuch 
der gerichtlichen Psychiatrie, 2. Aufl., 1909, S. 63. 

4 ) So erklärt die oft zitierte Reichsgerichtsentscheidung XV, S. 97 (nach 
Aschaffen bürg), an welche allerdings der Einzelrichter nicht unbedingt gebunden ist 
und an die sich tatsächlich nicht alle Jugendrichter binden, ausdrücklich: „dass nur 
derjenige Grad der Verstandesentwickelung“ in Betracht zu ziehen sei, „welcher nötig 
ist, um die Strafbarkeit zu erkennen, nicht aber dasjenige Mass sittlicher Bildung, 
welches erforderlich ist, um das Verhalten nach dem als recht Erkannten einzurichten.“ 


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Max Levy-Suhl 


Es bedarf keiner näheren Ausführung and ist oft genug betont worden 1 ), 
d&ss es weder psychologisch noch strafprozessual eine Prüfung der Einsicht 
darstellt, wenn ein Bichter sich etwa nur an die im öffentlichen Gerichtssaal 
gestellte Frage hält: Wusstest du, dass darauf Strafe steht, dass du bestraft 
werden konntest oder dgl. Und ebenso kann die Feststellung der Kenntnis 
des 7. Gebotes, die Lösung einiger Rechenaufgaben, die Beantwortung der 
Frage nach dem regierenden Fürsten in keiner Weise einen Massstab für die 
Verstandesreife des Jugendlichen abgeben. Eine derartige „Intelligenzprüfung“, 
wie sie auch heute noch vorkommt, stellt so niedrige Anforderungen, dass 
selbst Schwachsinnige auf Grund ihres mechanischen Gedächtnisses in vielen 
Fällen bestehen und ihres eventuellen Anrechts auf § 66 verlustig gehen 
müssten *). Und so ist es nicht überraschend, dass die Freisprechungen wegen 
mangelnder Einsicht selbst bei noch schulpflichtigen Kindern sehr selten 
vorkamen (nach Aschaffenburg 1. c. in den Jahren 1897—99 durchschnitt¬ 
lich 3,4 °/ 0 ) und dass auch in den verschiedenen Oberlandesgerichtsbezirken 
eine von der verschiedenartigsten Handhabung zeugende prozentuale Schwankung 
sich ergeben hat. Im speziellen war diese Verschiedenartigkeit für die Jahr¬ 
gänge vom 12.—14. Lebensjahr nach Aschaffenburg eine so enorme, dass in 
den Jahren 1894—1896 Kolmar mit 57,1 Freisprechungen wegen mangelnder 
Einsicht am einen Ende steht, Braunschweig mit 0,5 auf je 100 Verurteilungen 
Jugendlicher, am anderen. Auch im Jahre 1900 fanden sich, wie ich der Tabelle 
bei Schnitze entnehme, Differenzen von 7,8% (Köln) bis 1,0% (Dresden, 
Zweibrücken) Freisprechungen nach § 56 St.G.B. 

Die kriininalpsychologische und strafrechtsreformatorische Be¬ 
wegung der letzten Jahrzehnte 3 ) hat in zahlreichen Erörterungen 
nicht nur die Unzulänglichkeit und psychologische Fehlerhaftigkeit 
des oben skizzierten Verfahrens auf gezeigt und dargelegt, dass bei 
der Prüfung der „erforderlichen Einsicht“ in viel höherem Masse 
medizinisch-psychologische und pädagogisch-psychologische Faktoren 
zu berücksichtigen sind, sondern hat auch mit weitgehender Ueber- 
einstimmung der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu der 
Erkenntnis geführt, dass der Inhalt des § 56 überhaupt nicht genügt, 
um in wirksamer und gerechter Weise gegen die jugendlichen 
Rechtsbrecher zu verfahren und dass eine Umgestaltung der den 
§ 56 berührenden Bestimmungen bei der gesamten Reform des Straf¬ 
verfahrens und -Vollzugs gegen Jugendliche unumgänglich ist. 

*) Eine sehr Anschauliche Darlegung der Fehler dieses Verfahrens gibt E. Schultze 
in der erwähnten Abhandlung, deren Inhalt ich auch weiterhin mehrfach zugrunde 
gelegt habe. 

*) Vgl. die auf Schaefer und Schubart verweisenden Darlegungen von 
E. Ziemke, Monatsschr. f. Krimin&lpsychologie und Strafrechtsreform, Augustheft 
1911, über die Verschiedenheit der „kriminellen und sittlichen Einsicht“. 

Ä ) Bereits 1891 wurden von der Internationalen kriminalistischen Vereinigung 
auf Grund der Thesen von Appelius, Krohne und von Liszt die Abschaffung des 
§ 56 und 57 und Ersatz der Strafe durch öffentlich erzieherische Massnahmen für not¬ 
wendig erklärt. 


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Prüfung der sittlichen Reife j ugendl. Angeklagter n. Reform Vorschläge zum § 66. 149 


Schon bevor dies allseitig erstrebte Ziel durch den „Vorentwurf 
zu einem Deutschen Strafgesetzbuch“ *) in den Gesichtskreis einer 
teil weisen Verwirklichung getreten ist, hatte die bekannte — Köhnes 
Appell vom Jahre 1905 folgende — administrative Einrichtung der ge¬ 
sonderten Jugendgerichtsabteilungen im Jahre 1908 auch 
unserer speziellen Frage naturgemäss eine erhöhte Aktualität ver¬ 
liehen. Die sozusagen intimere Anordnung der Verhandlungen beim 
Jugendgericht, die spezialistische Beschäftigung der betreffenden 
Richter mit den Jugendlichen, die ihnen vor der Hauptverhandlung 
zufliessenden Informationen *) über persönliche, Familien- und Schul¬ 
verhältnisse sind wohl geeignet, dem Jugendrichter auch für die hier 
interessierende Frage der mangelnden oder vorhandenen „Einsicht“ 
Anhaltspunkte zu liefern. Aber erst durch eine regelmässige fach¬ 
ärztliche Untersuchung konnte natürlich die Gewähr geboten 
werden, dass die Einflüsse mangelhafter körperlicher oder geistiger 
Entwicklung und akuter krankhafter Zustände richtig erkannt werden 
und bei der Entscheidung der Einsichtsfrage ihre forensische Würdi¬ 
gung erfahren. 

Tatsächlich sind auch die Jugendgerichte bald dazu über¬ 
gegangen, in allen Fällen (München, Frankfurt a. M., Leipzig, 
ferner Mainz und Landshut) oder (Hamburg, Dresden, Köln und 
viele andere Städte) in den verdächtig erscheinenden Fällen, 
auf Grund der den Jugendrichtern zuerteilten Vormundschaftsbefug¬ 
nisse und dank der Bereitwilligkeit dafür interessierter Aerzte, eine 
fachmännische Untersuchung des körperlichen und geistigen Zustands 
der Angeklagten einzuführen; und damit wurden natürlich auch für 
die Frage des § 51 und für die eventuellen fürsorgerischen Mass¬ 
nahmen bestimmte Anhaltspunkte gewonnen. 

Für das Jagendgericht Berlin-Mitte, mit seinen nahezu 1800 Fällen 
jährlich wohl das grösste in Deutschland, besteht seit Oktober 1909 — dank 
der Initiative Fiirstenheims auf ärztlicher Seite, der sich bald Stelzner 
anschloss, und dank der Bemühungen Köhnes anf richterlicher Seite — die 
regelrechte Einrichtung, dass sämtliche Fälle vor der Hauptverhandlung durch 
eine spezialärztliche Helfergruppe untersucht werden können. Diese prozessual 
freilich nur sub Familienrechtssache gültigen ärztlichen Auskünfte sollten dem 
Jugendrichter kraft der Personalunion von Vormundschafts- und Strafrichter 
neben dem informatorischen Zweck die Möglichkeit bieten, in jedem zweifel- 


*) Im Verlag J. Guttentag, Berlin, 1909. 

*) In Berlin ist es die rührige Deutsche Zentrale für Jugendfürsorge, durch 
welche die HilfBtätigkeit der zahlreichen humanitären Vereinigungen organisiert und 
vermittelt wird. Ihre wertvollen Feststellungen werden neuerdings auch den Jngend- 
gerichtaärzten übermittelt. Ihr verdanke ich auch die von Referendar Oll endo rf 
stammenden Mitteilungen der jugendärztlichen Hilfseinrichtungen in anderen Städten. 


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haften Fall die Zuziehung des Sachverständigen zur Hauptverhandlung zu 
veranlassen und umgekehrt auch unnötige Ladungen von Sachverständigen zu 
Termeiden. 

Wie weit dieses Zusammenarbeiten schon heute praktische Er¬ 
folge gezeitigt hat, ist von juristischer Seite zu würdigen und ge¬ 
legentlich schon hervorgehoben worden 1 ). Sicher aber werden dadurch 
auch dem Psychologen und Psychopathologen neue Beobachtungs¬ 
möglichkeiten und eine Menge eigenartigen empirischen Materials 
geboten, aus denen manche Befruchtung, sowohl für die theoretische 
Forschung wie für praktische Gebiete, pädagogische*) und gesetz¬ 
geberische, erwartet werden darf*). 

Die unserer Arbeit zugrunde liegenden, teilweise in einer popu¬ 
lären Darstellung von mir schon verwendeten Versuche 4 ) sind ein 
Ergebnis meiner eigenen Gutachtertätigkeit an dem erwähnten Jugend¬ 
gericht Berlin-Mitte. Wenn sie auch ein allgemeineres wissenschaftlich¬ 
psychologisches Interesse für sich in Anspruch nehmen wollen, 
so sind sie doch ihrer Entstehung nach so eng mit dem gegen¬ 
wärtigen Stadium der Frage des § 66 verknüpft, sind sie ihrem Ziel 
nach von den schwebenden gesetzgeberischen Vorberatungen so sehr 
beeinflusst, dass es zweckmässig erscheint, zuvor die strafrechts¬ 
theoretischen Grundlagen des geltenden Jugendparagraphen, die Ab¬ 
änderungsvorschläge im Vorentwurf und die letzten Beschlüsse der 
2. Strafrechtskommission vom November 1911 einer kurzen 
medizinisch-psychologischen Betrachtung zu unterwerfen. 

2. Rechtsphilosophische und psychologischeBegründung 
der „relativen Strafmündigkeit“. 

Im Vorausgegangenen war schon zutage getreten, dass die sog. 
intellektuelle Reife nach allgemeiner Ansicht nicht als ein ausreichen¬ 
des Kriterium für die Strafmündigkeit seil, strafrechtliche Verant¬ 
wortlichkeit der jugendlichen Rechtsbrecher gelten kann; und diesen 
Mangel im geltenden Strafgesetz vermochte natürlich auch die Ein¬ 
führung sorgfältiger ärztlicher Untersuchungen und Intelligenz- 

') Speziell für München hat Jagendstaatsanwalt Rnpprecht den Wert der 
ärztlichen Helferschaft öffentlich anerkannt. Münch, med. Wochenschr. v. 8. März 1910 
(nach dem oben zitierten Buch von E. Sohultze). 

*) Tatsächlich haben die in dieser Arbeit publizierten Versuche im Anschluss 
an meinen darüber gehaltenen Vortrag in der Psychologischen Gesellschaft Berlin den 
Schularzt Dr. Schaefer veranlasst, eine grosse Enquete über das gleiche Thema in 
verschiedenen Schulen Berlins anzustellen, und schon vorher hatte Lehrer Barsekow 
eine ähnliche Aufgabe in verschiedenen Klassen der Gemeindeschule ausführen zu 
lassen versucht. Das Ergebnis der Versuohe Sohaefers harrt noch der Fertigstellung. 

*) Auch W. Fürstenheim hat vor Jahren schon diese Erwartung ausge¬ 
sprochen. Der Jugendgerichtsarzt „Kulturparlament“, Heft 3/4, 1909, S. 41. 

*) Die Grenzboten, 70. Jg., Nr. 49, 1911, S. 479 ff. 


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Prüfung der sittlichen Reife jngendl. Angeklagter u. Reformvorschläge zum §56. 151 


Prüfungen nicht aufzuheben. Auch in der Begründung des neuen 
Strafgesetzentwurfs wird ohne Einschränkung erklärt, dass die blosse 
Berücksichtigung der Verstandesreife im bisherigen § 56 einseitig 
sei. „Die blosse Kenntnis des Unterschiedes zwischen Recht und 
Unrecht *)," heisst es Allg. Teil, S. 257, „bildet aber keinen genügen¬ 
den Massstab für die strafrechtliche Verantwortlichkeit. Es kommt 
vielmehr auf die Gesamtentwicklung der Person, nicht bloss des 
Verstandes, sondern auch der sittlichen 1 ) Begriffe und des Wil¬ 
lens an.“ 

In der Tat ist ja ganz allgemein bei Erwachsenen wie Jugend¬ 
lichen für das Begehen oder Unterlassen einer Straftat sicher nicht 
so sehr das theoretische Moment, das blosse Wissen von der Straf¬ 
barkeit, das Ausschlaggebende, sondern es entscheiden, wie bei jeder 
Handlung, in letzter Linie die wirklichen oder antezipierten Reak¬ 
tionen des Gefühls- und Willenslebens, welche normaliter mit 
dem Vorgestellten eng verknüpft sind; es entscheidet, wieTrüper*) 
kurz behauptet, „die ethische Reife, das Produkt der Erziehung“. 
Die Berücksichtigung der Gemüts- und Willensbildung bei der Be¬ 
urteilung des jugendlichen Täters gilt somit heute als ein so selbst¬ 
verständliches Erfordernis, dass die konsequente und bewusste Ver¬ 
nachlässigung dieser Seiten im Gesetz immerhin recht auffällig er¬ 
scheinen muss und man sich zu fragen veranlasst sieht, ob jene 
frühere der heutigen entgegengesetzte Rechtsanschauung nicht doch 
auch ihre tiefere Begründung besessen hat. 

Die letzten Quellen dieser verschiedenartigen Stellungnahme — 
die, wie immer, letzten Endes in einer verschiedenartigen philo¬ 
sophischen oder Weltanschauung wurzeln, — aufzeigen zu wollen, 
liegt mir natürlich ganz fern und würde meine Kompetenz durchaus 
überschreiten. Es erscheint mir aber wichtig genug, wenigstens zwei 
allgemeine Einwände gegen die heute durchgehend vertretene 
Auffassung psychologisch zu erörtern und gerade bei ihrer Wider- 


l ) Die Befähigung, Recht von Unrecht, Gates von Bösem za unterscheiden, war 
auch in den Motiven zum Entwurf eines Strafgesetzbuches für den Norddeutschen 
Bund 1869, S. 104—105, wie ich der freundlichen Mitteilung von Professor Rad bruch 
entnehme, als unzulängliches Kriterium erklärt worden. Als das umfassendere und 
übergeordnete Merkmal wurde ihm dort, wie mir scheint, gerade ein Grad allgemeiner 
Verstandesentwicklung gegenübergestellt, der schliesslich in der Formel „erforderliche 
Einsicht w seinen Ausdruck fand. Die Motive des neuen Entwurfs setzen, offenbar 
von einer anderen Normalpsychologie ausgehend, der blossen Kenntnis des Unterschieds 
von Recht und Unrecht ihrerseits die Entwicklung sittlicher Begriffe als das Umfassen¬ 
dere gegenüber. 

*) Von mir gesperrt. 

*) J. Trüper, Pädagogische Theorie und Praxis zur Behandlung der Verfeh¬ 
lungen von Kindern und Jugendlichen. Das Kulturparlament, Heft 8 und 4, 1909, 
S. 120. 


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legung zu zeigen, dass auch in dieser Frage der Gesetzgeber weit 
schwierigeren Problemen gegenüberstand, als es bisweilen auf medi¬ 
zinischer und pädagogischer Seite erkannt wird: 

a ) Ein rechtsphilosophischer Einwand gegen die moderne 
Anffassnng and seine Widerlegung. 

Der eine Einwand, der gegen die Mitberücksichtigung der sitt¬ 
lichen Bildung für die strafrechtliche Verantwortlichkeit des Jugend¬ 
lichen erhoben werden kann, ist sozusagen ein rechtsphilo¬ 
sophischer. 

Betrachten wir nämlich die Stellung, die der Strafrichter ganz 
allgemein zu den moralischen Qualitäten des Uebeltäters, diesem 
subjektiven Tatbestandsmerkmal gegenüber einzunehmen hat, so wird 
man sogleich erkennen, dass wenigstens beim erwachsenen und 
geistesgesunden Verbrecher sittliche Mängel grundsätzlich nicht in 
unserem Sinne mildernd in Rücksicht gezogen werden dürfen. Im 
Gegenteil 1 Eine Feststellung besonderer sittlicher Defekte könnte 
den Täter nur noch schwerer belasten (wie ja der § 18 des neuen 
Strafgesetzentwurfs tatsächlich Strafverschärfung wegen „besonderer 
Roheit, Bosheit oder Verworfenheit“ vorgesehen hat). In dem Ver¬ 
sagen der sittlichen Faktoren, nicht in dem Verstandesmangel, 
wird ja gerade letzten Endes die Schuld gesehen, der Unmoral des 
Täters wird die Verletzung der Strafgesetze in erster Linie zugerechnet, 
und gegen sie, nicht gegen das unzureichende Wissen ist im Prinzip 
die Schärfe des Gesetzes gerichtet (die sonstigen Bedeutungen der 
Strafe und die anderen für die Strafzumessung relevanten Momente 
bleiben hier natürlich ausser acht). Und dies gilt auch im allge¬ 
meinen für die leichteren Gesetzesübertretungen aus Fahrlässig¬ 
keit, in welchen ebenfalls nicht das unzureichende Wissen, sondern 
„die Vernachlässigung pflichtgemässer Aufmerksamkeit,“ also die Ver¬ 
letzung einer sittlichen Pflicht, durch die Strafe getroffen werden 
soll 1 )* Sollten sonach nicht auch dem Jugendlichen seine ethi¬ 
schen Defekte als Schuld zugerechnet werden müssen und somit die 
ganz besondere Rücksicht auf seine sittlichen Mängel nicht ein un¬ 
berechtigtes Verlangen sein? Und dies um so mehr, als der Jugend¬ 
liche vom 12.—18. Lebensjahr an und für sich schon in allen Fällen 
den Vorzug der gemilderten Bestrafung, des weit niedrigeren Straf¬ 
rahmens durch § 57 St.G.B. nach gegenwärtigem Rechte geniesst. 

Demgegenüber haben wir zu erklären: Vom erwachsenen 
und geistesgesunden Rechtsbrecher müssen allerdings die Straf- 

’) Vgl. Frank 1. c. S. 187. Ausdrücklich festgelegt ist diese Auffassung im 
§ 60 des neuen Entwurfes und in der Begründung dazu, Bd. I, S. 212. 


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Prüfung der sittlichen Beife jugendl. Angeklagter u. Reformvorschläge znm § 66 . 153 

gesetze — das ist ihre unumgängliche, sei es auch nur fiktive Grund¬ 
lage — ein für allemal voraussetzen und fordern, dass er den zu 
ihrer Innehaltung notwendigen sittlichen Widerstand hätte auf¬ 
bieten können oder nach Liszt schein Terminus 1 ), dass er die 
Fähigkeit zu sozialem Verhalten tatsächlich besass. Weiler trotz¬ 
dem den imethischen Antrieben nachgab, ist er schuldhaft und straf¬ 
würdig. Vom Jugendlichen dagegen kann billigerweise nur dann 
das Gleiche gefordert werden, wenn die Fähigkeit zu sozial-ethischem 
Verhalten jedem Menschen angeboren verliehen wäre, oder wenn sie 
sich wenigstens bis zum Beginn der Strafmündigkeit, also bis zum 
Ende des 12. Lebensjahres, bei allen völlig entwickelt hätte. Dann, 
und nur dann, könnte die Ablehnung jeglicher Prüfung in der Rich¬ 
tung der sittlichen Reife berechtigt sein. 

Die zweite dieser beiden Möglichkeiten wird in den weiteren 
Darlegungen ihre Widerlegung finden, die erste, nämlich die Voraus¬ 
setzung einer angeborenen sittlichen Fähigkeit bedarf ihrer kaum. 
Denn, welchen letzten Ursprung man auch den ethischen Normen 
wie dem Charakter zuerkennt — in der empirischen Erscheinung ist 
Säugling und Kind bis zu einem gewissen Alter sicher weder als ein 
moralisches, noch unmoralisches Wesen anzusehen, sondern als ein 
Organismus, der nur von den entwicklungsgesetzlichen Trieben der 
physischen Selbsterhaltung in seinen Reaktionen der Aussen weit gegen¬ 
über bestimmt wird. 

Mit Recht sagt in dieser Hinsicht der Psychologe Br ahn 2 ): Ein un- 
egoistisches Kind wäre eins, das nicht lebensfähig wäre; ebenso auf psychia¬ 
trischer Seite Aschaffenburg*): „Die Handlungen eines Kindes tragen von der 
Zeit an, zu der überhaupt die ersten deutlichen Spuren bewussten Reagierens 
auf die Reize der Aussenwelt bemerkbar werden, den Stempel des Egoismus. 
Sie entspringen den Bedürfnissen des eigenen Körpers, dessen Wohlbehagen 

in naiver Rücksichtslosigkeit auch auf Kosten anderer erstrebt wird.“ 

Aehnlich erklärt Gl au pp in seinem bekannten kleinen Buche 4 ) das Gefühls¬ 
leben des kleinen Kindes für durchaus egoistisch; um auch den Ethiker und 
Pädagogen za Wort kommen zu lassen, sei Achelis 6 ) erwähnt, der es für 
die natürliche Ethik des Kindes erklärt, Rücksicht auf das Wohl anderer 
völlig ausser acht zu lassen, und schliesslich Sully 6 ), der von einem Stadium 
des „ursprünglichen Egoismus" spricht. 

*) v. Liszt, Lehrbuch des deutschen Strafrechts, 16.—17. Aufl., S. 162. 

*) In Adele Schreibers „Buch vom Kinde" B. G. Teubner 1907, S. 142. 

*) 1. o. „Die rechtlichen Grundlagen der Psychiatrie“, S. 67 ff. 

*) R. Gaupp, „Psychologie des Kindes“, Sammlung Göschen, 2. Aufl., S. 62. 

*) Th. Achelis „Ethik“, Sammlung Göschen, Band 90, S. 118. 

*) Sully-Stimpfl, „Untersuchungen über die Kindheit“, 2. Aufl. 1904, 
S. 194. 


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Die Erweckung und Entwicklung von ethischen, aber besonders von 
sozialethischen Gefühlen und Ideen 1 * * ) oder gar der Erwerb einer 
bewussten Sittlichkeit verlangt ja zweifellos neben einem gewissen 
Mass von Verstandesreife, neben einer gewissen Erfahrung über die 
gegenseitigen Beziehungen in der menschlichen Gemeinschaft ein oft 
wiederholtes Erleben der verschiedensten eigenen Gefühlszustände. 
Vieles muss erst durch Erziehung und Belehrung zum Verständnis 
gebracht werden, vor allem aber muss jeder Einzelne an sich selbst 
Zustände von Schmerz und Lust, Hoffnung und Enttäuschung, Vor¬ 
satz und Reue, Strafe und Belohnung irgendwie durchkostet haben, 
um sich in fremde Seelenzustände einfühlen und auf sie Rücksicht 
nehmen zu können und um sich — nach einem Ausdruck Bär¬ 
walds*) — zu einem „allo-psychischen Interesse“ veranlasst zu sehen. 
Wenn der Psychiater Siemens 5 ) auch mit seiner Annahme zu weit 
geht, dass überhaupt erst mit der Pubertät das Gefühl des Altruismus 
sich entwickeln könne 4 ), so werden doch sicherlich gerade in der Zeit 
der sexuellen Reifung noch neue altruistische Instinkte in der Seele 
geweckt, vorher unmögliche soziale Interessen dem Ideenkreise zu¬ 
gänglich gemacht und das natürliche Register der Gefühle und Stre¬ 
bungen erst durch diese innere Sturm- und Drangperiode zur Vollständig¬ 
keit und tieferen Betonung gebracht. Vor dieser Epoche kann daher 
unmöglich eine qualitative — zu schweigen von einer quantitativen 
— Gleichsetzung des Jugendlichen mit dem Erwachsenen hinsichtlich 
ihrer strafrechtlichen Verantwortlichkeit erlaubt sein, wie es auch 
schon Köhne 5 ) in einer seiner ersten Schriften über Jugendliche 
hervorhob. Bei der Verurteilung der Jugendlichen ist daher nicht 
nur die mildere Bestrafung aus den allgemeineren im Gesetz voll¬ 
berücksichtigten Erwägungen am Platze, sondern auch in der Frage 
der Strafausschliessungsgründe, der strafrechtlichen Verantwort¬ 
lichkeit, darf ihnen billigerweise das Versagen der sittlichen Kräfte 
nur dann als Schuld zugerechnet werden, wenn ihnen die Möglich¬ 
keit eines anderen, nämlich des gesetzmässigen Verhaltens nach dem 


l ) Vgl. Strümpei, L., Die pädagogische Pathologie, 3. Aufl., 1899, S. 206 ff. 

a ) In einem Vortrag in der Psychologischen Gesellschaft Berlin, Nov. 1910. 

*) Monatsschrift fiir Kriminalpsychol. und Strafreohtsreform, 2. Jahrg., S. 698 ff. 

4 ) E. Meumann lässt in seiner Zusammenfassung über die Entwicklung der 
Gefühle erst „vom 13. oder 14. Jahr an altruistische Motive in höherem Masse“ sich 
geltend machen. Experimentelle Pädagogik, 2. Aufl., 1911, 1. Bd., S. 657. Er betont 
8. 619 gleichfalls, „dass erst eine gewisse Summe von Lebenserfahrungen erworben 
sein muss, ehe .sittliches Urteil und Wollen* sich geltend machen kann.“ 

*) P. K ö h n e, Monatsschr. f. Kriminalpsychol. u. Strafrechtsreform, 2. Jg., S. 574. 
Ebenso E. Wulffen im gleichen Bande, S. 172 ff., „Zur Kriminalpsychologie 
des Kindes.“ 

Vgl. auch die zutreffende Schilderung F. W. Foersters in seinem „Schuld 
uni Sühne“, München 1911, S. 158/59. 


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Prüfung der sittlichen Reife jngendl. Angeklagter u. Reformvorschläge zum § 56. 155 


Stande der natürlichen Entwicklung, nach ihrer sitt¬ 
lichen Reife, notorisch gegeben war. War aber ein gewisser Grad 
der ethischen Entwicklung noch nicht erreicht, so wird eine Be¬ 
strafung im Gemüts- und Willensleben auch keine Resonanz erwecken 
und müsste, ungeachtet aller intellektuellen Reife vom Standpunkt der 
Sühne sowohl, wie der Besserung ihren Zweck verfehlen. 

Die Forderung, dass das Mass der sittlichen Ent¬ 
wicklung grundsätzlich beim Jugendlichen neben dem 
der intellektuellen mit berücksichtigt werde, erscheint 
somit tatsächlich erwiesen und der erste mögliche Ein¬ 
wand also widerlegt. 

I?) Ein psychologischer Einwand und seine Widerlegung. 

An dieser Stelle schliesst sich nun sogleich der zweite Ein¬ 
wand gegen die obligatorische Prüfung der sittlichen Reife an. Wir 
können ihn etwa als den der forensischen Methodik bezeichnen. 

Mag unsere Forderung — so könnte man etwa sagen — theo¬ 
retisch noch so berechtigt sein, so bedarf es doch vielleicht nicht 
eines besonderen Aufwandes, um ihr in praxi zu genügen. Wenn 
es nämlich richtig wäre, wie Sokrates lehrte, und wie es in dem 
Discemement des Code pönal und noch in den Motiven des geltenden 
Strafrechts anklingt, dass rechtes Wissen auch rechtes Handeln in 
sich schlösse 1 ), und wenn es ferner zuträfe, wie die Intellektua¬ 
listen der Psychiatrie und Psychologie einseitig glauben, dass eine 
ethische Anomalie nur dann angenommen werden dürfe, wenn gleich¬ 
zeitig irgend eine Intelligenzstörung, ein gewisser Grad von Schwach¬ 
sinn vorliege *), und umgekehrt, da, wo ein Intelligenzdefekt sich zeigt, 
auch moralische Defekte vorhanden sein müssten ®), so würde das bis¬ 
herige Verfahren, die intellektuelle Reife entscheiden zu lassen, trotz 
allem ausreichen, und zum mindesten wäre bei manifester, nor¬ 
maler Verstandesentwicklung ein weiteres Fahnden in der Richtung 
ethischer Anomalien entbehrlich. 

*) Vgl. Schulze 1. c. 

*) ln der Tat entspricht diese Auffassung der Rechtsprechung des obersten Ge¬ 
richts in seiner oft zitierten Entscheidung E. XV, 97. 

*) Es ist überraschend, zu sehen, dass selbst E. Meumann, der dem Verdacht 
eines einseitigen Intellektualismus oder einer Vorstellungsassoziationspsyohologie durch¬ 
aus fernsteht und ihn gerade in jenem Kapitel von sich weist, apodiktisch den Satz 
aufstellt und durch St oerring zu stützen versucht: „dass schwachsinnige Kinder 
stets auch moralisch minderwertig sind, ebenso wie schwachsinnige Erwachsene,“ 
1. c. S. 619. 

Genau zur entgegengesetzten Ansicht gelangte L. Scholz auf Grund seiner 
reichen praktischen Erfahrungen als Direktor einer Idiotenanstalt, wenn er schreibt: 
„Wie wir gesehen, gibt es keinen Parallelismus zwischen Intelligenz und Sittlichkeit 
— weder bei den Schwachsinnigen noch bei den Vollsinnigen.“ Anomale Kinder. 
Berlin 1919, S. 118. 


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Aber vom philosophischen, psychologischen und psychiatrischen 
Standpunkt aus muss die Voraussetzung dieser Art Abhängigkeit des 
Fühlens und Wollens vom Wissen, der Sittlichkeit vom Verstand als 
unhaltbar erklärt werden, und nur soviel ist daran richtig, dass ein 
gewisses Mindestmass von Intelligenz für die Bildung ethischer Be¬ 
griffe vorausgesetzt werden muss. Im übrigen kann in der Aus¬ 
bildung und in dem Kräfteverhältnis der einzelnen seelischen Grund¬ 
funktionen, ungeachtet der notorischen Einflüsse, die sie wechsel¬ 
seitig aufeinander ausüben, die grösste Verschiedenartigkeit 
bestehen. 

Anmerkung: 

Auf philosophischer Seite genüge es, an die extreme Selbständigkeit 
zu erinnern, wie sie Schopenhauer 1 ) dem Willen vom Beginn des Lebens 
an gegenüber den Verstandesfunktionen zugeschrieben hat und wie er in un¬ 
erschöpflichen Beweisen diese seine Behauptung zu stützen sucht. „Geschichte 
und Erfahrung lehren, dass beide (sc. Wille und Charakter einerseits, Intellekt 
anderseits) völlig unabhängig von einander auftreten .... Inzwischen schliesst 
man nie von einem vorzüglichen Kopf auf einen guten Willen, noch von diesem 
auf jenen, noch vom Gegenteil auf das Gegenteil: sondern jeder Unbefangene 
nimmt sie als völlig gesonderte Eigenschaften, deren Vorhandensein jedes für 
sich, durch Erfahrung auszumachen ist. tt 

In psychologischer Hinsicht genüge es, an Wundts Voluntarismus 
und an Meumann selbst zu erinnern, welcher seine psychologische Stellung 
neuerdings als „komplexen Voluntarismus“ 1. c. S. 683 erklärt. 

Was die für uns wichtigste Stellungnahme der Psychiatrie betrifft, 
so hängt diese hier eng mit dem Problem der moral insanity zusammen. Schon 
Griesinger 2 ) hat zutreffend erklärt, dass die von Jugend an mit verkehrten 
und unmoralischen Neigungen Behafteten, wenn man auch bisweilen bei ihnen 
von moralischer Idiotie spreche, nicht notwendig mit Entwicklungshemmung 
der intellektuellen Tätigkeit versehen seien, sondern dass sich diese Zustände 
„neben guten wie schlechten (sc. intellektuellen) Anlagen“ finden. 

Aehnlich erklärt Gau pp 1. c. 8. 153 sehr richtig gegenüber der Auf¬ 
fassung, es könne keinen moralischen Defekt bei guter Intelligenz geben: „Man 
verwechselte den Mangel moralischer „Begriffe“ mit der sittlichen Gefühllosigkeit 
(ein Grundfehler intellektualistischer Psychologie)“ und fährt fort: „Wer sich 
in der Welt umsieht, trifft häufig auf intelligente Hallunken und auf sittlich 
gute Dumme und Schwachsinnige.“ 

Auch Anton 9 ) hat überzeugend dargelegt, „dass in der Tat die Krank- 


*) Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. II, 2. Kap. 
Vom Primat des Willens im Selbstbewusstsein. Reel am-Ausgabe, 5. 264. 

*) Griesinger, Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, 
2.-4. Aufl. 1861—76, S. 366. 

B ) Anton, G., Ueber krankhafte moralische Abartung im Kindesalter. 
Juristisch-psychiatrische Grenzfragen, herausg. von Finger, Ho che, Bresler. 
Bd. 7, Heft 3, S. 6, Marhold 1910. 


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Prüfung der sittlichen Keife jugendl. Angeklagter n. Reformvorschläge zum § 56. 157 


heit elektiv einzelne Teile der seelischen Gesamtfunktionen des Gehirns 
schwerer betreffen kann als andere“. Und wirklich, kein beobachtender 
Psychiater kann verkennen, in wie verschiedenartigem Masse die verschiedenen 
Psychosen Gemüts- und Verstandesleben, Noo- und Thymopsyche nach Stransky, 
befallen. Selbst Ziehen, ein Psychiater, der jedes selbständige Willens- und 
Gefühlsleben leugnet und nur die den Vorstellungen anhaftenden „Gefühlstöne“ 
zugesteht, hat von jeher Geisteskrankheiten ohne Intelligenzdefekt, deren 
typischste die „affektive Psychose“ ist, den Geisteskrankheiten mit Intelligenz¬ 
defekt gegenüberzustellen sich veranlasst gesehen. 

Eine eingehende Orientierung über dieses viel missverstandene Problem, 
soweit es uns angeht, findet sich in der soeben erschienenen Arbeit Her¬ 
manns 1 ), der seine Anschauungen durch die Untersuchung einer freilich doch 
zu kleinen Zahl von Idioten und Schwachsinnigen zu begründen suchte. Im 
vollsten Gegensatz zu Meumann und Störring hat auch er sich überzeugen 
müssen, dass selbst unter geistig sehr tief stehenden Idioten „vorzügliche 
sittliche Veranlagung“ und „grosse, auch opferwillige Gutmütigkeit“ vorkommt. 
In der Frage des Verhältnisses von Intelligenz zur Moral schliesst er sich 
offenbar den von ihm erwähnten Forschern Tiling und Berze an, ferner 
Bleuler, Binswanger, Koch, Eschle, Möbius, Näcke und Müller, „die 
alle hervorheben, dass die intellektuelle und moralische Entwicklung in keiner 

Weise einander parallel laufen. Dass man bei Imbezillen und 

Idioten alle Grade moralischer Qualifikation antrifft, dass tiefstehende Idiotie 
sich mit hochwertigen echten moralischen Gefühlen und strengrechtlicher 
Lebensführung mit vollkommener Erfassung der grundlegenden Sittengesetze 
verträgt (? Verf.), während umgekehrt vorzügliche, ja geniale intellektuelle 
Entwicklung jenen moralischen Tiefstand aufweisen kann, den man als „Schwach¬ 
sinn“ manchmal bezeichnen hört, wird von ihm (sc. Tiling) gleichfalls 
erwähnt.“ 

Gelten diese Feststellungen in erster Linie vom Erwachsenen, 
so lässt sich in gleicher Weise unschwer auch an Kindern und 
Jugendlichen nach weisen, wie die Intensität und die Entfaltung der 
verschiedenen seelischen Komponenten individuell äusserst variabel 
ist. Ein dauerndes harmonisches Fortschreiten von Verstandes* und 
Gemütsbildung besteht keinesfalls immer, denn nicht nur bei Psycho¬ 
pathen finden wir jene eigenartige Disproportionalität der seelischen 
Teilkräfte, sondern auch bei normalen Kindern begegnen uns 
psychische Physiognomien, in welchen beispielsweise kindliche Naivetät 
des Fühlens und Wollens mit frühgereiftem Intellekt vereinigt ist. 
Ueberhaupt ist das Tempo der Entwicklung jeder seelischen Funk¬ 
tion schwerlich ein stetiges, sondern auch hier bestehen wohl etappen¬ 
förmige und periodische Schübe bald der einen, bald der anderen 


] ) Hermann, Das moralische Fühlen und Begreifen bei Imbezillen und bei 
kriminellen Degenerierten. Ehenda, Bd. 8, Heft 4/5, S. 61—62, 1912. 


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Funktion, wie es in der Kurve des körperlichen Wachstums längst 
festgestellt ist. (Vgl. Meumanns Perioden spezifischer Empfänglich¬ 
keit 1. c. 675.) 

Die individuellen Unterschiede in der Verstandesbildung einer¬ 
seits, Gemüts- und Willensbildung andererseits, die weitgehende Un¬ 
abhängigkeit des Wachstums der einzelnen Grundfunktionen, wie wir 
sie festgestellt haben, führt also zu dem endgültigen Resultat, dass 
auch auf dem indirekten Wege, nämlich mittels des intellektuellen 
Höhenmassstabes, die Berücksichtigung der jeweiligen sittlichen 
Entwicklungsstufe bei jugendlichen Angeklagten nicht entbehrlich 
gemacht werden kann. 


3. Die den §56 St.G.B. betreffenden Reformvorschläge. 

Wir wenden uns nun der Frage zu, auf welchem Wege man 
der nunmehr endgültig erwiesenen Notwendigkeit einer Reform gesetz¬ 
lich Genüge leisten könnte. Aus der obigen Darlegung ergeben sich 
zwei Richtungen, in denen der Gesetzgeber möglicherweise die 
Lösung der Frage versuchen konnte und, wie wir sogleich sehen 
werden, auch in gewisser Weise versucht hat. 

a) Der erste Weg war der, die Grenze des straffreien Altars, 
die jetzt bekanntlich mit vollendetem 12. Jahre abschneidet, in eine 
Altersstufe hinauf zu verlegen, in welcher sowohl die intellektuelle 
wie sittliche Reife durchgehend als so entwickelt betrachtet werden 
darf, dass von hier ab aufwärts die Jugendlichen unbedenklich dem 
gleichen strafrechtlichen Prinzip hinsichtlich ihrer Verantwortlichkeit 
wie Erwachsene unterworfen werden können. Man hätte beispiels¬ 
weise die Strafmündigkeit, unter Aufgabe des bisherigen relativen 
Strafmündigkeitsbegriffs, definitiv mit dem vollendeten 16. Lebens¬ 
jahr beginnen lassen können, dem Zeitpunkt entsprechend, in welchem 
das geltende Gesetz den Jugendlichen für reif erachtet, die Bedeutung 
des Eides zu erfassen. Der § 56 mit allen seinen Schwierigkeiten wäre 
dadurch ganz beseitigt, wenn auch die Aufgabe nun um so dring¬ 
licher würde, alle noch nicht strafbaren Jugendlichen von verbreche¬ 
rischer oder antisozialer Gesinnung durch öffentlich-erzieherische, 
eventuell ärztliche Massnahmen, zu einem geordneten Verhalten zu 
zwingen, sie „an ein gesetzmässiges Leben zu gewöhnen“. (Vgl. § 69 
des Vorentwurfs.) 

Diesen Weg hat, wenigstens dem Prinzip nach, der Vorentwurf 
zu einem Deutschen Strafgesetzbuch eingeschlagen. Er verlängert 
bekanntlich die Zeit der absoluten Strafunmündigkeit um 2 Jahre, 
d. h. bis an das Ende des 14. Lebensjahres (§ 68) und begründet dies 
zutreffend damit, dass „Bonder im Alter von 12—14 Jahren fast 


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Prüfung der sittlichen Reife jngendl. Angeklagter n. Reformvorschlftge rum § 66. 159 


durchweg sittlich und geistig noch dergestalt in der Entwicklung be¬ 
griffen und unfertig sind, dass sie strafrechtlich am besten nicht ver¬ 
antwortlich gemacht werden“ (Allg. Teil, S. 256). Was aber das 
bisherige Sonderrecht der Jugendlichen, die obligatorische Prüfung 
auf vorhandene Einsicht, betrifft, so erklärt dies der Entwurf 
nach den bisherigen Erfahrungen für praktisch unzureichend und 
wirkungslos, und mit der Beseitigung der zwei jüngsten Jahrgänge 
für überflüssig, da ja Jugendliche jenseits des 14. Lebensjahres 
in der formalen Schuldfrage grundsätzlich den Erwachsenen 
gleich zu erachten seien, „denn die subjektive Fähigkeit, ein Delikt 
zu begehen,“ so heisst es wörtlich S. 258, „gehört zum Begriff der 
Zurechnungsfähigkeit, die bei jugendlichen Verbrechern von keiner 
anderen Art ist als bei Erwachsenen.“ 

Von psychiatrischer, wie juristischer Seite hat es nicht an Ein¬ 
wänden gegen diese radikale theoretische Gleichsetzung aller Per¬ 
sonen vom Ende des 14. Lebensjahres an aufwärts gefehlt; sehr ent¬ 
schieden hat auch der von den bekannten Rechtslehrem aufgestellte 
Gegenentwurf 1 ) Stellung im ablehnenden Sinn dazu genommen, 
und unsere obigen Ausführungen, ebenso wie die unten folgenden 
Versuchsergebnisse bestätigen durchaus diese Bedenken vom Stand¬ 
punkt medizinisch-psychologischer Forschung. 

b) Der zweite, aus unseren obigen Darlegungen hervorgehende 
Reformweg war der, die sog. relative Strafmündigkeit und damit den 
§ 56 zwar nicht zu beseitigen, jedoch derartig neu zu gestalten, dass 
in ihm neben der intellektuellen auch der sittlichen Reife voll¬ 
kommen Rechnung getragen wird, sei es nun unter Beibehaltung, 
sei es unter Heraufsetzung der bisherigen Grenze der absoluten Straf¬ 
unmündigkeit. 

Die unter Vorsitz des Ministerialdirektors Lukas tagende 
zweite Strafrechtskommission hat nun tatsächlich diesen 
zweiten Weg beschritten und unter Preisgabe der Rechtsauffassung des 
Vorentwurfs vor wenigen Monaten beschlossen 2 ): Die Heraufsetzung der 
absoluten Strafunmündigkeit auf das 14. Lebensjahr zwar im Sinne 
des Vorentwurfs § 68 anzunehmen, dagegen die Jugendlichen zwischen 
14 und 18 Jahren hinsichtlich der formalen Schuldfrage den Erwach¬ 
senen nicht gleich zu erachten, ihnen vielmehr Straflosigkeit zu¬ 
zuerkennen, „wenn sie,“ wie es wörtlich heisst, „wegen zurück¬ 
gebliebener Entwicklung oder mangels der erforderlichen geistigen 


*) Gegen ent wurf zum Vorentwurf eines Deutschen Strafgesetzbuches. Heraus¬ 
gegeben von W. Kahl, K. v. Lilienthal, F. v. Liszt und J. Goldschmidt. 
Berlin, bei Guttentag 1911. 

*) Deutsche Juristenztg. Nr. 92, 1. Nov. 1911. 


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160 


Kati Lot z 


oder sittlichen Reife nicht die Fähigkeit besassen, das Ungesetz¬ 
liche ihrer Tat einzusehen oder ihren Willen dieser Einsicht gemäss 
zu bestimmen“ l ). 

Dieses ist, in grossen Zügen geschildert, die gegenwärtige 
Lage jener Frage, deren endgültige Losung für das bürgerliche 
Schicksal so vieler jugendlicher Personen entscheidend sein muss. 
Es schien mir berechtigt, auch von unserem Standpunkt aus im gegen¬ 
wärtigen Zeitpunkt Stellung dazu zu nehmen und als Konsequenz 
dieser Stellungnahme notwendig nun zunächst einmal Umschau zu 
halten und zu erproben, welches positive Material die psychologische 
und medizinische Wissenschaft den richterlichen Entscheidungen zur 
Verfügung stellen könnte, wenn künftig, wie wir es wünschen, auch 
die Prüfung des sittlichen Reifegrads bei jugendlichen Angeklagten 
mit in die gesetzlichen Vorschriften einbezogen wird. 

Das Resultat dieser kritischen Umschau, die sich hier jedoch nur 
auf das Wesentlichste erstrecken kann, daran anschliessend, meine 
eigenen Versuche und ihr bisheriges Ergebnis bilden den Inhalt 
des zweiten Teils der Arbeit. 

(Der II. Teil folgt in nächster Nummer.) 


Suggestion als Ueberzeugungsöbertragung und ihre 
Anwendung in der Erziehung 1 ). 

Von Kati Lotz in Berlin. 

Es ist hier schon vor ein paar Jahren einmal über „Suggestion 
und Pädagogik“ gesprochen worden. Herr Dr. F e i g s kam damals im 
Verlaufe seines Vortrages dazu, die Suggestion als solche für die Er¬ 
ziehung im ganzen abzulehnen und sie nur in Ausnahmefällen zuzu¬ 
lassen. 

Ich stehe auf einem ganz anderen Standpunkt. Ich halte dafür, 
dass Suggestion — bewusste und unbewusste — willkürliche und un- 


*) Ein kritisches Eingehen auf diese neue Formulierung des §56 I. Absatz resp. 
§ 69 V.E. liegt mir fern, und ich bin mir bewusst, dass ich mit einer gewissen Willkür 
bei meinen Untersuchungen den Begriff der sittlichen Reife von den einschränkenden 
Relationen dieses neuen gesetzlichen Textes isoliert habe. Es wird und muss mir jedoch 
genug sein, zunächst einmal den Begriff der sittlichen Reife im allgemeinen seiner 
psychologischen Bedeutung nach dargelegt und in seinen Beziehungen zur Recht¬ 
sprechung an 120 Fällen praktisch erprobt zu haben. 

*) Vortrag gehalten am am 2. Nov. 1911 in der Psychologischen Gesellschaft 
zu Berlin. 


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Suggestion als Uebenengnngsübertragong o. ihre Anwendung in der Erxiehung. 161 


willkürliche — im Zusammensein von Menschen immer vorhanden ist, 
und sich in keiner Weise aus dem Umgang der Erwachsenen mit 
Kindern ausschliessen lässt, dass es sich für uns nur darum handeln 
kann, die Suggestion bewusst und wollend in unseren Dienst zu ziehen. 

Wo immer Menschen Zusammenkommen, versuchen sie bewusst und 
absichtlich aufeinander einzuwirken, einander zu Handlungen zu veran¬ 
lassen, Vorstellungen und St immung en ineinander zu erwecken; mehr 
aber als alle gewollte und beabsichtigte Einwirkung wirkt unbeab¬ 
sichtigte, die teils durch die Rede, teils aber auch neben und trotz den 
Worten, bisweilen im Gegensatz zu den Worten statthat. In allem, 
was ein Mensch zum andern sagt, wirkt mehr noch als das gesprochene 
Wort die Ueberzeugung, die hinter den Worten steht, die sich im Ton, 
im gesamten Gesichtsausdruck, in der Haltung offenbart und die un¬ 
mittelbar rein gefühlsmässig vom Menschen zum Menschen wirkt. Sie 
ist es, die der Suggestion zu Heilzwecken ihre Kraft verleiht. Eine 
Suggestion ist schlechterdings unmöglich, wenn sie in schlaffem, zwei¬ 
felnden Ton unsicher vorgebracht wird, andererseits ist aber auch 
die Wirkung irgend eines Ausspruches, der in sicherem, zuversicht¬ 
lichem, seiner selbst gewissem Ton vorgebracht wird, unberechenbar. 

Es gibt Menschen, die jedem andern so begegnen, als seien sie gewiss, 
dass jeder sie lieben und jeder ihnen entgegenkommen müsse. Es ist 
eine Tatsache, dass solchen Menschen die Liebe anderer entgegen fliegt, 
nur weil sie mit dieser unerhörten Sicherheit nicht Liebe fordern, son¬ 
dern sie als vorhanden voraussetzen. Es gibt Kinder, die selbstver¬ 
ständlich alle ihre Gefährten beherrschen, nur weil alles, was sie sagen, 
so vorgebracht wird, als seien sie sicher, dass Widerspruch gegen 
ihre Wünsche unmöglich ist. Man weiss ja, wie viel z. B. bei einem 
Bewerben um eine Stellung davon abhängt, ob derjenige, der die Stelle 
sucht, mit einer gewissen Sicherheit oder Unsicherheit auftritt. 

Viele Kaufleute wissen sich dies mehr oder weniger bewusst zunutze 
zu machen, indem sie z. B. in überzeugendem Ton sagen: also, ich werde 
der gnädigen Frau das zusenden, auch wenn die gnädige Frau noch 
gar nicht daran gedacht hat, so ganz sicher der Sache zuzustimmen. 

Hieran können wir dann gleich auch die Grenzen für die Wirksam¬ 
keit einer derartigen Uebertragung feststellen, denn wenn die Käuferin 
ganz entschieden ist, es nicht zu nehmen, so wird sie sich durch den 
Ausspruch des Verkäufers nicht behelligen lassen, hat sie aber schon 
einige Neigung gehabt, den Kauf abzuschliessen, so wird die ohnehin 
vorhandene Neigung durch die Zuversicht des Verkäufers gestärkt und 
ko mm t zum Siege. War sie schon ohnehin fest entschlossen, den Kauf 
abzuschliessen, so bleibt der Ausspruch des Verkäufers überhaupt ohne 
Bedeutung. Hier haben wir denn ganz klar die drei Möglichkeiten, 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 11 


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die statthaben, sobald zwei Ueberzeugungen zusammen kommen. Ent¬ 
weder die Ueberzeugung des einen trifft auf eine völlig festgewordene 
entgegengesetzte Ueberzeugung des andern, dann bleibt die Ueberzeu¬ 
gung des ersten ohne Wirkung auf die Ueberzeugung des zweiten. 
Sobald aber die Ueberzeugung des zweiten schwankend ist, so wird sie 
durch die Ueberzeugung des ersten sicherer. Es bebt sich dann in dem 
Angeredeten alles, was ohnehin schon zugunsten der Ueberzeugung 
des ersten sprach und wird sieghaft. Ist der Angeredete vom Gegenteil 
dessen, was der erste sagte, überzeugt, aber sind noch kleine Unsicher¬ 
heiten vorhanden, hebt sich im Gegenteil alles, was zugunsten der ent¬ 
gegengesetzten Ueberzeugung spricht und wird erst recht bewusst. 
Beinahe ohne Wirkung bleibt es, wenn zwei vollkommen festgewordene 
einander gleichartige Ueberzeugungen Zusammenkommen. 

Das kann man lehr leicht in bezug auf religiöse Ueberzeugung 
feststellen. Spricht z. B. ein Frommgläubiger mit einem Menschen, 
der seit langem mit dem Kirchenglauben abgeschlossen hat, so mag 
diesen das gläubige Vertrauen des andern rühren, in seinen Anschau¬ 
ungen jedoch wird es ihn nicht beeinflussen, ebenso wird der Fromm- 
gläubige nur zu einem Erstaunen über die ihm ganz fremden An¬ 
schauungen kommen, jedoch sich in seinen Anschauungen nicht beirren 
lassen. Ist jedoch in einem von beiden auch nur der leiseste Zweifel 
vorhanden gewesen — dies kann völlig unbewusst der Fall sein —, 
dann wird jener Zweifel gestärkt und kommt, wenn auch vielleicht 
erst nach Jahren, empor, wenn abermals irgend ein Erlebnis in gleicher 
Richtung wirkt, und verursacht so schliesslich doch noch die Wandlung 
der Anschauungen. Am meisten wirkt es auch hier, wenn die sichere 
Ueberzeugung des einen auf völlig schwankende Vorstellungen des 
anderen trifft. Dieses Gebiet der schwankenden Vorstellungen und 
Triebe ist das eigentliche Gebiet der Suggestion, hier gibt die Ueber¬ 
zeugung des andern einem der Triebe die ihm fehlende Kraft und wird 
hierdurch bestimmend. 

Mit diesen Tatsachen stimmen die Berichte derjenigen überein, 
die berufsmässig Hypnose ausüben und in der Hypnose Befehle er¬ 
teilen. Man kann auch in der Hypnose nicht jeden Menschen zu jeder 
Handlung bringen. Vielmehr wird berichtet, dass sich der ethisch 
hochstehende Mensch weigert, einen Diebstahl auszuführen, den der 
ethisch minderwertige annimmt. Dazu wird berichtet, dass jemand, 
der sich anfangs weigerte, eine Uhr zu stehlen, dies tat, als man ihm 
sagte, es sei seine eigene Uhr oder die Gesetze über den Diebstahl seien 
geändert. 

Und so 'setzt sich denn die Suggestionsmiöglichkeit aus zwei 
Komponenten zusammen; erstens werden um so mehr Suggestionen ge- 


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Saggestion als Ueberzeugungsübertragung a. ihre Anwendung in der Erziehung. 163 


lingen, je stärker die Ueberzeugung desjenigen ist, von dem sie aus¬ 
gehen, zweitens um so mehr, je mehr die haibausgebildeten Vorstel¬ 
lungen und Triebe des zweiten in der Richtung desjenigen liegen, wozu 
der erste ihn veranlassen will. 

Die in dem Suggestionausübenden vorhandenen, der Absicht för¬ 
derlichen Ueberzeugungen lassen sich in ihrer Wirkung stärken durch 
absichtliche Uebernahme der den starken Ueberzeugungen eigenen Aus¬ 
drucksformen. Vor allem durch Annahme des überzeugenden sicheren 
Sprechtones. Die Widerstände im anderen lassen sich um so mehr 
wegräumen, je genauer man sie sieht und ihrem ganzen Zusammen¬ 
hang mit der seelischen Entwicklung des betreffenden Menschen kennt. 
Und es würden sich so, vorausgesetzt, dass überhaupt das vollkommene 
Erfassen der gesamten seelischen Beschaffenheit eines anderen jemals 
möglich wäre, Wirkungen und Umwandlungen erzielen lassen, an die 
man heute nicht denken kann. 

Wir kommen nun dazu, uns darüber klar zu werden, wie wir 
diese Erkenntnisse in der Erziehung verwerten können. Wenn wir 
die Suggestion so auffassen, wie vorhin geschehen, so ist wohl ganz 
klar, dass es unmöglich ist, sie aus der Erziehung auszuschalten. Sie 
durchsetzt vielmehr das gesamte Alltagsleben, und es kann sich für 
uns nur darum handeln, ob wir sie unwillkürlich, regel- und wahllos 
stattfinden lassen wollen, oder ob wir uns ihrer bewusst bedienen 
wollen. Die Kinder selbst können im Verkehr untereinander unsere 
Lehrmeister sein. Ich habe vorhin schon hervorgehoben, dass ein Kind 
die anderen beherrscht, weil aus seinem ganzen Wesen die Voraus¬ 
setzung, dass alle sich ihm beugen müssen, hervortritt. Die Kinder 
haben aber auch sonst Gewohnheiten, die für die Wirkung des einen 
auf die anderen von ausschlaggebender Bedeutung sind. Wenn man 
sieht, wie viele Dinge den anderen Kindern nur darum wertvoll er¬ 
scheinen, weil eines sie für wertvoll hält, und was für eine Wichtigkeit 
das einfache Wort: wir lassen dich nicht mitspielen, auch dann haben 
kann, wenn zuvor noch gar kein Verlangen in dem so angeredeten 
Kind bestand, sich an dem Spiel zu beteiligen, oder wie die Geheim¬ 
haltung irgend einer Sache immer wieder die davon Ausgeschlossenen 
erregen kann, selbst dann, wenn die Ausgeschlossenen durch mehr¬ 
fache Erfahrungen haben feststellen können, dass die Geheimnisse und 
Veranstaltungen gar nicht lohnen, und wie doch immer von neuem 
der Ton und die Wichtigkeit, mit der dies Geheimhalten und Aus- 
schliessen betrieben wird, wirken, der muss sich sagen, dass auf Kinder 
der Ton und die Haltung der Erwachsenen einen genau so weitgehen¬ 
den Einfluss ausüben müssen. 

Die Wirkung des Tones in der Sprache beginnt ihre Wirkung längst, 


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ehe das Kind selbst sprechen kann, längst ehe es irgendwie die Worte 
zu verstehen vermag. Es lässt sich durch den Ton in der Stimme der 
Mutter beruhigen, äussert Freude, wenn die Mutter in freudigem Ton 
ihm etwas mitteilt, und Trauer, wenn sie traurig mit ihm redet. Und 
auch später, wenn das Kind schon sprechen kann, und überhaupt 
während seiner ganzen Entwicklungszeit wirken ausser den Worten 
an sich die Stimmungen, die sich durch den Ton kundtun, und die un¬ 
mittelbar gefühlsmässig aufgefasst und in dieser Weise von den Eltern 
und Erziehern auf das Kind übertragen werden. Ein grosser Teil 
aller Werturteile, die überhaupt im Leben der Menschen irgend eine 
Bedeutung haben, verdanken ihr Vorhandensein in den einzelnen Er¬ 
wachsenen einer derartig frühzeitigen Aufnahme, die rein gefühls¬ 
mässig die Wertschätzung vom Erwachsenen auf das Kind übertrug. 

Ehe das Kind zum erstenmal bewusst Weihnachten erlebt, lernt 
das Kind Weihnachten als etwas Frohes und Bedeutsames empfinden 
und zwar nicht nur etwa darum, weil ihm die Mutter von schönen 
Dingen erzählt, die Weihnachten geschehen sollen, sondern weil der Ton 
der Mutter die Freude und zugleich das Bedeutsame des Festes zum 
Ausdruck bringt und im Kind die gleichen Empfindungen, ganz ab¬ 
gesehen von den Worten, erweckt. 

Das gilt erst recht für die sittlichen Werturteile. Der Ton, 
in dem zum erstenmal von einer; anerkennenswerten Handlung ge¬ 
sprochen wird, erzeugt die Empfindung, die sich nun als grundlegend 
mit der Vorstellung verbindet und ausschlaggebend für die sittlichen 
Einschätzungen wird, sei es, dass von einem Menschen gesprochen 
wird, der Schmerz mutig ertragen, Gefahren glücklich bestanden, der 
mit Einsetzung seines eigenen Lebens anderen geholfen hat. Ebenso 
überträgt sich die Liebe zu Tieren oder Pflanzen durch den Ton und die 
Art und Weise, in der die Mutter von ihnen spricht. Und erst recht 
der Abscheu in physischer und moralischer Hinsicht. Abscheu vor 
Schmutz oder vor Dingen, die der Ansteckung wegen gefährlich sind, 
werden vom Kind gemieden, ehe es imstande ist, die Gefahr zu über¬ 
schauen, nur weil das Kind den Abscheu davor von der Mutter ge¬ 
fühlsmässig übernommen hat. 

Auf derselben Grundlage entstehen religiöse Wertungen und zwar 
die Verbindung des Gefühls mit religiösen Vorstellungen, sei es nun, 
dass man im alten Sinne die unmittelbare Beziehung zu Gott und den 
Engeln oder im modernen Sinne die Ehrfurcht vor dem Gesamtgeschehen 
des Weltganzen sich damit von den Eltern auf die Kinder überträgt. 
Ja selbst da, wo es sich scheinbar um rein verstandesmässige Er¬ 
kenntnisse handelt, spielt die gefühlsmässige Uebertragung ihre Rolle. 
Niemals würde ein Kind annehmen, dass es sehr hohe Berge gibt, 


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Saggestion als Ueberzeagangsiibertragung u. ihre Anwendung in der Erziehung. 165 


dass der Weltenraum gross und weit ist, wenn die Ueberzeugungen 
des Sprechenden sich nicht durch den Ton, in dem er von diesen Dingen 
redet, mit übertrüge. 

Niemals wird ein Kind einem Befehl gehorchen, wenn nicht dem 
Befehlenden suggestive Kraft innewohnt, wenn nicht aus dem gesamten 
Wesen, der Haltung und dem Ton der Stimme die feste Ueberzeugung 
des Befehlenden, der Angeredete könne gar nicht anders als folgen, 
hervorgeht. Die feste Ueberzeugung des Befehlenden, der Angeredete 
könne gar nicht anders als folgen, unterwirft ihn dem Sprechenden. Das 
ist auch der Grund, warum die Kinder dem einen Erwachsenen folgen 
und dem anderen nicht, und warum oft eine ganze Schulklasse einem 
Lehrer, den sie nie zuvor gesehen haben, bei dem also Erfahrungen 
gar nicht mitsprechen können, vom ersten Tage an ein für allemal 
unterworfen sind. 

Wer erst sagen muss: du musst folgen, der beweist, dass er 
selbst das Folgen nicht für sicher hält, und ganz folgerichtig ver¬ 
wirklicht sich der Zweifel. 

Bisweilen empfiehlt es sich, das zu Erreichende überhaupt gar 
nicht erst anzuordnen, sondern es glattweg als geschehen anzusehen, 
z. B. wenn ihr aufgeräumt habt, kommt ihr zum Frühstück. Das Auf¬ 
räumen soll herbeigeführt werden, wird aber als so selbstverständlich 
vorausgesetzt, dass es sich gar nicht erst lohnt, darüber zu reden, es 
wird vielmehr nur beiläufig erwähnt, aber mit vollkommener Sicherheit, 
dass es geschieht. Und dieses, die Sicherheit in dem Sprechenden, dass 
es geschieht, überträgt sich auf das Kind. 

Im umgekehrten Sinn suggestiv, im nichtbeabsichtigten Sinn, 
wirken viele sehr oft gebrauchte Anreden. Ich meine hauptsächlich 
die vielbenutzten Redewendungen: kannst du das auch aushalten? 
ist dir das nicht zu schwer? Wer sein Kind fragt: bist du auch 
müde? wird den Eintritt der Müdigkeit beschleunigen. Wer sein 
Kind fragt: kannst du das auch tragen? wird das Nichttragenkönnen 
um so eher herbeiführen. Natürlich immer innerhalb der Grenzen der 
Suggestionsmöglichkeit überhaupt. Insofern als unter Umständen ein 
sehr gesundes, kräftiges Kind seiner Mutter erwidert: natürlich kann 
ich das! 

Ich hatte mehrfach Gelegenheit, folgendes zu beobachten: Kinder 
werden vorübergehend auf ein paar Wochen von Haus gegeben. Sie 
kommen z. B. zu mir ins Kinderheim, weil die Eltern verreist sind, 
Besuchende Anverwandte pflegen sie dann anzureden: bist du auch 
gerne da? Damit beweisen sie, dass sie daran zweifeln, dass das Kind 
sich vollständig wohl fühlt, und was etwa in dem Kinde an Gegen¬ 
gefühlen liegt, wird dadurch hervorgehoben. Wenn sie ernstlich wün- 


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sehen, dass das Kind gern da ist, so müssen sie das Gerndasein als 
das Allerselbstverständlichste von der Welt voraussetzen und so handeln, 
als ob es vorhanden wäre, das heisst, überhaupt nicht davon sprechen, 
sondern von ganz anderem. Auch die sonst als Suggestionsfrage an¬ 
gesehene: du bist doch gerne da? ist nicht suggestiv in dem hier er¬ 
wünschten Sinne. Sie ist suggestiv insofern, als sie die Antwort „Ja“ 
fast mit Bestimmtheit hervorruft, — aber nicht in d e m Sinne, dass 
die Empfindung als solche verstärkt wird, denn auch hinter ihr steckt 
der Zweifel, und der Zweifel wird aus ihr im Gegensatz zur erzielten 
Antwort Nahrung ziehen. 

Das einzig Verständige ist, vom Gerndasein nicht zu sprechen 
und sich vom Augenschein überzeugen zu lassen, ob der erwünschte 
Zustand vorhanden ist. Ist das Kind gern da, so ist es auch ihm 
natürlich, gar nicht davon zu sprechen, sondern von anderen Dingen, 
über die es sich freut. 

Dieses ist die ganz allgemeine Regel für die Herbeiführung irgend 
eines Gemütszustandes: Handele so, als ob der gewünschte 
Zustand vorhanden sei. Ist ein solcher Zustand vorhanden, 
dann fragt man überhaupt nicht danach, spricht überhaupt nicht 
darüber, sondern von anderen Dingen. 

Dasselbe Verfahren hat statt der Furcht der Kinder gegenüber, 
auch hier beweist die Frage: fürchtest du dich? oder auch der Zu¬ 
spruch: du musst dich nicht fürchten! dass der Erwachsene Furcht im 
Kinde als vorhanden annimmt. Das richtige Verfahren ist auch hier: 
Furcht als nicht vorhanden anzunehmen, gar nicht darüber zu sprechen, 
sich selbst mutig und zuversichtlich zu zeigen. Dass man Kindern ab¬ 
sichtlich Angst macht, mit dem schwarzen Mann droht, dürfte in ge¬ 
bildeten Familien nicht mehr Vorkommen. Es gibt freilich einzelne, 
von Natur ängstliche Kinder, die von sich aus zu Angstgefühlen 
kommen, so dass z. B. ein solches Kind sich vor dem Gewitter fürchtet, 
auch wenn es eine solche Furcht nicht zuvor an den Personen seiner 
Umgebung gesehen hat. Ich habe aber gesehen, dass ein solches Kind 
nicht nur zum ruhigen Ertragen des Gewitters kam, sondern sogar 
fähig wurde, die Schönheit des Gewitters zu empfinden, allein dadurch, 
dass es sah, wie die Umgebung das Gewitter vollkommen gleichmütig 
hinnahm, sich in ihren gewohnten Beschäftigungen nicht dadurch 
unterbrechen liess, und weiterhin sogar mit demselben Genuss wie 
anderen Naturerscheinungen auch diesen zusah. Wäre ein solches Kind 
zwischen Erwachsenen, die sich vor dem Gewitter fürchten, so würde 
sich natürlich seine eigene Furcht ins Ungemessene steigern. 

Das Verhalten der Erwachsenen einem Schmerz gegenüber, der 
durch eine körperliche Verletzung beim Kind hervorgerufen wird, ist 


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Suggestion als Ueberzeagungsübertragung n. ihre Anwendung in der Erziehung. 167 


im allgemeinen richtig. Die Volksgewohnheit schlägt hierbei im all¬ 
gemeinen den richtigen Weg ein. Sie sucht ihr Heil vor allem in der 
Ablenkung der Aufmerksamkeit, die ja ein Problem für sich ist. Doch 
würde diese allein ihr Ziel nicht erreichen, wenn nicht zugleich der 
Ton der Stimme die angemessene, doch nicht übermässige Schätzung 
zum Ausdruck brächte. 

„Komm, wir legen ein Stück Kuchen auf, dann ist’s gleich wieder 
heil,“ oder „ich puste mal, dann geht’s gleich weg“, oder „grosse 
Jungen weinen nicht!“ In allen diesen Fällen beruht die Wirksamkeit 
neben der Ablenkung der Aufmerksamkeit in der Wirkung des Tones, 
in dem die Ueberzeugung der Mutter, dass die Sache bald wieder gut 
sein wird, zum Ausdruck kommt. 

Ein ganz ähnliches Verfahren hat statt den Enttäuschungen 
gegenüber, die das Kind erlebt. Ein Kind ist unglücklich, weil die 
Grossmutter, die es erwartet hat, nicht angekommen ist. „Die Gross¬ 
mutter kommt morgen.“ Hier wirkt lediglich der Ton, der, wenn der 
Satz richtig gesprochen wird, ein doppeltes ausdrückt, einmal das 
gleiche Empfinden wie im Kin d, dass es sehr schön ist, wenn die 
Grossmutter kommt, und doch Gleichmut dem Umstand gegenüber, dass 
diese Freude aufgeschoben ist. 

Aehnlich sagt die Mutter zum Blind, dem die Puppe zerbrochen 
ist, „die machen wir wieder heil“ mit der gleichen Zuversicht und dem 
gleichen Unterton von Mitgefühl für den Schmerz an sich. 

Viele Frauen haben eine grosse natürliche Geschicklichkeit darin, 
dem Kind in allen Lebenslagen eine solch tröstliche Zuversicht zu geben. 

Auch eine Ablenkung, aber zugleich die Erweckung einer fehler¬ 
haften, das Kind selbst im weiteren Verlauf schädigenden Ueberzeugung 
ist die Anleitung, den Tisch zu schlagen, wenn das Kind sich daran 
gestossen hat. Da entwickelt sich im Kind die dahinterstehende fehler¬ 
hafte Ueberzeugung, dass bei allem Unangenehmen, das ihm im Leben 
zustösst, die Schuld in den Dingen ausser ihm zu suchen sei, und diese 
dafür die Prügel erhalten müssten, während doch umgekehrt das Kind 
zu seinem Heil gar nicht frühzeitig genug die den Tatsachen ent¬ 
sprechende ruhige Einordnung in das Gesamtgeschehen lernen kann. 
Aber im grossen und ganzen ist das Benehmen der Erwachsenen dem 
Schmerz und den Enttäuschungen des Kindes gegenüber richtig. 

Es ist eine Ausnahme, wenn ein Knabe so behandelt wird, wie 
der fünfjährige Hans, den ich in diesem Sommer vorübergehend in 
Pflege hatte. Wir hatten uns schon längst über die aussergewöhnliche 
Schmerzempfindlichkeit und das bei Kindern in dem Alter ungewöhn¬ 
lich haltlose Benehmen des Blindes irgend welchen Schmerzen gegen¬ 
über, gewundert. Bis eines Tages die Tante, bei der er erzogen wird, 


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anwesend war und sie das Kind, als es fiel, in die Arme nahm und mit: 
Hans, armer Hans! in Tönen bedauerte, die man stärker auch beim 
Verlust der höchsten Lebensgüter kaum aufbringen könnte. Dieselbe 
Dame brachte es fertig, ein neunjähriges Mädchen, das Durchfall hatte, 
anzureden: „Arme Mieze, hast du Durchfall?“ ebenfalls mit dem Tone 
des allerhöchsten Bedauerns. In diesem Falle traf das Bedauern auf 
ein Kind, das für dergleichen völlig unempfindlich ist, und die sich 
damit begnügte, der Dame einen höchst erstaunten Blick zuzuwerfen. 

Das ist ein Beispiel dafür, wie UeberZeugungen des Erwachsenen 
auf festgewordene Ueberzeugungen im Kind nicht wirken. Das sind 
dann auch die Fälle, in denen die Suggestion mit Erfolg den entgegen¬ 
gesetzten Weg einschlägt, nämlich die Kraft des Kindes oder die 
Möglichkeit, dass es irgend eine Handlung ausführen könnte, anzu¬ 
zweifeln. In solchen Fällen aber, wo man z. B. zu einem Knaben sagt: 
„du kannst doch keinen Klimmzug,“ steht eben trotz allem die Ueber- 
zeugung des Erwachsenen, das Kind könne dies ganz wohl, im Hinter¬ 
grund, und es dient lediglich zur Erhöhung des Kraftbewusstseins, 
wenn dies erst einmal angezweifelt wird. 

Diese Art des Anzweifelns ist grundverschieden von dem Ausdruck 
tatsächlich vorhandenen Zweifels in die Kraft eines Kindes. Es ist 
dies wieder ein Beweis dafür, wie sich die tatsächlichen Ueberzeugungen 
jenseits und trotz aller Worte und im Gegensatz zu den Worten Geltung 
verschaffen. 

Diese Tatsachen Hessen sich auf allen Erziehungsgebieten an¬ 
wenden und sind von der grössten Bedeutung, vor allem im Schulleben. 
Vor allem ist es hier wie dort, daheim und in der Schule, die Beurteilung 
der Person des Kindes und seiner Kraft, die für das Kind von der 
grössten Bedeutung ist. Schon vor Jahren las ich in einem Aufsatz 
über pädagogische Fragen die Gegenüberstellung: „Aber Müller, Sie 
haben ja 8 Fehler“ und „Na, natürlich, Müller hat wieder 8 Fehler!“ 
Es ist ersichtUch, wie verschieden es auf Müller wirken wird, wenn er 
in der einen oder anderen Weise angeredet wird, wie das eine Mal das 
Zutrauen ihn stärkte, das andere Mal das Misstrauen ihn schwächen 
wird. Ein Kind, dem die Eltern oder die Lehrer nichts Zutrauen, wird 
immer noch etwas weniger leisten als es könnte, und das Kind, das 
unter dem Vertrauen der Erwachsenen lebt, wird sich daran empor¬ 
ranken und stark werden. Nur in ganz wenigen Erwachsenen oder 
Kindern ist das Bewusstsein des Könnens so stark, dass es sich im 
Gegensatz zu einer Umwelt, die ihnen nichts zutraut, durchzusetzen 
vermag. Auch da, wo begründete Meinungen dafür vorhanden sind, 
dass ein Kind wenig leistet, geschieht ihm der aUergrösste Dienst 
damit, dass man wenigstens in beschränktem Umfange ihm etwas zu- 


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Suggestion als Ueberzeugnngsiibertragung u. ihre Anwendung in der Erziehung. 1 69 


traut, vor allem aber es das Nichtzutrauen nicht fühlen lässt, sondern 
ihm trotz allem ein zuversichtliches Gesicht zeigt und es anspornt. 

Umgekehrt muss ein Kind zu einer ganz übermässigen Ein¬ 
schätzung des Wertes seiner Person gelangen, wenn die Umgebung sich 
allzu offensichtlich um die Erfüllung seiner Wünsche oder um seine 
Pflege bemüht. In dieser Hinsicht sündigen heute viele Mütter. Sie 
sind derartig besorgt um die Ernährung, die Pflege und die Gesundheit 
der Kinder, dass diese notwendigerweise zu der Ueberzeugung kommen 
müssen, im Mittelpunkt der Welt zu stehen. 

Ich habe es beobachtet, dass in einer Familie Mutter und zwei 
ältere Schwestern sich um ein dreijähriges Kind versammelten, wenn 
das Kind essen sollte. Das Fräulein brachte Kakao mit einem Nähr¬ 
präparat und reichte ihn dem Kind. Die Mutter und die beiden 
Schwestern begleiteten diese wichtige Handlung mit ungeteilter Auf¬ 
merksamkeit, bei jedem Löffel Nahrung, den das Kind zu sich nahm, 
wurde es belobt. „Ah, Püppchen ist brav, Püppchen isst!“ 

Hier entsteht dann neben der Ueberschätzung des Wertes der 
kleinen Person zugleich in bezug auf das Essenwollen eine grundfalsche 
Suggestion. Die nämlich, dass Essen eine schwere und anstrengende 
Tätigkeit sei, deren Vollzug eine besondere Anerkennung verdiene. 
Diese Suggestion, dass Essen eine schwierige und unangenehme Tätig¬ 
keit sei, wird auch in anderen Fällen von besorgten Müttern gegen ihre 
Absicht erzielt. 

Ich kenne eine andere Mutter, deren siebenjähriges Töchterchen 
nur einen Becher Milch trinken will, während die Mutter ihm zwei 
zugedacht hat, diese bittet ihr Kind: „Trink mir zuliebe!“ Auch hier 
müssen die seltsamsten Wertschätzungen im Kind entstehen. Die 
Mütter von heutzutage sind eben durchweg weit entfernt von einer 
Frau Regula Amrheins Verfahren, der Mutter, von der Gottfried Keller 
in seinen „Leuten von Seldwyla“ berichtet: „Sie erfüllte alle billigen 
und unschädlichen Wünsche der drei Kinder und niemand bekam in 
ihrem Hause etwas zu essen, wovon diese nicht auch einen Teil er¬ 
hielten, aber trotz aller Regelmässigkeit und Ausgiebigkeit behandelte 
sie die Nahrungsmittel mit solcher Leichtigkeit und Geringschätzung, 
dass Fritzchen abermals von selbst lernte, kein besonderes Gewicht 
darauf zu legen.“ Diese Erziehungsgeschichte Gottfried Kellers ist in 
ihrer Gesamtheit ein ausgezeichneter Beweis dafür, wie die Gesamtüber¬ 
zeugungen ohne Worte und jenseits der Worte auf die Heranwachsen¬ 
den übergehen und wie sich Lebensanschauungen und Wertschätzungen 
rein dadurch auf die jungen übertragen, dass sie im älteren Menschen 
vorhanden sind, und zwar gerade dann, wenn nicht darüber gesprochen 
und nicht darauf hingewiesen wird. 


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Das Kind muss sich unter der Hausordnung stehend fühlen. 
Dazu ist notwendig, dass die Erwachsenen selbst die Hausordnung als 
unverbrüchlich ansehen und dass diese Ueberzeugung in ihren Mass¬ 
nahmen dem Kinde gegenüber zum Ausdruck kommt. 

Wie dieses Unterordnen ohne die Zwangsmassregeln der früheren 
Geschlechter allein durch die Ueberzeugung als solche bewirkt werden 
kann, dafür möchte ich zum Schluss noch ein paar charakteristische, 
unmittelbar dem Leben entnommene Beispiele anführen. Sie kommen 
aus den Mitteilungen, die ich auf meine Bitte aus der Familie erhalten 
habe, die vor allen Familien, die ich kenne, wohl am meisten dem Ideal 
einer vernünftigen Kindererziehung nahe kommt, und bringen diese 
Unterordnung der Kinder unter die auch von den Eltern anerkannte 
Hausordnung zum Ausdruck. Das folgende führe ich wörtlich aus 
einem Briefe an. 

„Bernd will sich die Augen nicht auswaschen lassen des Morgens. 
Wir sagen: Wer sich die Augen nicht auswäscht, kann auch nicht früh¬ 
stücken gehen. Die Mama wäscht sich die Augen aus, der Papa wäscht 
sich die Augen aus usw. durch die ganze Familie, wobei das Experiment 
praktisch vorgemacht wird und nun gehen wir frühstücken. Und der 
Bernd darf nicht mit frühstücken gehen. Bernd: Mama, ich möchte 
auch frühstücken. Mama: Ja, aber du hast dir ja die Augen nicht aus¬ 
gewaschen. Bernd, nach einer Minute Ueberlegung: Mama, bitte wasch 
mir die Augen aus, worauf unter grosser Heiterkeit diese Handlung 
vollzogen wird und die ganze Familie sich vergnügt an das Frühstück 
setzt. Diesen typischen Verlauf haben wir mehrere Tage hintereinander 
gehabt, immer mit demselben Erfolg. Es gab keinen Streit und keine 
Strafe, und die natürliche Einsicht des Kindes siegte bei vernünftiger 
Behandlung über seine Unbequemlichkeit. — Ein anderes Beispiel. 
Bernd weint, wenn er des Morgens kalt abgewaschen wird. Schon 
vor Wochen haben wir ihm aus dem Bilderbuch den Vers eingeprägt: 
Hu! Kommt der kalte Badeschwamm, Rumpumpel hält die Ohren 
stramm. (Gedicht von Frau Dehnel.) Die Nutzanwendung war sofort 
beim Lesen, dass auch der Bernd die Ohren stramm halten will. Das 
haben wir ihm gesagt und er hat es wiederholt. Nun kommt es vor, 
dass er doch weint, dann geht die Szene so: Bernd (weinend): „Mama 
nicht waschen.“ Mama (immer weiter waschend): „nicht weinen der 
Bernd, immer die Ohren stramm halten, sieh mal, Papa, wie der Bernd 
die Ohren stramm hält, sieh mal, der Bernd weint nicht.“ Er weint 
wirklich nicht und das Wasser ist ganz kalt. — Meistens hat er wirklich 
inzwischen aufgehört zu weinen und ist nun stolz, dass er gelobt wurde. 
Das hilft dann das nächste Mal,.dass er überhaupt nicht anfängt zu 
weinen. Manchmal gelingt der Apell an den Stolz nicht. Und dann 


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Suggestion als UebenseugungsQbertragung u. ihre Anwendung in der Erziehung. 171 


kommt die Unerbittlichkeit: Der Bernd kann es machen wie er will, 
er kann weinen und er kann nicht weinen. Er darf auch weinen, 
wenn er will. Aber gewaschen wird er doch, helfen tut das Weinen 
nicht und es ist viel schöner, wenn er nicht weint. Auch so hat er 
sich nach einigen Tagen daran gewöhnt, das Weinen und das Wider¬ 
streben als fruchtlos zu unterlassen. Auch hier geht die Ueberwindung 
seines Widerstrebens ganz ohne Streit, nur freilich mit dem Zwang, 
dass das Unabänderliche trotz alles Strebens doch geschieht. Dasselbe 
ist es z. B., wenn er nicht zum Essen kommen will, oder sich nicht die 
Finger waschen will, oder nicht zu Bett gehen will.“ 

So weit der Brief. Hier kann das Kind nicht anders, als 
die Hausordnung als unabänderlich auffassen lernen. Die Uner- ♦ 
bittlichkeit freilich, die hier zum Ausdruck kommt, lässt sich 
nicht glattweg zur Nachahmung in jeder Familie empfehlen. Wenn, 
wie es heute so oft der Fall ist, die Erziehung vorwiegend in der 
Hand irgend eines beliebigen Kinderfräuleins oder Dienstmädchens 
liegt, so möchte etwas ganz anderes herauskommen, wenn diese zur 
Unerbittlichkeit übergingen. Dieses Verfahren ist nur ratsam auf der 
Grundlage jener tiefen innerlichen Verbundenheit und jenes vollkom¬ 
menen Vertrauens, wie sie in dieser Familie zwischen Eltern und Kin¬ 
dern vorhanden sind. Das ist ja dann wohl die höchste und feinste 
Suggestion, der alle Erkenntnis der seelischen Beziehungen in der Er¬ 
ziehung vor allem zu dienen hätte. Dass diese herzliche und un¬ 
erschütterliche Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern sich mehr 
und mehr verbreiten möge, das ist der Wunsch, mit dem ich schliessen 
möchte. 


Zur Frage der durch hypnotische Suggestion hervor¬ 
gerufenen vasomotorischen Störungen. 

Von Donat Smirnoff, Moskau. 

Einem Vorschläge von Podjapolsky entsprechend, suchte ich 
einen Fall, um seine Anschauung über die Entstehung von Brand¬ 
blasen unter dem Einflüsse der hypnotischen Suggestion zu verifizieren. 

Den ersten Versuch machte ich mit einem sehr guten Somnam¬ 
bulen, einem Dorf jungen von 16 Jahren, den ich in diesem Jahre zu 
Weihnachten im K.schen Gouvernement wegen incontinentia nocturna 
behandelte. Er war von der zweiten Sitzung an gänzlich von dieser 
Krankheit befreit und bot einen günstigen Fall von Suggestibilität 
mit voller Amnesie. Er schlief sofort nach der ersten Suggestion 


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ein. Obgleich diese gelungene Heilung dem Versuch Brandblasen zu 
suggerieren voranging, gelang es nicht, letztere hervorzurufen. Es 
erwies sich jedoch, dass der Patient sich nicht entsinnen kann, sich 
je bis zum Entstehen von Brandblasen verbrannt zu haben. 
Dieser negative Fall entsprach ohne Zweifel den Erwägungen von 
Podjapolsky*)• 

Ein zweiter mir gebotener Fall einer guten Somnambulin war 
eine Köchin, die ich mit Erfolg von Zahnschmerzen durch hypno¬ 
tische Eingebung befreite. Sie reagierte auch gut auf die Suggestion. 
Es trat momentaner Schlaf mit ausgesprochener Katalepsie und 
darauffolgender Amnesie ein. 

Diese Patientin ging gern auf den Versuch ein, Brandblasen 
hervorzurufen. 

Anamnese: Pr. A., ein neunzehnjähriges Landmädchen, dem Berufe nach 
Köchin. Erst lebte sie 2 Jahre in Wjasma, jetzt 5 Jahre in Moskau. Bis dahin 
machte sie verschiedene Landarbeiten bei ihrem Vater auf dem Lande. Der Vater 
ist 63 Jahre alt, nicht unbemittelt. Er ist von schwacher Gesundheit, empfindet 
oft Schmerzen in den Armen, Beinen und in der linken Seite, besonders bei 
feuchtem Wetter. Alkoholische Getränke gebrauchte er gar nicht. Er ist zum 
zweiten Male verheiratet. Die Mutter starb ganz jung an irgend einer Erkäl¬ 
tung, als Praskovia 6 Monate alt war. Der Gesundheitszustand der Mutter 
bis zu ihrem Tode ist unbekannt. Der Vater hatte 2 Brüder. Der eine starb 
30 Jahre alt an einer unbekannten Krankheit. Er arbeitete in dem Schacht 
und vor dem Tode kränkelte er 3 Jahre. Der dritte Bruder von 60 Jahren 
ist gesund. Die Mutter hatte auch 2 Brüder. Der eine starb an der Kehl¬ 
kopfschwindsucht in den mittleren Jahren, der andere von 30 Jahren ist ge¬ 
sund und lebt gegenwärtig in Moskau. Der Vater hat ausser Praskovia noch 
aus erster Ehe 3 Söhne von 30, 27 und 24 Jahren, — alle gesund. Praskovia 
wuchs auf als ein kräftiges, gesundes Mädchen. Sie sagt, sie hätte keine Kinder¬ 
krankheiten durchgemacht. Mit 7 Jahren hatte sie die natürlichen Pocken, 
was auch das pockennarbige Gesicht bezeugt. Im vorigen Jahre, 1908, war 
sie 4 Wochen krank, hatte Kopfschmerzen und Gliederreissen. Andere 
Krankheiten hatte sie nicht. Soviel sie sich erinnern kann, war sie immer 
munter, kräftig und gesund. Sie besass einen gleichmässigen, ruhigen Charakter. 
Das Mädchen strotzt vor Gesundheit: ein rotes, breites Gesicht, gesunde Fülle, 
welche bei der Arbeit und Bewegungen nicht hindert. Mit einem Worte, es 
ist der Typus eines russischen Landmädchens. 

Am 17. März suggerierte ich zum erstenmal eine Brandblase 
bei dieser vortrefflichen Somnambulistin. 

Um 7*10 Uhr abends wurde Pr. hypnotisiert. Es trat mo¬ 
mentan Somnambulismus ein. Während des Schlafes fragte ich 

0 Siehe seinen Artikel: „Vaaoraotorische Störungen durch hypnotische Sug¬ 
gestion hervorgerufen“, Journal Neurologie und Psychiatrie v. S. S. Korsakow, 1909, 
1—2 Band. — Dort findet man auch seine früheren Artikel. 


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Zur Frage d. durch hypnotische Suggestion hervorgerufenen vasomot. Storungen. 173 


sie, ob sie sich jemals bis zu Brandblasen verbrannt hätte. Die Ant¬ 
wort war bejahend; sie verbrannte sich mehrmals am Herde und als 
Stellen der letzten Narben wies sie auf die Rückseite der Oberfläche 
des linken Handgelenks. 

Ich legte an die Mitte der Rückseite ihres Oberarmes einen 
ganz flachen Kragenknopf, 1 cm lang, von der Form eines Dreiecks 
mit hervorragenden Seiten, wobei ich die Berührung mit den ent¬ 
sprechenden wörtlichen Eingebungen begleitete. Ich sagte, dass ich 
sie an der Stelle brenne, die ich berühre, und es werde eine eben¬ 
solche Brandblase entstehen, wie die von dem glühenden Herde; 
dass diese Stelle erst rot, dann schwellen werde und dass sich dann 
eine Brandblase bilden werde; dass diese Stelle erst etwas schmerzen 
werde und dann bald alles vergehen. 

Nach der Eingebung, ca. zehn Minuten, weckte ich die Pr., 
denn zur Realisierung der nachhypnotischen Eingebung musste sie 
eine Viertelstunde schlafen (Tokarsky, Podjapolsky). 

Am anderen Morgen, den 18., nach den Erzählungen der Wirtin 
der Pr., sah man an der Stelle, wo der Knopf gewesen war, eine 
runde Brandblase von der Grösse eines Linsenkomes l ). Pr. krazte 
sie weg, und es kam eine wässerige Flüssigkeit aus der Blase. Als 
ich den Arm um 5 Uhr desselben Tages sah, war nur ein runder 
Fleck auf der Stelle, wo die Haut entfernt war. 

Ich beschloss an demselben Tage den Versuch zu wiederholen, 
wobei ich die Versuchsbedingungen etwas veränderte. Ich nahm wieder 
den erwähnten Knopf, vor dem Schlaf zeigte ich ihn einen Augen¬ 
blick von weitem der Pr. und sagte, dass ich dieses Ding an der 
Lampe glühend machen, und von neuem ihr den Arm anbrennen 
werde, wenn sie schlafe. Pr. wurde wieder hypnotisiert. Ich nahm 
den Knopf der grösseren Suggestionswirkung wegen, trat zum Tische 
auf dem die brennende Lampe stand, blieb daneben stehen, darauf 
kehrte ich mich zur Schlafenden, und legte ihr den Knopf an die 
Hand in die Nähe der vorhergehenden Brandstelle, wobei ich die 
entsprechende Suggestion machte. Pr. schlief 15 Minuten nach der 
Suggestion. Die Brandstelle war auf demselben Arm, etwas höher 
als die vorhergehende. 

Kurz vor dem Erwachen war hier eine deutliche Röte von 
elliptischer Form zu sehen, ebenso wie der Knopf, die lange Achse der 
Elipse hatte dieselbe Richtung, wie der Knopf angelegt war. Allein 
diese Röte erschien nicht auf der Stelle, wo der Knopf aufgesetzt worden 


') Vielleicht entstand seine runde Form durch die nicht ganz flache (etwas 
sphärische) Oberfläche des Knopfes. 


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Donat Smirnoff 


war, sondern etwas niedriger. 15 Minuten später bildete sich statt 
der Röte eine weisse Blase. Um diese Blase herum verbreitete sich 
eine Röte von 4 cm im Durchmesser, wobei die Blase sich im Zen¬ 
trum befand. 

Am 22. März wurde der dritte Versuch von Brandsuggestion 
ausgeführt. Es waren dabei P. P. Podjapolsky und R. J. Pangalo. 
Um x /»6 Uhr schlief Pr. sofort ein. Somnambulismus. Nach 5 Minuten 
wurde zu derselben linken Hand, etwas nach innen, von der Stelle 
des vorhergehenden Brandes ein flacher, kupferner Buchstabe „C“ 
(von einer Gallosche) angelegt, wobei gesagt wurde, dass die Hand 
ebenso schmerzen werde, wie beim letzten Brande an dem Herde. 
(Dieser letzte Brand am Herde, war wie es schien, sehr stark.) Als 
man die Schlafende fragte, ob die Hand schmerze, antwortete 
sie, dass sie sehr schmerze und brenne. Nach Ausführung der Sug¬ 
gestion wurde der Schlaf auf eine ganze Stunde verlängert. Man 
konnte lange Zeit auf der Brandstelle nichts bemerken. Gegen Ende 
der Stunde wurde eine Röte bemerkbar, aber nicht auf der Stelle, 
wo der Buchstabe gehalten worden war, sondern um den vorher¬ 
gehenden Brand herum. Sie erinnerte an die Röte des vorhergehen¬ 
den Falles, hatte annähernd dieselbe Grösse (4 cm im Durchmesser) 
und nahm denselben Platz ein. Darauf verschwand diese Röte bald, 
und es erschien eine andere zwischen der Stelle der suggerierten und 
des alten Brandes. Diese Röte verschwand lange nicht. Die von 
ihr eingenommene Stelle wurde allmählich weisser, geschwollener 
und im Verlauf von 2 Stunden nach der ausgeführten Suggestion 
bildete sich eine weisse Blase. Sie hatte eine längliche Form, die 
Achse war beinahe einen Zentimeter lang. 

Bei diesem Versuche ist jegliche Simulation ausgeschlossen, 
dank dem Umstande, dass der ganze Prozess vor unseren Augen 
verlief. 

Es wurde auch ein umgekehrter Versuch gemacht. Pr. winde 
auf 2—3 Minuten eingeschläfert, es wurde ihr suggeriert, dass man 
sie mit einem Bleistift berühren werde, aber man berührte sie mit 
einer brennenden Zigarre, und es wurde ihr gesagt, dass hier keine 
Blase entstehen werde. Bis 8 Uhr abends war nichts ausser der 
Röte zu sehen. Um 8 Uhr wurde Pr. nach Hause entlassen. Der 
Schmerz in der Hand verschwand durch Suggestion, es wurde aber 
auch allgemeine Suggestion guten Allgemeingefühls und nächtlichen 
Schlafes gegeben. Am anderen Tage, den 23. März, um 5 Uhr, wur¬ 
den die beiden Arme von Pr. besichtigt. Auf dem rechten Arme, wo 
die Haut von der Zigarette angebrannt war, befand sich eine kleine 
Blase, ganz rund (4 mm im Durchmesser). Um sie herum war kaum 


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Zur Frage d. durch hypnotische Saggestion hervorgerufenen vasomot. Störungen. 175 


eine Röte bemerkbar. An der Stelle des vermeintlichen Brandes ent¬ 
stand eine grosse Blase, die sich über die Oberfläche des Armes be¬ 
trächtlich erhob. Ihre Form war unregelmässig, vielleicht etwas an 
den Buchstaben „C u erinnernd, aber von halber Grösse. (Die Länge 
11 mm, die Breite 6 mm.) Um diese Blase herum war eine scharfe 
Demarkationsröte, welche auch die Stelle des vorhergehenden Brandes 
einnahm. Die Blase brach an demselben Tage auf, und es zeigte sich 
eine wässerige, farblose Flüssigkeit. Im Laufe der Nacht (vom 23. 
auf den 24. März) füllte sich die Blase von neuem und vergrösserte 
sich im Umfange im Vergleich zu dem vorigen. Den 24. morgens 
wurde sie photographiert. Beide Arme schmerzten gar nicht. Ich 
muss jedoch bemerken, dass der Brand weiter vom hinteren Platze 
näher zum vorhergehenden vorgerückt war. Dergleichen Vorrückungen 
gegen die angegebene Stelle kamen auch bei Podjapolsky vor, 
vielleicht auch deshalb, dass man nicht genau die Stelle behielt, 
oder es wirken hier irgend welche andere Eindrücke. 

Wenn man die beiden Brandstellen an dem rechten und dem 
linken Arm, die suggerierte und die natürliche, beobachtet, so 
bemerkt man im Charakter des Bildes einen grossen Unterschied. 
Allerdings konnte man erwarten, dass beim Zigarettenbrande keine 
Blase entstehen würde. Sie wäre vielleicht auch gar nicht entstanden, 
wenn man Pr. länger als 2—3 Minuten hätte schlafen lassen. 

Hiernach bleibt uns kein Zweifel an der Möglichkeit der Ent¬ 
stehung derartiger vasomotorischer Erscheinungen. Wie bekannt 
sollen diese Erscheinungen noch vor kurzem Veranlassung zur Dis¬ 
kussion in der Pariser neurologischen Gesellschaft gegeben haben. 
Besonders Babinsky trat gegen diese Erscheinungen auf. Pod¬ 
japolsky antwortete darauf im vorigen August mit einem experi¬ 
mentalen Argument 1 ). Ich freue mich auf seine Veranlassung den 
vorstehenden Fall hinzufügen zu können. 


*) Siehe oben. 


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Sitzungsberichte. 


Sitzungsberichte. 

Psychologische Gesellschaft zu Münchens 

2. November 1911. 

Vortrag des Nervenarztes Dr. med. E. Hirth: „Zur Theorie der Trug¬ 
wahrnehmungen“. 

„Von Trngwahmehmnngen oder Sinnestäuschungen sprechen wir überall 
da, wo wir annehmen müssen, dass ein Mensch Empfindlings- oder Wahr- 
nehmnngsinhalte hat, die nicht durch einen adäquaten Beiz hervorgerufen 
wurden. u — Diese Täuschungen können entstehen, wenn unsere Sinnesorgane 
von ihnen inadäquaten Beizen getroffen werden, und dann Empfindungen auf¬ 
tret en, die der Natur des Organs entsprechen (z. B. Gesichtsempfindungen bei 
Druck auf den Augapfel). Ganz anderer Natur ist eine zweite Art von 
Sinnestäuschungen, deren wichtigstes Merkmal ist, dass sie dem Kranken so 
erscheinen, als ob sie durch ein Sinnesorgan vermittelt seien. Sie tragen 
durchaus Wahrnehmungscharakter. In ihnen erscheinen reale Dinge neben 
anderen im Wahrnehmungsraum; und von dieser Tatsache gehen auch alle 
Versuche aus, welche zur Erklärung der Täuschungen (die vor allem als 
Halluzinationen und Illusionen bei Kranken auftreten) unternommen worden sind. 

Halluziniert ein Kranker einen Gegenstand, so sieht er ihn, wie wir ihn 
sehen würden, falls der adäquate Reiz vorhanden wäre; für ihn ist der Gegen¬ 
stand gegeben. Er hat nicht das Bewusstsein, dass das Objekt sein Erzeugnis 
ist, wie wir es haben, wenn wir ihn vorstellen. Sein Halluzinationserlebnis 
trägt Wahmehmungscharakter, unser Vorstellungserlebnis aber nicht. 

Jaspers unterscheidet an der Wahrnehmung dreierlei: Die Empfindungs¬ 
elemente, die räumlichen und zeitlichen Qualitäten und schliesslich die in- 
tentionellen Erlebnisse oder Akte, in denen die räumlich und zeitlich geordneten 
Empfindungskomplexe zu Gegenständen werden. Mit diesen drei Elementen 
wird der Objektivitätscharakter unmittelbar miterlebt. Entsprechend wird 
bei den drei Elementen eines Vorstellungserlebnisses (1. aus der Sinnerfahrung 
stammende Elemente, 2. räuml.-zeitl. Ordnung und 3. eigenartige intentionale 
Akte), ihr SubjektivitätsCharakter unmittelbar miterlebt. Nun ist ein 
sicherer und konstanter Unterschied der durch die Sinne vermittelten Inhalte 
in Wahrnehmungen und Vorstellungen nicht aufzuweisen. Und ebenso ist die 
räumlich-zeitliche Ordnung die gleiche, jedenfalls lassen sich nach Ansicht des 
Vortragenden hier keine Unterschiede aufweisen, die eine fundamentale Ver¬ 
schiedenheit der Erlebnisse des Wahrnehmens und Vorstellens zeigen. 

Dagegen treten folgende Unterschiede deutlich hervor. Beim Empfinden 
haben wir ein Wissen von der Selbständigkeit und Objektivität des Empfun¬ 
denen, Empfindungen sind Gegenstandswahrnehmungen. Andererseits wissen 
wir von Vorstellungen, dass sie unsere Erzeugnisse sind. Und so hängt um¬ 
gekehrt jenes Wissen von Objektivität und Subjektivität unserer Inhalte davon 
ab, ob wir uns empfindend oder vorstellend erleben. Machen nun halluzinierte 
Gegenstände den Eindruck von realen und tatsächlich wahrgenommenen, so 


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Psychologische Gesellschaft zu München. 


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müssen wir annehmen, dass dem Halluzinanten die charakteristische Färbung 
der Ich-Wahrnehmung, die normalerweise unser Vorstellen auszeichnet, gewissen 
Inhalten gegenüber verloren gegangen ist, und zweitens, dass gewisse Inhalte 
(Erinnerungen oder Phantasiebilder) sich die Fähigkeit angeeignet haben, das 
Ich wie objektive Dinge anzumuten. 

Erlebe ich mich in den Vorstellungen von Bildern der Aussenwelt nicht 
hervorbringend, so muss ich mir unbedingt rezeptiv erscheinen; beide Arten 
des inneren Tuns, das gleichsam ergreifende Empfinden und das auf bauende 
oder erinnernde Vorstellen stehen in durchaus reziprokem Verhältnis. 

Das sind die wesentlichen Voraussetzungen für das Auftreten von Trug¬ 
wahrnehmungen: Bei dem Denken eines Gegenstandes der Aussenwelt (durch 
Vorstellen einer entsprechenden Anzahl sinnlich wahrnehmbarer räumlich und 
zeitlich geordneter Inhalte) fehlt 2. jene eigenartige Ichbestimmtheit, welche im 
normalen Zustande die Inhalte als willkürliche Erzeugnisse charakterisiert; 
erscheine ich mir aber nicht produktiv, so erlebe ich mich rezeptiv; dadurch 
wird 3. dem Inhalte Objektivität verliehen, und so tritt 4. jene andersartige 
Ichbestimmtheit auf, die dem in seinen sinnlichen Inhalten gedachten Gegenstand 
Wirklichkeitscharakter zuerteilt. (Cf. Zeitschr. f. Pathopsychologie I, S. 422.) 

16. November 1911. 

Vortrag von Dr. L. Klages: „Zur Psychologie des Verbrechers“. 

Den Ausgangspunkt psychologischer Einsichtsgewinnung bildet unstreitig 
die Kenntnisnahme des eigenen Erlebens. Wie aber diese methodisch zu er¬ 
langen sei, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Die oft empfohlene 
und geübte unmittelbare Selbstbeobachtung, richtiger Selbstbesinnung, leidet 
an mindestens zwei Gebrechen. Einmal droht sie, ihr Objekt, das Erlebnis, 
zu verflüchtigen. Wer über das Denken nachdenkt, indem er sich auf einen 
soeben verflossenen Denkvorgang zurückbesinnt, wird alsbald eine grosse Un¬ 
sicherheit bemerken und etwa in Zweifel kommen, was denn überhaupt sein 
Bewusstsein beschäftigt habe. Zum anderen aber bringt solche Betrachtung 
im Grunde genommen ihr Ergebnis schon mit in Gestalt der ihr von der 
Sprache aufgenötigten Begriffe des Denkens, des Fühlens, des Wollens usw. 
Es war ein vitales, kein Erkenntnisinteresse, das sie hervorgebracht, und wir 
müssen damit rechnen, dass sie weniger Tatbestände als Tauglichkeiten be¬ 
urteilen (wie unverkennbar in Treue, Bechtschaffenheit, Ehrgefühl usw.!). 
Wir sind in Gefahr, an ihrer Hand etwas zu suchen, das nur in Beziehung 
auf praktische Zwecke existiert. 

Nun können wir aber die Sprache gar nicht umgehen, aus deren psycho¬ 
logischem Begriffskapital nachweislich noch die künstlichsten Termini der 
Wissenschaft stammen. Auch zeigt eine einfache Erwägung, dass ihre Kate¬ 
gorien neben Falschem Wahres enthalten müssen. Welches Mass von Kenntnis 
zur Beherrschung einer Sache erfordert wird — und darauf kommt es dem 
Sprachgeist an — das hängt nämlich ab von deren Spontaneität. Von einem 
Stein brauchen wir nicht viel mehr zu wissen, als dass er hart ist, und Ge¬ 
wicht hat, um uns seiner zu bedienen; einem Tier gegenüber reicht zu diesem 
Zwecke eine so dürftige Kenntnis bei weitem nicht hin, und vollends das 

Zeitschrift fflr Psychotherapie. IV. 12 


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Sitzungsberichte 


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spontanste der Wesen, der Mensch, will tiefer erfahren sein, wenn es möglich 
sein soll, ihm handelnd zn begegnen. Darum empfiehlt es sich, die bisherige 
Methode umzukehren, d. h. nicht von vermeintlichen psychischen Tatsachen 
auszugehen, sondern von den dafür überkommenen Namen, und deren Wahr¬ 
heitskern aufzudecken. Wir üben dergestalt an ihnen Kritik und haben 
den Vorteil, bei unserer Selbstbesinnung geleitet zu werden von den Ergeb¬ 
nissen intuitiver Erfahrung unzähliger Geschlechter. Wir halten dies 
für die Hauptmethode der Charakterkunde und haben davon umfassend Ge¬ 
brauch gemacht in unseren „Prinzipien der Charakterologie“. Wir betätigen 
sie jetzt am Sonderproblem des Verbrechercharakters. 

Nur sofern wir Grund haben, einen Hang zum Verbrechen anzunehmen, 
ist der Verbrecher ein psychologisches Faktum. Das gilt nicht einmal imm er 
vom Gewohnheitsverbrechertum, in das mancher hineingerät aus blossem Mangel 
an Halt gegen „Versuchungen“. Lassen wir aber auch den Verbrecher aus 
Impulsivität, den aus Leidenschaft und den aus Mangel an Widerstandskraft 
beiseite, so bleibt eine starke Gruppe noch unerklärter Fälle, darunter zumal 
die berufsmässigen Schwerverbrecher, die auf einer entsprechenden Charakter¬ 
verfassung zu beruhen scheinen. Dafür spräche auch jenes mit typischen 
Redewendungen vielfach zu belegende verdachterweckende Aeussere, dem¬ 
zufolge man gewissen Personen auf den blossen Anblick hin den raffiniert er¬ 
wogenen Mord zutraut. 

Bei einem so schwierigen Begriff, wie dem des Verbrecherischen wählen 
wir den Umweg der Vergleichung mit engverwandten, deren jeder wohl schon 
einmal mit ihm verwechselt wurde, u. zw. insbesondere mit dem immoralischen, 
dem schlechten und dem bösen Charakter. 

Immoralismus ist in erster Linie Gesinnungssache, die sich recht wohl 
verträgt mit Moralität des Handelns. Gesetzt aber, er führt zur „Propaganda 
der Tat“, so bleibt das Motiv doch immer die Maxime, der allgemeine Begriff, 
die „Idee“. Wer aber einen Einbruchsdiebstabl begeht, wird dabei zweifellos 
nicht von einer Idee geleitet. Das führt uns sofort zu einem wesentlichen 
Zuge des echten Verbrechers: er ist subjektiv und konkret, anders ausgedrückt, 
er ermangelt der abstrakten Gefühle. Er hat keine von ihrem Gegenstände 
lösbare Schönheitsfreude, keine Erkenntnislust und entbehrt darum auch der 
abstrakten Hemmtriebfedem wie des Rechtsgefühls und der Billigkeit, mittels 
deren aller erst als „Stimme des Gewissens“ die moralische Vernunft zur 
Wirkung kommt. Das ist der wahre Kern des unklaren Glaubens an ein 
„moralisches Irresein“. 

Der Sinn des Begriffes „Schlechtigkeit“ im heutigen Sprachgebrauch 
darf als endgültig fixiert gelten seit Nietzsche. Schlecht ist nach ihm das 
„Ressentiment“, d. h. deijenige Zustand, auf Grund dessen der Mensch an 
der Vorstellung der Glücksmöglichkeiten anderer leidet. Da im 
Glück irgendwelcher Art sich das Leben selbst bekundet und im Wissen um 
seinen Besitz jedes Wertgefühl des Menschen wurzelt, so ist der Ressentiment¬ 
neid gegen die Selbstachtung gerichtet und müsste in seinen Konsequenzen zur 
Selbstnegierung führen. Alles Ressentiment ist daher uneingeständlich, ver¬ 
birgt sich vor sich selbst, erzeugt Illusionen; nach Nietzsche insbesondere 


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Psychologische Gesellschaft zu München. 


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die moralischen Illusionen. Sicherlich begegnet es uns auf Schritt und Tritt 
innerhalb der Gesittung, wo jeder Erfolg mit den Yerkleinerungstendenzen 
des Ressentiments zu kämpfen hat. Das verbrecherische Heraustreten aus dem 
sozialen Organismus wird daher nicht auf Grundlage des Ressentiments erfolgen. 

Vergleichen wir unseren Gefühlston gegen das Schlechte mit demjenigen 
gegen das Böse, so finden wir in jenem Verachtung, in diesem aber Furcht. 
Alles Böse ist aktiv, alles Gute mehr oder minder passiv: das zeigen die gegen¬ 
sätzlichen Wortpaare böse, bösartig, boshaft und gut, gutartig, gutmütig. 
Tiefere Analyse überzeugt uns, dass der Wille selber böse ist. Daran ändert 
der mögliche Altruismus des Zieles nichts. Sofern wir es nicht nur als wünsch¬ 
bar erleben, sondern es wollen, zielt unsere innere Tätigkeit in erster Linie 
auf Beseitigung dessen, was uns von seiner Erreichung trennt. Der Wille 
gleicht einem Instrument, das wie der Hammer nur zum Zerstören dient, mag 
auch unter den Splittern in den Händen des Meisters die Bildsäule übrig 
bleiben! Dann aber ist böse der Mensch von überwiegender Willensarbeit, 
zumal der habituelle Täter. Böse waren, sofern sie Tatnaturen, Hannibal, 
Cäsar, Napoleon, aber sie waren keine Verbrecher, denn hinter ihrem Wollen 
standen anfeuemd grosse Gefühle und Begeisterungen. — Lassen wir diese 
aber ärmer und ärmer werden, bis schliesslich der nackte Wille zurückbleibt, 
so haben wir die in der späten Antike, der Renaissance und noch im 18. Jahr¬ 
hundert öfter als heute vorkommende Verbrech erspielart aus Willens Wahnsinn. 
Der nackte Wille, angewiesen einzig auf den Genuss der Uebermacht, fristet 
sein Dasein vom Foltern und Schmerzbereiten und konstituiert die Grausam¬ 
keit des „grossen Bösewichts“, wie ihn uns Shakespeare in Richard III. ge¬ 
schildert hat. 

Wir resümieren: Verbrecher ist man nicht aus Ressentiment, nicht aus 
blosser Stärke der Triebe und des Willens, auch nicht aus antisozialer Ge¬ 
sinnung. Vielmehr erweist sich der gewohnheitsmässige Schwerverbrecher 
zur Auffassung begrifflicher Direktiven seines Handelns unfähig. 

Nehmen wir als ein Motiv eines schweren Einbrechers hochgradige Hab¬ 
sucht an, so hätte ihn solche Interessenrichtung auch zum gewandten Geschäfts¬ 
mann machen können. Vergegenwärtigen wir uns indes, dass er bei Gelegen¬ 
heit seines Einbruches eine ihn hindernde Person töte, die Leiche in einen 
Koffer packe und sich nachher des gelungenen Streiches rühme! Hier pflegt 
das normale Bewusstsein zurückzuschaudern, denn es vermisst ein ganz ur¬ 
sprüngliches Moment des Innenlebens, ohne welches Solidarität unter Menschen 
auf die Dauer unmöglich ist: das Mitgefühl. Sein Fehlen begegnet uns nicht 
minder im Verhalten der Verbrecher untereinander, in ihrem gegenseitigen 
Misstrauen bei gemeinsamen Unternehmungen, wo gegen Verrat und Treu¬ 
losigkeit jeder seine Schritte durch bisweilen furchtbare Vorkehrungen sichert, 
und es bildet dieser Mangel offenbar einen integrierenden Bestandteil des 
Verbrechercharakters. — Es genügt nun zur Lösung unseres Problems der 
Hinweis auf die Tatsache, dass im Mitgefühl und zumal im Mitleid immer 
Liebe steckt. Als Trieb gefasst ist Liebe ein Drang zu bejahen, zu schenken, 
zu opfern und führt zur Minderung, ja in höchster Steigerung zur Auflösung 
des Icbgefühls, an dessen Stelle das Weltgefühl tritt. Sie kann mit dem 


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Sitzungsberichte 


Geschlechtstrieb verschmelzen — auf der Stufe der Zivilisation der glückliche 
Au snähme fall — aber sie kann sich niemals aus ihm entwickeln, wie uns 
manche psychologietreibende Aerzte noch heute überreden möchten. Als der 
von den Alten „pathisch“ genannte, nach unserem Sprachgebrauch spezifisch 
seelische Zustand bildet sie zu allen Trieben den substantiellen Gegensatz. 
Auf ihr aber beruht auch jede Begeisterung und aus ihr entspringen, obschon 
als ein Abweg, die abstrakten Gefühle. Die Wurzel des verbrecherischen 
Charakters ist der Mangel an Liebe, d. h. an Hingebungskraft, an „ Seele“, 
an „Pathos“ bei relativ ungebrochenen Trieben. 

Auf Unterdrückung der unmittelbaren Gefühlsäusserung zielen direkt 
oder indirekt sämtliche Moralen der Menschheit ab. Sie setzen damit an die 
Stelle der Seele den vom „Gewissen“ orientierten Willen. Vermag dieser die 
Lücke nicht auszufüllen, so bleibt der Verbrecher. Er ist ein Ergebnis des 
moralischen Züchtungsprozesses, ein Ausscheidungsprodukt der 
Zivilisation, nicht aber, wie Lombroso annahm, etwas dem Naturmenschen 
oder dem Tier Verwandtes. 

23. November 1911. 

Vortrag von Prof. Dr. M. Offner: „Das Wiedererkennen“. 

Psychische Vorgänge, die wir einmal erlebt haben, hinterlassen in uns 
Nachwirkungen (Spuren, Dispositionen, Engramme — Semon), die eine Wieder¬ 
kehr dieser wichtigen, völlig gleichartigen Vorgänge erleichtern. Die Dis¬ 
position, diese ruhende Bestimmtheit des Subjekts würde aber latent bleiben, 
wenn sie nicht irgendwie zur Wirksamkeit gebracht (ekphoriert — Semon) würde. 
Die Anregung kann geschehen durch die Wiederkehr desselben Eindrucks 
(Empfindung), welcher die Disposition seinerzeit geschaffen hat, d. h. genauer 
durch den Eintritt eines jenem ersten gleichartigen Reizes (adäquate An¬ 
regung). Da nun die Seele schon zu dieser Art der Betätigung disponiert ist, 
wird sich der neue Vorgang müheloser abspielen, und zwar um so leichter und 
rascher je öfter er wiederholt, geübt wird. Beim Wiedererkennen liegt solche 
adäquate Anregung vor. In entsprechender Weise werden auch gehabte Vor¬ 
stellungsinhalte wiedererkannt. Das Wiedererkennen ist charakterisiert durch das 
mehr oder weniger deutlich bewusste Urteil, dass der eben gegenwärtige Wahr¬ 
nehmungsinhalt oder vielmehr der durch ihn gedachte reale Gegenstand mit 
einem früher wahrgenommenen nicht bloss qualitativ identisch oder gleich, 
sondern auch numerisch identisch ist, dass es ein und derselbe reale Gegen¬ 
stand ist, den ich jetzt vor mir habe und den ich früher vor mir hatte. 
Dabei findet ein Zusammenwirken von zwei psychischen Vorgängen statt; der 
durch den äusseren Reiz hervorgerufene Wahrnehmungsvorgang und die durch 
diesen hervorgerufene Miterregung der von einer gleichartigen Wahrnehmung 
zurückgebliebenen Disposition verschmelzen und sind uns nur in einem ein¬ 
heitlichen Inhalt gegeben. 

Diese beiden nicht absolut gleichen Vorgänge sind es, die verschmelzen, 
nicht die zugehörigen Inhalte. Die Beobachtung zeigt nicht, dass das Vor¬ 
stellungsbild neben das WahrnehmungB b i 1 d tritt und dann sich mit diesem 
assimiliert. Das Wiedererkennen ist vielmehr unabhängig vom Vorstellungs- 


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Psychologische Gesellschaft zu München. 


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inhalt; denn es tritt schon ein, wenn die Disposition noch nicht imstande ist, 
ihren Inhalt, d. h. ein Erinnerungsbild hervorzubringen und auch noch lange, 
nachdem sie nicht mehr dazu imstande ist, wie Alltagsbeobachtungen und Ex¬ 
perimente zeigen. 

Der Bewusstseinsinhalt, der den wiedererkannten Gegenstand repräsen¬ 
tiert, trägt einen eigentümlichen Charakter, den Höffding als Bewusstseins¬ 
qualität bezeichnet hat. In dieser Bekanntheitsqualität sehen wir das gef&hls- 
mässige Innewerden des Verschmelzungsvorganges, — es ist ein Verschmelzungs- 
gefühl. Und dies lässt zwei Stufen unterscheiden, das aktivere Erkennungs¬ 
gefühl, das zu Amfang auftritt, wenn die beiden Erregungen sozusagen zu- 
sammenstossen, und das deutlich Lustcharakter trägt, — und zweitens das 
passivere Bekanntheitsgefühl (Vertrautheitsgefühl), das sich nach der 
Vereinigung beider Vorgänge in einer mehr behaglichen Stimmung äussert. 
Doch ist diese Bekanntheitsqualität nicht, wie vielfach gemeint wird, ent¬ 
scheidend für das Wiedererkennen. Es ist vielmehr unerlässlich, dass das 
Bewusstsein, das den Akt des erstmaligen Erkennens begleitete, beim späteren 
wieder mit reproduziert wird. Erst wenn dieses sich einstellt, stellt sich das 
Wiedererkennen ein. Die Bekanntheitsqualität ist nur eine fast regelmässige 
Eigentümlichkeit wiedererkannter Inhalte und kann darum gelegentlich als 
Anzeichen dafür dienen, dass hierin ein Wiedererkennungsurteil zu fällen ist. 

Unter den Formen des Wiedererkennens lässt sich ein unmittel¬ 
bares, augenblickliches oder sukzessives Wiedererkennen von einem unmittel¬ 
baren oder vermittelten unterscheiden. Dieses ist dann gegeben, wenn mit- 
apperzipierte Nebenelemente der Wahrnehmung oder reproduzierte Elemente, 
wie Erinnerungsbilder, bzw. die ihnen zugrunde liegenden Vorgänge, jene 
Dispositionen, welche dem nicht erkannten Gegenstand entsprechen und die 
durch die Wahrnehmung adäquat nicht genügend erregt worden sind, allmäh¬ 
lich in stärkere Miterregung setzen und damit jenen anderen Vorgang er¬ 
zeugen, durch dessen Verschmelzung mit dem WahrnehmungsVorgang das 
Wiedererkennen erst eintreten kann. 

Von der Bekanntheitsqualität als einem Bewusstseinserlebnis ist wohl zu 
unterscheiden die Bekanntheit, worunter wir die im Subjekt liegenden und 
unbewussten Bedingungen für das Wiedererkennen verstehen. Die Bekanntheit 
hängt von den Dispositionen ab, die mit dem Altern schwächer werden und 
schliesslich ganz versagen können. 

An einigen typischen Beispielen aus dem normalen wie aus pathologi¬ 
schem Bewusstseinsleben (Amnesie und Paramnesie oder Erinnerungsfälschung) 
wird die Berechtigung der Theorie nachgewiesen. 

7. Dezember 1911. 

Vortrag von Dr. E. V. Gebsattel: „Zur Phänomenologie des Geltungs- 

strebens w . 

In der populären Psychologie ist das Phänomen des Geltungsstrebens 
bekannt. Ganz allgemein ist die Annahme, dass der Einzelne von dem Wunsche 
geleitet ist, als der zu gelten, als der er sich fühlt. Das Ziel des Wunsches 
ist also die Herstellung des Gleichgewichtes zwischen dem Gefühl des eigenen 


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Wertes und der Resonanz dieses Wertes in anderen. In erster Linie der 
Wunsch, seinen Wert sichtbar zu machen, ihn zur Darstellung zu bringen — 
und dann ein Streben, die Hindernisse zu beseitigen, welche der eigenen 
Manifestation yor den anderen im Wege stehen — wären die Hauptmerkmale 
des Geltungsstrebens. Die gewöhnlichste Form des sozialisierten Geltungs¬ 
strebens wird von einer bereits aus mehreren Komponenten zusammengesetzten 
Affekthaltung geleitet — von dem Ehrgeiz, in dessen verschiedensten Formen 
sich drei emotionale Komponenten ohne weiteres unterscheiden lassen: 1. eine 
(in Relation zu anderen gedachte) Selbstliebe; 2. ein Moment der einfachen 
und 3. der rivalisierenden Zeigelust. 

Der gesunde Ehrgeiz wurzelt im Gefühl des eigenen Wertes; dieser ist 
gefühlsmässiger Besitz und strahlt im Ehrgeiz nur aus. Dagegen fehlt beim 
krankhaften, übertriebenen Ehrgeiz die ruhige Selbstgewissheit alles Tuns; 
weil das Selbstgefühl des krankhaft Ehrgeizigen erst in der Anerkennung der 
anderen wurzelt, muss er nach Geltung streben. Der Geltungserfolg hat das 
konstante, gleichmässige Gefühl des eigenen Wertes, wie es beim gesunden 
Ehrgeiz vorliegt, zu ersetzen. Enttäuschung würde ihm seinen Wert in Frage 
stellen, da er ursprünglich in sich keine Instanz des Gegenbeweises gegen die 
Verweigerung der fremden Anerkennung hat — diese Verweigerung ihm also 
sofort das Urteil: Du taugst nicht! aufdrängt. Dieser Negation seines Wertes 
sucht er sich zu entziehen durch die Verdrängung der Geltungsansprüche. 
Dadurch wird er von der Anerkennung der anderen unabhängig — aber 
andererseits durch seine Opposition in der Verdrängung seiner Ansprüche 
wieder abhängig von ihnen. Die Haltung der Eingebildetheit drückt diesen 
Sachverhalt aus; der Eingebildete zeigt den anderen, dass er ihre Anerken¬ 
nung nicht braucht. Er demonstriert vor sich selber und den anderen in einem 
Ausdruck demonstrativ zurückhaltender, abstrakter und nicht auf einzelnes 
bezogener Selbstgefälligkeit, weil er sich stets gegen den Zweifel an seinem 
eigenen Wert zu wehren hat, der in der Geltungsverweigerung der anderen 
begründet liegt. — Nicht zu verwechseln ist diese abstrakte Selbstgefälligkeit 
mit einer inhaltlich bestimmten: der Eitelkeit. 

Eine andere Reaktion auf den Misserfolg irgend welcher ehrgeiziger 
Regungen wäre noch in einer falschen Bescheidenheit gegeben, bei der 
die Verdrängung der Geltungsansprüche selbst zum Inhalt des Geltungs¬ 
strebens wird. 

In all diesen Fällen wird das Geltungsstreben von einer besonderen 
Gruppe von Affekthaltungen determiniert, die im Zusammenhang stehen mit 
dem Wunsch des Selbst nach Kundgabe seines Werts. Ruhmsucht, Ehrsucht, 
Gefallsucht usw. sind nur besondere Wendungen dieses Manifestationsdranges 
— Wendungen, aber nicht Erfüllungen, da keine der genannten Haltungen 
tatsächlich zur Kundgabe des persönlichen Wertes führt. Statt den eigenen 
Wert kundzutun, zeigen ihn die Repräsentanten der einzelnen Haltungen 
nur. Es herrscht bei ihnen ein Mangel an Selbsthingabe. Auf diesen Unter¬ 
schied zwischen Kundtun und Zeigen weisen die sprachlichen Unterschiede wie 
in Ausdrücken: Ich zeige Mut und ich zeige mich mutig. 

Das Geltungsstreben erscheint nun in besonderer Abhängigkeit von dem 


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Wunsch, sich zu zeigen und damit auch gesehen zu werden. Es ist das 
Mittel, die Aufmerksamkeit, Achtung, Liebe usw. anderer zu gewinnen. Darum 
wird sich eine Psychologie und Pathologie des Geltungsstrebens ausführ¬ 
lich mit der Psychologie und Pathologie des sich Zeigens zu beschäftigen 
haben. 

Wir können im Auftreten eines Menschen vor anderen (etwa eines Red¬ 
ners) deutlich verschiedene Arten des sich Gebens unterscheiden. Der eine 
erscheint einfach, der andere zeigt sich. Dieser schiebt sich selbst gleichsam 
zwischen den Inhalt und uns. Er wünscht unsere Aufmerksamkeit auf seine 
Person zu lenken, indem er seine Wertqualität auf irgend eine Weise betont. 
Das geschieht demonstrativ, — ohne TJeberlegung im einzelnen. Das Sicht¬ 
barwerden der Person des Redners soll sich für die Hörer als eigener Inhalt 
abspalten. Das Interesse des sich Zeigenden geht dahin, Wertqualitäten zu 
erlangen und sich selbst zu erhöhen, — er will in einer Wertqualität gesehen 
werden. Dies Zeigen geschieht nur mn des Zeigens willen, es ist in seinem 
Ablauf ohne Zweck, — wie es der Natur der Affekte entspricht. Die Be¬ 
friedigung eines Affektes ist sein Ablauf; ein Anlass, der den Affekt erregt, 
ist natürlich vorhanden, aber kein Motiv. Dann ist auch der Affekt des sich 
Zeigens, der Zeigelust nicht durch äussere Zwecke bestimmt, weder durch 
Nutzen, noch durch Lust oder moralische Werte. 

Am bekanntesten ist der Affekt der Zeigelust als ein Phänomen aus dem 
Gebiet der Psychopathia sexualis, als Exhibition. Selten wird aber dem Laien 
klar, wie verwandt die selbstdarstellerischen Aeusserungen der Zeigelust eines 
seine eigene Person zeigenden Redners z. B. mit denen eines Exhibitionisten 
sind. Der erfahrene Beobachter vermag festzustellen, dass die selbstdarstelle¬ 
rischen Aeusserungen eines solchen Redners in der TJrrichtung des Affekts, 
einer Entblössungstendenz wurzeln. Wie aber ein Zorniger die TJrrichtung 
seines Zornes aufgibt, die vielleicht auf eine Gewalttat abzielte und statt dessen 
in irgend einem anderen versteckteren Moment Ausdruck findet, — so ver¬ 
schiebt, verdrängt auch der betreffende Redner die TJrrichtung des Affekt¬ 
verlaufes und gibt damit die natürliche Realisationssphäre auf. 

Aus der deskriptiven Analyse ergeben sich weiterhin charakteristische 
Momente der Zeigelust. Wenn wir erstens Affektwert, zweitens Ablauf, 
drittens Ablaufziel und viertens die Befriedigung des Affektes — die weder 
Lust noch Genuss ist, wohl aber mit beiden zusammenhängt — unterscheiden, 
so geht der Ablauf als ein spezifischer Strebensvorgang von der Ichstelle selbst 
aus. Es ist ein zentraler Affekt, der auch spontan ist, da er eines äusseren 
Anlasses nicht bedarf, um in Kraft zu treten, und wie ein Strahl des Suchens 
hervorbricht. 

Das Ablaufsziel der Zeigelust ist ein doppeltes: erstens ein reflexives, 
sich zu zeigen und zweitens ein im Charakter der Gegenseitigkeit begründetes: 
die interessierte Aufmerksamkeit anderer Personen, mitaffizierter, emotionaler 
Partner zu gewinnen. Je nachdem, ob nun das Hauptgewicht auf der emotio¬ 
nalen Bevorzugung des Partners oder der eigenen Person liegt, kann von einer 
passiven (lockende Verhüllung) und aktiven Zeigelust gesprochen werden; von 
einer positiven und negativen Zeigelust wird die Rede sein, falls die dar- 


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stellerischen Momente Vorzüge oder Mängel der eigenen Person zu unter¬ 
streichen bemüht sind. 

Im ganzen können an dem Aufbau des selbstdarstellerischen Aktes acht 
verschiedene emotionale Komponenten beteiligt sein. 1. Ein individuelles Per¬ 
sönlichkeitsgefühl ; 2. ein Selbstwertgefühl (das die Sichtung des Manifestations¬ 
wertes nach der positiven oder negativen Seite bestimmt); 3. die Reflexions- 
stufe des Selbstgefühls (hierdurch wird die Qualität des Manifestationswertes 
bestimmt); 4. ein Affekt der Selbstliebe (Selbsthasses) auf der Reflexionsstufe 
des Selbstvergleiches (rivalisierende und selbstverdrängerische Zeigelust wird 
determiniert); 5. eine charakterologische Modifikation des Selbstgefühls (aktive 
und passive Zeigelust); 6. ein Sympathiegefühl, das die Momente der Gegen¬ 
seitigkeit beeinflusst; 7. eine emotionale Schicht, deren Affekte ihr natürliches 
Affektziel in sadistischen und masochistischen Akten haben und schliesslich 
8. jene Schicht der spezifischen Zeigelust, welche die Verschiebung des Streben» 
von dem Gegenstand auf die eigene Person determiniert. Aus diesen Schichten 
setzt sich dann eine emotionale Einheit zusammen, die als selbstdarstellerischer 
Akt des sich Zeigen» durch das Primat des spezifischen Zeigelustaffektes 
charakterisiert wird. 

11. Januar 1912. 

Vortrag von Dr. M. Scheler: „Zur Psychologie des Ressentiments“. 

Der Ausdruck Ressentiment im Titel entstammt nicht einer besonderen 
Vorliebe für Fremdwörter. Er ist von Nietzsche geprägt und stimmt dem 
Sinne nach nicht ganz mit dem Worte der gegenwärtigen französischen Sprache 
überein. Allerdings ist in dem französischen Worte, das wir mit Zorn, besser 
nachträgerischem Groll übersetzen, auch jenes reaktive Moment enthalten, das 
ein Konstituens des Ressentiments bildet. Das Ressentiment ist eine Erlebnis¬ 
einheit, nicht ein künstlicher Begriff unseres Denkens. Es ist eine Erscheinung 
seelischer Selbstvergiftung, die durch die Verdrängung eines reaktiven Affektes 
zustande kommt und eine bestimmte Einstellung auf Arten des Werturteils 
zur Folge hat. Für seine Entstehung gibt es verschiedene Ausgangspunkte: 
Rache, Neid, Bosheit u. dgl. Betrachten wir zunächst die Rache. In ihr 
kommt das reaktive Moment deutlich zum Bewusstsein. Sie knüpft sich an 
ein ganz bestimmtes Erlebnis an. Ebenso deutlich ist in ihr der Verdrängungs¬ 
charakter sichtbar. Es ist die Hemmung des unmittelbaren Widerschlages, das 
Abwarten der günstigen Gelegenheit im Bewusstsein der augenblicklichen Ohn¬ 
macht. Rache selbst ist noch nicht Ressentiment; doch führt von ihr eine 
ununterbrochene Reihe über Neid, Groll und Scheelsucht dahin. Für Rache 
und Neid ist es bezeichnend, dass sie entstehen und vergehen bei bestimmten 
Anlässen — Groll und Scheelsucht vergiften allmählich. Im Ressentiment ist 
das Bewusstsein des Anlasses verloren gegangen, es ist ein grundloses Hassen. 

Einen anderen Ausgangspunkt für das Ressentiment bildet der Neid. 
Für den Neid ist das Streben nach einem Gut ein charakteristisches Moment. 
Die doppelte Hemmung liegt in dem Bewusstsein entweder dessen, dass es der 
andere besitzt, und dessen, dass dem Neidischen jede Möglichkeit abgeschnitten 
ist, es zu erwerben; oder dass es ; wie geistige und körperliche Anlagen, 


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schliesslich überhaupt nicht erwerbbar ist. Dos Ressentiment nun, das wir auf 
dem Wege vom Neid aus erreichen, findet seinen prägnantesten Ausdruck in 
dem Wort: Dass du „du tf bist und nicht „ich“, kann ich dir nicht verzeihen. 
Dem Menschen des Ressentiments ist — trotz Ablehnung des anderen — 
der positive Wert des anderen, und trotz Steigens des eigenen Selbstgefühls 
durch diese Ablehnung seine eigene Nichtigkeit stets transparent. Sein 
Neid ist ohne vorherrschende positive Schätzung des Gutes. Er kann einen 
Wert nur erfassen im Neiden. Erst durch seinen Hass, durch die Erniedrigung 
des anderen gelangt er zu seiner Erhöhung, ja zu einem Eigenwert überhaupt. 

Auch Schadenfreude und Bosheit bilden Ausgangspunkte für die Ent¬ 
stehung des Ressentiments. Schadenfreude ist im Gegensatz zum Egoismus 
nicht nur Gleichgültigkeit gegen das Leiden der anderen, sondern die Freude, 
anderer Schmerz zu sehen, oder ihn zu bereiten. Dem Ressentiment nähert 
sie sich erst, wenn auch der eigene Schmerz als Mittel, den anderen zu schaden, 
nicht mehr in Anschlag gebracht wird. (Bei gewissen Arten des Selbstmordes 
in China und Japan selbst nicht der Tod.) 

Das Ressentiment selbst nun wird stets charakterisiert durch eine gewisse 
Ohnmacht und Verbissenheit. Und fragen wir nach dem besten Nährboden 
dieses Seelenzustandes, so finden wir, dass der dienende und abhängige Teil 
des Volkes sein eigentlicher Träger ist. Wo es auch auf die herrschenden 
Volksschichten übergegriffen hat, handelt es sich um eine gewisse Ansteckung, 
nicht um Ursprüngliches. So sind bestimmte Klassen für das Ressentiment 
prädestiniert. Der pensionierte Beamte, der mit seinen Befehlen in die Luft 
schlägt, wird gerade an seinem Ressort und seinem Nachfolger alles zu be¬ 
kritteln finden. Ebenso der Apostat, der mehr aus Kampf gegen die auf einer 
tieferen Schicht doch anerkannte Religion einer neuen Religionsgemeinschaft 
beigetreten ist; er bildet das Gegenstück zum Bekehrten, der sich aus innerster 
Deberzeugung einer neuen Religion zugewandt hat. Auch viele Arten des 
modernen Atheismus sind aus einem Ressentiment entstanden. 

Andere Typen sind Zwerge, Krüppel, die alte Jungfer und unter den 
Verbrechern der Brandstifter. 

Nicht minder führt die moderne sexuelle Bewegung vielfach auf ein 
Ressentiment gegen die christliche sexuelle Ethik zurück. Der Philister sieht 
das Geschlechtliche nur in der Sphäre des zynischen Witzes. Der Dämo¬ 
nische (ä la Baudelaire) findet in der Sündigkeit, mit der eine Richtung christ¬ 
licher Moral das ganze geschlechtliche Gebiet belegt, erst die eigentliche 
Quelle seiner Befriedigung. Der leichtlebige Ritter Don Juan entstammt der 
Phantasie und dem Ressentiment eines spanischen Mönches. Und diejenigen 
Bestrebungen, die im Misstrauen gegen den erotischen Automatismus die Ehe 
gesetzlich im Interesse einer reinen Rasse reglementieren möchten, sind eben¬ 
falls aus einem Ressentiment gegen das Christentum entstanden. 

Die für das Ressentiment charakteristische Verdrängung wird bewirkt 
durch Ohnmacht und Angst. Vor allem ist es eine Lebensangst als Aus¬ 
prägung eines Lebensgefühls, das Bewusstsein eines niedergehenden Lebens, 
das beim Ressentiment in erster Linie in Frage kommt. Diese Lebensangst 
unterscheidet sich von derjenigen Angst, die auf verdrängter Objektvorstellung 


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einer früheren Furcht beruht, als vor allem von aller auf Organempfindungen 
(z. B. Atemnot) beruhenden Angst. Bei der Bildung des Ressentiments wird 
das ursprüngliche Objekt immer mehr ausser acht gelassen und es bleibt nur 
eine eigentümliche Oesamteinstellung vorhanden (Klassenhass.) 

Der Ressentimentmensch ist im ganzen reaktiver Natur, seine Wert¬ 
erfassung realisiert sich nur in der Miterfassung der Werte der anderen und 
im Vergleich mit deren Werten. Er kann nur Unterschiede zwischen sich 
und den anderen erfassen. Der Vornehme bedarf zu seiner Wertschätzung 
keines Vergleichsmaterials. Der Ressentimentmensch ist dagegen das Urbild 
des Gemeinen. Der Gemeine als Streber sucht die Wertunterschiede zwischen 
anderen und sich durch Tun und Wirken zu seinen Gunsten aufzuheben, der 
kraftlose Ressentimentmensch dagegen versucht durch Fälschungen und Ver¬ 
kehrungen den Wert der anderen im Urteile zu verkleinern. 

Es wurde hierauf die Entstehung der das Ressentiment meist begleitenden 
Erscheinungen des Selbsthasses und der Selbstqual aus dem Ansteigen der den 
zurückgehaltenen Affekt in besonderem Masse begleitenden Viszeralempfin¬ 
dungen aufgezeigt. 

Für das Studium der Entstehung individueller Werturteile im praktischen 
Leben und sogar ganzer Moralen in der Geschichte hat das Ressentiment eine 
grosse Bedeutung. Seine grösste Leistung vollzieht es da, wo es nicht zur 
Herabwürdigung anderer Menschen und Klassen auf Grund herrschender Werte, 
sondern zu einer Fälschung der Werte selbst fährt, indem es das Wertfühlen 
pervertieren lässt. Eingehend wurde die Umgestaltung zuerst des Weltbildes 
geschildert, wie sie sich im Menschen des Ressentiments vollzieht; sodann der 
verwickelte Mechanismus, in dem es schliesslich zu einer Verkehrung der ob¬ 
jektiv gültigen Rangordnungen der Werte kommen kann. 

Durch eine falsche Wertgebung verleumdet der Mensch des Ressenti¬ 
ments die Werte selbst, unter deren Geltung er sich als nichtig erscheinen 
muss, und wird hierdurch von der Qual, die sie tragenden Menschen hassen 
müssen, erlöst. Der Mechanismus dieser nicht bewussten Fälschung, sowie 
jener der sich einstellenden Perversion des Wertfühlens wurde ebenfalls er¬ 
örtert. Was beim konstitutiv Ehrlichen die bewusste Fälschung leistet, das 
leistet hier schon der tendenziöse unwillkürliche Automatismus der Erinnerung. 
An der Bewusstseinsperipherie herrscht beim organisch Verlogenen die ehr¬ 
lichste Gesinnung. (Cf. Zeitschr. f. Pathopsychologie I.) 

25. Januar 1912. 

Vortrag von Dr. M. Kemmerich: „Zeitliches Fernsehen“. 

Die Mehrzahl der interessierten Laien, wie der fachwissenschaftlichen 
Kreise verhält sich dieser Erscheinung gegenüber sehr zurückhaltend, wenn 
nicht gar ablehnend. Darum scheint es die gegenwärtig wichtigste Aufgabe, 
ein einwandfreies und allgemein anerkanntes Material herauszustellen. Von 
den mannigfachen einzelnen Prophezeiungen, die uns aus der Geschichte über¬ 
liefert werden, kann man immer behaupten, dass sie keinen genauen Anhalts¬ 
punkt über die Häufigkeit und die Natur des Fernsehens geben, da diejenigen 
Fälle, welche nicht eintrafen, kaum überliefert sein dürften. Exaktes würde 


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sich erst aufstellen lassen, wenn wir das Leben eines Sehers möglichst gut 
kennen und seine einzelnen Prophezeiungen nachprüfen könnten* 

Der Vortragende nannte die Namen mehrerer Seher, über deren Person 
man einiges weiss. Im Vordergrund der gesamten Ausführungen standen Frau 
de Fernem, eine jetzt in Berlin wohnende Dame, und der mittelalterliche 
Arzt und Astrolog Nostradamus. Zumal die Analyse einiger von diesem auf¬ 
gestellten prophetischen Vierzeiler führte der Vortragende genau durch. Es 
ergab sich dabei, dass diese Prophezeiungen auf Vorgänge in späteren Jahr¬ 
hunderten Bezug hatten, die eine Berechnung von seiten des Sehers als 
unmöglich erscheinen liess. Um aber das Vorhandensein einer seelischen 
Kraft des Fernsehens beweisen zu können, muss ein weiterer Faktor ganz 
ausgeschaltet werden: Der Zufall. „Wenn wir auch nur in einem einzigen 
Falle den Nachweis erbringen können, dass ein richtig vorhergesagtes Ereignis 
weder durch Berechnung noch durch Zufall eintraf, dann ist damit die Existenz 
des zeitlichen Fernsehens bewiesen.“ Um diesen Nachweis zu leisten, muss 
man sich der Wahrscheinlichkeitsrechnung bedienen. Wenn man die Zahl der 
wirklichen Fälle dividiert durch eine unendliche Zahl der möglichen Fälle, so 
ist das Resultat d. h. die Wahrscheinlichkeit des Zufalls unendlich klein oder 
Null. Und wenn wir in einem einzigen Falle den Zufall ausgeschlossen hätten 
— die Berechnung schaltet meist von vornherein aus — müssten wir Prophetie 
für erwiesen halten. Denn dass sich ein Seher in sehr vielen Fällen irrt, be¬ 
weist nichts gegen das Fernsehen selbst. Mag es doch für den Seher oft sehr 
schwer sein, ein wahrhaft Gesehenes von einem phantastischen Einfall zu 
unterscheiden. In den Augenblicken, in denen eine Person hellseherisch in die 
Ferne blickt, befindet sie sich in einem tranceartigen Zustand in völliger Ab¬ 
wendung von der Aussenwelt. Es scheint, als ob das was sie sieht zuerst un¬ 
klar vor ihr steht; erst allmählich erkennt sie deutlicher die Einzelheiten. Dies 
lässt sich unter anderem aus Protokollen schliessen, die nach Worten der 
Madame de Fernem aufgenommen wurden. 

Der Vortragende fügte ferner hinzu, dass Nostradamus auch schon von 
einem „inneren Licht spräche, das er bei seinen Prophezeiungen aufleuchten 
Hesse; allein durch die Astrologie könne er nichts Vorhersagen.“ 

In der anschliessenden Diskussion betonte Herr Dr. Freiherr 
von Schrenk-Notzing, dass die Gabe des Fernsehens manchmal auf be¬ 
stimmte Gebiete beschränkt sei, dass die Zustände oft periodenweise auftreten 
und auch dann nur wirklich zuverlässig seien, wenn sie völlig spontan auftreten 
und nicht des Experimentierens halber herbeigeführt werden. 

Weiterhin wurde in der Diskussion hauptsächlich der Ein wand hervor¬ 
gehoben, inwieweit die Wahrscheinlichkeitsrechnung zum Beweise für Prophe¬ 
zeiungen diene — ob sie einerseits den Zufall tatsächlich und völlig eliminiere, 
und ob sie andererseits nicht etwa allein beweise, dass zwar ein ganz be¬ 
stimmtes späteres Ereignis in der Voraussage gemeint sei, aber den Nachweis 
für die Möglichkeit von Prophezeiungen überhaupt nicht stütze. Dass die 
Phänomene des zeitlichen Fernsehens nicht wie in früherer Zeit von vornherein 
als Aberglauben oder Betrug abzutun, sondern die hier vorliegenden mystischen 
Erlebnisse zu prüfen wären, wurde anerkannt. 


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1. Februar 1912. 

Vortrag von Dr. R. Eisler: „Der Willen zum Schmerz u . 

Unter diesem Titel behandelte der Vortragende weniger die Tatsachen, 
welche der engeren Bedeutung des von Offner und Schrenk-Notzing 
geprägten Terminus „Algolagnie“ entsprechen, nämlich die Phänomene ero¬ 
tischen Schmerzverlangen«; vielmehr versuchte er im allgemeinen das Be¬ 
stehen eines Streben« nach Leid (von ihm „ Algoboulie“ genannt) nachzuweisen, 
und einerseits an ästhetischen Phänomenen, andererseits an Erscheinungen des 
täglichen Lebens — man denke nur an asketische Selbstpeinigung, „zwecklose 
Grausamkeit gegen Menschen oder Tiere, Zulauf bei Bränden und Unfällen, 
Bärenhetzen, Stierkämpfen, Saal- oder Zirkussensationen — zu erläutern. Als 
eine besondere Aufgabe stellte es sich der Vortragende, von den Tatsachen 
des Schmerzwoliens aus zu einer Lösung des Problems des Tragischen zu 
gelangen. 

Der Standpunkt des gewöhnlichen Menschen, nebenbei bemerkt auch 
einiger bedeutender Vertreter bestimmter philosophischer Werttheorien, setzt 
voraus, dass der Wille des Menschen naturgesetzlich durch Lust bzw. Unlust¬ 
gefühle determiniert ist: populär ausgedrückt, dass der Mensch in allem seinem 
Wollen und Handeln nach Lust strebe, Unlust meide. Nimmt man diesen 
Standpunkt ein, so ist und bleibt das Phänomen des Tragischen unverständ¬ 
lich, denn warum sollte dann das schmerz- und leidensvolle Erlebnis, das den 
Gehalt des Tragischen ausmacht, erstrebt werden? Die Theoretiker, welche 
der eudaimonistischen Ansicht huldigen, gelangen nur mit Mühe und auf Um- 
und Schleichwegen zu einer Erklärung, oder besser gesagt, Wegerklärung des 
tragischen Phänomens. Man wird diesem anscheinend ästhetischen Paradoxon 
nur gerecht werden können, sobald man den Willen als ein primär von den 
Gefühlen unabhängiges Phänomen gelten lässt; sobald man mit Münster¬ 
berg, James, Simmel u. a. — in gewissem Sinn auch mit Lipps — 
Lust und Unlust nur als begleitende Bewusstseinsspiegelungen attraktiver und 
repulsiver Strebungen gelten lässt. Unter dieser Voraussetzung wäre es mög¬ 
lich, dass sich ein Streben auf Unlust richten könnte und zwar auf Unlust als 
reinen Bewusstseinsinhalt, nicht durch ein begleitendes Willensphänomen aktuell 
entstanden, sondern bloss reproduktiv erzeugt. Es wäre ferner möglich — bei 
physischer Selbstpeinigung z. B. — dass der überwiegend schmerzvolle Be¬ 
wusstseinsinhalt dadurch zustande kommt, dass der begleitende Unlustton der 
vorhandenen Abwehrstrebungen stärker inB aktuelle Bewusstsein fällt, als die 
Lust, die dem (erfüllten) Verlangen nach dem willkürlich erzeugten Schmerz 
zugeordnet sein müsste. 

Von dieser letzteren Ueberlegung ausgehend, zergliederte der Vortragende 
die psychologische Struktur des künstlerischen Erlebens und fand, dass auf 
ästhetischem Gebiet nicht ausschliesslich das Mass der Lustwirkung den Wert 
des ästhetischen Objektes bestimme, sondern dass dieser vor allem von der 
Intensität unserer wie immer betonten Gefühlserlebnisse abhängig sei. 

Zwischen einer unteren ästhetischen Schwelle (zu schwach betonte In¬ 
halte sind weniger als gleichgültig) und einer oberen (zu grelle Gefühlswirkung 


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wird abgelehnt) steigt eine charakteristische Kurve immer höherer Bewertung 
von Beizen steigender Emotionalbetonung an. Die Lage der beiden „Schwellen“ 
ist nicht nur individuell verschieden, sondern auch im Einzelleben variabel, 
u. zw. durch Gewöhnung und Abstumpfung progressiv beweglich. Eben noch 
geschätzte Inhalte verfallen der Gleichgültigkeit und dem Widerwillen; 
Steigerung der Intensität sucht diesem Vorgang so lange als möglich entgegen¬ 
zuwirken, so dass ursprünglich als überstark abgelehnte Beize nun erst positiv 
gewertet werden. Endlich tritt „Ueberdruss“ und Unempfindlichkeit gegen die 
ganze Beihe von Bewusstseinsinhalten auf, so dass die untere ästhetische 
mit der oberen Beizschwelle zur Deckung gelangt. 

Der Vortragende erläuterte diesen Prozess an dem historischen Beispiel 
des Ueberganges der Benaissanzearchitektur in die des Barock und dem ab¬ 
rupten Ende, das diese Bewegung durch die klassizistische Beaktion des 
Empirestils gefunden hat. 

Das Phänomen des Tragischen erklärt sich gleichfalls auf der Basis einer 
absichtsvollen Intensitätssteigerung unseres Gefühlserlebens. Der Wille zum 
Schrecklichen, Peinvollen, zum erhebenden oder niederschlagenden Mitleiden, 
wie es uns die Tragödie bringt, wird vorzugsweise durch unser Bedürfnis nach 
kräftigen emotionalen Stimulantien verursacht. Im Prinzip bleiben es — trotz 
aller Sublimierung in den höchstentwickelten tragischen Kunstwerken — die¬ 
selben menschlichen Seelenbedürfnisse, die einerseits durch Gladiatorenspiele, 
Stierkämpfe, halsbrecherische Zirkusvorstellungen’ u. dgL oder andererseits durch 
die Darstellung menschlichen Leides und Elends in der Tragödie befriedigt 
werden. Der Grundzug aller dieser Erscheinungen liegt in einem unausrott¬ 
baren Bedürfnis der Psyche nach Schmerz, in der „Algoboulie“. Am Schlüsse 
versuchte der Vortragende noch eine biologische Interpretation dieser Tat¬ 
sachen zu geben, indem er darauf hinwies, dass das Aufsuchen des Schmerz¬ 
vollen in gewissem Sinne einer Atrophie der schmerzempfindenden Funktionen 
vorbeugt. 

15. Februar 1912. 

Vortrag von Privat-Doz. Dr. G. Kafka: „Ueber Tierpsychologie“. 

Der Vortragende stellt es sich zur Aufgabe, speziell eine Grundfrage zu 
besprechen: Hat die Tierpsychologie überhaupt eine wissenschaftliche Be¬ 
rechtigung? — Ganz allgemein ausgedrückt, würde sie eine Lehre von den 
psychischen Erscheinungen bedeuten, soweit solche bei Tieren Vorkommen. 
Die Frage nach der Berechtigung ist besonders in neuester Zeit oft negativ 
beantwortet worden; man meinte, dass sich die Erfahrungswissenschaften auf 
biologische oder physiologische Untersuchungen beschränken müssten. Zwar 
erklärt der moderne Vitalismus, dass gewisse teleologische Momente in den 
Ablauf der tierischen Lebensvorgänge einzuschalten seien, eine Umdeutung 
dieser teleologischen Faktoren in psychologische sei jedoch wissenschaftlich un¬ 
bedingt abzulehnen. Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Psychischem und 
Physischem sollen nicht geleugnet werden, doch ist jedes Gebiet vom anderen 
streng getrennt zu halten. 

Der Standpunkt der „objektiven“ Naturwissenschaft ist also vollkommen 


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berechtigt, aber einseitig, weil jedenfalls die Lebenserscheinungen eines Or¬ 
ganismus — des eigenen Körpers — eine psychische und eine physische Seite 
zeigen. Die Analogie zwischen den physiologischen Prozessen im eigenen 
Körper mit denen im Körper der Mitmenschen berechtigt uns, auch diesen 
Organismen psychische Erlebnisse beizulegen. Es fragt sich nun, ob Gründe 
vorliegen, welche die Anwendung des gleichen Prinzips auf die tierischen 
Lebenserscheinungen verbieten. Dass ganz allgemein keine direkte Erfahrung 
über den Inhalt des tierischen Bewusstseins möglich ist, beweist deshalb nichts, 
weil dasselbe auch für die psychischen Inhalte der Mitmenschen und für be¬ 
stimmte physikalische Hypothesen (Erdinneres, Rückseite des Mondes) gilt. 
Will man nun aber den höheren Tieren Bewusstsein zuerkennen, so muss man 
objektive Kriterien für die Verbreitung des Bewusstseins in der Tierreihe er¬ 
bringen. Diese Kriterien sind andererseits unmöglich, da sie auf subjektive Er¬ 
lebnisse überhaupt nicht anwendbar sind. Wir sind daher lediglich auf das 
Analogieschlussverfahren angewiesen. Wird dessen Berechtigung prinzipiell 
anerkannt, so steht seiner Anwendung im Tierreich auch kein Hindernis ent¬ 
gegen. Es wäre eine Inkonsequenz, wenn man eine Methode, die man den 
Mitmenschen gegenüber aufrecht erhält, nicht auch weiter auf die Tiere aus- 
dehnen wollte, da die Stützpunkte, welche uns in dem äusserlichen Verhalten 
gegeben sind und unsere Annahmen über psychische Erlebnisse anderer be¬ 
gründen, zwischen den Mitmenschen und Tieren nur Grad-, aber keine Wesens¬ 
unterschiede aufweisen. Der Vortragende führte einige sehr interessante Bei¬ 
spiele — speziell niederer Tiere — an, und wies an ihnen nach, dass die ge¬ 
lungene Zurückführung gewisser Reaktionen auf physiologische Prozesse das 
Vorhandensein psychischer Phänomene nicht ausschliesse, andererseits aus der 
vorläufigen Unmöglichkeit einer derartigen Zurückführung keineswegs die Be¬ 
rechtigung zur Einschaltung psychischer Zwischenglieder folge. Ein objektiver 
Beweis für oder gegen die Berechtigung der Tierpsychologie sei also nirgends 
zu erbringen. Nur müsse Klarheit über die subjektiven Faktoren geschaffen 
werden, welche die Entscheidung in dem einen oder anderen Sinne zu beeinflussen 
vermögen. Betrachtet man die relative Unsicherheit der tierpsychologiscben 
Hypothesen als massgebend oder scheut man vor der Annahme einer all¬ 
gemeinen Verbreitung des Bewusstseins im Tierreich zurück, so muss man 
das Analogieschlussprinzip mit bewusster Inkonsequenz auf die menschlichen 
Organismen beschränken. Erkennt man aber die phylogenetische Analyse des 
Bewusstseins als eine unabweisliche Aufgabe, so kann man durch vorsichtige 
Interpretation der objektiven Tatsachen zu einer selbständigen und empirisch- 
induktiven Wissenschaft gelangen. 

14. März 1912. 

Vortrag von Priv.-Doz. Dr. M. Geiger: „Das Bewusstsein von 

Gefühlen“. 

Der Vortragende führte etwa folgendes aus: Die herrschende Psycho¬ 
logie steht im allgemeinen auf dem Standpunkt, dass wir uns über Gefühle im 
aktuellen Leben nicht täuschen können. Einer der Gründe, die sie für diese 
These anführt, ist der, dass bei Gefühlen zwischen „Sein“ und „Bewusstsein von 


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diesem Sein* nicht geschieden werden kann. Aber diese Anschauung stellt sich 
als ein Vorurteil heraus, wenn man sie nachher prüft. So können z. B. in 
schlichter Beachtung, die nur die Gefühle heraushebt aus dem sonstigen Be- 
wusBtseinserleben, Gefühle sehr wohl beachtet werden, wir können Zorn und 
Ungeduld usw. bemerken. Auch ein Erfassen der Qualität ist bei einer ganzen 
Beihe von Gefühlen möglich. Man kann sehr wohl feststellen ob ein Erlebnis 
Trauer oder Mitleid erweckt, ob die Trauer tief oder oberflächlich ist. Die 
Affekte scheinen allerdings von solchem qualitativem Erfassen ganz ausgeschlossen 
und ebenso ist es bei allen Arten von Gefühlen in der Tat unmöglich, sie, 
während sie voll erlebt sind, analysierend zu beobachten. Neben dem Gegensatz 
des Beachtet- und des Nichtbeachtetseins gibt es noch andere Unterschiede, wie 
Gefühle im Erleben für den Einzelnen da sein können. So ist es bei der Ein¬ 
stellung auf ein Gefühl durchaus zu scheiden, ob man auf den Gegenstand des 
Gefühls oder auf das Gefühl selbst gerichtet ist. Man kann so von einer gegen¬ 
ständlichen und einer zuständlichen Einstellung (oder mit Schnitze von 
Aussen- und Innenkonzentration) sprechen. Die zuständliche Einstellung schliesst 
durchaus nicht die Beachtung eines Gefühls ein — wenn die Axrtdyse auch 
eine gewisse Aehnlichkeit zwischen beiden Momenten ergibt. Das innerliche 
Beschäftigtsein mit dem Gefühl ist beiden gemein. Bei der Aussenkonzentration 
dagegen sind wir auf den Gegenstand gerichtet, die Gefühle sind einfach für 
uns da. Freilich zeigt auch die Aussenkonzentration kompliziertere Formen 
als es das einfache Innewerden des Gefühls ist, z. B. wenn wir uns über die 
Ankunft eines Freundes freuen. Eine solche kompliziertere Form ist etwa das 
Goutieren. Ebenso ist bei der Innenkonzentration das einfache Vorhandensein 
des Gefühls (wie etwa im Glücksrausch) zu scheiden von einem Zustand in dem 
das Gefühl noch einmal pointiert und wach erlebt wird, wie etwa bei der 
Sentimentalität. 

23. Mai 1912. 

Vortrag von Dr. v. Gebsattel: „Der Einzelne und sein Zuschauer*. 

(Zur Psychologie des Begehrens.) 

Zu den wesentlichsten Umgebungsbestandteilen des Menschen gehören 
seine Zuschauer; bei allen seinen Handlungen sieht er die Augen anderer 
Leute auf sich gerichtet — und die Auseinandersetzung mit diesen gehört zu 
den hauptsächlichsten Antrieben der Selbstverwirklichung. Der Zuschauer ist 
der natürliche Pädagoge. Soldaten erzählen, dass sie ihre Mutlosigkeit in der 
Schlacht vor den Augen der Kameraden nicht zu zeigen wagten, und La 
Rochefoucauld behauptet: die meisten Liebhaber würden aufhören Liebende 
zu sein, wüssten sie sich nicht in ihrer Rolle beobachtet. Das individuelle 
Prinzip der Lebensführung schwindet jedenfalls damit sehr, dass der Einzelne 
die Augen des Zuschauers fühlt; und in gewissen Fällen von Hysterie kann 
man die völlige Macht des Zuschauers über den Kranken bemerken. 

Die Verbindung zwischen der Einzelperson und der als Zuschauer 
charakterisierten Umgebung wird sich nun so gestalten, dass der Beobachtete 
sich, d. h. seine Werte darzustellen versucht. Der Redner, der durch die 
bestimmte, äusserliche Art seines Vortrags die Zuhörer mehr auf seine 


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Sitzungsberichte. — Referate. 


Person, als auf den Inhalt seiner Sätze aufmerksam macht, will seine Werte 
dem Publikum zeigen. Er sucht so die qualifizierte Beachtung seiner Um¬ 
gebung zu erringen. Ein Streben, in den Augen anderer etwas zu gelten 
(Geltungsstreben) führt ihn zu seinem Verhalten; es ist eine spezifische Aus¬ 
prägung der allgemeinen Richtung eines innewohnenden emotionalen Interesses 
— auf Sichtbarwerden der eigenen Person einerseits, auf die Reaktion des 
Zuschauers andererseits. 

Was für ein Interesse hat nun der Redner an dieser Beachtung? — 
Der Vortragende ging hier zuerst auf die Frage ein, was hat der Essende für 
Interesse an seiner Nahrung? Für die biologische Betrachtung ist nur Selbst¬ 
erhaltung das Interesse — dagegen ist es für die psychologische ein emotionales. 
Es gibt einen lustvollen, einen quälenden Hunger, ein Lüsternsein, eine Gier 
U8W. — mannigfache Umstände bedingen die verschiedensten Stellungen. Dieses 
emotionale Interesse ist in seinem Bedarf unabhängig, ob der Gegenstand mit 
Lust oder Qual verbunden ist, ob er tatsächlich begehrt wird, oder Phantasie- 
befriedigungen eintreten. Dagegen lässt sich beweisen, dass er determinierende 
Bedeutung* hat u. zw. 1. für die Auswahl bestimmter Inhalte, 2. für das Auf¬ 
treten von dem das begehrte Ziel symbolisierenden Gedanken, 8. für das Streben 
nach Hingabe des Ich an den Inhalt und 4. für die Handlung der Hingabe. 

Determiniert nun emotionales Interesse das Streben, so kann man von 
einem emotionalen Streben sprechen. Es handelt sich hierbei nicht nur um 
Hingabe des Ich an einen bestimmten Weltinhalt, sondern auch umgekehrt: 
das emotionale Interesse determiniert den Wunsch, den Inhalt dem Ich zu 
unterwerfen und dienstbar zu machen. Solche Phänomene, bei denen sich auch 
das Ich als aktiv tätig erweist, wird man am besten mit dem Namen „Affekt¬ 
begierde tf bezeichnen. Und eine derartige Affektbegierde ist das Geltungs¬ 
streben des sich zur Schau Stellenden. 


Referate. 

Kauffmann, Max. Die Psychologie des Verbrechens. Eine Kritik. 

Mit zahlreichen Porträts. Julius Springer, Berlin 1912. 344 8. 

K.s Buch zerfällt in vier Abschnitte: Grandelemente, Verbrechertypen, 
Ursachen des Verbrechens, Reaktion der Allgemeinheit auf das Verbrechen. 
Offenbar stehen K. viele praktische Erfahrungen zur Verfügung. Er wendet 
sich mit grosser Schärfe gegen das Schweigegebot bei Vollstreckung der Frei¬ 
heitsstrafen und erblickt in ihm eine wesentliche Ursache für die geistige 
Erkrankung vieler Gefangener. Mit grosser, wie ich glaube, nicht immer be¬ 
rechtigter Schärfe, wendet er sich gegen herrschende Anschauungen der 
Psychiatrie. Besonders greift er Kraepelin an. „Was würde aus unserem 
prächtigen Heer, wenn erst diese zersetzenden Lehren Kraepelins dort Eingang 
fanden?“ Das Bestreben der Kraepelinschen Schule, mit psychologischen Ver¬ 
suchen aus den normalen psychologischen Vorgängen heraus Geisteskrankheiten 
erklären zu wollen, hält er für verfehlt. Er glaubt nicht an die Verbrecher¬ 
physiognomie. Es gebe nur eine Zuchthausphysiognomie, die sich aber sehr 
bald verliere, wenn die betreffenden die Strafanstalt verlassen haben. 

Das lehrreiche Buch sei allen Medizinern, ob sie K. beistimmen oder 
nicht, dringend empfohlen. Dr. Albert Moll. 


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Der Einfluss des sexuellen Verkehrs auf die 
menschliche Psyche. 

Von Prof. Dr. Seved Ribbing, Lund. 

Dass das aktive Geschlechtsleben eine mächtige Einwirkung 
auf die Art und die Charakterbildung der Menschen ausübt, wird von 
jedermann anerkannt. Der grosse Unterschied in dem Wesen eines 
Familienvaters und eines Hagestolzes, einer Matrone und einer alten 
Jungfer ist allen Augen deutlich. Zu der Ausbildung dieser Unter¬ 
schiede tragen jedoch noch viele andere Umstände bei. Beim ersten 
Anblick ist es gewiss nicht leicht, die Folgen dieser besonderen Ein¬ 
flüsse zu unterscheiden, denn die Resultate sind miteinander auf das 
engste verwoben. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass es von grossem 
Interesse wäre, wenn man die psychischen Einflüsse des Sexualver¬ 
kehrs genau und allseitig erforschen könnte. In der letzten Zeit 
hat man den psychopathologischen Verirrungen eine überaus grosse 
Aufmerksamkeit geschenkt und eine gewaltige Literatur über dieses 
Thema produziert. Die normalen Verhältnisse sind aber dabei ver¬ 
nachlässigt worden. Kr afft -Ebing erkennt mit gutem Grund an, 
dass sich bis jetzt die Dichter als bessere Kenner der psychischen 
Wirkungen des menschlichen Geschlechtslebens gezeigt haben als die 
Philosophen; aber er bemerkt doch dabei, dass die Erfahrungen und 
Ansichten der Poeten nur einseitig sein können. Wendet man sich 
aber an die Philosophen, so kann man sich auch da kaum des Ge¬ 
dankens erwehren, dass auch sie von der Anschauung ihrer Zeit und 
von ihren persönlichen Erfahrungen die mächtigsten Eindrücke er¬ 
halten haben. In seinem so grosse Umwälzungen fordernden Werk 
über den Staat gibt Plato eine Schilderung der Stellung des Weibes 
und der Aufgaben der Familie mit bezug auf die Kindererzeugung, 
die tief in der alten griechischen Tradition von der Unfreiheit der 
Frau wurzelt. 

Wenn Rousseau auch versucht Andeutungen einer Psychologie 
der Liebe zu geben, so kommt er zu keiner einheitlichen Folgerung; 
allzustark tritt der phantasiereiche Dichter, der Anwalt der all¬ 
beherrschenden Leidenschaft hervor. 

Bei dem ehrwürdigen Erzieher Kant finden wir die grossen 
Züge der Ethik klar dargestellt; einer Analyse der psychischen Vor¬ 
gänge der Liebe begegnen wir dagegen nicht. 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 13 


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In grösserem Masse als die obigen Autoren hat es Schopen¬ 
hauer versucht, in seinen Schriften eine Darstellung der geschlecht¬ 
lichen Liebe zu geben; doch gerät man bei deren Lektüre aus dem 
einen Erstaunen in das andere. Seine eigenen Missgriffe, seine un¬ 
glücklichen Beziehungen zum weiblichen Geschlecht haben ihn zu 
solchen Schilderungen über die geschlechtlichen Verhältnisse ver¬ 
anlasst, dass man kaum weiss, ob man das Ganze tragisch oder 
komisch nehmen soll. 

Soweit mir bekannt ist, hat sich der berühmte Philosoph 
des Unbewussten in vorgerückteren Jahren nicht mehr über die 
Psychologie der Liebe geäussert; doch ist kaum zu bezweifeln, dass 
er dann eine hellere Auffassung des ganzen Gegenstandes zu er¬ 
kennen gegeben hätte. Nun besitzen wir hierüber von seiner Hand 
eigentlich nur die düsteren Ausmalungen, die in seinem Hauptwerk 
zu finden sind; ihnen gegenüber fällt es jedoch nicht schwer, die 
Gründe seiner Fehlschlüsse aufzudecken. In seiner Gegenüber¬ 
stellung von Soll und Haben der Geschlechtsliebe wirft er auf der 
passiven Seite zwei grundverschiedene Dinge zusammen, sowohl die 
unerfüllten Hoffnungen des einzelnen Partners als auch die sozialen 
Ausschreitungen des Geschlechtstriebes, also zwei Phänomene, die 
gewiss einigermassen miteinander verwandt sind, die aber doch nicht 
gegen die Möglichkeit eines wahren Liebesglückes ins Feld geführt 
werden können. Eine noch so kritische Betrachtung der individuellen 
und sozialen Ethik kann doch nicht bei einer gesunden Lebens¬ 
anschauung zu der Auffassung führen, dass die Vernunft eine Aus¬ 
rottung des Geschlechtstriebes, d. h. eine Verschneidung fordere. 

Von einem neueren philosophischen Forscher, dem Amerikaner 
William James, der von anatomischen und physiologischen 
Studien zu innerlicher Vertiefung in psychologische und philosophische 
Fragen geführt wurde, sollte man im Hinblick auf seine optimistische 
Sinnesart eine anziehende Analyse der Liebe zu erwarten haben. 
Eine solche aber suchen wir bei ihm vergebens; in dem kurzen 
Kapitel, das er diesem Thema widmet, findet man jedoch einige 
wertvolle Winke. Dazu rechne ich besonders seine Hervorhebung der 
zahlreichen psychologischen Momente, die eine Hemmung des ge¬ 
schlechtlichen Instinktes, eine Ablenkung der sexuellen Leidenschaft 
mit sich führen, was alles gegen die von so vielen Schriftstellern der 
Gegenwart postulierte Allmacht dieses Triebes spricht. 

Von dem französischen Historiker Michelet und dem italieni¬ 
schen Physiologen Mantegazza besitzen wir Werke, die die Liebe 
in ausführlicher Weise behandeln. Trotz einiger hier und da vor¬ 
kommender treffender Bemerkungen kann man von diesen Schrift- 



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Der Einfluss des sexuellen Verkehrs anf die menschliche Psyche. 195 


steilem nicht sagen, dass sie in erheblichem Masse zur Erkenntnis 
der Liebe beigetragen haben. Mich hier mit der modernen Dich¬ 
tung und ihrer Behandlung des Liebesproblems zu beschäftigen, 
habe ich keine Veranlassung. Hier und da kann man wohl feinen 
Beobachtungen begegnen; gewöhnlich aber ist die ganze Frage so 
tendenziös behandelt, dass die Schlussfolgerungen des Verfassers da¬ 
durch bedenklich beeinträchtigt werden. 

Es bleibt also nichts anderes übrig, als das ganze Gebiet der 
Psychologie der Geschlechtsliebe von neuem zu durchforschen. Diese 
Arbeit muss dabei ungefähr denselben Bahnen folgen wie die in 
unseren Tagen so populäre Kinderpsychologie, sie muss die einzelnen 
Tatsachen genau notieren und sammeln. Es ist ganz klar, dass die 
Sammlung des Materials auf diesen Gebieten bedeutenden Schwierig¬ 
keiten begegnet, doch darf uns das nicht abschrecken. Verständige, 
verheiratete Aerzte und Aerztinnen mögen in ihrer eigenen Familie 
beginnen und dann weiter die zahlreichen Fälle von sexuellen Krank¬ 
heiten und ehelichen Konflikten aus der Praxis zur Aufhellung der 
Frage heranziehen; denn die Anamnese solcher Fälle bringt nicht 
nur pathologische Erscheinungen zum Vorschein. Perioden ganz 
normaler Beziehungen kommen auch in den mehr oder weniger ab¬ 
normen Fällen vor, und diese lassen sich natürlich einregistrieren. 
Aber mit allem Fleiss kann man doch nicht das ganze Gebiet be¬ 
herrschen, und ganz besonders ist zu fordern, dass die bahnbrechen¬ 
den Forscher sich einschränken. Besser ist es einen kleineren Ab¬ 
schnitt genau kennen zu lernen, als vereinzelte Beobachtungen über 
grössere Strecken hin anzustellen. Wenn nun verschiedene Forscher 
solche Gebiete bearbeiten, ist doch keine volle Uebereinstimmung 
ihrer Resultate zu erwarten; denn die Verschiedenheit der Individua¬ 
lität, der Nationalität, der Bildung und der Moral übt hier ihre 
Wirkung aus. Der Versuch, den ich hier darbiete, erhebt nur den 
Anspruch, die Frage in einem begrenzten Umfange zu untersuchen, 
und zwar gedenke ich bloss die psychische Wirkung des legitimen 
Sexualverkehrs zu schildern. Es leuchtet zweifelsohne von vorn¬ 
herein ein, welch gewaltiger Unterschied zwischen dem legitimen 
und dem illegitimen Umgang bestehen muss. Auf der einen Seite 
das Gefühl der Berechtigung und Sicherheit, auf der anderen das 
der Furcht vor Entdeckung und allerlei unerwünschten Folgen. 
Meine Untersuchungen beziehen sich auch ausschliesslich auf Indivi¬ 
duen nordischer, d. h. germanischer Abstammung. Die Eheverhält¬ 
nisse der romanischen Nationen sind von den unsrigen so ver¬ 
schieden, dass beide nicht miteinander abgehandelt werden können. 
Jeder noch so bescheidene Kenner der französischen novellistischen 


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Literatur erinnert sich vieler Beispiele von Schilderungen des 
Schreckens, den die junge Frau in der Hochzeitsnacht erfährt, 
eines Schreckens, der sie nicht selten dahin bringt, das Haus des 
Bräutigams noch in derselben Nacht zu verlassen, um niemals dort¬ 
hin zurückzukehren. Natürlich könnte man ein wenden, dass die 
Dichter diesen Punkt übertreiben; dass dies aber nicht der Fall ist, 
zeigen die Schriften französischer wissenschaftlicher Schriftsteller. 
E. Lögouve z. B. hat sich in seinem Werk „Histoire morale 
des femmes“ eingehend mit diesem Thema beschäftigt und sieht 
sich veranlasst, seinen Landsleuten gegenüber die ernstesten War¬ 
nungen auszusprechen. Er gibt eine recht abstossende Schilderung 
der Verhältnisse zu Beginn der französischen Ehen und spricht in 
den wärmsten Ausdrücken seine Bewunderung der deutschen Form 
der Verlobung aus. „Die Verlobung ist,“ so heisst es bei ihm, „so¬ 
zusagen ein Vorspiel des ehelichen Lebens und in dieser Eigenschaft 
hat »ie einen ansehnlichen Anteil an der Versittlichung der Ehe. 
Die Zwischenzeit, die zwischen die Verlobung und die eigentliche 
Vereinigung fällt, gibt den jungen Kontrahenten Zeit, einander kennen 
zu lernen, und sie reinigt im voraus das brutale Gefühl des Besitzes durch 
Liebe. Frei in ihrem Willen und durch das gegenseitige Versprechen 
vereint lernen sie einander kennen, indem sie die keusche Anmut 
einer wachsenden Neigung kosten, und die Ehe, der sie Hand in 
Hand entgegenschreiten, steht dann nicht als eine äussere Vereinigung 
vor ihnen, sondern als die schliesshche Weihung des Bündnisses der 
Seelen. Spanien, England und vor allem Deutschland geben noch 
der Verlobung diesen poetischen und sittlichen Charakter. Jenseits 
des ßheines bildet die Verlobung einen Wendepunkt des Lebens“. 

Die skandinavischen Völker hegen dieselbe Auffassung, wie sie 
oben als deutsch geschildert worden ist. 

Wenn man nun mit diesen Voraussetzungen an die Prüfung der 
psychischen Einwirkungen des ehelichen Geschlechtslebens auf den 
Mann herantritt, muss man weiterhin die Bedingung aufstellen, dass 
der Mann — ob er sich voller sexueller Unberührtheit erfreue oder 
nicht — doch die Keuschheit der Braut, die Würde der Gattin zu 
schätzen vermag; denn die psychischen Regungen der Lebe¬ 
männer gehören nicht zu unserem Thema. Das erste Gefühl eines 
normalen Mannes ist Stolz und Zufriedenheit über den Besitz seiner 
Frau. Er hat sie jetzt sich selbst erworben; keine Schranken, keine 
dritte Person stellen sich mehr zwischen ihn und seine Auserwählte. 
Er hofft auf ein langes glückliches Zusammenleben. Eis ist ganz 
falsch, wenn man sich selbst und der Welt einzubilden sucht, dass 
sich der normale Mann innerhalb des ehelichen Lebens nach Ab- 


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wechslung sehnt. Solches kann möglicherweise bei verschrobenen 
und degenerierten Individuen eintreffen; normal war das aber nie. 
Hier möchte ich die Aufmerksamkeit auf eine allgemeine Sitte bei 
den germanischen Völkern lenken; es ist dies die Sitte der Ueber- 
reichung einer Morgengabe. Am Morgen nach der Brautnacht 
pflegte der Mann seiner Frau ein Geschenk zu machen, das nicht 
nur in beweglichen Gegenständen, sondern auch in Grundeigentum 
bestehen konnte. Die Gabe war in gewissem Sinne als Pretium 
virginitatis anzusehen, jedoch nicht ausschliesslich, denn die Morgen¬ 
gabe konnte ebensowohl einer neuvermählten Witwe, als einer Jung¬ 
frau zuteil werden. Auch war es bei den germanischen Völkern 
weder vor dem ersten Beilager der Eheleute noch nach der Braut¬ 
nacht Sitte, nach den Zeichen der physischen Jungfräulichkeit zu 
forschen, in dieser Sache war das Vertrauen allein ausschlaggebend. 
Es ist nicht ohne Interesse, die Entwicklung dieses Instituts zu ver¬ 
folgen, das z. B. in Schweden noch zu Recht besteht. In einigen 
Ländern wurde später durch Gesetzgebung die Höhe der Morgen¬ 
gabe begrenzt, und zwar auf höchstens ein Drittel des gesamten 
Eigentums des Mannes. Es ist daran zu erinnern, dass die Morgen¬ 
gabe den ältesten rechtlichen Anteil der Frau am Eigentum des Ehe¬ 
mannes darstellt und dass sie zusammen mit eiweiterter Beteiligung 
fortbesteht. Diese Einrichtung, die mir hier besondere Berücksichti¬ 
gung zu verdienen scheint, ist mir ein völker-psychologischer Beweis 
für die hohe Wertschätzung der Ehe durch unsere Vorfahren. Diese 
freigebigen Gaben zeugen von Liebe und Verehrung, sie sprechen 
vom Gefühl der Unlöslichkeit des ehelichen Bundes. 

Zu dem erwähnten Stolz auf den Besitz kommt beim Manne 
der Respekt vor der seelischen und körperlichen Reinheit der Frau, 
die sich in so vielen kleinen Zügen offenbart. 

Bei der jungen Frau ist die Sachlage teilweise anders, wobei 
ich voraussetze, dass die Braut, wie dies von seiten aller vernünf¬ 
tigen Mütter geschieht, von ihr vollständig in die Ehegeheimnisse 
eingeweiht worden ist. Das im Anfang der Ehe vorherrschende Ge¬ 
fühl der Frau geht dahin, dass nach der ersten Umarmung alle 
Schranken zwischen ihr und dem Gatten niedergerissen sind. Sie ist 
überzeugt, dass der Defloration eine entscheidende Wirkung zukommt, 
dass sie selbst einen Weg angetreten hat, auf dem es keine Umkehr 
gibt, sie erkennt welch grosser Unterschied zwischen einer zurück¬ 
gegangenen Verlobung, d. h. einem zurückgegebenen Eheversprechen 
und einer aufgelösten Ehe besteht. Sie hat sich aus Liebe dem 
Gatten ganz ohne Vorbehalt hingegeben, sie hat nicht ohne inneren 
Kampf das angeborene und durch die Erziehung in langen Geschlechter- 


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folgen bestärkte Streben, die Unberührtheit zu bewahren, um seinet¬ 
willen überwunden. Sie ist auch auf die Schmerzen der Deflora¬ 
tion vorbereitet und findet sich um des geliebten Gatten willen 
darein. In normalen Fällen ist auch der Bräutigam von der Not¬ 
wendigkeit einer gewissen Schonung seiner Braut unterrichtet. Alle 
Schmerzen kann er ihr jedoch nicht ersparen. Der freudige Eifer 
des Bräutigams und die geduldige Hingabe der Braut bewirken jedoch 
gewöhnlich den richtigen Ausgleich. Es ist jedoch ausdrücklich 
hervorzuheben, dass in diesen normalen Vorgängen keinerlei sadisti¬ 
sche oder masochistische .Begleiterscheinungen zu suchen und zu 
finden sind. Sowohl der Mann als auch die Frau wünschen, dass 
die Schmerzensperiode baldigst endigen möge, um sich eines vollen 
Genusses erfreuen zu können. Für die Frau trifft dies im allgemeinen 
nicht so schnell ein. Die allermeisten jungen Frauen leiden mehrere 
Wochen lang grössere oder geringere Schmerzen beim ehelichen Ver¬ 
kehr. Diese werden nach und nach geringer, sind aber doch in 
normalen Fällen vorhanden. Von pathologischen Verhältnissen, z. B. 
Vaginismus, ist hier nicht die Rede. Es ist klar, dass die liebevolle 
Hingabe der jungen Frau nicht nur im Ehebett, sondern auch sonst 
im täglichen Leben, die sich im Honigmond kundgibt, natürlich ihre 
sexuelle Anziehungskraft steigert, und dass dadurch ein stärkeres Ver¬ 
langen nach Erfüllung seiner Wünsche beim Manne erweckt wird. 
Darüber scheint die junge Frau nicht zu reflektieren, und auch 
wenn sie es einsähe, glaube ich nicht, dass das ihr Verhalten be¬ 
einflussen würde. Wenn jedoch der junge Gatte die gebührende 
Schonung walten lässt, ist es nicht wünschenswert, dass der oben 
genannte Zustand der mangelnden Adaption zu sehr in die Länge 
gezogen wird. 

Nach den Erfahrungen, die ich in der heimatlichen Praxis ge¬ 
sammelt habe, bin ich ein entschiedener Anhänger der Hochzeits¬ 
reise. Für das junge Paar ist es wohltuend, eine, wenn auch kurze 
Zeit ausschliesslich miteinander zuzubringen. Sie bleiben dabei von 
neugierigen Blicken verschont, sie müssen nicht unmittelbar nach 
der Trauung in die kleinen Sorgen des Alltagslebens hinein, und der 
Genuss alles Schönen in Natur und Kunst bildet das geeignetste 
Gegengewicht gegenüber der ausschliesslichen Beschäftigung mit dem 
Sexualleben. Von älteren medizinischen Beobachtern hat man hie 
und da Warnungen vor Hochzeitsreisen gehört; ich bin jedoch davon 
überzeugt, dass die meisten Ungelegenheiten, die man der Reise zu¬ 
schrieb, von übersehenen Infektionen herrührten. In seltenen Fällen 
kann das junge Ehepaar einer Warnung vor allzu grossen Strapazen 
bedürfen. 


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Der Einfluss des sexuellen Verkehrs auf die menschliche Psyche. 199 


In der jungen Ehe ist noch eine andere Frage wohl zu be¬ 
achten, nämlich die der ethisch-psychischen Reaktion der Frau. In 
unserer Erziehung der Töchter zu Reinheit und Keuschheit legen 
wir einen Grund, auf dem schwärmerische Gemüter selbst über¬ 
schwängliche Bauten aufführen. Bei Beginn der Liebe zu dem Aus¬ 
erwählten treten diese Gedanken zurück, aber sie kehren nicht selten 
nach der Eheschliessung wieder. Diese rein psychischen Regungen 
haben mit den physischen Schmerzen sehr wenig zu tun; sie können 
fortbestehen, wenn die letzteren längst verschwunden sind. Für das 
eheliche Glück ist es jedoch notwendig, dass sie überwunden werden, 
und darin liegt eine wichtige Aufgabe des Ehemannes. In dieser 
Sache hat er der Stimmung seiner Frau liebevolle Aufmerksamkeit 
zu widmen, ihr hochgespanntes Empfinden ohne lange Reden durch 
Feinfühligkeit und Zärtlichkeit in die rechte Bahn zu lenken, was 
bei normalen Frauen fast niemals versagt. Solche grösseren oder 
geringeren Anfangsschwierigkeiten schliessen jedoch keineswegs aus, 
dass schon vor der Unterbrechung durch die erste fortgeschrittene 
Schwangerschaft eine Periode des vollen beiderseitigen Genusses er¬ 
zielt worden ist. 

In anderen Fällen hört man viel vom Aufhören des Honig¬ 
mondes reden, und satirische Dichter aller Nationen schärfen ihren 
Witz an der kurzen Dauer des ehelichen Glücks. Es wäre natürlich 
von Interesse, zu verfolgen, welches die Ursachen des Uebergangs 
der wärmeren, liebevolleren Stimmung in eine spätere und weniger 
befriedigende sind. Da dieser Punkt eigentlich nicht ganz zu meinem 
Thema gehört, will ich ihn nur kurz behandeln; ich meine, dass 
diese Veränderung sehr oft in der Vernachlässigung durch den Mann 
und der Launenhaftigkeit der Frau begründet ist. Die Vernach¬ 
lässigung besteht nicht darin, dass der Ehemann die Umarmung zu 
selten sucht, sondern vielmehr darin, dass er diese nicht mit dem¬ 
selben Ausdruck der Liebe und Zuneigung, wie im Beginn der Ehe, 
begleitet. Von erfahrenen Gynäkologen wird mit Recht auf den 
dadurch bedingten geringeren Genuss des Weibes hingewiesen. Dieses 
Phänomen steigert sich bisweilen bis zu vollständiger Dyspareunie. 
Wenn einige Beobachter diesen Zustand als sehr häufig betrachten, 
so kann ich ihnen nur bedingt zustimmen. Wenn der Gatte es ver¬ 
stände, jedesmal seine Gattin so zu stimmen, dass sie sich nach der 
Umarmung sehnte oder sie wenigstens als eine angenehme Pflicht 
auffasste, dann würden gewiss weniger unglückliche Ehen Vorkommen. 
Alle Schriftsteller, die dieses Thema behandeln, stimmen darin über¬ 
ein, dass die Liebe einen überaus grossen Raum im Leben des Weibes 
einnimmt, und dass das normale Weib vom Manne umworben und 


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gefeiert zu werden wünscht, dass aber ihr sexuelles Bedürfnis weit 
geringer ist als das des Mannes. Es ist dann nur eine natürliche Folge, 
dass die Frau nach und nach erkaltet, wenn das im Beginn der Ehe 
so lebhafte Umwerben mit der Zeit abnimmt. Das Begehren des 
Mannes nach sexueller Befriedigung drückt sich in mehr oder weniger 
verschleierten Forderungen aus; doch dabei achtet er oft zu wenig 
auf die Stimmung der Frau. Nicht selten wird er diesen Beweis der 
Zärtlichkeit unmittelbar nach einem scharfen Wortwechsel fordern usw. 
Auch muss man bedenken, dass bei nicht wenigen, auch gebildeten 
Männern der Alkohol für die Erweckung des sexuellen Verlangens 
eine grosse Rolle spielt. Ich stimme freilich Fürbringer voll¬ 
kommen bei, wenn er behauptet, dass bei jungen hochzeitsreisenden 
Paaren die reichliche Mahlzeit der „Table d’höte mit einer milderen 
Herrschaft des Fürsten Alkohol“ nützliche Wirkungen gegenüber zu 
grosser Zaghaftigkeit zeitigen kann; dagegen ist es eine nicht zu 
leugnende Tatsache, dass der vom Wirtshaus, vom Klub, vom Stamm¬ 
tisch heimkehrende Gatte ohne viel Umstände die Gunst seiner Frau 
fordert. Auf die Dauer kann so etwas nur zu Missstimmungen führen, 
und der Mann wird bei ruhiger Ueberlegung zugestehen, dass man 
sich darüber nicht zu wundem braucht. Dem weiblichen Gemüt muss 
es zuwider sein, dass der Stimulus zur Vereinigung im Glase 
empfangen ist. 

Neuere Forschungen auf dem Gebiete der sexuellen Physiologie 
zerlegen den Geschlechtstrieb in zwei Komponenten, die man 
Detumeszenztrieb oder Kontrektationstrieb nennt. Diese beiden sind 
sowohl beim Weibe wie beim Manne vorhanden, ihre bezügliche 
Stärke kann jedoch wechseln. Mit Recht bemerkt Moll: „Sehr 
häufig fehlt allerdings beim weiblichen Geschlecht der Detumeszenz¬ 
trieb und es besteht der Kontrektationstrieb für sich allein. In 
diesem Falle hat das Weib keinen Drang zur Masturbation, keinen 
Drang zum Beischlaf und auch keine Befriedigung bei ihm, über¬ 
haupt keinen Drang zu irgend einem Akte mit den Genitalien, wohl 
aber besteht trotzdem Neigung zur Umarmung des Mannes und auch 
Interesse für diesen, ja selbst die höchste Stufe seelischer Liebe zum 
Manne, die auf dem Geschlechtstrieb beruht und gewissermassen 
die feinste Entwicklung des Kontrektationstriebes darstellt, kann da¬ 
bei bestehen.“ 

Wenn nach einer solchen Einsicht gehandelt würde, würden 
viele Ehen mächtig an gegenseitiger Befriedigung gewinnen; dies sollte 
die liebliche Stimmung des Honigmondes in das spätere eheliche 
Leben hinüberretten. Der Mann muss die Stränge des Kontrektations¬ 
triebes bei sich selbst und bei der Frau zu starker Schwingung 


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Der Einfluss des sexuellen Verkehrs auf die menschliche Psyche. 201 


bringen, darin liegt ein guter Teil der feinsten Erotik. Das Behagen, 
das die Frau dabei erfährt, wird sie zunächst das Fehlen der De- 
tumeszenz weniger merken lassen und entwickelt beim normalen 
Weibe nach und nach diesen letzteren Trieb und seine Befriedigung. 
In manchen ganz glücklichen Ehen kommt eine Befriedigung des 
weiblichen Detumeszenztriebes im Augenblick der Umarmung niemals 
zustande. Der Beischlaf hat die nervöse Spannung hervorgerufen, 
aber ihre Entladung im Orgasmus kommt erst nach langem schlaf¬ 
losen Warten zustande oder verliert sich allmählich. Solche Zu¬ 
stände können auch in den späteren Perioden der Ehe Vorkommen, 
so nach mehreren Geburten und nicht zum mindesten nach längerem 
Gebrauche antikonzeptioneller Mittel. 

Im allerersten Beginn der Ehe sind die Kontrahenten im all¬ 
gemeinen zu scheu und schamhaftig, um miteinander diese Ver¬ 
hältnisse zu besprechen. Bei zunehmender Vertraulichkeit darf dies 
jedoch unbedenklich geschehen. Zur wirklichen Mannesaufgabe ge¬ 
hört es, nicht nur sich selbst Befriedigung zu verschaffen, sondern 
auch dafür zu sorgen, dass seinem Partner dieselbe beglückende Ent¬ 
spannung zuteil wird. Es ist selbstverständlich Sache des Mannes, 
sich über die Sachlage zu unterrichten. Wenn er den Andeutungen 
seiner Frau folgt, wenn er den Aeusserungen des Kontrektations- 
triebes einen grösseren Spielraum gibt, wenn er für den ehelichen 
Umgang die rechte Stunde sucht, wo die Frau weder physisch noch 
psychisch deprimiert ist, da wird bei den meisten weiblichen Wesen 
im allgemeinen eine richtige Auslösung des Detumeszenztriebes ein- 
treten. Ein schwedisches Sprichwort sagt: „Alles, was getan zu 
werden verdient, das ist auch wert, wohl getan zu werden.“ Für 
den ehelichen Umgang hat dieses Wort auch seine Gültigkeit. Hier 
möge nur niemand mit dem Ein wand kommen, dass das Streben 
nach geschlechtlicher Adaptation als Raffinement, als Zeichen ge¬ 
steigerter Genusssucht zu betrachten sei. Dieses Streben bedeutet 
vielmehr nur die Bemühung, die Gesetze der Natur in möglichstem 
Masse zu erfüllen. Mangelnde Aufmerksamkeit für diese Dinge führt 
bisweilen zu grösserer und grösserer sexueller Disharmonie und treibt 
schliesslich den Mann zum Arzt, um über die Frigidität seiner Frau und 
deren Folgen zu klagen. Im Beginn der Ehe hätten sich die Miss¬ 
stände durch gegenseitige Aufrichtigkeit und diese oder jene ein¬ 
fache Massnahmen leicht beheben lassen; wenn sie lange fortbe¬ 
standen haben, ist das oft schwierig. 

* * 

* 

In Fällen, wo alles normal und regelmässig vor sich geht, wo 
die Gatten sich glücklich aneinander anpassen, da wirkt der sexuelle 


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Seved Ribbing 


Verkehr entschieden ebenso wohltuend auf die Psyche des Mannes, 
der hierdurch ein festeres, würdigeres, mehr altruistisches Wesen 
bekommt, wie auf die der Frau. Ihr Wesen entwickelt sich in der 
glücklichen Ehe zu grösserer Harmonie, ganz wie ihre Gestalt die 
höchste Schönheit und Reife gewinnt. Das unsichere Wesen des 
jungen Mädchens, die ängstlich fragende Stimmung der Braut sind 
verschwunden, die Frau hat gelernt, das Natürliche mit dem Ideellen 
zu verbinden. Die Ruhe spiegelt sich in beider Wesen ab. Im all¬ 
gemeinen tritt nun früher oder später eine Schwangerschaft ein. 
Wenn ich von den Fällen absehe, in denen eine fürstliche oder 
Majoratssukzession eifrig erstrebt wird, erfreuen sich die Neuvermählten 
ihres gemeinsamen Glückes, ohne gleich ungeduldig eine Schwanger¬ 
schaft herbeizusehnen; doch herrscht in Europa auch nicht die 
amerikanische Auffassung, dass das Eintreffen eines Sprösslings so 
lange als möglich hinauszuschieben sei. Wenn nun bei uns früher 
oder später eine Schwangerschaft eintritt, sind die Gatten darauf 
vorbereitet und sträuben sich nicht dagegen. Die psychischen Ein¬ 
wirkungen der zu erwartenden Elternschaft sind ungemein wichtig. 
Beim Manne drücken sie sich bekanntlich in dem Streben nach selbst¬ 
loser Schonung, Pflege und Beschützung der Frau aus, und von der 
Frau kann man trotz allen Stimmungswechsels, der sich bei be¬ 
ginnender Gravidität einstellen mag, im allgemeinen wohl sagen, dass 
dieses Ereignis sie mit froher Hoffnung erfüllt. Wenn es wahr wäre, 
was viele moderne Schriftsteller behaupten, dass der Sexualtrieb so 
überaus stark sei und zu aller Zeit Befriedigung fordere, dann sollte 
man erwarten, dass die Gatten eine Schwangerschaft stets als un¬ 
erwünschte Komplikation auffassten. Das ist jedoch nicht der Fall. 
Im Gegenteil kann man sagen, dass ein junges Paar, das ein Jahr 
und darüber zusammengelebt hat, ohne dass sich ihm Hoffnung auf 
Nachkommenschaft eröffnet, nicht ohne Aengstlichkeit zu fragen be¬ 
ginnt, worin der Fehler zu suchen sei. Bei lange fortgesetzter Sterilität 
kann es Vorkommen, dass der eine oder andere Teil die Neigung zum 
sexuellen Verkehr allmählich verliert, weil er doch zu nichts führe. 

Wenn in Zukunft die wahren Ursachen der Sterilität auch in 
der weiblichen Welt bekannter werden, wenn dann ein kinderloses 
Paar Hilfe bei ärztlichen Spezialisten sucht, und die Frau erfährt, 
dass bei ihr kein Hindernis für eine Schwängerung vorliege, so be- 
daure ich den betreffenden Ehemann, auf dem notwendigerweise der 
Verdacht ruht, dass er durch voreheliche Infektion alle Aussicht auf 
Leibeserben zunichte gemacht hat. Dann ist beiderseits eine überaus 
grosse Selbstbeherrschung, Zärtlichkeit und Charakterfestigkeit von¬ 
nöten, damit nicht die ganze Ehe Schiff brach leide. 

* * 

* 


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Der Einfluss des sexuellen Verkehrs auf die menschliche Psyche. 203 


Dieser und anderen Abnormitäten will ich jedoch hier keinen 
weiteren Platz einräumen, ich kehre darum zu den normalen Fällen 
zurück. Nun bekommen die allermeisten Gatten nicht nur ein Kind, 
sondern in mehr oder weniger rascher Folge mehrere, und dann er¬ 
weist es sich nicht selten aus einer oder der anderen Veranlassung 
als zweckmässig oder gar notwendig, der Frau eine sexuelle Ruhe¬ 
pause zu gönnen. Ich gehe hier nicht auf die Frage der Zulässig¬ 
keit oder Unzulässigkeit des neomalthusianischen Verfahrens ein; 
ich behaupte nur, dass auch medizinische Anhänger dieses Systems 
anerkennen müssen, dass der Frau in gewissen Fällen nicht nur das 
Kindergebären, sondern gerade der eheliche Umgang verboten werden 
muss. Solche Abstinenzperioden können einen bedeutenden Einfluss 
auf die Psyche der Gatten ausüben. Ich sehe hier von den dabei 
vorkommenden Fällen von Untreue ab und beschäftige mich nur mit 
den glücklicherweise weit zahlreicheren, in denen die Treue unbedingt 
bewahrt bleibt. Solche Abstinenzperioden zu ertragen, wird den 
Gatten bisweilen leicht, bisweilen aber schwer, was natürlich von 
dem Alter der Betreffenden und der Stärke ihrer Leidenschaft ab¬ 
hängt. Die Einwirkung einer solchen Abstinenz auf die Psyche eines 
anständigen Mannes zeigt sich in dem Bemühen, seiner Frau seine 
Treue, seine Fürsorge, seine Liebe zu zeigen und sie dadurch zu der 
Ueberzeugung zu bringen, dass ihre Persönlichkeit für ihn auch ohne 
die fleischliche Verbindung von unersetzlichem Wert ist. Durch 
solches Verhalten gewinnt das Wesen des Mannes die echte Ritter¬ 
lichkeit, die die Frau so hoch schätzt, und die in ihr das Verlangen 
nach baldiger Beendigung der Abstinenzperiode erweckt, um wiederum 
in ihrer zärtlichen, ehelichen Hingabe ihre Liebe, ihre Bewunderung, 
ihre Dankbarkeit zeigen zu können. 

Im Zusammenhang mit der Frage der sexuellen Ruhepausen 
gestatte ich mir zu empfehlen, den Klienten einen kleinen Rat mit 
auf den Weg zu geben, der doch seine Bedeutung haben kann. 
Wenn die Gatten nach solchen Pausen, gleichviel aus welcher Ver¬ 
anlassung sie sich als notwendig erwiesen haben, wiederum mit der 
Möglichkeit einer Empfängnis Zusammenkommen, dann ist es sehr 
wünschenswert, dass dies unter einer gewissen Freiheit von Arbeit, 
vielleicht in Verbindung mit einer kleinen Reise geschehen kann. 
Ich hege mit Fürbringer die gleiche Wertschätzung einer solchen 

Reise-nach schönen Zielen, ohne Akten und Bücherlasten, denn 

nicht zum mindesten ist das „Procul negotiis“ Vorbedingung 
der die vordem „vernachlässigte“ Gattin beglückenden Leistungen, 
die der stillfleissige Büchergelehrte, der in den Akten vergrabene 
Stubenhocker, der überbürdete Arzt und Kaufmann wiedergewinnt, 


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Seved Ribbing 


sobald er mit der Lebensgefährtin hinaus in ein anderes Klima, in 
die Natur und das fröhliche Treiben der Welt gezogen. Was ich 
mit diesem Rat zu erzielen wünsche, ist aber nicht bloss die Mög¬ 
lichkeit der Wiederaufnahme des Verkehrs im eigentlichen Sinne, 
sondern ebensosehr seine Ausgestaltung in mehr idealer Färbung, 
die er in dem ungestörten Zusammenleben, in der Erinnerung an 
die Hochzeitsreise, in der Rückkehr der jugendlichen Hochzeits¬ 
stimmung gewinnt. In diesem Zusammenhang gestatte ich mir eine 
andere Anmerkung auf die Gefahr hin, in den Verdacht der Partei¬ 
lichkeit zugunsten des weiblichen Geschlechts zu geraten. Es ist ja 
eine allbekannte Tatsache in der Natur, dass Schönheitsstreben und 
Geschlechtsleben aufs innigste miteinander verbunden sind. So auch 
beim Menschen; Schmuck gehört zur menschlichen Werbung. Die 
lange Beweiskette überspringe ich hier; für mich steht es aber fest, 
dass mit der höheren Zivilisation die Neigung sich zu schmücken 
hauptsächlich auf die Frauenwelt übergeht. Die erotischen Reize 
werden uns nicht zum wenigsten durch den Gesichtssinn vermittelt, 
und dabei ist nicht nur die Körpergestalt der Frau, sondern auch 
ihre geschmackvolle Kleidung wirksam. Unser alltägliches Leben ist 
ja so arm an Schönheit und Anmut. Es ist gewiss nicht günstig 
für die eheliche Lebensstimmung, wenn der Mann seine Gattin aus¬ 
schliesslich in Werktagstracht und bei schwerer Hausarbeit sieht; 
Feiertage und Feiertracht gehören auch zum rechten ehelichen Leben. 
Es wird der Ehefrau nicht nur ihre Arbeitslast erleichtert, es wirkt 
auch auf die erotischen Gefühle, wenn der Gatte sich dafür interessiert, 
dass die Gattin einen Feiertag bekommt und sich dann festlich 
kleidet und wenn dann beide miteinander in Gesellschaft, ins Theater, 
ins Konzert gehen. 

Das eheliche Glück beruht in hohem Masse auf der Lebhaftig¬ 
keit und Harmonie der sexuellen Verbindung, und zu deren richtiger 
Pflege und Aufrechterhaltung gehört auch, dass die Gatten sie nicht 
ohne zwingenden Grund abbrechen. Bei zunehmendem Alter und in 
Perioden besonders schwerer Arbeitsbelastung des Mannes wie der Frau 
(z. B. wegen Krankheit eines Familiengliedes) kann sich bisweilen die 
Notwendigkeit ergeben, dass die Gatten getrennte Schlafzimmer be¬ 
ziehen ; sobald aber die Ursachen wegfallen, dürfte es sich empfehlen, 
dass die Gatten wiederum das gemeinsame eheliche Gemach auf¬ 
suchen. Von grosser Bedeutung ist es auch, dass der eigentliche 
eheliche Umgang nicht zu früh auf hört, denn er kann zu ent¬ 
schiedenem, seelischem und körperlichem Nutz und Frommen bis 
hoch in die sechziger Jahre hinein fortdauern, natürlich mit passen¬ 
der, quantitativer Begrenzung. 


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Der Einfluss des sexuellen Verkehrs auf die menschliche Psyche. 205 


Kisch hat mit Recht die Aufmerksamkeit auf die tiefgreifenden 
Veränderungen der weiblichen Gemütsstimmung im Klimakterium 
gelenkt. Natürlich ist es für das Weib ein düsterer Gedanke sich 
vorstellen zu müssen, dass sie ihre weibliche Reize, ja ihre eigent¬ 
liche Weiblichkeit verliere. Ein scharfer Bruch dürfte aber in einer 
normalen Ehe hier nicht eintreten. Die alternde, sexuell geschätzte 
Frau behält viel länger ihre Anmut, ja geradezu ihre Schönheit, und 
auch wenn die Zeit des definitiven Aufhörens der sexuellen Be¬ 
tätigung kommt, braucht das eheliche Verhältnis nicht bloss zu einer 
blossen Freundschaft herabzusinken; das werden dann die gemein¬ 
samen Erinnerungen, die ganz einzigartige Lebensgemeinschaft ver¬ 
hüten. 

* * 

♦ 

Ich kann dies Thema nicht verlassen, ohne auf einige Einzel¬ 
heiten einzugehen. In unserer Zeit hört man, vielleicht mehr in der 
Literatur als im wirklichen Leben, die Meinung aussprechen, dass 
die junge Braut, wenn die Zeit der Trauung herannaht, ohne Be¬ 
denken ihrem Auserwählten ihre Jungfernschaft opfern möge, wenn 
seine stürmische Leidenschaft es fordert. Ich gebe gern zu, dass 
ein solches Vorgehen vom ethischen Standpunkt aus nicht allzu 
scharf zu rügen sei; ich rate aber entschieden davon ab. Im weiteren 
Verlauf einer solchen Ehe kommt es nicht selten vor, dass der Ehe¬ 
mann seiner Gattin diese Nachgiebigkeit vorwirft und dass er deren 
Grund nicht in seinem eigenen Ansturm, sondern in übermässiger 
Sinnlichkeit der Frau suchen will. Selbstbewusstein und froher Mut, 
mit denen die junge Frau die Ehe beginnen soll, erleiden schwere 
Erschütterung, wenn sie im feierlichsten Augenblicke ihres Lebens 
mit einer Lüge vor den Altar treten musste. Dass sie ihr schnee- 
weisses Brautkleid, den Schleier der Unberührtheit und den Jungfern¬ 
kranz in voller Wahrheit tragen kann, das ist nicht nur im feier¬ 
lichen Augenblicke eine Quelle der tiefsten seelischen Ruhe, es bleibt 
auch für die Zukunft eine Erinnerung, kraft deren eheliche Prüfungen 

und Wirrungen getragen und überwunden werden können. 

* * 

* 

Als ich in der Untersekunda sass, erklärte uns Schülern einmal 
unser Mathematiklehrer, ein trefflicher Mann, dass das ganze Leben 
als eine Maximum- und Minimumrechnung aufzufassen sei. Man 
sollte versuchen, die höchstmöglichen Resultate mit dem geringsten 
Aufwand von Kraft und Kosten zu erlangen. In vielen Beziehungen 
hat dieses Gleichnis seine Berechtigung. In der Frage des glück¬ 
lichen Ehelebens glaube ich jedoch kaum an seine Geltung. Das 
eheliche Glück fällt niemand wie das grosse Los in den Schoss. Um 


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206 


A. van der Chijs 


dies hohe Ziel zu erreichen, darf man niemals nach den billigsten 
Mitteln fragen. 

In dem Streben, anderen dazu zu verhelfen, darf man nie an 
einem generellen System festhalten, hier gilt es vor allem zu indi¬ 
vidualisieren, nicht nur in jedem Falle für sich, sondern auch nach 
den Forderungen der wechselnden Lebensstufen. Wenn das aber 
geschieht, so wird der Erfolg nicht ausbleiben und der Arzt sich als 
der wahre Seelsorger erweisen. 


Aus der Klinik für Psychotherapie von Dr. Renterghem und 
A. van der Chijs in Amsterdam. 

Ueber die Heilung der Zwangsvorstellungen (Phobien, 
Obsessionen), insbesondere über den sog. „Trac“ 
(Furcht beim Auftreten) der Künstler. 

Von Dr. A. van der Chijs, Nervenarzt. 

Solange noch immer die Neurasthenie und Hysterie keine genau 
umschriebene Krankheitsbilder sind, solange also keine Uebereinstim- 
raung in der Auffassung bezüglich dieser beiden Neurosen besteht, 
ebensolange wird es auch schwer fallen zu beurteilen, ob wir die Pho¬ 
bien und Obsessionen, wenn sie vereinzelt auftreten, als eine besondere 
Art Angstneurose oder Zwangsneurose 1 ) betrachten oder sie vielleicht 
bei der Neurasthenie oder Hysterie einreihen müssen. Davon abgesehen 
können wir die Phobien einteilen in solche, welche auf dem Boden 
der NeurasthenÜe, Hysterie und psychopathischen Konstitution ent¬ 
stehen, und in andere — und zwar gibt es deren nicht wenige —, welche 
ganz allein Vorkommen, wobei alle neurastherÄsche Symptome feh¬ 
len 2 ); während z. B. Oppenheim 8 ) meint, dass nur in seltenen 
Fällen die Angst die einzige Krankheitserscheinung ist und dass auch 
liei scheinbar vereinzeltem Vorkommen von Zwangsgedanken eine 
neuropathische Anlage vorhanden ist. L ö w e n f e 1 d 4 ) stimmt den 
Ansichten von Ziehen, Magnan, Janet, Freud und der 
Mehrzahl der Autoren bei, welche die Zwangserscheinungen als Symp¬ 
tome verschiedenartiger Krankheiten jedoch als auch in der Form eines 

») Siehe Freud, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 1906. 

*) Ziehen, Psychiatrie, 1902. 

s ) Oppenheim, Lehrbuch der Nervenkrankheiten, 1902. 

•) Löwenfeld, Die psychischen Zwangserscheinungen, 1904. 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, inab. über den sog. „Trac“ d. Künstler. 207 


selbständigen Leidens vorkommend betrachten. Freud 6 ) unter¬ 
scheidet ausserdem 2 Arten von Phobien: 1. „Phobies Communes“, 
Angst vor Sachen, vor denen jeder einen gewissen Grad von Angst fühlt; 
2. „Phobies d’occasion“, Angst vor demjenigen, wovor ein gesundes In¬ 
dividuum keine Angst fühlt. Gelineau 6 ) behauptet, dass es essen¬ 
tielle Phobien gibt: 

ConBtituant ä eiles seules tonte la maladie chez des sujets qui ne präsen¬ 
ten t aucune espiee de tare“. Er teilt dabei u. a. die folgende Wahrnehmung 
eines Kollegen zur Stütze seiner Behauptung mit: „Mon p$re avait 
une vieille taute, sans autres infirmites que cell es de läge et parfaitement 
equilibrde; seulement le tonnerre produisait chez eile une terreur mortelle, 
de l’affaiblissement et les memes effeta desastrenx. Ayant entendu dire que le 
verre et la soie la garantiraient de la foudre, aussitot que le tonnerre grondait, 
eile passait un jupon de soie et s’asseyait sur un vase ä large ouverture, place 
lui-meme sur un tabouret ä pieds de verre; eile ouvrait ensuite sur sa tete un 
large parapluie de soie et attendait, accroupie dans cette posture, la fin de 
l’orage. Et d chaque 4clat un peu violent, rdpondait un echo tonitruant, 
rfeonnant dans le colon, en meine temps que s’Spandaient dans la chambre 
des vapeurs sentant plus l’hydrogene sulfure que la rose“. 

Muss man diese Wahrnehmung ernst auf fassen? Wir wissen 
doch alle, wie die Phantasie und Uebertreibung uns Streiche spielen, 
kann, besonders bei solchen Berichten, die ein Kollege von einer alten 
Tante seines Vaters erstattet. Uebrigens, kann man bei einem solchen 
sonderbaren Auftreten für vollkommenes Fehlen anderer psychopathi¬ 
scher Symptome und für eine exakte, wissenschaftliche Wahrnehmung 
in diesem Falle bürgen? 

Wie dem auch sei, wir müssen als bestimmt annehmen, dass 
Zwangszustände alleinstehend Vorkommen, und dann kann man 
mit einem einzigen Wort einen Krankheitszustand im allgemeinen 
andeuten, wenn man damit auch noch nicht sagt, dass man 
ein selbständiges, abgerundetes Krankheitsbüd meint. Die unten 
beschriebenen Fälle gehören zu den Aengsten, die bei der Ausübung 
eines Berufes und ganz besonders bei den Musikern Vorkommen. Auch 
bei ihnen waren, ausser einer mehr oder weniger grossen erblichen 
Anlage, Zeichen eines labilen psychischen Gleichgewichts vorhanden. 
Dass wir gerade bei Künstlern gewöhnlich nicht an eine monosympto¬ 
matische Angst denken müssen, sondern stets wohl auch noch andere 
neurasthenische oder hysterische Kennzeichen antreffen werden, 
halte ich für gewiss. Wenn wir mit Schopenhauer, Lom- 
b r o 8 o und vielen anderen annehmen, dass das Genie der Verrücktheit 
verwandt und durch allerlei Gleichgewichtsstörungen gekennzeichnet 

•) Freud, Neurosenlehre, 1906. 

•) Revue de l’hypnotisme, 1896. 


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A. van der Chijs 


ist, dann begreifen wir, dass Künstler im allgemeinen nervöse Kenn¬ 
zeichen zeigen werden und also für verschiedene, das Nervensystem be¬ 
treffende Gemütsbewegungen prädestiniert sind. Man dürfte beinahe 
sagen: Ein Künstler, der nicht nervös ist, ist kein wahrer Künstler. 

Auffällig ist es, wie vielfach die Phobie und besonders dann die 
Angst vor dem Vorspielen bei Musikern vorkommt und wie wenig die 
Tatsachen in den Lehrbüchern angegeben werden. B e r i 11 o n war, 
soweit ich feststellen kann, der erste, welcher einen solchen Patienten 
beschrieb unter dem Namen „Trac“. 

In dem interessanten Werk von Hartenberg 7 ) finde ich 
folgendes Gespräch, von Jules G 1 a r e t i e mitgeteilt, zwischen Mar¬ 
schall Canrobert und Frau B r o h a n , kurz vor der ersten Vor¬ 
stellung von: „Monde oü l’on s’ennuie.“ 

„Et qu’est-ce que vous avez donc, chere amiet“ demanda le marächaL 
„Ce que j’ai? Mon Dieu c’est bien simple, j’ai le trac.“ „Qu’est-ce que c’est 
que ga ?“ „C’est la peur, mon eher marechal.“ „Comment la peur! la peur?“ 
„Au fait, c’est vrai“, fit la comm€dienne en retrouvant alors son sourire, „voui 
ne pouvez pas savoirt Et appelant l’huissier ldgendaire de la com6die: Ricard! 
Allez donc chercher et apportez-moi le dictionnaire de Bescherelle pour 
apprendre le francais ä M. le marächal Canrobert qui ne sait pas ce que c’est 
la peur.“ 

Wohl sprechen viele von Berufsangst — u. a. J a n e t 8 ), der unter¬ 
scheidet: „Phobies du contact professionnel,“ damit aber gewöhnlich 
auf die Angst z. B. eines Barbiers, das Rasiermesser zu gebrauchen, 
eines Chirurgen, mit seinem Messer umzugehen usw., hinweist — 
oder klassifizieren die Angst vor dem Vorspielen’ unter anderen Pho¬ 
bien. Dies ist auch begreiflich, da wir den „Trac“ wieder zer¬ 
gliedern können und oft finden werden, dass die Angst sich aus ver¬ 
schiedenen Empfindungen zusammensetzt. So wird auch jeder Patient 
auf die Frage: „Warum getraust du dir nicht?“ eine andere Antwort 
geben. Der eine befürchtet, dass sein Gedächtnis ihm Streiche spielt, 
ein zweiter ist bange vor dem Publikum, vor dem Zusammenarbeiten 
mit dem Dirigenten, dem Orchester oder dem Begleiter, ein dritter be¬ 
fürchtet schwindelig zu werden in einem grossen! Saal voll Men¬ 
schen usw. . 

Dass solche Leiden häufig sind, haben wir hier in Amsterdam 
reichliche Gelegenheit zu bemerken. Mehrmals kommt es vor, dass 
Künstler ihre Laufbahn, was öffentliches Auftreten betrifft, aufgeben 
oder drohen aufzugeben, allein wegen dieser schrecklichen Angst, welche 
sie dazu ganz ungeeignet macht. Darum ist es von Nutzen, noch mehr 

7 ) Hartenberg, Les timides et la timidite, 1901. 

®) J a n e t, Les obsessions et la psychasthönie, 1903. 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, insb. über den sog. „Trac“ d. Künstler. 209 


Fälle von „Trac“ mitzuteilen, um dadurch bessere Angaben zu sam¬ 
meln, vergleichen zu können, nachzuforschen, ob eine bestimmte Rich¬ 
tung für die Behandlung angegeben ist, die Prognose festzustellen, 
und was für den Patienten nicht unbedeutend ist, auf gute Ausgänge 
bei ähnlichen Empfindungen hindeuten zu können. Denn gerade hier, 
wo so leicht Mangel an Selbstvertrauen und Zweifel sich einschleichen, 
meinen viele Patienten^ dass noch nie ein Fall wie der ihre vorkam, 
und dass für sie keine Hilfe besteht. 

Van Eeden 9 ) teilt die Obsessionen in 4 Arten ein. Die zweite 
Gruppe sind: Die Zwangsemotionen, hauptsächlich die Angst, wobei eine 
augenblickliche Gemütsbewegung, ein Eindruck, der auch von dem 
normalen Menschen gefühlt werden kann, aber sogleich unterdrückt 
werden würde, stärker wird als der vernünftige Wille. Das wichtigste 
hiervon ist, dass die Patienten nicht angeben können, wovor sie eigent¬ 
lich bange sind, oder wenn sie eine Ursache angeben, dies eine solche ist, 
die augenscheinlich ersonnen ist und durchaus nicht als Ursache gelten 
kann. Zum Schlüsse sagt er: „Ueber die psychische Behandlung der 
Zwangsideen im allgemeinen kann ich sagen: Nur sehr selten ist das 
Resultat nihil“ und weiter: „Dass man also verkehrt handelt, die 
Zwangsideen zu bestreiten durch Neutralisierung derselben mit anderen 
suggestiven Zwangsideen. Dass man also durch allgemeine Winke, wie 
Ruhe, Beruhigung, Willenskraft meistens weiter kommt als durch das 
Wegsuggerieren der Zwangsidee.“ 

Im Jahre 1894 beschrieb van Renterghem 10 ) einen Fall 
einer jungen Sängerin, die in Gegenwart ihrer Lehrer oder des Publi¬ 
kums gänzlich unfähig war, auch nur eine einzige Note zu singen. 
Wäre das so geblieben, so hätte sie ihre Laufbahn aufgeben müssen 
und würde ihren Beruf verfehlt haben. Mit Geduld und Ausdauer wurde 
die Suggestionsbehandlung angewandt, die Patientin allmählich an 
Vorsingen gewöhnt, zuerst vor einzelnen^ nur Freunden, später auch 
vor Fremden. Nach sporadischen Rückfällen, welche stets wieder über¬ 
wunden wurden, erhielt sie ihr Diplom, beteiligte sich an einer Rund¬ 
reise durch Europa und wurde schliesslich als Lehrerin für Gesang und 
Piano an einem Institut für junge Damen ernannt. Auch jetzt noch 
ist die Patientin imstande, ihre Arbeit ohne irgend welche Angst zu 
verrichten. 

Gelineau 11 ), welcher den „Trac“ als solchen nicht besonders 
beschreibt und also keine bestimmten Fälle mitteilt, empfiehlt als Be- 


•) Van Eeden, Psychiatrische Bladen, 1890. 

“) Psychotherapie par les docteurs A. W. van Renterghem en F. 
van Eeden, 1894. 

“) Gelineau, Des peurs maladives ou phobies, 1894. 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 14 


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A. van der Ghija 


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handlung der Phobien gewöhnlich „le traitement moral“ und zwar 
wie folgt: 1. „traitement de l'etat nevropathique general“; 2. „traitement 
de la cause presumee“; 3. „regime hygienique“; 4. „traitement moral“. 
Hierunter versteht er das ermutigende Zusprechen, das Selbstvertrauen- 
erweckenl, das Anspornen, um mit kräftigem Willen die Beschwerden 
zu überwinden usw. . . . 

Ehe er zu der eigentlichen hypnotischen Suggestion übergeht, 
suggeriert er sie in wachem Zustande. Ferner sagt Gelineau: Die 
Prognose dieser Neurose ist günstig, wenn es essentielle Phobien be¬ 
trifft, die öfters von selbst heilen, so wie sie gekommen sind, d. h. spon¬ 
tan, nachdem sie drei, sechs Monate, ein Jahr gedauert haben. 

Anders verhält es sich mit denen, welche infolge von Verdruss, 
Schwierigkeiten, Exzessen, schlaflosen Nächten entstehen, die sich bei 
ungenügender Nahrung verschlimmern. Diese letzten Formen ent¬ 
stehen auf einem, für ihre Entwicklung geeigneten Boden, werden bald 
schnell wiederkehrende oder verwickelte Phobien, und um sie zu modi- 
fizieren! oder selbst zu verringern, muss man das Substratum ganz 
verbessern und verändern, was gleichzeitig eine gute Einsicht, 
Uebung und Zeit erfordert. Ebenso ist es mit den sekundären Phobien. 
Solche, welche von einer nervösen, angeborenen Anlage abhängen, sind 
weniger ernstlich als die, welche ihren Ursprung in Stoffwechselanoma¬ 
lien! haben. Die Heilung dieser letzteren ist in der Tat sehr unsicher 
und nur zu erzielen durch fortdauernde Sorgfalt und eine anhaltende 
Beobachtung. 

In einem Artikel: „Le Trac des chanteurs“ 12 ) gibt Berillon 
5 Beobachtungen von mit gutem Erfolg behandelten Patienten, wie be¬ 
reits im Jahre 1897 beschrieben. Er rechnet auch die meisten Künstler 
zu deni Neuropathen und weist darauf hin, wie schon Künstler von 
grossem Talent wegen der Angst ihre Laufbahn aufgegeben haben. Der 
Pianist P u g n o erklärt, selbst bei jedem Konzert noch die Emotion 
zu haben, die er bei seinem ersten Auftreten erlebt habe und vor allem 
bange zu sein vor dem Verlust des Gedächtnisses, so dass er denn auch 
gegenwärtig immer vom Blatte spielt. Vielfach sieht man den „Trac“ 
auftreten beim Herannahen der Examina im Konservatorium. 

Berillon zieht denl Schluss, dass die einzige, gründliche Be¬ 
handlung die Psychotherapie sei und nennt als wichtigstes Mittel: 

1. den Zustand der Hypnose erwecken, d. h. einen physiologischen 
Zustand, gekennzeichnet durch Verminderung der verschiedenen Be¬ 
schäftigungen des Geistes und durch Vergrösserung des psychischen 
Automatismus; 2. durch allgemeine Suggestionen die Willensstählung 


1J ) Berillon, Revue de l’hypnotisme, 1903. 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, ineb. über den sog. „Trac“ d. Künstler. 211 


des Patiencen als auch seine Charakterbildung zu fördern; 3. durch be¬ 
sondere Suggestionen in Gedanken den Patienten in solchen Umständen 
sich befinden lassen, worin sich der „Trac“ offenbart; 4. wenn diese 
Suggestionen auf künstliche Weise den Angstzustand erregt haben, die 
verursachenden Angsttraumgebilde neutralisieren und den Geist daran 
gewöhnen lassen, diese ohne Gemütsbewegung zu ertragen. Die syste¬ 
matische Anwendung dieser psychologischen Vorgänge, verbunden mit 
den für den allgemeinen Zustand angegebenen Heilmethoden führt zu 
Genesungen, die durch ihre Dauerhaftigkeit gekennzeichnet sind. 

Farez 18 ) beschreibt einen Fall von „Trac“, wobei auch die 
hypnotische Suggestion ein glänzendes Resultat hatte. In derselben 
Nummer teilt V o i s i n gleichfalls einen Fall mit und schliesst daraus, 
dass der Hypnotismus hier gründlich hilft. Es ist vollkommen wahr, 
wie B e r i 11 o n sagt, dass der „Trac“ vor allem bei Musikern vor¬ 
kommt und wohl hauptsächlich bei den Spielenden. Sie überarbeiten 
sich von morgeds bis abends, bekümmern sich wenig um das, was um 
sie her vorfällt, sie haben öfters eine mittelmässige Bildung durch ihr 
einseitiges Studium und Interesse, sie sind wie „monoideises par une 
idee fixe“; so verlieren sie ihr Gleichgewicht. 

Auch Lionel D a u r i a c gibt zu, dass die Musik als solche zum 
Verlust von psychischem Gleichgewicht beiträgt. Darum empfiehlt er den 
Musikern: „Personifiziere ein Stück nicht, lass dich nicht durch deine 
Emotion hinreissen, vergiss dich selbst, gehe vom Subjektiven zum 
Objektiven über, lass die grossen Stellen der musikalischen Kompo¬ 
sition, die du wiedergibst, in den Vordergrund kommen.“ 

Farez 14 ) unterscheidet 3 Arten von „Trac“, nämlich: 1. die 
gewöhnliche Form, die alltägliche (beinahe normal, wenn sie wenig 
intensiv ist); sie entsteht plötzlich wie eine Emotion, deren Par- 
oxysmen begleitet sind von funktioneller Disharmonie, von Angst, 

Gejagtheit, Gedächtnisverlust usw. 2. Der „Trac“ infolge von 

Mangel an Selbstvertrauen: z. B. ein Virtuose, der unruhig, zweifelnd 
sich fragt, ob er sein Stück wohl genügend kennt, ob sein Gedächtnis 
ihn nicht im Stiche lassen wird, ob er keine falsche Note spielen wird 
usw. ... 3. Eine dritte Art, die sekundäre Folge ist nicht von einem 
besonderen Geisteszustand, sondern von einer Asynergie (angeboren 
oder erworben) der verschiedenen psychischen Bilder. Beim Aus¬ 
wendiglernen einer Sache bedient man sich verschiedener Weisen, um 
etwas sich eigen zu machen. Der eine tut es durch blosses Lesen; das 
sind Gesichtsbilder („images visuelles“); ein anderer dadurch, dass er 
es laut liest, Gehörbilder („images auditives“); ein dritter schreibt es 

’*) Farez, Revue de l'hypnotisme, 1905. 

“) Farez, Revue de l’hypnotisme, 1906. 


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212 


A. van der Cbijs 


auf, graphische Bilder („images graphiques“). Bei einem normalen 
Individuum funktionieren alle diese Methoden gut zusammen, sie 
sind synergisch; bei vielen jedoch besteht Asynergie. Trotzdem ist 
wiederum die Asynergie zuweilen eine Ursache der Superiorität, z. B. 
ein Maler ist meistens visuell, ein Musiker in der Hauptsache auditiv. 

Hierauf gibt er von der dritten Art 3 interessante Beispiele von 
Patienten, deren Heilung ihm gelungen war. Die letzte Art gibt die 
wenigst günstige Prognose durch die lange und ausdauernde psycho¬ 
therapeutische Behandlung. Die Patienten müssen lernen, die verschie¬ 
denen Bilder zu vereinigen durch Uebung z. B. durch gleichzeitiges Lesen 
und Schreiben, durch Aussprechen des Gelesenen und gleichzeitiges 
Achtgeben auf ihre eigene Stimme. Auf diese Weise entstehen im 
Gedächtnis 4 Arten synergischer BUder, welche äquivalent imstande 
sind, durch Zeit und Wiederholung, spontan, ohne Zögern, einander 
zu ersetzen. 

Später noch einen Fall mitteilend lö ), deutet F a r e z darauf hin, 
wie empfehlenswert es ist, (worauf Berillon verschiedentlich hin¬ 
wies), während des hypnotischen Schlafes den Patienten in Schwierig¬ 
keiten zu versetzen und solche erleben zu lassen, vor denen er bange ist, 
und ausserdem für seine physiologischen Funktionen Sorge zu tragen. 

Alle „Traqueurs“, welche F a r e z behandelte 16 ), hatten noch 
etwas anderes als einfachen Trac. Stets waren somatische Störungen 
vorhanden, wie: Atembeschwerden, Herzhypertrophie, Herzstörungen, 
Steigerung des Blutdrucks. Er wandte dann auch stets eine physio¬ 
logische Heilweise vor oder während der psychischen als Stütze der 
letzteren an. 

Ziehen 17 ) nennt die Psychotherapie der Zwangserscheinungen 
wohl die geeignetste, obschon sie zwar noch die unbekannteste sei und 
weist auf die zerstreuende Methode (permulzierende). Der Patient 
beginnt mit einer Periode vollkommener Bettruhe von verschiedenen 
Wochen. In dieser Zeit wird er körperlich gestärkt (Massagekur). Hier¬ 
durch wird er mehr geeignet zu der nunmehr beginnenden Uebungs- 
therapie. Erst erfolgen einfache, kurzdauernde Proben, später mehr und 
mehr ausgedehntere, als wenn der Leidende sich an das gewöhnen müsste, 
was ihm Angst einflösst. Letzterer muss natürlich seinem Arzte voll¬ 
kommen vertrauen, denn nur dann kann auch die Versicherung von 
diesem, dass er alle Verantwortung auf sich nimmt, den Kranken er¬ 
leichtern dnu stützen. Auch Strafe oder Belohnung können günstig be¬ 
einflussen, wenn man diese nur jeder Persönlichkeit anpasst, und vor 

“) F a r e z, Revue de l’hypnotisme, IAO5. 

*•) F a r e z, Revue de l'hypnotisme, 1906. 

,7 ) Ziehen, Psychiatrie, 1902. 


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. Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, insb. über den sog. „Trac“ d. Künstler. 213 


allem auch das Mitgefühl des Arztes. Die Methode der Abwechslung 
durch Arbeit müssen wir hiermit vereinigen. Schliesslich wird die ver¬ 
bale Suggestion in wachem Zustand grosse Dienste leisten, besonders 
im Anschluss an obengenannte Leitung. 

Raymond und Janet 18 ) erklären am Schlüsse ihrer Ein¬ 
leitung, dass mit Ausnahme der Regelung der Hygiene und der Sorge 
für das Leibliche, stets eine psychische Behandlung nötig sei. Ver¬ 
änderung der Umgebung, Vereinfachung des Lebend, Führung des Ver¬ 
standes, die Gymnastik des Willens, der Aufmerksamkeit, der Gemüts¬ 
bewegungen selbst, bleiben die besten Mittel der Behandlung. Janet 
sagt ferner: „Trotz des Wortes der physischen Therapie ist es unbe¬ 
streitbar, dass die psychische Behandlung einen grossen Einfluss hat 
und erstere sehr oft überflüssig macht.“ 

Löwenfeld 19 ) meint, dass Phobien, die selbst jahrelang be¬ 
standen, vollkommen und beständig, oder wenigstens auf sehr lange 
Zeit verschwinden^ können. Uebrigens, dass Patienten zuweilen er¬ 
zählen, früher an Zwangsempfindungen gelitten zu haben, zeigt dies 
genügend an. Er bespricht unter Phobien und besonders „Funktions¬ 
phobien“, die er zu den Zwangs-Angstzuständen rechnet, den Zustand, 
in welchem Musiker und Sänger sich befinden können beim öffent¬ 
lichen Auftreten und vor allem bei Solovorträgen. Später beschreibt er 
einen ähnlichen Fall. Auch hier kamen unregelmässige Herztätigkeit, 
ein Gefühl des Aufsteigens von dem Herzen nach dem Halse hin vor. 
Drei Schwestern dieser Patientin leiden und litten auch an Zwangs¬ 
empfindungen. 

Löwenfeld empfiehlt bei der Behandlung dem sexuellen Leben 
nachzugehen, Ordnung darein zu bringen und entsprechenden Rat zu 
erteilen, Diät und Arbeitszeit zu regeln, Alkohol zu verbieten, Reizmittel 
wie Kaffee, Tabak zu beschränken, Ausschweifungen zu vermeiden und 
sich vor Ueberspannung zu hüten. Weiterhin darauf zu achten, ob 
Nasenschwellungen bestehen, um diese eventuell zu behandeln, wie 
auch gastrische Störungen, Anämie. Er weist darauf hin, wie von 
vielen Aerzten noch der rein somatischen Methode eine Bedeutung bei¬ 
gelegt wird, die ihr nicht zukommt, während die Psychotherapie unter¬ 
schätzt und vernachlässigt wird. Dies kann für die Patienten traurige 
Folgen haben, die mit allerlei Heilmitteln in Badeorten, Wasser- und 
Luftanstalten jahrelang ihr Leiden fortschleppen. Bei Neurasthenie 
und Hysterie als Grundlage muss das ganze Widerstandsvermögen 1 des 
Nervensystems gestärkt werden, wogegen bei Fällen von reiner Zwangs- 


1S ) Raymond et Janet, Les obsessions et la psychasthenie, II, 1903. 
*•) Löwenfeld, Die psychischen Zwangserscheinungen, 1904. 


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und Angstneurose diese selbst unter direkte Behandlung genommen 
werden kann. Als Heilmittel gibt Löwenfeld u. a. Fellows 
Syrupus Hypophosphitus, welcher Chinin, Strychnin, Eisen, Mangan, 
Kalzium und Kali in Verbindung mit unterphosphoriger Säure ent¬ 
hält oder Syrupus kolae compositus, welcher ausser dem genannten 
auch noch Kolaextrakt enthält oder Brom usw. Bei heftigen Angst¬ 
zuständen an erster Stelle Opium. Psychotherapeutisch muss man dem 
Patienten seinen Zustand gut erklären und ihn beruhigen. Ferner ihn 
lehren, die Gedanken von den krankhaften Vorstellungen abzulenken«, 
u. a. also durch Beschäftigung und Zerstreuung, sich vor dem Zuviel 
hütend, zugleich seinen Willen zu stärken. Oft ist die blosse verbale 
Suggestion in wachem Zustande genügend durch die Versicherung: 
„Sie können“. Die indirekte Suggestion, d. h. die eine oder andere Vor¬ 
schrift, welche bestimmt helfen wird, z. B. ein Bad oder eine Brom¬ 
dosis, die der Patient eben vor der zu erwartenden Schwierigkeit ge¬ 
brauchen muss, kann in vielen Fällen mehr ausrichten, während die 
Hypnotherapie die Hauptresultate geben wird. Er kommt auch zu dem 
Schluss, dass es mehr Vorteile bietet, die Hypnotherapie anzuwenden, 
als psychoanalytische Methode von Freud. Eine psychische Gym¬ 
nastik oder Uebungstherapie befähigt den Patienter^ sich nach und 
nach an seine Phobien zu gewöhnen und diese allmählich zu überwin¬ 
den, dadurch, dass er sich stets grössere Aufgaben stellt. Schliesslich 
kann eine Entfernung aus der gewöhnlichen Umgebung von Nutzen sein. 

F r e u d 20 ) wollte ursprünglich, wie er es nennt, von dem einge¬ 
klemmten Affekt in der Hypnose „abreagieren“. Haben die Patienten 
ihn ausgesprochen, dann ist er weg. Sie müssen den Zustand durch¬ 
machen, worin zum ersten Male die Krankheitserscheinungen an den 
Tag kamen. Dies erinnert an die Assoziationen aus der Zeit, die sonst 
verborgen blieben. 

Da nun Bernheim 21 ) erklärt und beweist, dass auch das in 
der Hypnose Wahrgenommene, worüber zuerst Amnesie besteht, durch 
Nachdenken, ohne Hypnose ins Bewusstsein zurückgeruferi werden 
kann, ist zu erwarten, dass auch das „Abreagieren“ in wachem Zu¬ 
stande stattfinden kann. Später sieht auch Freud ab von der Hyp¬ 
nose als solcher, indem er nur den Patienten auf einem Ruhebett Platz 
nehmen lässt, während er selbst auf einem Stuhl hinter ihm sitzt. Er 
vermeidet ferner jede Prozedur, welche an Hypnose denken lassen 
könnte. Dadurch trachtet er jede störende Wahrnehmung der Sinnes- 


20 ) Breuer und Freud, Studien über Hysterie, 1895. 

21 ) Bernheim, Hypnotisme, Suggestion, Psychotherapie avec conside- 
rations nouvelles sur l’hysterie, 1903. 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, insb. über den sog. „Trac“ d. Künstler. 215 


Organe oder Muskelarbeit zu verhüten, die den Patienten verhindern 
könnte, seine Aufmerksamkeit auf sein Seelenleben zu konzentrieren. 
Hiermit erreicht er, dass auch nicht hypnotisierbare Patienten sich 
für seine Behandlung eignen. Durch das Aufmuntern, vor allem „alles 
auszusprechen“, gelangt er zur Analyse ihres Zustandes auf gleiche 
Weise als mit seiner Hypnose. Bisher veröffentlichte er seine ana¬ 
lytische Methode nicht en detail. Er gibt zu, dass für seine Methode 
ein gewisses Mass natürlichen Intellektes und ethischer Büdung er¬ 
forderlich ist, dass während Verwirrung oder melancholischer Depres¬ 
sion nichts zu erreichen ist, dass Patienten: zum Normalsein imstande 
sein müssen, dass eine degenerative Konstitution oder scharf ausge¬ 
prägte Gharakterentstellungen, die kaum zu überwinden sind. Wider¬ 
stand bieten, und dass ältere Patienten ein zu grosses psychisches Ma¬ 
terial besitzen, um es noch ganz beherrschen zu können. Die Kollegen 
wendeten seine Methode an, ohne zu wissen, wie sie ist, ohne ihn selbst 
zu befragen, wie er es eigentlich mache. Das lässt ihn misstrauisch 
sein vor solcher Art Psychoanalyse und befürchten, dass sie den Patien¬ 
ten selbst schaden könnte. 

Freud 22 ) sagt: „Es gibt viele Arten und Wege der Psycho¬ 
therapie. Alle sind gut, die zum Ziel, der Heilung, führen.“ Als solche 
nennt er: Die hypnotische Suggestion, Psychotherapie durch Zerstreu¬ 
ung, durch Uebung, durch das Erregen von Affekten, die zum Ziel 
nützlich sein können. Alle diese Methoden würde er anwenden, in dem 
Masse, wie der Krankheitsfall ihm hierzu passend erscheint, wenn er 
sich nicht durch wissenschaftliches Interesse auf seine analytische Me¬ 
thode beschränkt hätte. Besonders eigne seine analytische Methode 
sich zur Behandlung der Zwangszustände usw. . . . 

Gramer 23 ) erklärt, dass man nach seiner Ansicht die Hypnose 
als solche entbehren könne, aber wenn man so weit geht, die Psycho¬ 
therapie, so wie er sie anwendet, Wachsuggestion zu nennen, und sie 
gleichstellt mit Hypnose, dann sei er ebenfalls ein eifriger Anhänger 
der Hypnose bei der Behandlung der Neurosen. Er versucht, das Ver¬ 
trauen des Patienten zu gewinnen), hört alle Beschwerden an, sucht 
die Gedanken durch langsame Dressur zur Tätigkeit zu zerstreuen unter 
Ermutigung, Beruhigung und Versicherung, dass die Beschwerden 
bald wieder verschwinden werden. Bei jeder Behandlung müsse der 
psychische Faktor kommen, welcher den Patienten überzeugt: Das 
wird helfen. So werden z. B. die elektrischen Ströme kräftig die Sug¬ 
gestionen unterstützen. 

**) Freud, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 1906. 

**) C r a m e r, Die Nervosität, ihre Ursachen, Erscheinungen und Be¬ 
handlung, 1906. 


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Grasset 24 ) dagegen warnt davor, die Suggestion in wachem 
Zustande mit der Persuasion zu verwechseln. Die wahre Suggestion, 
sagt er, findet niemals in vollkommen wachem Zustande statt, dieses ist 
nur ein scheinbar wacher Zustand; in Wirklichkeit ist es eine partielle 
Hypnose, ohne die äusseren Merkmale des Schlafes. 

Hartenberg 26 ) unterscheidet 2 Phasen von „Trac“, nämlich 
die vor der Vorstellung und die in Gegenwart des Publikums. Diese 
letzte Art teilt er wieder in 3 Stufen je nach der Intensität. Betreffs 
Behandlung, mit Ausnahme der Autotherapie, wobei der Patient selbst 
auf allerlei Arten seine Ungeschicktheit zu bekämpfen trachtet, schreibt 
er bezüglich der Verlegenheit vor: 1. Hygienisches Leben; 2. Diät¬ 
regelung; 3. physische Heilmethoden; 4. Uebungstherapie für willkür¬ 
liche Bewegungen, im Anfänge durch methodisch geregelte Bewegungen; 
5. einen richtigen Gebrauch der verbalen Suggestion. Hierunter ver¬ 
steht er z. B. den Patienten aufzumuntern, zu unterstützen, zu ermuti¬ 
gen und Vertrauen in sich selbst zu geben. Hinsichtlich des echten 
„Trac“ ist zu sagen, dass dagegen die Autotherapie erfolgreich sein 
kann. Er beschreibt dann in einigen Beispielen, wozu auch „Sarah 
Bernhardt“, wie die Künstler auf allerlei Weisen ihren Trac zu dissi¬ 
mulieren trachten. Ueberdies verwendet Hartenberg eine Woche, 
einen Monat oder mehr auf die allgemeine Behandlung des Nerven¬ 
systems, wobei er Opium und viel Ruhe vorschreibt. Diese Zeit ge¬ 
braucht er dann, um dem Patienten zu versichern, dass nach Her¬ 
stellung seines allgemein nervösen Zustandes, die Angst, welche nur 
sekundär ist, von selbst verschwinden werde. Absichtlich vermeidet er, 
weiter über die Angst zu sprechen oder daran zu erinnern. Darauf 
lässt er, unter seiner Leitung, den Patienten durch Uebungen sich an 
seine Phobie gewöhnen. Er begleitet ihn nach dem Orte und unter 
Umständen, wobei die Angst auftritt, zwingt ihn dann, unter anhalten¬ 
dem Anspornen, trotz der Emotion zu tun, was er tun muss. Langsam 
kehrt dann das Selbstvertrauen zurück. 

Oppenheim 2 ®) nennt verschiedene Typen von Phobie, und 
darunter auch die Topophobie, wobei die Störung in der Ausübung des 
Berufes auftritt. Die Prognose stellt er nicht sehr günstig, das Leiden 
ist meistens hartnäckig, nimmt aber doch im Laufe der Zeit dermassen 
ah, dass der Patient die Angst zu bemeistern lernt. Auch kommen 
lange Remissionen vor, während vollkommene Heilung bei einer kleine¬ 
ren Anzahl Fälle eintritt. Er hält es für ratsaun, die Patienten zuerst 


*•) Grasset, Thärapeutique des maladies du systdme nerveux, 1907. 
*») Hartenberg, Les timides et la timiditä, 1901. 

*•) Oppenheim, Lehrbuch der Nervenkrankheiten, 1902. 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, insb. über den sog. „Trac 4 d. Künstler. 217 


lange Zeit den Anlass ihrer Angst vermeiden zu lassen, dann aher, sie 
durch systematisch konsequent durchgesetzte Uebungen an die Situation 
zu gewöhnen. Sehr viel erzielt hierbei die Psychotherapie; auch bei den 
Zwangsvorstellungen, wie Zweifelsucht und anderen den Phobien sehr 
verwandten Zuständen, nennt er die psychische Behandlung als die rat¬ 
samste. Bei jeder anderen Behandlung muss, laut Oppenheim, 
die Suggestion eingeflochten werden. Bei 2 seiner Patienten hatte er 
Erfolg mit Hypnose. Man muss sich in das Leben des Patienten ver¬ 
setzen, nachforschen, wie die kranken Assoziationen entstanden sind 
und so den richtigen Anfassungspunkt zu finden/ wissen. Ausserdem 
muss man für genügende Beschäftigung sorgen, je nach der Persön¬ 
lichkeit. 

Auf die Auffassung von Dubois 27 ), welcher sowohl Hypnose 
als alles, was sich auf Suggestion bezieht, stark bestreitet, und nur von 
„persuasion loyale“ sprechen will, in dem Glauben, dadurch die Sug¬ 
gestion ganz vermeiden zu können, komme ich später zurück. 

Quakenbosch 28 ) als Anhänger der Hypnose beim Bekämp¬ 
fen des Trac der Künstler, beschreibt, wie er individuell seine Sug¬ 
gestionen gibt Er erklärt zugleich, wie nützlich es ist, z. B. bei Sän¬ 
gern, die sich gewöhnlich ein Ideal wählen, ihnen! einzugeben: „Sie 
werden singen mit dramatischer Kraft wie Nordica, mit einer Leichtig¬ 
keit wie Melba, mit einer prachtvollen Stimme wie Edith Walker, mit 
einer Grossartigkeit wie Schumann-Heinck.“ Am Ende bespricht er 
einige Fälle und zeigt die Berechtigung und die Resultate der Suggestion. 

J o i r e 2# ) widmet dem Trac der Künstler ein ganzes Kapitel. 
Interessant sind seine Ansichten vor allem durch die theoretische Zer¬ 
gliederung und Klassifikation des Gegenstandes, der, soweit mir be¬ 
kannt, noch von niemand so ausgedehnt und mit Sachkenntnis behan¬ 
delt wurde. 

Sehr begreiflich ist es, dass er ein eifriger Anhäng er der Sug¬ 
gestionsbehandlung in Fällen, von Trac ist. Er beginnt damit, den 
Patienten zur Aufnahme von Suggestionen geeignet zu machen; ihn 
auf methodische Weise daran zu gewöhnen. Erst dann fängt er an mit 
der eigentlichen therapeutischen Suggestion, welche direkt gegen die 
Phobie gerichtet ist, wenn der Patient den Trac noch nicht gespürt hat, 
wenn er nur befürchtet, davon befallen zu werden. Dagegen muss 
man bei denen, welche schon an Trac leiden, die Phobie zergliedern 


”) Dubois, Principes d’une paychotMiapie rationnelle, 1903. 

**) Quakenbosch, Hypnotic, therapeutics in theory and practice, Lon¬ 
don 1908. 

*•) J o i r e, Traite de l’hypnotisme etc., 1908. 


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A. van der Gbijs 


und jeden Unterteil für sich in Behandlung hehmen. Darauf fängt 
er an, den Willen von neuem zu erziehen. Der Patient muss genesen 
wollen. Später fügt er die Suggestion hinzu, von sich selbst Meister 
zu sein und den festen Willen zu haben, Erfolg zu haben. Dann lehrt 
er den Zweifel unterdrücken, während er den Patienten anspomt zu 
arbeiten und sich immer mehr zu vervollkommnen. Die Kunst muss für 
den Künstler ein Ideal sein, das er stets vor Augen hat. 

Durch das Auftretenlassen in Gegenwart des Arztes lässt dieser ihn 
sehen, dass die Heilung erreicht ist. Man bemerkt hieraus, wie dem 
Patienten gegenüber nie gesprochen wird über die Angst oder die 
Phobie; man hat seinen Willen gestärkt, seinen Zweifel unterdrückt, 
ihm Gewandtheit und Selbstvertrauen gegeben, aber die Wörter Angst 
und Phobie werden nicht genannt. Noch stärker muss das sein wäh¬ 
rend der Uebungen des Gewöhnens. 

Im Zustande von Hypnose lässt J o i r e seine Tracleidenden die 
Schwierigkeiten, vor denen sie sich fürchten, durchmachen, lässt sie auf- 
treten zuerst in einfachen, später in den schlimmsten Umständen. 
Während dieser Zeit nimmt er die Stimme, die Geberden und den Aus¬ 
druck wahr, und unterhält den Patienten darüber, wodurch dessen 
Aufmerksamkeit in Anspruch genommen' wird, sich also nicht mit der 
Angst abgibt. Ist der Patient genügend vorgeschritten, dann lässt 
J o i r e dieselben Uebungen in wachem Zustande wiederholen. 

Endlich kann man noch so viel als möglich in Wirklichkeit alle 
befürchteten Umstände zu vereinigen versuchen und auch dann den 
Patienten auftreten lassen, während man dadurch, dass man bei der 
Aufführung in seiner Nähe ist und ihm folgt, ihm eine grosse Stütze 
gewährt. Hierauf wird er von seinem Trac befreit sein. Gleichzeitig 
mit dieser psychischen Behandlung empfiehlt Joire noch folgende Mass- 
regeln: Im Anfang ist oft eine Ruheperiode sehr nützlich, die zugleich 
als Vorbereitung für die hypnotische und für die allgemeine Behand¬ 
lung dient. Zuweilen ist selbst Bettruhe zu empfehlen. Die Hydro¬ 
therapie, verschieden je nach der Persönlichkeit eines jeden Patienten, 
kann man bereits während der Ruhekur vorschreiben. Durch 
Zimmergymnastik, methodisch angewandt mit nachfolgendem Rad¬ 
fahren, was die Muskelkraft entwickelt, das Atemholen erhöht, und 
dadurch, dass man die Aufmerksamkeit auf Gleichgewichtbehalten rich¬ 
tet, hält man störende Gedanken fern. Oft kann Elektrizität vorteilhaft 
wirken, namentlich die statische und die Mortonströme. Nach Er¬ 
wähnung der Vorteile der neueren Phototherapie gibt er allgemeine 
Vorschriften betreffs Nahrung und Hygiene. Hauptsächlich werden 
verboten: Alkohol, Kaffee, Tee, Tabak und alle Reizmittel des Nerven- 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, insb. über den sog. „Trac“ d. Künstler. 219 


Systems. Die Nahrung wird geregelt, die Mahlzeiten auf bestimmte 
Stunden festgesetzt. 

Betrachten wir diese verschiedenen Behandlungsformen, so 
schliessen wir daraus, dass doch die Psychotherapie und noch mehr die 
Suggestion, dabei die Hauptrolle spielt. Von selbst ergibt sich die Frage: 
Ist dafür eine Methode als massgebende zu betrachten? Ich würde 
sagen, nein. Meines Erachtens wird man den einen Fall ganz anders 
angreifen als den anderen, je nach Person und Umständen, aber am 
Ende kommt es doch auf die Suggestion heraus. So erklärte Lloyd 
T u c k e y auf dem im Jahre 1907 gehaltenen Kongress zu Amsterdam, 
dass für Zwangsgedanken keine andere Behandlung denkbar sei, als 
die hypnotisch suggestive. Ob man dies nun erreicht durch Einleiten 
von tiefer, weniger tiefer, oder sehr leichter Hypnose, im sog. 
wachen Zustande, durch sog. Persuasion oder Raisonnement, durch 
geführte Selbsterziehung des Willens oder verborgen hinter elektrischen, 
chemischen, hygienischen^ diätetischen Vorschriften, wird von der Auf¬ 
fassung des Arztes abhängen, von der Persönlichkeit des Patienten 
und anderem. So lesen wir wiederholt von den grössten Kontrasten 
in der Auffassung bei den Nervenärzten. Wie z. B. hervorragende Ge¬ 
lehrte erklären können, dass in Persuasion oder Raisonnement durchaus 
keine Suggestion verborgen liege, sei unbegreiflich, es sei denn, dass man 
annehme, dass man von dem Begriff Suggestion verschiedene Auffassun¬ 
gen habe. Bernheim will lieber den Begriff der Konzentration 
von Aufmerksamkeit, hypnotischer Zustand genannt, ersetzt wissen 
durch Zustand von Suggestibilität. Van Renterghem 80 ) schreibt: 
„Die Suggestibilität besteht in wachem Zustand. Katalepsie, Kontrak¬ 
turen, Halluzinationen können entstehen ohne Schlaf und ohne Ver¬ 
suche, sie hervorzurufen. Der Schlaf selbst ist eine Suggestion“: und 
weiter sprechend über Bernheim, Forel, Bonjour, Mag¬ 
na n und Regnault, welche Dubois und Dejerine bestritten 
haben: „Alle, nach der Analyse ihrer Publikationen, sind einig, dass 
die Verfasser, welche so sehr gegen sie sind, wohl gewiss die Suggestion 
gebrauchen (in wachem Zustande); dass sie selbst nicht abgeneigt sind, 
sich derselben zu bedienen, wenn es gilt, etwas mit Nachdruck zu be¬ 
kräftigen, selbst wenn sie überzeugt sind, sich nur allein an das Rai¬ 
sonnement zu halten; dass der Beitrag von D u b o i s vor allem beson¬ 
ders geeignet ist zu zeigen, was Suggestion in wachem Zustande vermag; 
dass sie suggerieren, ohne es zu wollen und ohne es verhindern zu 
können, endlich, dass sie sich irren, wenn sie annehmen, dass die 


*>) Van Renterghem, Psychotherapie dans ses differents modes 
Communication au congrös international de psychiatrie etc., 1907. 


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A. van der Cbijs 


Aerzte, welche die Hypnose anwenden, die Rolle des Raisonnements 
und die logische Ueberzeugung verkennen.“ 

D u b o i s 31 ) sagt in seiner ersten Abhandlung, dass der Mensch 
in wachem Zustand viel gläubiger sei, als er wohl denke, dass er in 
erster Linie suggestibel sei. 

In seiner Mitteilung über den Elinfluss des Geistes auf den 
Körper, sagt er: „Durch den Umgang mit unseren Mitmenschen, durch 
die Ideen, die sie uns suggerieren, dass wir unsere Fehler verbessern 
können, unsere guten Eigenschaften pflegen können,“ und „ohne 
Zweifel, es sind die Ideen, welche unsere Mitmenschen auf uns über¬ 
tragen durch das Wort, durch ein Buch; es sind die Ideen, die wir 
übernehmen' unter dem Einfluss fremder Suggestion.“ Wie ist es denn 
möglich, dass er in seiner Persuasion oder Raisonnement Suggestion 
vermeidet? Ist es auch nicht bereits hier Ruf und Berühmtheit des 
Arztes, was Vertrauen erweckt und eine günstige Basis bildet, sug¬ 
gestiv arbeitet ebenso wie die darauf folgenden Worte, auf welche Weise 
diese auch geäussert werden mögen? 

F o r e 1 82 ) bespricht ebenso diese Frage auf klare, überzeugende 
Weise, und zeigt auch an, dass die Suggestion in wachem Zustand 
sehr gut möglich ist und dann dieselben Erscheinungen hervorrufen 
kann als während der Hypnose. Er betrachtet also die Suggestion, in 
welcher Form sie auch angewandt wird, als identisch und kommt zu 
der Schlussfolgerung, dass dasjenige, was D u b o i s die wahre Psycho¬ 
therapie nenne, ebenfalls auf Suggestion beruhe. 

J o i r e dagegen sagt wiederum in seinem oben erwähnten Buche, 
dass die Suggestion in wachem Zustand nicht bestehe. Um eine Sug¬ 
gestion zu bekommen, sei es nötig, in einem Zustand von Suggesti- 
bilität sich zu befinden, die nicht bestehe in dem normalen wachen Zu¬ 
stande; man könne jemand in wachem Zustand persuadieren, nicht 
suggerieren. Er macht also wiederum einen grossen Unterschied zwi¬ 
schen beiden. 

Es scheint mir, dass wir hier vor einem Wörter- und Namenstreit 
stehen, und dass die Verwirrung entsteht durch die verschiedenen Auf¬ 
fassungen in betreff dessen!, was man unter Hypnose, Suggestion, Per¬ 
suasion oder wachem Zustand versteht. Solange darin keine Einigkeit 
und Klarheit besteht, solange nicht eine offiziell angenommene Defi¬ 
nition von jedem dieser Zustände angenommen ist, werden wir 
immer aneinander vorbei reden, werden Uneinigkeit und Missverständ¬ 
nis bestehen bleiben, während im Grunde genommen die meisten Psy- 

**) D u b o i s, Les psychonevroses et leur traitement moral, 1904. 

**) F o r e 1, Der Hypnotismus oder die Suggestion und Psychotherapie, 1907. 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, insb. über den sog. „Trac“ d. Künstler. 221 


chotherapeuten untereinander einig sind. Der Zustand der Suggestibilität 
oder Hypnose wird noch viel zu viel als etwas Besonderes aufgefasst. 
Man spricht noch darüber wie von einem gewissen geheimnisvollen 
Wunder, während das grosse Laientum beim Wort Hypnose stets noch 
an eine Art Zauberei, an Humbug, denkt, wobei man ausserdem ganz 
seinen Willen und Persönlichkeit verliert und gänzlich abhängig wird. 
Die Schuld liegt an den Wundergeschichten, womit die Hypnose zuerst 
auftrat, an Büchern oder Theatervorstellungen wie Trilby, und an der 
Tatsache, dass Nichtkenner sich derselben u. a. zu öffentlichen Vor¬ 
stellungen bedienten. 

Wenn nun der Patient nicht im mindesten geschädigt wird, so 
ist es gewiss nicht von Bedeutung, welchen von den vielen Wegen man 
wählt, wenn das Resultat nur eben gut ist. Es bestehen Geisteszustände, 
welche für verschiedene Qualifikationen passen, etwas ähnliches wie die 
sog. Grenzfälle in der Psychiatrie. Wenn jemand durch Ueberredung, 
Zusprache von einem anderen dazu kommt, seine Gedanken, seine Auf¬ 
fassung zu verändern, ist das dann durch Persuasion oder Suggestion, 
war er dann in wachem Zustande oder in Hypnose? Wenn ein Pa¬ 
tient elektrisiert wird, indem ein paar willkürliche Elektroden, auf zwei 
willkürliche Stellen seines Körpers gestellt werden, und er dann von ner¬ 
vösen Störungen geheilt wird, geschieht dies dann durch Suggestion 
oder Psychotherapie oder Elektrotherapie? Wenn man, um sich einer 
Sache zu erinnern, zum Bedenken des einen oder anderen, die Augen 
schliesst, einen Finger oder Hand gegen die Stirn oder an die Nase 
legt, (ein bekanntes Hilfsmittel, die Gedanken zu konzentrieren), ist man 
dann in Autohypnose oder in wachem Zustande? In diesen Augen¬ 
blicken können wir so in Anspruch genommen sein durch unsere Ge¬ 
danken, dass die Welt um uns herum nicht zu unserem Bewusstsein 
durchdringt. Wir können sogar ganz in Gedanken vertieft, verwickelte 
Handlungen verrichten, wovon nachher vollkommen Amnesie besteht. 
Wenn man so wie viele sog. schwache Charaktere unter Einfluss von 
anderen handelt, geschieht das dann in der Hypnose oder in wachem 
Zustande oder durch Persuasion? Wenn man im täglichen Leben je¬ 
mand tröstet oder aufmuntert, ermutigt und dadurch ihn unterstützt 
und zur Arbeit fähig macht, der vorher vollkommen unfähig war zu 
seinen Arbeiten; wenn eine Mutter ihr gefallenes Kind abküsst, und 
zu dem laut schreienden Kinde sagt: „Nun ist der Schmerz vorüber“ und 
ihr Kind dann ohne Schmerzen lachend wegläuft, wie muss man das 
nennen? 

Will man mit jemand vertraulich oder ernst sprechen und führt 
man ihn zu diesem Zwecke nach einem ruhigen Zimmer, lässt ihn in 
einem bequemen Stuhl Platz nehmen, schliesst Fenster und Tür gegen 


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A. van der Chijs 


das Geräusch von draussen, was tut man dann? Störende Eindrücke 
entfernt halten, eine angenehme ruhige Haltung geben, das Vermögen 
der Konzentration der Aufmerksamkeit vergrössern. Ist diese Person 
dann in wachem Zustande oder befindet sie sich durch ihre gesteigerte 
Empfänglichkeit für Suggestion, für Einflüsse, in dem einen oder an¬ 
deren Zustand von Hypnose? Der Geistliche, welcher in der Kirche 
zu seinen Zuhörern spricht, hypnotisiert, suggeriert oder persuadiert 
er seine Gemeinde, die mitunter ganz in Ekstase nach ihm lauscht? 
Wenn ein Dirigent sein Orchester inspiriert, hinreisst, zuweilen wider 
Willen, mit Antipathie der Musiker für ihren Leiter, und sie zur 
höchsten artistischen Reproduktion eines Werkes führt, wogegen das¬ 
selbe Werk unter einem anderen matt und effektlos klingt, was ist davon 
die Ursache? Und so weitergehend, kann man unzählige Fragen 
stellen. Ueberall im Leben fühlt man den Einfluss, die Wechselwirkung 
der Personen, Sachen und Umstände auf uns angewandt. Es ist die 
Suggestion, welche bei allem die Hauptrolle spielt. Ausserdem ist es 
ziemlich unmöglich, die Grenze zu ziehen zwischen wachem Zustande, 
und wenn man will, bestimmten Formen der Hypnose, weil beide im 
täglichen Leben unwillkürlich jeden Augenblick ineinander übergehen. 
Es ist mehr eine Frage von Namen oder Grad, als ein wirklicher Unter¬ 
schied. Mit Ausschluss der tiefen Hypnose, Somnambulismus u. d., 
würde man die übrigen Phasen der Suggestibilität, wie sie auch erhalten 
seien, ebensogut hypnotischen als wachen Zustand nennen können. 
Da selbst beinahe unser ganzes Denken und Handeln die Folge von Ein¬ 
drücken von ausserhalb ist, sozusagen von der Aussen weit suggeriert, 
wozu noch unsere individuell somatischen oder organischen Wahr¬ 
nehmungen , unsere psychische Konstellation kommen, könnte man 
sagen, dass wir alle stets in einem Zustande von Suggestibilität oder 
Hypnose sind, der eine mehr, der andere weniger. Wir denken, han¬ 
deln nicht spontan, sondern werden dadurch geleitet, dass eine Assozia¬ 
tion die andere hervorruft, der Reiz sich in Aktion, Bewegung umsetzt. 
Es ist interessant, in dieser Hinsicht einmal zu verfolgen, wie man z. B. 
dadurch, dass man ein Gespräch auf ein bestimmtes Thema bringt, 
oft im voraus bestimmen kann, welche Assoziationen bei dem anderen 
verursacht werden. 

Wenn nun diejenigen, welche Suggestion in wachem Zustand 
oder im Zustande von erhöhter Suggestibilität Hypnose nennen und, 
weil es Hypnose ist, diese Behandlung missbilligen, frage ich mich, 
was wohl unschuldiger ist als folgendes: Jemand in einem Zimmer zu 
lassen, wo das Geräusch der Aussenwelt so viel als möglich abge¬ 
schlossen ist, wo das Licht geschwächt ist, wo man ihn auf einem be¬ 
quemen Stuhl ruhen lässt, Gelegenheit gibt sich auszusprechen über seine 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, insb. über den sog. „Trac“ d. Künstler. 223 


Beschwerden, um diese so viel als möglich zu beseitigen, ihm seiner in¬ 
tellektuellen Bildung entsprechend Einblick gibt in seinen Zustand und 
den Weg zur Genesung zeigt, mit und zu ihm im selben Geiste spre¬ 
chend, wie Dubois dies empfiehlt. Wenn man am Ende dieser 
Person einen Augenblick die Hand auf dem Kopfe ruhen lässt, was 
ziemlich bei einem jeden einen beruhigenden Einfluss ausübt, und die 
Aufmerksamkeit sich mehr konzentrieren lässt, ihn bittet, die Augen 
zu schliessen, ihn ermutigt, wo es nötig ist, ihn nochmals überzeugt, wo 
er irrt, ihn versichert, wenn erforderlich durch nochmalige Zusprache, 
dass es gehen wird, dass alles in Ordnung kommen wird, und ihm dann 
empfiehlt, noch einen Augenblick ruhig liegen zu bleiben und über das 
Gesprochene nachzudenken, dann kann doch niemand meinen, dass 
man dem Patienten geschadet hat, oder dass man mit geheimen Mäch¬ 
ten umgeht. 

Mir dünkt, dass wir dann besser wissen, was wir tun, als beim 
Gebrauch von elektrischen Strömen, deren genaue Wirkung wir doch 
eigentlich noch nicht ganz kennen und wo doch niemand zurück¬ 
schrecken wird, diese bei eventueller Indikation anzuwenden. Die so¬ 
eben beschriebene Methode ist in der Hauptsache die Form der Psycho¬ 
therapie, wie van Renterghem 33 ) in seiner Klinik sie anwendet 
und welche er in den unten angegebenen Werken deutlich beschreibt. 

Man kann dies nun nennen wie man will, das tut wenig zur 
Sache. Ganz gewiss klingt es eigentümlich, eine solche Behandlung als 
wundertuend zu bezeichnen, wie D u b o i s es tut. Ebenso wie Dubois 
es vermeiden wird, seinen Patienten auf einem Spaziergang durch eine 
belebte Strasse zu behandeln, suchen wir eine Umgebung für den Pa¬ 
tienten, wo er ruhig ist und sich bequem fühlt, nicht gestört wird, 
und also besser in sich auf nimmt, und sich ruhig aussprechen kann. 
Selbst die Ruhe allein hat auf viele schon einen wohltuenden Einfluss. 
Hypnose und Suggestion sind in den Augen Vieler Schreckensbilder. 
Selbst Aerzte noch, vor allem die ältere Generation, wenden sich mit 
Achselzucken ab, lassen sich darüber aus auf eine Weise, die von 
völliger Unkenntnis und Unbefugtheit des Urteilens zeugt, und warnen 
ihre Patienten vor den Gefahren, u. a. vor dem Verlust ihrer Per¬ 
sönlichkeit, der mit dieser schwarzen Kunst verbunden sei. Mir dünkt, 
dass wenn wir oben beschriebener Auffassung huldigen, wir keine ein¬ 
zige Schwierigkeit zu machen brauchen. 

Die von uns geübte Behandlungsweise von Tracleidenden ist im 
folgenden kurz zusammengefasst. 

**) Van Renterghem, La Psychotherapie dans ses differents modes, 
Rapport op het internal, congres voor psychiatrie enz. te Amsterdam uitgebracht 
1907, en: Kort begrip der psychische geneeswijze, voordracht gehouden in 1904. 


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A. van der Cbijs 


Nach physischer Untersuchung und Feststellung von Abwesenheit 
organischer Abweichungen als möglichen Komplikationen oder Haupt¬ 
ursache der Nervenstörung, wird dem Patienten meistens eine ihm 
passende Lebensregel vorgeschrieben. Hierbei muss vor allem soviel 
als möglich auf geregeltes, hygienisches Leben, gute Diät, Verbot schäd¬ 
licher Reizmittel (Alkohol, Tabak, Kaffee, Tee), Empfehlung täglicher 
Körperbewegung, besonders im Freien, geachtet werden. Auf oben¬ 
genannte Weise ist der Patient durch Ausschliessen zerstreuender 
Reize und Konzentration der Aufmerksamkeit mehr zugänglich für 
das gesprochene Wort. Wir müssen mm trachten), das Vertrauen des 
Patienten zu gewinnen; er muss fühlen, dass wir ihm helfen können. 
Ungestört muss er sich aussprechen können, während wir ihn mit Ge¬ 
duld anhören und uns, soviel wir können 1 , in seinen Zustand hinein¬ 
leben , am liebsten auch seine direkte Umgebung kennen lernen, 
sein tägliches, häusliches Leben, weil gerade auch da so oft unbewusste 
Gegenwirkung besteht durch verkehrte Auffassungen oder unpsycho¬ 
logisches Handeln. Nachdem man für ihn soviel als möglich seinen 
Zustand analysiert, ihm einen Einblick in das Entstehen desselben 
gegeben hat, wird er beruhigt, ermutigt, während sein Ehrgefühl ge¬ 
reizt wird und ihm vorgehalten wird, von seiner Angst befreit zu wer¬ 
den, wenn er durch langsame Uebung unter unserer Leitung sein 
Solbtsvertrauen wiederzugewinnen lernt. Die Details des einen und 
anderen weichen, wie zu erwarten ist, sehr viel ab nach dem Masse 
der Persönlichkeit, und der Umstände, die man vor sich hat. Sicher¬ 
lich kann das Hinweisen auf Vorbilder, die Heilung fanden, eine 
grosse Stütze geben, gerade weil so viele sich für unheübar halten. 

Nach dieser Vorbereitung beginnen wir mit den eigentlichen 
Uebungen, dem Gewöhnen an störende Einflüsse, dem Beherrschen¬ 
lernen der Gefühlstöne, welche hindernd wirken. Am besten 1 werden 
wir das, wenn möglich, in unserer Gegenwart erzielen, weil der Patient 
darin eine Stütze findet, sich dann stärker und auch sicherer fühlt. 
Wenn dann ein ernster Erfolg erzielt ist, wird das eine günstige Trieb¬ 
feder, woraus wir Nutzen ziehen, zum Aushalten mahnen, während 
wir ausserdem mehrmals, vielen) wenigstens, die Versicherung geben, 
dass es wirklich gut enden wird. Diese Versicherung, eine Form sog. 
imperativer Suggestion, welche so oft missbilligt wird, findet man doch 
im täglichen Leben ebenso wieder, ja selbst ein jeder wendet sie zur 
richtigen Zeit bei einem andern und sich selbst an. Sagt man nicht 
mehrmals zu einem Zweifler: „Tue es ohne Angst, du wirst sehen, dass 
du es gut zustande bringst!“ Darin findet der andere Stütze, Ermuti¬ 
gung, Selbstvertrauen^ und er löst die Aufgabe. Man wird dadurch 
durchaus kein Sklave seines Arztes. Arbeiten ab und zu, gemäss der 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, insb. aber den sog. „Trac“ d. Künstler. 225 


Suggestibilität, Autosuggestionen oder Suggestionen von anderen, z. B. 
auch Zweiflern, die ihn entmutigen, störend, dann müssen wir diese neu¬ 
tralisieren, wertlos machen. Je besser man also das intime Leben des 
Patienten kennt, desto leichter kann man davor auf seiner Hut sein. 
Je nach der Besserung wird man auch die Anzahl der Besuche des 
Patienten vermindern, und schliesslich ihn wieder ganz frei, auf eigene 
Kräfte vertrauend, in die Gesellschaft zurückbringen, ohne dass er 
weiter irgend eine Abhängigkeit fühlt. Geduld, Hingabe und Ausdauer 
sind unumgängliche Bedingungen. Oefters werden wir im Beginn die 
Angst zeitweise zurückkehren sehen, vereinigt mit Mutlosigkeit von 
seiten der Patienten. Dagegen muss unser Wille und Ueberzeugung, 
heilen zu können, unerschütterlich feststehen. Wenn der Patient nur 
einen Augenblick Zweifel bei seinem Arzt bemerkt, verliert dieser viel 
an seiner Autorität. Unser fester Wille, Erfolg zu haben, wird ihm da¬ 
gegen eine grosse Stütze sein, vor allem, wenn er fühlt, dass wir in den 
schwierigsten Augenblicken nicht verzweifeln. 

In allen vorhergehenden 1 Methoden und Auffassungen nun finden 
wir augenscheinlich vielerlei Unterschiede, selbst Widersprüche. Es ist 
eigentlich nicht so sehr wichtig, welcher Weise oder welchem Heil¬ 
plan man folgt, man tut es intuitiv, so dass es nicht möglich ist, für 
alle Fälle einstimmig zu sagen: „So muss es sein, das ist der einzige 
Weg.“ Der Erfolg, der auf verschiedenen Wegen erzielt wird, deutet 
übrigens darauf hin, dass keine universelle Auffassung besteht. Aber 
das können wir doch daraus ableiten, dass wir Tracleidende, die zu¬ 
weilen ihre Laufbahn aufzugeben drohen oder ihre Talente nicht ent¬ 
wickeln können, allein wegen dieser unüberwindlichen Angst, nicht mit 
einem: „Es ist nichts daran zu ändern, suche nur einen anderen Ar¬ 
beitskreis,“ zurückweisen dürfen, da die Erfahrung lehrt, dass diese 
Zustände gründlich zu heilen sind. Ist auch nicht zu erwarten, dass 
wir alle Patienten heilen oder bessern können, so ist doch die Prognose 
im allgemeinen günstig, wenn beide Teile mit Ernst die Behandlung 
beginnen und aushalten. 

Nun müssen wir wohl bedenken, dass neben den Phobien auch 
tiefer eingreifende Störungen in dem Geisteszustand des Patienten be¬ 
stehen können. Gerade unter Künstlern, bei denen wir so oft die partielle 
Begabung antreffen, haben wir Aussicht, selbst Imbezille oder wenig¬ 
stens Geistesdebile zu finden. In solchen Fällen, wenn wir mit In¬ 
telligenz- oder anderen psychischen Defekten zu tun haben, dürfen 
wir natürlich nicht auf gleiche, günstige Resultate rechnen. 

Um nicht zu weitläufig zu werden, habe ich viele Autoren und 
Publikationen unbesprochen lassen müssen S4 ). Da aber so viele die 

a ') So habe ich erst nach Vollendung dieser Arbeit das sehr interessante 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 15 


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A. van der Chijs 


Berechtigung und den Erfolg der Psychotherapie bei Zwangsvorstel¬ 
lungen zeigten, besteht wohl kein Zweifel, dass darin der Schwerpunkt 
der Behandlung liegt. 

Ich lasse hier 3 Krankengeschichten folgen. 

1. Fräulein X., Pianistin, 30 Jahre alt, ledig. Patientin ist ein Kind 
eines seit lange gestorbenen Vaters und einer nervösen Mutter, welche an 
Schwindelanfällen leidet, an Angst vor Schlaganfall, übrigens aber eine tüch¬ 
tige Frau ist, die sich ganz für ihr Kind auf opfert, obschon sehr empfindlich 
und affektiv. Die Patientin sieht bei einem stark entwickelten Fettpolster 
etwas anämisch aus. Die Periode ist gewöhnlich mit Schmerzen verbunden, 
die Blutung zu stark und zu lange. Ausser einem leichten konvulsiven Tik 
am rechten Mundfazialis, zeigt sie keine Abweichungen, ebenso wenig orga¬ 
nische Gebrechen. 

Zusammen wohnten Mutter und Tochter lange Zeit im Ausland zur 
musikalischen Ausbildung, u. a. in Berlin und Dresden, wo letztere unter Lei¬ 
tung bekannter Meister studierte. Jetzt, in Amsterdam, nimmt sie noch ab und 
zu Stunden. Alle Lehrer sagten ihr eine schöne Zukunft voraus, einige sprachen 
sogar von einem Vergleiche mit Teresa Careno. Schon früh, ehe sie 
sich genügend fähig fühlte, musste sie in Deutschland auftreten. In Berlin 
glaubt sie sich überarbeitet zu haben durch zu vieles Antreiben und weil man 
sie in der Oeffentlichkeit haben wollte. Als sie hierauf in Holland bei einem 
grossen Konzert spielte, passierte es ihr, dass das Gedächtnis sie in/ Stiche liess. 
(Sie lernt übrigens leicht auswendig.) Sie musste aufhören, um von neuem 
anzufangen. Vor und während ihres Spieles fühlte sie sich ganz anormal, 
vibrierte und bebte, hatte mitunter heftige Kardialgien, so dass es eine wahre 
Marter für sie war. Früher nicht nervös, ward sie es mm mehr und mehr, 
bis es sogar so weit kam, dass sie sich nicht mehr getraute, vorzuspielen und 
selbst schon vor einigen Zuhörern ängstlich war. Oft, wenn sie spielen muss, 
hat sie ein Gefühl von Schwäche im linken Bein, und ein Gefühl, als ob das 
Bein von Kork wäre. Dieses Korkgefühl, wie sie es selbst nennt, hat sie auch 
wohl im Kopf, verbunden mit Müdigkeit. 

Die Patientin bekommt Winke für ein möglichst geregeltes, hygieni¬ 
sches Leben und gute Nahrung. Zur Förderung des Stoffwechsels, Stärkung 
des Muskelsystems und Abnahme von Fettgewebe besucht sie das Zander- 
Institut; das Entstehen ihres Tracs, ursprünglich der Affekt, welcher auf 
den Augenblick des Gedächtnisverlustes während des Konzertes folgte, wird 
ihr deutlich gemacht und erklärt, wie systematisch die Angst gewachsen ist 
durch Autosuggestion und Zweifel an sich selbst. Das Steckenbleiben ist 
eine Obsession geworden, darin wurzelt ihre Krankheit, darüber wird sie 
wieder anders denken», wenn sie durch Uebung und Erfahrung erkennen muss, 


und gediegene Buch „Nervöse Angstzustände“ von Dr. W. Stekel kennen 
gelernt. Auch er (aus der Freud sehen Schule) empfiehlt die psychische Behand¬ 
lung bei nervösen Angstzuständen, eben weil die Angst das Symptom einer See¬ 
lenkrankheit ist und deshalb nur kausal auf seelische Weise geheilt werden kann. 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, insb. über den sog. r Trac u d. Künstler. 227 


dass der Gedanke seine Kraft verlor und kein Hindernis mehr sein wird. 
Nach der Versicherung, dass kein organisches Leiden besteht, beginnen wir, 
ihr eifrig zuredend, ihr Ehrgefühl zu erregen, auf ihre Talente hinzuweisen, 
die sie doch gebrauchen muss, die Versicherung zu geben, dass nichts sie 
hindern wird, wieder von diesem Zwang und Angst befreit zu werden, dass 
sie durch allmähliche Uebung und durch neues Gewöhnen das Selbstvertrauen 
wiederbekommen wird, dass ihr Verlangen wieder erwachen werde, ihre Gaben 
wiederum zu zeigen. In der nächsten Konzertsaison hat sie Aussicht, mit 
dem Orchester als Solistin aufzutreten, sieht dem Datum jedoch mit Angst 
entgegen, getraut sich nicht, entbehrt allen Selbstvertrauens, ja sogar ihr 
gegenwärtiger Musikleiter scheint ängstlich zu sein, da jedesmal das Da¬ 
tum verschoben wird. Dagegen fühlt sie auch viel Stütze in den Ermuti¬ 
gungen dieses Lehrers. 

Voll Eifer fängt sie an, mit dem Auswendiglernen von zwei grossen 
Piano-Konzerten, die sie spielen wird. Kompliziert wird der Fall dadurch, 
dass sie in einem der Konzerte eine noch unbekannte, von dem Dirigenten 
komponierte Kadenz zum ersten Male spielen wird, m. a. W., dass grössten¬ 
teils der Erfolg der Komposition von ihr abhängen wird. Nach einiger Zeit 
ist sie zum Vorspielen ihres Konzertes bei mir zu Hause im Beisein von 
meiner Frau und mir zu bewegen. Es kostet ihr Mühe, allerlei schreckliche 
Empfindungen steht sie aus, aber sie führt es zu Ende. Ein Gedankenwechsel 
über den Inhalt und ihre Auffassung animiert sie, leitet die Aufmerksamkeit 
etwas von den störenden Vorstellungen ab. Später wiederholt sie es auf 
gleiche Weise vor einer grösseren Gesellschaft, bleibt ebenso wenig stecken 
und spielt sogar sehr gut. Inzwischen folgen einige kleinere Konzerte in 
der Provinz, wobei sie, ausser dem Begleiten, einige Solostücke spielt ohne 
sichtbare Mühe. Nun naht, was für die jungen holländischen Musiker die 
wahre Feuerprobe ist, der Abend, an welchem sie zwei Konzerte mit grossem 
Orchester vor einem gefüllten Saal in der Hauptstadt wird spielen müssen. 
Auf ihren Wunsch setzte ich mich an diesem Abend in die erste Reihe im 
Saal; das würde sie beruhigen, meinte sie. Alles verläuft gut; der Erfolg 
war gross, sowohl bei dem Dirigenten, als bei den Orchestermitgliedern und 
dem Publikum, während die Kritiken in allen Zeitungen um die Wette ihr 
Lob sangen und von der ruhigen Sicherheit in ihrem Spiel sprachen. Hier¬ 
durch ermutigt, findet sie mehr und mehr Vergnügen daran. Ab und zu hat 
sie wohl eine mutlose Stimmung, wenn ein neues Konzert bevorsteht, vor 
allem zur Zeit der Periode, aber einige Anregungen und Versicherungen, dass 
es sehr gut gehen wird, da sie doch das schlimmste gut bestanden hat, geben 
ihr Mut. Sie fängt an, selbst nach Vorspielen zu verlangen, sucht Engage¬ 
ments und spielte noch auf verschiedenen grossen Konzerten mit gleichem 
Erfolg. Bei den Konzerten war ich im Beginn für sie sichtbar unter den 
Zuhörern und sprach mit ihr in der Pause, doch bei dem letzten Konzert 
wusste sie, dass ich ganz fehlte. 

Ich lege hierauf den Nachdruck, weil man denken könnte (was oft be¬ 
fürchtet wird), dass sie ganz abhängig war oder nur upter suggestivem per¬ 
sönlichem Einfluss spielen könnte. (Etwas ä la Trilby-Svengali). Auch bei 


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meiner Abwesenheit spielte sie ebenso gut. Als Beweis, dass sie durchaus 
nicht den Eindruck machte, nervös zu sein, diene folgende Aeusserung des 
Kritikers eines der grössten Tageblätter: „Schon ihre Haltung vor dem Kla¬ 
vier und ihre Spielweise lieferten den Beweis ihrer innigen Vertrautheit 
mit dem Instrument. Sie wird sich sogar hüten müssen, vor dem Schein mit 
ihrer Leichtigkeit hierin zu kokettieren“. 

2. Frau Y., 31 Jahre alt, Sängerin, mit einem Musiker glücklich verhei¬ 
ratet, besitzt einen Knaben von 7 Jahren als einziges Kind. Ihr Vater, der 
ein Neurastheniker zu sein scheint, lebt von ihrer Mutter geschieden. Als 
Kind war sie stets schwach und hatte oft, was sie nennt, halbe Ohnmachts- 
anfälle. Organische Abweichungen sind nicht zu finden. Die Patientin hat 
ein gesundes, frisches Aeussere und keine körperlichen Klagen. Lustig, hat 
sie doch wohl Augenblicke von Reizbarkeit und ist zuweilen hitzig, gewöhn¬ 
lich aber gleichmässig gestimmt, in psychischem Gleichgewicht. Die Perioden 
sind normal, Appetit und Schlaf allgemein gut, wogegen sie öfters mit trä¬ 
gem Stuhlgang zu kämpfen hat. Einige Male wird sie von Zwangsgedanken 
gequält. 

Weil die Patientin hygienisch und diätetisch richtig lebt, schädliche 
Reize vermeidet, sind Vorschriften in diesem Sinne nicht nötig, obschon es 
gut ist, sie ab und zu in ihrem Interesse darauf hinzuweisen. Das Singen in 
der Oeffentlichkeit war ihr stets unangenehm. Vor einigen Jahren als So¬ 
listin bei einer Probe mitwirkend, wo sie eine für sie geschriebene Partie 
vortragen musste, bricht bei ihr der kalte Schweiss aus; sie wird ängstlich, 
totenblaß, fängt an zu beben, es schwindelt ihr vor den Augen, so dass sie 
während der Aufführung gezwungen ist, weg zu gehen, aus Furcht, ohnmäch¬ 
tig zu werden. Auch die Kritik spricht später davon, aber entschuldigte den 
Vorfall als begreiflich. Seit diesem Unfall hat sie nicht mehr den Mut, vor¬ 
zusingen, selbst nicht im Familienkreise, sucht stets Ausflüchte, um sich 
davor zu entziehen. Die Angst wurde stets grösser. Es kam so weit, dass sie 
augenblicklich sich nicht getraut, einen Saal zu betreten, weil sie dann die¬ 
selbe Angst-Wahrnehmung verspürt, dass sie keinen Zug besteigt, unbestimmte 
Angst hat in Gesellschaft und unfähig ist, zu Hause ihre Bekannten zu emp¬ 
fangen. 

In ungefähr 6 Wochen wird eine grosse Aufführung von Kompositionen 
ihres Mannes stattfinden, unter seiner Leitung, wobei es ihr grösster Wunsch 
sein würde, als Solistin mitwirken zu können. Mit sehr schöner Stimme be¬ 
gabt, wäre es eine grosse Enttäuschung für alle, wenn sie darauf verzichten 
müsste. Und doch hat sie nicht den Mut, die Angst ist für sie unüberwindlich. 

Nach einigen Besuchen, wobei ich ihr das Entstehen ihres Zustandes 
analysiere, wie auch Ursache und Folge, und mit Nachdruck daraufhin weise, 
dass sie durch anhaltende Uebung diese Angst überwinden lernen wird, 
fühlte sie sich ruhiger. Der Erfolg der psychischen Behandlung, den einer 
ihrer Kollegen mit übereinstimmenden Beschwerden ihr mitteilte, schenkte 
ihr Mut und Vertrauen. Nach einigen Tagen stattet sie mit dem Zuge, was 
sie ungern tat, einen Besuch bei Bekannten ab. Der gute Verlauf hiervon 


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steigert ihr Selbstvertrauen. Regelmässig besucht sie nun die Proben, betritt 
ohne Mühe ein kleineres Lokal. Das Datum der Aufführung bleibt jedoch 
vorläufig eine Obsession für sie. Auch empfängt sie zu Hause wieder Be¬ 
kannte; an einem Abend erscheint sie ganz allein in einem grossen Saal, um 
einem Konzert beizuwohnen. Sie fühlt sich immer freier und mutiger. 

Der gefürchtete Abend naht heran. Sie ist noch immer bange davor, 
fühlt sich aber kräftiger und mutiger, ist auch fest entschlossen, zu singen. 
Bei der Generalprobe singt sie ausgezeichnet, und hat viel Erfolg. Vorn im 
Saale konnte ich in ihrer Stimme nicht das geringste Gebrechen an Selbst¬ 
beherrschung bemerken. 

Die Aufführung selbst, wobei ich nicht anwesend war, gelang vorzüg¬ 
lich, während der gute Verlauf zu Hause mit Freunden fröhlich gefeiert 
wurde. Wohl griff es sie sehr an, und sie fühlte sich noch lange nicht frei, 
aber sie hatte es mit Erfolg zustande gebracht und war dafür dankbar. Hier¬ 
auf folgten noch verschiedene kleinere Aufführungen, wobei sie als Nicht- 
Solistin mitsang und sich vollkommen ruhig fühlte. Die Patientin will denn 
auch demnächst wieder mehr auftreten. Uebrigens kommt sie regelmässig 
mit Menschen in Berührung, ist tüchtig und stark und kann viel tun, wozu 
sie früher wohl zu müde war oder wobei sie Kopfweh bekam. Sie bewegt sich 
frei und leicht und ist darüber sehr erstaunt. Am Ende der Saison geht sie 
mit ihrem Mann zur Erholung nach Brüssel, schrickt vor nichts zurück, und 
sagt beim Abschied, dass sie zurückkommen wird, wenn sie später noch 
einmal an dem einen oder anderen leiden sollte, was ausgezeichnet zeigt, wie 
gut sie sich jetzt fühlt. 

3. Z., 33 Jahre alt, verheiratet, hat 2 Kinder, ist erster Violinist in einem 
grossen Orchester. Seine verstorbene Mutter hatte hysterische Anfälle, Va¬ 
ter und Geschwister sind alle nervös, ein Bruder ist Cellist in Amerika. Vor 
ungefähr einem Jahre bekam er Schwindelbeschwerden (was er früher auch 
wohl hatte), wenn er im Orchester mitspielen musste. Sobald er auf das Po¬ 
dium kommt, befällt ihn Angst und Unruhe, die den Höhepunkt erreicht zu 
Anfang des Spielens. Hauptsächlich fürchtet er zu fallen, und dass ihm 
etwas passieren wird, während Kongestionen, Herzklopfen, Schweiss und 
Angst zunehmen. Sein Platz im Orchester ist in der ersten Reihe, gerade 
am Rande des ungefähr einen Meter höher als der Saal gelegenen Podiums. 
Durch die Angst getrieben, setzt er sich schief, neigt sich nach innen, damit 
er bei etwaigem Fallen wenigstens nicht in den Saal fällt. Das schlimmste 
für ihn ist, dass er zuweilen vollständige Ohnmacht zum Spielen fühlt, und 
hauptsächlich nicht mehr auswendig, sowie nicht als Solist vor dem Publikum 
zu spielen sich getraut. Er erlebt dann Augenblicke, wo ihm ist, als ob 
er geisteskrank würde. Früher trat er mehrmals als Solist in grossen Kon¬ 
zerten auf und spielte dann leicht und am liebsten auswendig. Einmal fühlte 
er sich während eines Konzertes so elend, dass er gezwungen war, seinen 
Platz zu verlassen. Gewöhnlich wird sein Zustand während der Aufführung 
stets unhaltbarer. Ferner klagt er über vage Schmerzen und Parästhesien 
im rechten Handgelenk, linken Zeigefinger und Herzgegend. Ausser einem 


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Gichtknoten in der Helix des rechten Ohres sind keine organischen Ab¬ 
weichungen zu entdecken. Der Urin ist normal. Eine chronische Pharyn¬ 
gitis ist vorhanden, nie hat er Lues oder Gonorrhöe gehabt. Früher viel von 
Pollutionen belästigt, suchte er auf Rat seines damaligen Arztes Heil bei Mere- 
trices, doch mit Widerwillen. In der letzten Zeit wurde der Zustand unhalt¬ 
bar. Ernst dachte er daran, sein Engagement beim Orchester zu brechen, sah 
darin aber für sich eine schlechte Zukunft, denn nur von Privatstunden zu 
leben, dafür ist das Risiko zu gross. Es war ihm, als ob seine Familie mit 
dem Untergang bedroht würde, da er fürchtete, nicht mehr imstande zu sein, 
für ihren Unterhalt sorgen zu können. Ganz ratlos, beschloss er, einen Ner¬ 
venarzt zu konsultieren, was seine Frau anfänglich nicht wollte, weil früher 
ein Nervenarzt ihn, laut ihrer Aussage, noch mehr verschlimmert hatte, 
schliesslich, wenn auch mit Misstrauen, liess sie ihn gehen. Er ist nun hoff¬ 
nungslos, mutlos, ohne Lust, fühlt sich müde, erschöpft, lässt alles nur gehen, 
so wie es eben kann, richtet nichts aus, ist nur bange, hat nicht mehr das 
geringste Interesse für seine Kunst und glaubt alles verloren, dadurch, dass er 
sich fortwährend zurückgehen fühlt. 

Bezüglich der Bemerkung über Gicht, gleichzeitig suggestiv, erhält er 
eine passende Diät, muss eine Stunde pro Tag spazieren oder radeln, nicht 
rauchen, keinen Alkohol trinken, zwei- bis dreimal pro Woche ein lauwarmes 
Bad nehmen und täglich 10 Minuten Zimmergymnastik treiben. Sein an¬ 
fängliches Misstrauen an der Möglichkeit einer Genesung, verändert sich 
langsam in Vertrauen. Alle seineAengste, allerlei übertriebene Sorgen und 
Kleinigkeiten spricht er der Reihe nach aus, bringt regelmässig einen Zettel 
mit Fragen mit, die wir bearbeiten, worauf er jedesmal mit erleichtertem 
Gemüt wieder fortgeht. Er sieht ein, dass sein Zustand seinen Grund hatte in 
unüberwindlicher Angst, infolge der Tatsache, dass seine Mutter Anfälle be¬ 
kam und dass nach dem Beiwohnen im Orchester einer seiner Kollegen in 
Ohnmacht fiel. Durch Autosuggestion breitete sich die Angst aus, die nie 
gehemmt wurde. Stets meinte er, dass er nun an der Reihe war. 

Da es meine Ueberzeugung ist, dass seine Tätigkeiten für ihn nicht zu 
schwer sind (was andere und vor allem Kollegen von ihm wohl finden, weil 
Unzufriedenheit und Klagen an der Tagesordnung sind), ermahne ich ihn 
zur Ausdauer, rege ihn an, wieder ans Studium zu gehen und sich für seine 
Kunst zu interessieren. Meinen Vorschlag, regelmässig mit mir zusammen 
Violine und Piano zu spielen, nimmt er zögernd an. Das damit verfolgte 
Ziel ist, sein Interesse wieder wach zu rufen, ihn wieder zu animieren, Lust 
zum Studium zurückzurufen. 

Schon am ersten Abend, nachdem wir zusammen musiziert hatten, war 
der gute Einfluss merkbar, er spielte mit steigendem Animo. Ein Stück, in 
welchem sich technische Unvollkommenheiten zeigten, will er unter die Hände 
nehmen. Sein Ehrgefühl als Künstler lässt nicht zu, dass er Fehler macht. 
Regelmässig und eifrig beginnt er zu studieren, er findet wieder Vergnügen 
daran, behält aber seine Angst beim Vorspielen. Auch im Orchester, vor 
allem bei kleinen Solostückchen, bleibt seine Angst gross, er vibriert und 


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Ueber d. Heilung d. Zwangsvorstellungen, insb. Über den sog. „Trac“ d. Künstler. 231 


bebt aus Angst, nicht weiterspielen zu können. Wenn er lange Striche 
machen muss, teilt er sie in verschiedene kurze ein, weil er seinen Streich¬ 
stock nicht in der Macht hat. Doch gelingt das Spielen bei ihm viel bes¬ 
ser, selbst wenn es auch Mühe kostet. Allmählich fühlt er, durch die Erfah¬ 
rung, dass das, was er befürchtet, doch nicht geschieht, und sein Selbstver¬ 
trauen nimmt zu. Ich spreche ihm immer Mut ein, beruhige, ermuntre und 
versichere ihm, dass er nicht bange zu sein braucht, da er fortwährend seiner 
selbst sicherer werden wird und jeden Zweifel verlieren wird. Da er darüber 
klagt, sich nicht imm er unserer Gespräche am Ende erinnern zu können, gab 
ich ihm, auf seinen Wunsch hin, schriftlich einige Ratschläge in suggestiver 
Form mit, die er in schwierigen Augenblicken einmal nachliest. Bei unserem 
Zusammenspielen begann ich erst einen, später zwei und immer mehr Zuhörer 
zu fragen. Das Ende ist, dass er vor einer Gesellschaft von ungefähr 25 Per¬ 
sonen, worunter auch Berufsmusiker, ausgezeichnet spielt, einige Male auch 
auswendig. Er studiert regelmässig weiter, ist heiter, fühlt sich nun auch im 
Orchester heimisch und macht sogar, mitunter aus lauter Vergnügen, mehr 
als nötig lange Striche, um zu zeigen, dass er seines Stockes vollkommen 
Meister ist und nicht mehr bebt. Ganz geht er wieder in seiner Kunst auf, 
nichts fällt ihm schwer, er fühlt sich wieder glücklich und stark genug, um 
für die Seinen zu sorgen. 

Sein Wunsch, sobald als möglich in einem Konzert aufzutreten, hat 
sich erfüllt. Er spielt als Solist vor einem vollen Saal, zwei Konzerte von Tar- 
tini und Mozart mit Orchesterbegleitung. Ein anderes Mal trat er ebenfalls 
im Konzert von zwei Violinen mit Orchester von Bach auf. Die Kritik und 
das Publikum belohnten ihn mit warmem Beifall. Er spielte ruhig, selbstbe¬ 
wusst und hat auch für die angefangene Saison grosse Pläne. Regelmässig 
musiziert er nun, spielt vor, wo er kann, selbst vor seinen Schülern, auch 
Quartett und andere Stücke; kurz er ist von seinem Trac befreit. Von einem 
seiner Bekannten hörte ich, dass er ihm erzählt hatte, vollkommen geheilt zu 
sein. Seine Frau findet den Umschlag in seinem Zustand unbegreiflich, der 
schwere Druck ist vom häuslichen Leben hinweggenommen, er ist guter Laune, 
arbeitet mit Lust und klagt, wie sie sagt, über nichts mehr. 


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Max Levy-Suhl 


Die Prüfung der sittlichen Reife jugendlicher An¬ 
geklagter und die Reformvorschläge zum § 56 des 
deutschen Strafgesetzbuches. 

Krlminalpsychologische Studie auf Grund von 120 Ausfrage¬ 
versuchen. 

Von Dt. med. Max Levy-Suhl, Berlin-Wilmersdorf. 

Mit 2 Abbildungen. 

II. Teil. 

Inhaltsangabe: 4. Zur Methodik der Prüfung ethischer Qualitäten. — 5. Die Situation 
und das Material in meinen eigenen Versuchen. — 6. Die Vorfrage: „Warum 
darf man nicht stehlen?" und die erzielten Antworten. — 7. Die Haupt¬ 
prüfung. — 8. Die Ergebnisse, a) Sozialethische, ß) „Reine" Egoisten, y) Re¬ 
ligiöse Motivierungen. — 9. Die Rolle der religiösen Autoritäten. — 10. Irreli¬ 
giosität und Straffälligkeit — 11. Zusammenfassung. 

4. Zur Methodik der Prüfung ethischer Qualitäten. 

Gegenüber den eifrigen Bemühungen, auf psychologisch-päda¬ 
gogischer und psychiatrischer Seite die Prüfungsmethoden der In¬ 
telligenz i mm er exakter und von zufälligen äusseren Faktoren 
unabhängiger zu gestalten, hat die systematische Untersuchung ethi¬ 
scher Qualitäten im allgemeinen und der speziell ethischen Entwicklung 
des Heranwachsenden eine recht geringe Beachtung seitens der 
psychologischen Wissenschaft erfahren. Mag diese Zurücksetzung 
zum Teil immerhin dem Vorherrschen einer einseitig intellektualisti- 
schen Richtung zuzuschreiben sein, wie sie sich unter Herbarts 
und neuerdings unter Ziehens Einfluss in Psychologie und Päda¬ 
gogik geltend machte, so ist doch leicht zu erkennen, dass es in 
letzter Linie grundsätzliche Schwierigkeiten sind, die dem sonstigen 
Tatendrang der experimentell forschenden Psychologen hier hindernd 
im Wege standen. Denn Wissen und Urteilskraft lassen sich immerhin 
bestimmten Proben unterwerfen, intellektuelle Defekte können 
der exakten Beobachtung nicht lange verborgen bleiben — für die 
sittlichen Qualitäten aber gilt trotz aller assoziativen Komplexforschung 
noch das volkstümliche Wort: dass wir niemandem ins Herz hinein¬ 
schauen können. „Allein die Tat ist,“ wie Schopenhauer sagt, „der 
harte Probierstein aller unserer Ueberzeugungen“, und an anderer 


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Stelle: „An den Taten allein lernt ein jeder sich selbst, so wie die 
andern empirisch kennen, und nur sie belasten das Gewissen“ 1 ). 

Auch der Psychiater, für den die Feststellung ethischer Ab¬ 
weichungen und Charakterveränderungen wichtig ist, sieht sich meist 
darauf beschränkt, aus dem allgemeinen Verhalten des Kranken, aus 
seinem Vorleben und den Berichten Dritter indirekt seine Schlüsse 
zu ziehen, und allenfalls die begriffliche Unterscheidungsfähig¬ 
keit für ethische Vorstellungen wird zum Gegenstand einer unmittel¬ 
baren Prüfung erhoben*). 

Solche Unterscheidungsprüfungen sind auch in unserem jugend¬ 
gerichtsärztlichen Schema vorgesehen, und besonders die Aufgabe, 
den Unterschied zwischen Lüge und Irrtum anzugeben, liefert oft 
wertvolle Anhaltspunkte. Der Besitz derartiger Vorstellungen 
ist nun zwar die natürliche Vorbedingung, bietet aber keines¬ 
wegs eine Garantie für das entsprechende ethische Empfinden 
und Handeln. „Geborgt“ muss man von „Geschenkt“ zu 
unterscheiden vermögen, um es nicht zu verwechseln, aber auch 
die schönste Differenzierung dieser Begriffe gibt selbstverständlich keine 
Gewähr dafür, dass der Erklärer im konkreten Fall z. B. ein ge¬ 
borgtes Buch nicht wie ein geschenktes ansieht und behandelt. 

Wenn es daher gilt, ethische Gesinnungen oder gar das even¬ 
tuelle praktische Verhalten in einem sittlichen Konflikt zu erfor¬ 
schen, können wir weder durch diese Unterschiedserklärungen allein, 
noch durch eine direkte Befragung des Prüflings nach seiner inneren 
Stellungnahme zu ganz sicheren Resultaten gelangen. 

Dass das ethische Empfinden der Jugendlichen auf dem Wege 


’) Grundlage der Moral 1. c. 551 u. 616. 

*) Immerhin sind in neuerer Zeit auch die Prüfungen des „Verständnisses für 
moralische Begriffe“ re*p. für Beispiele moralischen Handelns mehr ausgearbeitet wor¬ 
den. Vgl. das zuverlässige „Taschenbuch“ von Cimbal. Springer, Berlin 1909, 
Nr. 120. 

*) In der Diskussion, die sich an meinen Vortrag anschloss, hat F. L epp mann 
überzeugend hervorgehoben, dass auch die Feststellung der Intelligenz keineswegs so 
einfach sei und nicht immer zu eindeutigen Ergebnissen führe. Da meine Dar«tei¬ 
lungsweise hierin in der Tat einer Ueberschätzung der au sich unbestrittenen metho¬ 
dischen Fortschritte Vorschub leisten konnte, akzeptierte ich gern diesen Hinweis. 
Und dies um so lieber, als es durchaus meiner eigenen Anschauung entspricht. Denn 
auch ich bin der Meiuung, dass gegenüber der Komplexität des Begriffs „Intelligenz“, 
gegenüber den zahllosen subjektiven und objektiven Variablen, die bei der Prüfung 
mitwirken, alle Tests und Schemata nicht ausreichen, um eine feste Skala zu liefern, 
sondern dass immer nur Annäherungswerte festgestellt werden können, und dass auch 
die persönliche Fähigkeit und Erfahrung des Untersuchers bei dem Ergebnis eine 
Rolle spielt. So würde ich auch Bedenken tragen, Helene-Friederike Stelzner zu¬ 
zustimmen, wenn sie in ihrem Buche .Die psychopathischen Konstitutionen 
und ihre psychologische Bedeutung“, Berlin 1911, S. 5 allgemein unsere Intelligenz- 

S rüfungsmethoden „zu einem so feinmaschigen Netze verdichtet“ erklärt, „dass mit 
lilfe desselben eine Aussonderung der intellektuellen Fähigkeiten keine Schwierig¬ 
keiten bietet.“ 


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solchen einfachen Befragens nicht festzustellen ist, gab auch Für- 
stenheim 1 ) an, als er gelegentlich einer öffentlichen Demonstration 
an ein 14 jähriges Mädchen in Gegenwart der Mutter die Frage rich¬ 
tete, „was würdest du tun, wenn ich dir einen Taler schenkte?“ 
und die nach Lage des Falls völlig unglaubhafte Antwort erhielt, 
„den würde ich meiner Mutter geben“. Aber auch wenn suggestive 
Einflüsse, wie sie ja in diesem Fall offenkundig waren, auszu¬ 
schalten sind, muss noch der Tatsache Rechnung getragen werden, 
dass, wie Scholz richtig bemerkt 2 ), „sittlich Handeln, sittlich Füh¬ 
len und die Bedeutung des Sittlichen erklären“, drei verschiedene 
Dinge sind. 

Wenn wir uns weiter, wenigstens flüchtig, nach anderen For¬ 
schungswegen umsehen, so sind die Modifikationen der William 
Sternschen Versuche über Erinnerungs- und Aussagetreue beach¬ 
tenswert, wie sie in neuerer Zeit zur Feststellung des Wahrheits¬ 
wertes der Aussagen und somit der Wahrhaftigkeit der Ge¬ 
prüften, des Einflusses des Ehrgeizes usw. ausgestaltet worden sind. 
So interessant diese von Franken 3 ) ursprünglich im Schulbetrieb 
angewandte Ausfragemethode ist, so muss noch abgewartet werden, 
wie weit ihre Ergebnisse allgemein verwertbar sind, und wieweit aus 
ihr bestimmte Schlüsse auf sittliche Eigenschaften gezogen werden 
können. 

Weit näher dem Charakter eines wirklichen Experiments steht 
eine in der psychiatrischen Klinik bisweilen verwendete Affekt¬ 
reaktionsprüfung. Hierbei beschuldigt man mit scheinbarer 
Ueberzeugung die Versuchsperson unerwartet einer schweren sitt¬ 
lichen Verfehlung, etwa mit den Worten: „Wie steht es denn mit 
Ihrer Fundunterschlagung?“ oder: „Sie haben doch einen Meineid ge¬ 
leistet 1“ und beobachtet die unmittelbare emotionelle Wirkung dieser, 
das Ehrgefühl mehr oder weniger tangierenden Bemerkungen. Für 
gewisse diagnostische Zwecke wohl zulässig und wertvoll 4 ), kann 
ein solches Verfahren schon wegen der damit verknüpften unver¬ 
dienten seelischen Verwundung nie eine allgemeinere Anwendung 
für Geistesgesunde, geschweige denn für unsere Jugendlichen finden. 

Meist wird von den Autoren eine solche Möglichkeit gar nicht in Er¬ 
wägung gezogen. So begnügt sich auf psychiatrischer Seite Stelzner 1. c. mit 

’) W. Fürstenheim, Aerztliche Fürsorge für sohwererziehbare Kinder und 
die straffällige Jugend. Leipzig, Verlag der Buchandlung des Verbandes der Aerzte 
Deutschlands, 1910, S. 70. 

*) L. Scholz 1. c., S. 98. 

*) A. Franken, Aussageversuche nach der Methode der Entscheidungs- und 
Bestimmungsfrage bei Erwachsenen und Kindern. Zeitschrift für angewandte Psycho¬ 
logie und psychol. Sammelforschung, Band VI, S. 174 ff., 1912. 

4 ) 'Vgl- Kraepelin, E., Psychiatrie. 8. Aufl. 1910, Bd. II, 606 ff. 


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der an sich natürlich sehr wichtigen Schilderung des sittlichen Verhaltens 
und beispielsweise auf pädagogischer Seite Birkigt 1 ) mit der Aufzählung 
der Noten im Betragen, Eleiss usw. und der Angabe der Delikte 1 ). 

Man könnte zum Beispiel an praktische Versuche denken, wie 
sie die an sich recht bedenkliche Ehrlichkeitsprobe darstellt, 
die von manchen Dienstherrschaften mit Vorliebe angewandt wird. 
Hierbei sollen vermeintlich unehrliche, in Wahrheit nur unerfahrene 
Dienstboten durch scheinbar verlorene, geheim gekennzeichnete 
Geldstücke zu Fundunterschlagung resp. Diebstahl verführt werden. 
In dementsprechend nachgeahmten Experimenten würden natürlich 
positive Schlüsse nur dann zulässig sein, wenn die Bedingungen der 
überaus zusammengesetzten Situationen des wirklichen Lebens dabei 
gelungen und die volle Naivetät der Versuchspersonen bewahrt ge¬ 
blieben wäre. Es leuchtet ein, dass diese Versuchsvoraussetzungen 
weder vor den Schranken des Gerichts, noch im ärztlichen Unter¬ 
suchungszimmer erfüllt sein können. 

Noch weniger schliesslich scheinen mir, für unsere Zwecke 
wenigstens, die mittels Enquete gewonnenen retrospektiven Ana¬ 
lysen eines eigenen ethischen oder unethischen Verhaltens in früheren 
Situationen und Erlebnissen, Motive der „religiösen Bekehrung,“ an¬ 
gebliche oder vermeintliche „Ideale“ usw. zu leisten. Den auf mo¬ 
ralischem Gebiet gerade so naheliegenden Selbsttäuschungen und un¬ 
bewussten Erinnerungsfälschungen ist hierbei am meisten Tür und 
Tor geöffnet. 

Die eigenartigen, für unser Ziel besonders günstigen äusseren 
Bedingungen, wie sie die ärztliche Untersuchung der jugendlichen 
Angeklagten des Amtsgerichts Berlin-Mitte bot, ermutigten mich, 
unter voller Beachtung aller obigen Bedenken ein Verfahren zu er¬ 
proben, das sich zwar auch nur auf theoretischem Boden be¬ 
wegen kann, bei dem aber gleichwohl die Untersuchten mehr als 
sonst genötigt sind, das Maas ihres ethischen und besonders ihres 
sozialethischen Wissens und Fühlens, wenn auch nur auf einem be¬ 
stimmten Gebiete, zu offenbaren und damit immerhin gewisse 
Schlüsse, wenn auch vorwiegend per exclusionem, auf die Trieb- 


') C. Birkigt, Straffällige Schulknaben in intellektueller, moralischer and 
sozialer Beziehung. Beiträge zur Eiaderforschung und Heilerziehung. Langensalza 1910. 

*) Anch in der „Uebersicht über die klinischen Methoden zur psychologischen 
Prüfung Geisteskranker, ebenso in Binets Vorschriften (vgl. Zeitschrift f. angew. 
Psychol., Bd. III) finden sich keine Anweisungen zur Prüfung ethischer Qualitäten. 
Beim Abschluss meiner Arbeit beginnt eine Artikelserie von E. Meumann in der 
Zeitschr. f. pädag. Psychol. u. exp. Pädagogik, 18. Jabrg., 8. 193: „Die Untersuchung 
der sittlichen Entwicklung des Kindes und ihre pädagogische Bedeutung.“ Eine Be¬ 
rücksichtigung konnte nicht mehr stattfinden. 


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federn ihres Verhaltens in einem bestimmten sittlichen Konflikt zu 
gestatten. 

Mein ideales, somit nie ganz erreichbares Endziel hierbei 
war, festzustellen: Welches sind die verschiedenen Beweg¬ 
gründe, die unseren jugendlichen Angeklagten besten¬ 
falls zu Gebote stehen, um sie künftighin bei einer er¬ 
neuten oder auch erstmaligen Gelegenheit vom Stehlen 
zurückzu halten? 

Es steht diesem meinem Ausfrageversuch, wie ich hier schon 
bemerken will, am nächsten die interessante ethische Aufsatzprüfung, 
die v. Gizyki 1 ) vor ca. 9 Jahren über den Funddiebstahl in der 
obersten Klasse einer Mfidchengemeindeschule vorgenommen hat, 
wenn auch unter ganz anderen Umständen. Das Ergebnis dieser 
seiner Versuche wird uns noch späterhin näher zu beschäftigen haben *). 

5. Die Situation und das Material in meinen eigenen 

V ersuchen. 

Die von Amts wegen im Laufe der Jahre 1910/1911 zu ver¬ 
schiedenen Zeiten und aus verschiedenen Stadtgegenden vor der 
Hauptverhandlung mir zugehenden Angeklagten wurden, getrennt 
von den Angehörigen, im ärztlichen Sprechzimmer auf ihren geistigen 
und körperlichen Zustand hin untersucht. Aus naheliegenden Gründen 
zog ich zu der beabsichtigten ethischen Prüfung vorwiegend Fälle 
von Diebstahl heran, und diese bilden ja ohnehin durchschnittlich 
die Hälfte sämtlicher Verurteilungen von Jugendlichen. Unter den 
120 Angeklagten, bei denen ich mein Verfahren anwandte, waren es 
90, die eines Diebstahls beschuldigt wurden, 10 weitere der Unter¬ 
schlagung, 5 des Betrugs, 4 einer Körperverletzung und 3 der 
Hehlerei. Den Rest bildeten einzelne Fälle von Mundraub, Sach¬ 
beschädigung, Verletzung des Briefgeheimnisses, Gewerbevergehen, 
Erregung öffentlichen Aergernisses und Tierquälerei. 

Was die geistige Beschaffenheit angeht, so waren bei zwei 
Drittel der Angeklagten keine oder nur unwesentliche Abweichungen 
von der Norm feststellbar. Auch bei dem letzten Drittel waren die 
psychopathologischen Erscheinungen nicht immer von der Art, dass 
man von einer Geisteskrankheit oder von Schwachsinn im üblichen 
Sinne sprechen durfte. Ein krankhafter Intelligenzdefekt 
bestand vielmehr nur in rund 20 Fällen, die sich ziemlich gleich- 

') P. v. Gisyki, Wie urteilen Schulkinder über Funddiebst&bl? Kinderfehler, 
Bd. 8, 1903, S. 14 ff. 

*) Dem freundlichen Hinweis des Herrn Tb. Wagner, Breslau, verdanke ich 
die erste Kenntnis dieses Artikels. 


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mässig auf die verschiedenen Altersstufen verteilten. Es handelte sich 
dabei vorwiegend oder fast ausschliesslich um die leichteren Grade 
des Schwachsinns, sog. Debilität. 

Der weitaus grösste Teil bekannte sich der zur Anklage stehen¬ 
den Straftat ohne weiteres oder mit leichten Einschränkungen 
schuldig. Nur 14 bestritten in irgend einer Form, dass sie schul¬ 
dig seien. 

Dem Geschlecht nach waren 102 männlich, 18 weiblich. 
Ich bemerke jedoch, dass dieses Verhältnis auf zufälligen äusseren 
Gründen beruht. 

Während der Aussprache über die familiären Verhältnisse und 
über die Tat, sowie im Laufe der Intelligenzprüfung liess sich un¬ 
schwer das Zutrauen der jungen Angeklagten gewinnen, und sie 
zeigten sich fast immer sehr bereit, der weiteren Befragung über das 
für sie durchaus aktuelle Thema der Ehrlichkeitsmotive nachzu¬ 
kommen. Was aber von vornherein für die Bewertung der gesamten 
Ergebnisse dieses ethischen Examens wichtig ist — die Prüflinge 
mussten unter dem Drucke der Anklage und der Furcht vor eventueller 
Fürsorgeerziehung, ob schuldig oder unschuldig, ganz naturgemäss 
bemüht sein, in Verhalten und Aussage einen möglichst günstigen 
Eindruck zu erwecken und in ihrer Stellungnahme zu einem etwaigen 
künftigen Diebstahl das Optimum ihrer ethischen Kenntnisse und • 
Gesinnungen an den Tag legen. Diese ihre Verhaltungsweise wird 
um so glaubhafter erscheinen, wenn man bedenkt, dass sie, von der 
Auffassung der Angehörigen beeinflusst, sich meist der Hoffnung hin- 
gaben, der untersuchende Arzt könne und würde sie möglicherweise 
von der Strafe erretten oder doch das richterliche Urteil mildernd 
beeinflussen. Der Vergleich mit dem Verhalten während der voraus¬ 
gegangenen Teile der Prüfung bot im übrigen die Möglichkeit, den 
Einfluss von Schüchternheit, Schwerfälligkeit des Verstehens und 
Ausdrucks bei der Bewertung des Ergebnisses der Moralprüfung zu 
berücksichtigen. 

6. Die Vorfrage: „Warum darf man nicht stehlen?“ 

Die erste, auch in unserem offiziellen Schema vorgesehene Frage, 
die ich an die Angeklagten richtete, lautete: Warum darf man nicht 
stehlen? Ungeachtet der Vieldeutigkeit, die in ihr liegt, ist diese Frage 
doch zur Einleitung meiner weiteren Moralprüfung nicht ungeeignet 
und ergibt einige nicht uninteressante Hinweise. Dagegen dürfen 
die hierbei erzielten Antworten natürlich nicht ohne weiteres zur 
Beurteilung der wahren ethischen Denkweise der Jugendlichen ver- 


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wendet werden, da nicht zu erkennen ist, wieviel davon gedanken¬ 
lose oder eingelemte Phrase, wieviel davon den voraufgegangenen 
Diskussionen in der Familie oder sonstwo, den amtlichen Verhören usw. 
entsprungen ist. Aus dem Resultat dieser Vorfrage, wie wir sie 
nennen wollen, genüge es, folgende Daten herauszuheben. 

Zunächst seien Beispiele von Antworten der 20 geistig 
Zurückgebliebenen aus verschiedenen Altersstufen wieder¬ 
gegeben : 

Jahresalter: 12 x / 2 - Weil’s auf der Polizei angezeigt wird und za Hause 

Schläge gibt. 

„ 13. Weil das sonst den Eltern gesagt wird. 

16 ®/ 4 . Wenn man stehlen geht und wird dabei ertappt, so wird 
man bestraft. 

17. Weil ich drauf Strafe kriege. 

16 V*. Weil’s mir nicht gehört. 

„ 14 s /s- Weil’s verboten ist (weiblich). 

13 Vj. Weil das Unrecht ist. 

, 16 1 / I . Weil man andere Menschen arm macht. 

Der egozentrisch-egoistische Gesichtspunkt, die Furcht 
vor konkretem persönlichem Schaden, dominiert in den Ant¬ 
worten dieser Gruppe durchaus und wird in den drei ersten 
Fällen mit infantiler Naivität zum Ausdruck gebracht. Jedoch be¬ 
gegnen wir, wie die vier letzten Antworten zeigen, auch hier 
vereinzelt Motivierungen, die über das Persönliche hinausgehende 
allgemeinere und höhere Wertungen in sich tragen. 

Die unmittelbar auf das konkrete Ich beschränkten Nützlichkeits¬ 
gründe sind jedenfalls nichts Spezifisches für die Schwach¬ 
sinnigen, sondern bilden auch für die mehr oder weniger intelli¬ 
genten Normalen immer das naheliegendste Argument, wenn auch 
die Formulierung ihrer Anschauung meist eine differenziertere ist 
und der Utilitarismus, in den höheren Jahrgängen wenigstens, 
auch weitere Gesichtskreise umfasst. Die folgenden Beispiele, die ich 
in möglichst aufsteigender Reihenfolge gebe, werden diese Behaup¬ 
tung erläutern: 

Jahresalter: 13 1 / s . Weil ich sonst wegkäme nach der Anstalt. 

„ 12 1 / 2 . Da kommt man ins Gefängnis. 

,, 15. Weil’s doch ranskommt. 

,, 16. Weil man bestraft wird. 

„ 15 V 2 . Weil’s für seinen eigenen Nutzen ist, es nicht zu tun und- 

schlimme Folgen hat. 

., 15 1 / s . Weil einen doch niemand in Arbeit nimmt. 

., 14. Weil das fürs spätere Leben schlecht ist. 


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Neben diesen persönlichen Nützlichkeitserwägungen treten in 
einem kleinen Teil der Antworten sozialethische Gründe auf, wie 
wir sie nennen und später noch näher erläutern wollen; insbesondere 
wird auf die Unverletzlichkeit fremden Eigentums oder die Schädigung 
des Bestohlenen hingewiesen. Es lässt sich natürlich nicht ermessen, 
wieweit diese Begründungen ernsthaft, wieweit sie phrasenhaft sind. 
Immerhin zeugen sie doch von einem Wissen, resp. Bereitliegen 
solcher Gedanken, und es ist wohl bemerkenswert, dass Antworten 
dieser Art fast nie von jüngeren, wenn auch intelligenten Bindern, 
sondern vorwiegend von den im Erwerbsleben Stehenden der 
höheren Jahrgänge der Jugendlichen gegeben werden. Beispiele 
solcher sozialethischen Begründungen sind folgende: 

Jahresalter: 15V*. Weil’s sein Eigentum ist. 

„ 14 Vs* Weil’s einem nicht gehört (weiblich). 

„ 16 3 / i . Weil es jemand anders gehört und für den wertvoll ist 

(weiblich). 

„ 17. Weil’s dem andern seine Sache ist. 

„ 17. Weil man andere um Hab und Gut bringt. 

„ 16 1 / i . Wenn sie alle wollten stehlen, was sollte das werden. 

„ 17 Vs* Weil man dadurch dem Eigentum der andern schadet. 

,, 17 V«. Weil der auch nicht mehr hat als unsereiner. 

Schliesslich erfolgte in einer Reihe von Fällen die durch die 
Einkleidung der Frage: „Warum darf man nicht?“ schon nahe¬ 
gelegte und auch bei den Schwachsinnigen schon vereinzelt auf¬ 
getretene Antwort: „Weil’s verboten ist“ — entweder allgemein 
oder mit Hinweisen auf den göttlichen, den gesetzlichen und ver¬ 
einzelt auch auf den autonom-sittlichen Ursprung des Verbotes. 

Beispiele dieser Art sind: 

Jahresalter: 14 1 /«. Es geht gegen Gottes Gebot. 

„ 12 1 / s . Weil es Sünde ist. 

„ 15. Weil das 7. Gebot übertreten wird. 

„ 13 Vs* Weil das Gesetz es verbietet. 

„ 15. Weil es ein Verbrechen ist (hysterische psychopathische 

Konstitution). 

„ 17. Das verbietet sich schon von selbst. 

Soviel vom Ergebnis dieser einleitenden Befragung. 

Dasjenige, was wir daraus bei aller sonstigen Reserve entnehmen 
können, und was am meisten auffiel, war die Seltenheit, mit der 
bei den Kindern religiöse Gründe gegen den Diebstahl auftauchten, 
wären es auch nur Phrasen oder Formeln gewesen, die von einer 
wenigstens assoziativen Bereitschaft solcher Gedanken Zeugnis 
abgelegt hätten. 


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Es ist sehr überraschend und erinnert fast an gewisse ohne Empirie auf¬ 
gestellte Lehrmeinungen der Scholastiker, dass unter den von mir befragten 
Persönlichkeiten, sowohl aus pädagogischen wie psychiatrischen Kreisen, all¬ 
gemein die Ansicht zu herrschen schien, diese Vorfrage werde nichts Neues 
zutage fördern, da man ja doch nur die eingelemte Antwort: „Weil es Sünde 
ist, weil es gegen die Gebote geht“ oder dgL erhalten würde. Selbst Scholz 1 ) 
vertritt eine solche Meinung, die, wie wir sahen, mindestens in Berlin, weder 
für die Schulkinder noch die älteren Jugendlichen zutrifft. Freilich muss man 
bei dieser Prüfang jede suggestive oder konstellative Beeinflussung vermeiden, 
wie sie etwa durch die vorausgegangene Religionsstunde oder durch die Er¬ 
örterung eines religiösen Themas oder auch durch die Persönlichkeit des Reli¬ 
gionslehrers oder Geistlichen als Versuchsleiter unvermeidlich dargestellt wird. 

7. Das eigentliche Examen. 

Sollte unser Examen zu bestimmteren Resultaten führen, als sie 
die allgemeine Vorfrage bieten konnte, so mussten wir zunächst die 
Möglichkeit, mit eingelernten oder mechanisch angewandten Ant¬ 
worten zu reagieren, tunlichst ausschalten; wir mussten die Prüflinge 
einem ihnen nicht geläufigen sittlichen Konflikt gegenüberstellen und 
sie durch Rede und Gegenrede zwingen, alle ihnen zu Gebote stehen¬ 
den Argumente für die begreiflicherweise fast immer von ihnen be¬ 
hauptete ehrenhafte Entscheidung anzuführen und zu verteidigen. 
Aus dieser unter dem Drucke der Situation erhaltenen ethischen 
Maximalleistung Hessen sich dann weitere, mindestens negative 
Schlussfolgerungen auf ihr ethisches Inventar ziehen. 

Dass sich das ganze Verfahren in freundschaftlichen Formen abspielen 
musste und viel Geduld erforderte, ist selbstverständlich; die Tatsache, dass 
ich auch von den Schwachsinnigen fast immer ausreichende Antworten erhielt, 
scheint mir dafür zn sprechen, dass diese Vorbedingungen erfüllt waren. 

Die weitere Ausführung dieser „Moralprüfung“ sei der Kürze 
halber sogleich an zwei praktischen Beispielen wiedergegeben. 

I. Der Arbeitsbursche Richard G., 14*/ 4 Jahr alt, evangelisch, 
von guter IntelUgenz, nach Bericht seiner Mutter vor der jetzigen 
Ehe von einem liederüchen, trunksüchtigen Mann ausserehelich ge¬ 
zeugt, entwendete aus einem Wirtschaftszimmer, als er sich zufälUg 
dort allein befand, drei Billardbälle und brachte sie zum Verkauf. 
Er wurde leicht als Täter festgestellt und ist des Diebstahls geständig. 
Als Motiv gibt er an: Er habe gehofft, auf diesem Wege seinen 
Eltern verbergen zu können, dass er 3 Mark seines Wochenlohns 
mit Kameraden durchgebracht hatte. 

Auf die Vorfrage: „Warum darf man nicht stehlen ?“ erwiderter: „Es 
ist eine Sünde und wird bestraft.“ 

») 1. c. S. 98. 


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Das weitere Examen nimmt folgenden Verlauf: 

„Kann man sich darauf verlassen, dass du so was nicht wieder tust?“ 
„Jawohl.“ 

„Wenn sich aber eine sehr gute Gelegenheit bietet und du ganz sicher 
davor wärst, erwischt zu werden, würdest du es dann auch nicht tun?“ 
„Dann auch nicht.“ 

„Warum würdest du’s dann nicht tun?“ 

„Da komme ich in Fürsorge oder wohin,* 

»Was würde dich denn ausserdem noch davon zurückhalten, zu stehlen?“ 
„Meine Eltern würde ich betrüben.“ 

„Wenn es aber doch durchaus sicher wäre und du also gar nichts zu 
fürchten hättest?“ 

(Schweigt.) 

(Ich gebe nun ein konkretes Beispiel, nämlich die Gelegenheit, ein Porte¬ 
monnaie mit Geld bequem entwenden zu können, garantiere dem Befragten 
volle Sicherheit vor Entdeckung) und wiederhole meine Frage: 

Antwort: „Es kommt ja doch raus.“ 

„Also nur die Angst vor Reinfall und Strafe hält dich ab?“ 

(Schweigt.) 

„Hättest du sonst kein Bedenken, anderen etwas wegzunehmen?“ 

Findet keine Antwort. 

Es scheint mir beachtenswert, dass in diesem Fall trotz der 
ersten Antwort: Es ist eine Sünde, weiterhin gegen meine Zu¬ 
mutung, „unter Garantie“ zu stehlen, dem Knaben keinerlei religiöse 
Einwendungen in den Sinn kommen. 

Ich fügte hier nun, wie in den meisten anderen Fällen noch 2 
auf andere Forschungszwecke gerichtete Ergänzungsfragen an: 
die erste will feststellen, was der Befragte, von dem Ursprung des 
Verbotes weiss resp. welche Autoritäten dafür ihm geläufig 
sind. Sie lautet: 

„Von wem ist der Diebstahl verboten?“ 

Jetzt tritt, in unserem Falle die Religion wieder in ihre Rechte, denn 
es erfolgt die Antwort: „Von Gott“. 

Ich frage weiter: 

„Wer hat es sonst noch verboten?“ 

(Schweigt.) 

„Wo ist der Diebstahl noch verboten?“ 

„Im Gesetz.“ 

Die letzte meiner Prüfungsfragen, die ich hier nur flüchtig er¬ 
wähnen will, war: 

„Zu welchem Zweck wird jeder Diebstahl bestraft?“ 

Die Antwort unseres Angeklagten lautete: „Wenn es nicht bestraft 
würde, würden alle stehlen.“ 

II. Das zweite Beispiel betrifft einen etwas älteren Missetäter, 

Zeitschrift fflr Psychotherapie. IV. 16 


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einen 167jährigen Hausdiener einer Bäckerei, der bis vor 5 Jahren 
auf dem Dorfe lebte, dann mit den Eltern nach Berlin übersiedelte 
und hier relativ rasch die dritte Klasse erreichte. Er ist geistig nor¬ 
mal und besitzt eine gute Intelligenz. Er ist geständig, einem ihm 
angeblich befreundeten Mitangestellten in einem Orte unweit von 
Berlin, 10 Mark aus dem Schrank genommen zu haben, in der Ab¬ 
sicht, wie er sagt, es am nächsten Tag, dem Monatsende von seinem 
Gehalt zurückzugeben. Er habe mit dem Gelde seine Eltern in Berlin 
besuchen wollen. 

Auf die Vorfrage: „Warum darf man nicht stehlen?“ antwortet er: 
„Weil es gesetzlich verboten wird.“ 

Die weitere Prüfung gestaltete sich folgendermassen: 

„Kann man sich darauf verlassen, dass du so was nie wieder tust?“ 

n Ja. to 

„Warum denn nicht, bei guter Gelegenheit?“ 

„Ich würde mich immer vor der Strafe fürchten.“ 

„Wenn man aber ganz sicher vor jedem Reinfall ist — es gibt ja manch¬ 
mal solche Gelegenheiten — darf man dann etwas wegnehmen?“ 

„Nein.“ 

„Würdest du das sicher nicht tun?“ 

„Nein.“ 

„Und welcher Gedanke würde dich davon abbalten?“ 

„Ich könnte doch gefasst werden dabei.“ 

„Und sonst hättest da dagegen gar kein Bedenken?“ 

(Schweigt.) 

Ich gebe nun ähnlich, wie vorher, ein konkretes Beispiel, garan¬ 
tiere Schutz vor Entdeckung und wiederhole meine Fragen. Die 
schliesslich erzielte Antwort: 

„Ich würde immer denken, der Mann braucht sein Geld auch.“ 

Die beiden Ergänzungsfragen ergaben folgendes: 

„Von wem ist der Diebstahl verboten?“ 

„Vom Kaiser.“ 

„Wer hat es noch verboten?“ 

(Schweigt.) 

„Von wem aus ist das Stehlen noch verboten?“ 

„Vom Reichstag.“ 

„Wo noch?“ 

„In der Schule wird es auch verboten.“ 

„Wo noch?“ 

„Die Eltern haben es mir auch verboten.“ 

„Habt ihr es nicht im Unterricht gehabt?“ 

(Schweigt.) 

„Nicht in der Religion?“ 

„Nein.“ 


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Prüfung der sittlichen Reife jugendL Angeklagter u. Reformvorschläge zum § 56. 243 


„Habt ihr nicht gelernt, da sollst nicht stehlen?“ 

„Ja, in die Gebote.“ 

„Zu welchem Zweck wird der Diebstahl bestraft?“ 
„Sonst würden alle stehlen.“ 


8 . Die Ergebnisse. 

Die zahlreichen individuellen Variationen dieser Examina und 
die Mannigfaltigkeit ihrer Resultate machen es unmöglich, mit kurzen 
Worten das Ergebnis der 120 Prüfungen darzustellen. Ich habe 
daher versucht, mittels einiger statistischer Zeichnungen ein Bild zu 
entwerfen und dabei den Teil des Resultates zur Anschauung zu 
bringen, der nach unserem Ausgangspunkt und Ziel in erster Linie 
von Interesse ist. Es ist allgemein formuliert die Frage: In welchem 
Verhältnis steht die Höhe der ethischen Leistungen, 
wie sie unsere Prüfung ergab, zu der jeweiligen Alters¬ 
stufe der jugendlichen Angeklagten, und weiterhin, in 
welchem Alter haben diese durchschnittlich den Grad von 
sozialethischem Verständnis erlangt, gemessen an ihren 
Ehrlichkeitsmotiven, der erforderlich ist, um sie als strafrechtlich 
verantwortlich erklären zu dürfen. — 

Die Grundlinie, über der sich die Kurven der ethischen 
Leistungen, wie wir sie kurz nennen wollen, aufbauen sollen, ist so¬ 
mit durch die Altersstufen unserer Jugendlichen gegeben. Mit Rück¬ 
sicht auf die Rolle der religiösen Motive habe ich folgende Gruppen 
gebildet: 

Die I. Gruppe: Vom Beginn der Strafmündigkeit, d. h. vom 
vollendeten 12. Lebensjahre bis zum vollendeten 13. 

Die II. Gruppe: Vom Beginn des 14. bis Ende des 15. 
Lebensjahres, also die zwei Jahrgänge, die die Konfirmation um- 
schliessen. 

Die III. Gruppe: Jugendliche zwischen 15—16 1 /* Jahren. 

Die IV. Gruppe: Jugendliche von 167 2 —18 Jahren. 

Weit schwieriger und kaum einheitlich zu lösen war die Auf¬ 
gabe, die einzelnen Antworten in jedem Fall richtig zu bewerten und 
sie nach ethischen Normen statistisch zu rubrizieren. 

Es gibt and kann in der Tat ja kein allgemein anerkanntes ethisches 
System geben, und eine einheitliche ethische Betrachtungsweise menschlicher 
Handlungen, analog etwa der logischen, ist grundsätzlich ausgeschlossen. Eine 
ganz allgemeine Formulierung und Gruppierung etwa in autonome und hetero- 
nome Sittlichkeit im Sinne Kants würde für unser praktisches Ziel schon 
darum hinfällig, weil die Höhe einer autonomen Sittlichkeit selbst unter den 
Erwachsenen wohl nur vereinzelt zu finden ist. Auch Schopenhauers drei all- 


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Max Levy-Suhl 


gemeinste Klassen, unter die er alle Motive einordnen zu können glaubte, 
nämlich „1. eigenes Wohl, 2. fremdes Wehe, 3. fremdes Wohl“, vermag uns 
die notwendige Beziehung zu der Frage der strafrechtlichen Verantwortlichkeit 
der Jugendlichen nicht zu geben. 

Ohne damit zu einer bestimmten Strafrechtstheorie Stellung 
nehmen zu wollen, erwies sich mir schliesslich als die wichtigste, für 
unser Ziel zweckmässigste Betrachtungsweise diejenige, welche die 
sozialethischen Gesinnungen und Kenntnisse, sowie das sozial¬ 
ethische Verständnis, wie es sich in den erhaltenen Antworten aus¬ 
spricht, zum Hauptwertmassstab macht. 

«) Die „SozialethiBchen“. 

Als sozialethisch im weitesten Sinne wurden alle die 
Aeusserungen rubriziert, in welchen die Befragten den zugemuteten 
Diebstahl zurückwiesen durch einen Hinweis auf die Unverletzlich¬ 
keit fremden Eigentums und die Schädigung des Betroffenen, ferner 
Aeusserungen von sozialem Gerechtigkeitsgefühl, Erwägungen des 
Mitleids, Einfühlung in die fremde Lage und Bedenken über die 
Störung der staatlichen Ordnung. Dagegen konnten die vereinzelt auf¬ 
tretenden Berufungen auf die eigene oder Familienehre und die oft 
imbestimmten oder phrasenhaften Hinweise darauf, „dass es verboten 
sei“, hier nicht systematisch oder wenigstens nicht im positiven Sinne 
dargestellt werden. 

Diese Unvollkommenheit musste ich mit in den Kauf nehmen; schon 
die Anzahl der Fälle würde für eine statistische Gruppierung und Ver¬ 
wertung nach diesen spezielleren Gesichtspunkten nicht ausreichend erschienen 
sein. Jedoch kommen auf indirektem Wege all die einzelnen be¬ 
sonderen Arten der Motivierung in der Kurve der „Beinen Egoisten“ zur 
Geltung und zum Ausdruck. — An seinem weit grösseren Material wird 
Dr. Schäfer späterhin versuchen, durch Aufstellung einer Art konzentrischer 
ethischer Kreise (persönliche, familiäre und soziale Bücksichten) meinem Vor¬ 
schläge entsprechend auch auf direktem Wege jene Motivierungen statistisch 
zu erfassen. 

Beispiele solcher s o z i a 1 e t h i s c h e n Ehrlichkeits¬ 
begründungen, von denen wir ja bei der Vorfrage schon ver¬ 
einzelte auftreten sahen, sind: 

Jahresalter: 17. Weil man jedem das Seine lassen soll. 

„ 16 3 /i- Weil es nicht mein Eigentum ist, weil es mir nicht gehört. 

„ 15 72 * Ist doch dem andern genommen. Wenn mir’s so ginge, 

wär’ mir’s auch nicht recht. 

„ 177 2 . Es könnte mir ja ebenso einmal gehen (weiblich). 

„ 17. Auch die Schädigung des Mitmenschen. 

„ 15. Es würde mir leid tun, dass jemand unschuldig in Ver¬ 

dacht käme. 


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Prüfung der sittlichen Reife jugendl. Angeklagter u. Reformvorschlftge zum § 66. 245 


Jahresalter: 14. Ich weiss, wie das ist, wenn man sein Geld verliert 

(weiblich). 

„ 16. Es würde mir leid tun, wenn der Mann kommt und findet 

das Geld nicht (weiblich). 

„ 16 V 4 . Ich würde mir denken, der Mann braucht sein Geld auch. 

„ 17. Weil andere Leute selbst nichts haben. 

„ 17. Es ist nicht schön, wenn man seinem Mitmenschen etwas 

entwendet (weiblich). 

Die Gesamtzahl derjenigen Jugendlichen, welche irgend ein 
sozialethisches Motiv neben der an erster Stelle stehenden und immer 
wieder durchbrechenden Furcht vor dem Ertapptwerden und Strafen 
vorzubringen vermochten, ist nicht gross. Obwohl ich dabei auch 
phrasenhafte Antworten, wie sie unsere einleitende Frage ausgelöst 
hatte, mit einbezogen habe, kamen doch nur auf 115 eingehend Be¬ 
fragte 38 solcher Sozialethischen, wie ich sie kurz nennen will. 

Das für unser Ziel Interessante und Wichtigste ist nun die 
relative Verteilung dieser höheren sittlichen Auffassung auf 
unsere vier Altersklassen. Bei genauer prozentualer Berechnung er¬ 
gab sich folgendes durch die in Strich-Punktform gezeichnete Kurve 
der Abbildung 1 dargestellte Bild. 

Abb. 1. 


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Zwischen 12 und 13 Jahren gehört, wie wir sehen, 
eine sozialethische Erwägung zu den grössten Seltenheiten. Es fand 
sich unter 17 dieser Gruppe nur ein einziger Sozialethischer. Hier 
hat demnach auch die Kurve mit 6‘/4°/o ihren tiefsten Punkt. 

' Zwischen 13 und 15 Jahren, im Konfirmationsalter, 
steigt der Anteil der Sozialethischen auf 20 °/ 0 > nämlich 7 unter 35 Be¬ 
fragten ; in der dritten Altersstufe erfolgt ein weiteres be¬ 
trächtliches Ansteigen auf 42°/ 0 > nämlich 13 unter 31 und schliess¬ 
lich in der höchsten Altersstufe von 167 a —18 Jahren, 
zeigten rund 52°/ 0 der Gruppe, also mehr als die Hälfte, 
nämlich 17 unter 33, sozialethische Motive, wiewohl sich auch in 
dieser Gruppe 5 Schwachsinnige und mancher Unintelligente befand. 

Eine speziellere Analyse dieser Statistik erscheint mir 
nicht angebracht. Es sei lediglich auf die wohl kaum zufällige Er¬ 
scheinung hingewiesen, dass bei den 18 weiblichen Prüf¬ 
lingen Mitleidsmotive und Einfühlung in die Situation des Be¬ 
stohlenen etwas häufiger und deutlicher zum Vorschein kamen. 

Was die Schwachsinnigen angeht, so waren sie ziemlich gleich¬ 
prozentig in den Altersgruppen verteilt und worden somit gleichmässig in 
das Gesamtresultat mit einbezogen; aber auch im einzelnen betrachtet, liess 
sich bei ihnen, soweit ihre Zahl ein sicheres Urteil zulässt, eine gewisse Ab¬ 
hängigkeit von der Höhe des Alters erkennen, und auch bei ihnen fehlten, 
wie wir ja schon in der Vorfrage sahen, keineswegs die sozialethischen Motive 
gänzlich. 

p) Die „reinen Egoisten“. 

Das krasse Gegenstück zu dem Bisherigen wird durch die ge¬ 
strichelte Kurve der Abbil düng 1 dargestellt. Sie gibt ein statistisches 
Bild von den egozentrischen oder reinen Egoisten, wie ich sie kurz 
nennen will. Hierzu habe ich diejenigen Jugendlichen gezählt, bei 
welchen die Befragung keinen anderen Beweggrund für künftige Ehr¬ 
lichkeit zu erwecken vermochte, als nackte Furcht vor Bestrafung 
und konkretem Schaden an der eigenen Person; bei denen also nicht 
nur jede sozialethische Erwägung fehlte, sondern bei denen auch 
religiöse Motive, Gedanken an die eigene oder Familienehre, Eltern¬ 
liebe, Gehorsams- oder Pflichtgefühl — alles Faktoren, die sonst 
noch neben den egoistischen im weiteren Sinne geltend gemacht 
werden — in keiner Weise zutage traten. Die Gesamtzahl dieser 
reinen Egoisten belief sich auf rund ein Viertel aller Prüflinge. 
Ihre relative Verteilung nach dem Alter kommt in der Kurve in sehr 
charakteristischer Weise zum Ausdruck. 

Wiewohl hier die intellektuelle Reife, die Gedankenbereitschaft 
und Abstraktionsfähigkeit nicht ganz ohne Einfluss auf das Er- 


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prüfung der sittlichen Beife jugendl. Angeklagter u. Reformvorschläge zum § 56. 247 


gebnis sein kann, so ist doch von vornherein zu bemerken, dass 
keineswegs alle oder lediglich die geistig Zurückgebliebenen unter 
diesen sittlich Unreifen rangieren, dass vielmehr in erster Linie und 
in unverkennbarer Weise die Altersstufe resp. die meist erst mit 
14 Jahren beginnende Betätigung im Erwerbsleben und damit 
die grössere oder geringere Lebenserfahrung das Kontingent zu 
den reinen Egoisten bestimmt. 

Im einzelnen ergibt sich, wie die Tabelle zeigt, dass tatsächlich 
bei weitem am stärksten die 12 — 13jährigen vertreten sind. 
Mehr als zwei Drittel von ihnen, genau 70%, nämlich 12 unter 17, 
vermochten lediglich eine solche rein egoistische Begründung vor¬ 
zubringen; freilich waren unter ihnen auch 3 Debile. 

Im Konfirmationsalter sinkt der Anteil der reinen Egoisten 
rasch herab, nämlich auf 27 %, hauptsächlich dadurch, dass hier, 
wie wir sehen werden, in starkem Masse religiöse Motivierungen 
hinzutreten und die Betreffenden somit nicht mehr der Rubrik der 
reinen Egoisten zugezählt werden dürfen. 

Nach dem 15. Lebensjahr verringert sich ihre Zahl noch 
mehr, obwohl hier der Anteil der religiösen Motive, wie wir sehen 
werden, keinen wesentlichen Einfluss mehr haben kann. Es finden 
sich nämlich unter den 31 Jugendlichen im Alter von 15—16 1 /, Jahren 
nur zwei solcher, die keine anderen als persönlich-egoistische Motive 
vorzubringen vermochten. Der letzte kleine Anstieg in der höchsten 
Altersklasse ist vielleicht zufällig bedingt oder es macht sich hier 
doch auch der Einfluss der 5 Schwachsinnigen dieser Altersgruppe 
geltend. 

An dieser Stelle müssen noch kurz die vier Fälle erwähnt werden, in 
welchen unsere vorwiegend rhetorisch gedachte Frage, ob der Diebstahl bei 
Sicherheit vor Entdeckung erlaubt oder ob der Prüfling in diesem Falle zu 
stehlen bereit sei, auffälligerweise bejaht wurde. Der erste hiervon war ein 
etwas infantiler, geistig ein wenig zurückgebliebener lSjähriger Knabe. Er 
antwortete treuherzig-unbefangen: „Ich würde es (nämlich die goldene Uhr) 
nehmen“; ferner eine geistig viel tiefer stehende 13%jährige Imbezille; sie 
antwortete: „Dann darf man’s“. Drittens ein 17 Vs jähriger Debiler aus schlecht 
beleumundeter Familie, der dreist lächelnd zugab, wieder zu stehlen, als ich ihm 
einen Fall mit Schutz vor Entdeckung vorstellte. 

Schliesslich noch ein eigenartiger 17 Vs jähriger Psychopath, ohne eigent¬ 
lichen Intelligenzdefekt, aus bürgerlichen Kreisen, schwer erziehbar, sexuell 
frühreif und von leichtsinnigem Lebenswandel. Er erklärte bei der Anführung 
eines konkreten Beispiels geradezu: „Wenn ich ehrlich sagen soll — ich 
würde es nehmen“ (nämlich das gefüllte Portemonnaie, welches hei den 
Kleidern eines in einen See hinausgeschwommenen Mannes liegen sollte) „nur 
um mir wieder einen vergnügten Tag zu verschaffen.“ Zu seiner Verteidigung 


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bestritt der Befragte die Berechtigung des Privateigentums und der gel¬ 
tenden Staatsgesetze überhaupt; er wies aber auch alle religiösen Motive von 
sich: „Da habe ich mich noch nie für begeistert". 

Eine solche anscheinend von missverstandenen sozialistischen Ideen gefärbte 
Anschauung ist übrigens sonst nirgends in den Antworten erkennbar oder kund¬ 
gegeben worden, wiewohl es sich bei den Prüflingen vorwiegend um Berliner 
Arbeiterkinder handelte. Freilich muss man demgegenüber streng im Auge 
behalten, dass die Sozialdemokratie „nie den individuellen Kampf gegen 
die Eigentumsgesetze predigen und üben will", wie das Kants ky in einem 
Brief „Sozialdemokratie und Gesetzlichkeit" ausgedrückt hat 1 ), 
und dass innerhalb der Familie ordentlicher sozialdemokratischer Ar¬ 
beiter die Ehrlichkeitshegriffe nicht minder streng festgehalten werden wie 
innerhalb ordentlicher bürgerlicher Familien. 

y) Religiöse Motivierungen. 

Die grosse Bedeutung, die man in vielen Kreisen dem Religions¬ 
unterricht für die Entwickelung der ethischen Gefühle zuerkennt, 
legte es nahe, noch speziell zu untersuchen, welche Rolle die reli¬ 
giösen Vorstellungen in den Aussagen unserer Prüflinge gespielt 
haben. Die meisten von ihnen, nämlich 101 Personen, gehörten der 
evangelischen Konfession an, 14 waren katholischer, 8 mosaischer, 
einer war unbekannter Konfession und einer freireligiös. 

Sie alle hatten, wie man wohl annehmen kann, in vieljährigem 
mühevollen Schulunterricht, meist auch noch im Konfirmandenunter¬ 
richt die üblichen Belehrungen über Inhalt und Bedeutung des 
7. Gebotes, über die Allgegenwart und Allwissenheit Gottes usw. 
empfangen. Man konnte daher erwarten, dass die groben Zumutungen 
des Stehlens, wie sie unsere Fragen enthielten, von diesem Gesichts¬ 
punkt aus ihre Zurückweisung erfahren würden, dass Gedanken- 
gänge etwa von der folgenden Art vielfach geweckt würden: 

„Ob es entdeckt wird oder nicht, Stehlen ist eine Sünde.“ „Ob ich 
sicher bin oder nicht, es ist von Gott verboten," oder „vor Gott kann nichts 
verborgen bleiben“ usw. 

Das tatsächliche Ergebnis in dieser Hinsicht war nun 
ebenso befremdend, wie der schon erwähnte analoge Befund bei 
unserer Vorfrage. Selbst bei den noch Schulpflichtigen zeigten sich 
nämlich derartige religiös gefärbte Erwägungen nur in seltenen 
Fällen, und es waren allgemein sowohl unter den Intelligenten wie 
Unintelligenten immer nur vereinzelte, denen einmal ein solcher Ab¬ 
lehnungsgrund gegen das zugemutete Stehlen in den Sinn kam. Bei¬ 
spiele dieser Art sind: 

*) Abgedruckt in der Yossischen Ztg. vom 9. Jan. 1912 abends. 


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Prüfung der sittlichen Beife jugendl. Angeklagter u. Reform Vorschläge zum § 56. 249 


Jahresalter: 14. „Das siebente Gebot.“ 

„ 12. „Es ist ja gestohlen und ist Sünde.“ 

„ 14. „Weil's der liebe Gott sieht.“ 

„ 14. „Gott ist ja überall und würde es sehen.“ 

„ 14. „Man würde sonst gegen die Gebote sündigen.“ 

„ 17. „Das bliebe trotzdem Diebstahl.“ 

Fassen wir alles zusammen, was an solchen religiösen Einwän¬ 
den gegen den Diebstahl zutage gefördert wurde, einschliesslich der 
teils schon früher erwähnten Antworten auf die Vorfrage, so erhalten 
wir im ganzen knapp 22 Religiösethische, wie wir sie kurz 
nennen wollen. Nach Altersstufen verteilt, bieten sie das durch die 
untere Kurve der Abbildung 2 dargestellte Bild. 


Abb. 2. 



Auch hier zeigen die 12 — 13j ährigen Schulkinder einen recht 
niedrigen Anteil, nämlich unter 17 nur 3, d. h. 17 1 /, %• 

Im Alter von 13 —15 Jahren erfolgt eine ausserordentliche 
Zunahme der Religiösethischen, und es ist wohl kaum zweifelhaft, 
dass darin die verschiedenen Einflüsse der Konfirmationszeit 
zum Ausdruck kommen. Der Anteil der Religiösen erreicht hier den 
höchsten Punkt der Kurve, nämlich 40 %, 14 unter 35. Wie weit 
indessen diesem Aufstieg eine wirkliche Vertiefung der religiösen Ge¬ 
fühle zugrunde liegt, wie weit es nur Ausdruck einer durch den 


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Konfirmandenunterricht konstellativ erzeugten grösseren Ideen¬ 
bereitschaft ist, vermag ich nicht zu entscheiden. 

Jedenfalls erfolgt nach Wegfall dieser Faktoren schon in der 
nächsten Jahresgruppe ein tiefes Absinken der Anzahl der reli¬ 
giösen Motivierungen, nämlich auf 137 a 0 /o (4 unter 30), und es bleibt 
dieser Tiefstand, wie man sieht, weiterhin bestehen und nimmt bis 
zum 18. Lebensjahr sogar noch einen etwas höheren Grad an. Es 
sind in der letzten Altersstufe nämlich nur 4 unter 33, d. h. 

12 °/ 0 Religiösethische. 

9. Die Rolle der religiösen Autoritäten. 

Wie wenig sich die religiösen Kenntnisse und Vorstellungen der 
Kinder mit Situationen des praktischen Lebens innerlich verknüpft 
haben, wie wenig tief sie in ihrem Gefühlsleben verankert waren, 
das bestätigten unsere Angeklagten noch besonders durch ihr Ver¬ 
halten gegenüber der letzten hier zu besprechenden Prüfungsfrage: 
„Wer hat das Stehlen verboten?, der Frage nach dem Autor 
des Verbotes. 

Alle möglichen und unmöglichen Autoritäten, vom Schutzmann 
bis zum Polizeipräsidenten, vom beliebten Magistrat bis zum Reichs¬ 
tag und Abgeordnetenhaus, vom Lehrer bis zum Kaiser, Mutter 
und Vater liegen meist dem Ideenkreis der Jugendlichen näher, als 
die Autorität Gottes und anderer religiöser Instanzen. Unter 
den 94 Jugendlichen, an welche ich diese Ergänzungsfrage richtete, 
war es nahezu bei der Hälfte entweder gar nicht oder erst durch 
eindringlichen Hinweis auf Schul- und Religionsunterricht möglich, 
eine Erinnerung an die Gebote, an Gott, Jesus, Moses, Luther usw. 
auszulösen. 

Gruppieren wir auch hier wieder diejenigen, welche eine 
religiöse Autorität anerkannten oder sich wenigstens ihrer erinnerten, 
in Jahresgruppen, so erhalten wir die obere, gestrichelte Ver¬ 
teilungskurve der Abbildung 2. Sie weist, wie man sieht, quantitativ 
etwas höhere Werte auf wie die Kurve der religiösen Motivierungen, 
hat aber bis auf den letzten Teil den gleichen Rhythmus. 

Der jüngste Jahrgang hat auch hier einen relativ niedrigen 
prozentualen Anteil, nämlich 33%. 5 unter 15; im Konfirmations¬ 
alter erfolgt auch hierein gewaltiger Anstieg auf 65 °/ 0 » 17 von 26, 
und in der folgenden Altersklasse ein Absinken bis auf 48 %> 

13 von 27. Die letzte Altersstufe zeigt abweichend wieder einen 
kleinen Anstieg auf 61 1 / 1 °/ 0 , 16 von 26. Die Erklärung dafür suche 
ich darin, dass diese etwas älteren Personen leichter erfassten, wohin 
mein wiederholtes Fragen nach dem Urheber des Gebotes abzielte. 


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Prüfung der sittlichen Reife jugendl. Angeklagter u. Reform Vorschläge zum §56. 251 


Also ihrer grössern Weltklugheit dürfte diese Mehrleistung zu¬ 
zuschreiben sein, sofern sie nicht etwa Zufall ist. 

10 . Irreligiosität und Straffälligkeit. 

Eine Schlussfolgerung aus dem auffälligen Ergebnis in den Re¬ 
ligionsfragen liegt zu nahe, als dass ich abbrechen könnte, ohne ihr 
mit einigen Worten entgegengetreten zu sein: Gerade die Leser 
nämlich, welche nach bester Ueberzeugung der Religion einen hohen 
sittlich-erzieherischen Wert zuschreiben, werden sich des 
Gedankens nicht erwehren können, dass die konstatierte Mangel¬ 
haftigkeit im religiösen Wissen und Fühlen charakteristisch ist 
für das wurmstichige Material meiner Versuche, dass der 
festgestellte religiöse Defekt Symptom und zugleich Ursache des 
frühen moralischen Schiffbruchs unserer Angeklagten war. 

Es hegt mir fern, die viel schwerer wiegenden allgemeineren 
sozialen Ursachen hier entgegenzustellen, welche in so hohem Masse 
ein Straffälligwerden der Jugendlichen aus den ärmeren Volksklassen, 
besonders in der Grossstadt, begünstigen; ebensowenig will ich hier 
auf die Gründe eingehen, aus welchen so häufig wegen ganz unbe¬ 
deutender, nicht unehrenhafter Angelegenheiten die Anklage gegen 
Jugendliche erhoben wird und nach geltendem Recht erhoben wer¬ 
den muss. Ich begnüge mich mit einigen Belegen dafür, dass jene 
tadelnde Schlussfolgerung schon vom speziell psychologischen 
Standpunkt aus nicht aufrecht erhalten werden kann: 

In meiner populären Darstellung in den „Grenzboten“ hatte ich 
bereits einen solchen Faktor erwähnt, der zweifellos für die mangel¬ 
hafte Bereitschaft und den geringen Vorrat an religiösen Gedanken 
mitverantwortlich gemacht werden muss, nämlich die auf Lob sie n, 
W. Stern u. a. zurückgehenden Feststellungen, dass gerade der 
Religionsunterricht in seiner bisherigen Form eines der am wenigsten 
beliebten Fächer bei den Schülern ist. Es ist einleuchtend, dass mit 
dem Fehlen eines stärkeren Interesses *) auch die tiefere Verankerung 
des Gelernten im Gemüt ausbleibt und damit eine Vorbedingung für 
seine spätere praktische Wirksamkeit fortfällt. Auch die auffälligen 
Resultate, die der Stadtvikar Em 1 ein “) erhielt, als er seine Kon¬ 
firmanden am Schlüsse nach dem Werte der Religion fragte, Resul¬ 
tate, die er als „wahrhaft erschreckend“ bezeichnen musste, wurden 

*) Es sei nur an die bekannte autobiographische Schilderung im „Grünen Heinrich“ 
von Gottfried Keller im 9. Kap. des 1. Bandes erinnert. Vgl. auch die Be¬ 
merkungen T. Hopfners in seiner Schrift „Die Psyche des Kindes und der Gottes¬ 
begriff“. Zeitschr. f. Religionspsychol., Bd. 3, Heft 10. 

*) R. E ml ein, Vom Kinderglauben. Ztschr. f. Religionspsychol., herausg. von 
J. Bresler, Bd. 5, Heft 5, S. 141 ff., 1911. 


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bereits in der erwähnten Schrift eingehender im gleichen Sinne von 
mir herangezogen. 

Hier will ich noch das Zeugnis von Gizycki hinzufügen dafür, 
dass die von uns gefundene scheinbare Irreligiosität keineswegs als 
ein Stigma unserer straffälligen Jugendlichen gelten kann. In der 
erwähnten, von ihm angestellten Aufsatzprüfung hatten sich von den 
69 beteiligten Mädchen im Alter von 13—14 Jahren 40 für Rück¬ 
gabe des gefundenen Geldes, 29 für Nichtrückgabe entschieden. „Da 
die Kinder,“ fährt er wörtlich fort, „an dem Religionsunterricht der 
Schule teilgenommen hatten und ihrem Alter entsprechend zu der 
Zeit meistens den Konfirmandenunterricht besuchten, so durfte man 
wohl zunächst auf die Wirksamkeit der theologischen Sanktion 
rechnen und etwa einen Hinweis auf die Allgegenwart Gottes und 
seinen Zorn über die Verletzung des 7. Gebotes erwarten. Auf¬ 
fallenderweise findet sich jedoch von religiösen Motiven in keinem 
der 40 Aufsätze eine bestimmte Erwähnung.“ 

Wenn Gizycki hinzufügt, dass bei anderen besser bekannten 
Fällen von Verletzung fremden Eigentums die religiösen Ideen¬ 
verbindungen sicher geweckt worden wären, so lag dieser optimi¬ 
stische Glaube dem Menschenfreund und Schulinspektor wohl nahe, 
wird aber den Fernerstehenden wohl schwerlich überzeugen. 

Schliesslich muss noch zum Verständnis der Gesamtleistungen 
der Jugendlichen die Tatsache angeführt werden, dass der in den 
Schuljahren erworbene Schatz von Kenntnissen aller Art nach dem 
Eintritt der Kinder ins Erwerbsleben allgemein rapid zu schwinden 
pflegt. Diese auch durch die Untersuchungen an Rekruten wieder¬ 
holt bestätigte Erscheinung, dieKerschensteiner in dem bitteren 
Wort zum Ausdruck gebracht hat: „Die mit Wissensstoffen schön pati- 
nierten 13jährigen Kinderköpfe erscheinen bei der Revision am Ende 
des 16. Lebensjahres wie blank polierte hohle Kupferkessel“ *), muss 
natürlich auch für die Leistungen unserer jugendlichen Angeklagten 
in den religiösen Fragen entschuldigend in Betracht gezogen werden. 

11. Zusammenfassung. 

Wenn ich zusammenfassend das leitende Prinzip meiner Ver¬ 
suche nochmals darlege, so scheint mir vor allem folgender Hinweis 
erforderlich: Es lag mir fern, aus den durch die eingehende Be¬ 
fragung erhaltenen, mehr oder weniger ethischen Motivierungen etwa 
einen Schluss auf das künftige Verhalten der untersuchten An- 

*) Kerschensteiner in seinen „Grundfragen der Schulorganisation“, zitiert 
nach Wetekamp: „Selbstbetätigung und Schaffensfreude“, 1912, S. 1. 


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Prüfung der sittlichen Reife jngendl. Angeklagter u. Reform Vorschläge znm § 56. 253 


geklagten ziehen zu wollen; denn auch gesetzt, dass die schönen 
Aussagen ihrer wirklichen oder mindestens momentanen Ueberzeugung 
entsprächen, so widerfährt es doch selbst dem Erwachsenen oft genug, 
dass er sich über das Mass seiner sittlichen Kräfte sozusagen in der 
Theorie täuscht; wievielmehr dem vom sinnlichen Eindruck und den 
Impulsen des Augenblicks weit stärker abhängigen Jugendlichen! 
Das Wort von dem Weg zur Hölle, der mit guten Vorsätzen ge¬ 
pflastert ist, gilt für ihn ja noch mehr als für den durch Erfahrungen 
stärker gehemmten Erwachsenen! 

Das Ziel meiner Forschung konnte — bei der Unmöglichkeit 
direkter Experimente auf diesem Gebiet — nur von folgender 
Argumentation bestimmt sein: Es galt, zunächst einmal festzustellen, 
was und wieviel an mehr oder weniger ethischen und besonders 
sozialethischen Motiven bei den Jugendlichen in verschiedenen 
Altersstufen unter günstigsten Fragebedingungen, bei grösstmöglich- 
ster Anspannung der Befragten zutage gefördert wird, also den 
Besitzstand von Vorstellungen und Kenntnissen und das Verständnis 
auf einem bestimmten ethischen Gebiete so vollständig als möglich 
aufzunehmen und in Beziehung zur Altersstufe zu setzen. Was wir 
auf diesem Wege erhalten haben, ist gewissermassen ein theoreti¬ 
sches Maximum der in jeder Altersklasse auf diesem Gebiete vor¬ 
handenen moralischen Vorstellungen. 

Wenn nun auch geringe theoretische Leistungen im Einzel¬ 
fall nicht prinzipiell ausschliessen, dass in praxi gleichwohl ein sitt¬ 
liches Verhalten gefühlsmässig statthaben kann, so muss doch die 
von uns festgestellte Höhe des ethischen resp. des sozialethischen 
Verständnisses durchaus massgebend sein für die Frage der „sitt¬ 
lichen Reife“ der Geprüften für ihre „Fähigkeit, das Ungesetzliche 
ihrer Tat einzusehen oder ihren Willen dieser Einsicht gemäss zu be¬ 
stimmen.“ 

Die von uns für jede der vier Altersstufen festgestellten Durch¬ 
schnittsleistungen bewegten sich nun, wie wir sahen, in sehr ver¬ 
schiedenen Höhenlagen, und zwar zeigten sie sich in sehr starker, 
ganz gesetzmässiger Abhängigkeit von dem Lebensalter resp. von 
der damit verknüpften Lebenserfahrung. Es ergab sich aber 
weiterhin, dass in den unteren Altersklassen der Jugendlichen 
trotz der günstigen Versuchsbedingungen auch bei gut entwickelter 
Intelligenz das ethische und speziell sozialethische Verständnis durch¬ 
schnittlich viel zu wenig entwickelt ist, um von ihnen, wie von den 
Erwachsenen im Prinzip voraussetzen und fordern zu dürfen, dass 
sie die zur Innehaltung der Gesetze erforderliche Widerstandskraft 
haben könnten oder die „Fähigkeit zu sozialem Verhalten“ bereits 


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Referate. 


besässen (vgl. S. 249); mit anderen Worten: in den unteren 
Jahresklassen der Jugendlichen sind die allgemeinen 
theoretischen Voraussetzungen der strafrechtlichen Zu¬ 
rechnungsfähigkeit oder Verantwortlichkeit normaliter 
noch nicht gegeben. 

Ob die hieraus sich ergebende Grenzlinie für die absolute 
Strafunmündigkeit an das Ende des 14. oder eines noch höheren 
Lebensjahres zu setzen sei, wage ich nicht zu entscheiden. Dagegen 
halte ich nach meinen Ergebnissen die Wiedereinführung der 
relativen Strafunmündigkeit für die über 14 Jahre alten 
Jugendlichen und die obligatorische Mitberücksichtigung 
des sittlichen Reifegrads der Straffälligen, wie sie die II. Straf¬ 
rechtskommission im Gegensatz zum Vorentwurf beschlossen hat, für 
durchaus berechtigt und notwendig. 

Sollen nun aber diese neuen Beschlüsse, wenn sie in hoffentlich 
nicht allzu ferner Zeit Gesetzeskraft erlangen, eine erfolgreiche An¬ 
wendung im Gerichtssaale finden, so bedarf es auf psychologi¬ 
scher, pädagogischer, ärztlicher und besonders auch richterlicher Seite 
noch der eingehendsten Erforschung nicht nur des Verstandes-, son¬ 
dern auch des Gemüts- und Willenslebens des Jugendalters 
ganz allgemein 1 ). 

Referate. 

Albert Moll» Handbuch der Sexualwissenschaften« Mit besonderer 
Berücksichtigung der kulturgeschichtlichen Beziehungen 
unter Mitwirkung von Dr. med. etphil. G. Buschan in Stettin, 
Havelock Ellis in West-Drayton (Middlesex), Professor 
Dr. Seved Bibbing in Lund, Dr. E. Weissenberg in Berlin 
und Professor Dr. K. Zieler in Würzburg herausgegeben. Leipzig, 
Verlag von P. C. W. Vogel. 1912. 1029 S. 

Ein umfangreicher Band von 1029 Seiten mit 418 Abbildungen und 
11 Tafeln liegt vor, und der Kritiker fragt sich, weil ja ein gewisses nörgelndes 
Misstrauen zu seinen Berufseigentümlichkeiten gehört: War es nötig, ein der¬ 
artiges Werk zu verfassen? Entspricht dasselbe bei der gegenwärtigen Hoch¬ 
flut der Sexualliteratur einem Bedürfnis? 

Vertieft man sich in seinen Inhalt, so wird einem immer klarer: Ja, jetzt 
war es notwendiger denn je, all die schwebenden Probleme auf dem Gebiete des 
Sexuallebens in erklärender und kritisierender Weise zusammenzufassen und so 
dem Fernerstehenden, dem Nichtspezialisten eine Fundgrube des Wissenswerten 
zu geben. Das Buch ist in erster Beihe für den Mediziner bestimmt. Es soll 

*) Ich unterlasse nicht, hier die freundliche Unterstützung dankbar zu würdigen, 
die mir die Herren Prof. Dr. jur. R&dbruch, Dr. jur. Th. Sternberg, Fräulein 
Dr. jur. Westerkamp, Dr. phil. 0. Lipmann, sowie mein Bruder Dr. phil. Heinr. 
Levy durch Auskünfte und Beratung zuteil werden Hessen. 


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Referate. 


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aber, wie das Vorwort ausdrücklich sagt, Angehörigen anderer Berufsarten nicht 
verschlossen sein and namentlich kann Juristen, Soziologen und Erziehern, ins¬ 
besondere berufsmässigen Pädagogen sein Studium empfohlen werden. 

Fragen wir uns, wie das stolze Programm, welches die Titelbezeichnung 
in sich begreift, erfüllt ist, so kann die Anwort nur rückhaltlos anerkennend 
lauten. Gewiss nehmen die kulturgeschichtlichen Abteilungen, worauf ausdrück¬ 
lich im Titel hingewiesen ist, einen breiten Baum ein, aber auch die anderen 
Teile sind erschöpfend. Sie geben meist in kurzer, knapper und klarer Weise 
das Wichtige und insbesondere den gegenwärtigen, neuesten Standpunkt der 
Lehre in den einzelnen Wissensgebieten wieder. In den schwebenden Fragen 
vertritt jeder der Verfasser in erster Beihe seine persönliche TJeberzeugung. So 
z. B. trägt der Inhalt des zehnten und elften Hauptabschnitts: Die sexuelle 
Ethik, die sexuelle Aufklärung, Pädagogik und Erziehung in seinen Forderungen 
ganz die markanten Züge seines von manchen Forschern als zu einseitig be¬ 
kämpften Verfassers Seved Bibbing. Das ist aber kein Mangel, sondern 
eher ein Vorteil, zumal jeder der Verfasser dem wissenschaftlichen Gegner Ge¬ 
rechtigkeit zollt, dessen Anschauungen anführt, sie in ruhiger Weise kritisiert 
und auch die notwendigen Literaturhinweise gibt. Besonders gut gefällt mir in 
dieser Beziehung die Art, wie sich Moll zur Freudschen Lehre stellt. Er lehnt 
dieselbe grundsätzlich ab, er bestreitet den Wert der Hervorhebung des Sexuellen, 
für die Erforschung krankhafter Gemütszustände, aber er betont, dass sie in 
geistvoller Weise Fruchtbares geleistet hat durch ihren Hinweis auf die Wichtig¬ 
keit unterbewusster und unbewusster Vorgänge bei der seelischen Analyse. Was 
die Literatur anbetrifft, so wird im Vorwort darauf hingewiesen, dass sie nicht 
erschöpfend sein kann, sie ist aber besonders reichhaltig und vielseitig. Man 
sieht, dass das Werk zum Teil von Forschern verfasst ist, welche die Klärung 
sexueller Probleme zu ihrer Hauptlebensarbeit gemacht haben, die daher nicht 
nur den Denkstoff, sondern auch den diesbezüglichen Lesestoff aufs eingehendste 
beherrschen. So hat man den Eindruck, dass die Erwähnung einzelner Kamen 
und Anschauungen mühelos aus der Erinnerung hervorgeholt wird und nicht 
etwa erst zu dem vorliegenden Zweck aus Bibliotheken zusammengeholt ist. Dem 
Herausgeber insbesondere kommt auch sein bekannter Sammlerfleiss zugute, 
welcher seine Privatbibliothek zu einer der reichhaltigsten auf dem vorliegenden 
Gebiete gemacht hat. Dies zeigt sich besonders in dem Abschnitt über die 
Erotik in der Literatur, welcher in grossen Zügen eine solche Fülle von Werken 
und Kamen anführt und kulturhistorisch gruppiert, dass ich der TJeberzeugung 
bin, dass er seinen Lesern etwas bietet, was dieselben nirgendwo anders 
finden können. 

In den Abbildungen, welche die Beziehungen der Erotik zur Kunst dar¬ 
stellen, hängt es wohl auch mit diesem Sammlerfleiss zusammen, wenn die 
Kuriositäten, welche zum Teil wohl seltenere Kebensächlichkeiten und nicht das 
für die Zeitepoche allgemein Charakteristische darstellen, etwas überwiegen. 

Keben der klaren, erschöpfenden und lehrreichen Art der einzelnen Aus¬ 
arbeitungen erhöht die geschickte Einteilung und die Übersichtliche Zusammen¬ 
stellung der einzelnen Kapitel den Wert des Buches. Dasselbe beginnt mit der 


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Referate. 


Schilderung der körperlichen Eigenschaften des Geschlechts und der Geschlechts¬ 
organe, des Problems der Befruchtung und der Umstände, welche zur Ver¬ 
wischung des körperlichen Geschlechtscharakters führen. Dann folgen die 
Psychologie des normalen Geschlechtstriebs, das Sexuelle in der Völkerkunde, die 
sozialen Formen der sexuellen Beziehungen, ferner die Beziehungen des Sexuellen 
zur Kultur mit besonderer Berücksichtigung der Literatur und Kunst. Es 
schliessen sich an die Funktionsstörungen im Sexualleben und die Geschlechts¬ 
krankheiten. Es folgt die sexuelle Hygiene und den Schluss bilden die schon 
erwähnten Themate, welche Bibbing bearbeitet hat. 

Die Klippen, welche ein Sammelwerk mehrerer Verfasser bietet, hat der 
Herausgeber vorsichtig umgangen. Wiederholungen kommen fast nie vor. Die 
Einzelkapitel sind sichtlich nach besonders sorgfältiger Durcharbeitung an¬ 
einandergefügt. 

Die Ausstattung des Buohea ist eine vortreffliche, die Bilder sind deutlich, 
einige, namentlich die mikroskopischen, sind mit höchster Feinheit ausgeführt. 
Der Druck ist angenehm, die Abgrenzung der Hauptabschnitte und Absätze 
übersichtlich. 

Zum Schluss seien einige Wünsche für eine neue Auflage gestattet. Da 
das Buch nicht ausschliesslich für Mediziner bestimmt ist, wäre es erwünscht, 
wenn in einigen Kapiteln der überflüssige Gebrauch medizinisch-technischer 
Fremdwörter eingeschränkt würde. Wer sich mit Sachverständigentätigkeit be¬ 
schäftigt, der weiss, wie umfangreiche Verdeutschungen derartiger Ausdrücke 
man vornehmen kann, ohne dass man der Wissenschaftlichkeit schadet, während 
man die Verständlichkeit fördert. 

Ferner wäre neben dem Sachregister ein Namenregister erwünscht und 
endlich verdienen die Beziehungen des Sexuallebens zum Erwerbsleben in unserer 
Zeit der sozialen Gesetzgebung ein eigenes Kapitel. 

Arthur Leppmann. 


Verschiedenes. 

In der Psychologischen Gesellschaft zu Berlin sind für das Wintersemester 
1912/18 u. a. folgende Vorträge in Aussicht genommen: Dr. Albert Moll: Physio¬ 
logisches und Psychologisches über Liebe und Freundschaft. Dr. R. Hennig: Zur 
Psychologie des Seelenwanderungsglaubens. Frau Eduard v. Hartmann: Ueber die 
Psychologie Eduard v. Hartmanns. Dr. W. Neu mann: Psychologisches vom Schach¬ 
spiel. Dr. Georg Flatau: Zur Psychologie des Schamgefühls. Professor Dr. Max 
Dessoir: Bericht über die in der Psychologischen Gesellschaft vorgenommenen Ver¬ 
suche zur Aussagepsychologie. Oberarzt Dr. Gallus: Negativistische Erscheinungen 
bei Kindern, gesunden Erwachsenen und Geisteskranken. Robert Hahn: Das Ver¬ 
hältnis der experimentellen Psychologie zur Pädagogik. Dr. Bernhard Berliner: 
Ueber den Einfluss von Klima, Wetter und Jahreszeit auf das Seelenleben des Men¬ 
schen. Dr. Rudolf Foerster: Das Geschlechtsleben bei nervösen und psychischen 
Störungen. Eduard Fuchs: Die Beziehungen der Erotik zur Psychologie des Zeit¬ 
charakters. Eventuell sind noch mehrere Vorträge in Aussicht genommen, und zwar 
von Dr. Löwenstein: Ueber Sittlichkeitsverbrechen nach geltendem und künftigem 
Recht, 2. Teil. Major: Charakterfehler und Geisteskrankheit; sowie von Frisch¬ 
eisen-Köhler über ein noch zu bestimmendes Thema. 

Alle Anfragen sind an Herrn Dr. Albert Moll, Berlin W 15, Kurfürsten¬ 
damm 46, zu richten. 


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Physiologisches und Psychologisches über Liebe und 

Freundschaft 1 ). 

Von Dr. Albert Moll in Berlin. 

In zahllosen Arbeiten ist die Liebe, in vielen die Freundschaft 
Gegenstand der Darstellung gewesen. Hochgestellt wurde die Freund¬ 
schaft im Altertum bei den Juden, ebenso bei Christus und den 
Aposteln, früher besonders bei den Griechen. Aus der römischen 
Literatur nenne ich nur Ciceros Laelius, später trat die Literatur 
über die Freundschaft in den Hintergrund, bis Montaigne, der 
selbst das innigste Freundschaftsgefühl für seinen früh verstorbenen 
Boötie kennen gelernt hatte, ihr eine Abhandlung widmete. 

Gleichen-Rußwurm*) meint, Montaigne habe den Freund¬ 
schaftsenthusiasmus des Altertums wieder erweckt, als die mittel¬ 
alterliche Minne niedergegangen war. Auch andere Franzosen haben 
später das Freundschaftsproblem gern behandelt. Die 1826 von 
Stäudlin herausgegebene Arbeit 3 ) brachte eine geschichtliche Dar¬ 
stellung des Themas. In neuerer Zeit ist das schon erwähnte Werk 
von Gleichen-Rußwurm über die Freundschaft erschienen. Auch 
die vielen Abhandlungen über Homosexualität bringen manches über 
die Freundschaft. Mit diesen wenigen Literaturangaben sollen nur 
gewisse Etappen in der Bearbeitung des Problems angedeutet, nicht 
auch nur im geringsten eine Vollständigkeit erzielt werden. 

Nahe lag es natürlich, bei Gelegenheit solcher literarischen 
Arbeiten auch das Verhältnis der Liebe zur Freundschaft zu besprechen. 
Ist doch beiden eine überaus enge Beziehung zwischen zwei Personen 
gemeinsam und sind doch bei beiden mitunter die feinsten Seelen¬ 
regungen vorhanden, aber es gibt nicht wenige Fälle, wo die Ab¬ 
grenzung beider Gefühle solche Schwierigkeiten bietet, dass man 
kaum sagen kann, ob Liebe, ob Freundschaft vorliegt. Die Schwierig¬ 
keiten werden sofort klar, wenn ich an die so oft gestellte Frage 
erinnere, ob zwischen Mann und Weib Freundschaft möglich sei, 
wenn ich an den Streit erinnere, der lange genug geherrscht hat, 

') Vortrag, gehalten in der Psychologischen Gesellschaft zu Berlin am 
17. Oktober 1912. 

*) Alexander von Gleichen-Rußwurm, Freundschaft, eine psychologische 
Forschungsreise. Stuttgart 1911. 

*) Geschichte der Vorstellungen und Lehren von der Freundschaft. Han¬ 
nover 182b. 

Zeitschrift für Psychotherapie. V. 17 


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heute aber wohl zum grossen Teil entschieden ist, ob, was die 
Griechen Päderastie nannten, zur Freundschaft gehört oder zur gleich¬ 
geschlechtlichen Liebe. 

Die eben erwähnten Probleme, das der Freundschaft zwischen 
Mann und Weib und das der griechischen Päderastie, lassen schon 
erkennen, dass wir an sich geneigt sind, bei der Entscheidung, ob 
Liebe oder Freundschaft vorliegt, zunächst zu fragen, ob es sich 
um Personen desselben oder um solche verschiedenen Geschlechts 
handelt. 

Mit vollem Recht sind wir eher geneigt, bei verschiedenem 
Geschlecht Liebesempfindungen, bei demselben Geschlecht Freund¬ 
schaftsgefühl anzunehmen. Aber die Verschiedenheit des Geschlechts 
genügt nicht. Ich erwähne hier einen der grössten Künstler, Michel¬ 
angelo, der oft zu Erörterungen über Liebe und Freundschaft Ver¬ 
anlassung gegeben hat. Er wird mit Recht zu den Homosexuellen 
gerechnet. Um ihn vor dem Verdacht zu schützen, wird mitunter 
angeführt, dass er ein Liebesverhältnis mit derVittoria Colonna 
gehabt hat. Aber nirgends konnte ich eine Tatsache finden, die zur 
Annahme berechtigen würde, dass erotische Gefühle bei seinen Be¬ 
ziehungen zur Vittoria Colonna Vorgelegen hätten. Sie war für 
ihn stets die Fürstin, allenfalls die kunstverständige Freundin. Manche, 
z. B. Condivi 1 ), suchten dieses Freundschaftsverhältnis als eine 
Liebesleidenschaft zu deuten, aber keinerlei Beweise sind dafür er¬ 
bracht worden. Einer der besten Kenner der Renaissance, Walter 
Pater*), glaubt ebenfalls nicht an ein Liebesverhältnis. Der Künstler 
hatte die Fürstin, als er 63 Jahre alt war, gesehen. Das vertrautere 
Verhältnis der beiden begann erst um das Jahr 1542, als Michel¬ 
angelo nahe an 70 war. Die Beziehungen beider zeigten gewiss 
etwas hohes Seelisches, aber nichts, was an Liebe auch nur im ent¬ 
ferntesten erinnert. Um den scheinbaren Widerspruch, dass ein 
Mann mit einer Frau eng befreundet sein kann, zu widerlegen, hat 
man gewaltsame Deutungen versucht, z. B. einen Teil der an Männer 
gerichteten Liebesbriefe Michelangelos dadurch erklären wollen, 
dass man meinte, sie seien an die Vittoria Colonna gerichtet 
gewesen und die Männer seien nur als Mittelspersonen aufzufassen. 
Aber wie gekünstelt muss eine solche Erklärung erscheinen. 

Aehnlich wie mit den Briefen liegt es auch mit den Gedichten, 
wiewohl einige auch an bestimmte weibliche Personen gerichtet 
waren. Man lese aber nur das folgende Gedicht, das der schon 

*) Vergl. Numa Praetorius, Michelangelos Urningtum. Jahrbuch für 
sexuelle Zwischenstufen, 2. Jahrgang Leipzig 1900. S. 256. 

*) Die Renaissance, Studien in Kunst und Poesie, Leipzig 1902, 8. 116. 


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Physiologisches and Psychologisches über Liebe and Freundschaft. 259 


alte Michelangelo an den jungen Cavalieri gerichtet hat. Mag 
auch keine sinnliche Liebe daraus sprechen, mit dem Begriff der 
Freundschaft deckt es sich nicht. 

„Ich sehe sanftes Licht mit deinen Blicken, 

Mit meinen eignen Angen bin ich blind, 

Mit dir im gleichen Schritte wandelnd, sind 
Leicht mir die Lasten, die mich sonst erdrücken. 

Von deinen Schwingen mit emporgetragen 
Flieg’ ich mit dir hinauf zam Himmel ewig, 

Wie da es willst: kühn oder zitternd leb’ ich, 

Kalt in der Sonne, warm in Wintertagen. 

In deinem Willen ruht allein der meine, 

Dein Herz, wo die Gedanken mir entstehn, 

Dein Geist, in dem der Worte Quell sich findet: 

So kommt’s, dass ich dem Monde gleich erscheine, 

Den wir soweit am Himmel nur ersehn, 

Als ihn der Sonne Feuerstrahl entzündet. 

Sehen wirschon bei Michelangelo, dass die Verschiedenheit 
des Geschlechts nicht ohne weiteres gegen ein Freundschaftsverhältnis 
spricht, so zeigt uns die reiche Erfahrung auf dem Gebiete der Homo¬ 
sexualität, dass die Gleichartigkeit des Geschlechts auch nicht gegen 
die Liebe spricht. 

Einzelne suchen diesem Dilemma dadurch zu entgehen, dass sie 
die Liebe von der Freundschaft nicht trennen, dass sie Liebe und 
Freundschaft möglichst identifizieren. Dies hat z. B. Benedikt Fried- 
laender 1 ) getan, der die gleichgeschlechtliche Liebe mit der physio¬ 
logischen Freundschaft identifiziert und darin einen persönlichen an¬ 
geborenen spezifischen Affekt sui generis sieht. Und doch kann es 
keinem Zweifel unterliegen, dass Liebe und Freundschaft ganz ver¬ 
schiedene Erscheinungen sind. Physiologisch und psychologisch 
lassen sie sich auseinanderhalten. Dass es Uebergänge gibt, auch 
Fälle, wo im konkreten Fall die Diagnose nicht gestellt werden kann, 
widerlegt nicht die Tatsache der Verschiedenheit. Friedländer 
sucht über die Schwierigkeit, die sich aus dem sexuellen Verkehr 
bei der Liebe ergibt, dadurch hinwegzukommen, dass er meint, ob 
sich ein Geschlechtsakt anschliesst oder nicht, sei eigentlich ganz 
nebensächlich. Dies ist insofern falsch, als der Geschlechtsakt zwar 


’) Die physiologische Freundschaft als normaler Grandtrieb der Menschen 
and als Grnndlage der Sozialist in: Die Liebe des Plato im Lichte der modernen 
Biologie. Treptow bei Berlin 1909. 


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etwas Aeusserliche8 ist, aber der Drang dazu und die Empfindungen, 
die bei ihm eintreten, etwas rein Subjektives und ein integrierender 
Bestandteil des Seelenlebens des Liebenden sind. 

Auch die Gehirnfunktionen müssen bei Liebe und Freundschaft 
verschieden sein. Denn, da vom Gehirn die Reize ausgehen, die 
den Geschlechtsakt möglich machen, Reize, die durch das Rücken¬ 
mark auf bestimmte periphere Teile übergeleitet werden, und dies 
nur bei der Liebe vorkommt, nicht bei der Freundschaft, so ist es 
unzweifelhaft, dass auch physiologisch beide voneinander ab¬ 
gegrenzt werden müssen. Wir nehmen an, dass in gewissen Ganglien¬ 
zellen des Gehirns gewisse Vorstellungen lokalisiert sind. Nehmen 
wir etwa an, dass bei einem normalen Manne in der Zellengruppe m 
die Vorstellung des Mannes, in der Zellengruppe w die des Weibes 
lokalisiert sei, so entladen sich von w periphere Reize durch die 
Gehirnbahnen, vielleicht auch noch durch andere Gehirnzellen und 
das Rückenmark. Sie wirken auf bestimmte Stellen des Rücken¬ 
marks, die zu den bekannten Veränderungen in den Genitalorganen 
führen. Da diese gleichen Reize von der Zellengruppe m nicht aus¬ 
gehen, muss der Vorgang in m und w durchaus verschieden sein, 
d. h. was wir als Freundschaft ansehen, hat einen anderen physio¬ 
logischen Hintergrund schon im Gehirn als das, was wir als Liebe 
betrachten, wenn wir auch nicht wissen, welcher Art die Reize sind, 
die bei der Liebe in den Ganglienzellen auftreten. 

Die Liebe beruht auf dem Geschlechtstriebe, und wenn sie 
diesem gegenüber auch etwas ausserordentlich Verfeinertes darstellt, 
so kommt man doch nicht darüber hinweg, dass zwei einander 
liebende Personen mit wenigen Ausnahmen sich zum Geschlechtsakte 
gedrängt fühlen. Wenn dieser beim Manne dauernd fehlt, so sind 
meistens andere Gründe schuld, nicht aber das Fehlen des Triebes. 
Die Achtung vor dem Weibe, konventionelle Schranken, die instink¬ 
tive Abwehr des Weibes, Beaufsichtigung durch die gefürchtete dame 
d’honneur und ähnliches wirken oft entgegen. Auch gibt es patho¬ 
logische Fälle, wo der Liebesakt von dem Liebenden nicht nur nicht 
erstrebt, sondern als etwas Verabscheuenswertes betrachtet wird. 
Der Betreffende ist von dem Gedanken der Liebe befangen, so dass 
dadurch Hemmungen ausgelöst werden. Die geliebte Person erscheint 
ihm als etwas Heiliges, der Liebesakt als eine Entweihung, so dass 
ihm jeder Trieb, jeder Wunsch, ja infolge der nicht eintretenden 
Erektion jede Möglichkeit, den Liebesakt auszuführen, fehlt. Es sind 
das Fälle, die zur psychischen Impotenz gehören und als pathologisch 
anzusehen sind. 

Aehnlich, wie hier beim Manne, liegt es bei manchen Frauen, 


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Physiologisches and Psychologisches über Liebe and Freandscb&ft. 261 


wo vielleicht durch die übertriebene keusche Erziehung eine instink¬ 
tive Abscheu vor dem Liebesakt bewirkt wird. Das Geschlechtsleben 
ist der Betreffenden stets als etwas Unreines hingestellt worden, so 
dass schliesslich Fälle entstehen, die man gewöhnlich als sexuelle 
Anästhesie bezeichnet, sei es, dass der Geschlechtsakt ohne Wollust¬ 
empfindung verläuft, sei es, dass selbst der Trieb zum Geschlechts¬ 
akt vollkommen fehlt, ln vielen dieser Fälle wird der Geschlechts¬ 
akt nur aus Gründen gewünscht, die der Reflexion entstammen; 
besonders oft ist massgebend der Wunsch, Nachkommenschaft zu 
erzielen. Jedenfalls ist bei diesen Frauen trotz aller Liebe, die sie 
dem Manne entgegenbringen, der peripher zu befriedigende Geschlechts¬ 
trieb nicht vorhanden. 

Freilich ist durchaus noch nicht alles klar und manches dunkel. 
So zeigen sich mit Beziehung auf die sexuelle Anästhesie des Weibes 
mitunter ganz verschiedene Erscheinungen, wenn das Weib mehrere 
Männer hintereinander liebte. Eine Dame, die überaus fein beobachtet, 
war im Laufe ihrer Jugend mit mehreren Herren etwas enger bekannt, 
ohne dass sie übrigens dabei ihre anatomische Unschuld verlor. Sie 
erzählte mir ganz genau, wie sie den ersten und dritten zwar sehr lieb 
hatte, auch ganz gern einmal küsste, wie aber nur beim zweiten ein 
wirklicher sexueller Drang bei ihr auftrat, der eine Befriedigung in 
den Genitalorganen wünschenswert machte. Dasselbe war schliesslich 
der Fall, als sie heiratete. Hier war sie durchaus nicht anästhetisch. 
Es scheint aber, dass im einen oder andern Fall aus Gründen, die 
wir noch nicht kennen, auch beim weiblichen Geschlechte die ört¬ 
lichen sexuellen Vorgänge eine grössere Rolle spielen als beim männ¬ 
lichen. Wenn wir aber auseinander halten wollen, ob in dem einen 
Falle Liebe oder Freundschaft vorlag, so genügen nicht diese örtlichen 
Vorgänge, denn anscheinend hat jene Frau gerade in dem einen Falle, 
wo sie gar keine örtlichen Empfindungen hatte, am meisten geliebt. 

Ebenso wie wir bei den Beziehungen der Liebe zum Geschlechts¬ 
trieb die Geschlechter unterscheiden müssen, so auch besonders beim 
männlichen Geschlecht die Altersstufen. 

Die Primanerliebe ist oft rein platonisch. Zwar wird behauptet, 
dass die heutige Generation weniger sittlich sei als die frühere; gleich¬ 
viel aber, ob das richtig ist — ich bin allen solchen Herabsetzungen der 
Gegenwart der Vergangenheit gegenüber sehr misstrauisch — unter¬ 
liegt es für mich keinem Zweifel, dass die Primanerliebe oft etwas 
überaus Keusches an sich hat und keineswegs immer mit dem be¬ 
wussten Drange zu einem sexuellen Akte einhergeht. Gewiss kommt 
auch dieses vor. Max Halbe hat es in seiner „Jugend“ beschrieben 
und die Beaufsichtigung junger Menschen verschiedenen Geschlechts, 


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Albert Moll 


durch Erwachsene ist auf die Befürchtungen, die sich nach dieser 
Richtung ergeben, zurückzuführen, wenn es auch zweifelhaft ist, ob 
man durch diese ängstliche Aufsicht mehr erreicht, ab dadurch, dass 
man den Betreffenden eine gewisse Selbständigkeit lässt und be¬ 
sonders den Mädchen dadurch die Kunst und Kraft, sich selbst zu 
schützen, anerzieht. 

Jedenfalls kann aber festgehalten werden, dass bei unerwach¬ 
senen männlichen Personen nicht in allen Fällen die Liebe mit einem 
bewussten Geschlechtstrieb verbunden bt. 

Auch bei Erwachsenen können wir dies, wenigstens eine Zeit¬ 
lang, beobachten, u. zw. bei beiden Geschlechtern. Viele weibliche 
Personen haben ein Glücksgefühl, wenn sie nur mit dem von ihnen 
gebebten Manne zusammen sind, und ebenso hegt es bei manchen 
Männern gegenüber dem Weibe. Die Nähe, das Interesse, das Be¬ 
wusstsein, das Weib seelbch zu besitzen, genügt ihnen mitunter. In 
solchen Fällen lassen physiologische Symptome zunächst einen Unter¬ 
schied zwbchen Liebe und Freundschaft nicht machen. 

Demgegenüber muss aber festgehalten werden, dass es mebtens 
in diesen Fällen, wenn auch in einem späteren Stadium, zu einem 
bewussten Geschlechtstrieb kommt. Dann sind wir auch durch rein 
physiologbche Faktoren in der Lage, die Liebe von der Freundschaft 
zu trennen. Denn es bt ein physiologischer Vorgang, wenn vom 
Gehirn aus durch die Rückenmarksfasem hindurch ein Einfluss auf 
die peripheren Genitalorgane ausgeübt wird, der eine Vorbedingung 
des Geschlechtsaktes ist. 

Freihch können wir trotzdem im konkreten Falle die Diagnose, 
ob Liebe, ob Freundschaft vorhegt, meistens nicht stellen. Die Ver¬ 
schlossenheit in solchen Dingen hindert das. Wenn auch die peri¬ 
pheren Vorgänge eine wesentbche Robe bei der Diagnose spielen, 
so hört man doch von ihnen kaum je etwas. Besonders wenn wir 
von grossen Männern der Vergangenheit lesen und wir feststellen 
wollen, ob Freundschaft oder Liebe bei ihnen vorlag, wbsen wir 
natürhch gar nicht, was sich bei ihnen in den peripheren Organen 
abgespielt hat, und doch könnte uns dies in den meisten Fähen so¬ 
fort Aufschluss über das Seelenleben geben. Man könnte daraus 
sofort schhessen, ob Liebe oder Freundschaft vorlag. Diese Ver¬ 
schlossenheit hängt zum grossen Teil damit zusammen, dass die 
mebten nicht den Liebesakt zwischen Männern und zwbchen Frauen, 
sondern auch den zwischen Mann und Weib, besonders wenn sie 
nicht verheiratet sind, ab etwas Unreines betrachten. Jedenfalb 
wird diese Funktion der Kenntnis Dritter so entzogen, dass wir auf 
dieses wichtige diagnostische Hilfsmittel mebtens verzichten müssen. 


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Physiologisches and Psychologisches über Liebe and Freundschaft. 263 


Manchmal spielt auch der subjektive Standpunkt des Beob¬ 
achters eine Bolle, und dies findet sich besonders, wenn man die 
sexuellen Beziehungen zwischen Männern betrachtet. Man will nicht 
gern als Geschlechtstrieb oder Liebe solche enge Beziehungen zwi¬ 
schen Männern bezeichnen, und z. T. hat sich dadurch eine besondere 
Terminologie gebildet. Ich erwähne z. B. den in neuerer Zeit öfter 
gebrauchten Ausdruck „erotisch betonte Freundschaft“. 

Uebrigens besteht bei der Liebe, selbst wenn die örtlichen 
sexuellen Vorgänge fehlen, doch meistens eine gewisse Sinnlichkeit, 
die vom Geschlechtstriebe getrennt werden muss, u. zw. können wir 
eine Sinnlichkeit in doppeltem Sinne unterscheiden, erstens insofern 
als das Objekt der Neigung nach gewissen äusseren, auf die Sinne 
wirkenden Merkmalen ausgesucht wird, z. B. nach Schönheit, und 
zweitens insofern, als der Drang zu körperlicher Umarmung und 
Berührung, zum Kuss, sehr oft auch ohne Trieb zu einem sexuellen 
Akt auftreten. Nun wenden aber diejenigen, die den Freund¬ 
schaftsbegriff möglichst weit ausdehnen wollen, ein, dass die 
gleiche Form der Sinnlichkeit auch bei der Auswahl von Freunden 
vorkommt. Man könne es beobachten, dass Schönheit auch bei der 
Wahl des Freundes oder der Freundin massgebend sei. Aber auch 
die andere Form der Sinnlichkeit fehle nicht. Wenn sich zwei wahre 
Freunde nach langer Zeit wieder treffen, so komme es zur Um¬ 
armung und einem herzhaften Kuss. Immerhin spielt bei solchen 
Vorgängen, soweit die Freundschaft in Frage kommt, die Konvention 
und Sitte eine grössere Rolle, als der wirkliche innere Trieb. In 
gewissen Ländern ist es Brauch, dass sich Männer küssen, wenn sie 
sich nach langer Abwesenheit treffen und irgendwelche, auch nur 
oberflächliche freundschaftliche Beziehungen zwischen ihnen bestehen. 
In anderen Ländern, z. B. in manchen romanischen, findet man, dass 
sich Männer umarmen, wenn sie sich auch täglich sehen. Mitunter 
ist es nur ein oberflächliches Umarmen, in anderen Fällen legen sie 
Wange an Wange, ohne sich direkt zu küssen. Es soll zugegeben 
werden, dass mitunter in Fällen, wo es sich um eine wirklich innere 
Freundschaft handelt, auch ein innerer Drang zum Küssen vorliegt. 
Und es braucht der Kuss, der daraus folgt, nicht immer sexuell zu 
sein. Die Mutter, die das Kind, das Kind, das die Mutter küsst, 
zeigen damit keine sexuelle Erscheinung, wenn auch gerade in der 
neueren Zeit eine Richtung, die Freud sehe Richtung, manche An¬ 
hänger hat, die überall etwas Sexuelles zu sehen glaubt. Aber der 
Umstand, dass wir Uebergänge zwischen verschiedenen Erscheinungen 
und in manchen Fällen gleiche Symptome bei verschiedenen Er¬ 
scheinungen finden, beweist nicht, dass die Erscheinungen identisch 


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Albert Moll 


sind. Ebensowenig wie dadurch, dass sich Mutter und Kind gern 
küssen, bewiesen wird, dass es sich hier um sexuelle Vorgänge handelt, 
ist dies der Fall, wenn es gelegentlich zwischen guten Freunden 
geschieht. In Künstlerkreisen und in solchen, die ein besonders 
starkes künstlerisches Empfinden haben, finden wir mitunter einen 
solchen Freundschaftskultus. Dieser hängt mit der Phantasie und 
der Psyche der Betreffenden eng zusammen, hat aber nichts Ero¬ 
tisches. Deshalb soll man nicht, wenn etwas unserem persönlichen 
Empfinden Fremdes vorkommt, sofort die Diagnose auf Homosexua¬ 
lität stellen. Wenn Gutzkow nach Genesung von schwerer Krank¬ 
heit den ihn besuchenden Berthold Auerbach umarmt und küsst, 
wird man hierin gewiss nichts Sexuelles sehen. Man betrachte stets 
die Umstände, unter denen etwas vorkommt. Auch wenn man 
jemand einen grossen Dienst geleistet hat, der ihm Leben, Gesund¬ 
heit oder Stellung gerettet hat, wird der Betreffende von Sympathie- 
und Dankbarkeitsgefühlen oft so erschüttert und beherrscht, dass 
ihn eine herzhafte Umarmung, ein Küssen seines Wohltäters am 
meisten befriedigt. 

Auch der Umstand, dass bei dem, was man Freundschaft nennt, 
gewisse körperliche Eigenschaften des andern eine Rolle spielen sollen, 
kann zu einer Identifizierung mit der Liebesempfindung nicht führen. 
Zunächst sei erwähnt, dass, wo bei der Auswahl des Freundes 
Schönheit oder bestimmte Körpereigenschaften massgebend sind, in 
Wirklichkeit meistens erotische Gefühle vorhanden sind. Man denke 
doch nur an zwei junge Mädchen 1 Da sieht man schwärmerisch die 
eine die Schönheit der andern, ihrer sog. Freundin, bewundern, und 
wenn man nicht in diese Bewunderung einstimmt, zeigt sich sofort 
eine grosse Missstimmung. Ich glaube nicht daran, dass man hier, 
selbst wenn es sich um recht keusche junge Mädchen handelt, ein¬ 
fach von Freundschaft sprechen kann. Das sind erotische Gefühle, 
die in das Gebiet der Liebe und dessen gehören, was auf dem Sexu¬ 
ellen beruht. Ferner will ich zwar nicht bestreiten, dass Körper¬ 
eigenschaften auch bei Freunden eine Rolle spielen, aber wie ich 
glaube, mehr im negativen Sinne. Es kann jemand durch unan¬ 
genehme Eigenschaften des Körpers von dem anderen so abgestossen 
werden, dass es garnicht zu einem Freundschaftsbunde kommt. Aber 
die Körpereigenschaften haben nicht den positiven Einfluss auf die 
Entwicklung der Freundschaft. 

Endlich sei aber darauf hingewiesen, dass gerade bei der Freund¬ 
schaft gewisse geistige Interessen hervortreten. Ich glaube, dass es 
zwischen geistig ganz stumpfen Menschen ein Freundschaftsgefühl 
zwar geben kann, aber eine gewisse höhere Kultur ist doch wohl 


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Physiologisches und Psychologisches über Liebe und Freundschaft. 265 


einer höheren Freundschaft günstig. Bei geistig ganz stumpfen Leuten 
mag zuweilen ein Sozialitätsbedürfnis, ein Anlehnungsbedürfnis die 
Freundschaft Vortäuschen, aber dieses extensive Gefühl ist nicht mit 
dem intensiven der Freundschaft zu vergleichen. Auch zwischen 
Menschen niederster Bildung, sogar bei Tieren — worauf ich noch zu¬ 
rückkomme — finden wir ein solches Anlehnungsbedürfnis, das aber 
von Freundschaft und Liebe getrennt werden muss. Die Blutsbrüder¬ 
schaft bei Naturvölkern, bei der sich die Betreffenden innerlich eng 
mit einander verbunden fühlen, wird gewiss auch zur Freundschaft 
im weitesten Sinne gerechnet werden können. Aber im allgemeinen 
wird sie mehr durch das Psychische und Geistige beherrscht als durch 
irgendwelche anderen Gefühle. So sehen wir, dass Freundespaare, 
bei denen wir alles Erotische ausschüessen können, sehr oft grosse 
Geistesheroen gewesen sind. Wir können dasselbe aber auch im 
kleineren Kreise beobachten und feststellen, dass es sehr oft gemein¬ 
same geistige Interessen sind, die die beiden zusammenführen, Inter¬ 
essen, denen gegenüber das Körperliche zurücktritt. 

Ferner sehen wir, dass bei Freundschaft fast immer das ganze 
Geistes- und Gemütsleben beteiligt ist, während bei der Liebe doch 
die eine oder andere Eigenschaft, sei es des Körpers, sei es der 
Psyche, mehr ausschlaggebend ist. Das ist nicht nur bei den patho¬ 
logischen Fällen, die wir zum Fetischismus rechnen, zu beobachten, 
sondern auch bei ganz normalen. Scheinbar fliessen die Seelen zu¬ 
sammen, oder, wie es oft genannt wird, ineinander über. Wenn man 
aber genaue Analysen hört, so ist die Gemeinschaft der Seelen doch 
meistens weit geringer als bei der Freundschaft. 

Immerhin muss zugegeben werden, dass Freundschaft auch ohne 
hervorragende Geistesgaben bei Männern möglich ist. Es gibt auch 
in den Kreisen, die wir nicht zu den gebildeten rechnen, eine sehr 
enge Freundschaft. Wir sehen da, wie der eine an dem andern 
hängt, wie der eine sich für den andern aufzuopfem sucht und man 
muss schliesslich bei den in der Geschichte überlieferten Freund¬ 
schaftsbünden zwischen Männern berücksichtigen, dass solche Fälle 
die Allgemeinheit besonders interessierten und damit nicht aus¬ 
geschlossen ist, dass andere Freundespaare der Vergessenheit anheim¬ 
gefallen sind, weil sie nie in die Oeffentlichkeit oder über den Durch¬ 
schnitt hinausgetreten sind. Die Freundschaft zwischen Goethe 
und Schiller, zwischen Lessing und Mendelssohn interessierte 
natürlich viel mehr und ist ganz anders bekannt geworden als etwa 
der Freundschaftsbund zwischen zwei Unbekannten. Ja, selbst bei 
ganz stumpfen Menschen kommen solche Freundschaften vor, übrigens 
auch bei Tieren. 


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Albert Moll 


Ich wollte im vorhergehenden auseinandersetzen, dass bei Men¬ 
schen bei der Freundschaft das Körperliche nicht die ausschlaggebende 
Rolle spielt, wie bei der Liebe. Vielleicht wird man ein wenden, dass 
bei den alten Griechen gerade die körperliche Schönheit in der Freund¬ 
schaft recht viel galt und dass man, um das Ganze zu idealisieren, 
einen schönen Körper zum Wohnsitz einer schönen Seele machte. 
Hierin lag aber nur der Wunsch, die erotischen Beziehungen durch 
eine Entfernung vom rein Aeusseren auf eine höhere Stufe zu er¬ 
heben. Denn was man bei den Griechen als Freundschaft bezeich- 
nete, war mindestens in zahllosen Fällen homosexuelles Liebesgefühl. 
Wir können besonders bei jüngeren Leuten auch heute beobachten, 
dass bei zwei sog. Freunden das Aeussere oft ausschlaggebend ist, 
und in vielen Fällen ist gerade hier der Verdacht gerechtfertigt, dass 
die Freundschaft in Wahrheit eine erotische Neigung ist, auch wenn 
die beiden später ganz normal werden. Der Mangel an Differen¬ 
zierung des Geschlechtstriebes ist hier zu berücksichtigen, der mit¬ 
unter noch bis zum Anfang der zwanziger Jahre dauert. Die Be¬ 
treffenden glauben sich nur durch Freundschaft so eng verbunden, 
sie meinen, dass sie sich nur aus Freundschaft herzen und küssen, 
dass die erotische Liebe vollkommen fehlt, und jede sexuelle Grund¬ 
lage würden sie verabscheuen. In Wirklichkeit aber nimmt die Sache 
sehr oft einen ganz anderen Verlauf. Es ist fast typisch für eine 
grosse Reihe solcher Fälle, dass eines Tages, wo die beiden wieder 
zusammensitzen, vielleicht sich auf dem Sofa umarmen, jene peri¬ 
pheren sexuellen Vorgänge auftreten, die keinen Zweifel mehr daran 
lassen, dass es sich hier um etwas Sexuelles handelt, dass die Freund¬ 
schaft nur eine Selbsttäuschung war. 

Ein gleiches finden wir bei Kindern verschiedenen Geschlechts, 
und nur der Umstand, dass die Homosexualität gerade so sehr studiert 
worden ist, hat es übersehen lassen, dass vielfach auch zwischen 
Knaben und Mädchen ganz Analoges vorkommt. 

Um dies zu verstehen, müssen wir festhalten, dass die geschlecht¬ 
liche Reifung viel früher wirksam ist, als nach den Angaben der 
Bücher über Kinder und Erziehung angenommen werden sollte. Man 
sagt oft, dass beim männlichen Geschlecht die Pubertät im Alter von 
etwa vierzehn Jahren einsetzt; in Wahrheit beginnt ihre Entwicklung 
viel früher. Mit vierzehn Jahren treten vielleicht die äusseren Vor¬ 
gänge hervor, das Wachstum der Genitalien, die Veränderung des 
Kehlkopfes und der Stimme, die Entwicklung eines leichten Flaumes 
an der Oberlippe. Beim Weibe spriessen in diesem oder in einem 
früheren Alter die Brüste, die monatliche Blutung tritt ein. In Wirk¬ 
lichkeit sind das aber nur äussere Vorgänge, die nicht auf plötzlich 


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Physiologisches und Psychologisches über Liebe und Freundschaft. 267 


«ingetretenen Veränderungen beruhen, sondern auf solchen inneren 
Prozessen, die lange Jahre hindurch zu ihrer Entwicklung gebraucht 
haben, auf Veränderungen, die durch die innere Sekretion oder durch 
nervöse Reize, die von den Keimdrüsen ausgehen, längst eingeleitet 
sind. Ein Beweis, dass dieser Einfluss der Keimdrüsen viel früher 
stattfindet, wird unter anderem durch die Kastration, sowohl beim 
Tiere, wie beim Menschen geliefert. Es gibt Eunuchen, die überaus 
stark lieben, obwohl sie den Liebesakt nicht ausüben können. Es 
sind das nicht etwa Leute, die im Alter von fünfzehn oder sechzehn 
Jahren kastriert wurden, sondern solche, bei denen im Alter von 
sieben, acht oder neun Jahren die Kastration stattfand. Und so findet 
man mitunter auch bei Tieren, die etwas später, allerdings noch vor 
-dem Eintritt der Geschlechtsreife kastriert worden sind, Erscheinungen 
eines deutlichen Geschlechtstriebes. Offenbar haben die wesentlichen 
Vorgänge in den Keimdrüsen schon früher eingesetzt, als man bisher 
meistens annahm, und sie haben die psychosexuelle Tätigkeit an¬ 
geregt zu einer Zeit, wo man noch nicht daran dachte und die Kinder 
für sexuell neutral hielt. Deshalb kann die Kastration der Drüsen 
nicht mehr die Liebesempfin düngen ausschliessen. 

So haben wir auch bei normalen Kindern anzunehmen, dass 
psychosexuelle Vorgänge, ernste Liebesempfindungen m einem Alter 
eintreten, wo man sie noch für sexuell neutral hält. Ich habe aus 
praktischen Gründen seinerzeit vorgeschlagen mit Beziehung auf 
■gewisse sexuelle Vorgänge die Kindheit in zwei Abschnitte zu teilen, 
vom ersten bis zum siebenten und vom achten bis zum vierzehnten, 
wobei ich zugeben muss, dass individuelle, nationale, familiäre und 
Geschlechtsunterschiede eine erhebliche Rolle spielen können. Das 
Ganze soll nur ein Schema sein. Und ich habe keinen Zweifel, dass, 
wenn sich bei Kindern im achten Jahre psychosexuelle Folgen deut¬ 
lich zeigen, z. B. deutliche Liebesempfindungen, von einer sexuellen 
Neutralität nicht die Rede sein kann, wenn auch die sichtbaren peri¬ 
pheren sexuellen Vorgänge noch nicht eingetreten sind und sich viel¬ 
leicht erst drei, vier, fünf, sechs Jahre später zeigen. Es ergibt sich 
■dabei der merkwürdige Umstand, dass was wir zu den psychischen 
Vorgängen des Geschlechtslebens, zum Kontrektationstriebe, wie ich 
ihn bezeichnet habe, rechnen, bereits in einem Alter eintreten kann, 
wo alle sichtbaren Zeichen der sexuellen Reife noch fehlen. 

Selbstverständlich ist damit nicht etwa gesagt, dass die engen 
Sympathiegefühle, die wir zwischen Kindern oft sehen, nur sexuelle 
sind. Im Gegenteil, es ist eine sehr traurige Uebertreibung der Freud- 
schen Richtung, auch bei Kindern nahezu alles sexuell zu deuten. 
Die Kinderfreundschaften, die Freundschaften zwischen Schülern sind 


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oft vollständig unabhängig von allem Sexuellen. Wenn sich zehn- 
und elfjährige Knaben untereinander unterhalten, wenn sie mitein¬ 
ander Zusammentreffen, und das Zusammentreffen kaum erwarten 
können, tun sich über alles auszusprechen, so ist das oft eine wahre 
Freundschaft. Jeder baut seine Luftschlösser für die Zukunft und 
sagt dem andern, was er gern werden möchte. Jeder hat Phantasien 
im Kopf, die von der Wirklichkeit oft recht weit entfernt sind. Sie 
sprechen über die Schule, oft wohl über die vermeintliche Tyrannei 
der Lehrer, aber was in diesen kleinen, noch nicht durch grosse Er¬ 
fahrung beeinflussten Gehirnen vorgeht, das ist oft mehr, als was 
bei denen auftritt, die sich in späterem Alter Freunde nennen. Dem 
widerspricht auch nicht der Umstand, dass, wenn beide eines Tages 
auseinandergerissen werden durch die Trennung von der Schule, nun. 
die beiden neue Freunde suchen und miteinander vielleicht jede Be¬ 
rührung verlieren. Sie hören dann wohl im späteren Alter einmal 
wieder von sich, aber das wesentliche Interesse ist erloschen; er¬ 
loschen ist es, weil jeder nun neue Interessen hat, weil jeder neue 
Bekanntschaften, eine Liebe, eine neue Freundschaft gewonnen hat. 
Und die Entwicklung des andern ist eine so vollkommen verschiedene 
geworden, dass die beiden auch im späteren Alter gar nicht mehr 
zur gegenseitigen Freundschaft passen würden. Kürzlich war das 
sehr hübsch in einem Artikel der Yossischen Zeitung „Schulfreunde“ 
von Want och auseinandergesetzt. 

In vielen Fällen, die in die Kindheit zurückreichen, zeigt erst 
die spätere Entwicklung, dass der eine Vorgang sexuell war, der an¬ 
dere nicht. Wenn ein Knabe, wie schon öfters eines Tages seine 
kleine Freundin herzt, hierbei Erektion hat, vielleicht auch dahin 
strebt, seine Freundin an seine Genitalien heranzudrücken oder sogar 
Ejakulation mit Wollustempfindung bekommt, so dürfen wir hier ein 
sexuelles Kontrektationsgefühl annehmen, das schon früher bestand, 
sich aber erst später an den peripheren Genitalien lokalisiert hat. 
Wenn anderseits bei demselben Knaben periphere sexuelle Vorgänge 
beim Herzen der Mutter nicht auftreten und sich auch später nicht 
entwickeln, werden wir auch beim früheren Herzen der Mutter etwas 
Sexuelles nicht annehmen dürfen. Aber mit diesem einfachen Schema 
ist die Frage meistens nicht erledigt. Es kann Vorkommen, dass 
ursprünglich sexuelle Gefühle an der weiteren Entwicklung gehemmt 
sind. Es wäre möglich, dass ein Knabe der Mutter gegenüber sexuelle 
Gefühle hat, dass aber die Konvention und die Erziehung vielleicht 
auch das häufige Zusammensein mit der Mutter, die peripheren sexu¬ 
ellen Vorgänge unterdrücken. Dieser Ein wand ist berechtigt. Ja, 
man wird weiter fragen müssen: warum sollen gewisse Vorgänge der 


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Physiologisches und Psychologisches über Liebe und Freundschaft. 269 


Kindheit, z. B. Neigung zur Mutter, nicht zu den sexuellen gerechnet 
werden, wenn wir gleiche Vorgänge bloss deshalb dazu rechnen, weil 
später die peripheren Detumeszenzerscheinungen hinzu kommen? 
Nehmen wir einen siebenjährigen Knaben, er liebt und herzt seine 
Mutter, ebenso schlies3t er sich einer gleichaltrigen Freundin an, die 
er gleichfalls gern küsst. Der Knabe wird älter und beim Zusammen¬ 
sein mit der Freundin hat er nach einigen weiteren Jahren deut¬ 
liche Erektionen, beim Umarmen und Küssen der Mutter nicht. 
Haben wir nun das Recht, aus dem Umstand, dass sich später erst 
diese peripheren Vorgänge hinzugesellen, zu schliessen, dass ursprüng¬ 
lich, wo wir die Neigung des Knaben zur Freundin und die zu seiner 
Mutter kaum scharf voneinander unterscheiden konnten, das eine 
sexuell war, das andere nicht? 

Demgegenüber müssen wir festhalten, dass beim Kinde die 
Sympathiegefühle, die wir später deutlicher trennen können, nicht 
immer scharf zu sondern sind, und dass wir deshalb die Liebe eines 
Kindes zur Mutter durch erkennbare psychische Differenzen vielfach 
ebensowenig von der Freundschaft mit einem Knaben wie von der 
Liebe zu einem anderen Mädchen genau unterscheiden können. Einem 
sehr feinen Beobachter werden gewisse kleine Unterschiede in vielen 
Fällen ein Wegweiser sein. Oft aber handelt es sich hierbei um sub¬ 
jektive Auslegungen, nicht um objektiv beweisbare Unterscheidungen. 
Die Schwierigkeiten der Abgrenzung sind um so grösser, als auch bei 
den nicht sexuellen Gefühlen die Sexualität immerhin eine gewisse 
Rolle spielt. Vielfach drängt sie sich hinein, und es ist wohl kein 
Zufall, dass Mädchen so oft mit dem Vater, Söhne mit der Mutter 
harmonieren. Auch bei Zärtlichkeitsbezeugungen äussert sich dieser 
sexuelle Gegensatz. So geben viele Männer an, dass sie schon als 
Knaben viel lieber ihre Mutter und Schwestern als Vater und Brüder 
geküsst haben. Bei Frauen habe ich den analogen geschlechtlichen 
Gegensatz nicht so deutlich gefunden wie bei Männern. Vielleicht 
war es nur ein Zufall. Tatsache ist aber, dass bei Männern aus ihren 
Kindheitserinnerungen dieser sexuelle Gegensatz oft angegeben wird. 
Und anderseits berichten manche Homosexuellen, dass sie schon als 
Kind und auch später viel lieber ihren Vater als die Mutter geküsst 
haben. 

Nicht nur in der Kindheit zeigt sich dieser Einfluss des Ge¬ 
schlechts auch ausserhalb des eigentlich Sexuellen. Wir finden ihn 
auch bei Erwachsenen. Aus der Geschichte verschiedenster Zeiten 
sind uns Frauen bekannt geworden, die einen grossen Kreis um sich 
versammelten. War es im Altertum die Aspasia, so waren es in 
neuerer Zeit die Frauen, die einen sog. Salon bildeten, und es stimmen 


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die meisten Schriftsteller darin überein, dass, wo ein solcher Salon 
bestand, fast immer die Dame des Hauses, wenn auch nicht gerade 
zu den Schönheiten, doch zu den hübschen Frauen gehörte. Nur 
selten habe eine wirklich hässliche Frau einen solchen Salon be¬ 
herrscht, den die Geisteselite, vielleicht auch die der Geburt und des 
Geldes bildete. 

Wenn wir also sehen, dass beim Menschen Liebe und Freund¬ 
schaft nicht immer scharf voneinander abgegrenzt werden können, 
dass die Diagnose, ob das eine oder das andere vorliegt, grössere 
Schwierigkeiten bietet, so wollen wir berücksichtigen, dass auch bei 
den Tieren ganz Analoges vorkommt. Eine Reihe interessanter Einzel¬ 
heiten bringt hier Robert Müller 1 ). In vielen Fällen haben nach 
seiner Annahme die sog. Tierfreundschaften, Freundschaften zwischen 
Tieren verschiedener Gattung eine geschlechtliche Ursache. Er er¬ 
wähnt einen zehn Monate alten Hund, der Hühner vergewaltigte und 
sie dabei erwürgte, einen zweijährigen Rassehund, der eine ähnli che 
perverse Leidenschaft besass, und der mit einer der Hennen ein 
regelrechtes Verhältnis hatte. Er zitiert den Fall, wo sich ein Gänse¬ 
rich mit einer Hündin paaren wollte. Jedenfalls geht schon aus 
diesen Beispielen hervor, dass die so oft in den Zeitungen erwähnten 
Fälle von Tierfreundschaften zuweilen von perversen Geschlechts¬ 
äusserungen nicht getrennt werden. Daraus geht aber nicht hervor, 
dass nun jede auffallende Tierfreundschaft sexuellen Charakter hat. 

Besondere Schwierigkeiten begegnen uns da, wo ein das nor¬ 
male Mass überschreitender Freundschaftskultus stattfindet, wo uns 
aber Anhaltspunkte fehlen, dass dabei physiologische oder psycho¬ 
logische, für die Liebe charakteristische Vorgänge bestehen. Zu den 
Männern dieser Gruppe können wir Gleim rechnen. Wenn man, 
was darüber bekannt geworden ist, liest, so berührt uns heute sicher¬ 
lich dieses süssliche Wesen unangenehm. Ich habe aber trotz allem 
Suchen nichts finden können, was einen erotischen Charakter dieser 
Beziehungen zuliesse. Weder Eifersucht noch jene psychische Unruhe, 
die für die Liebe charakteristisch ist, lassen sich im wesentlichen 
Maße feststellen. Es waren geistige Interessen, die Gleim an seine 
Freunde ketteten. Das zeigt sich in seinem Musen- und Freund¬ 
schaftstempel, den er errichtete und in dem er seit 1745 sein Augen¬ 
merk darauf richtete, die Bildnisse seiner Freunde und Gönner zu 
sammeln. Anderseits können wir nichts von heterosexueller Liebe 
bei Gleim finden. Man wird daher kaum etwas anderes annehmen 
können, als dass bei Gleim die Freundschaft die Liebe ersetzte. 


y ) Sexualbiologie, Berlin 1892. 


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Physiologisches und Psychologisches über Liebe und Freundschaft. 271 


Die Briefe, die er an seine Freunde schrieb, und die, wie erwähnt, 
eine uns unsympathische Süsslichkeit zeigen, lassen nicht den Schluss 
ziehen, dass es sich um etwas anderes als um Freundschaft handelte. 
Selbst das Alter spielte keine unbedingte Rolle; junge Leute suchte 
er ebenso zu seinen Freunden und er suchte sie auf jede Weise zu 
fördern, wie er altgewordenen Männern nahestand. Er hatte den 
Wunsch, stets Freunde um sich zu sehen. Er wollte seine Freunde 
zu Dichtern machen oder das dichterische Talent bei ihnen entwickeln, 
ebenso wie er sich gleichzeitig bemühte, ihnen eine wirtschaftliche 
Existenz zu verschaffen. In dem, was man bei Gleim Freundschaft 
nennt, wird man das beobachten, was man bei manchem fein 
empfindenden Liebenden findet, den Wunsch, das geistige und das 
materielle Wohl der geliebten Person zu fördern. Wie oft sehen wir, 
dass Lehrer und Schülerin, z. B. Musiklehrer und Musikschülerin ein¬ 
ander in Liebe nahetreten, und der Wunsch, die Schülerin nun ganz 
besonders künstlerisch auszubilden, beherrscht dann den Lehrer. 
Etwas Analoges finden wir übrigens auch bei Homosexuellen. 

Ich erwähnte zwar vorhin, dass Gleim auch älteren Leuten 
eine das normale Maas überschreitende, schwärmerische Freund¬ 
schaft entgegenbrachte. So war er auch mit dem damals bekannten 
Dichter Ra ml er sehr befreundet, obwohl später die Freundschaft 
auseinanderging. Als der Domdechant Spiegel, dem Gleim vieles 
zu danken hatte, gestorben war, widmete er ihm so viel Gedenk- 
verse, dass ihm darüber von anderer Seite, z. B. von Herder, Vor¬ 
würfe gemacht wurden. 

Trotzdem kann man wohl sagen, dass Gleim mehr Wert 
darauf legte, jüngere Freunde um sich zu vereinen, was offenbar mit 
seinem Wunsche, seine Freunde zu fördern, zusammenhing. Bevor 
der Dichter Johann Georg Jacobi, mit dem er besonders im 
Briefwechsel stand, nach Halberstadt, wo Gleim wohnte, gezogen 
war, schrieb er an ihn: „Wie der süsseste Honig fliessen die 
Worte in die Seele Ihres Gleim! Was für eine Seligkeit gibt uns 
die Freundschaft! Mögen doch Könige Throne haben! Wer einen 
Freund hat, kann keinen König beneiden.“ Und ähnlich schwär¬ 
merisch war auch ein Teil der Briefe Jacobis. Hier zeigt sich ge¬ 
legentlich doch etwas, was an die Eifersucht erinnert, aber doch 
nicht Eifersucht zu sein braucht. 

Jacobi schrieb z. B. am 18. Nov. 1767: „Wie konnten Sie, 
mein Liebster, im Ernst glauben, dass die Mädchen Ihnen Ihren 
Jacobi nehmen würden! In dem Hofe der Venus selbst könnte ich 
Sie nicht vergessen, nicht einen Augenblick! Denken Sie nicht, teurer 
Freund, dass ich die Spiele der Mädchen den Liedern an meinen 


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Gleim vorziehen würde!“ Man könnte gewiss in dieser Ausdrucks¬ 
weise doch eine jener psychologischen Erscheinungen sehen, die die 
Liebe begleiten, die Eifersucht; doch lässt die Stelle auch eine andere 
Erklärung zu. Immerhin sei erwähnt, dass der Briefwechsel zwischen 
Gleim und Jacobi kurz nach der Veröffentlichung viel angefeindet 
wurde. Bei dem Vorwurf glaubte man, einen erotischen Charakter 
der Briefe annehmen zu dürfen. 

Gewiss wird mancher annehmen, dass was sich hier in dem 
Briefwechsel findet, durch den Zeitcharakter begründet war. Es gab 
Zeiten, wo der Freundschaftskultus in gewissen Kreisen überaus stark 
blühte, und naturgemäss musste auch der Briefwechsel davon beein¬ 
flusst sein. Aber ein so süsslicher Briefwechsel, wie er sich bei 
Gleim findet, hat doch zu seinerzeit sicherlich allgemein nicht ge¬ 
herrscht. Gewiss sind die Zeiten, was die Pflege der Freundschaft 
betrifft, nicht immer gleich gewesen. In gewissen Zeitabschnitten 
hat es mehr Kreise gegeben, wo ein überaus grosser Freundschafts¬ 
kultus getrieben wurde, als zu anderen Zeiten. In dem Buche „Deutsche 
Freundesbriefe“ *) wird, wie schon öfters, die Ansicht geäussert, dass man 
in Deutschland die Zeit von 1750 bis 1850 das goldene Zeitalter der 
Freundschaft nennen könne. Wenn auch in dieser Periode zwischen 
bekannten Persönlichkeiten besonders oft eine enge Freundschaft be¬ 
standen haben mag, so darf doch nicht übersehen werden, dass in 
dieser Sammlung „Deutscher Freundesbriefe“ viele Briefe enthalten 
sind, die nicht den Charakter der Freundschaft, sondern der Liebe 
enthalten. Wir finden Briefe von Männern, die anscheinend an 
Freunde gerichtet sind, und wo wir nur statt des angeredeten Mannes 
eine weibliche Person zu setzen brauchten, und kein Mensch zweifeln 
würde, dass hier ein enthusiastischer Liebesbrief vorliegt. Trotz 
alledem glaube ich, brauchen wir bei Gleim keine Homosexualität 
anzunehmen, sondern nur einen innigen Freundschaftskultus. Wir 
müssen in solchen Fällen stets die gesamte Persönlichkeit betrachten 
und dann die mitunter sehr schwierige Schlussfolgerung ziehen. 

Vergessen wir nicht, dass es Gefühle gibt, die beim normalen 
Menschen Vorkommen, aber in einzelnen Fällen durch andere Gefühle 
ersetzt werden, ähnlich wie einzelne Personen für dasjenige gar kein 
Interesse haben, was der Allgemeinheit ein solches bietet. Anscheinend 
liegt die Sache so beim Freundschaftskultus von Gleim. Es scheint, 
dass ihm die geschlechtliche Liebe unbekannt war. Wir wissen 
nichts darüber, dass er je ein Weib geliebt hat, und derjenigen 
die ihn liebte, der Karschin gegenüber, war er kalt. An- 


*) Leipzig 1909. 


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Physiologisches und Psychologisches Ober Liebe and Freundschaft. 273 


scheinend hat bei Gleim der Freundschaftskultus die Liebe ersetzt 
In welcher Form ein Gefühl und ein Interesse das andere ersetzen 
kann, will ich durch ein etwas prosaischeres Beispiel erläutern. Die 
Vorliebe für den Kanarienvogel oder für die Katze, die wir so oft 
bei älteren unverheirateten weiblichen Personen finden, ist nur ein 
Ersatz der ihnen fehlenden Liebe, deshalb ist aber diese Anhäng¬ 
lichkeit für den Kanarienvogel nicht erotisch. 

In dem bereits erwähnten Buche von Gleichen-Rußwurm ist 
nur die psychologische Seite der Freundschaft erörtert. Der 
erste Teil ist „Freundschaft oder Liebe“ überschrieben. Als den 
wichtigsten allgemeinen Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft 
nimm t er das unbedingte Vertrauen bei der Freundschaft an. „Ver¬ 
trauen ist ihre Seligkeit, ihr eigentlicher Lebenszweck, Ende und 
Erfüllung.“ Misstrauen sei im Wesen der Liebe begründet. Schon 
das unruhige Fragen der Liebenden beweise das. „Sie wollen imm er 
wieder mit Worten, Schwüren und Liebkosungen der Liebe versichert 
sein. Bei ihren Zusammenkünften fällt kein vernünftiges Wort, weil 
sie die ganze Zeit mit ängstlichen Fragen und Beteuerungen zubringen. 
Wie anders das Beisammensein treuer Freunde, welche Sicherheit, 
welcher Friede in ihren Beziehungen, daher welcher Schatz an klugen 
Gesprächen, an gegenseitiger Anregung 1 Die Unzuverlässigkeit, das 
stete Unbefriedigtsein und Hoffen der Verliebten machen ein gegen¬ 
seitiges Misstrauen natürlich, die begehrliche Liebe muss friedlos sein, 
denn wahrhaft stillt sie nur der Tod.“ 

Dieser Punkt ist in der Tat psychologisch von Bedeutung. Selbst 
Menschen, die keine Neigung zu sexuellen Handlungen haben, z. B. 
sexuell anästhetische Frauen, zeigen in ausgesprochener Weise diese 
psychische Unruhe. Es sind mir solche Frauen bekannt, die sich 
den ihnen unangenehmen Liebesakt gefallen lassen, nur weil sie von 
dem Gedanken beherrscht werden, der von ihnen geliebte Mann 
könnte mit einer anderen verkehren und womöglich dadurch auch 
Veranlassung finden, seine Liebe auf andere zu übertragen. Eine 
solche Angst und Furcht besteht bei zwei Freunden nicht. Die 
Freundschaft ist, wie Montaigne, der allerdings die Freundschaft 
mit einem Früh verstorbenen gefühlt hat, eine gleichmässige, alles 
durchströmende Mässigkeit, dauerhaft und ohne Wechsel, eine be¬ 
ständige, ruhige Wärme, ganz mild und ausgeglichen, die nichts 
Quälendes und Qualmendes hat. 

Gewiss mag die starke Unruhe, wie sie Gleichen-Rußwurm 
schildert, nicht bei allen Liebenden vorhanden sein. Im Laufe der 
Jahre pflegt sie sich zu legen, wenn die beiden fester aneinander- 
gekettet sind. Es kann dann äusserlich ein Bild der Ruhe eintreten, 

Zeitschrift ffir Psychotherapie, V. 18 


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wie es bei der Freundschaft der Fall ist, aber in jedem Augenblick 
kann das Dazwischentreten einer dritten Person die scheinbare Ruhe 
vernichten. Alle solche Angstgefühle wie sie bei der Liebe vorliegen, 
fehlen bei der Freundschaft. Der Freund ist des anderen meistens 
sicher, und auch wo das nicht der Fall ist, so besteht doch nicht 
diese beunruhigende Angst. 

Daher kann, wenn zwei Freunde auseinanderkommen, wenn 
vielleicht einer durch den Tod entrissen wird, zwar eine seelische 
Oede bei dem Zurückbleibenden herrschen, weil er nun niemand 
mehr für die gemeinsamen Interessen zur gemeinsamen Aussprache 
hat. Aber das Gefühl der Oede und Leere ist vollkommen verschie¬ 
den von dem des zurückgebliebenen Liebenden. 

Ich kenne den Fall einer Dame, die mir erklärte, in der Liebe 
sei man so egoistisch, dass es möglich wäre, den anderen lieber im 
Grabe zu sehen als ihn in den Händen einer anderen Person zu 
wissen. Sie selber habe es empfunden, als ihr geliebter Bräutigam 
starb, und der Gedanke, dass sie nun wenigstens stets wisse, wo der 
Geliebte sei, habe etwas für sie Beruhigendes. Sie sei vielleicht 
ruhiger, als sie es bei Lebzeiten des Betreffenden je gewesen. 

In engem Zusammenhänge mit der eben besprochenen Unruhe 
der Liebenden steht die Eifersucht, die man zuweilen als ein 
Charakteristikum der Liebe bezeichnet. Indessen wird auch ausser¬ 
halb der Liebe manches beobachtet, was Eifersucht genannt wird. 
Die Eifersucht ist eine Leidenschaft, bei der ein gewisser blinder 
Eifer etwas erstrebt, was nach der Befürchtung des Eifersüchtigen 
andere besitzen und ihm streitig zu machen suchen. Zum Begriff 
der Eifersucht gehört wohl auch noch, dass man selbst gewisse Rechte 
auf den Gegenstand der Eifersucht zu besitzen glaubt Eifersucht 
ist nicht dasselbe wie Neid oder Missgunst. Das blinde Streben nach 
dem Besitz des Betreffenden, wie es bei der Eifersucht vorliegt, ist 
beim Neid nicht vorhanden. Ueberhaupt fehlt hier meistens die 
schwere akute und oft chronisch dauernde Erregung der Seele. Bei 
Missgunst braucht überhaupt das dem anderen Gehörige dem Miss¬ 
günstigen nicht wünschenswert zu sein. 

Freilich braucht man oft das Wort Eifersucht an solchen Stellen, 
wo es gänzlich falsch angebracht ist. Man spricht oft von der Eifer¬ 
sucht zwischen Diplomaten. Gortschakow soll auf Bismarck eifer¬ 
süchtig gewesen sein. Man liest oft von der Eifersucht zwischen 
Feldherren im Kriege, z. B. zwischen den Generalen Napoleons. 
Doch ist in diesem Falle wohl das Wort Neid mehr angebracht. 
Auch bei Kindern spricht man oft von Eifersucht. Die Gefühle sind 
hier aber noch nicht stark voneinander getrennt, Freundschaft, Sym- 


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Physiologisches und Psychologisches über Liebe and Freundschaft. 275 


pathie und Liebesgefühle gehen leicht ineinander über, und man 
spricht daher bei Kindern von Eifersucht bei Vorgängen, die schein¬ 
bar nichts mit der Liebe zu tun haben. Wenn wir aber berück¬ 
sichtigen, dass die gesamten Gefühle beim Kinde nicht so stark ab¬ 
gegrenzt sind wie beim Erwachsenen, wird man auch zugeben müssen, 
dass man beim Bände nicht ohne weiteres sagen kann, ob das Wort 
Eifersucht oder Neid angezeigt ist. Ueberhaupt muss zugegeben 
werden, dass Uebergänge auch hier bestehen, dass man aber des¬ 
halb nicht gewisse Begriffe miteinander identifizieren darf. 

Diese alles aufwühlende Eifersucht ist ein Charakteristikum der 
Liebe. Sie ist meines Erachtens nicht bei der Freundschaft vor¬ 
handen. Die Freundschaft ist etwas Ruhiges, und wenn man auch 
etwas ähnliches wie Eifersucht bei der Freundschaft zu finden glaubt, 
so wird man in vielen Fällen beobachten können, dass, was man für 
Freundschaft hält, in Wirklichkeit einen erotischen Hintergrund hat. 

Eine wichtige Rolle spielt bei der Liebe die Gegenseitigkeit. 
Dass aber auch gerade die Liebe einseitig sein kann, wird durch die 
vielen Fälle von unglücklicher Liebe bewiesen. Allerdings hat die 
Geschlechtsliebe nur dann etwas voll Befriedigendes, wenn sie auf 
Gegenseitigkeit beruht, wenn auch der Fall, wo jemand, ohne 
wiedergeliebt zu werden, liebt, ebenfalls zur Geschlechtsliebe ge¬ 
rechnet werden muss. 

Ob dies für die Freundschaft gilt, muss bezweifelt werden. Ein 
Mann, der einen anderen zu fördern sucht, ohne dass von diesem 
zweiten das gleiche Gefühl der Zuneigung dem ersten gegenüber 
herrscht, wird man kaum mit dem Worte Freund bezeichnen können. 
Er mag der Förderer eines Talentes, ein Gönner sein, aber der Be¬ 
griff Freundschaft schliesst in viel engerem Maße die Gegenseitigkeit 
in sich, als das bei der Liebe der Fall ist. Der wirkliche Freund¬ 
schaftsbegriff erfordert eine viel engere Beziehung, ein Ineinander- 
aufgehen. Es ist daher noch fraglich, ob bei „Freundschaftszirkeln“ 
— man denke etwa aus der Literatur an den Hainbund — der 
Freundschaftsbegriff angezeigt ist. Ich glaube, dass es der Fall 
ist. Wenn auch die höchste Sympathie der Seelen dann eintritt, 
wenn nur zwei in enger Freundschaft verbunden sind, so kann 
gerade das gemeinsame geistige Interesse auch einen Freundschafts¬ 
bund zwischen einer grösseren Zahl herbeiführen. Meistens wird 
man allerdings dann beobachten, dass sich der eine enger an den 
anderen anschliesst, als an einen dritten. 

Oft ist die Frage erörtert worden, z. B. kürzlich von Meis eis, 
woher es kommt, dass die Frau von Natur für die Freundschaft nicht 
prädestiniert zu sein scheint. Meiseis hat in. der JjjJteratur und 


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Geschichte gesucht, hat aber kaum irgend eine Freundschaft zwischen 
Frauen gefunden, wenigstens melde nirgends eine Sage, noch ein 
Buch, noch eines Dichters Lied davon. Er schaltet Ilse Frapan- 
Akunian und Esther Mandelbaum aus, die gemeinsam in den 
Tod gegangen sind, bei denen man mitunter eine besonders intime 
Freundschaft angenommen habe. Aber das Ende beider sei derartig 
problematisch gewesen, dass es keinen Rückschluss auf den Kern 
ihrer Freundschaft zulasse. Ein zweites Beispiel, das der Verfasser 
nach längerem Sueben fand, gehört der Mythe an, die Freund¬ 
schaft zwischen Chloris und Thyia. Meiseis meint, der Grund für 
dieses Fehlen der Freundschaft zwischen Frauen liege darin, dass 
man sich bei Freunden gehen lasse, man erlaube sich eine Laune. 
Eine Frau wird bei der andern nie aus sich herausgehen und sei es 
ihre beste Freundin; sie wird sich nie frei gehen lassen, sie wird 
sich imm er zusammennehmen und bei aller Aufrichtigkeit darauf 
bedacht sein, wenigstens einen schwachen Schimmer des äusseren 
Scheins zu wahren; und darin liegt, so meint Meiseis, der Grund 
dafür, dass Freundschaften zwischen Frauen so selten sind, dass selbst 
die Dichter keine Veranlassung nahmen, sie zu erfinden. 

Dieser Gedankengang hat zweifellos viel für sich, man könnte 
ihn aber vielleicht doch noch vereinfachen, wenn man sich eben 
sagt, dass das Weib weit mehr Geschlechtswesen ist als der Mann. 
Beim Manne ist sehr oft mit dem Liebesakt zunächst das Geschlechts¬ 
leben auf einige Zeit zu Ende, weit weniger beim Weibe, und da 
das Weib so sehr Geschlechtswesen ist, sieht es vielleicht in jeder 
Geschlechtsgenossin noch weit mehr die Konkurrentin als dies beim 
Manne der Fall ist. Weil das Weib in der Geschlechtsgenossin die 
Konkurrentin sieht, ist der Entwicklung einer Freundschaft natürlich 
vieles hinderlich. 

Ebenso, wie aber zwischen Weib und Weib die Freundschaft 
oft geleugnet wird, wird behauptet, dass auch zwischen Mann und 
Weib keine Freundschaft denkbar sei. Ich habe im Anfang meines 
Vortrages auf dieses Problem hingewiesen und will jetzt noch einiges 
zur Ergänzung bringen: 

Ich habe erwähnt, dass die Frauen, die Salons gehalten haben, 
fast stets gewisse äussere Reize boten. Damit ist aber gewiss nicht 
gesagt, dass nicht zwischen Mann und Weib eine Freundschaft 
möglich sei. Sicher ist die Geschlechtsverschiedenheit von grosser 
Wichtigkeit; sie lässt gar zu leicht die Liebe aufkeimen, und diese 
verträgt sich nicht mit der Freundschaft. Andererseits ist die oft 
übersehene Tatsache zu berücksichtigen, dass auch in der Liebe ein 
starker Elektivismus stattfindet. Dem Weibe sagt nicht jeder Mann 


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Physiologisches und Psychologisches über Liebe und Freundschaft. 277 


zu und ebensowenig dem Manne jedes Weib. Viele lieben einen 
besonderen Körpertypus. Um nur zwei Beispiele zu erwähnen: es 
gibt Frauen, die kaum einen Mann lieben würden, der nicht über 
eine das Durchschnittsmaß übersteigende Körpergrösse verfügt; es 
gibt andererseits Männer, denen z. B. bei Frauen nur eine braune 
Haarfarbe zusagt u. dgl. m. 

Schon dieser Umstand zeigt, dass nicht immer die erotischen 
Gefühle bei den Beziehungen zwischen Mann und Weib alles be¬ 
herrschen ; am wenigsten wird dieses der Fall sein, wenn sich 
beide schon in einem vorgeschritteneren Alter befinden, ohne dass 
übrigens die betreffende Frau deshalb reizlos zu sein braucht. Es 
kann eine gereifte Frau für einen gereiften Mann erotisch durchaus 
reizlos sein, und doch kann eine geistige, eine seelische Harmonie 
die beiden in engster Freundschaft zusammenschliessen. Deshalb 
dürfen wir in dem Geschlechtsgegensatz nur eine Gefahr für das 
Bestehen der Freundschaft erblicken, wir dürfen aber unter keinen 
Umständen so weit gehen, die Freundschaft zwischen Mann und 
Weib vollkommen zu leugnen. 

Ich habe am Anfang meines Vortrages allerdings erwähnt, dass, 
wenn man Liebe und Freundschaft unterscheiden will, der Geschlechts¬ 
gegensatz eine Rolle spielt, und dass man eher an Liebe glauben 
wird bei entgegengesetztem Geschlecht, als bei gleichem. Ich habe 
eben aber erwähnt, dass die Verschiedenheit des Geschlechtes nicht 
unbedingt für Liebesbeziehungen spricht. Anderseits spricht die 
Gleichheit des Geschlechts noch nicht ohne weiteres für Freundschaft. 
Gerade die in neuerer Zeit studierte Homosexualität weist, wie ich 
erwähnte, darauf hin, und man wird, wenn man das Problem Liebe 
oder Freundschaft erörtert, nicht ganz an der Homosexualität vor¬ 
übergehen können. Manche sind geneigt, die Diagnose bei manchen 
Homosexuellen nach äusseren Merkmalen zu stellen. Wir wissen, es 
gibt manche homosexuelle Männer, die auch äusserlich gewisse femi¬ 
nine Eigenschaften zeigen: verminderten Bartwuchs, weibliche Becken¬ 
form usw., ebenso homosexuelle Frauen, bei denen die entsprechenden 
männlichen Geschlechtscharaktere mehr hervortreten. Wir wissen 
aber, dass solche Abweichungen keineswegs bei der Majorität der 
Homosexuellen Vorkommen und dass sie andererseits gelegentlich auch 
ohne Homosexualität auftreten. Wir werden daher im konkreten 
Falle, ob Liebe oder Freundschaft zwischen zwei Männern vorliegt, 
nicht so leicht nach diesen äusseren Symptomen schliessen können. 
Freilich wird es von anderer Seite so dargestellt, als ob das eine 
ganz einfache Sache sei. So meint ein Autor, dass die somatischen 
Stigmata ebenso wie die psychischen bei sorgfältiger Beobachtung 


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278 


Paul Dubois 


kaum jemals fehlten, eie seien bald mehr bald minder deutlich aus¬ 
gesprochen. Allerdings meint der Autor, der Nachweis sei nicht 
immer leicht. Ich möchte demgegenüber behaupten, dass auch bei 
zahllosen heterosexuell Normalen, wenn man nur recht genau unter¬ 
sucht, die sog. somatischen Stigmata der Homosexualität kaum jemals 
fehlen. Je genauer man untersucht, um so eher wird man etwas 
finden. Ebenso wie eine recht minutiöse Untersuchung unter Um¬ 
ständen dazu führt, fast jeden Untersuchten als erblich belastet zu 
erweisen, so liegt es auch hier. Jedenfalls gibt es zahllose homo¬ 
sexuelle Männer, die äusserlich vollkommen heterosexuell erscheinen, 
und manche Heterosexuelle, die sehr starke feminine Eigenschaften 
haben. Wollten wir uns jedenfalls bei den Beziehungen zweier Männer 
nach den somatischen Stigmata allzusehr richten, um zu der Ent¬ 
scheidung zu kommen, ob Liebe oder Freundschaft vorliegt, so würden 
wir sehr bald auf Irrwege geraten. Es ist immer noch ein besseres 
Mittel, den psychischen Zustand der Betreffenden zum Ausgangs¬ 
punkt zu nehmen und ev. die physiologischen Vorgänge, die sich 
bei dem Zusammensein beider einstellen, zur Grundlage zu machen. 
Daraus geht noch nicht hervor, dass wir nicht in dem einen oder 
anderen Falle die sog. Stigmata benutzen können, aber ihr Wert ist 
doch nur ein relativer. Er ist bei weitem nicht so gross, wie er 
mitunter dargestellt wird. 

Die Unterscheidung zwischen Liebe und Freundschaft lässt sich 
meistens nicht durch ein einzelnes Symptom herbeiführen. Genau 
wie in der Psychiatrie und der Medizin im allgemeinen, können wir 
nur bei Berücksichtigung aller psychologischen und physiologischen 
Vorgänge in den meisten Fällen eine sichere Diagnose stellen. 
Immerhin werden auch Fälle übrig bleiben, wo die Diagnose nur 
mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu begründen ist 


Die Dialektik im Dienste der Psychotherapie. 

Von Prof. Dr. Paul Dubois, Bern. 

Das Wort „Dialektik“ gehört der philosophischen Sprache an 
und wird im allgemeinen wenig gebraucht. Oft meint man damit 
nur die „Disputierkunst“, bei der man auf streng syllogistische Weise 
die Argumente des Gegners zu entkräften sucht, um ihn zu richtigen 
Ansichten zu bringen. Bei solchen Disputationen geht es bekannt¬ 
lich nicht immer redlich zu; im heftigen Kampfe greift man leicht 


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Die Dialektik im Dienste der Psychotherapie. 


279 


zu jeder Waffe, und so bedeutet „Dialektik“ im schlechten Sinne 
„ein auf Ueberredung hinzielendes Argumentieren ohne stichhaltige 
Erfahrungsgrundlagen“ 1 ). Ja die Sophisten erhoben diese schlaue 
Dialektik, welche durch Scheinbeweise, Sophismen, den Schein der 
Wahrheit zu erzeugen versucht, zum System. 

Je nach der Beschränkung des Gebietes, in welchem sie ver¬ 
wendet wird, wechselt auch der Sinn, den die Philosophen und 
Theologen dem Worte „Dialektik“ geben. Bald wird sie als einziges 
Mittel, in einem bestimmten Gebiete zur Wahrheit zu gelangen, ge¬ 
priesen; bald wird sie im Gegenteil als eine „Ars sophistica, dispu- 
tatoria“ verdammt. 

Mir scheint, man sollte dem Worte seine allgemeine Bedeutung 
lassen, und ich schliesse mich der Definition von Eisler an: 
„Dialektik = Unterredungskunst oder in anderen Worten: 
Methode der Unterredung, begriffliches Verfahren (durch Entwicklung 
von Sätzen oder Wahrheiten aus Begriffen), logische Bewegung des 
Denkens von einem Begriff zum anderen mittelst Aufhebung von 
Widersprüchen. “ 

Der Zweck einer „Unterredung“ ist aber immer der, die Vor¬ 
stellungen, die Gefühle oder die daraus entspringenden Hand¬ 
lungen eines Menschen zu beeinflussen, ihn zu „überzeugen“, ihn 
zu unserer Ansicht zu bringen. Dialektik heisst somit „die Kunst 
zu überzeugen.“ 

Das Mittel dazu ist vor allem das „gesprochene Wort“, in 
anderen Fällen das „geschriebene“. Letzteres verdankt der Mög¬ 
lichkeit längerer, ruhiger Ueberlegung eine grössere Schärfe und Be¬ 
stimmtheit. In beredtem Munde bietet aber die „vox viva“ den Vor¬ 
teil, die Argumente jeweilen der augenblicklichen Fühl- und Denk¬ 
lage der zu überzeugenden Person anpassen und Einwände schon in 
„statu na8cendi“ bekämpfen zu können. Mächtig gefördert wird die 
Wirkung der Unterredung durch die Auslösung von „Gefühlen“, von 
„Affekten“, welche wie Oel das Eindriugen des „dialektischen 
Bohrers“ erleichtern. Unterstützt wird diese Wirkung durch die 
Gesten, die Mimik, die warme Intonation der Sprache, durch den 
Blick, alles Hilfsmi ttel, deren die schriftliche Dialektik mehr oder 
weniger entbehrt; man darf jedoch nicht vergessen, dass auch die 
Schreibweise, der Stil, mächtig auf den Lesenden einwirken kann. 
Nicht nur im Roman, in der Dichtung, sondern auch in ernsten 
Werken der Geschichte, der Naturwissenschaften, der Ethik usw. 
treten wir „affektiv“ an den Autor heran: Le style, c’est l’homme. 


') Wörterbuch der philosophischen Begriffe von Dr. Eisler. 


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Pani Dubois 


Allerdings sind wir manchmal arg enttäuscht, wenn wir die Bekannt¬ 
schaft der Person selbst machen; sie verliert hie und da den Nimbus, 
in welchem wir sie auf Grund ihrer Schriften sahen. — 

Es ist nun üblich geworden, die „affektiven Beeinflussungen“ 
scharf von der „logischen Ueberredung“ zu trennen. Kommt letztere 
scheinbar allein zur Geltung, so lässt man dem Worte Dialektik seinen 
Sinn: durch rein logische Auseinandersetzungen überzeugend, per- 
suasiv, zu wirken. Sobald aber Gemütselemente mit im Spiele sind, 
so erblickt man darin kein „dialektisches Verfahren“ mehr, sondern 
spricht von „Gemütsbeeinflussung“, von „Suggestion“, von „Einfluss 
der Persönlichkeit“ oder von „Uebertragung“ (Freud). Bei vielen 
Personen spukt dabei der abergläubische Gedanke einer Uebertragung 
von Geist zu Geist ohne Vermittlung der fünf Sinne, einer Aus¬ 
strahlung mysteriöser Art, welche im Gebiete der Gedanken und 
namentlich der Affekte eine Verbindung unter den Menschen her- 
steilen soll. 

Diese Anschauung ist eine grundfalsche und bringt in die 
Fragen der Psychotherapie eine folgenschwere Verwirrung. 

Ja, gewiss, ein „Affekt“ ist etwas anderes als ein „Gedanke“, 
als eine blosse „Vorstellung“, nicht aber in dem Sinne, als wären 
sie wesensverschieden, ja einander entgegengesetzt, wie man heut¬ 
zutage anzunehmen pflegt, sondern nur durch das Hinzutreten eines 
emotionellen Vorgangs zu der intellektuellen Vorstellung, zu dem 
Gedanken. 

Die scharfe Trennung zwischen Geistes- und Gemütsleben ist 
alt wie die Welt, sb dass der Volksmund den Geist in den Kopf, 
die Gefühle in das Herz verlegt hat. Dem „Verstandesmenschen“ 
stellt man den „Gemütsmenschen“ gegenüber und gibt meist letzterem 
den Vorzug. 

Eine Zeitlang schien die Psychologie die richtige Bahn gefunden 
und eingesehen zu haben, nicht nur, dass alle diese Vorgänge sich 
im Gehirne abspielen, was selbsverständlich ist, sondern auch, dass den 
„Affekten“ intellektuelle Vorstellungen „vorangehen“. Lehmann 1 ) 
hat dies klar ausgedrückt in dem Satze: Einen rein emotionellen 
Bewusstseinszustand gibt es nicht; Lust und Unlust sind stets an 
intellektuelle Zustände geknüpft. 

Verschiedene Forschungsergebnisse haben, unrichtig gedeutet, 
neue Verwirrung gebracht. Es machte sich eine, übrigens natürliche, 
Reaktion gegen einen übertriebenen „Intellektualismus“ geltend. Die 
Anhänger des letzteren haben oft den Fehler begangen, bei Tieren 


') Die Hanptgeeetse de« menschlichen Gefühlslebens. 1892. 


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Die Dialektik im Dienste der Psychotherapie. 


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intellektuelle Zustände anzunehmen, wo bewusstseinslose Reflexe, ja 
blosse chemotaktische Reaktionen, Tropismen, vorhanden waren. 
Heute übertreibt man wieder in der anderen Richtung. 

Es ist ebenso falsch, aus dem Menschen einen „Automaten“ zu 
machen, weil Tiere, deren Neenzephalon unentwickelt ist, auf Reize 
unbewusst reagieren, als vom Menschen auszugehen und den niedrig¬ 
sten Tieren intellektuelle Fähigkeiten zuzuschreiben. Es ist ebenso 
imrichtig, das „Triebleben“ beim Menschen als das Massgebende zu 
betrachten, als den Tieren höhere Gedanken und ethische Begriffe 
zuzumuten. 

Die Gefühle sind die einzigen Triebfedern, welche unmittelbar 
die Handlung bedingen; ohne „Affekt“, im weitesten Sinne des Wortes, 
handelt der Mensch nicht. Diese Affekte entstammen dem Trieb¬ 
leben in allen einfachen, animalischen Reaktionen, welche ihren 
Grund im Erhaltungstrieb haben; sie knüpfen sich aber an „Vor¬ 
stellungen“, an „Ideen“, in allen höheren Verrichtungen, welche dem 
Menschen eigen sind. Ja noch mehr; auch wenn der primäre Reiz, 
als Trieb, als physiologisches Bedürfnis auftritt, so ist er meist so¬ 
fort bewusst und wird von Vorstellungen und Vorstellungskomplexen 
derart begleitet, dass gleich intellektuelle Zustände auftreten, welche die 
Reaktion begünstigen oder hindern. Dass der Fisch beim Beissen 
an den Angelköder nicht „denkt“, ist mir sehr wahrscheinlich; der 
Mensch reagiert aber sicherlich nicht so einfach, er kann „überlegen“, 
selbst wenn er unter der Macht der Triebe steht; er tut es auch, aller¬ 
dings sehr oft in verkehrter Weise. 

Eine schärfere Trennung zwischen Affekten und Gedanken ent¬ 
stand durch die Ueberlegung, dass manche Affekte, vor allem die 
„Furcht“, urplötzlich, ohne nachweisbaren Denkprozess, ja trotz 
eines beruhigenden Gedankens, sich des Gemütes bemächtigen. Man 
vergisst, dass diese beruhigende Ueberlegung erst nach der Gemüts¬ 
bewegung eintritt, die Reaktion nicht verhindert und höchstens ein 
längeres Andauern der Emotion verhüten kann. Die prompte Reak¬ 
tion der Furcht hat ihren Grund im Selbsterhaltungstrieb; sie wirkt 
nur durch diese Promptheit schützend; jede längere gedankliche 
Arbeit würde die Abwehr verzögern. Dagegen ist schon in dieser 
scheinbar automatischen Gefühlsreaktion ein intellektuelles Element 
enthalten, nämlich die rapide „Vorstellung“ einer augenblicklichen, 
wirklichen oder auch nur eventuellen Gefahr. Wir reagieren nicht 
auf die blosse Vorstellung „Hund“, die übrigens schon einen Kom¬ 
plex von Wahrnehmungen darstellt, sondern auf die kompliziertere 
Vorstellung „böser Hund“, und es braucht eine „intellektuelle Ueber¬ 
legung“, um das Tier, das wir vielleicht zunächst als harmlos 


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Paul Dabois 


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bezeichneten, mit dem Prädikat „bös“ zu versehen. Wir können auch 
in unserem Urteil schwanken und von den anfänglichen Abwehr¬ 
bewegungen zu Liebkosungen übergehen, je nach dem, was wir 
„denken“. 

Wenn wir auch zugeben müssen, dass die meisten Tiere „automatisch“ 
oder „instinktmässig“ höchst komplizierte Tätigkeiten entfalten, so darf 
man diese Erfahrungen doch nicht ohne weiteres auf den Menschen 
übertragen. Der Instinkt spielt beim Menschen eine viel geringere 
Bolle; die psychologische Tätigkeit des Gehirnes, seiner frontalen 
Kortikalschicht ist derart, dass wir sie als „Intellekt“ bezeichnen müssen. 
Der Mensch verfügt über einen viel komplizierteren Apparat, welcher 
höhere Leistungen erlaubt, dafür aber weniger präzis und zweck¬ 
entsprechend arbeitet. Der Mensch „denkt“; ja, sein Fühlen ist 
schon ein „Denken“, weil er sofort, bei der Wahrnehmung der ein¬ 
fachsten Empfindung, ein rasches Urteil über das Erlebnis fällt und 
seine Reaktion danach ändert. Sein psychisches Geschehen weist 
folgende Stadien auf: Empfindung, zugleich mit Vorstellung, 
Gefühlsbetonung, wenn die Vorstellung für unser Wohlergehen 
von Wichtigkeit ist, und endlich als Endresultat: Handlung. 
Sind nun die Vorstellungen, die Gefühle, die Handlungen eines 
Menschen, eines unserer Kranken unrichtig, für seine eigenen Inter¬ 
essen oder für die der anderen schädlich, so ist es unsere Aufgabe, 
ihn zu richtigeren Ansichten, Gefühlen und Handlungen zu bringen. 
Ich kenne dafür kein Mittel als die Dialektik. Sie bedient sich 
der Logik und kann nichts anderes anwenden. 

Es ist jedoch ein grober Irrtum, zu glauben, dass diese „Logik“ 
nur dann eine Rolle spiele, wenn wir mit schulmässigen Syllogismen, 
mit kalten, rein intellektuellen Auseinandersetzungen arbeiten. Es 
gibt eben eine Dialektik der Gefühle, welche im Leben eine 
weit grössere Rolle spielt als mathematische Beweisführung. Ich 
sage „Dialektik“, weil ich kein anderes Mittel weiss, das Gefühlsleben 
eines Menschen zu beeinflussen, als die Korrektion der Vorstel¬ 
lungen, welche den treibenden Affekt ausgelöst und die fehler¬ 
hafte Handlung bedingt haben. 

Hat ein Mensch schlecht gehandelt, so kenne ich nur einen 
Weg, ihn zu korrigieren, nämlich mit ihm zu reden, ihm zu 
schreiben, um ihm zu zeigen, dass seine Handlung schlecht war, 
seinen Interessen direkt widersprach usw. Dazu brauche ich Argu¬ 
mente, welche ihn überzeugen sollen. Die Gedanken, die ich da¬ 
bei ausspreche, müssen logisch aneinander gereiht werden, damit der 
Kranke meinem Gedankengange folgen und die Richtigkeit meiner 
Ratschläge erkennen kann. Ich übe da eine „Ueberzeugungskunst“, 


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Die Dialektik im Dienste der Psychotherapie. 


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-«ine Dialektik. Sie ist eine Dialektik, wenn ich persuasiv vor¬ 
gehe, d. h. den Kranken mit adäquaten Vorstellungen zu be¬ 
einflussen suche; sie bliebe auch eine Dialektik, wenn ich mich der 
Suggestion, in der Hypnose oder in wachem Zustande, d. h. durch 
Weckung inadäquater Vorstellungen, bediente. Bekanntlich hat Albert 
Moll in trefflicher Weise den Unterschied zwischen Suggestion und 
Persuasion festgestellt indem er sagte: „Es ist etwas anderes, ob ich 
einen Patienten davon überzeuge, dass er seine Beschwerden über¬ 
schätzt, dass er leistungsfähig wird, wenn er wieder Vertrauen zu 
sich gewinnt, oder ob ich bei ihm durch irgend ein Mittel lediglich 
die Suggestion seiner Leistungsfähigkeit erzeuge.“ Ja es wäre noch 
eine Dialektik, d. h. eine Anwendung der Logik, wenn ich zur 
Autorität, zur rohen Einschüchterung, zu Einschmeichelungen und 
anderen Gemütsbeeinflussungen greifen würde. 

Die „Logik“ treibt man eben nie aus dem „Denken“ heraus; 
sie ist die „Regel des Denkens“; sogar der Geisteskranke, wenn er 
nicht verblödet ist, denkt „logisch“, fühlt folgerichtig und handelt 
danach; nur geht er von falschen Vorstellungen aus oder reagiert 
quantitativ oder qualitativ verändert auf diese Vorstellungen ; er hat 
seine Logik, wenn wir auch seine Ansicht nicht teilen können. Soll 
die Behandlung eines Psychopathen mehr bedeuten als eine Inter¬ 
nierung, so wird neben der materiellen Pflege auch eine Dialektik 
einwirken müssen, wenn der Patient zu anderen Vorstellungen, 
Affekten und Handlungen kommen soll. Die Tatsache, dass viele 
-Geisteskranke einer solchen Belehrung nicht zugänglich sind, ändert 
an der theoretischen Indikation nicht das Geringste. Ein goldenes 
Wort hat der französische Psychiater Da quin vor mehr als einem 
Jahrhundert ausgesprochen: On criera au paradoxe, mais je prötends 
qu’il n’y a pas d’autre moyen de guörir les gens qui döraison- 
nent, que de les faire raisonner. 

Das ist aber nur möglich mittels einer Dialektik, wohl ver¬ 
standen, nicht einer kalten, in Abstraktionen und ermüdenden Dis¬ 
putationen sich beschränkenden Unterredung, sondern in einer ge¬ 
duldigen, unermüdlichen, logisch vorgehenden Beeinflussung des 
Intellektes und des Gemütes. Ich habe betont, dass ich mir die Ge¬ 
mütsbekehrung nicht vorstellen kann ohne intellektuelle Beeinflus¬ 
sungen, welche notwendigerweise der Gefühlsbetonung vorangehen. 
Es mag sein, dass die spontane Reaktion auf einen Reiz manchmal 
ursprünglich erscheint, namentlich wenn es sich um Triebe handelt. 
Soll ich sie aber provozieren, so muss ich reden, überzeugen, Vor¬ 
stellungen wecken. Die Dialektik, d. h. die logische Bewegung des 
Denkens von einem Begriff zum anderen, spielt sich nicht nur im 


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Paal Dabois 


Kopfe des Belehrenden ab; die logische Gedankenverknüpfung er¬ 
folgt auch in der Psyche des zu Beeinflussenden, wirkt manchmal 
noch nach und bringt den Kranken zu Veränderungen seines Denkens 
und Fühlens, die der Arzt nicht voraussehen konnte. 

Darum wirkt sogar die Autorität „dialektisch“; ich kenne keinen 
klareren Syllogismus als die Ueberlegung: Wenn ich nicht gehorche, 
so werde ich geschlagen. — Menschen und Tiere reagieren bekannt¬ 
lich lebhaft auf dieses Argument. Darum hat man von jeher die 
Waffen als „ultima ratio regum resp. populorum“, bezeichnet. 
Auch alle Gemütselemente, welche einen Patienten zu seinem Ver¬ 
trauensarzt führen (Ruf, Freundlichkeit desselben, Empfehlungen 
durch frühere Patienten usw.), wirken „dialektisch“ und nicht „sug¬ 
gestiv“ auf den Kranken, bringen ihn durch logische Ueberlegungen 
zum Zutrauen zu seinem Arzte, zur Zuversicht, zur Hoffnung. Ver¬ 
fahren wir nicht dialektisch, wenn wir das Zutrauen des Patienten 
durch Erzählung erfolgreicher Kuren in analogen Fällen zu gewinnen 
suchen, wenn wir durch statistische Angaben, durch theoretische 
Auseinandersetzungen dem Patienten den Gedanken beibringen, dass 
die Aussichten für ihn günstige sind? Ebenso ist es eine Dialektik, 
d. h. eine Ueberzeugungskunst, wenn ich den Kranken aufmerksam 
mache auf die Nachteile, die Gefahren des Egozentrismus, der über¬ 
triebenen Affektivität, der Suggestibilität, der Sinnlichkeit, die 
darin besteht, in einer besonders intensiven Weise seine Empfindungen 
zu leben 1 ). 

Nur mit „Worten“ können wir das Geistesleben und folglich 
auch das Gemütsleben eines Menschen beeinflussen und diese Worte 
müssen „logisch“ Zusammenhängen, um in der Seele des Patienten 
klare Bilder zurückzulassen. Eine solche Psychotherapie ist immer 
eine „Belehrung“, eine Richtigstellung falscher Ansichten, eine Be¬ 
kämpfung unberechtigter Gefühlsreaktionen. Die erhöhte Affek¬ 
tivität unserer Kranken liegt nicht in einer Uebererregbarkeit ge¬ 
wisser Zentren, sie liegt im Fühlen und Denken des Individuums, 
in seinem geistigen Temperament. Gewiss können materielle Ein¬ 
flüsse diese Empfindlichkeit erhöhen; Ermüdung, toxische Ein¬ 
flüsse usw. machen uns reizbarer, furchtsamer, als wir es sonst sind; 
darum müssen wir auch auf den somatischen Zustand der Psycho¬ 
pathen einwirken. Diese somatischen Einflüsse machen aber nicht 
aus einem Hasen einen Löwen oder aus einem Lamm einen Stier. 
Auch unter dem Einflüsse schädigender Agentien reagieren wir immer 
im Sinne unserer primären Fühl- und Denkanlage. Ich habe 

') Ueber die Definition der Hysterie. Korreepondenxblatt f. Schweizer Aerzte, 
1911, Nr. 19. 


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Die Dialektik im Dienste der Psychotherapie. 


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diesen Gedanken schon oft ausgedrückt in den Sätzen: „Die Tanne, die 
man sägt, fällt immer auf die Seite, nach welcher sie hinneigte“ und: 
„Unsere Charakterfehler sind die Embryonen unserer Psychopathien“. 
Sobald man anerkennt, dass die Affekte nicht ursprünglich sind, 
sondern nur durch Gefühlsbetonung von Vorstellungen auftreten 
können, kommt man zu der Einsicht, dass nur die Dialektik zum Ziele 
führen kann. 

Ich meine eine Dialektik im weitesten Sinne des Wortes, ein 
logisches „Einreden“, welches bezweckt, die Grundvorstellung zu 
ändern, die Gemütsreaktion, wiederum im Sinne der Vernunft, in 
richtige Bahnen zu lenken und somit den Patienten zu normalen 
Handlungen zu führen. 

Wenn auch diese Argumentation in verschiedener Weise statt- 
ffnden kann, durch Autorität, Drohung, Einschmeichelung, Hypnose, 
Suggestion, Psychoanalyse usw. und alle diese Methoden im Grunde 
logisch arbeiten und arbeiten müssen, um wirksam zu sein, so ver¬ 
wende ich doch nur eine, die Persuasion, d. h. die Belehrung in 
auf klärenden, beruhigenden, ermunternden, moralisierenden Ge¬ 
sprächen. Auf die Zahl der mitwirkenden Gefühlselemente kommt 
es dabei gar nicht an, und diese Mitwirkung der Affekte verwandelt die 
Persuasion nicht in eine Suggestion. Von den durch die Dialektik 
eingegebenen Vorstellungen wirken nur diejenigen, welche eine ge¬ 
nügende Gefühlsbetonung erfahren; ihre Wirkung ist diesem Affekte 
direkt proportional. 

Ich verwerfe prinzipiell die „Autorität“, weil sie nur vorüber¬ 
gehende Erfolge erreichen kann und öfters Renitenz hervorruft. 
Da, wo sie etwa dauernde Erfolge zeitigt, haben logische Ueber- 
legungen mitgewirkt; so sind manchmal Menschen glücklich, in einem 
geeigneten Moment eine väterliche Züchtigung erlitten zu haben; 
diese schlagende Argumentation hat ihnen eben den Begriff des 
„Guten“ beigebracht. Die Drohung ist auch autoritativ und die Ein¬ 
schmeichelung muss sich auf Menschenfreundlichkeit beschränken, 
wenn sie nicht eine unwürdige Schlauheit sein will. 

Ebenso verwerfe ich die „Suggestion“, in der Hypnose oder im 
wachen Zustande, obgleich ich ihre Erfolge zugebe. Sie wirkt manch¬ 
mal prompter, aber nicht besser als die „Persuasion“. Sie verdankt 
ihre Wirkung der „Suggestibilität“ der Kranken, sie verstärkt die¬ 
selbe noch, und da ich gerade in der Bekämpfung der Minder¬ 
wertigkeiten der Psychopathen das Hauptziel der Therapie erblicke, 
so kann ich mich nicht eines Mittels bedienen, welches ihn noch 
„psychasthenischer“ machen kann, als er schon ist. — In einer ver¬ 
nünftigen „Psychoanalyse“ kann ich nur eine Untersuchungsmethode 


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Pani Dabois 


sehen, welche uns manchmal erlaubt, tiefer in den Seelen¬ 
zustand des Patienten zu blicken; Analyse ist aber an sich noch 
keine Psychotherapie; eine heilende Wirkung kann nur eintreten, 
wenn auf die Beichte eine Art Absolution folgt. Diese muss wiederum 
dialektisch beigebracht werden durch den Hinweis auf die Nichtig¬ 
keit der Skrupel, der quälenden Selbstvorwürfe. 

Ich beschränke mich daher auf die rationelle Psycho¬ 
therapie mittels der Dialektik; muss ich noch betonen, dass sie 
auf das Gemütsleben auf dem Wege des Intellektes wirkt? 

Die grossen Denker Griechenlands, namentlich Sokrates, haben 
uns das Beispiel einer solchen Geistes- und Gemütsbeeinflussung ge¬ 
geben. Die „Ironie“ rechnete Sokrates auch zur Dialektik; er hat 
sie vielleicht zu sehr angewendet und hat wohl dadurch den Hass 
seiner Mitbürger geerntet. Feinsinnig war der Gedanke dieses 
Hebammensohnes, als „Mäeutik“ (Hebammenkunst) jenes dialektische 
Verfahren zu bezeichnen, welches darin besteht, durch Fragen den 
zu Belehrenden dazu zu bringen, die Wahrheit, die man ihm beibringen 
will, selbst zu erkennen. 

ImDialog„Charmides a (Platons Werke, übersetzt von F. Schleier¬ 
macher) hält Sokrates sogar eine Vorlesung über „rationelle 
Psychotherapie“: 

Kritias schickte seinen Diener, den Charmides zu rufen, und befahl ihm: 
Geh’, rufe den Charmides, und sage, ich wollte ihn einem Arzte vorstellen 
wegen des Uebels, wovon er mir neulich sagte, dass er daran litte. Er klagte, 
sagte Kritias dabei, mir neulich, der Kopf wäre ihm immer so schwer, wenn 
er des Morgens aufstände. Und was hindert, dass du (Sokrates) dich gegen 
ihn anstellst, als wüsstest du ein Mittel wider den Kopfschmerz? — Nichts, 
sprach ich, wenn er nur kommt. 

Als Charmides mich nun fragte, ob ich das Mittel wider den Kopfschmerz 
wüsste, antwortete ich, ich wüsste es; es wäre eigentlich ein Blatt, aber es 
gehörte noch ein Spruch zu dem Mittel, wenn man den zugleich spräche, 
indem man es gebrauchte, machte das Mittel ganz und gar gesund, ohne den 
8pruch aber wäre das Blatt zu nichts nutz. Dieser Spruch ist nämlich, 
o Charmides, von der Art, dass er nicht nur den Kopf kann gesund machen, 
sondern wie auch du vielleicht schon von guten Aerzten gehört hast, wenn 
etwa einer, der an den Augen leidet, zu ihnen kömmt, dass sie sagen, es wäre 
unmöglich, die Heilung der Augen für sich allein zu unternehmen, sondern sie 
müssten zugleich auch den Kopf behandeln, wenn die Augen sollten hergestellt 
werden; und wiederum zu glauben, man könnte den Kopf ganz für sich allein 
behandeln, wäre grosser Unverstand. Dieser Bede zufolge richten sie nun ihre 
Verordnung auf den ganzen Körper, und versuchen mit dem Ganzen auch den 
Teil zu behandeln, und zu heilen. Ebenso nun, o Charmides, ist es auch mit 
diesem Spruch. Gelernt aber habe ich ihn dort im Felde von einem jener 


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Die Dialektik im Dienste der Psychotherapie. 


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Aerzte unter den Zamolxisehen Thrakiern, von denen man sagt, sie machten 
auch unsterblich. Dieser Thrakier nun sagte, in jenem, was ich eben gesagt 
habe, hätten die Hellenischen Aerzte ganz recht; aber Zamobds, unser König, 
sprach er, der ein Gott ist, sagt, so wie man nicht unternehmen dürfe, die 
Augen zu heilen ohne den Kopf, noch den Kopf ohne den ganzen Leib, so auch 
nicht den Leib ohne die Seele. Und dieses eben wäre auch die Ursach, wes¬ 
halb bei den Hellenen die Aerzte den meisten Krankheiten noch nicht ge¬ 
wachsen wären, weil sie nämlich das ganze nicht kennten, auf welches man seine 
Sorgfalt richten müsste, und bei dessen Uebelbefinden sich unmöglich irgend 
ein Teil Wohlbefinden könnte. Denn aus der Seele, sagt er, entspränge alles 
Böse und alles Gute dem Leibe und dem ganzen Menschen und ströme ihm 
von dorther zu, wie aus dem Kopfe den Augen. Jenes also müsse man zuerst 
und am sorgfältigsten behandeln, wenn es um den Kopf und auch um den ganzen 
Leib gut solle stehen. Die Seele aber, mein Guter, sagte er, werde behandelt 
durch gewisse Besprechungen, und diese ^Besprechungen wären die schönen 
Beden. Denn durch solche Beden entstehe in der Seele Besonnenheit, und 
wenn diese entstanden und da wäre, würde es leicht, Gesundheit auch dem 
Kopf und dem übrigen Körper zu verschaffen. Als er mich daher das Mittel 
und die Besprechungen lehrte, sprach er, dass dich ja nicht jemand überrede, 
mit dieser Arzenei seinen Kopf zu behandeln, der dir nicht zuvor auch seine 
Seele darbietet, um sie mit den Besprechungen von dir behandeln zu lassen. 
Denn auch izt, sagt er, ist eben dieses der Fehler bei den Menschen, dass 
welche unternehmen, abgesondert für eins von beiden, Aerzte zu sein. Und 
gar sehr befahl er mir an, dass ich mich ja von niemand, wäre er auch noch 
so reich und vornehm und schön, sollte überreden lassen, anders zu tun. Ich 
nun habe ihm geschworen, und muss notwendig gehorchen, werde es also auch. 
Und du, wenn du nach des Fremdlings Vorschrift zuerst die Seele hergeben 
willlst, um sie zu besprechen mit des Thrakiers Besprechungen, so werde ich 
auch deinem Kopf das Mittel auflegen; wenn aber nicht, so weiss ich nichts, 
was ich für dich tun kann, lieber Charmides. — 

Als nun Kritias dieses hörte, sagte er: Ein guter Fund, o Sokrates, wäre 
dieser Kopfschmerz für den Jüngling, wenn er genötigt würde, um des Kopfes 
willen auch der Seele nach besser zu werden. Ich versichere dich indes, dass 
Charmides vor seinen Altersgenossen nicht nur durch seine Gestalt sich auszu¬ 
zeichnen scheint, sondern auch eben in dem Stücke, wofür du eine Besprechung 
zu haben behauptest; du behauptest aber für die Besonnenheit, nicht wahr? 
— Eben dafür, sagte Sokrates, und er belehrte den Charmides über den Wert 
der Besonnenheit. 


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Wilhelm Stemberg 


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Das SättigungsgefQhl. 

Von Dr. med. Wilhelm Sternberg, Berlin. 

Mit 1 Abbildung. 

Wer angewandte Ernährungstherapie in der Praxis treiben will, 
der darf sich nicht bloss mit den theoretischen Grundsätzen und allge¬ 
meinen, gewissennassen grammatikalischen Regeln begnügen', die die 
reine Ernährungsphysiologie heutzutage dem Praktiker mit auf den 
Weg gibt. Vielmehr muss sich der Praktiker, der spezielle Diätkuren 
mit Erfolg anwenden will, unbedingt mit drei Gegensätzen abfinden, die 
die graue Theorie einer „exakten“ Physiologie der Ernährung bisher ganz 
vernachlässigt hat. Das Uebersehen dieser drei Alternativen kenn¬ 
zeichnet merkwürdigerweise nicht bloss die Ernährungsphysiologie, 
-Pathologie und -Therapie, — allgemein sogar zieht es sich durch die 
gesamte innere Medizin hindurch. 

I. Der erste Gegensatz, auf den ich ‘) bereits hingewiesen habe, 
liegt in der abweichenden Anerkennung, die die chemischen bzw. phy¬ 
sikalischen Gesichtspunkte in der Theorie einerseits und in der Praxis 
andererseits finden. 

II. Der zweite Gegensatz zeigt sich in der Verschiedenartigkeit, 
die die Bewertung der subjektiven allgemeinen Faktoren gegenüber 
den objektiven speziellen Zeichen in der Theorie einerseits und in der 
Praxis andererseits aufweist. 

III. Und der dritte Gegensatz ist in der Bedeutung gelegen, die 
die erste Phase der Ernährung, die Nahrungsaufnahme und Mund¬ 
verpflegung, in der Theorie einerseits und in der Praxis andererseits 
einnimmt gegenüber der zweiten Periode der Verdauung im Magen 
und Darm und der dritten Phase des Stoffwechsels in allen Zellen. 

I. Allgemein bevorzugt die gesamte exakte Medizin heutzutage 
die Chemie über Gebühr und vernachlässigt allzusehr die Physik. Damit 
im Zusammenhang steht die Ueberschätzung der Zahl und Algebra in 
der Klinik und die Unterschätzung der geometrischen Gesichtspunkte. 
Demgemäss setzt auch die reine allgemeine Physiologie der Ernährung 
wiederum die physikalischen und geometrischen Faktoren allzusehr zu¬ 
rück über der Bevorzugung der chemischen und arithmetischen Mo¬ 
mente. Und die Folge davon ist die Bevorzugung der künstlichen 


*) „Diät und Küche in Chemie, Physik und Physiologie“. Wiener klin. 
Wochenschr. 1911, Nr. 1. — „Diät und Küche“ 1911, Würzburg, S. 102—107. — 
„Eine neue Entfettungskur mittelst diätetischer Küche“. Fortschr. der Med. 1911. 
Nr. 51, S. 1201—1211 u. Nr. 52, S. 1236—1243. — „Neue Gesichtspunkte für Ent¬ 
fettungskuren mittelst diätetischer Küche.“ Ther. d. Gegetfw. 1910, Nr. 61, S. 492. 


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Das Sättigungsgefühl. 


289 


Nährmittel, der künstlichen Ernährung und der Einverleibung der 
Nahrung durch künstliche Oeffnungen oder auf den von der ersten 
Mündung des Mundes entfernten Wegen. Dabei wird die natürliche 
Ernährung und die Einverleibung der natürlichen Nahrung, der „Na¬ 
turalien“, auf natürlichem Wege durch die natürlichen ersten Oeff¬ 
nungen vernachlässigt. 

II. Ueberdies bringt die moderne exakte Klinik mit ihrer Spe¬ 
zialisierung in die einzelnen Spezialfächer mehr den speziellen objek¬ 
tiven Symptomen Interesse entgegen als den allgemeinen subjektiven. 
Denn jene sind leicht nachkontrollierbar, diese aber nicht. Jene sind 
der exakten Erforschung zugängig und erscheinen daher ihrer allein 
würdig und „exakt“, diese aber nicht. In gleicher Weise übergeht auch 
die allgemeine Physiologie die allgemeine Symptomatologie, zumal die 
Allgemeingefühle. 

Dieses systematische Vorgehen der modernen Klinik zeigt sich 
auch in der Diätetik. Das eingehende Studium der speziellen objek¬ 
tiven Faktoren der Nahrung in der allgemeinen Ernährungsphysio¬ 
logie hat die Ergründung der allgemeinen subjektiven Empfindungen 
ganz in den' Hintergrund gedrängt. Ich 2 ) habe das wiederholt beklagt. 
Diese subjektiven Allgemeingefühle der Ernährung stellen das Nah¬ 
rungsbedürfnis dar, jene objektiven Faktoren den Nahrungsbedarf. 
Und diesen prinzipiellen Unterschied muss man sich einmal gründlich 
klar gemacht haben, wenn man in die Praxis der Diätotherapie ein- 
dringen will. 

In der theoretischen Wissenschaft hat man diese Unterscheidung 
von objektivem Nahrungsbedarf und subjektivem Nahrungsbedürfnis 
seltsamerweise noch niemals gemacht. Ich 8 ) habe das häufig gerügt. 
Die ersten Autoritäten sprechen von Nahrungsbedürfnis da, wo nur 
von Nahrungsbedarf die Rede sein kann. „Kalorienbedürfnis“ ist fast 
schon ein technischer Ausdruck der modernen klassischen Literatur 
geworden. So redet neuerdings wieder Matthes und der Berliner Theo¬ 
retiker Brugsch 4 ) vom „Kalorienbedürfnis“. Ebenso wiederholt 
Brugsch Bezeichnung und Begriff: „Sauerstoffbedürfnis“, wie vor ihm 
V. Schlüpfer 6 ) in der Arbeit: „Das Sauerstoffbedürfnis der Ge¬ 
webe bei der Entzündung und dem Fieber“ und Ehrlich 8 ) in dem 

*) „Die physiologische Grundlage des Hungergefühls“. Zeitschr. f. Sin- 
nesphysiol, 1911. Bd. 46, S. 71. 

*) „Nahrungsbedarf und Nahrungsbedürfnis“. Zeitschr. für physik. und 
diät. Therapie 1910. Bd. 14, S. 406. — „Die Küche in der modernen Heilanstalt“ 
1909, S. 12. — „Diät und Küche" 1911, Würzburg, S. 78—94. 

*) Matthes, Diättherapie S. 3,1. Kap. in Lehrb. d. Therap. inner. Krankh. 
v. Krause u. Garre, Jena 1911, Bd. 1. — „Diätetik innerer Krankheiten zum prak¬ 
tischen Gebrauche für Aerzte und Studierende“. Berlin 1911, S. 3 u. 8. 

•) Ztschr. f. experim. Path. und Ther. B. 8, Heft 1. 

•) Berlin 1886. 

ZeitscbrKt (Sr P*ychotherapie V. 19 


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Wilhelm Sternberg 


Werk: „Das Sauerstoffbedürfnis. Eine farbenanalytische Studie“ 
u. a. m. von Bedürfnis statt von Bedarf sprechen. Denselben Fehler 
begeht auch A1 b u 7 ) in einem Aufsatz, auf den er 8 ) selber neuer¬ 
dings verweisen zu müssen glaubt, da er meint: „durch diese Art 
künstlicher Ernährung mit der Schlundsonde k ann man zur Befrie¬ 
digung des Nahrungsbedürfnisses (!) beitragen, namentlich da, wo der 
Appetit gering ist“. (!) 

Indem die allgemeine Ernährungslehre diese beiden Gegensätze 
übersah, den Gegensatz der chemischen Faktoren gegenüber den phy¬ 
sikalischen und den Gegensatz des objektiven Nahrungsbedarfs gegen¬ 
über dem subjektiven Nahrungsbedürfnis, gelangte sie immer noch 
nicht zu der für die Praxis der angewandten Diätkuren wichtigsten 
Tatsache. Das ist mein wiederholt hervorgehobener erster Grundsatz, 
für alles therapeutische Handeln in der angewandten Diätetik, den ich ®) 
stets ein die Spitze der speziellen Ernährungstherapie stelle und in jedem 
Falle der Diätkur, sei es die Mastkur oder die Entfettungskur, in den 
Mittelpunkt der Therapeutik rücke. Dieser Grundsatz ist die Er¬ 
kenntnis: 

a) Das subjektive Nahrungsbedürfnis wird mehr von physika¬ 
lischen Faktoren beeinflusst. 

b) Der objektive Nahrungsbedarf wird mehr von chemischen 
Faktoren beeinflusst. 

III. Wenn die allgemeine Diätetik zu diesen Erkenntnissen bisher 
noch nicht vorgedrungen war, so konnte dies nur deshalb möglich sein, 
weil die Theorie der Ernährungsphysiologie und der klinischen Diätetik 
die Praxis von Küche und Keller mit ihren Aufgaben bisher nicht in 
den Kreis ihrer Betrachtungen mit hineinbezogen hat. Denn Aufgabe 
von Küche und Keller ist nicht etwa die Deckung von Nahrungsbedarf, 
sondern vielmehr die Befriedigung von Nahrungsbedürfnis. Nicht so 
sehr chemische Vorgänge sind es, die sich in Küche und Keller voll¬ 
ziehen, als vielmehr physikalische. Die Hauptrolle in Küche und 
Keller spielt ja einmal die mechanische Mischung und sodann die Tem¬ 
peratur. Hierauf weist bereits der Sprachgebrauch von Küche und 
Keller hin. 

Und indem die theoretische Ernährungslehre die praktische Tech¬ 
nik der Mundküche und die angewandten 1 Handelswissenschaften des 
Mundschenks und Kellermeisters übergeht, vernachlässigt sie die ganze 

7 ) Therapeut. Monatsh. April 1808, S. 182—186. „Ein Mittel zur Unter¬ 
stützung der Ernährung bei Magenkrankheiten.“ 

®) Münch, med. Wochenschr. 1911. Nr. 42, S. 2221, v. 17. Okt. 1911. „Son¬ 
denernährung und Sättigungsgefühl“. 

•) Zentralbl. f. Physiol. 1909. Bd. 23, Nr. 4, S. 106—HL „Der Hunger". — 
„Diät und Küche“, Würzburg 1911, S. 79. 


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Das Sättigungsgefühl. 


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Mundverpflegung, die erste Phase der Ernährung. Lediglich Magen- 
und Darm Verdauung mit dem Chemismus der Verdauung sowie die 
intrazelluläre Verdauung, der in jeder Zelle sich vollziehende Stoff¬ 
wechsel mit dem Chemismus des Stoffwechsels sind nun einmal das, 
was das Interesse der inneren Klinik, der Ernährungsphysiologie und 
der Diätetik hat und unausgesetzt festhält. Das zeigt recht deutlich die 
neue Arbeit von F. Best 10 ): „Ueber den Einfluss der Zubereitung 
der Nahrungsmittel auf ihre Verdaulichkeit.“ Denn beginnt man schon 
einmal, auch die Zubereitung zu berücksichtigen, dann ist es doch 
wiederum bloss die Verdaulichkeit, auf die man sein Augenmerk 
hierbei einschränkt. Und wenn man auch wirklich schon das Organ 
des Mundes nicht ganz übergeht, dann betrachtet man doch lediglich 
die Mundverdauung. Alle Werke über Ernährung beginnen wohl mit 
der Mundverdauung. Aber die Mundverpflegung findet keine Beachtung. 

So kommt es, dass die Psychologen, Physiologen, Pathologen und 
Therapeuten die Probleme der subjektiven Empfindungen bei der Er¬ 
nährung, die Fragen nach dem Wesen der Allgemeingefühle bei der 
Nahrungsaufnahme und Mund Verpflegung, die Physiologie und Psy¬ 
chologie der Gefühle einfach den Philosophen bisher überlassen 
haben. Dabei ist es geradezu auffallend, wie ich n ) häufig 
hervorgehoben habe, dass die subjektiven Gemeingefühle äusserst 
zahlreich sind, die mit der eigentlichen Ernährung und Nahrungs¬ 
aufnahme im Zusammenhang stehen. Diese Gemeingefühle sind fol¬ 
gende: 1. Appetit, 2. Ekel, 3. Hunger, 4. Durst, 5. Sättigungsgefühl. 
Die genannten Allgemeingefühle setzen den Nahrungstrieb zusammen. 
Denn diese Nahrungsbedürfnisse regulieren automatisch den Nahrungs¬ 
bedarf. Die teleologische Betrachtung ist ja klar, dass die Natur die 
Lebewesen zu ihrer Erhaltung mit Vorrichtungen ausstatten musste, 
die ihnen schon vor jeder individuellen Erfahrung und ohne jedes 
geistige Verständnis doch instinktmässig anzeigen müssen, ob objek¬ 
tiver Bedarf an Nahrungsmaterial eintritt, und dass, sowie wann dieser 
objektive Bedarf genügend gedeckt ist. Ja, es bedurfte sogar der Vor¬ 
anzeigen für den genauen Zeitpunkt, wann der Bedarf eintritt, und 
wann er gedeckt ist. Und diese Vorrichtungen und Vorzeichen sind die 
subjektiven Gefühle. 

Von jenen Allgemeingefühlen habe ich 12 ) den Appetit, den 1 Ekel 
und den Hunger eingehend behandelt. Das Sättigungsgefühl ist merk- 

»•) Arch. f. klin. Med. 1911. Bd. 104, S. 94—118. 

**) „Die Alkoholfrage im Lichte der modernen Forschung“. Leipzig 1909, 
S. 64. — „Der Hunger.“ Zentralbl. f. Physiol. 1909, Bd. 23. Nr. 4, S. 106—116. — 
„Diät und Köche.“ Würzburg 1911, S. 78. 

**) L „Ein einfacher therapeutischer Kunstgriff zur Bekämpfung der 
Appetitlosigkeit.“ Allg. Med. Zentralztg. 1906. N. 37. — 2. „Geschmack u. Appetit.“ 
Zeitschr. f. physik. u. diät. Therap. Bd. XI. 1907/08. — 3. „Arznei u. Appetit.“ 


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292 


Wilhelm Sternberg 


würdigerweise noch niemals zum Gegenstand besonderer Betrachtungen 
gewählt worden. Dabei ist dieses Sättigungsgefühl so allgemein deut¬ 
lich und unverkennbar, dass Begriff und Bezeichnung der Sättigung, 
wie ich 1S ) bereits angegeben habe, zu den mannigfachsten Zwecken in 
den verschiedensten Wissenschaften und auch im täglichen Leben als 
Massstab der Vergleichung benutzt werden. Und um so seltsamer ist 
die Tatsache, dass dieses subjektive Gefühl in der Hygiene und in der 
Physiologie der Ernährung bisher vernachlässigt geblieben ist, als das 
Sättigungsgefühl von massgebendem Einfluss für die Praxis ist. Denn 
einmal hängt vom Sättigungsgefühl die Praxis der Diätkuren ab, un¬ 
zweifelhaft der Erfolg der Entfettungs- und Mastkur, worauf ich 14 ) 
bereits hingewiesen habe. Sodann ist es der Sättigungswert, der in der 
Praxis des Handels und in der Praxis von Küche und Keller den 
Massstab für die Bewertung der Lebensmittel neben anderen Momenten 
mit abgibt. Der Sättigungswert ist es, der zu einem Teü auch den 
Wert des Handels mitbestimmt, der Nährwert oder der Brennwert ist 
nicht massgeblich. 

Wer sich mit der Erforschung des Sättigungsgefühls beschäftigt, 
der muss sich zunächst einmal die grundsätzliche Frage vorlegen: 
Ist das Sättigungsgefühl überhaupt eine selbständige Empfindung 
eigener Art? Ist nicht am Ende die Sättigung lediglich die blosse Be¬ 
seitigung des Hungergefühls und nichts anderes? Ich 15 ) habe bereits 
darauf hingewiesen: das Sättigungsgefühl ist nicht etwa bloss die Be¬ 
seitigung des Hungergefühls. Ein tieferes Eindringen in die Frage 
nach dem Wesen der Sättigung führt zu dem Ergebnis, dass das 

Therap. d. Gegenw. Dez. 1907. — 4. „Appetitlichkeit und Unappetitlichkeit.“ 
Münch, med. Wochenschr. 1908. Nr. 23. — 5. „Die Appetitlosigkeit. 44 Zentralbl. 
f. Physiol. 1908. Bd. XXII. Nr. 8. — 6. „Der Appetit in der Theorie und in der 
Praxis. 44 Zentralbl. f. Physiol. 1908. Bd. XXII. Nr. 11. — 7. „Die Schmackhaftig¬ 
keit und der Appetit. 44 Zeitschr. f. Sinnesphysiol. 1908. Bd. 43. — 8. „Der Appe¬ 
tit.“ Deutsche med. Wochschr. 1908. Nr. 52. — 9. „Geschmack und Appetit. 44 
Zeitschr. f. Sinnesphysiol. Bd. 43. 1908. — 10. „Die Appetitlosigkeit in der 
Theorie und in der Praxis. 44 Zentralbl. f. Physiol. Bd. XXII. Nr. 21. — 11. „Der 
Appetit und die Appetitlosigkeit. 44 Zeitschr. f. klin. Med. 1909. Bd. 67. — 12. 
„Der Appetit in der experimentellen Physiologie und in der klinischen Patholo¬ 
gie. 44 Zentralbl. f. Physiol. Bd. XXIII. Nr. 10. — 13. „Appetit und Appetitlichkeit 
in der Hygiene und in der Küche. 44 Zeitschr. f. physik. und diät. Therap. 1909. 
Bd. XIII. — 14. „Physiologische Psychologie des Appetits. 44 Zeitschr. f. Sinnes¬ 
physiologie. 1909. Bd. 44. — 15. „Der Hunger. 44 Zentralbl. f. Physiologie. Bd. 
XXIII. 1909, Nr. 4. — 16. „Die physiologische Grundlage des Hungergefühls.“ 
Zeitschr. f. Sinnesphysiologie. 1911. „Der Appetit in der exakten Medizin. 44 Zeit¬ 
schrift f. Sinnesphysiol. 1910, Bd. 45, S. 433—459. — „Das Appetitproblem in der 
Physiologie. 44 Zeitschr. f. Psychol. 1910. Bd. 59, S. 91—112. 

1# ) „Kochkunst und ärztliche Kunst. 44 Stuttgart 1907, S. 9. 

14 ) „Eine neue Entfettungskur mittelst diätetischer Küche. 44 Fortschr. der 
Med. 1911. Nr. 51 u. 52. — „Neue Gesichtspunkte für Mastkuren mittelst diäteti¬ 
scher Küche.“ Zeitschr. f. physik. u. diät. Therap. 1911. — „Diät und Küche. 44 
Würzburg 1911, S. 52. 

1# ) „Die Küche in der modernen Heilanstalt 44 , S. 73. Stuttgart 1909. — 
„Die Alkoholfrage im Lichte der modernen Forschung 44 , S. 64. Leipzig 1909. 


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Das Sättigungsgefühl. 


293 


Sättigungsgefühl eine selbständige Empfindung ist, die dem Hunger 
entgegengesetzt ist. Ja, das Sättigungsgefühl hat zur Unterstützung 
sogar noch eine zweite Empfindung. Das ist das Uebersättigungsgefühl. 
Und diese beiden Erscheinungen, erstlich die Aufhebung einer Emp¬ 
findung durch ein anderes gegensätzliches Gefühl, und sodann die 
Unterstützung eines Gefühls durch eine zweite Empfindung, finden 
sich allgemein in der Reihe der subjektiven Gefühle der Nahrungsauf¬ 
nahme. So ist der Appetit und Ekel gegensätzlich und gleichermassen 
das Hungergefühl und die Sättigung. Die Angabe von Semi Meyer 16 ), 
dass der Ekel der Gegensatz vom Hunger sei, ist grundsätzlich falsch. 

Wie Aristoteles 17 ) schon hervorhebt, gibt es auch Triebe, 
die einander entgegengesetzt sind: bzEld’ÖQ^eig yivovxaibavvlaiäkXriXaiq. 
Der Appetit ist der Trieb der Anziehungskraft, der Abscheu und Ekel 
der Trieb der abstossenden Kraft, der Abwehr. Wir fühlen uns ange¬ 
zogen und gefesselt an das Appetitliche. Im anderen Fall fühlen wir 
uns abgestossen von dem Abscheulichen und Ekelhaften. Und diesem 
polaren Antagonismus der psychischen Gefühle liegt derselbe polare 
Antagonismus in den physiologischen Funktionen zugrunde. 

Der Appetit hat die Erschliessung und die Eröffnung der ersten 
Wege zur Folge. Er wirkt wie der Schlüssel aufs Schloss in einer und 
nur einer Richtung. Der Ekel oder Abscheu hingegen hat die Ver- 
schliessung und Verlegung der ersten Wege zur Folge. Er wirkt wie 
der Schlüssel aufs Schloss wiederum in einer und nur einer Richtung, 
aber in der der ersten entgegengesetzten Richtung. So hat die Natur 
mit der Umkehr, der Inversion, der Anastrophe, des psychischen 
Appetits in den Ekel oder Abscheu gewissermassen ein physiologisches 
und zugleich physikalisches Verteidigungsmittel dem Organismus mit¬ 
gegeben, das dem chemischen oder biologischen Verteidigungsmittel des 
Organismus gegen bakterielle Infektion an die Seite zu setzen wäre. 
Dieses Verteidigungsmittel ist es, das die Tiere vor Selbstvergiftung mit 
den giftigen Nahrungsmitteln behütet. Dieses Verteidigungsmittel ist 
es, das auch den Menschen vor dem Abusus der Genussmittel bewahrt. 
Dieser Gesichtspunkt ist es, den K r ä p e 1 i n 18 ) gänzlich übersehen 
hat, wenn er meint: „Der Wunsch, die euphorische Stimmung durch 
die Genussmittel festzuhalten und zu steigern, findet sehr bald kein 
Hindernis mehr in ruhiger Ueberlegung der Folgen, sondern führt zu 
immer weiter fortgesetztem Alkoholgenuss.“ Jene physiologische Funk¬ 
tion des psychisch-physikalischen Umschlags ist es schliesslich, die die 

**) Semi Meyer, „Zur Pathologie des Hungergefühls“. Monatsschr. f. 
Psychiatrie u. Neurologie. 1911. Bd. XXVI, S. 233. 

«) De anima T 11, 433 b 5. 

*•) „Heber die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge durch einige 
Arzneimittel.“ Jena 1892, S. 208: „Praktische Folgerungen“. 


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294 


Wilhelm Sternberg 


Erscheinung des Abgegessenseins und die Notwendigkeit der Ab¬ 
wechslung in unserer Nahrung bedingt: Das hat wiederum L. K u 11 - 
ner 11 ) übersehen, als er den warnenden Ratschlag erteilte, „die Ueber- 
ernährung nicht ins Grenzenlose weiterzuführen“. 

Dieser Antagonismus von Appetit und Ekel oder Abscheu ist bei 
der allgemeinen Ueberschätzung der Chemie, die die Medizin, zumal die 
Ernährungslehre kennzeichnet, gar nicht bedacht worden. Hier hat 
man sich auf den pharmakologischen, den chemischen und den bio¬ 
logisch-physiologischen Antagonismus beschränkt. Allein auch mit dem 
Antagonismus von Appetit und Ekel, Sympathie und Antipathie, Zu¬ 
neigung und Abneigung, Anziehung und Abstossung muss man sich 
unbedingt vorher abfinden, wenn man Ernährungstherapie treiben 
will. Der Antagonismus von Appetit und Ekel oder Abscheu ist der 
Anfang aller diätetischen Massnahmen. Daher muss man sich diesen 
Gegensatz einmal gründlich klar gemacht haben. 

In gleicher Weise wie Appetit und Ekel sind auch die Gefühle 
'des Hungers und der Sättigung entgegengesetzt. Einerseits spricht man 
sogar in der Klinik geradezu von einem „Gefühl der Leere“. So redet 
Noorden“) vom „Gefühl der Leere“. Auch Hermann 21 ) hält 
den Hunger für „eine Empfindung von Leere im Verdauungsapparat“. 
Der Ausdruck „Inanition“ ist ein ganz allgemeiner Terminus technicus. 
Demgegenüber ist andererseits das Gefühl des Vollseins in Begriff und 
Bezeichnung so allgemein üblich wie der Ausdruck der Völlerei. 

Auf diese Weise heben sich besondere Empfindungen auf. An¬ 
dererseits aber unterstützen sich besondere Empfindungen gegenseitig. 
Die Natur arbeitet eben nach dem Prinzip: „Doppelt hält besser“. Zur 
Sicherung der Nahrungsaufnahme hat die Natur die entgegengesetzten 
Gefühle der Nahrungsbedürfnisse verdoppelt. Ich 22 ) habe das bereits 
ausgeführt. Auf der einen Seite wird der Appetit durch die Steigerung 
zum Hunger unterstützt. Auf der anderen Seite findet auch das 
Gegenteil des Appetits, die Appetitlosigkeit, besondere Unterstützung, 
da dem Sättigungsgefühl noch das Uebersättigungsgefühl zur Seite 
steht, das Gefühl, das sich überdies noch bis zum Ekelgefühl steigern 
kann. 

Appetit und Hunger sind zwei verschiedene selbständige Gemein¬ 
gefühle. Man kann Hunger empfinden, ohne Appetit zu haben, ebenso 
wie man Appetit spüren kann, ohne Hunger zu leiden. Es besteht eben 

*•) „Ueber -und Unterernährungskuren.“ Med. Klinik. 1909. Nr. 19, S. 6. 

*•) Die Fettsucht. Nothnagels Handb. 1910. 2. Aull., S. 96. 

**) L. Hermann, Grundriss der Physiologie des Menschen, S. 193. Ber¬ 
lin 1872. 

") Zentral«, f. Physiol. XXIII. Nr. 4, S. 106—116. — „Diät und Köche“, 
Würzburg 1911, S. 68. 


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Das Sättigungsgefühl. 


295 


eine physiologische Ergänzung beider Gefühle. Dabei sind die beiden 
subjektiven Empfindungen nicht etwa bloss in gradueller Hinsicht ver¬ 
schiedene Gemeingefühle, sondern zwei qualitativ grundsätzlich ver¬ 
schiedene Empfindungen, verschieden dem Wesen nach und verschieden 
der Oertlichkeit nach, an die ihre physiologische Erscheinung ge¬ 
knüpft ist. 

Zeitlich ist es der Appetit, der das Nahrungsbedürfnis zuerst ein¬ 
leitet und auch zum Schluss wieder beendet. Erst wenn der Appetit 
lange unbefriedigt bleibt, erst dann kann sich auch noch der Hunger 
hinzugesellen. Andererseits kann sich auch noch nach Befriedigung 
des Hungers und nach Eintritt des Sättigungsgefühls der Appetit ein¬ 
stellen. Je mehr der Hunger gestillt ist, und je mehr man sich der 
Sättigung nähert, desto mehr kann der Appetit hervortreten. 

Oertlich ist der Appetit vom Munde abhängig, der Hunger aber 
vom Magen. Die „exakten“ Experimentatoren verlegen zwar auch den 
Appetit in den Magen. Aber sie haben dazu gar keine objektive Be¬ 
rechtigung. Denn diese Annahme ist eine ganz willkürliche. Tat¬ 
sächlich hat der Appetit — zunächst und unmittelbar — mit dem 
Magen gar nichts zu tun. Auch Neisser 23 ) und Bräuning ha¬ 
ben immer noch nicht die Hauptsache vom Wesen des Appetits, nicht 
einmal den Kernpunkt des Problems erfasst. 

Der Art nach sind beide Gefühle gleichfalls verschieden. Der 
Appetit stellt in physiologischem Sinne ein Unlustgefühl dar. Die 
Sprache freilich kennzeichnet die Empfindung des Appetits als ein Ge¬ 
fühl der Lust oder Freude in den Bezeichnungen „Esslust“ und „Ess¬ 
freudigkeit“. Aber in physiologischem Sinne ist der Appetit doch ein 
Unlustgefühl. Freilich kann sich dieses Unlustgefühl doch niemals 
bis zum Schmerz steigern. Der Hunger hingegen ist ein wahres 
Schmerzgefühl. 

Der Appetit erstreckt sich auf den festen, aber auch auf den 
flüssigen Aggregatzustand der Nahrung. Dagegen beschränkt sich der 
Hunger bloss auf den festen Aggregatzustand. 

Der Appetit bezieht sich auf die Qualität, aber der Hunger auf 
die Quantität. 

Daher haben die sinnlichen Eigenschaften den grössten Einfluss 
auf den Appetit, während sie den Hunger weniger beeinflussen. Und 
diese sensuellen Qualitäten beziehen sich auf den Geschmack im wei¬ 
testen Umfange. Denn der Geschmack, in der weitesten Bedeutung des 
Wortes, erstreckt sich nicht weniger als auf vier Sinne: Sehsinn, Tast¬ 
sinn und den chemischen Sinn des Geschmacks und Geruchs. Das Auge 
beherrscht die Appetitlichkeit, die zum Essen einladet, und die Un- 

**) Münch, mcd. Wochenschr. 1911. Nr. 37. 


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Wilhelm Sternberg 


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appetitlichkeit bis zur abwehrenden Ekelhaftigkeit, die vom Essen ab¬ 
hält und abstösst. Deshalb tritt die Anforderung an die Appetitlichkeit 
und an den Geschmack desto mehr hervor, je mehr der Hunger ge¬ 
stillt, das Sättigungsgefühl eingetreten ist, und der Appetit hervortritt. 
Und das ist der Fall nach Tisch. Der Nachtisch ist daher der schwie¬ 
rigste Teil der Speisenfolge. 

Dazu kommt die grundsätzliche Verschiedenheit in der Wirkung 
des Ekels und des Ekelhaften auf Appetit und Hunger. Denn der Ekel 
ist der polare Gegensatz des Appetits. Daher kann der Ekel den Ap¬ 
petit geradezu aufheben, weniger den Hunger. 

Der Hungrige achtet so wenig auf den Wohlgeschmack, dass er 
sich nicht erst lange noch mit dem Gemessen des Schmackhaften auf¬ 
hält. Hunger ist der beste Koch. Hunger ist the best sauce. La faim 
assaissonne tout. Qui a faim mange tout. Schon Nietzsche * 4 ) 
macht darauf aufmerksam, dass der Geschmack den Hunger 
gar nicht beeinflusst: „Den Hunger als Gast abweisen. — Weil 
dem Hungrigen die feine Speise so gut und um nichts besser 
als die gröbste dient, so wird der anspruchsvollere Künstler nicht 
darauf denken, den Hungrigen zu seiner Mahlzeit zu laden.“ Daher 
kommt es, dass der Hungrige des Genusses und der Genussmittel nicht 
so sehr bedarf. Schon V o i t * 6 ) macht darauf aufmerksam: „Nur 
ein gewaltiger Hunger macht die Begierde so gross, dass die Genuss¬ 
mittel übersehen werden, ja dass sonst Ekelhaftes uns angenehm er¬ 
scheint.“ 

Allein deshalb ist doch nicht jede Einwirkung des Geschmacks 
auszuschalten. Daher ist die A nnahm e von N e i s s e r * 6 ) und B r ä u- 
n i n g ganz irrig, dass sie für den Hungrigen einfachste Probemahl¬ 
zeiten durch ihre möglichste Ausschaltung von Geschmacks- und Ge¬ 
ruchsqualitäten hergestellt hätten. 

Andererseits hat die Einwirkung des Ekels dem Hunger gegen¬ 
über doch auch nicht uneingeschränkte Grenzen, sondern ist, wie alle 
physiologischen Einwirkungen, an gewisse Bedingungen geknüpft, 
welche nicht überschritten werden dürfen. So berichtet bereits V o i t 27 ) 
sogar von den Gefangenen: „Die Leute bekommen trotz lebhaften 
Hungers nach und nach einen so unüberwindlichen Ekel, dass schon 
beim Anblick und Riechen der Kost Würgbewegungen eintreten.“ 
Deshalb ist es doch nicht ganz gleichgültig, den Hungrigen zu experi¬ 
mentellen Untersuchungen über das Sättigungsgefühl mit der Schlund¬ 
sonde zu traktieren und ihm mittelst Schlundsonde die Nahrung bei- 

,f ) Menschliches, Allzumenschliches. Vermischte Meinungen und Sprüche. 

”) „Ueber die Kost in öffentlichen Anstalten“, S. 18. München 1870. 

*) Münch, med. Wochenschr. 1911. Nr. 37. 

*?) „Ueber die Kost in öffentlichen Anstalten“, S. 36. München 1876. 


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Das Sättigungsgef üh 1. 


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zubringen. Das ist eine irrtümliche Anordnung von Albu 28 ) und 
N e i s s e r 29 ). Denn die Schlundsonde erzeugt unangenehme Emp¬ 
findungen, Uebelkeit, Ekel, Brechneigung; und der Ekel kann doch 
auch den Hunger beeinflussen, überdies steht er dem Sättigungsgefühl 
noch in anderer Hinsicht nahe. 

Wie das psychische Gefühl des Appetits durch das psychische 
Gefühl des Hungers 80 ) unterstützt wird, so helfen sich auch die 
physiologischen Funktionen gegenseitig aus, die diesen Gemeingefühlen 
zugrunde liegen. Der Hunger vermag denselben physiologischen End¬ 
zweck zu erreichen, den der Geschmack in dem anderen Falle der Ab¬ 
wesenheit des Hungers hätte bewirken müssen, der sinnliche Geschmack 
und der psychische Geschmack, wie der Appetit auch genannt wird. Und 
das ist das eine wie das andere Mal die Aufnahme der Fremdkörper in 
den Magen und zwar auf natürlichem Wege durch den Mund. Rechnet 
man zum ersten Abschnitt des Ernährungsschlauches die Strecke vom 
Mund bis zum Magenmund oder vom Sphinctef oris bis zum Sphincter 
cardiae, dann ist ebenso wie der Anfang auch das Ende dieses Abschnitts 
befähigt, genau denselben physiologischen Effekt auszulösen. Die psy¬ 
chische Empfindung des Appetits am ersten Anfang und die psychische 
Empfindung des Hungers am Endteil erzielen die nämlichen physiolo¬ 
gischen Funktionen. Die erste Unlustempfindung der Esslust bezweckt 
nichts anderes als die schliessliche Unlustempfindung des schmerz¬ 
haften Hungergefühls. Gerade die schmerzhafte Unlust hat aber die Na¬ 
tur an den Schluss gesetzt, damit für den Fall, dass die erste Unlustemp¬ 
findung des Geschmacks und Appetits fortfällt, das Individuum doch 
wenigstens durch den zwingenden Schmerz des Hungers an die Notwen¬ 
digkeit zur Erhaltung des Körpers aufs eindringlichste gemahnt wird. 

In gleicher Weise wie Appetit und Hunger, unterstützen sich auch 
Sättigungs- und Uebersättigungsgefühl. Sättigungsgefühl und Ueber- 
sattigungsgefühl sind zwei vollkommen selbständige Empfindungen. 
Rubner 51 ) erwähnt wiederholt das Uebersättigungsgefühl neben dem 
Sättigungsgefühl. Wenn Goldscheider 82 ) mehrmals angibt, dass 
das Sättigungsgefühl dem Ekel gleichkommt, so beruht diese Annahme 
auf einem objektiven Irrtum. Ich 88 ) habe darauf wiederholt aufmerk- 

*•) Therap. Monatsh. August 1898. — Münch, med. Wochenschr. 1911, Nr. 42. 

*•) Münch, med. Wochenschr. 1911. Nr. 37. 

*•) „Der Hunger.“ Zentralbl. f. Physiol. XXIII. Nr. 4. 

**) Leydens Handb. der Ernährungstherapie 1897 I, S. 136 u. Handb. d. Hy¬ 
giene 1911. 

**) „Nährwert u. Wohlgeschmack.“ Woche 11. I. 08. — „Wohlgeschmack u. 
Genusswirkung.“ 22. II. 08. 

**) „Die Appetitlosigkeit in der Theorie u. in der Praxis." Ztbl. f. Physiol. 
XXII. Nr. 21. — „Der Appetit u. die Appetitlosigkeit“ Zeitschr. f. klin. Med. 
1909. Bd. 67. — „Die Alkoholfrage im Lichte der modernen Forschung“, S. 64. 
1909. — „Die Alkoholfrage im Lichte d. modernen Forschung“, S. 32 u. 33. Lpzg. 1909. 


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Wilhelm Sternberg 


8am gemacht. Beide Gefühle, das Sättigungsgefühl und das Ekelgefühl, 
sind in ihren subjektiven Empfindungen gänzlich verschieden von¬ 
einander, aber auch in ihren objektiven Begründungen. 

Sehr deutlich offenbart sich die Verschiedenheit von Sättigungs¬ 
gefühl und Uebersättigungsgefühl in der gegensätzlichen Wirkung der 
optischen Eindrücke. Die gravide Frau, die erfahrungsgemäss eine grosse 
Neigung zum Erbrechen hat, ist infolge dieser Prädisposition auch zur 
Seekrankheit besonders prädisponiert. Denn die Seekrankheit ist nichts 
weiter als das protrahierte Vorstadium der Brechneigung. Merkwür¬ 
digerweise sind diese Beobachtungen der gesamten Literatur bisher ent¬ 
gangen. Auch Rosenbach erwähnt sie nicht. Und sogar diese gravide 
Frau kann selbst bei höchstem Seegang, wenn sie nicht seekrank ist, 
getrost mitansehen bis zur eigenen Sättigung, wie noch die übrigen 
Gäste in ihrer Gesellschaft längere Zeit hindurch mit Behagen dem 
■weiteren Genuss der Speisen huldigen, von denen sie selber bereits ge¬ 
sättigt ist. Ist aber bereits Uebersättigung oder gar Neigung zu Ekel 
eingetreten, dann kann nicht e inm al der kräftigste und unempfindlichste 
Mann, schon zu Lande nicht mehr, im gewöhnlichen Gasthaus, mitan¬ 
sehen, wie andere essen, ohne selber Brechneigung zu empfinden. 

Den ersten Anlass nämlich, das volle Gefäss des Magens ge- 
wissermassen zum Ueberlaufen zu bringen, geben die optischen Reize. 
Diese populäre Tatsache bleibt in der fachwissenschaftlichen Literatur 
gleichfalls unbekannt. 

Auch vom Hunger- und Sättigungsgefühl gilt der von mir auf¬ 
gestellte Grundsatz: Der objektive Wert des Nahrungsbedarfs, der Ge¬ 
webehunger, wird von chemischen Momenten beherrscht; aber der 
subjektive Wert des Nahrungsbedürfnisses wird von physikalischen 
Momenten beherrscht. Den Nährwert beeinflusst der Chemismus. 
Daher spricht man mit Recht von „chemischem Nährwert“. Auf die 
Sättigung hingegen wirken die physikalischen Einflüsse ein. Und dabei 
kommt erstlich der physikalische Aggregatzustand in Betracht, sodann 
die Temperatur und schliesslich das Volumen. Ich S4 ) habe darauf 
schon wiederholt hingewiesen. 

Was den Aggregatzustand anlangt, so beseitigen Flüssigkeiten 
das Hungergefühl wenig oder gar nicht. Ich 8B ) habe das bereits wieder¬ 
holt festgestellt. N e i s s e r und Bräuning 3 ®) haben dies fünf Jahre 
später vollkommen übersehen. Deshalb ist es ein prinzipieller Fehler 

**) Ztbl. f. Physiol. 1909, Bd. XXIII, Nr. 4. — „Diät u. Küche", Würzburg, 
S. 103 u. 104. 1911. 

**) „Krankenernährung u. Krankenküche“, Stuttgart, S. 13. 1906. — „lieber 
die Behandlung des Ulcus ventriculi mittelst rationeller Küche.“ Juni 1908. — 
„Der Hunger.“ Ztbl. f. Physiol. 1909, Bd. XXm, Nr. 4. 

**) „Ueber normale u. vorzeitige Sättigung.“ Münch, med. Wochensehr. 
1911. Nr. 37. 


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Das Sättigungsgefühl. 


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von Neisser und Bräuning, zur Untersuchung über das Sätti¬ 
gungsgefühl Wasser mit festen Mahlzeiten zu vergleichen. Dabei be¬ 
zieht sich die Unfähigkeit der Flüssigkeiten, zu sättigen, bloss auf Lö¬ 
sungen und nicht etwa auch auf Suspensionen oder gar Emulsionen. 
Auch das habe ich 8T ) bereits klargelegt. Zuckerlösungen stillen den 
Hunger nicht, wenigstens nicht direkt. Dagegen besänftigt Kakao¬ 
getränk, eine Suspension darstellend, den Hunger sehr schnell. Des¬ 
halb empfiehlt es sich auch nicht, appetitlosen Kranken Kakao zu 
reichen, jedenfalls nicht am Anfänge der Mahlzeit. Dieser Vorschlag 
von Nietzsche 88 ), „man soll eine Stunde vorher eine Tasse entölten 
Kakaos den Anfang machen lassen“, ist physiologisch falsch. 

Milch stillt den Hunger des Säuglings. Aber der Hunger des Er¬ 
wachsenen wird durch ausschliesslichen Milchgenuss nicht mehr besänf¬ 
tigt. Lüthje 39 ) vertritt freilich den entgegengesetzten Standpunkt: 
„Nur einen grossen Vorteü“, meint er, „besitzt oft (nicht immer!) die 
Karellkur: die Kranken haben merkwürdigerweise trotz der starken 
Unterernährung kein Hungergefühl.“ Allein diese Angabe erscheint mir 
objektiv unrichtig. Sogar Kranke, die nur geringen Appetit haben, 
werden von Milch doch nicht gesättigt. Einer meiner Kranken, der 
ziemlich appetitlos war, erhielt bloss einen einzigen Tag Milch und 
nicht einmal ausschliesslich Milch, sondern noch mit Sahnezusatz und 
vollends unter Hinzufügung eines Brötchens. Er bekam danach einen 
solchen Hunger, dass er, wie er sich ausdrückte, „essen musste“. Wer 
an Magengeschwür leidet, der hungert, und dem vermag die gesamte 
flüssige Diät den Hunger nicht zu beseitigen. Schon darum ist jede 
Milchkur als Ulkus- oder als Entfettungskur für den Erwachsenen eine 
Hungerkur. 

Dass der physikalische Aggregatzustand für die Befriedigung des 
Hunger- und Sättigungsgefühls hervorragende Bedeutung haben muss, 
das zeigt schon die Beobachtung an den Wiederkäuern. Deshalb habe 
ich 40 ) stets auf diese Tiere besonders hingewiesen. Denn gerade ihr Ge¬ 
baren ist von ausschlaggebender Bedeutung für die Lösung all dieser Pro¬ 
bleme. Darum ist die Beobachtung dieser Tiere unter natürlichen un¬ 
veränderten Bedingungen viel wertvoller als alle Experimente an an¬ 
deren Tieren. Wer dies übersieht, der gelangt zu prinzipiellen Irr- 
tümern. 

Bei den Wiederkäuern gelangen alle Nahrungsmittel, soweit sie 
gelöst sind, durch alle Mägen hindurch zum Darm sofort, schnell, leicht 

”) „Der Hunger.“ Ztbl. f. Physiol. 1909. 

*•) Ecce homo. 

*•) „Die Behandlung der Fettleibigkeit“ im Handb. d. ges. Therap. v. 
Penzoldt-Stintzing 1909. 4. Aufl. Bd. 2, S. 20. 

«) „Der Hunger."Ztbl. f. Phyaiol. XXIII. Nr. 4. 


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Wilhelm Sternberg 


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und ungehindert, während feste Körper die Schlundrinne noch nicht 
passieren können und daher erst der Rejektion und der Zerkleinerung 
durch das Wiederkäuen bedürfen und zwar so lange, bis sie so ver¬ 
teilt und so flüssig gemacht sind, dass sie nunmehr gleichfalls die 
Schlundrinne hindurchpassieren können. Diese Tiere sind mit Flüssig¬ 
keiten allein nicht zu sättigen, und wenn diese auch den chemischen 
Nährwert und den physikalischen Brennwert rechnerisch noch so genau 
aufweisen. Wenigstens tritt das Sättigungsgefühl nicht mehr nach der 
ersten Zeit des Saugens ein. 

Hartgekochte Eier sättigen viel mehr als rohe oder weich ge¬ 
kochte. Auch das hatte ich 41 ) bereits hervorgehoben. Daher kann 
man von diesen viel mehr essen als von jenen. Merkwürdigerweise ist 
diese einfache Beobachtung der gesamten fachwissenschaftlichen Lite¬ 
ratur entgangen, so populär sie auch jedem Laien ist. 

Feste, solide Körper haben eben grösseren Einfluss auf die Be¬ 
seitigung des Hungergefühls als halbflüssige und weiche. Wer an 
Magengeschwür leidet, der empfindet sogar die grössten Schmerzen 
bei der Einnahme von festen Speisen. Allein trotzdem wird das 
Hungergefühl, das der an Magengeschwür Leidende ausserordentlich 
lebhaft empfindet, am ehesten durch Zubereitungen von festem Aggre¬ 
gatzustand beseitigt. Selbst ganz unlösliche, ja vollkommen nutzlose 
und unverdauliche, vollends unresorbierbare Körper von festem Aggre¬ 
gatzustande können das Hungergefühl beseitigen. Zu Zeiten der 
Hungersnot greifen die Menschen, um den Hunger zu stülen, gleich¬ 
falls zu festen Stoffen, die gar nicht nahrhaft und gänzlich unver¬ 
daulich sind. Viele Tiere nehmen sogar regelmässig solche Stoffe 
zu sich. 

Freilich kommt dabei doch noch ein weiterer Gesichtspunkt in 
Betracht, der nicht zu übersehen ist, ein Beweis dafür, wie kompliziert 
die Verhältnisse bei der Nahrungsaufnahme sind. Denn gewisse Flüs¬ 
sigkeiten können zwar momentan sättigen. Aber sie können trotzdem 
auch noch Appetit oder gar Hunger machen. Das güt für die alkohol¬ 
haltigen Genussmittel. Bier und Wein sättigen, trotzdem sie nähren, 
höchstens für den Augenblick. Es trifft also die Ansicht nicht zu, 
die Kant 42 ) äussert: „Biertrinken nannte er ein Essen, weil Bier so 
viele nährende Bestandteile enthält, dass die Liebhaber desselben sich 
dadurch sättigen und sich den Appetit zum Essen verderben.“ Viel¬ 
mehr beansprucht das Gegenteil physiologische Richtigkeit. Bier sät¬ 
tigt kaum oder höchstens für den Moment, wie ich bereits hervorgehoben 

**) „Die Küche in der modernen Heilanstalt“, S. 63. Stuttgart 1909. — 
„Küche für Entfettungskuren.“ Deutsche med. Wochenschr. 1907. Nr. 49, S. 2. 

**) Immanuel Kant, „Ein Lebensbild nach Darstellung seiner Zeitgenos¬ 
sen“. Halle 1902. J. Jachmann. 16. Brief. 


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Dae Sättigungsgefühl. 


301 


habe, und hat dennoch hohen Nährwert. Die Abstinenten nehmen des¬ 
halb den falschen Standpunkt mit der Behauptung ein, dass Bier sättige. 
Diese unrichtige Annahme wiederholt neuerdings auch Rosemann 43 ). 
Ebensowenig ist die Annahme richtig, dass Alkohol den Appetit ver¬ 
dirbt. Ich 44 ) habe das Gegenteil festgestellt. Neuerdings gibt mir dies 
auch einer der abstinenten Aerzte zu: Dr. Paul Schenk 45 ). 

Das gleiche gilt für die Bouillon. Bouillon sättigt zwar momentan, 
ohne zu nähren, macht aber doch noch Appetit. Diesen Gesichtspunkt 
hat W e g e 1 e 46 ) gänzlich übersehen, wenn er meint: „Im allgemeinen 
ist die in Deutschland herrschende Sitte, die Hauptmahlzeiten mit dem 
Genuss grosser Mengen von Suppe einzuleiten, dem Magenkranken 
entschieden zu widerraten, da der Magen von vornherein angefüllt wird, 
•und für die wirklich nahrhaften Speisen dann der Appetit fehlt.“ 

Denselben Irrtum scheint auch Nietzsche 47 ) begangen zu 
haben, da er diese Eigentümlichkeit der deutschen Küche heftig be¬ 
kämpft: „Die deutsche Küche überhaupt — was hat sie nicht alles auf 
dem Gewissen! Die Suppe vor der Mahlzeit —“. Gleichfalls hat 
A1 b u 48 ) die Bedeutung der Bouillon vollkommen verkannt, indem er 
behauptet: „Die Eröffnung der Mittagsmahlzeit mit einer Suppe ist 
überflüssige Gewohnheit, zumal bekanntlich der Fleichbouülon kein 
Nährwert zukommt.“ Dieser Standpunkt von Albu ist vollkommen 
irrig. Ich 49 ) habe die Unrichtigkeit von Albus Auslassungen nach¬ 
gewiesen. Ueberdies war bereits dreissig Jahre zuvor die eine physio¬ 
logische Begründung für den Beginn des Mahls mit der Fleischsuppe 
gegeben worden. Renk 50 ) hebt ausdrücklich hervor: „Die schmecken¬ 
den Stoffe der Fleischbrühe wirken als ausgezeichnete Genussmittel, um 
Appetit nach Speisen zu erregen.“ Wohlgeschmack und die durch die 
Schmackhaftigkeit erzielte Anregung des Appetits sind schon einige 
Gründe für den Beginn der Mahlzeit mit der Bouillon. 

Ein weiterer Grund für die traditionelle Verlegung der Suppe an 
die erste Stelle der ganzen Reihenfolge von Speisen bezieht sich auf die 
Temperatur. Denn zu den höchst wirksamen Momenten' der Physik, 
welche das Sättigungsgefühl beeinflussen, zählt auch die Temperatur. 

**) „Die hygienische Bedeutung der alkoholischen Getränke.“ Zeitschr. f. 
Untersuchung der Nahrungs- u. Genussmittel. 1911. Bd. 22, S. 29 u. 33. 

**) „Geschmack u. Appetit.“ Zeitschr. f. physik. u. diät. Therap. 1907/08. 
Bd. XI, S. 4 u. 5. 

“) Vierteljahrsschr. f. öffentl. Gesundheitspflege. 1910. Bd. 42, S. 571. 

*•) „Die diätetische Küche für Magen- und Darmkranke.“ 4. AufL, S. 22. 
Jena 1906. 

* 7 ) Nietzsche, „Ecce homo“. „Warum ich klug bin“, S. 30. 

*•) „Grundzüge der Ernährungstherapie“, Stuttgart, S. 43. 1908. 

**) „Die Alkoholfrage im Lichte der modernen Forschung“, S. 257. Leip¬ 
zig 1909. 

M ) „Ueber die Kost in dem Krankenhause zu München.“ München 1877 in: 
Voit, „Untersuchung der Kost in einigen öffentlichen Anstalten“, S. 100. 


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Die Temperatur hat ja auch für den Geschmack und die Schmack¬ 
haftigkeit sowie für die gesamte Küche, für die Aufgaben und Wir¬ 
kungen von Küche und Keller hervorragende Bedeutung. Hier zeigt 
es sich also deutlich, wie sehr Geschmack und Schmackhaftigkeit nicht 
nur von chemischen, sondern auch von physikalischen Bedingungen 
abhängen. Selbst auf sämtliche psychischen Allgemeingefühle der Er¬ 
nährung hat die Temperatur einen gewaltigen Einfluss, besonders auch 
auf unser Sättigungsgefühl. Ich habe das bereits eingehend hervor¬ 
gehoben. In der medizinischen Literatur ist diese Tatsache merk¬ 
würdigerweise unbeachtet geblieben, selbst in der gesamten Literatur der 
modernen Spezialwerke über Diätkuren oder der Abhandlungen, 
welche sich mit der Technik der Entfettungskuren beschäftigen: 
Noorden 81 ), Ebstein 82 ), Dichter 8S ), Pfeiffer 84 ), Wein¬ 
traut 88 ), Cantani 8 ®), Immer mann 87 ), Kisch 88 ) u. a. m. 
Das ist besonders seltsam. Denn die Pathologie und Therapie befassen 
sich doch schon auf anderen Gebieten mit den thermischen Einflüssen 
eingehend, z. B. mit der Einwirkung der Kälte auf Diabetes, Nephritis, 
Erkältungskrankheiten u. a. m. Hat sich doch auch die Physiologie 
sogar mit einer eigenen Sinnesempfindung für die Temperatur abzu¬ 
finden. Eine selbständige Spezialdisziplin der Therapie hat sich überdies 
schon herausgebildet, welche die thermische Beeinflussung zum Ziel 
hat. Denn wie sich in der Physik als ein eigener Teil die Thermo¬ 
dynamik abgezweigt hat und in der Chemie die Thermochemie, so sind 
auch die Thermotherapie in Form der Hydrotherapie, der Heissluft¬ 
therapie und der eigentlichen Thermotherapie, ferner die Diathermie* 
Transthermie und die Thermopenetration besondere Behandlungs¬ 
methoden. Die Beachtung der Temperatur der Speisen ist für die 
Praxis ausserordentlich wichtig, insofern sie gleichermassen für Ent- 
fettungs- wie für Mastkuren erfolgreich zu verwerten ist. Denn sie be¬ 
einflusst erheblich das Sättigungsgefühl. 

Gleichfalls der exakten Physiologie der Ernährung ist diese Be- 


") Noorden, „Die Fettsucht“, 2. Aufl. 1910. Nothnagels H&ndb. 

**) Ebstein, „Die Fettleibigkeit u. ihre Behandlung“, 7. Aufl. Wiesbaden 
1887. — „Fettleibigkeit“' in ,„Deutsche Klinik“ v. Leyden u. Klemperer, Bd. XIII. 
Berlin 1903. 

**) Richter, „Indikation u. Technik der Entfettungskuren“ in „Sammlg. 
zwangloser Abhdlg.“ v. Albu, Heft 4. 

M ) Pfeiffer, Behandlung der Fettleibigkeit“ in Penzoldt-Stintzings 
Handb. d. Therap. inn. Krankh. 1897. 

“) Weintraud, „Physik. Therap. d. Fettsucht“ im „Handb. d. physik. 
Therap.“ von Goldscheider-Jacob. 

M ) Cantani, Spez. Path. u. Therap. d. Stoffwechselkrkh., deutsch von 
Hahn. Bd. UI. 

87 ) Immermann, „Die Fettsucht“ in Ziemssens Spez. Path. u. Therap. 
1879. Bd. XIII. 

“) Kisch, „Die Fettleibigkeit“. Stuttgart. F. Enke. 1888. 


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Das Sättigungsgefühl. 


303 


(Pachtung entgangen. Rubner 5 “) behauptet sogar, „gewiss kann 
man auch ohne warme Speisen existieren“. „Worin dieses Bedürfnis 
nach Wärme seinen Grund findet, ist nicht genügend aufgeklärt.“ 

Warme Speisen, zumal warme Fleischgerichte, sättigen eben viel 
mehr als kaltes Fleisch. Selbst warme Flüssigkeiten beruhigen momentan 
das Hungergefühl, freilich auch nur für kurze Zeit. Diese Tatsache, 
aus der alltäglichen Praxis einem jeden Laien längst bekannt, ist selt¬ 
samerweise der theoretischen Wissenschaft fremd geblieben. Und doch 
beruht auch auf dieser Eigentümlichkeit die Tradition der Reihenfolge, 
die seit langer Zeit gerade mit einer warmen Flüssigkeit das Mahl 
einleiten und gerade mit eiskalten Speisen die Mahlzeiten beschliessen 
lässt. Jedenfalls ist die Einwirkung der Wärme auf das Sättigungs¬ 
gefühl ein weiterer Grund dafür, dass die warme Bouillon die Reihe 
der Speisenfolge einleitet. Das ist es, was auch Schwalbe 90 ) über¬ 
sehen! hat. Infolge dieser Einwirkung von warmen Flüssigkeiten auf 
das Sättigungsgefühl empfehle ich 91 ) bei Entfettungskuren möglichst 
viel warme Mahlzeiten, auch warme Flüssigkeiten und warme Suppen. 
Andererseits sollte man bei Mastkuren oder bei Appetitlosigkeit mög¬ 
lichst selten warme Speisen verabfolgen. 

Das Uebersehen dieser meiner Angaben hat N e i s s e r * 2 ) und 
Bräuning zu vielen Irrtümem veranlasst. Denn einmal wusste 
das schon jeder Laie, dass feste Speisen mehr sättigen als Flüssigkeiten, 
selbst wenn diese warm sind. Zudem haben sie nicht einmal die Tem¬ 
peratur mit berücksichtigt, jedenfalls nicht erwähnt. Daher ist es auch 
nicht ausgeschlossen, dass sie kaltes Wasser mit warmem Kartoffelbrei 
vergleichen. Ihre Vergleiche hinken dann noch erheblich, denn das 
sind eben nicht „einfachste Probemahlzeiten“, wie sie annehmen. 

Warme Speisen, besonders warme Fleichgerichte, erzeugen aber 
auch leichter Widerwillen. Kalte Küche hingegen erregt leichter Appetit. 
Kranke, die an hochgradiger Appetitlosigkeit leiden und einen unüber¬ 
windlichen Ekel vor warmen Gerichten haben, nehmen oft noch recht 
gern kalte Speisen, z. B. kaltes Fleisch, zu sich. Daher sollte der 
Frauenarzt bei Erbrechen der Graviden nicht warme, sondern kalte 
Küche reichen. Zumal warme Fleischspeisen, warme Bouillon sind 
grundsätzlich verboten. Diese einfache Tatsache ist der Literatur der 
Frauenärzte unbekannt. Dabei ist aber die Beobachtung noch besonders 
bemerkenswert, dass es nicht etwa der Geruch sein kann, der diese 
Einwirkung auf Appetit bzw. Ekel bedingt. Diese kommt nicht etwa 

*•) Lehrb. d. Hygiene, 1892, S. 464. 

*°) Schwalbe, Lit.-Ber. d. Deutsch, med. Wochenschr. 1. März 1906. 

“) Fortschr. d. Med. 1911. Nr. 61 u. 52. „Eine neue Entfettungskur mittels 
diätetischer Küche“. 

") Münch, med. Wochenschr. 1911. Nr. 37. 


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Wilhelm Stemberg 


dadurch zustande, dass der Geruch den Brechreflex bei warmen Speisen 
leichter auslösen könnte. Denn ich habe jene Einwirkung der Tempe¬ 
ratur auf Appetit und Sättigung auch bei geruchlosen, an totaler 
Anosmie leidenden Appetitlosen beobachtet und ebenso bei artefizieller 
Anosmie. Ueberhaupt wird hierbei der Geruch im allgemeinen über¬ 
schätzt, wie es scheint. Rubner 68 ) meint: „Warme Fleischspeisen 
behagen besser, weil mit den Dämpfen auch mehr riechende Stoffe 
sich verbreiten.“ Allein das Behagen an warmen Speisen ist durchaus 
nicht bloss darauf begründet, dass in der Wärme der Duft mehr her¬ 
vortritt. Das Behagen dürfte vielmehr darauf zurückzuführen sein, 
dass die Wärme mehr auf das Sättigungsgefühl einwirkt. Daher bleiben 
wir von kalten Mahlzeiten weniger befriedigt, sogar in der grössten 
Hitze, wenn wir den ganzen Tag ohne eine einzige warme Mahlzeit bleiben. 
In der täglichen Erfahrung ist diese Tatsache des Einflusses der Tem¬ 
peratur auf das Sättigungsgefühl längst bekannt. Wer sich etwa 
aus Sparsamkeitsrücksichten mit kalter Kost begnügen wollte, wird 
sich sehr täuschen. Denn zur Sättigung bedarf er grösserer Mengen, 
so dass die kalte Mahlzeit schliesslich teurer wird als die warme. Auch 
P 1 i n i u s ® 4 ) hat bereits auf einen gewissen Unterschied aufmerksam 
gemacht. Wenn dieser auch nicht der richtige ist, so ist doch die Tat¬ 
sache an sich bemerkenswert, dass er den Unterschied jedenfalls kon¬ 
statiert: „Durch trockene, dürre und kalte Speisen wird der Körper 
mager.“ Augescunt corpora dulcibus atque pinguibus et potu: minu- 
utur siccis et aridis frigidisque ac siti. Deutlich hebt der Dichter 
Shaw 68 ) die physiologisch durchaus zutreffende Tatsache hervor, in¬ 
dem er der Frau Warren die Worte in den Mund legt: „Na, ich esse 
ganz gern; aber man braucht lange, will man von kaltem Fleisch und 
Käse und Salat satt werden.“ 

Den grössten Einfluss auf das Sättigungsgefühl hat aber doch 
nicht die Temperatur, sondern ein anderer physikalischer Faktor. Das 
ist das Volumen der eingeführten Stoffe. Schon damit richtet sich das 
moderne Bestreben der durch die Chemie beeinflussten Wissenschaft 
und der chemischen Industrie nach einer künstlichen Nahrung mittelst 
konzentrierter kompendiöser Tablettchen oder chemischer Nährprä¬ 
parate. Denn damit ist die Unmöglichkeit dieses Problems hinlänglich 
bewiesen. Nicht bloss die chemisch-analytische, sondern auch die physi¬ 
kalisch-volumetrische Bestimmung der Nahrung ist für ihren Wert 
entscheidend. Wie ich 66 ) bereits hervorhob, erregen die Vegetabilien 
überaus schnell das Sättigungsgefühl. Sie nehmen nämlich bei der Zu- 

“) Lehrb. d. Hygiene, S. 402. 1892. 

M ) Hist. nat. XI, § 118. 

•*) Bernhard Shaw, „Frau Warrens Gewerbe“. 2. Aufzug. 

••) „Küche für Entfettungskuren.“ Dtsch. med. Wochenschr. 1907. Nr. 47. 


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Das Sättigung^gefühl. 


305 


bereitung reichlich Wasser auf. Ebenso bekannt ist, dass Kartoffeln 
schnell sättigen. So erklärt sich der Erfolg der Kartoffelkur zum 
Zweck der Entfettung. 

Schon zwei ganz gewöhnliche Beobachtungen der Klinik hätten 
genügen müssen, die exakte Physiologie und die praktische Diätetik 
auf diesen in der Praxis vergessenen Faktor der Erregung des Sätti¬ 
gungsgefühls durch das Volumen hinzu weisen. Erstlich ist bei Ektasie 
des Magens der Durst und häufig mit dem Durstgefühl auch das 
Hungergefühl zugleich erhöht, so dass diese Kranken grösserer Volu¬ 
mina zur Erregung des Sättigungsgefühls bedürfen. Deshalb ist 
die Schlussfolgerung von A1 b u eT ) ganz irrig, die er aus der Be¬ 
obachtung zieht, dass den an Gastrektasie Leidenden, selbst nach Zu¬ 
fuhr von 1 l a Liter Milch oder Sahne oder dgl., die mittelst Schlund¬ 
sonde künstlich zugeführt werden, das Sättigungsgefühl meist voll¬ 
kommen fehlt. Wenn Albu daraus auf die Güte seiner Methode der 
Sondenernährung schliesst, so ist die Folgerung aus drei Gründen un¬ 
richtig. 

Einmal sättigen Flüssigkeiten überhaupt weniger. Sodann ist 
aber gerade bei Gastrektasie häufig das Sättigungsgefühl ohnehin nicht 
leicht zu befriedigen. Schliesslich besteht ein grosser Unterschied, ob 
man natürliche oder künstliche Ernährung wählt. Und diesen Unter¬ 
schied, den N e i s s e r 68 ) und Albu 69 ) immer übersehen, muss man 
bedenken. Mag man sich noch so sehr an die Sonde schon gewöhnt 
haben, immer stellt sich doch mehr oder weniger leicht Uebelkeit dabei 
ein. Dieses Gefühl ist aber nicht ohne jeden Einfluss auf das Sättigungs¬ 
gefühl. 

Freilich kommen auch Fälle von Gastrektasie vor, in denen das 
Sättigungsgefühl in anderer Weise alteriert ist. Infolge der Gärungen 
nämlich ist die Appetitlosigkeit hochgradig, so dass leicht Uebelkeit 
und Ekel besteht, und das Hungergefühl aufgehoben ist. 

Im Gegensatz zu diesen Fällen von Gastrektasie ist gerade bei 
Atonie der Hunger meist sehr gross. Das Sättigungsgefühl fehlt fast 
gänzlich. Es besteht Akorie. 

Andererseits sind die Fälle nicht so selten, in denen durch sehr 
geringe Volumina vorzeitig das Sättigungsgefühl eintritt, ohne dass 
man sich diese Erscheinung zu erklären vermochte. Auch N e i s s e r 
und B r ä u n i n g lassen sie unerklärt. Offenbar handelt es sich um 
das Gegenteil von Atonie, nämlich um eine Hypertonie des Magens. 

**) „Sondenernährung u. Sättigungsgefühl“ Münch, med. Wochenschr. 
1911. Nr. 42. 

*•) „lieber normale u. über vorzeitige Sättigung.“ Münch, med. Wochenschr. 
1910. Nr. 37. 

*•) Therap. Monatsh. April 1898. — Münch, med. Wochenschr. 1911. Nr. 42. 

Zeitschrift ffir Psychotherapie. V. 20 


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Wilhelm Stemberg 


Der Magen ist gewissennassen zu klein, wenigstens in physiologischem 
Sinne. Er ist wenig und schwer oder langsam erweiterungsfähig. 

Diese Tatsache der Beeinflussung des Sättigungsgefühls durch 
das Volumen, der modernen Physiologie, jedenfalls der praktischen Diä¬ 
tetik und der angewandten Ernährungstherapie nahezu fremd, ist doch 
schon früher in der Literatur erwähnt worden, freilich auch da nur 
nebenbei und gelegentlich. Daher ist man zu der Annahme gedrängt, 
dass die modernen exakten Disziplinen diese Angaben übersehen oder 
vergessen haben. V o i t 70 ) ist es, der bei der Besprechung der Kost 
in Volksküchen folgende Ansicht ausspricht: „Man gibt sich hier offen¬ 
bar einer argen Täuschung hin; denn wenn die Leute von dem Volumen 
des Essens befriedigt sind und sich satt fühlen, so haben sie noch 
nicht notwendig eine Nahrung für die Mittagszeit aufgenommen.“ 
Ebenso meint er 71 ): „Diejenigen, welche an die meist grösseren Massen 
der Vegetabilien gewöhnt sind, täuschen sich leicht über den Nährwert 
einer weniger voluminösen Kost; sie beurteilen nach der Anfüllung 
ihres Magens und dem trügenden Gefühl der Sättigung den Wert einer 
Nahrung und sie verspüren ein Hungergefühl, sobald der Magen bei 
einer besseren und kompendiöseren Kost nicht mehr so stark angefüllt 
wird. Dieser Umstand hindert häufig die Einführung einer besseren 
Ernährungsweise. Ein Irländer klagt über Hunger, wenn er sich statt 
mit 10 Pf. Kartoffeln mit einem geringeren Volumen gemischter Nah¬ 
rung erhalten soll; die gefangenen russischen Soldaten in der Krim, 
welche an die grossen Mengen des russischen schwarzen Soldatenbrotes 
gewohnt waren, vermochten sich an der gemischten Kost der Fran¬ 
zosen nicht zu sättigen. Die gleiche Erfahrung macht man an den 
für den Militärdienst ausgehobenen Bauernpferden, welche sich eben¬ 
falls an die Ersetzung einer Portion Heu durch weniger Raum ein¬ 
nehmenden Haber erst gewöhnen müssen.“ 

Dieselbe Beobachtung hebt Meiner! 72 ) hervor, gelegentlich der Un¬ 
tersuchungen, die sein Mitarbeiter Baer über die breiartige Beschaffen¬ 
heit der Speisen in der Gefängnisküche anstellte. Dabei ersetzte er die 
Breie durch feste Speisen versuchsweise und fand: Die Versuchspersonen 
„betonten namentlich, dass die neue Kost ihnen auch, aber in angenehme- 
rerWeise,dasGef ühl der Sättigung verschaffe und diesesGef ühlwesent- 
lich nachhaltiger sei, als bei der Anstaltskost, bei welcher man, besonders 
bei gewissen Speisen (Reis, Kohl, Rüben) schon nach kurzer Zeit wieder 
Hunger verspüre. „Die Speisen der neuen Kost sind viel kräftiger, man 
fühlt sich kräftiger danach, man bleibt viel länger satt“ und dem ähnliches 

n ) „Ueber die Kost in öffentlichen Anstalten“, München, S. 47. 1876. 

’») 1. c., S. 16. 

”) „Ueber Massenernährung“, S. 97. Berlin 1885. 


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Das Sftttigungageföhl. 


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mehr wurde von verschiedenen Versuchspersonen geäussert“. Zum 
gleichen Resultat gelangt Meinert 73 ), als er über die Folgen des 
Genusses zu grosser Speisenvolumina, wasserreicher, breiartiger Speisen 
usw. Untersuchungen anstellte: „Derartige Menschen sind mit ge¬ 
ringeren, aber gehaltreicheren Nahrungsmitteln in der ersten Zeit nach 
eingetretener Veränderung der Kost nicht zu sättigen, — dies richtet 
sich aber bald ein und sollte entschieden nicht abhalten, eine weniger 
voluminöse Kost einzuführen.“ Meinert 74 ) fährt dann fort: „Durch 
die Erweiterung der Magen- und Darmwandungen tritt das Sättigungs¬ 
gefühl erst auf, wenn grosse Speisemassen verzehrt sind, wie wir dies 
selbst bei ganzen Völkerschaften, z. B. den Irländern, dann im säch¬ 
sischen Erzgebirge, in Oberschlesien usw. finden, deren Bewohner in 
der Hauptsache von Kartoffeln und Schwarzbrot leben. Diese dauernde 
UeberSättigung bedingt anscheinend den enormen Verbrauch von Spei¬ 
sen. Es zeigte sich, dass bereits nach wenig Tagen während der 
zweiten Versuchsperiode, welche am Mittag konsistentere, daher we¬ 
niger voluminöse Speisen, am Abend oft Käse und Hering statt der 
dünnflüssigen Suppen (von 1100 g) brachte, sämtliche Versuchsper¬ 
sonen sich als vollständig gesättigt erklärten, wenn auch natürlich die¬ 
jenigen, welche sich seit langer Zeit an die Vertilgung gewaltiger 
Speisemengen, wie z. B. die Versuchspersonen Nr. 33 und 115, gewöhnt 
hatten, dieser Gewöhnung entsprechend auch während der zweiten 
Periode mittags mehr als die dargebotene reglementsmässige Portion 
verzehrten. Lasse man doch diese Ausnahmepersonen einmal einige 
Zeit lang das Gefühl nach der Mittagsmahlzeit haben, dass sie nicht voll 
gesättigt sind, — bald werden sich auch diese Organismen daran ge¬ 
wöhnen, mit den gebotenen, vollständig ausreichenden Speisemengen 
der zweiten Periode auszukommen. Auch damit würden ganz erheb¬ 
liche Nachteile der bisherigen Anstaltskost, die Ursachen einer ganzen 
Anzahl von Krankheitserscheinungen und Indispositionen beseitigt sein. 

Der mehrerwähnte vorzügliche Praktiker, Strafanstalts-Direktor 
K r o h n e, und der erste Anstaltsarzt von Wehlheiden, Dr. A n d r e a e, 
haben eine gleiche Beobachtung gemacht. Letzterer teilt in seinem 
Gutachten über die in Wehlheiden neu eingeführte Anstaltskost 
vom 1. März 1884 mit, dass die alsbaldige Folge der neuen Ver¬ 
köstigung das Gefühl ungenügender Füllung, des Hungers, war; 
die meisten Gefangenen, die zum weitaus grössten Teil aus anderen An¬ 
stalten, in denen sie nach dem alten Etat verpflegt waren, nach Wehl¬ 
heiden kamen, gewöhnten sich aber, wie die Erfahrung lehrte, ziemlich 
rasch an die geringere Menge besserer und schmackhafterer Speisen, 

’*) 1. c., S. 78. Anm. 1. 

«) 1. c., S. 78—80. 


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Wilhelm Stemberg 


die noch dazu weniger Verdauungsbeschwerden verursachten. Gerade 
in dem letzteren! Umstand sowie in der eigenen Beobachtung, dass sie 
nicht matter wurden und ihre frühere Arbeitsfähigkeit behielten, sehe 
ich den Grund, welcher die Magen der Leute mässigte und zum Ver¬ 
stummen brachte. „Aber selbst,“ fährt dann A n d r e a e fort, „wenn 
dies nicht der Fall wäre, würde es meiner Ansicht nach noch immer 
kein Beweis gegen die Güte der neuen Speisung und kein Grund sein, 
dieselbe wieder fallen zu lassen, vielmehr wäre sie ein weiteres nicht 
zu unterschätzendes Mittel, die Haft der Gefangenen als eine wirkliche 
Strafe erscheinen zu lassen, nicht als einen sorgenfreien, für manchen 
vielleicht selbst angenehmen Aufenthalt, während dessen sie stets satt 
zu essen hätten. Das Gefühl nicht vollständiger Sättigung würde sie 
ihnen vielmehr, und zwar vielleicht noch in höherem Grade als die 
Freiheitsentziehung selbst zu einer die ganze Strafzeit begleitenden 
regen Pein und Plage machen, vorausgesetzt natürlich, dass darunter 
die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit nicht leiden.“ 

Diese Einwirkung des Volumens auf das Sättigungsgefühl weist 
darauf hin, dass die Wandspannung innerhalb der Magenhöhle in Be¬ 
ziehung zum Sättigungsgefühl stehen muss, ln einem weiteren Fall 
ist es gleichfalls die Wandspannung innerhalb einer anderen Körper¬ 
höhle, die ebenso in Beziehung mit einem Reflex des Nahrungstraktus 
steht. Das ist das unstillbare Erbrechen in der Gravidität Ohne 
Zweifel kommt bei dieser Erscheinung der erhöhten Wandspannung 
in der Uterushöhle erhebliche Bedeutung zu. Denn gerade bei Zu¬ 
ständen , welche sich durch dieses Moment besonders auszeichnen, 
kommt unstillbares Erbrechen am häufigsten vor, bei der angeborenen 
Anteflexion, Hydramnion, bei Zwillingen. Daher erweist sich die ein¬ 
fache Dilatation des engen Zervikalkanals wirksam. Nach der Dila¬ 
tation mit der Entleerung und ohne die Entleerung der Uterushöhle 
hört das Erbrechen auf. Es kommt vor, dass die blosse Dilatation 
mittelst des Pressschwamms, sogar ohne folgende Entleerung der Höhle, 
vollkommen ausreicht, um das Erbrechen zum Verschwinden zu 
bringen. Ich 75 ) hebe das besonders hervor. 

Genau ebenso hat auch die Wandspannung innerhalb der Magen¬ 
höhle, die Entleerung und die Dilatation mittelst gewisser Speisen, die 
förmlich wie ein Pressschwamm wirken, Einfluss auf die Sättigung. 
Der Wirkung des Pressschwamms ist nämlich die Wirkung des Brotes 
oder der Kartoffel zu vergleichen, Gerade Brot und Kartoffeln sind 
die Nahrungsmittel, die uns sättigen sollen. Sie sind die genussmittel¬ 
armen Konstituentien. Darauf weise ich 76 ) stets hin. Die genuss- 

n ) Fortschr. d. Med. 1911, Nr. 51 u. 52. 

7e ) „Diät u. Küche“, S. 56. Würzburg 1911. 


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Das S&ttignngsgefühl. 


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mittelreichen Beilagen haben den Zweck, diese genussmittelarmen!, aber 
sättigenden Konstituentien zugleich aufnahmefähig zu machen. Dabei 
fungiert das porenreiche Brot genau so wie ein Pressschwamm. In 
Wirklichkeit werden diese porenreichen Nahrungsmittel ja auch dazu 
benutzt, um Butter, Fette, Saucen, Flüssigkeiten reichlich aufzunehmen. 
Und diese Wirkung erstreckt sich auf den Magen ebenso wie auf den 
Mund. Ihre Wirkung auf den Mund habe ich 77 ) bereits angegeben. 
Der Zuckerkranke verliert sehr schnell den Appetit auf Fleisch, das be¬ 
liebteste und schmackhafteste Genussmittel, und empfindet den höchsten 
Ekel vor Fleisch, vorausgesetzt, dass man ihm nicht als Zukost das 
nahezu geschmacklose Brot gestattet. Dm Brot hat nämlich eine wich¬ 
tige, bisher übersehene Funktion. Nicht etwa bloss der Geschmack des 
Brotes ist es, nach dem der Diabetiker lechzt. Vielmehr beseitigt das 
ziemlich geschmacklose Brot oder die Kartoffel zugleich den intensiven 
Geschmack und Nachgeschmack des Fleisches momentan, so dass der 
Geschmack des Fleisches nicht so lange anhalten kann. Diese Wirkung 
des Brotes ist ja beim Wein bekannt, so dass der Weinkenner sogar 
absichtlich Brot geniesst, wenn er einen spezifischen Weingeschmack 
und Nachgeschmack recht schnell von der Zunge entfernen will. Diese 
Wirkung ist eine rein mechanische und vergleichbar etwa mit der Wir¬ 
kung einer Bürste. Und dieser Wirkung auf die Organe der Mund¬ 
höhle steht ihre Wirkung auf die Magenhöhle nahe. 

Da Volumen und Aggregatzustand das Sättigungsgefühl beein¬ 
flussen, so ist auch die mechanische Zerteilung der Nahrungsmittel 
durch die kulinarische Technik, die Grobheit bzw. Feinheit in der Her¬ 
stellung der Speisen durch die Küche nicht ohne Bedeutung für das 
Sättigungsgefühl. Diese Beobachtung bietet eine weitere Stütze für 
meine Annahme, dass das Sättigungsgefühl nichts anderes ist als das 
Wegkratzen des Kitzelgefühls, als das ich das Hungergefühl ansehe. 

Mit der Tatsache, dass die mechanische Verteilung einen Einfluss 
auf das Sättigungsgefühl ausübt, mag eine weitere Beobachtung Zu¬ 
sammenhängen. Das ist die von mir 78 ) oft hervorgehobene Tatsache, 
dass Fisch weniger sättigt als Fleisch. Das ist eine alltägliche Er¬ 
fahrung. Jede Frau weiss, dass das Sättigungsgefühl ihres Gatten 
nicht so nachhaltig andauert, wenn er zu Mittag statt Fleisch bloss ein 
Fischgericht erhält, selbst wenn dieses an Quantität die gewöhnliche 
Portion der Fleischspeise sogar übertrifft. Beim Militär sorgt der Offizier, 
wenn er den Mannschaften mittags einmal Fisch verabfolgt, für ein 
besonders reichliches und sättigendes Abendbrot. Jeder besser Situierte 
hält sich für verpflichtet, dann, wenn er ein Fischgericht reicht, ausser- 

rt ) „Diät u. Küche“, Würzburg, S. 67. 1911. 

n ) „Krankenernährung u. Krankenküche“, Stuttgart, S. 13. 1906. 


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Wilhelm Sternberg 


dem noch einen Fleischgang zu bieten, hingegen in dem andern Falle, 
dann nämlich, wenn die Fleischspeise die „pi£ce de resistance“ bildet, 
nicht noch unbedingt Fisch verabfolgen zu lassen. 

Bezeichnend ist ferner die Reihenfolge. Die Fischgerichte gehen 
den Fleischspeisen stets voran. Die physiologische Begründung für 
diese Tradition gibt die Tatsache, dass die Fischspeisen weniger sät¬ 
tigen. Da die Wissenschaft der Diät diesen subjektiven Faktor der 
Sättigung überhaupt vergessen hatte, mit in Rechnung zu ziehen, ge¬ 
langte sie zu verkehrten Auffassungen über den Wert von Fisch- und 
Fleischnahrung. Denn Rubner”) meint: „Sehr irrige Anschau¬ 
ungen werden vielfach über das Fischfleisch gehegt; man hält es für 
wenig »kräftig*. Mageres Kalbfleisch enthält nicht mehr Eiweiss als etwa 
das Hecht- oder Karpfenfleisch. Es ist daher ein wenig berechtigtes 
Misstrauen, wenn man im Volke von dem Fischeiweiss wenig Gebrauch 
macht.“ Allein die verschiedene Bewertung von Fisch und Fleisch 
seitens des Laienpublikums ist in der Tatsache begründet, dass sich 
das Publikum in der Praxis doch nicht ausschliesslich auf den chemi¬ 
schen Nährwert beschränkt, wie die theoretische Wissenschaft. Den 
kennt der Laie ja gar nicht. Das, wonach sich der Laie vielmehr richtet, 
ist der Sättigungswert, den die Theorie bisher übersehen hat. Das ist 
das Ei des Kolumbus. Daher kommt es, dass das Laienpublikum doch 
recht hat, und die Wissenschaft eben unrecht, wie ich 80 ) das schon 
hervorgehoben habe. Auch Rosenfeld 81 ) hat das nicht erkannt, 
wenn er sagt: „Das Fischfleisch ist also bei gleichem Eiweissgehalt ein 
dem Rindfleisch ganz gleichwertiges Nahrungsmittel.“ Und noch irriger 
ist die Angabe von P. Schrumpf 82 ): „Nach Rosenfeld ist das 
Fischfleisch dem Schlachttierfleisch auch im Punkte der Sättigungs¬ 
kraft gleichwertig; der falsche (!) Ruf geringen Sättigungsvermögens 
dürfte daher rühren, dass beim Essen grätenteicher Fische bald eine 
Ermüdung der Kaumuskeln eintritt, bevor das nötige Quantum Fleisch 
genossen worden ist, und dann infolgedessen das Sättigungsgefühl nur 
kurze Zeit anhält.“ Verwundert muss man doch fragen: Was soll denn 
die Ermüdung der Kaumuskeln bloss mit dem Sättigungsgefühl zu tun 
haben? Kann man sich denn etwa satt kauen? Wäre dies der Fall, 
dann hätte man ja ein sehr billiges und bequemes Mittel gegen Hunger 
und Hungersnöte. Dieser Einfluss des Kauens ist ebenso absurd wie 


«) 1907, Aufl. 8. S. 518 und 1892, Aufl. 4, S. 511. 

*•) „Krankenernährung u. Krankenküche“, S. 12 u. 13. Stuttgart 1906. 

•*) „Der Nährwert des Fischfleisches.“ Vortrag in der Schlesischen Gesell¬ 
schaft für vaterländische Kultur in Breslau. 24. Nov. 1905. — Ztbl. f. innere 
Med. 1906. Nr. 7. — Oesterreich. Fischereiztg. Januar 1909. 

”) „Das Fischfleisch als Nahrungsmittel.“ Zeitschr. f. physikal. u. diät. 
Therap. 1911. Bd. XV, S. 9. 


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Das Sättigungsgefühl. — Sitzungsberichte. 


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die Annahme von Neisser und Bräuning, dass der Schluckakt 
das Sättigungsgefühl beeinflusst. Zudem verabfolgt ja die feine Küche 
die Fische stets ohne Gräten, und trotzdem hält das Sättigungsgefühl 
nach den Fischgerichten der feinen Küche ebensowenig an. Auch 
Schwalbes 83 ) Ansicht kann nicht zutreffend sein, dass die Stärke 
der chemischen Reizung den Unterschied in der Sättigung bedingt 
Mechanisch - physikalische Momente sind es vielmehr, die die Ver¬ 
schiedenheit im Sättigungsgefühl bedingen. 

(Schluss folgt.) 


Sitzungsberichte. 

Psychologische Gesellschaft zu Berlin. 

Sommer semester 1912. 

Donnerstag den 26. April 1912. 

Vorsitzender: Herr Moll, Schriftführer: Herr Westmann. 

1. Herr Dr. Arpad Kallos spricht zur: „Vorstellung eines Sängers 
mit besonderen Erschein ungen ein er willkürliohenDiplophonie 
(Doppelstimme)“. 

Unter Diplo- bzw. Polyphonie verstehen wir die Fähigkeit, mehrere 
Töne gleichzeitig mit demselben Anlaut zu erzeugen. 

Derartige Fälle von Diplophonie sind äusserst selten, und wo sie beob- 
achtet worden sind (Böhr u. a.) handelte es sich stets nur um pathologische 
Erscheinungen und nur um zufällige und man darf wohl sagen, höchst un¬ 
künstlerische Artikulationen. 

Bei dem hier vorgestellten Sänger, Herr Balogh, haben wir eine will¬ 
kürliche, bei unverändertem Organ erzeugte, künstlerische Betätigung und 
Schulung einer diplophonischen Stimme. 

Das Auftreten der ersten Erscheinung der Diplophonie wurde im zwölften 
Jahre von ihm selbst zuerst wahrgenommen. Anfänglich nur scherzhaft und 
in knabenhafter Weise von ihm geübt, entwickelte sich diese Fähigkeit bei dem 
musikalisch veranlagten Knaben zu einer Virtuosität, über deren Bedeutung für 
sein künftiges Leben er selbst keine Ahnung hatte. 

Mit 15 Jahren sang er ausgezeichnet Bass seo. und bildete sieh 
dann weiter in der Musik aus. Bis zu seinem 23. Jahre sang er Bass sec., 
seine Stimme reichte von dem eingestrichenen A bis Subkontra F 
(Strohbass). 1908 wurde er zum ersten Male in der Medizinischen Gesellschaft 
zu Budapest von Dr. Tövölgyi einem grösseren Kreise von Aerzten wegen seiner 
Diplophonie vorgestellt. Herr Tövölgyi gab der Ansicht Ausdruck, dass 

•*) Deutsche med. Wochenschr. 1. März 1906. Lit.-Ber. 


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Sitzungsberichte 


man theoretisch annehmen müsse, dass die Töne an räumlich von einander 
verschiedenen Stellen erzengt werden. 

San.-Rat Dr. Flatau-Berlin, der Herrn Balogh im November 1910 
in der Medizinischen Gesellschaft in Berlin vorstellte, berichtet über die in 
Berlin vorgenommenen laryngoskopischen, phonetischen, röntgenologischen asw. 
Untersuchungen folgendes: Bei der laryngoskopischen Untersuchung zeigte sich 
keine Besonderheit, abgesehen etwa von einer massigen Insuffizienz der Schliesser, 
wenn der Versuch zur Angabe höherer Töne während der Laryngoskopie ge* 
macht wird. Während die einfache Stimme des Herrn ganz normal ist, hat 
die Doppelstimme einen wesentlich anderen und zwar hervorragend instrumen- 
tellen Klang, der in hervorragendem Masse an ein Duett eines Bass-Fagotts 
mit einer B-Klarinette erinnert. Die Herstellung der Doppelstimme ist, ab¬ 
gesehen von einer besonderen Form der Atmung und der Einstellung des Kehl¬ 
kopfs, abhängig von einer eigentümlichen Konfiguration des Ansatzrohrs. Der 
Doppelton hat regelmässig den Umfang einer Duodezime. Die Töne haben 
ausser diesem auffällig grossen Intervall noch jede in ihrer Lage eigentümliche 
Kennzeichen. Die untere Tonreihe wird in ihren Klangverhältnissen sofort 
deutlich und erkennbar, wenn Herr B. isolierte Töne eines tief unterhalb des 
Brustregisters liegenden, des sog. Strohbassregisters darstellt. 

Das klangvolle Organ, das imstande ist, sowohl Lieder und Arien auch 
mit Text wie Chöre zu singen, wirkte überall in den Fachkreisen überraschend 
und verblüffend; eine befriedigende Lösung der Frage, wie dieses einzigartige 
Stimmphänomen zustande kommt, ist bisher noch nicht gelungen. 

Der Vortragende neigt der Meinung zu, dass diese willkürlich erzeugte 
Diplopolyphonie sich wahrscheinlich am Ende dadurch erklären lässt, dass sonst 
inaktive feinste Muskelgruppen willkürlich durch Uebung aktiviert worden sind 
und dass diese der schwingenden Luftsäule eine solche Bewegung verleihen 
und in den gespannten Stimmbändern Knotenpunkte erzeugen, so dass die 
Diplophonie entsteht. 

2. Herr Dr. Baerwald spricht über: „PsychischeUnterschiede der 
germanischen und romanischen Völker. 1 * 

Der Franzose scheint durchschnittlich visueller veranlagt zu sein als der 
Deutsche. In der grossen, den Vorstellungstypen gewidmeten Enquete des 
französischen Psychologen Saint Paul werden eine Beihe von Berichten 
wiedergegeben, deren Verfasser erklären, dass sie Worte ohne optische Vor¬ 
stellungen der Druck- oder Schreibbilder überhaupt nicht zu denken vermögen. 
In der Umfrage der Berliner Psychologischen Gesellschaft über „Die Psycho¬ 
logie des motorischen Menschen“ findet sich die Mitteilung, dass das Wort¬ 
denken beständig mit optischen Elementen arbeite, nur zwei- bis dreimal und 
in weit bedingterer Form. Unter 202 Beantwortern, deren Angaben eindeutig 
genug sind, zählt St. Paul 58 visuelle Wortdenker, darunter 48, die es aus¬ 
nahmslos sein wollen. Die Teilnehmer an der St. Panischen Umfrage waren 
mit wenigen Ausnahmen Männer. Durch Befragung der Zuhörer stellte der 
Vortragende fest, dass unter 35 anwesenden Herren, die sich beteiligten, kein 
einziger sein visuelles Wortdenken für obligatorisch erklärte, während drei 
mitteilten, dass das innere Lesen ein normales, aber nicht ausnahmsloses Element 


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Psychologische Gesellschaft zu Berlin. 


313 


des Wortdenkens sei. Hält man diese Zahlen für vergleichbar, was sie aller* 
dings nur mit Einschränkung sind, so wäre das visuelle Uebergewicht der 
Franzosen bewiesen. Die Befragung einer freilich nur kleinen italienischen 
Zuhörerschaft, zu der der Vortragende kürzlich Gelegenheit hatte, ergab un¬ 
gefähr denselben Prozentsatz der Visuellen, den St. Paul berechnet hatte. 

Die relativ starke visuelle Anlage der Franzosen glaubte schon Francis 
Gal ton auf Grund unmittelbarer Beobachtung feststellen zu können. Die 
grössere Befähigung der südlichen Völker zur bildenden Kunst fände hierin 
eine plausible Erklärung. Durch welche Einflüsse ist der Bomane visueller 
geworden als der Germane? Zwei Gründe lassen sich dafür haftbar machen. 
Es kann als sicheres Ergebnis der psychologischen Experimente und Umfragen 
gelten, dass Frauen durchschnittlich visueller sind, als Männer. Der Bomane 
ist aber nicht nur im Körperbau, sondern auch in seinem gesamten Seelenleben, 
wie sich auf den verschiedensten psychologischen Gebieten nachweisen lässt, 
femininer geartet als der Germane; seine visuelle Veranlagung ist also nur 
Teilerscheinung eines umfassenderen, grundlegenden Unterschiedes. Ferner be¬ 
schäftigt der Süden das Auge weit mehr als der Norden, das Licht ist klarer, 
die Konturen schärfer, der Südländer lebt mehr im Freien, wo die Aufmerksam¬ 
keit nach aussen gezogen wird; die Formen der südlichen Bäume, der Zypresse, 
Pinie, Palme, sind prägnanter, eindrucksvoller, merkbarer als die der nordischen 
Laubbäume, selbst die deutschen, skandinavischen, schottischen Berge haben 
weichere und verwaschenere Linien, als die scharfgeschnittenen Grate der kahlen 
südlichen Gebirge. So haben sich wahrscheinlich Grundlage und Milieu die 
Hand gereicht, um den erwähnten Unterschied in der Psyche der grossen 
europäischen Völkerfamilien hervorzubringen. 

An der Diskussion nahmen teil u. a. die Herren Müller, Berliner, 
Hennig, Westmann, Broh und Frau Bappaport. 

Donnerstag, den 9. Mai 1912. 

Vorsitzender: Herr Moll, Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Adler spricht über: „Zur Psychologie der mangel¬ 
haften Geschlechtsempfindung des Weibes (J. J. Bousseaus 
„Femme de glace a — Frau von Warens)“. 

Die sehr intime Materie wird zum ersten Male zum Gegenstand einer 
Besprechung gemacht. Die bisher wenig gekannte Häufigkeit (ca. 26°| 0 ) des 
Zustandes gibt jedoch eine Berechtigung hierzu. Adler ist zuerst durch 
Bousseaus Confessions auf diese Anomalie aufmerksam geworden und hat sie 
dann als Frauenarzt verfolgt und studiert 

Zuerst erfolgt eine Einführung in Bousseaus Frau von Warens. Die ein¬ 
schlägigen Stellen werden angeführt. Aus ihnen geht hervor, dass die Ge¬ 
nannte „froide“, „une femme de glace“, „une femme de marbre u war. 

Was ist unter „mangelhafter Geschlechtsempfindung des Weibes u zu ver¬ 
stehen? Adler lehnt die missverstandene Deutung, als ob das ganze weib¬ 
liche Geschlecht an mangelhaftem Geschlechtsempfinden litte, ab. Es gibt nur 
etwa 25% nnd unter diese fallen sämtliche Formen, nicht nur die mangelnde 


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Sitzungsberichte 


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Libido, sondern auch die viel zahlreicheren Fälle von fehlendem Höhepunkt 
(Orgasmus) bei vorhandener Libido. Man kann direkt von einer „heissen 
Frigidität“ sprechen. £s wird zuerst das Wesen des Orgasmus geschildert. 
Dieser ist nicht gebunden an Uterus, Ovarien, Klitoris (Skopzen), sondern 
lediglich an die Geschlechtsmuskulatur, die in einen Wollustkrampf gerät. 
Der Orgasmus bleibt häufig aus bei früher Masturbation, ferner bei Ungeschick¬ 
lichkeit, bei voller und auch relativer Impotenz des Mannes, schliesslich beim 
Vaginismus, der ein rein mechanischer (schmerzende Hymenaireste) oder auch 
ein psychischer sein kann. 

Die Libido des Weibes selbst wird als eine zum Unterschiede von der 
des Mannes vielfach „gehemmte“ geschildert. Erziehung, Schmerzen, ins¬ 
besondere die Hochzeitsnacht können sie fast ganz ertöten, ebenso wie eine 
durch Gonorrhöe erworbene, schleichende Unterleibsentzündung. Schliesslich 
spielen mannigfache psychische Momente (Geruch, blond, schwarz usw.) eine 
bedeutende Holle und es gibt noch einen undefinierbaren „Zauber der Per¬ 
sönlichkeit“, der restlos manche Unempfindlichkeit in das Gegenteil ver¬ 
wandeln kann. 

Frau von Warens gehörte vermutlich zu der rein psychischen Form. 

Zur Diskussion sprechen: die Herren Hammer, Levy-Suhl, 
Munter, Moll, Frau Tranka von Bagienski, Frau Happaport. 

Der Vortragende hatte das Schlusswort. 

Donnerstag, den 23. Mai 1912. 

Vorsitzender: Herr Baerwald; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Dr. Moll spricht „Zur Psychologie der Agitation. 1 * 

Die Agitation soll die Menge beeinflussen, nicht nur eine einzelne Per¬ 
sönlichkeit. Sie ist von Bedeutung sowohl für politische Vorgänge, wie reli¬ 
giöse Bewegungen, für das geschäftliche Leben, aber auch für Kunst und Wissen¬ 
schaft. Auch Richter, selbst gelehrte Richter werden von einer geschickten in 
der Presse geübten Agitation beeinflusst; desgleichen die Aussagen von Zeugen. 
Die Agitation braucht sich nicht unmittelbar an die Masse zu wenden, sie 
kann von Person zu Person wirken. Aber eine Menge ist das Ziel der 
Agitation. Logische Begründungen spielen für die Masse eine geringe Holle, 
aber selbst dem einzelnen gegenüber versagt oft jede Logik. Durch Gefühle 
und Affekte werden viele Menschen agitatorisch beeinflusst. Man denke an 
Zeugenaussagen. Selbstverständlich gehört zu den Gefühlen und Affekten in 
erster Linie das eigene Interesse. Immerhin ist die Masse dem Affektenleben 
und der affektiven Beeinflussung weit stärker ausgesetzt als der Einzelne. Die 
Masse, an die sich meistens die Agitation wendet, hat auch darin eine beson¬ 
dere Seele, dass das Verantwortungsgefühl geringer, das Machtgefühl grösser 
ist. Aber auch das moralische Kontagium kommt hier besonders zur Geltung, 
desgleichen die bewusste Nachahmung. Man beobachte nur, wie in einem 
Konzertsaal mitunter der Beifall, von einigen wenigen angeregt, sich rapide 
über den ganzen Saal verbreitet. In Wirklichkeit wird die Masse überhaupt 
fast immer von einigen wenigen beherrscht. 


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Psychologische Gesellschaft zu Berlin. 


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Die häufige Wiederholung spielt bei der Agitation eine wesentliche Bolle* 
Wir sehen dies z. B. bei der Beklame. Wir sehen es auch in Versammlungen, 
wo oft der eine oder andere veranlasst wird, die bereits einmal vom Bedner 
Aufgestellten Behauptungen in der Diskussion zu wiederholen. Ebenso spielt 
die Sinnfälligkeit eine Bolle. Ein verunglückter Krüppel wirkt viel mehr, 
wenn Schutzbestimmungen für Arbeiter verlangt werden, als lange Erzählungen, 
Auch das schlechte Gedächtnis der Masse und des Einzelnen ist zu berücksich¬ 
tigen. Wenn Leuten vor den Wahlen etwas versprochen wird und, wie es 
meistens der Fall ist, nicht gehalten wird, kann der Betreffende doch wieder 
andere Versprechungen machen, weil die Masse bereits vergessen hat, dass er 
seine früheren Versprechungen nicht gehalten hat. Wesentlich ist für die Agi¬ 
tation die Ablenkung der Aufmersamkeit von dem, was dem Agitator unbequem 
ist. Man kann, ohne eine Unwahrheit zu sagen, lediglich durch Unterdrückung 
von wahren Tatsachen eine Agitation in bestimmte Bahnen leiten. Als gegen 
oine bestimmte Strassenbahn agitiert wurde, wurde jeder Unglücksfall gewissen¬ 
haft täglich unter Lokalem in der Presse gebucht, später war davon nicht mehr 
die Bede. Die Suggestion spielt eine erhebliche Bolle, besonders aber bei der 
Agitation, die sich an die Masse wendet. Es werden Dinge als Tatsachen hin¬ 
gestellt , die erst zu beweisen sind. Nehmen wir an, die Bewegung für das 
medizinische Studium der Frauen. Es wird behauptet, dass das Bedürfnis der 
Frauen nach Aerztinnen sehr gross sei; die Statistik hat aber bisher das Gegen¬ 
teil ergeben, womit etwa nicht gesagt sein soll, dass die Zulassung der Frau 
zum medizinischen Studium nicht aus anderen Gründen wesentlich berechtigt 
ist. Vieles kann man bei der Agitation nicht genügend erklären, beispielsweise, 
weshalb die Sugestibilität der Masse für bestimmte Dinge besteht, für andere 
nicht; weshalb ein Buch, ein Theaterstück plötzlich den grössten Erfolg hat, 
während es jahrelang vorher unbeachtet blieb, das wissen wir oft genug nicht. 
Kein Mensch ist gefeit gegen agitatorische Wirkungen. Männer von hoher 
Intelligenz sind ebenfalls der agitatorischen Wirkung auf bestimmten Gebieten 
ausgesetzt. Andererseits spielt für die Wirkung der Agitation die Persönlich¬ 
keit eine Bolle. Der Zauber einzelner Persönlichkeiten ist in Volksversamm¬ 
lungen, in Fraktionen, in Parlamenten, aber auoh in der hohen Politik oft sehr 
massgebend, und darauf beruht es auch, dass der Gegenagitator möglichst das 
Prestige der Persönlichkeit zu vernichten suoht. In der Schule sehen wir den 
Einfluss der Persönlichkeit bei manchen Lehrern. Bei der Persönlichkeit spielt 
nicht der Erfolg allein eine Bolle. Napoleon I. hatte schon zahlreiche Miss¬ 
erfolge gehabt, als er von Elba aus landend, allmählich ganz Frankreich zu 
seinen Füssen sah. Nicht unwesentlich ist für die Agitation das Schlagwort. 
Beispielsweise das Wort Bepräsentationsgelder ist in vielen Fällen nur ein anderer 
Ausdruck als Schmiergelder, zum Freihalten von Kunden bestimmt. Solche 
Schlagwörter haben die allergrösste Bedeutung. Das Schlagwort soll möglichst 
auf das Gefühl wirken. 

Sich ganz gegen die Agitation widerstandsfähig zu machen, wird keinem 
gelingen. Selbst kluge und ruhige Menschen werden durch eine geschickte 
agitatorisch wirkende Beklame verwirrt. Man denke an den Gedankenleser 
Bellini, der plötzlich viele Leute glauben liess, es gäbe eine übersinnliche Gedanken- 


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Sitzungsberichte 


Übertragung. Man denke an Stumpf, den Berliner Psychologen, der sich vom 
klugen Hans, einem Pferde, bzw. dessen Besitzer auf das schwerste irrefuhren 
liess und einem Pferde grosse Bechenkünste zutraute. Immerhin wird man 
▼ersuchen müssen, auch der Agitation gegenüber möglichst die Logik zu be¬ 
wahren. 

Gefährlich ist es, wo die Wissenschaft iu den Dienst einer Agitation 
gestellt wird. Man denke an Bäderanalysen, an chemische Fabriken, man denke 
auch an die Aufhebungen yon Strafbestimmungen gegen die widernatürliche 
Unzucht. Auch da Behen wir die Wissenschaften oft zugunsten agitatorischer 
Wirkungen gefärbt. Aber wenn man sich selbst nicht gegen die Agitation 
widerstandsfähig machen kann, so ist das auch nicht allzusehr zu bedauern, 
denn auch das Gefühlsleben hat seine Berechtigung. Man braucht nicht alles 
im Leben — natürlich ausserhalb der Wissenschaft — nur mit dem kalten 
Verstände zu beurteilen. Man wird vielmehr gut tun, im Leben eine gewisse 
Mitte zu halten. Eine gewisse Beeinflussung durch Gefühle und Affekte wird 
das Leben nicht nur reizvoller gestalten, sondern, wenn es Zwecke der Natur 
gibt, sicherlich zu deren Erreichung erheblich beitragen. 

An der Diskussion nahmen teil die Herren Gumpertz, Berliner, 
Westmann, Baerwald. Der Vortragende hatte das Schlusswort. 

Donnerstag, den 6. Juni 1912. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Gerichtsassessor Dr. Hellwig spricht „Zur Psychologie der 
richterlichen Urteilsfindung“. 

Die richterlichen Urteile sind keineswegs lediglich logische Schlüsse, 
sondern ebenso sehr auch Willensentscheidungen und Werturteile. Gefühl und 
Willen des Richters haben auf das Resultat seiner Entscheidung einen weit 
grösseren Einfluss, als man im allgemeinen geneigt ist anzunehmen. Um ein 
korrektes Urteil fällen zu können, muss im allgemeinen der Tatbestand zunächst 
einwandfrei festgestellt und sodann richtig rechtlich gewürdigt sein. Die Tat- 
Bachenfeststellung wird von den Richtern meistens unterschätzt, weil sie infolge 
der formalen juristischen Ausbildung die rechtliche Würdigung zu überschätzen 
und mangels psychologischer Schulung sowie mangels genügender Kenntnis in 
der modernen Kriminalistik die Schwierigkeit einer hinreichenden Tatsachen¬ 
feststellung zu unterschätzen pflegen. Erfreulicherweise ist aber in neuerer 
Zeit eine erhebliche Besserung zu spüren. Sehr interessant ist es, die Bolle zu 
beobachten, welche das sog. Rechtsgefühl des Richters schon bei der Tatsachen¬ 
feststellung ausübt. Bei der rechtlichen Würdigung kommt es darauf an, dass 
der Richter, ohne an dem Buchstaben zu kleben, den 8inn des Gesetzes 
zu erforschen und auf die festgestellten Tatsachen anzuwenden trachtet. Trifft 
das Gesetz keine Entscheidung, so muss der Richter in dem konkreten Falle 
unter verständiger Abwägung der mancherlei berücksichtigenswerten Interessen 
gewissermassen den Gesetzgeber spielen. 

Der Vortragende ging sodann dazu über, zu untersuchen, welche ver¬ 
schiedenen Umstände nach dieser oder jener Richtung hin bestimmend auf die 


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Psychologische Gesellschaft za Berlin. 


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Urteilsfindung einwirken. Als erste Vorbedingung eines guten Urteils erklärte 
er die Objektivität des Sichters, erklärte aber zugleich, dass sie sich in abso¬ 
luter Weise wohl niemals erreichen lasse, da jeder Sichter durch sein Tem¬ 
perament , seine gesellschaftlichen Beziehungen, seine politische Anschauung, ja 
seine Liebhabereien in gewisser Hinsicht leicht befangen sei, besonders der 
Laienrichter, der nicht durch ständige Schulung zur Objektivität erzogen sei. 
Diese natürliche Befangenheit sei aber durchaus nichts Anormales, sondern sei 
nur ein Beweis dafür, dass auch der Sichter ein Mensch sei und sich daher 
von den menschlichen Schwächen nicht völlig zu emanzipieren verstehe. Der 
Sichter müsse ferner Intesesse an seiner hehren Aufgabe haben. Dieses tiefe 
Interesse finde man leider nicht einmal bei allen Berufsrichtern, insbesondere 
nicht bei solchen Sichtern, welche gegen ihre Neigung strafrichterliche Tätig¬ 
keit ausüben müssten, im allgemeinen aber noch weit weniger bei Laienrichtern. 
Selbstverständlich müsse der Sichter auch sachkundig und rechtskundig sein. 
In der Strafrechtspflege sei der Berufsrichter zweifellos der grössere Sachkenner, 
in der Zivilrechtspflege aber könnten unter gewissen Voraussetzungen sachver¬ 
ständige Beisitzer gute Dienste leisten, so beispielsweise in den Kammern für 
Handelssachen. So müsse sich der Sichter dort, wo seine eigene Sachkenntnis, 
die unmöglich auch nur annähernd die tausendfältigen Tatbestände, die seiner 
richterlichen Entscheidung unterbreitet würden, umfassen könne, nicht ausreiche, 
geeigneter Sachverständiger bedienen. Der Sichter müsse ferner fähig sein, die 
Eindrücke der Verhandlung frisch aufzunehmen und sachgemäss zu verarbeiten. 
Er müsse der Verhandlung gespannt und aufmerksam folgen, müsse imstande 
sein, jederzeit zu beurteilen, worauf es ankomme, dürfe nicht durch Ueberarbei- 
tung abgespannt sein. Da die Laienrichter meistens kein grosses Interesse an 
den Tag legten, auch das Wesentliche von dem Unwesentlichen in einigermassen 
verwickelten Sachen begreiflicherweise nicht zu unterscheiden vermöchten, sei 
auch in dieser Beziehung der Berufsrichter dem Laienrichter in der Hegel er¬ 
heblich überlegen. Der Bichter müsse den Willen haben, auf jeden Fall, ohne 
Hücksicht auf Sympathie und Antipathie, den Sinn des Gesetzes zur Durch¬ 
führung zu bringen, da es nicht seines Amtes sei, den Gesetzgeber zu korri¬ 
gieren. Wie oft die Laienrichter gegen diesen Grundsatz bewusst und sicher¬ 
lich noch weit öfters unbewusst fehlten, sei ja hinlänglich bekannt. Auch dem 
Berufsrichter falle es nicht selten schwer, ein Gesetz« das im Einzelfalle hart 
und nicht zweckentsprechend ist, zur Anwendung zu bringen. Natürlich dürfe 
der Richter auch an die Folgen seiner Entscheidung nicht denken; er müsse 
unabhängig sein nach unten und nach oben. 

In dem letzten Teil seiner Ausführungen zog der Vortragende die Folge¬ 
rungen, die sich aus dieser psychologischen Analyse einer guten Urteilsfindung 
ergäben. Er betonte, dass der Laienrichter in allen Beziehungen der schlech¬ 
tere Richter sei und dass namentlich die Missgeburt des Schwurgerichts endliah 
beseitigt werden müsste. Die Unabhängigkeit sei noch weiter auszugestalten durah 
möglichste Beseitigung des Hilfsrichtertums, durch eine andere Art der Geschäfts- 
verteilung; die Hauptsache aber sei, dass unsere Richter sich schon im Eltern¬ 
haus, in der Schule und sodann im Verkehr mit Kollegen eine nie wankend 
werdende innere Unabhängigkeit zu eigen machten. Bessere Sach- und Rechts- 


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Sitzungsberichte. 


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kenntnis sei durch eine geänderte Ausbildung und durch Fortbildungskurse zu 
erreichen. Insbesondere müsse jeder Hichter auch psychologisch geschult sein. 
Wünschenswert sei es, Spezialstrafrichter, die in der modernen Kriminalistik, 
der gerichtlichen Medizin und der Psychiatrie zu Hause sein müssten, heran¬ 
zubilden. 

Dadurch, dass man dem Richter einen grösseren Spielraum gebe, ver¬ 
mindere man den Anreiz, unbewusst aus Zweckmässigkeitsgründen das Gesetz 
nicht zur Anwendung zu bringen. Die Ueberlastung vieler Richter müsse bald¬ 
möglichst beseitigt werden. Im Interesse der Objektivität endlich liege es, 
die Ablehnung wegen Befangenheit anders zu regeln und einen besonderen Ver¬ 
handlungsleiter, der an der Beratung nicht teilnehme, zu schaffen. 

An der Diskussion nahmen teil die Herren Schneikert, Kade, 
Frau Rappaport. Der Vortragende hatte das Schlusswort. 

Donnerstag, den 20. Juni 1912. 

Vorsitzender: Herr Moll; Schriftführer: Herr Westmann. 

Herr Geh. Med.-Rat. Dr. A. Leppmann spricht über: Tötung auf 
ausdrückliches und ernstliches V erlangen.“ 

Obige Art von Sondervergehen, welches im § 216 des gegenwärtig gelten¬ 
den StG.B. umgrenzt ist, ist eine verhältnismässig selten vorkommende Straf¬ 
tat. Die Reichskriminalstatistik für die Jahre 1882—1908 ergibt nur 68 Fälle 
mit 56 Verurteilungen, also nur etwa 7io°/o der wegen Verbrechen oder Ver¬ 
gehen gegen das Leben Verurteilten. Auch die Annahme, dass vielleicht der 
grössere Teil der Täter mit ihrem Opfer freiwillig aus dem Leben geschieden 
sind, findet keine Stütze, wie der Vortragende durch Umfrage bei erfahrenen, 
stark beschäftigten Gerichtsärzten, bzw. akademischen Lehrern der gerichtlichen 
Medizin festgestellt hat. Wenn die Zahl der Fälle in der Erinnerang an Mit¬ 
teilungen aus den Tageszeitungen grösser erscheinen könnte, so kommt dabei 
in Betracht, dass ein Teil der Doppelselbstmorde und ein Teil der Tötungen 
ohne ausdrückliches Verlangen gewisse Aehnlichkeiten der Tatbestände mit 
denen des § 216 haben, sowie dass einzelne Fälle besondere Sensation erregten. 

Theoretisch liegt die Möglichkeit vor, dass die Tötung von dem Täter 
einerseits aus selbstsüchtigen oder aus edeln Motiven, aber ohne jede Absicht 
der Selbsttötung unternommen wird, und dass sie andererseits mit der festen 
Absicht der Selbstvernichtung ausgeführt wird, dass es sich also gleichsam nur um 
eine Abart des Doppelselbstmordes handelt. Die kriminalistische Praxis lehrt, 
dass überhaupt nur die letztere Abart bei uns vorkommt. 

Es zeigt nun die psychologische Erfahrung, dass schon die gewöhnlichen 
Selbstmörder sog. Psychopathen, d. h. seelisch unharmonische Personen sind, 
welche sich namentlich gegen gewisse Eindrücke der Aussenwelt überempfind¬ 
lich zeigen. Bei ihnen braucht die Psychopathie gar keine sehr schwere zu sein, 
um beim Hinzukommen besonderer äusserer Umstände einen unglücklichen 
Augenblick der Ratlosigkeit und Verzweiflung auszulösen, welcher ihnen die 
Waffe in die Hand drückt. 

Bei der Tötung auf ausdrückliches und ernstliches Verlangen lehrt aber die 


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Psychologische Gesellschaft zn Berlin. — Referate. 


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Untersuchung der Täter und Opfer, dass mindestens eins von beiden mehr als 
ein gewöhnlicher Psychopath, nämlich ein schwerer Psychopath sein muss, d. h, 
eine Person, welche wegen ihrer krankhaften Eigenschaften tief und dauernd 
mit der Welt zerfallen ist und welche namentlich meint, 'von der Umwelt nicht 
genügend gewertet und anerkannt zu sein. Dieser schwere Psychopath, gleich¬ 
viel ob er Opfer oder Täter ist, spielt dann die führende Rolle, wenn er durch 
Liebes-, Familien- oder Freundschaftsbeziehungen mit dem Opfer verbunden ist, 
und die ganze Ausführung der Tat zeigt grössere Durchdachtheit als beim 
Einzelselbstmord. Es ist kein blosser Zufall, dass die meisten Täter den jugend¬ 
lichen Altersklassen, namentlich dem Alter zwischen 18—21 Jahren angehören, 
denn in dieser Zeit, nämlich im Entwicklungsalter wirken psychopathische Eigen¬ 
schaften am stärksten. 

Zuweilen ist einer der Beteiligten nicht blos psychopathisch minderwertig, 
sondern ausgesprochen geisteskrank. Es handelt sich dann in erster Reihe um 
den, der getötet werden soll. Der Alkohol spielt insofern eine wesentliche 
Rolle bei dieser Straftat, als er zur Anfeuerung des Mutes genommen wird. 

Der Vortragende bespricht dann noch die Verwendung des vorliegenden 
Deliktsbegriffs in den neuen deutschen, österreichischen und schweizerischen 
Strafgesetzentwürfen. Er fordert eine möglichst weite Abstufung des Strafmasses, 
namentlich nach der Seite der Milde hin wegen der V erschiedenartigkeit der 
Fälle. Andererseits hält er die Einfügung neuer Gesetzesbestimmungen zur 
Umgrenzung einer Straftat, die eine gewisse Aehnlichkeit mit der vorliegenden 
hat, nämlich die Anstiftung zum Selbstmorde, für wünschenswert. (Der Vor¬ 
trag wird ausführlich in der ärztlichen Sachverständigen-Zeitung veröffentlicht 
werden). 

An der Diskussion nahmen teil Frl. Dr. Meyer und Dr. Adler. Der 
Vortragende hatte das Schlusswort. 


Referate. 

Anna Wiest, Beschäftigungsbuch für Kranke und Rekonvaleszenten, 
Schonungsbedürftige jeder Art, sowie für die Hand des 
Arztes. Mit 122 Textabbildungen und einer Vorrede von E. Romberg 
in Tübingen. Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart 1912, 351 S. 

Wir haben es hier mit einem Buche zu tun, wie es meines Wissens 
in der medizinischen Literatur überhaupt noch nicht vorhanden ist. Nicht 
selten sind es Patienten, die Wegweiserdienste der Medizin geleistet haben. 
Ich habe erst in neuerer Zeit einen schweren Tabiker gesehen, der sich selbst 
einen Apparat konstruiert hat, durch den er in der Lage ist, im Zimmer zu 
gehen. Viele von solchen Hilfsmitteln des Arztes, die wir den Kranken ver¬ 
danken, werden der Oeffentlichkeit nicht bekannt. Das vorliegende Buch ist, 
wie aus Hombergs Vorrede hervorgeht, einer Dame zu danken, die in schwerer 
Zeit den Nutzen einer Behandlung, wie sie sie schildert, an sich selbst er¬ 
fahren hat. Nicht allein bei Nervenkrankheiten, auf die der Verfasser in der 


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320 Referate: Anna Wiest, Beschäftigungsbuck für Kranke u. Rekonvaleszenten. 


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Vorrede das Hauptgewicht legt, sondern auch bei vielen anderen chronischen 
Leiden ist die Art und Weise, wie man den Patienten beschäftigt, von grosser 
Bedeutung. In erster Linie spielt dabei die seelische Beeinflussung eine 
Bolle. Nicht nur wird der Patient durch geeignete Beschäftigung von seiner 
Krankheit abgelenkt, sondern es wird dadurch, dass seine Aufmerksamkeit auf 
ein bestimmtes Ziel konzentriert wird, die Psyche in wohltuendster Weise be¬ 
einflusst und damit das subjektive Befinden des Kranken. Wieviele Kranke 
sehen wir den Tag über im Bette liegen, im Lehnstuhl sitzen oder unruhig 
von einem Zimmer in das andere gehen! Wie viele Patienten sehen wir, 
deren ganze Tätigkeit darin besteht, nur mit dem Nachdenken über ihre Krank¬ 
heit den Tag hinzubringen! 

Allen diesen Kranken kann das Buch von Anna Wiest, wenn es der 
Arzt zu benutzen versteht, Hilfe bringen. Der Inhalt geht aus dem 'Titel her¬ 
vor. Aber der Titel sagt weniger als der Inhalt bedeutet. Es soll einer 
grossen Gruppe von Patienten den Weg zu einer Beschäftigung ebnen. Das 
Buch zerfällt in vier Teile: Fröbelarbeiten (z. B. Papierfalten, Ausschneiden, 
Flechtarbeiten usw.), Liebhaberkünste (z. B. Silhouettenmalerei, Bemalung 
photographischer Glasbilder, Metallplastik, einfacher Holzbrand, Kerbschnitt), 
weibliche Handarbeiten (Häkeln, Stricken, Durchbrucharbeiten usw.) und ver¬ 
schiedene Arbeiten (Blindenschrift, einfachere Strickarbeiten, Knüpfarbeiten 
u. dgl. mehr). 

Wenn auch der grösste Teil der Arbeiten mehr für das weibliche Ge¬ 
schlecht geeignet ist, so sind doch auch Arbeiten angegeben, die sich für das 
männliche Geschlecht ganz gut eignen, z. B. Bitzarbeiten, Federzeichnungen, 
Postkarten mit leichter Aquarellmalerei. Obschon das Wesentliche diesen Ar¬ 
beiten in der psychischen Wirkung liegen dürfte, so ist doch auch eine Wirkung 
auf den Körper nicht selten gleichzeitig vorhanden. Das ausgezeichnete 
alphabetische Verzeichnis am Schlüsse des Buches wird dem Arzte die 
Orientierung erleichtern. Es sind hier nicht nur die körperlich leichten und 
die geistig leichten Arbeiten unterschieden, sondern es werden auch in einer 
besonderen Gruppe die Arbeiten für Bettlägerige, die sitzend arbeiten, für 
Bettlägerige, die liegend arbeiten müssen, verzeichnet. 

Das Buch gibt auch überall die Quellen an, wo die für die entsprechende 
Arbeit notwendigen Materialen zu beschaffen sind. Da, wo es sich um etwas 
schwierigere Arbeiten handelt, wird auf Bücher verwiesen, die hierüber ge¬ 
naueres bringen. Man wird schon daraus ersehen, dass das Buch nicht etwa 
für alle Beschäftigungsarbeiten alle Einzelheiten bringen will. 

Den Kranken und Bekonvaleszenten, die ans Zimmer gefesselt sind, 
kann das Werk, wenn es auf dem Schreibtisch des Arztes steht und von ihm 
richtig benutzt wird, vortreffliche Dienste für die Behandlung solcher Kranken 
leisten. Der Arzt, der das Buch richtig benutzt, wird es auf dieselbe Stufe 
stellen, wie ein Arzneimittelbuch, und von diesem Gesichtspunkt aus kann die 
mühsame Arbeit der Verfasserin, die offenbar Hand in Hand mit dem Ver¬ 
leger arbeitete, nicht genügend empfohlen werden. 

Dr. Albert Moll. 


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Ueber die Psycho-nävrose raisonnante (Logopathia) 
als nosologische Einheit. 

Von Dr. Serge Soukhanoff , Privatdozent an der Universität von St. Peters- 
burg, Oberarzt am Höpital de Notre-Dame des Affligös ponr les ali6n6s. 

1. Allgemeine Betrachtungen. 

Das heutige Studium der Psychoneurosen erfreut sich einer über¬ 
aus regen wissenschaftlichen Bearbeitung, ln den letzten Jahren ist 
eine ganze Reihe von Untersuchungen über die eine oder andere 
Psychoneurose erschienen. Besonders zogen die Hysterie und die 
Psychasthenie, die durch Pierre Janet ein selbständiges nosologisches 
Ganzes wurden, die Aufmerksamkeit auf sich. Wenn auch manche 
Autoren in den Zeitschriften und Monographien zu beweisen suchten, 
dass die Psychoneurosen keine selbständigen Einheiten seien, so gibt 
es doch sehr viele andere, die in der Psychasthenie und der Hysterie 
selbständige Formen der Funktionsstörungen des Nervensystems zu 
sehen geneigt sind. Bei nur schwacher Ausprägung der Affektion 
zeigt sie sich in der Form eines pathologischen Charakters und zwar 
des hysterischen, des psychasthenischen oder epileptischen. Jeder 
Charaktertypus unterscheidet sich von dem anderen. Der hysterische 
ähnelt nicht dem psychasthenischen, dieser hat wenig mit dem epi¬ 
leptischen gemein. Wo die angeborene neuropsychische Anomalie 
deutlicher ausgeprägt ist und eine grösere Intensität erreicht, spricht 
man nicht nur von einem pathologischen Charakter, sondern von 
einer Psychoneurose, und zwar der hysterischen, der psychasthenischen 
oder der epileptischen. 

Ist nun in dem wechselnden Bilde dieser drei voneinander ge¬ 
trennten Psychoneurosen, deren jede nach der Meinung vieler eine 
nosologische Einheit bedeutet, alles enthalten? Kann man alle Sym¬ 
ptome in diesen Rahmen bringen, denen man bei den Individuen mit 
einer dieser Psychoneurosen (Hysterie, Psychasthenie, Epilepsie) be¬ 
gegnet? Oder verbinden sich mit ihnen Anomalien, die ausserhalb 
der erwähnten nosologischen Einheiten stehen? Wenn man die 
psychischen Eigentümlichkeiten vieler pathologischen Personen analy¬ 
siert, überzeugt man sich davon, dass unter ihnen eine besondere 
Gruppe vorkommt, bei denen man charakteristische konstitutionelle 
psychische Symptome findet, die sich von den psychasthenischen, 
hysterischen und epileptischen unterscheiden. Diese Gruppe hat eine 
eigene Physiognomie; wir wollen diese Affektion als Psycho-nßvrose 

Zeitschrift für Psychotherapie. IV. 21 


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322 


8erge Soukhanoff 


raisonnante oder Logopathie bezeichnen, und ich will kurz ihr Bild 
entwerfen. 

Wie bei den Hysterischen und den Psychasthenischen beobachtet 
man auch hier konstitutionelle und angeborene Charakteranomalien. 
In diese Fälle kann man das pathologische Raisonnement oder die 
Paralogie, die gesteigerte Fläche der moralischen Gefühle und gleich¬ 
zeitig die Erscheinungen einreihen, die eine Beschleunigung des psy¬ 
chischen Prozesses anzeigen, d. h. eine gewisse Exaltation. 


2. Klinisches Bild der Krankheit, des Verlaufs und 

des Ausgangs. 

Wie bei anderen Psychoneurosen zeigt auch hier das Krank¬ 
heitsbild grosse Verschiedenheiten, die von mehreren Ursachen ab- 
hängen. 

Erstens: Die individuellen Eigentümlichkeiten der Umgebung, 
die geistige Entwicklung, das Alter, alles dies drückt den äusseren 
Erscheinungen der Psycho-növrose raisonnante einen Stempel auf. 
Aber diese buntscheckige Oberfläche, die die inneren Eigentümlich¬ 
keiten der psychischen Persönlichkeit verhüllt und zuweilen verbirgt, 
hat zweifellos nur eine symptomatischoe Bedeutung. Trotz der sehr 
grossen, vielleicht sogar kaleidoskopartigen Schwankimgen in den 
äusseren Erscheinungen bleibt das eigentliche Wesen unveränderlich, 
einförmig, selbst monoton; die Grundzüge des pathologischen Raisonne- 
ments können innerhalb einer bestimmten Symptomenverbindung bei 
allen denen festgestellt werden, die an der genannten Psychoneurose 
leiden. Zweitens: die Buntscheckigkeit der Phänomene in dem kli¬ 
nischen sichtbaren Bilde hängt auch von dem Grade und der Aus¬ 
prägung der Krankheitssymptome ab, besonders von der mehr oder 
weniger eigenartigen, mehr oder weniger einseitigen Entwickelung 
des einen oder anderen psychischen Grundphänomens. Drittens 
kommt hinzu, dass im Vordergründe zuweilen die Phänomene des 
pathologischen Raisonnements oder der Paralogie stehen, zuweilen 
auch die moralischen Lücken. Um meine Ausführungen verständlicher 
zu machen, will ich kurz mit Beziehung auf die Logopathie die 
Eigentümlichkeiten der rein intellektuellen Symptome, der moralischen 
Anomalien upd des beschleunigten Ablaufs der psychischen Prozesse 
prüfen. 

a) Die rein intellektuellen Anomalien kommen in verschiedener 
Weise zum Vorschein. Wenn sich die Affektion auf den Charakter 
beschränkt, bemerkt man hauptsächlich eine oft zwecklose Neigung 
zu übertriebenen Raisonnements, und zwar vielfach über jedes Thema. 


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Ueber die Paycho-n^vrose raisonnante (Logopathia) als noaologiache Einheit. 323 


Solche Personen lieben es, von allem zu sprechen und über alles auf 
ihre Art zu urteilen. Ohne die Fassung zu verlieren, geben sie ge¬ 
legentlich ihr Urteil über Dinge ab, von denen sie keine Ahnung 
haben und für die ihnen sogar das Verständnis fehlt. Man beob¬ 
achtet bei diesen Personen eine übertriebene Zahl von Urteilen, ein 
Umstand, der dazu führt, dass sich deren Qualität mindert. Ihr Wert 
ist oft gleich null, viele haben entweder gar keine oder doch nur 
eine negative Bedeutung. Ausserdem sind die Urteile im allgemeinen 
einseitig, zuweilen sehr angreifbar, aber der Betreffende selbst bemerkt 
und versteht das nicht. Hier muss ich die unmotivierte Abänderung 
dieser Urteile erwähnen, die selbst bei einem einzigen und gleichen 
Gegenstand vorkommt. Zuweilen kann das Individuum dieser Gruppe 
den Wert seiner Urteile nicht richtig einschätzen, und deshalb zeigt 
sich oft in den Schlüssen und Kombinationen die Paralogie oder krank¬ 
hafte Logik. Infolgedessen sind die Ansichten dieser pathologischen 
Raisonneure nicht nur einseitig, sondern sie entsprechen oft nicht 
einmal der Wirklichkeit; die wirklichen Beziehungen stellen sich ihnen 
anders dar. Der Betreffende versteht die Beziehungen oft falsch und 
nicht der Wirklichkeit entsprechend. Sonderbarerweise bleiben bei 
diesen Fällen die offensichtlich falschen und in den Augen anderer 
irrigen Urteile und Schlüsse zuweilen dauernd bestehen. Es fehlt 
jede Neigung zur Korrektur. Uebrigens betrifft diese Dauerhaftig¬ 
keit nicht alle Urteile und alle Schlüsse des pathologischen 
Raisonneurs. 

Auf gleiche Stufe mit den oben genannten eigentümlichen 
Mängeln der Logik kann man bei der Psycho-növrose raisonnante 
noch die Tatsache stellen, dass der Betreffende bei der bewussten 
Verteidigung seiner oft kleinlichen und nichtigen Interessen abson¬ 
derliche und einseitige Schlüsse zieht, soweit die Beziehungen der 
Umgebung zu ihm in Betracht kommen. Hier ist der Ursprung der 
paranoiden Elemente, die überhaupt in das psychische Bild des patho¬ 
logischen Raisonneurs eintreten. Wenn dieser wohlerzogen ist, viel 
gelesen und studiert hat, ist zweifellos der Ueberfluss der Urteile augen¬ 
fälliger. Der Inhalt, die Mannigfaltigkeit, das Interesse für die Um¬ 
gebung ist dann stärker ausgeprägt. Der Umgebung gegenüber be¬ 
dient sich der Raisonneur, wenn er eine gewisse intellektuelle Ent¬ 
wicklung erreicht hat, gewöhnlich seines Wissens und seiner Kennt¬ 
nisse in sehr geschickter Weise. Er verbindet damit ein sehr gutes 
Gedächtnis, sogar für unbedeutende Dinge. Auf diesem Boden des 
Raisonnements, der das Auftreten einseitiger Urteile und absonder¬ 
licher Schlüsse so sehr begünstigt und gleichzeitig die Korrektur 
durch logische Gefühle verhindert, treten in gewissen Fällen noch 


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Serge Soukhanoff 


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seltsamere und sonderbarere Ideen auf, die geradezu einen albernen 
Charakter haben. 

Selbstverständlich entstehen durch dies alles nicht nur einseitige 
Urteile, sondern es treten auch paranoide Vorstellungen auf. Aber 
man kann nicht sagen, dass hiermit gleichzeitig ein Zerfall der 
geistigen Fähigkeiten eintritt. Im Gegenteil, dieses paranoide Element 
besteht zuweilen gleichzeitig mit der früheren Arbeitskraft, und die 
psychische Persönlichkeit bleibt mit allen ihren wesentlichen Eigen¬ 
tümlichkeiten unverändert. Das Symptom erscheint ja nicht als 
etwas für die psychische Individualität neues, als etwas für sie frem¬ 
des. Es ist vielmehr nur ein kleiner, mehr betonter Charakterzug, 
der nur gelegentlich in der psychischen Physiognomie des patholo¬ 
gischen Raisonneurs hervortritt. Dieser Charakterzug hängt eng mit 
paralogischen Eigentümlichkeiten zusammen. Er besteht und erklärt 
sich durch denselben angeborenen Defekt des logischen Gefühls. 
Welchen Inhalt auch die pathologischen Ideen bei einem solchen 
Raisonneur haben mögen, ihr eigentliches Wesen, ihre Beziehungen 
zum allgemeinen paralogischen Prozesse bleiben immer und überall 
unveränderlich, gleichmässig einseitig. Es wechselt nur das äussere 
Bild, die äusseren Erscheinungen der psychischen Vorgänge. Dies 
hängt vom Milieu, vom Alter des Patienten, von verschiedenen, oft 
zufälligen Bedingungen ab. Unwichtig ist der Inhalt der paranoiden 
Vorstellungen, selbst ihre Intensität und ihre Schärfe haben keine 
Bedeutung. Von Interesse ist nur ihre Pathogenie, der Mechanismus 
ihres Entstehens, der Boden, der sie erzeugt hat, ihre Verbindung 
mit den psychischen Vorgängen und deren Eigentümlichkeiten. Merk¬ 
würdigerweise werden diese psychopathischen Ideen beim patholo¬ 
gischen Raisonnement nicht von einer Schwäche der geistigen Fähig¬ 
keiten, noch von Gehörshalluzinationen begleitet. Der Raisonneur 
endet mit seinen viele Jahre dau